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Fuldaer GeschichtsMLer"

34. Iahraanfl.

Fulda, Samstag den 23. November 1907

M 269

Zweites Wtatt

Anzrlaen. v«e ein spaltitzepetitzeile ober deren Raum 15 psg. Retlamen Jk pellt',ei!« 25 Psg.; bei Wieder« hoirmaen wird enikpr. Rabah «ewalirt.

Verantw. Rebarteur;

Lari Schvt»«:.

z.^arMtt"m?uld«. wochLNbeilage: „Alluftrierte Sonntagszeitung

Wenn man die bisher veröffentlichten Etats be- trachtet, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Regierung den günstigen Zeitpunkt einer ihr in allen Punkten Voraussicht- lichen Folge leistenden Mehrheit benutzt, um zu fordern und die Zukunft wird beweisen, inwie­weit sich der neue Reichstag als eine Bewilli­gungsmaschine erweist. Selbswerständlich wer­den die Blockparteien nur gegen gewisse Konzes­sionen seitens der Regierung bereit sein, dieser zu Willen zu sein, und gerade inbezug auf diese Konzessionen wird die nächste Zeit uns Dinge erleben lassen, welche unter der „Herrschaft" des Zentrums einfach unmöglich gewesen wären. Das Zentrum wird in der jetzigen parlamentarischen Session nicht anders handeln als bisher. Für seine Handlungsweise werden nach wie vor seine Parteiprinzipien und das Wohl der Gesamtheit ausschlaggebend sein. Es wird nicht schmollend in der Ecke stehen, sondern sich nach wie vor als eine Partei der positiven Arbeit bewähren.

In Frankreich hat die Affäre des wegen Hochverrats vor einigen Wochen verhafteten Schiffsfähnerichs Ullmo viel Staub aufgewir­belt. Ter Verhaftete legte ein umfassendes Ge­ständnis ab und gab zu, daß die auswärtige Macht, mit der er in Beziehung treten wollte, Deutschland ist. Französische Blätter haben die Affäre mit dem Rücktritt des Kontreadmirals Siegel in Verbindung gebracht, obgleich es in Marinekreisen längst bekannt war, daß Kontre- admiral Siegel bereits im Frühjahr dieses Jah­res aus privaten Gründen seine Abberufung von denk Pariser Posten beantragt hatte. Auch ist in französischen Regierungskreiseir bekannt, daß ein Befehl des deutschen Kaisers vor Jahren er­gangen ist, wonach den deutschen Militär- und Marineattaches untersagt ist, auf irgend welche Anerbietungen von Spionage einzugehen. Im übrigen hat auch die ganze Affäre Ullmo von Anfang bis zu Ende in einer Zeit gespielt, in der der deutsche Marineattache hon Paris abwe- sed war.

In Oesterreich hat in der vergangenen Woche unter Anwesenheit zahlreicher Teilnehmer aus allen Gegenden Oesterreichs und Deutsch­lands der sechste österreichische Katholiken­tag in Wien stattgefunden. Im Parlament be­schäftigt sich der Ausgleichsausschuß zur Zeit immer noch mit den Ausgleichsvorlagen. Das ungarische Abgeordnetenhaus war in der ver­gangenen Woche wieder der Schauplatz einer Krawallszene, die von kroatischen Abgeordneten hervorgerufen wurde, weil sich der Vorsitzende genötigt sah, einen kroatischen Abgeordneten, der trotz wiederholter Mahnungen vom Gegenstand der Tagesordnung abwich, das Wort zu ent­ziehen.

In Italien ist der Skandalprozeß Nasi noch immer di? Sensation des Tages. Der Vor­sitzende des Untersuchungsausschusses, Ermin ister Eapelli, sagte als Zeuge aus, daß unter Nasi im Ministerium auf Tod und Leben gestohlen tvurde, und daß Nasi dort die Systeme dec Ma­fia und der Kamorra eingeführt habe. Nasis Neisesekretär gestand, daß die angeblichen Wohl­tätigkeitsausgaben des Ministers eitel Geflunker seien. Cappeili stellte weiterhin fest, daß Nasi die früher den Studienräten der Provinz obliegende

Verteilung der Unterrichtsgelder tn fernen Han- den konzentrierte. Von achthundert Personen, die in den lebten vier Monaten eine Subvention erhielten hatten nur acht ein -Anrecht darauf. Von 700 000 Lire, die in Rom angeblich für Un­terstützungszwecke ausgegeben wurden, weiß man nur von 266 000 Lire, wohin sie gekommen sind, aber an bedürftige Lehrer wurden nur 13 000 Lire bezahlt. Unter den „Lehrern", an welche Zahlungsanweisungen abgingen, figurieren frei erfundene groteske Namen, wie Volksschullehrer „Signor Bugiardo" (Herr Lügner), Volksschul- lehrer „Signor Falso" (Herr Falsch), Volksschut- lehrer „Signor Menzognero" (Herr Schwindler) und ähnliche! Andere lauteten auf die Namen der Kabinettsekretäre, sogar auf Bäckermeister, Hebammen und dergleichen, denen die Eigenschaft von Volksschullehrern beigelegt wurde! Auch Verwandte Nasis, darunter ein halbverkrachter Bankier, wurden wegen angeblicher „Verdienste um di« Schule" mit Tausenden von Liren be­dacht.

In Mazedonien treiben bulgarische Ban­den nach wie vor ihr Unwesen, sodaß sich die Pforte genötigt gesehen hat, ein Rundschreiben an ihre Vertreter im Ausland zu richten, in dem diese ersucht werden, die europäischen Ka­binette auf die Erregung des mohammedanischen Elements durch solche Greueltaten hinzuweisen und di« Mächte zu ersuchen, in Sofia vorstellig zu werden. Das ist bereits durch die Vertreter der Entente-Mächte gelegentlich einer Zusammen­kunft mit dem bulgarischen Minister des Aeu- ßern geschehen, man hat aber zur Zeit noch nichts vernommen, was die bulgarische Negierung zu tun willig ist.

Die russische D u m a ist am 14. Oktober eröffnet worden. Zum Präsidenten wurde der Oktobrist Alexejewitsch Choinjakoff gewählt und Stolypin soll sich bereit erklärt haben, der Tätig­keit der Regierung im allgemeinen das Pro­gramm der Oktobristen, die ein reichhaltiges Re- formprogvamm aufgestellt haben, dessen Ver­wirklichung die inneren Verhältnisse Rußlands wohl zu befestigen geeignet wäre, zugrunde zu legen. Freilich stoßen di« Oktobristen schon jetzt aus Schwierigkeiten. So behandeln sie beispiels­weise das Organ der wahrhaft russischen Leute als die ausgesprochenen Hochverräter, die ihre Macht über die des Zaren setzten.

In China sind europäische Interessen durch Aufstandsbewegungen in den Jantfeeprovinzen, in denen wieder ein« fremdenfeindliche Stim- Müng immer mehr Platz greift, erneut gefährdet.

IrfW Uff»IW «U »usnahmt der Sonn« nnbSeieitage. viertel, «ahn Bezugspreis ^ne Bringeri'bn enb Befielt gelb in .tulbonnt auswärts 1 ölt 50 PtO-

Kota ti onsbrud n. Verlag ber «nlbaer Ke# tienbriierei in Hulda.

Hernfprrcher Nr. 9.

k. We Zmirüschmg der Molto.

Die „Germania" hatte kürzlich eine Zuschrift veröffentlicht, worin an einigen Beispielen die Zurücksetzung der Katholiken im deutschen Reiche beleuchtet wurde. Darin hieß es u. a.: „Als ganz selbstverständlich gilt es in diesen Kreisen, daß die Katholiken nur jenes Maß von Freiheit erhalten, das die protestantische Mehrheit ihnen zukommen lassen will." Darüber erhebt nun die Berliner „Nationalliberale Korre­spondenz" ein fürchterliches Lamento und in einem zwei Spalten langen Artikel führt sie des Langen und Breiten aus, daß die Katholiken im

Deutschen Reiche nicht zurückgesetzt würden. Der Artikel „beweist" auch, was er sagt, sehen wir einmal zu, wie er das macht.

Tie „Nat. Korresp." schreibt: „Hat man etwa die Katholiken bei den neuen Reichstagswahlen nichtwählen lassen oder hat ihre Stimme weniger gegolten als die anderer Leute? Kein Gedanke daran! Die Katholiken haben ul­tramontan, liberal oder sozialdemokratisch wäh­len können, ganz wie sie wollten." Oho! hat der Herr denn niemals etwas gehört von dem Kampf gegen die Zentrumswähler in den Kricgerveretnen, Fabriken, Beamtenständen u. s. w.? Hat er nie etwas davon gehört, welchen Druck man gegen die Beamten und abhängigen Leute von oben bis unten auf der ganzen Linie angewandt hat, damit sie nur ja nicht „ultra­montan", d. h. Zentrum, wählten? Selbstver­ständlich konnte man sie nicht einfach am nächsten Laternenpfahl aufknüpfen, aber wie man sie drangsaliert und gemaßregelt hat, das ist doch noch zu lebhaft in Erinnerung.

Den Gipfel der Naivität erklinimt die „Nat. Korrespondenz" mit folgendem Satze: „Oder wo ist sonst irgend eine staatliche Handlung zu nen­nen, die als Ungerechtigkeit gegen die Katholiken, denke man nun an die ultramon­tanen oder die nichtultramontanen, ausgelegt werden könnte? Nichts dergleichen ist zu nentten." Der Verfasser scheint im Wolkenkuckuks- heim zu wohnen, oder seit einigen Jahrzehnten einen Winter- und Sommerschlaf zu halten. Wir wollen da seinem Gedächtnis etwas aufhel­fen. Durch eine „staatliche Handlung" sind in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts alle diejenigen katholischen Reichsangehörigen, die sich einem bestimmten Ordensberufe widmeten, wie Verbrecher aus dem Lande gejagt, ohne daß sie sich das Geringste hatten zu Schulden kommen lassen. In verschiedenen deutschen Staaten dür­fen auch heute noch die katholischen Ordensleute sich nicht niederlafsen. „Staatliche" Erlasse ver­bieten den katholischen Ordensschwestern an zahlreichen Orten die Niederlassung, während protestantische Diakonissen überall und in beliebiger Zahl sich ansiedeln können.

Der „Staat" hat in den 70er Jahren die Ka­tholiken ihrer Vertretnng im Kultusministerium beraubt, sodaß jetzt über katholisch-kirchliche Gin« richtnngen Protestanten zu befinden haben, wäh­rend sogar in Bayern, wo der Prozentsatz der Protestanten viel geringer ist als der Prozentsatz in Preußen, die Protestanten ihre eigene Ab­teilung haben, die ganz selbständig arbeitet.

Der „Staat" ist es ferner, der bei Anstellung der Schulinspektoren sowohl im Haupt- tote im Nebenamts die k a th o l i s ch e n Geistlichen s y- st e m a t i s ch z u r ü ck s e tz t. In katholischen Ge­genden ist überall die hauptamtliche Kreisschulinspektion durchgefühvt, die natürlich fast nur in Händen von Laien ist, dagegen in protestantischen Gegenden besteht fast nur die nebenamtliche, die in den Händen der prote- sta n t i s ch e n Geist! ichen ist.

Wie die katholischen Polen drangsaliert werden, ist bekannt. Nicht einmal der Religions­unterricht darf den kleinen Schulkindern in ihrer Muttersprache erteilt werden. In Braun- schwetg darf ohne spezielle Erlaubnis des Mi­nisteriums kein katholischer Geistlicher ein Kind

Wochen-Rundschau.

j- F ulda, 23. November 1907.

Der offizielle Besuch des deutschen Kaiser• vaares in England ist beendigt; der Kaiser weilt nur noch a!3 Kurgast in England um sich Msia zu erholen. Nun ist ein kleiner Rückblick aestattet. Was König Eduard in Wrndsor sagte, das war in jedem Wort abgemessen. Keine Silbe zu viel, lieber „innige Hoffnungen" für das Glück des deutschen Reiches und die Erhal- hing des Friedens ging er nicht hinaus. Der kühle gastliche Engländer in Reinkultur. Unser Kaiser ging in seiner Erwiderung einen Schritt weiter. Es ist des Kaisers ernster Wunsch, daß die enge Verwandschaft sich widerspiegeln möge in den Beziehungen der beiden Völker. Wenn die Zukunft die Wort« von Windsor durch Taten bestätigt, wollen wir zufrieden sein. Der Kai­ser hat in England nicht versäumt u. a. auch er­neut nach außen hin zu bekunden, welch« Beach­tung er der englischen Presse schenkt. Ec empfing sowohl eine Abordnung der englischen Journa­listen, tote eine solche englischer Verleger. Beim Empfange der ersteren gab er der Hoffnung Ausdruck, daß die englischen Journalisten ihre Bemühungen fortsehen werden, die für den Frie­den Europas fo uotwendigen freundschaftlichen Gefühle zwischen den beiden Nationen zu pflegen, und er erinnerte daran, daß „wir zu derselben Rasse gehören und dieselbe Religion haben." Beim Empfange dec englischen Verleger soll der Kaiser auf die Bemerkung hin, der gesunde Men- schenperstand sei darauf bedacht, die Beziehungen zu Deutschland besser zu gestalten, geantwortet haben: „O ja! Wir können drüben auch noch etwas gesunden Menschenverstand brauchen." Ob der Kaiser wirklich diese Aeußerung getan hat, läßt sich natürlich so leicht, nicht kontrollieren. Unmöglich scheint es uns bei der oft bekundeten Abneigung des Kaisers gegen die deutsche Presse nicht. Wir geben auch zu, daß ihm hie und da von einem gewissen Teil der Preise Ursache ge­geben wurde, über Mangel an gesunden Men­schenverstand zu klagen. Im allgemeinen aber darf die deutsche Presse doch für sich in Anspruch nehmen, daß sie die Dinge vom gesunden Men­schenverstand aus betrachtet. Und zweifellos sicher ist, daß sie ihre Aufgabe in weit höherem Maße zu erfüllen in der Lage wäre, wenn sie die Unterstützung und Wertschätzung der Behör­den finden würde, bereit sich die englische Presse erfreut.

Der Reichstag ist nach halbjähriger Pause am Freitag wieder zusammengetreten. Damit hat für den Block das große Examen begonnen, von dessen Bestehen für ihn und besonders auch für den Reichskanzler Fürsten Bülow sehr viel, wenn nicht alles, abhängt. Die „Nordd. Allq. Ztg." hat in der verflossenen Woche mit der Ver­öffentlichung des Neichshaushaltsetats begonnen, die die Schaffung neuer Steuerguellen als durchaus notwendig erscheinen lassen. Die nunmehr begonnene parlamentarische Session wird zeigen, was der Block zu leisten vermag.

UnNolMsche Seifläufe.

(::) Berlin, 21. November 1907.

(Nachdruck verboten.)

Wer graue Haare hat, erinnert sich noch an das Goldfieber, das um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ausbrach, als die Goldfelder in Kalifornien entdeckt wurden. Dorthin strömte eine höchst buntscheckige Schar von Glücksrittern und Strolchen aus aller Herren Länder, um das Gold aufzuraffen, was dort angeblich auf der ungepflasterten Straße lag. Die Abenteuerer merkten bald, daß die Goldjägerei kein Vergnü­gen, sondern eine verzweifelt schwere Arbeit ist. Ein großer Teil ging in dem gepriesenen Gold­land! elend zugrunde; die stärkeren Naturen, die 'ich durch die Entbehrungen, Strapazen, Pi­stolen und Dolche hindurchzuarbeiten vermochten, hätten es in ihrer Heimat weiterbringen können, wenn sie nur das gleiche Maß von Fleiß und Slbmeiß an eine regelmäßige Berufsarbeit gesetzt hätten.

, In der jetzigen Zeit erleben wir wieder eine internationale Jagd auf das Gold. Aber in ganz anderen Formen. Es sind keine Habenichtse von der Landstraße, die da auf die Jagd gehen, son­dern sogenannte Goldmänner, unter denen sich sogar Millionäre und Milliardäre befinden. Sie wollen auch nicht das Gold aus dem Flußsand oder dem Gestein mühselig in winzigen Portio­nen heraustoafchen ober schmelzen, sondern sie ha- den es auf die glänzenden Goldmünzen und Goldbarren abgesehen, die in den gewölbten Schatzkammern der Banken liegen. Also Einbre- Äer? O nein. Oder Betrüger? Auch nicht.

rto?^en dos Gold durch regelrechten Kauf an sich bringen! Sie wollen es sogar recht teuer be- ra111?/,- Dornin sträuben wir uns denn gc« TuAus dem einfachen Grunde, KrFir c,ne‘! gehörigen Vorrat von Gold ÄA Der Goldvorrat ist für unser Kr &seit notwendig, wie das Blut

Ä’1« Nasser für den Garten.

KnU» verdanken wir in der Haupt- fad}? den Amerikanern. Die waghalsigen Leute m Nordamerika treiben, alles bis in die Wolken Sh r l$re ^kufer Q[ä ihre Gründungen und Spekulationen. Dort werden fort und fort £m me von Babylon errichtet, aber nicht auf dem breiten und festen Fundamente, wie der erste „olkenkratzer", von dem uns das alte Testa­

ment berichtet. Damals bedurfte es der Spra­chenverwirrung, um das maßlose Unternehmen zum Stillstand zu bringen. In Amerika hat ein scharfer Windstoß genügt, um den Schwindelbau der Spekulation zu erschüttern. Mit dem, Krach auf dem Kupfermarkt setzte das Verhängnis ein. Große Banken kamen ins Wanken; das Publi­kum bekam die Angst und stürzte sich in hellen Haufen auf di« Kassen, wo es sein Geld deponiert hatte. Morgan und andere Finanzgrößen, auch der Hüter des Staatsschatzes, taten ihr Möglich­stes, um die Panik einzuschränken. Das konnte aber nicht hindern, daß von den geängstigten Leuten insgesamt viele hunderte, ja tausende von Millionen abaehoben wurden. Das Publikum verlangte Hartgeld, bares Gold, um ihren Besitz vorläufig zu Haufe, im Geldfchrank oder im alt- väterlichen Strumpf, in Sicherheit zu bringen, damit sie auf oder neben ihren Ersparnissen ruhig schlafen konnten. Durch das massenhafte Ver­langen nach Hartgeld wurde natürlich der flüs­sige Goldvorrat verringert. Die Banken und Börsen bekamen Goldhunger. Also machte sich Nordamerika daran, Europa zur Ader zu lassen. Man bestellte sich Gold aus London und aus Ber­lin. Nun hatte aber Europa gar keinen Itcber- fluß an Gold; vielmehr war der Barbestand schon recht knapp, wie die gestiegenen Zinssätze zeigten. Also mußten wir uns wehren gegen die amerikanischen Anzapfungen. Das übliche Mit­tel zur Sicherung des Goldbestandes ist die Dis­konterhöhung. Die maßgebenden Bcmkm fordern ein höheres Leihgeld, um den Andrang von Bor­gern einzuschränken. In normalen Zeitläufen kann der kreditwürdige Geschäftsmann bei der Bank von England zu 3 Prozent, bei der deut­schen Reichsbank zu 4 oder 5 Prozent auf geeig­nete Wechsel Geld bekommen. Wenn aber die Banken merken, daß die Wechsel immer zahlrei­cher und größer werden und ihr Goldvorrat da­gegen kleiner wird, so fordern sie ein halbes oder ein ganzes Prozent mehr, und wenn die erste Er­höhung des Diskonts nicht die gewünschte ab­schreckende Wirkung äußert, so setzt man noch ein halbes oder ganzes Prozent zu. So ist denn die Bank von England schon bis zu dem unerhörten Satze von 7 Prozent gelangt, und die deutsche Reichsbank sogar zu 7f4 Prozent. Der Jahres­wechsel bringt erfahrungsgemäß neue starke An­forderungen an die Banken; man befürchtet also, daß bald noch eine weitere Erhöhung des Dis­kontsatzes erfolgen werde.

Diese Erhöhung wäre nicht so schlimm, wenn sie nur diejenigen Wechsel beträfe, welche die ausländischen Goldjäger und ihre Helfershelfer einreichen. Aber die Bank fcheert alles über einen Kamm. Infolgedessen haben auch die soliden ein­heimischen Geschäfte, die zu ihrem Betrieb zeit­weilig von der Reichsbank Geld entleihen müssen, die empfindliche Mehrbelastung zu tragen. Das wirkt störend auf den Geschäftsgang und steigert zugleich die Verteuerung noch. Man hat vorge­schlagen, die Bank solle doch einen Unterschied machen und nur diejenigen Leute, die Gold ans- fübten wollen, mit dem erhöhten Leihgeld tref­fen. Schön gedacht; aber ich sehe keine Mög­lichkeit, die solide Geschäftsanleihe von der schäd­lichen Anzapfimg des Geldvorrats zu unterschei­den. Beide Kreditnehmer kommen mit tadel- lojcn Wechseln; wenn nun die Bank dem einen wie dem anderen den fälligen Betrag in Bank­noten auszahlt, so kann sie es nicht hindern, daß der Empfänger, der es auf Goldausfuhr abge­sehen hat, mit der Banknote zum Schalter geht und sofortige Einlösung in barem Gelds ver­langt. Das ist ja der Grund- und Eckstein unse­res ganzen Geldwesens, daß jede Reichsbanknote ohne Prüfung der Legitimation des Inhabers ohne Weiteres in Bargeld umzusetzen ist. In Frankreich ist das anders, da kann die Landes­bank ihr« Noten auch in Silber einlösen und darf deshalb für Goldzahlungen ein besonderes Aufgeld verlangen. Deutschland hat eben die Goldwährung ebenso wie England und Nord­amerika, und. daran können wir unter den ob­waltenden Verhältnissen nichts ändern, ohne unfern ganzen Welthandel (der viel bedeutender ist, als der französische) und zugleich unseren em­pfindlichen Reichs- und Staatskredit in heillose Verwirrung zu bringen.

Wir stehen also mitten drin, in dem Kampfe ums Gold, und können nicht heraus. Man hat für diesen Kampf um's Gold den treffenden Ver- gleich aufgestellt, daß die Golddecke, unter welche alle großen Handelsvölker sich betten wollen, zu kurz und zu schmal fei; die einzelnen Bettgenos- fen zerren und zupfen daran, um möglichst viel für ihre Gliedmaßen zu bekommen; wer dabei keinen Erfolg hat, muß sich krumm madjen oder frieren. — Das liebel ist nicht neu; aber es ist jetzt in einer beängstigenden Heftigkeit auf ge­treten.

Was ist nun dagegen zu tun? Ich weiß nicht, wie Deutschland im ganzen sich anders schützen

könnte, als durch das schmerzliche Mittel ber Diskonterhöhung. Ein anderes Kapitel ober ist die Selbsthilfe im einzelnen, worauf all« (Geschäftsleute, Privatleute, Genossenschaften, Gemeinden rc.) ihr ernstliches Augenmerk rich­ten müssen. Wir dürfen uns nicht verhehlen, daß wir an einem Wendepunkt des wirtschaft­lichen Lebens stehen. Auf die Flut folgt bi« Ebbe; bie letztere kündigt sich bereits in ver­schiedenen Vorzeichen an. Di« allgemeine Teue­rung ist an sich schon schwer zu tragen. Was soll nun erst werden, wenn die Unternehmungen ein­geschränkt werden, die Arbeitsgelegenheit ab­nimmt und die Arbeitslohns sinken? Ein scharfer Winter würde die Krisis verschärfen. Unter die­sen Umständen ist Vorsicht und Sparsam­keit geboten.

Aber das muß man recht verstehen. Es wäre grundfalsch, wenn wir handeln wollten toie dis amerikanische Publikum, das in feiner Angst Oel ins Feuer gießt. Wenn eine Masse Leute ihre angelegten Gelder zurückfordern und in barem Gold bei sich zu Hause verstecken wollten, so würde das nur heillosen Schaden bringen. Im Gegenteil' jetzt muß erst recht in den weitesten Kreisen der Grundsatz befolgt werden, ke in überflüssiges Geld im Hause zu be­halten. Nur was man zum unmittelbaren Verbrauch haben muß. Alles übrige muß hin­aus, — natürlich an eine sichere Stelle. Und an wirklich sicheren Stellen fehlt es uns ja nicht. Der kleine Mann hat die öffentlichen Sparkassen in der Nähe, bie von Gemeinden oder Kreisen eewabrleistet sind. Obendrein *anit er mündel- sichere Paniere kaufen, die gerade jetzt reckt bil­lig sind. Er kann auch seine Rücklagen für das Alter ?c. beim Staatsschuldbuch bequem unter« bringen. Hinaus mit den Spargroschen an eine sichere Stelle! Tas hat vier Vorteile:

1. Schutz gegen Spitzbuben ober Einbrecher;

2. Schutz gegen leichtfertigen Verbrauch beS Geldes:

3. Gewinn von Zinsen;

4. Beihilfe zur Vermehrung der deutschen Kapitalkraft, welche durch Belebung des Handels und Wandels dem Einzelnen wieder zugut« kommt.

Das Geld gehört nicht in den Sumpf und auch nicht in den Strump f; es gehört in bie miindelsichere Kasse, die es fruchtbringend ver­wertet.