34. Jährst anfl.
Fulda, Montag den 18. November 1907.
M 265.
2]
(Nachdruck berfcelm.)
Kis alle Tante.
Humoristische Erzählung von Gustav Rehfel
werden die Gegner bei jedem neuen Sturmangriff auf den Zentrumsturm weiter nichts erreichen, als Laß sie sich Len Schädel einrennen.
digste ihm immer nachtrauern l" Fortsetzung folgt.).
lw$tf -ex. die eW fpaltige Petit;« il» obtl bereit Könnt 15 pfg. ReHamen sie petttzeil« rs Pf5.; bei wieder« Holungen wird entfpr« Rabatt gewährt.
nig sich kräuselnden Löckchen von der Weißen, stolzen Stirn zurück. Aus dem reizenden, halb schelmischen, halb herausforderirden Gesichtchen blicken unter feingezeichneten Brauen ein Paar großer, dunkler Augen hervor, deren seltsam verschleierte Sterne den schönen Zügen etwas Kaltes verleihen, während sich dieselben, wenn bt< Augen in plötzlicher Leidenschaft oder Freude aufleuchten und ein Lächeln die feinen, rosigen Lippen mnschwebt, zu bestrickendem Liebreiz verklären.
Der rosige Zeigefinger der Rechten drückt auf den bequem zur Hand befindlichen Knopf der elektrischen Glocke. Eine Minute später tritt eine niedliche, soubrettenhafte Zofe mit schwarzem Kraushaar und Augen, die wie Kohlen glühen, in das Gemach.
„Gnädige Frau Baronin befehlen?"
„Franchette, ich habe geträumt, — denke dir, was mir sonst nie passiert: — don kleinen Kindern, die um mich herumtolltenl Was das bedeuten mag!"
Die Zofe machte ein nachdenkliches Gesicht.
Da Gnädigste sonst nie träumen, hat's sicher was zu bedeuten!" meinte sie altklug. „Klein, Kinder! Hm! Von kleinen Kindern träumen, das verheißt einen Brief!"
„Bah, Briefe erhalte ich fast alle Tagei .Weiin's weiter nichts wäre!"
„Selbstverständlich ist ein wichtiger Brief gemeint! Wenn Gnädigste ein Schreiben von dem Grafen Metternich auf Volkratshausen oder von dem Major Baron von Minkwitz„in Koblenz erhielten, — einen Heiraisantrag!"
„Franchette, was fällt Dir ein!"
„Gnädigste werden doch nicht immer Wltw, bleiben wollen!" fuhr die Kleine unbeirrt fort. „Gnädigste sind doch so jung und schön! Dal kaim der tote Gnädige nicht verlangen, daß Gna»
vcrstorbenen Gatten beibringen, will sie kennen lernen, trösten, — damit basta!"
Er warf sich halb angekleidet auf eine Chaiselongue. Bald verkündeten kräftige Atemzüge, daß er eingeschlafen war.
Als er wenige Stunden später, von dem Burschen aufgerüttelt, erwachte, sah er sich erstaunt um. Plötzlich fiel ihm der Brief seines Vaters in die Augen.
„Aha," lachte er halb ärgerlich, „daher dieser verdrehte Traum! In dem einen Arm die dicke Tanie. im andern ihren fetten Mops, beide um die Wette karessierend! Brr, einfach scheußlich!"
Trotz des ominösen Traumes nahm er aber doch noch an demselben Tage einen mehrwöchigen Urlaub und reiste vierundzwanzig Stunden später in elegantem Zivil nach dem Westen ab, feine alte Erbtante zu besuchen.
2.
Und es war Mai, goldiger, strahlender, poesievoller Mail Rings ein Jubeln und Singen in den Lüften, jeder Zweig hallte wider, jeder Sonnenstrahl war ein Triller, jeder Lufthauch ein melodisches Klingen! Hoch oben um den Turmknopf kreisten die Schwalben, im wirbelnden Reigen auf- und niedertauchend im sonnendurchfluteten Aether. Würziger Dust erfüllte die Luft, über Berge udn Täler lag der duftige Brautschleier der Erde hingebreitet, und die Sonne ftreute lachend eine Fülle von Gold und funkelndem Edelgestein darüber.
Dicht am Ufer des sagenumwobenen, vom blendenden Licht blitzenden und funkelnden Rheines, gar nicht weit von Koblenz entfernt, liegt eine große, prächtige, im italienischen Stil gebaute Villa. Vorn erblickt das Auge eine breite Marmorterrasse, zu welcher aus den Salons des Erdgeschosses mächtige Glastüren hinausführen. Mittels einer eleganten Freitreppe mit kunstvoll geschmiedetem, reich vergoldetem Eisengeländer gelangt man zu einem herrlichen Blumengarten hinab, welcher in reichem, geschmackvoll
arrangiertem Vlütenschmuck prangt. Orangen- bäume fassen die Seite der Treppe em, Palmen, Blattpflanzen und Schlinggewächse zieren die Terrasse Und bilden dort oben lauschige Sitzplätze, während unten der Strom seine von Dampfern, Kähnen und Segelschiffen bedeckten Flu- ten dahinwälzt. Hinter der Villa befindet sich ein weitläufiger, gepflegter Garten mit einem hindurchplätschernden Bächlein, Springbrunnen, einem Bassin und herrlichen Marmorstatuen, überragt von den Kronen mächtiger Linden und Kastanien, in welche das reizende Stück Erde schließlich tote in einem Park ausläuft.
Schreiten wir die prächtigen Marmortrep. Pen, die mit wertvollen Teppichen belegt sind, hinauf und an einer langen Reihe von mit raffiniertem Lurus ausgestatteten Gemächern vorbei nach einem Erkerzimmer, aus dessen Fenstern sich eine entzückende Aussicht auf den Rhein bietet. Der erste Blick lehrt, daß es das Boudoir einer Dame ist. Ein reizendes Nestchen! Wände, Decke, Polster, Politur, Holz, — alles mit rosa- farbcner Seide und zarten weißen Spitzen und Rüschen überzogen. Spitzenvorhänge über rosa Seide verhüllen das Bett, eine rosa Ampel, Wachslichter in rosa Glasmanschetten kompletteren den lauschigen, mit so koketter Raffinierte auSgestatteten Raum, den außerdem noch, all die tausenderlei Bijouterieen und Kleinigkeiten erfüllen, tote sie einer jungen verwöhnten Weltdame unentbehrlich zu fein pflegen.
Und so entzückend, so schön und „eigenartig das alles ist, das entzückendste und schönste darin ist doch die Inhaberin selbst, die dort in anmutiger Pose auf dem weichen Divan liegt, die schönste Sylphe, die je ihren kleinen Fuß auf einen Männernacken setzte. Die schlanke, hohe Gestalt, tvelche vollendete Feinheit mit fast üppiger Fülle der Bildung vereinigt, ist von einem weißen, blütenzarten Morgenkleid umflossen. Das dicke aschblonde Haar flutet ungc fesselt in schweren Massen herab, eine, berückende Pracht; ein rosafarbenes Band hält die eigensin»
Deutsches Reich.
* Die Gesundheit des deutschen Kaisers. Die ,Nordd. Allg. Ztg/ kommt auf die leichte Erkältung des Kaisers zurück, die kurz vor der Englandsreise bekannt gegeben worden war, und die, wenn sie sich verstärkt hätte, die Fahrt in Frage hätte stellen können. Wie großes Gewicht der Kaiser darauf legte, die Reise wieder aufzugeben, gehe daraus hervor, daß er trotz des leichten Charakters der Erkältung sich einige Stunden am Tage ins Bett legte, um sich mög- liehst rasch von ihr zu befreien. Dies gelang ihm. Nun hat der Leibarzt des Königs von England Sir Felix Semon, Spezialist für Halsleiden, dem Leibarzt des Kaisers Dr. Jlberg im Schlöffe zu Windsor einen Besuch abgestattet. „ Daran wurden mannigfache Vermutungen geknüpft, und man nahm an, e8 handle sich um eine Konsul, tation über den Befund des Kaisers. Das ist, bemerkt das offiziöse Blatt, durchaus unrichtig. Sir Semon besuchte nur seinen früheren Stuoien- genossen. Der Kaiser erfreut sich des besten Wohlseins. Die kleine Indisposition, der die Stimmmittel unterworfen waren, ist bereits be- hoben.
* Dem Reichstag werden in dem bevorstehenden Tagungsabschnitt außer denjenigen Denkschriften, die er alljährlich erhält, zwei unterbreitet werden, die besonderes Interesse beanspruchen dürsten. Die erstere betrifft Kartellerhebungen, die andere ist die mit großem Interesse erwartete Denkschrift über die Wirkung des Handwerkerorganisationsgesetz es von 1897.
* Zu der Spionagearrgelegenheit Nllmo schreibt die ,Nordd. ÄÜg. Ztg/: „Die aus französischen Blättern in die deutsche Preffe übergegangene Nachricht, daß der Kontreadmiral Siegel an der Spionageangelegenheit des Fähnrichs Nllmo beteiligt sei, wird und von unter- richteter Seite als unrichtig bezeichnet., Admiral Siegel kennt weder Nllmo, noch ist er jemals mit ihm in Verbindung getreten. Im übrigen verweisen wir auf unsere Mitteilung vom 14. November, nach welcher die demnächstige Abberufung des bisherigen deutschen Marineattachös schon im Frühjahr dieses Jahres in Aussicht genommen war und bereits unter dem 21. Juni in den Herbstkommandierungen ihren Ausdruck gefunden hat.
* Der kommende Fischerei -Gesetzentwurf wird eine sehr wesentliche Umgestaltung des Fischereigesetzes vom Jahre 1874 uno der zugehörigen Novelle vom Jahre 1880 bringen über den Begriff der geschloffenen Gewässer, über die Fischerei der Gemeinden, den Fischereischein und das Recht der Nferbetretung durch die Fischerei- berechtigten. Auch die Beaufsichtigung der Fischerei und die Bestimmungen über dir der Fischerei schädlichen Tiere sind nicht unerheblich abgeändert worden.
1. Um eine Erleichterung des Geldmarktes herbeizusühren, will die Reichsbank einen „Hy- potheken-Zahlungsverkehr" unter ihre Geschäftszweige ausnehmen; sie will die Hypo- theken-Dokumeute, die Zug um Zug gegen bare Zahlung an einen anderen ausgehändtgt werden
Lothar von Scharffenstein ließ nach vollendeter Lektüre das umfangreiche Schreiben sinken und starrte zunächst kopfschüttelnd vor sich hin. Plötzlich sprang er auf und schritt im Zimmer hastig auf und ab.
»Himmel und die Welt", stöhnte er, „das ist ta einfach zum Verrückttoerden! Sage noch vor viehr denn einer Stunde zu Kameraden, daß tch gar nicht an Heiraten denke, und zu Hause liegt schon der Bries, in welchem das Ansinnen an mich gestellt wird! Ist einfach toll, der Alte! Ich und betraten, und solche Gänse solche__
wie er sie mir da aufzählt — ist ja unmöglich! Langweilige, hochmütige, geistlose Geschöpfe! Kann's dem Onkel Bruno nachfühlen, daß er's öorzog, eine — ja freilich, eine Bourgeoise — fit auch wieder horrible, noch dazu arm! Verlohnt sich nicht, um deretwillen in Amerika Stie- Alvntzer, Hausknecht und Gott weiß was zu sein! Jtein, Papa, heiraten, — noch dazu eine von der Eorte, — danke bestens! Und die andere Ge- A'chte! Bei Licht betrachtet, starker Tabak, — ?v-te das meinem Alten, weiß Gott, nicht zuge- traut! Erst ist dtefe Tante Thusnelda — scheuß- M antiker Name, auf Ehre! — als Bürgerliche für unsere Familie nicht gut genug, — sträuben
Hand und Fuß gegen die Mesalliance Brnno's, — und nun soll ich Hinreisen, ihr UM ben Bart gehen und ihr plausibel machen, »'w die rechtmäßigen Erben sind! Wenn erbschleichen tst, dann weiß ich es nicht I e8/ e3 sich überhaupt mit meiner Ehre?" sann längere Zeit, dann sagte er laut: e3 drum, — will Papa den Willen tun, •?' aber nicht, um erbzuschleick)en, — nein, bet Leibe nicht! Will der alten Person eine bef- l«e Meinung von den einzigen Verwandten ihres
):( Gegen den Sentrumsturm wird man in der nächsten Zukunft noch toeit schärfer anrennen, als es bisher schon geschah.
Den Turm u m z u r e n n e n, wie Fürst Bu- low es zum 25. Januar geplant hatte, ist Nicht g e l u ng e n. Man hat damals schon ein ohrenbetäubendes Triumphgeschrei von der Maas bis an die Memel erschallen lassen, aber als man nachher nüchtern geworden, Las Schlachtfeld überblickte, ragte der Turm noch gerade fo stolz und frei in die Lüfte wie zuvor, und seine Besatzung war keineswegs entmutigt oder gar kampsesunfähig geworden. Tie Gegner, die sich blutige Nasen geholt hatten, fürchten seitdem das Zentrum noch mehr als früher. Daß man es nicht beseitigen kann, hat man ja eingesehen, deshalb zerbricht man sich in Blockkreisen immer wieder den Kopf, tote es wohl am besten gelänge, das Zentrum in die Ecke zu drücken. Wie man das machen soll, darüber ist man noch nicht zu einem befiiedigenden Ergebnis gefommen. Wir hoffen, es wird auch niemals gelingen, da das Zentrum toeit fester in der Gunst seiner Wähler sieht, als die zum Block zählenden Parteien das von sich sagen können. Das beruht nicht darauf, daß das Zentrum, wie verschiedene andere Parteien, zu jeder Zeit verlockende Versprechungen zur Hand halte, sondern daß es seine ganze Kraft auf erreichbare Ziele richtete und nicht verlegen zu sein brauchte, trenn die Wählerschaft eine Rechnungslage darüber verlangte, was es getan und geleistet hat.
Im Wahlkampf und bis auf den heutigen Tag hat man das Zentrum antinationaler Ge- !innung beschuldigt und es als eine Gefahr für sie nationalen Interessen unseres Vaterlandes hingestellt. Auch in katholische Kreise hat man durch die sogenannte nationalkatholische Bewegung Mißtrauen gegen das Zentrum zu tragen gesucht und auf diese Weise scheint man neuerdings wieder einen Sturmangriff gegen das Zentrum zu planen. In den letzten Tagen konnte die Zentrumspresse über Erscheinungen speziell am Niederrhein berichten, die ein Schlag- licht auf die neuesten Feldzugspläne der Zentrumsgegner Wersen. Nachdem man außerhalb der Zentrumskreise genügend Stimmung gegen das Zentrum gemacht hat und in der Tasche jedenfalls einen geordneten Kriegsplan für dis Aktion in den Parlamenten trägt, glaubt man augenftbeinlidj fein Ziel am schnellsten erreichen zu können, wenn man inerhalb der Zentrumskreise rechtzeitig Vorbereitungen für Spreng- versuche trifft. An diese Aktion können die Gegner des Zentrums mit einer gewissen Hoffnung berantreten, als ihnen ja ein „sanfter Druck" auf die mehr oder minder abhängigen Elemente in der Beamtenschaft und sonstigen Kreisen zur Verfügung steht. Man wird fein Mittel unversucht lassen, um gerade an diese Kreise heranzukommen und von hier aus weitere Vorstöße zu wagen. Die Pläne der Herren dieser neuesten Vlockakfion gegen das Zentrum sind doch zu durchsichtig, als daß sie nicht sofort erkannt werden könnten. Aus diesem Grunde gilt es, überall die Augen offen zu hallen und die Pläne der Gegner aufmerksam zu verfolgen.
Die neuesten Dlockmanöver bedeuten zweifellos auch Vorbereitungen für den kommenden Wahlkampf in Preußen, und die Zentrumspartei darf nichts versäumen, für diesen Wahlkampf gerüstet dazustehen. Es gilt die Organisa- tron in Stadt und Land nach jeder Hinsicht zu f e ft i g e n und Aufklärung unter die Wählerschaft im weitesten Maße zu tragen. Dann
M3 XUlvUvt verantw. Redakteur: W
Larl Schütte;
ÄÄ&. wochEas«: „Illustrierte Somlagrzeitung"
soffen, zu getreuer Hand entgegennehmen, bts zum ZahlungStage ausbewahren, dem Empfänger Ge- legenhett zur Prüfung der Dokomente geben und sie ihm gegen Empfang der Zahlung auShändtgen. Nachdem die Einzelhetten deS Verhaltens nut Fachleuten eingehend erörtert worden sind, hat das Reichsbankdirektorium beschlossen, den Hypo- thekenzahlungSverkehr bei der RelchShauptbank in Berlin, den selbständigen Bankanstalten und den wichtigeren Nebenstellen zum 1. Februar nächsten JahreS einzusühren. Außerdem hat dre Reichsbank angeregt, daß für dte am Hypotheken- verkehr hervorragend beteiligten Jnstrlnte eine Hypotheken-AbrechnungSstelle geschaffen werden möge, die unter der Leitung der RerchSbank an den hauptsächlichsten Stichtagen zusammentntt, um alle zwischen den Mitgliedern fälligen Forderungen im Wege der Skontratwn (Clearing) zu verrechnen und die verbleibenden Sölden über Reichsbankgirokonto zu begleichen. In einer am Samstag abgehaltenen Konferenz tm Reichstags- gebäude meldeten fast sämtliche anwesenden tm Hypothekengeschäst tätigen Institute den Beiiritt ihrer Häuser zu der Hypotheken-AbrechnungSstelle an, sodaß diese fürs erste 30 Teilnehmer zählt.
* lieber die Einführung des PostscheSver- kehrs verhandelte am Freitag eine Konferenz im Reichspostamt, an der außer den beteiligten Reichs- und Staatsbehörden auch Vertreter von Handel und Industrie teilnahmen. Wie die ,Voff. Ztg/ erfährt, erklärte man sich em- stimmig dafür, daß die Einführung deS Reichsvostschecks wünschenswert sei., Verschie- dener Meinung aber war man, ob die Einlagen zu verzinsen seien oder nicht. Die Mehrheit sprach sich gegen eine Verzinsung der Ein- lagen aus. Der Postscheckverkehr soll vor allem den Bedürfnissen des Mittelstandes entgegen- kommen. Ohne Verzinsung der Einlagen wird er sich dort aber kaum einleben.
Im Interesse der konfessionellen Ber- söhnung von Protestanten und Katholiken beabsichtigt ein vorbereitender Ausschuß, an dessen Spitze zwei angesehene Publizisten, die Herren Dr. HanS Helmolt-München, ein ehrlicher Protestant, und Dr. Karl Storck-Berlin, ein überzeugter Katholik, stehen, eine neue große Tageszeitung in Berlin inS Leben zu rufen. Mr die Mitarbeit sind die anerkannt Größten aus beiden Lagern bereits gewonnen. DaS Blatt soll täglich in zwei Ausgaben erscheinen und sich sofort den angesehensten deutschen Zeitungen ebenbürtig an die Seite stellen. Viel- versprechend ist folgende Bemerkung deS national- liberalen ,Hannov. Kouriers' zu dieser Meldung:
Wenn das Blatt ernsthaft dem Frieden zwischen den Konfessionen dienen will, so muß es in einen scharfen Kamps gegen den friedenstörenden Ultra> montanismus eintreten; sonst wird man über theoretische Schönrednerei nicht hinanSkommen.
Also, wer den konfessionellen Frieden fördern will, muß auf die Katholiken (etwas anderes ist ja doch nicht gemeint) loShauen! Die.Freisinnige Zeitung warnt ihre Leser bereits eindringlich vor dem neuen Unternehmen.
§ Die Prophezeiungen über die Blockzukunst. Die Franksurter „ Ern tgungs-V er sammln ng" gibt der ,Nordd. Allgem. Ztg/ in ihrem Rückblick Veranlassung, eine rosa in rosa gehaltene Prophezeiung über die Blockzukunst ihren Lesern vorzusetzen. Das offiziöse Blatt ist höchlich zufrieden mit der Frankfurter Versammlung,
Das Uaiserpaar in England.
Der Kaiser begab sich am SamStag vott Windsor nach London, um der deutschen Botschaft einen Besuch abzustatten und bet dieser Gelegenheit eine größere Anzahl von Deputationen und bedeutenden Persönlichkeiten zu empfangen. Auch eine Abordnung englischer Journalisten wurde vorgelaffen. Auf die Ansprache ihre- Wortführers erwiderte der Kaiser:
Ich nehme Ihre Begrüßungsadresfe gern entgegen, Ich denke mit Freuden daran, daß Ihr Besuch in Deulfchtand im vergangenen Sommer so erfolgreich war und daß Sie mit dem Ihnen von meinen Landsleuten bereiteten Empfang zufrieden waren. Die Macht, die Sie besitzen, ist groß und äußerst wohltätig, wenn ste in der Richtung ansaeübt wird, unter den Völkern daS Gefühl der Freundschaft zu fördern. Ihr» Adresse beweist, daß Ihnen diese Aufgabe am Herzen liegt. Ich danke Ihnen daher für Ihr heutiges Er- scheinen. Ich freue mtch. Sie gesehen zu haben, imb hoffe, Sie werden Ihre Bemühungen fonsetzen, die für den Frieden Europas so notwendigen freundschaftlichen Gefühle zwischen unseren beiden Nationen zu pflegen. Wir gehören zu derselben Raff« und haben btefelb« Religion. DaS sind Bande, die sich stark genug »rwnsen sollten, zwischen uns Harmonie und Freundschaft bestehen zu lassen.
Eine Depuiatation der deutschen Vereine überreichte eine Kollektivadreffe. — Der Besuch in London gab wieder zu begeisterten Demonstrationen des hauptstädtischen Publikums aller Kreise Anlaß. Sowohl bei der Hinfahrt nach der Botschaft wie bei der Rückkehr waren die Straße« von Menschen schwarz besetzt, die daS Automobi
weil diese den guten Willen bekundete, im Block treu zu dienen, und eS versichert, eS werde von den Freisinnigen ein Verzicht auf die eigenen Partei-Auffaffungen und -Forderungen von keiner Seite verlangt. Besondere Freude scheint es der ,Nordd. Allgem. Ztg/ zu bereiten, daß der Aby. Dr. W iem er den höchsten Ausdruck dieser Taktik nicht mehr im Sturm auf die „Zwingburg deS Dreiklassen - Wahlrechtes", sondern im Kampf» von Bastion zu Bastion sehe. Zum Schluss» werden die Freisinnigen dringend ermahnt, auch weiter brav zu bleiben, positive Arbeit zu leisten und die Politik deS Erreichbaren zu treiben, rot» sie es versprochen hätten. Also mit liberalen Forderungen sollen sie nur ja nicht kommen; sie sollen bloß mit dem Kopse nicken. — Sehr wenig hoffnungsfreudig schaut dagegen die .Deutsche Tagesztg/ in die Zukunft Unter der Ueberschrlst „Schwere Zetten" malt sie die Zukunft grau in grau. In einem längeren Artikel streift sie di» Fragen, die den Reichstag und den preußischen Landtag beschäftigen werden, wie Besoldungsfrage, Polenfrage, die Finanznot, das Vereins- recht und das Börsengesetz und weist mit mahnender Stimme auf die Schwere der bevorstehenden Kämpfe hin. Sie sagt, sie wolle nicht Stören- frieb in der Blockpolitik sein, aber alles hab» seine Grenzen. Sie erinnert den Reichskanzler daran, daß er sich als agrarischer Reichskanz- ler bezeichnet habe und deshalb dürse man ihr nicht Zugeständnisse zumuten, die, mit ihrer und seinerUeberzeugung unvereinbar seien und schließlich die politische und wirtschaftliche Entwickelung gefährdeten. DaS Blatt hat damit etwaS viel Wasser in den Wein der ,Nordd. Allgem. Ztg/ gegossen.
* Dresden, 17. Nov. 1907. Im Befinden der Königin.Witwe Carola von Sachse» ist eine leichte Besserung eingetreten.
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