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Fulda, Freitag den 15. November 1907.

34. Jahraana.

M 263.

Kvstes MÄtk.

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<■ ):( Die wahlrechksrage

bereitet den Blockgenossen, je näher wir dem Be­ginn der Session kommen, um so größere Kopf­schmerzen.

Die Frankfurter Einigungsversammlung, von der man in Sachen der Wahlrechtsfrage nach dem großen Getane, daS man vorher erklingen ließ, einen definitiven Beschluß erwartete, hat sich daran mit einigen zu nichts verpflichtenden Be­merkungen vorbeigedrückt und in den Zeitungen d's Blocks hat man in der letzten Zeit über die Wahlrechtsfrags in sieben Sprachen — ge­schwiegen.

Den Anstoß zur Debatte gab dieser Tage wie­der der „Hannoversche Courier", indem er den etwas seltsamen Vorschlag machte, zur Prüfung der preußischen Wahlrechtsfrage eine außer- parlamentarische Kommission zu be- kufen. Die blockoffiziöse „Deutsche Tageszeitung" griff diesen Vorschlag aus, meinte jedoch, der Reichskanzler täte besser, mit den einzelnen Par­teiführern Fühlung zu nehmen. Dem Stand­punkt des „Hann. CourierS" nähert sich die „Magdeb. Ztg." Sie plädiert dafür, „die zu er­wartenden Initiativanträge nicht kurzweg im ?Plenum zu erledigen, sondern dafür eine mog- ichst starke und die maßgebenden Parteiführer Umfassende Kommission einzusetzen". Diese Kam- Mission solle weniger Beschlüsse fassen, als einen Meinungsaustausch über alle in Betracht kom­menden Fragen ermöglichen. Weder mit dem "inen noch mit dem anderen Vorschlag kann sich ®o3 „Berl. Tageblatt" einverstanden erklären und tvrr können ihm nur zustimmen, wenn es hinter tiu den Vorschlägen die nach seiner Meinung Allerdings ungewollte Absicht einer Verschlcp- p u n g der ganzen Angelegenheit sieht. Bisher in es parlainentarischer Gebrauch gewesen, die Anträge an eine dafür gebildete Kommission zu verwarfen, die, falls sich in ihr keine Einigung erzielen ließ, eine Erweiterung erfuhr. Eine Außerparlamentarische Kommission, da- *u n»ch mit dem ausgesprochenen Zwecke des lediglrchen Meinungsaustausches dürfte ein No- bunt bilden, über. dessen Zuverlässigkeit man rbenss sehr im Zweifel sein kann, wie über des­sen Zweckmäßigkeit.

Die Wahlrechtsfrage berührt allerdings so eng di« Lebensinteressen des über alles zu schüt­zenden Blockes, daß es seinen Getreuen nicht dar­auf ankommen wird, auch einmal die Dinge auf den Kspf zu stellen.

Deutsches Keich.

* Der Kaiser und die Kamarilla. Zu den gestern hier wiedergegebenen Aeußerungen des Kaisers über. die Kamarilla schreibt man uns nodj aus Berlin: Wir wissen nicht, ob diese Aus­führungen tatsächlich vom Kaiser stammen; aber trenn fie richtig wiedergegeben sind, so ist damit dre Existenz der Kamarilla, des „Grüppchens" sucht aus der Welt geschasst, weil ja gerade das Wesen »inet solchen Erscheinung darin liegt, daß der Herrscher nichts von ihr merken soll. Jeder Deutsche erkennt das hohe Pflichtgefühl unseres Kaisers an; aber das ist auch klar, daß er bei der Riesenlast, die auf ihm liegt, sich nicht um alles kümmern kann, sondern auf Referate und Vorträge angewiesen ist und da kann sich sehr wohl eine Kamarilla, ein „Ring" bilden. Wir finb zwar überzeugt, daß der Kaiser jetzt mit größter Sorgfalt der Wiederkehr früherer Zu­stande vorbeugen wird. Wie wir ans bester

Quelle erfahren, istderKaisertiefmißge- P int rat über die nicht angenehmen Erfahrun­gen, die er bezüglich der ihm einst nahestehenden Eulenburg, Hohenau und Moltke machen mußte. Für den Fürsten Bülow sind die Worte des Kai­sers eine Verlegenheit, denn er hat seinerzeit in alarmierender Weise in der „Nordd. Allgem. Ztg." auf seine Worte über die Kamarilla Hin­weisen lassen, und das konnte gar nichts anderes bedeuten, als die feierliche und förmliche Fest- stellung der Tatsache, daß auch bei uns eine Ka­marilla tatsächlich bestehe oder bestanden habe.

* Veränderungen im diplomatischen Dienste' Die Nachricht von der Ernennung des Unterstaats­sekretärs des Auswärtigen Amtes, Wirk!. Geh. Rates Dr. v. Mühlberg zum preußischen Gesandten beim päpstlichen Stuhle wird jetzt von der,Nordd. Allgem. Ztg/ bestätigt unter dem Hinzufügen, daß dem bisherigen Gesandten beim päpstlichen Stuhle, Freiherrn v. Roten­hahn, unter Verleihung des Großkreuzes des Roten AdlerordenS der erbetene Abschied bewil­ligt wurde, während Herrn v. Mühlberg die Brillanten zum Rote« Ädlerorden 1. Klaffe ver­liehen worden sind.

t Neber die Einbringung der neuen Stcuen saßt der Bundesrat in diesen Tagen Beschluß. Das Reichsschatzamt ist für eine Steuervorlage, da es die Vertretung für den heutigen Zustand nicht mehr übernehmen will; sollte aber der Bundesrat aus politischen Gründen, um den Block zu halten, sich anders stellen, so wird, wie wir erfahren, Reichsschatzsekretär v. Stengel sofort sein Entlassungsgesuch einreichen, daS dann auch genehmigt werden wird.

* Z»m Fall Schrörs. Wie die .National- zeitung' meldet, hat Professor Schrörs seine gegen den Kardinal Dr. Fischer gerichtete Broschüre endgültig zurückgezogen. Die erste Auflage war in kurzer Zeit vergriffen, eine zweite mit Nachwort versehene wurde vom Verleger ange- kündigt, wird aber nicht erscheinen. Die ,National- zeituna' fügt dieser Meldung hinzu, daß die Zurückziehung der Broschüre offenbar die Be­dingung gewesen sei, unter der Kardinal Fischer den Theologiestudierenden den Besuch der Vor- lesungen SchrörS wieder gestattete.

=• Sozialdemokratie und preußisches Wahl­recht. Am Tage des Zusammentritts des preußi­schen Landtages, am 26. November, veranstaltet die sozialdemokratische Parteileitung in ganz Preußen Massenversammlungen, um gegen daS bestehende Wahlrecht zu demonstrieren Ick solchen Orten, wo aus lokalen Gründen die Protestversammlungen am Dienstag, den 26. d. M. nicht möglich sind, sollen die Versammlungen ott einem der folgenden Tage, spätesten- aber am Sonntag, den 1. Dezember einberufen werden.— Da werden dem Freisinn, die Ohren klingen!

16 München, 13. Nov. 1907. Der bayerische Landtag wird wichtige Entschlüsse über die A u 3- Nutzung der Wasserkräfte und dem elektrischen Bahnbetrieb zu fassen ha­ben. Zu diesem Zwecke werden ihm zwei Denk­schriften zugehen, von denen die eine im Ministe­rium des Innern ausgearbeitet wurde, während das Verkehrs Ministerium mit seiner Denkschrift über die Elektrisierung der Staatsbahnen einst­weilen noch zurückhält. Das Sonderwerk des Ministeriums des Innern ist derart umfangreich und enthält_ derart kostspielige Kartenbeilagen, daß sain Preis im Buchhandel auf 60 <M bemessen werden mußte. Es dürfte wohl die umfassendste und weitcstausgreifende Arbeit über Wasserkräfte

und Wasserkraftanlagen sein, die jemals tn Deutschland veröffentlicht worden ist. Werden doch im allgemeinen ersten Teil die geschichtlichen Wandlungen der Wasserkraftausnutzung und der gegenwärtige Stand nicht bloß in Deutschland, sondern auch in andern Ländern ausführlich ge­schildert. Eine besonders eingehende Behandlung erfahren dabei die Talsperrenanlagen in der Rheinprovinz, in Westfalen und tn Schlesien. Erst der zweite besondere Teil gibt eine Uebersicht über die Wasserkräfte Bayerns und über die bis­her vorliegenden Bauprojekte. Die Denkschrift kommt dabei zu dem Ergebnis, daß an den dem Staate gehörigen Flüssen 100 000 Pferds­kräfte bereits ausgenutzt sind und weitere 300 000 noch gewonnen werden können. Auch das neue bayerische Wassergesetz unterscheidet gleich dem frühem zwischen staatlichen und Privatflüssen. Die Denkschrift sieht nun zwar die Möglichkeit vor, daß unter Umständen auch Privatflüsse zu staatlichen Zwecken herangezogen werden können, läßt aber im übrigen die Privatflüsse und auch die aus diesen zu gewinnende Kraft außerhalb des Kreises ihrer Betrachtungen — den Löwen­anteil beansprucht int besondern zweiten Teil die Ausnutzung der bayerischen 3tIpen- fee n als Stauweiher, ohne daß aber die Gs- samtziffer der auf diese Weise gewinnbaren Pferdekräfte genannt würde. UebrigenS hat ein- mal Baurat Oskar v. Miller die im bayerischen Alpengebiet vorhandenen Wasserkräfte unter Zu- sammenrechnung der Alpenseen, der staatlichen und der Privatslüsse auf 700 000 Pferdekräfte ge­schätzt. Von Einzelprojekten bespricht die Denk­schrift dasjenige an der Atz, die von der Berliner Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft geplanten Talsperren im Fraitkeuwald, die Anlagen an der Jlz und der Wolfsteiner Ohe, die Lech-, Saalach-, Wagingersee- und Spitzingsee-Entwürfe, sowie mit besonderer Ausführlichkeit das unfern Lesern bekannte große Wal chensee-Uu ferne h- tnett. Soll doch in erster Linie dieses die für den elektrischen Bahnbetrieb notwen­dige Kraft liefern. Mit anerkennenswerter Un­parteilichkeit werden alle für das natürliche Nie- fenstaubecken des Walchensees vorliegenden Pläne besprochen und gegeneinander abgewogen. Von besonderer Bedeutung sind in der Denkschrift dir für die WafserkraftauSnubung ausgestellten allge­meinen Gesichtspunkte. Die für staatliche Zwecke jetzt oder in Zukunft benötigten Kräfte sollen vorab und unter allen Umständen gesichert, wer­den, während man im übrigen die Ausnutzung durch Private fördern will. Ueberschüssige ober zunächst überschüssige Kraft der Staatsanlagen soll an Private verpachtet werden. Für den Fall, daß Wasserkräfte erst in spätem Jahren vom Staate benötigt werde», bietet die Denkschrift verschiedene Vorschläge. Der Staat kann bei- pielsweise die Wasserkräfte selbst ausbauen und an Private verpachten oder er kann den Ausbau Privaten überlasten, sich aber die spätere lieber» nähme sichern und was dergleichen mehr ist. Ta eine Uebersicht über den Kraflbedarf der Staats bahnen bisher noch nicht gegeben worden ist und da sich auch wohl das Verkehrs- Ministerium selbst noch nicht darüber klar ist, so wird eine Entscheidung darüber, was der Staat an Wasserkräften für sich znrückbehalten muß, in nächster Zeit noch nicht erfolgen. Mit Reckt weckt übrigens die Denkfckrift darauf hin, daß nicht bloß der elektrische Bahnbetrieb staatliche Was­serkraftanlagen wünschenswert macht. Auch da? Gedeihen ganzer Bevölkerungsgruppen, die auf die Kleinindustrie angewiesen sind, kann davon abhängen, daß der Staat ihnen die benötigten Krcnt mengen zu billigem Preise zu liefern ver­mag.

Dar ttalserpaar in England.

DaS Bankett im Londoner Rathaus an dem auch die Minister Campbell-Bamierman, Earl os Crewe, Haldane, ASquilh, Lloyd-George, Mc Kenna, Buxton, Sinclair und Fowler teil­nahmen, hatte, wie man uns noch berichtet, einen glänzenden Verlauf. Der Kaiser war in bester Stimmung und unterhielt sich lebhaft mit dem Lordmayor. Während der Ansprache des letz­teren erscholl jedesmal, wenn er den Kaiser nannte, lebhafter Beifall. Nachdem der Lord­mayor seinen Trinkspruch beendet hatte, ertönten so lebhafte Hochrufe, daß der Kaiser nicht an­fangen konnte zu sprechen. Während der in eng­lischer Sprache gehaltenen Rede des Kaisers herrschte zuerst ehrfurchtsvolles Schweigen, aber als der Kaiser von der Erhaltung des Frieden- sprach, erhoben sich Beifallsstürme. Die Stimm« deS Kaisers war klangvoll und sonor, wie sonst, obwohl die Erkältung, unter der der Kaiser leidet, immer noch nicht behoben ist. Der berühmt» englische Leibarzt des Königs, Sir Felix Se- mon, der den Kaiser zusammen mit einem an­dern englischen Arzt des Königs untersuchte, erklärte später, daß von irgend einer Er­krankung keine Rede sein könne. Der Kaiser sei nur sehr stark erkältet. Die beiden Aerzt« hatten nach der Konsultation noch eine ziemlich lange Privat-Unterredung mit Dr. Jberg, dem Leibarzt des Kaiser-, und eS scheint, daß die 3 Aerzte zu derselben Ansicht über den Gesund­heitszustand des Kaisers gekommen sind. Alle, besonders auch in der englischen Presse aufge­tauchten Befürchtungen über eine Er­krankung des Kaisers seien als gründ« l o s anzusehen.

In London waren Mittwoch abend in den Straßen, durch die der Kaiser und die Kaiserin nach dem Rathaus gefahren waren, die Gebäud» glänzend beleuchtet. Eine große Menschenmenge wogte in den Straßen auf und ab, an vielen Stellen war der Verkehr vollständig eingestellt. Unter der Menge herrschte große Begeisterung und überall zeigte sich herzlicher Frohsinn. Di» Londoner Blätter aller Schattierungen drücken hochgradige Befriedigung über des Kaiser- Rede im Rathauke au?, die in der Versicherung gipfelte, die Hauptstütze und Grundlage der Weltfriedens fei die Erhaltung guter Beziehungen zwischen beiden Ländern.

Die Kaiserin hat am Donnerstag in London einige Besuche gemacht. Sie besuchte zunächst das deutsche Krankenhaus und dann da? deutsch» Lehrerinnenheim, wo ihr ein Bukett überreicht wurde. Gegen Mittag lehrte die Kaiserin nach Windsor zurück.

Ausland.

* Blutige Studentenkrawalle in Oesterreich. An der Universität in Graz kam es am Donners­tag zu blutigen Schlägereien zwischen deutschen und italienischen Studenten. Vier deutsche Stu- benten erlitten schwere Verletzungen.

* Reichsrat und Duma. Die 36 Mitglieder 'tacke rechte Gruppe des Reichsrates mit Schwanebach, Stischinski, Durnowa und v. Wahl an der Spitze hielt gestern eine Privatbe- rafung über die künftige Tätigkeit der Duma ab. Die Gruppe steht auch der neuen Duma lehr pessimistisch gegenüber. Schwanebach nimmt an, daß auch sie für schöpferische Arbeit

Lebenswege.

Roman von Klara Wilhelm?.

(Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Hastig öffnete sie das Kuvert und ihre Augen eilten über das entfaltete Papier. Fragend ruht- Martha'S Blick auf ihr.

„Nein, Frau v. Feldheim kommt nicht," sagte Käthchen, Martha den Brief reichend. „Ihr Sohn Gruft liest morgen in der Kirche auf Feldheim dre erste hl. Messe."

. eigentümliches Zusammentreffen."

tief Martha „daß die Beiden, welche sich so gern vereint gesehen cm demselben Tage sich dem lie­ben Gott vermahlen."

.i^"2ere Bruder wird nun Stammherr und die liebliche, sanfte Ella sich mit dem ältesten Sohn der Frau Rittmeister Dorndorf verloben" erzählte Käthchen. „Wo aber bleibt Kurt?" ' . „Er wollte noch einmal den altgewohnten, lieb gewordenen Spaziergang nach Frankental wachen und nachsehen, ob die Ausschmückung »um morgigen Feste vollendet ist," entgegnete *vartt)Ta- . »Du weißt, solches läßt sich Kurt nun einmal nuf)t nehmen. Sieh', da kommt er ja!" „ seicht und flink wie ein junges Mädchen eilte

Haustür, um dort schon den Gatten zu ’ flüsterte ihm einige Worte zu

net reinen Arm um ihre Taille uno zog ?e an sein Herz. 0 d

»'s ®>?cne gesehen?" fragte Käthchen,

Us er m das Zimmer trat k 'ch erwartete dies auch nicht, sie hat JLSF«11 ' ^wartete Kurt, sich am Tische lieberlaffcnb. „Deshalb war es auch gut, daß "icht hm gingest; denn dort sein und K „ chier nicht sehen und sprechen dürfen, ist W harte Aufgabe für Dich."

..Fbinfl3,'aber morgen wollen wir zeitig Itn, ich verlange sehr darnach, Helene in meine ilrme zu schließen."

.„Du wirst das Gut etwas verändert finden, es ist ein stattliches Waisenhaus geworden," sagte Martha. . „Es sind auch schon eine ziemliche An­zahl Waisenkinder darin, die guten Schwestern bekommen Arbeit genug. Und wie wirst Du Dich wundern, wenn Du die schöne Kapelle siehst."

Am folgenden Morgen war das Gotteshaus gedrängt voll Leute. Nicht Andacht allein hatte sie versammelt, auch wohl die Neugierde. War es doch ein seltenes Ereignis, welches sich heute hier vollzog. Ein junges, schönes Mädchen, eine reiche Erbin, verzichtete freiwillig auf alles, was die Welt Verlockendes und Angenehmes bietet, und wählte die Armut und Entsagung. Heute wollte sie in der von ihren Mitteln erbauten Kirche die ewigen Gelübde der Armut und Keuschheit ablegen.

, Weihrauch und Blumenduft erfüllten den ge­heiligten Raum, sanft und feierlich erklangen die Töne des Harmoniums zu dem Gesänge der Nönnchen. An der obersten Stufe des Altars kniete eine junge Dame im weißen Seidenkleids, von einem langen Schleier umwallt, den Myr- thenkranz auf dem goldig schimmernden Haar. Unteit zur Seite des Altars kniete die Mutter derselben im schwarzen Gewände. Die Augen ber Anwesenden ruhten fast eben so lange auf gtefer, Ivie auf bem jungen Mäbchen, beim viele von ihnen hatten sie selbst noch als blühend schö­nes, viel bewundertes und beneidetes Mädchen gekannt, hatten von ihrem Unglück gehört und fühlten Teilnahme.

Jetzt kam der feierliche Augenblick, wo sie eine Braut des Himmels werden sollte, da öff­nete sich noch einmal die Türe und ein großer, feiner Herr trat ein. Seine hohe Gestalt über­ragte die vor ihm Stehenden und er konnte deut­lich sehen, was sich am Altäre ereignete.

Träumte er noch immer? Wis im Traum hatte er heute morgen, mit dem Frühzuge kom­mend, die Straßen der Stadt bis zum Hotel zur Sonne durctzvandert. Wie im Traume war er von dort nach Kurt's Wohnung gegangen, wo

man ihm gesagt, daß er die Herrschaften in Frankental finden würde. Träumend halle er de» Weg dorthin zurückgelegt, die Klänge de- Harmoniums hatten ihn angezogen und in die Kirche geführt. Und jetzt sah er die festlich ge­schmückte Braut am Altar, aber der Bräutigam whlte; wie war ihm? Woran erinnerte ihn oiese Gestalt, dieses goldene Haar, welches er eht wie im Traume unter der Scheere fallen ah? Nun erhob sich die Brant, den Platz zu ver- 'assen, um das Klostergewand cmzulcgen. Sie ging zur Seite, er sah ihr Angesicht und stieß einen leisen Schrei ber Ueberrafchung aus. Es war dasselbe' junge Mädchen, welches vor einigen Jahren auf dem Klosterhofe sein Interesse so ge­fesselt und er später beim Gebet belauscht hatte. Wie kam sie hierhin? — Tausend Gedanken durchkreuzten fein Gehirn.

Als Nönnchen gekleidet nahm das junge Mäd­chen seinen vorigen Platz wieder ein, feilt Auge Ivendete der Fremde davon ab, seine ganze Um­gebung war für ihn nickt vorhanden. Er sah die Leute sich aus der Kirche entfernen, blieb aber unbeweglich an seiner Stelle. Der Raum wurde leerer, er konnte nun auch die zur Seite vor den Stufen des Altars Knieenden sehen, da war ja ber Vetter Kurt, Martha — ein Zit­tern durchlief den Körper — „Käthchen I" rief er und hielt sich an der Bank fest.

Diese aber hatte den Ruf nicht vernommen, sie ncchete sich dem jungen Nönnchen, umarmte es und preßte es unter Tränen an ihr Herz. Nun wurde es plötzlich hell in ihm und eine unsag­bare Freude, mit Wehmut gemischt, glanzte in seinen Augen.

„Käthchen, mein geliebtes, teures Weib! He­lene, mein liebes, süßes Kindl" rief er mit mark­erschütternder Stimme.

Beim Klange dieser Stimme erbebte Käth- chen, blickte zur Seite und mit dem einzigen Kubelruf: „Paul!" stürzte sie in die geöffneten Arme ihres Gatten.

Still, in seligem Entzücken, war Helene stum­me Zeugin des Wiedersehens, der Vereinigung ihrer Eltern. Was Jahre lang ihr heißestes Ge­bet erfleht, der glühendste Wunsch ihres Herzens, in dessen Erfüllung sie ihrer Liebe entsagt, er war zur Wahrheit geworden.

„Komm, Martha," sagte Kurt leise, „laß die Drei allein"; er zog sie mit sich hinaus in'S Freie. „Gott sei Dank, daß sie sich endlich gefun­den haben," sagte er. „Und nun werden sie auch so glücklich, wie wir", entgegnete Martha, sich zärtlich an Kurt schmiegend.

Da drinnen aber in der Kapelle lag Käthchen stumm an dem Herzen des zurückgekehrten Gat­ten und schaute zu ihm auf mit bem leuchtenden Blick ihrer Jugend, in dem statt des Übermutes die alles verzeihende Liebe strahlt, wie ein ewiges Licht. Und solch ein Licht erlischt nicht, und trügt nicht, es leuchtet dem Menschen in guten wie in bösen Tagen und erhellt selbst das Grab.

Kleines Feuilleton.

* Der blaue Mensch. Weiße, schwarze, braune, gelbe und rote Menschen: daß es die gibt, weiß jedes Schulkind. Aber der blaue Mensch fehlte bisher. Nun ist auch dieser da. Dec blaue Mensch heißtBilly und wohnt in Dublin — na­türlich in dem amerikanischen Dublin; denn solche Tinge gibt es nur in Amerika. Nicht nur Billys Haut ist vollständig blau, sondern auch seine Zunge, sein Mund und selbst seine Aug­äpfel weisen diese angenehme Farbe auf. Die Ursache dieser einzigen Erscheinung soll in der inneren Behandlung liegen, der der blaue Billy in der Jugend unterworfen worden ist. Er be­kam nämlich damals verhältnismäßig hohe Dosen von Silbernitrat und wurde dadurch von seiner inneren Krankheit geheilt, dafür aber Zeit feines Lebens zur Blcmheit verurteilt.