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Sotatioarbruck tu Verlag bet Sulbaer X« tienbr iderel ht $«lba» Zernsprecher Ur. 9.

Fulda, Donnerstag den 14. November 1907.

JV3 262.

34. Jahrgang.

Zweites Wrackt.

** Roosevelts Rückzug.

Ende voriger Woche haben in dreizehn Staaten der nordamerikanischen Union die Wahlen der Gou­verneure und obersten Beamten stattgefunden. Man sah dem Wahlausfall mit Spannung entgegen, weil er einen Anhalt dafür bieten sollte, wie die Be­völkerung über die Trustpolitik der Regierungdenkt, DaZ Ergebnis zeigt, daß das Gros der Wähler nicht mehr mit Roosevelt einverstanden ist und seine Politik für unvorsichtig und staatsgefährlich hält.

Lange hatte man dem Präsidenten zugejubelt, jetzt aber ist man sehr geneigt, ihn hart zu tadeln. Dieser Umschwung ist nicht unnatürlich, denn ote schwere finanzielle Krisis, die in Amerika ausgebro­chen ist, wird im Publikum auf das Eingreifen Roosevelts zurückgeführt. Im Sommer wurde der Milliardär Rockeieller vor den Richter ge­stellt und der von ihm gegründete Petroleum- trust wurde zu einer Geldstrafe von nahezu 30 Millionen Dollars verurteilt. Wenige Monate später mutzten zehn amerikanische Notenbanken ihre Kasse schließen, große Häuser stürzten über Nacht zusammen und das Publikum belagerte die Schalter, um die Einlagen vielleicht noch zu retten. In diesem Augenblick, wo man das Geld mit hundert und zweihundert Prozent bezahlte, wo keiner dem nächsten mehr traute und alles zu wanken schien, griffen plötzlich die viel ge­scholtenen Milliardäre rettend ein. Rockefeller sprang mit 50 Mill. Dollars in die Bresche und einige Tage später hinterlegte er in Gemein­schaft mit Pierpont Morgan 125 Millionen Doll., um dem Andrang zu trotzen und die Beruhigung herzustellen. Diese Handlungsweise mußte auf die Massen einen starken Eindruck ausüben und mußte die Wagschale zu Ungunsten des Präsiden­ten senken. Die Fernstehenden bedenken ja nicht, daß derjenige, der in einem solchen Augenblick helfend eintritt, immer noch ein vortreffliches Geschäft macht: er kauft die Werte, die in der Panik tief heruntergegangen sind, billig auf, ver­kauft sie wieder, sobald die Stimmung sich ge­hoben hat und steckt den reckt erklecklichen Kurs­gewinn in die Tasche. Obendrein aber wird er als Wohltäter der Menschheit und als natio­naler Heros gefeiert und niemand will mehr etwas davon hören, daß dieser Reichtum, der sich eben so wohltätig erwiesen hat, aus trüben Quel­len geschöpft sei.

Unter diesem Eindruck darf natürlich Noofe- stelts Aktion nicht beurteilt werden. Sie war im Prinzip durchaus berechtigt und wie sehr sie berechtigt war, das beiveist gerade die ge­genwärtige Krisis, die doch vor allem durch die Frivolität der herrschenden Geldmächte herbeige- nihrt worden ist. Sie ist inmitten einer erfreu- sichen wirtschaftlichen Entwickelung und im tief­sten politischen Frieden über das Land herein- gebrochen und durchaus eine Folge künstlickzer Manipulationen. Präsident Roosevelt hat voll­ständig recht, wenn er die Nation aufforderte stch gegen die skrupellose Ausbeutung einer win­zigen Minorität zu wehren. Die Geldbarone ilmerikas haben gänzlich vergessen, daß ihr Reich­tum ihnen die Pflicht eines vorbildlichen Ge- ichäftsgebahrens auferlegte. Sie haben zwar nit ungeheuren Wohltätigkeitskomödien den Haß zu beschwichtigen gesucht, der gegen sie entstanden vor, und haben ihrer eigenen Eitelkeit gefröhnt, inzwischen haben sie aber unentwegt an ihren siinklen Praktiken festgehalten und die Masten rusgesogen. Es toar durchaus notwendig, daß !>ies einmal öffentlich ausgesprochen wurde, und

daß die Gesetzgebung nicht achselzuckend an die­sen Vergehen und Verbrechen vorüberging, son­dern die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen suchte. Nur dann überhaupt ist Aussicht auf einen solchen Sieg, wenn das ganze Volk die Sache der Trustbekämpfung zu der feinigen macht, sodaß der Präsident, er möge heißen, wie er wolle, mit dem bollen Gewicht einer von der ganzen Nation unterstützten moralischen Autori­tät einzuschreiten vermag.

Für den Augenblick allerdings hat Roosevelt zum Rückzug geblasen. Er soll seinen Freun­den mitgeteilt haben, daß er in Zukunft politisch gemäßigter auftreten werde und soll damit be­schäftigt sein, die schon vorliegende Botschaft an den Kongreß durch Milderung der Angriffe auf das Kapital zu ändern. Wenn diese Nachrich­ten sich bestätigen sollten, so ist doch wohl anzii- nehmen, daß dieser Rückzug nur eine einstweilige taktische Bewegung darstellt. Das Ziel des Prä­sidenten wird gewiß unverändert dasselbe blei­ben. Selbst ivenn er aber in diesem Kampfe un­terliegen und seine Popularität in ihm einbüßen sollte, so muß es entschieden auf fein Verdienst­konto geschrieben werden, daß er den Kampf überhaupt begonnen hat. Denn dieser Kampf wird nun, fo groß die Macht des Dollars auch fein mag, nicht eher zur Ruhe kommen, als bis sich das Volk gegen die zerrüttenden Uebergriffe der „reichen Piraten" gesichert hat.

Deutsches Reich.

* Graf zu Lynar. Ans Offizierskreisen wird der .Kölnischen Volkszeitung geschrieben: Daß Graf zu Lynar, Major und Kommandeur der Leib-Eskadron des Regiments der Gardedu- korps, durch allerhöchste Order den Abschied mit der gesetzlichen Pension bewilligt erhalten hat, geht aus dem .Militär-Wochenblatll vom 20. November 1906 und übereinstimmend hiermit aus der Rangliste vom Jahre 1907 hervor. So­mit schied Gras zu Lynar allerdings ohne Uni­form, aber unter ganz ehrenvollen äußeren Umständen ans. Von einer nachträglichen Ent­lassung mit schlichtem Abschiede oder Aberken­nung des Offizierstitels konnte und kann nicht mehr die Rede sein, da er durch das Ausscheiden ohne Uniform nicht mehr unter der Ehren­gerichtsbarkeit stand. Ebenso kann er das Recht des Pensionsbezuges auf diesem Wege nicht verloren haben. Nach allem, was bisher un­widersprochen die Zeitungen über diesen Fall gebracht haben, ist gesetzwidrig verfahren ivorden. Es mag ja schwer sein für einen Re- gimenlskommandeur, gerade einen Offizier von solch' vornehmer Herkunft und • guten höfischen Verbindungen dem gesetzlichen Scharf­richter zu überantworten, aber jetzt wird man wohl einsehen, es märe besser im November 1906 von den Vorgesetzten geschehen, als Oktober 1907 unter Mitwirkung des Scharfrichter-Gehilfen .Harden. — Die Tatsache übrigens des ohne Uniform nachgesuchten Abschiedes war bei der Stellung des Grasen zu Lynar an der Spitze der vornehmsten Schwadron des vornehmsten Regiments unseres HeeceS eine so auffallende, daß sie ohne Erörterung kaum beit militärischen Dienstweg bis zum Militärkabinett passieren konnte. Vertreten kann aber ein Vorgesetzter seine Untergebenen nur, wenn sie im Rechte sind, und verantworten kann er seine Handlungsweise nur, wenn er vor dem Gesetze im Rechte ist.

* Zum Fall Karkut schreibt man der „Germ." aus Wcstpreußen: „Zu der Notiz, wonach der

Jüngling Karkut, welcher ein halbes Jahr in Löbau in Hast sitzt, weil er sich weigert, die Per- fönen zu nennen, welche ihm behilflich gewesen sind, durch Flucht sich der Protestantisierung zu entziehen, während des halben Jahres nicht ein einziges Mal zum Gottesdienst zugelassen war- den ist, sei folgendes bemerkt: 1. wußte Karkut es nicht, daß man erst einen Antrag um Zu- lassuna zum Gefängnisgottesdienst stellen müsse. .Kein Mensch in Löbau wußte es, nicht einmal der katholische Rechtsanwalt und das katholische Pfarramt, welches den Gottesdienst im Gesäng- nis versah. Wenn besondere Andachten für die Gefangenen gehalten wurden, so erschien es selbstverständlich, daß die Gefangenen darauf aufmerksam gemacht wurden. Der Gefängnis­direktor Rettig erklärte, das brauche er nicht zu tun. Das ist allerdings sehr merkwürdig, daß, wenn Andachten ausdrücklich für Gefangene ge­halten werden, die Gefängnisleitung nicht braucht die Gefangenen darauf aufmerksam zu machen und dafür Sorge zu tragen, daß sie dim Gottesdienste beiwohnen. Es ist leider nicht be­kannt, ob man immer so verfährt oder nur dem Karkut gegenüber. 2. heißt es, Karkut habe die Erlaubnis zur Teilnahme am Gottesdienst er­halten, sobald er den Wunsch darnach geäußert habe. Dazu sei bemerkt: Ehe Karkut von dieser Erlaubnis hat Gebrauch machen können, tourbe die Seelsorge im Gefängnis zu Löbau dem dor­tigen katholischen Pfarramt entzogen, weil der Pfarrer sich gegen ben Kanzelparagra- phen vergangen hat. Dabei hat aber seit etwa 8 Jahren nicht der Pfarrer, sondern der Vikar die Gefängnisseelsorge ausgeübt, welcher bisher polirisch sich in keiner Weise vergangen hat. Es bleibt somit die Tatsache bestehen, daß Karkut während seiner ganzen halbjährigen Haft nicht ein einziges Mal einem Gottes- dienst hat beiwohnen können. Und da entrüstet man sich noch, wenn ein katholisches Blatt das „preußische Kultur" nennt. Gegen­wärtig sind die Löbauer Strafgefangenen fast 2 Monate ohne jeglichen Gottesdienst. Vielleicht wird ein Abgeordneter sich der Angelegenheit annehmen und sie im Reichstage zur Sprache bringen." Die Frage, mit welchem Rechte Kar­kut überhaupt gefangen gehabten wird, wird lei­der in dieser Zuschrift gar nicht berührt.

* Vor Zndrang zum höheren Forstdienst warnt das Ministerium des Innern, da das Bedürfnis nach Anwärtern befriedigt ist. Die Studierenden des Forstsaches hätten damit zu rechnen, daß in Zubmst nur eine sehr beschränkte Anzahl nach Bestehen der Hochschulprüfung zum Vorbereitungsdienste zugelassen werden.

* Braunschweigische Staatstoleranz. Wir lesen in der ,Germania': Auf dem Vorwerk Dorst bei Uthmödeu im Braunschweigischen war ein polnischer Saisonarbeiter ver­unglückt. Der zuständige katholische Geist- sich- aus Althaldensleben, einer Pfarrei, die in der Provinz Sachsen liegt und auch einen Teil von Braunschweig umfaßt, wird gebeten, die Beerdigung vorzunehmen. Erfüllte er die Bitte, wie es "doch seine Pflicht ist, setzte er sich unfehlbar einer Geldstrafe oder Hast auS. Was tun, um der Pflicht zu genügen und den fernen Eltern und Verwandten deS Verunglückten wenigstens den Trost zu gewähren, daß ihr Sohn wie ein Christ der Erde übergeben ward? Es hieß also das braunschweigische Gesetz um­geben. Daher war die Leiche auf einen Wagen geladen, einen Kilometer weit zur preußischen Enklave Pax gefahren, und hier auf preußischem Gebiet konnte der Geistliche die kirchlichen Ge­wänder anlegen, dem Toten die letzte Ehre er-s

weisen und sodann mußte er als Privatmann dem Wagen folgen, der die Leiche in das braun­schweigische Gebiet zurückfuhr zur stillen Beer­digung, und daS alles in der eigenen Pfarrei, im Zeitalter der Freizügigkeit, der Gewiffenssrei- heit, der bürgerlichen Gleichberechtigung.

WksmrWMches und Soziales.

Vergebung von Arbeiten. Wir hatten bereits berichtet, daß nach .Verordnung dez Militärbehörde die Schneiderwerkstätten beim Militär allmählich beseitigt werden sollten. Nach einem Erlaß des Kriegsministers geschieht dies in gleicher Weise auch mit den S ch u h m a ch e rc Werkstätten. Es sollen für die Folge di( Bekleidungsämter mit Zivi lhaudi roerfern besetzt werden, wie dies auch schon bei einzelnen Armeekorps der Fall ist. Ein Erlaß des Ministers des Innern empfiehlt neuerbingi den Kominunalverwaltungen bei Vergebung von Arbeiten die vorzugsweise Berücksichtig gung von Handwerker-Innungen und Genossenschaften.

* Der Mißerfolg der sozialdemokratischen Dienstbotenorganisation wird von der General­kommission der Gewerkschaften Deutschlands in der Polemik gegen die sozialdemokratischen Ver­trauenspersonen offiziell zugegeben. Man betont, daß die von den Gewerkschaften in fast allen größeren Orten eingeleitete Agitation so gut wie erfolglos geblieben sei und nur tn einigen Städten mit Auswendung erheblicher Mittel zur Gründung von sozialdemokratischen Dienstboten­organisationen geführt haben.

* Opfer des modernen Stils. Die neue Rich­tung im Bau- unb Kunstgewerbe, bie Verbrän- gung des Barockstils durch die einfache Linie hat einer ganzen Reihe von Gewerben schwere Nach­teile gebracht. Die Drechsler klagen schon seit langem darüber, daß bei den modernen glat­ten Möbeln für sie keine Beschäftigung vorhan­den ist. Bei den Stukkateuren herrscht große Arbeitslosigkeit, weil die Baumeister von dem Stuck nichts mehr wissen wollen, und jetzt wird die gleiche Klage auch von den Modell­bildhauern in einem Flugblatt erhoben, bafl der Zentralverein für Bildhauer in Berlin ver­breitet. Es wird darin ausgeführt, daß die Ar­beitslosigkeit in der Branche einen geradezu er« schreckenden Umfang angenommen habe: fünf bis sechs Monate Arbeitslosigkeit seien auch für tüchtige Gehilfen keine Seltenheit. Die Ursache sei die Laune der Mode, das Streben nach Ver­einfachung, toia sie lebhaft von einflußreichen Kiinstlerkreisen gefördert werde.

Reklamen- und Anzeigenteil.

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Harmonie in der Ehe.

Von P. P. L i eb e.

(Nachdruck verboten.)

In allerletzter Zeit hat sich eine bebeutenbe Bewegung zur Reform ber Ehe bemerkbar ge­macht, die das gespannte Interesse der Oeffent- lichkeit erregte. In einer Schrift „Die Fran für pe» Nervösen" hat nun ber Psychologe P. P. Liebe (Augsburg) speziell die Grunbsragen vor und in der Ehe behandelt. Wir können es uns aber nicht versagen, zu Nutz und Frommen unse­rer Leser wenigstens einige näherliegende Be­obachtungen hier auszugsweise wiederzugeben:

Zumeist lernen sich die Brautleute nicht l n n e r I i et) JE e n n e n, so daß sie später aus den Mißverhältnissen nicht herauskommen. Sie finden nicht bett Mut, miteinander zu sprechen rote Freunde, die offen und ohne zimperliche Scheu erörtern wollen, was zur Klarheit und Ruhe führt.

Es kommt nicht zum Austausch der gegenseitigen Ansichten über die Grundfragen, die für ein ersprießliches Zusam­menleben zweier Menschen bestimmend sind. Und doch ist von größter Wichtigkeit bie lieberem- ftimmung wenigstens einiger Grundzüge beider Personen.

, ®eun beiderseits das Mindestmaß der Aehn- lichkeit tn zeitgemäßen Anschauungen und ge­sunder Beurteilung des äußeren und inneren Lebens vorhanden ist und beide sich innerlich anztehen, so ist — die ungefähre physische Gleich- werttgkett vorausgesetzt — eine in Gleichgiltig­keit niebertauchende Ehe (ber Ruin des beftge- meinten Bundes, wenn er nicht entsprechend vor­bereitet ist) nicht leicht möglich. Dazu muß eben die gegenseitige Offenbarung vorhergehen.

Unglückliche Ehen sind vielfach daraus zurück- jiufübrcn, daß vorher die Brautleute nicht ihre Ansichten genügend ansge- tauscht haben.

Wären in gerader, offener Weise die An­schauungen unb Erwartungen erörtert worden, dann wären solche Verschiedenheiten, die ein glückliches Miteinanderleben nicht zulassen, bald offenbar und ber Rücktritt wäre besser gewesen als die Eingehung einer Ehe, bie nun durch kleine Reibereien unb große Differenzen das Leben beider Teile verbittert.

In ber Ehe entdeckt dann ber eine Teil bei dem andern einen Mangel an Logik, eine Sum­me von Vorurteilen, Kleinlichkeiten, Prüderie und Pedanterie — und nun ist ein Jneinander- tauchen ziemlich ausgeschlossen.

Zumeist sind es Menschen, die den Unterschied zwischen harmlosen Dingen, bei denen nachzuge­ben ist und zwischen eingreifenden Fragen nicht genügend würdigen; so werden unbedeutende Vorkommnisse die Ursache der Entzweiung, so werden kleine Dinge und Schwächen aufge­bauscht, so wird eine heftige Ansichtsäußerung, die erst gar nicht so wichtig sein sollte, die Ursache zu häufigerem Aufeinanderplatzen, bis beide Teile sich vor Kränkung und Zorn nicht mehr zu fassen vermögen, bis eine Tränenflut des Weibes und ein Wutausbruch des Mannes die Situa­tion ins Unerträgliche steigert.

Die Versöhnung geschieht sehr oberflächlich und wenn der eine Teil zur Grübelei unb zur Verbitterung neigt, so wird bei dem nächsten Streit der vorhergegangene hinzuaddiert. Der­artige Ehen gibt es in jeder Gesellschaftsklasse.

Es nützt nichts, wenn beispielsweise der Mann Einsicht genug hat und der Frau kleine Dumm­heiten und Sticheleien verzeiht, denn wenn der Frau Milde und Sanftmut im nötigen Maße fehlt, fo wird der Mann immer wieder gezwun­gen, sein Recht und seinen Standpunkt zu be­haupten, er mag das noch so ruhig tun; wenn bie Frau unzugänglich ist für sachliche Ausein­andersetzung, so muß der Mann sich wehren, wenn er nicht zum Pantoffelhelden avancieren will.

Umgekehrt: Fehlt dem Mann bie verzeihende Klugheit unb Nachsicht, sowie bas rechte Unter- scheidungsvermögen, so ist wiederum ein fried­liches Zusammenleben nicht möglich, selbst wenn Herzensneigung vorhanden ist; beim kleine Dif­ferenzen werben bei dem Mangel des Sichver- stehens immer toieber Anlaß zu wirklichem Zank geben.

In manchen Eigenheiten müffen beide Teile verschieden fein, sonst ist ber Bund ein langweiliger, aber sie müssen verstehen, über Alltägliches, Unbedeutendes hinwegzukommen und in großen Dingen müssen sie eben übereinsti, mmen, wenn sie sich nicht fort­während wehe tun wollen.

Oft sind sich z. B. die Gatten in der Mei­nung ähnlich, nur im Ausdruck verschieden und weil durch die Verschiedenheit des Wortes nicht gleich die gewünschte Empfindung wie bei dem einen Teile ausgelöst wird, kommt e§ zum streite, wenn der betreffende Teil bei seiner Ausdrucksweise beharrt, statt in der Sache selbst sich dem andern zu nähern und auf einseitige Begriffsbestimmung zu verzichten.

Ein großer Schaden in der Ehe ist es auch, wenn es an der rechten inneren Ehrlich­keit und an einem rückhaltlosen Vertrauen fehlt.

Wiederum liegt es daran, daß beide Teile sich nicht genügend kennen lernten, sie sahen sich einige Male, gewannen einander lieb und zeig­ten sich von der besten Seite, ohne in die Tiefe zu gehen.

Kommt dann ber Alltag, bann schwindet das schöne, oberflächliche Bild dahin — und eine furchtbare Enttäuschung zerstört den gan­zen Zauber.

Oft fehlt die Einsicht, mit Hilfe „berer bie -sigene Rechthaberei bekämpft werben konnte. — Sehr viel kommt auch darauf an, ob bie Geschmacksrichtungen zusammenpassen. Wenn in der Richtung auf den Geschmack die An­sichten im großen ganzen nicht übereinftimmen.

so kann dies allein zu einer nicht verstechenden Quelle des Verdrusses werden.

Der Mann hat häufig sehr viel Sinn für ein anmutiges, schickes Auftreten; aber er bringt die Frau nicht dazu, daß sie den Unterschied zwischen geschmackvollem und graziösem Arrangement und einem bewußt gesuchten pomphaften Sichgeben einsieht. ,

Umgekehrt wird eine Dame von gelautertem Geschmack dem Manne nicht folgen können, wenn er sich in der Ehe als Geck äußerlich oder inner« sich entpuppt.

Immer ist es möglich, wegen der Hauptsachen vorher einen Vergleich zu ziehen, ob ein einheit­liches Zusammengehen möglich ist. Die Liebe allein führt zu keiner glücklichen Ehe, wenn nicht auch dem Verstände nach ein Ausgleich ftattfinbet.

* Eine verlorene Wette. In den Zeiten, da König Eduard noch'als sorgloser Prinz von Wales in Paris umherschlendern konnte, betrat er auch einmal einen Juwelierlaben, um einige kleine Einkäufe zu machen. Während, er noch mit Auswahl beschäftigt war, kamen zwei Ameri­kaner in den Laden. Der eine glaubte, den Prin­zen von Wales zu erkennen. Er wandte sich zu seinem Begleiter unb fragte ihn mit lauter Stimme: „Wollen wir wetten, baß wir zusam­men mit dem Prinzen von Wales Einkäufe ma­chen?" Die Wette kam zustanbe. Daraus schritt der eine Amerikaner auf ben Prinzen von Wales zu unb fragte ihn seelenruhig nach seinem Na­men. Der Prinz hatte sich über die beiden Her­ren höchlichst amüsiert, und lächelnd erwiderte er: Ter Earl von Chester." „Verloren", meinte der Amerikaner resigniert, denn er wußte nichts davon, daß der Prinz von Wales auf feinen in- of'iziellen Reisen den Namen eines Earl von Chester trug, um allen feierlichen Empfängen zu entgehen. König Eduard aber erzählt noch heute manchmal lächelnd von der Wette, die verlöret» wurde, weil er nicht der Prinz von Wales war