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verantw. Redakteur: Carl Schütte;

Zuldaer

wediiitMiage: „Illustrierte Zonntagrzeitung"

monatsetiiage: „zuldaer GeschichtsblStter"

L«;e!g en. Vie ei« spaltige petitzrile adel deren Raum (S psg. steklamru »ie petitzcile 25 psg.; bei Wieder­holungen wird entspr.

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Rotationsdruck «. Verlag der Fuldaer Ar« tiendr rckerei in siulda. zernsprecher Nr. 9.

JVS 258.

Fulda, Samstag den 9. November 1907.

34. Jahrgang.

Zweites Mtcrtt.

Wochen-Rundjchau.

Fulda, 9. November 1907.

, Der Reichstag wird voraussichtlich am 22. November wieder zusammentreten. Unmittelbar bei seiner Eröffnung werden ihm der Etat, das Börsengesetz und das Vereinsgesetz vorliegen. Diese und die anderen Vorlagen, die der Erledi­gung harren, werden dem „Block" Gelegenheit geben, endlich einmal zu zeigen, daß er auch zu positiven Arbeiten befähigt ist. Was er bisher ireleistet hat, ist gerade nicht geeignet, ihm in Me­er Beziehung ein gutes Zeugnis auszu- teüen.

In Berlin hat eine Zusammenkunft der Finanzminister der Einzelstaaten stattgefunden. Nach dem, was aus dieser Zusammenkunft in die Oeffentlichkeit gedrungen ist, darf man für die kommende Wintersession das Erscheinen einer Reihe neuer Reichssteuerprojekte erwarten.

Die Blockleute liberaler Färbung, die nicht ganz mit Unrecht nun die Aera der Konzessionen kommen sehen und damit die Morgenröte ihres btsher schon an den verschiedensten Stellen be­merkbaren Regiments, werden sich am Sonntag zu den beginnenden Tagungen rüsten. In Frank­furt ist eine Einigungsversammlung geplant, die jedenfalls mit dem Ruf schließen wird: Auf in den Kampfl Wir wissen, wem er gilt: dem Zentrum. Das Ziel der Blockleute geht dahin, das Zentrum in die Ecke zu drängen. An Mühen, dieses Ziel zu erreichen, wird es nicht fehlen. Zum Glück ist das Zentrum keine Partei, die aus dem dürren Oedland der Schlagwörter seine Kraft zieht. Das Vertrauen seiner Wähler, das Bewußtsein treu geleisteter positiver Arbeit, ver­bunden mit dem Streben, auch in Zukunft dem deutschen Volk und dem Vaterlande seine Kraft zu leihen, sind die breite und fruchtbare Grund­lage, auf der es auch in der neuen Session in beiden Parlamenten den kommenden Dingen ins Auge sehen wird. Gewiß, nach den bisherigen Andeutungen in der Presse werden die Parla- mente manches bringen, aber sie werden auch vieles — fordern, und gerade in diesem Punkte wird das Zentrum, wie bisher, so auch in Zu­kunft das rechte Maß zu finden und auch zu ver- reten wissen, und seine ganze Kraft namentlich ür den Schutz der wirtschaftlich Schwächeren ein- etzen.

In der Prozeßsache Moltke-Harden ist eine Wandlung eingetreten, als der StaatSau» walt, der, bevor Graf Moltke seine Klage an- strengte, ein Eingreifen ablehnte, nun doch zur Weiterverfolgung der Angelegenheit geschritten ist. Wann der Prozeß beginnen wird, steht noch nicht fest. — Am Mittwoch fand der Prozeß gegen ten Schriftsteller Brandt statt, der den Reichskanzler der Verfehlungen beschul­digt hatte, von denen im Prozeß Moltke-Harden die Rede war. Die Verhandlung verlief ohne jede Sensation. Fürst Bülow selbst nahm die Charakterisierung der Verleumdungen als ganz unsinniger und unwahrer Behauptungen so gründlich , vor, daß für die Verteidigung keine Möglichkeit blieb irgendwelche mildernde Be­trachtungen zugunsten des Angeklagten anzustel- lcu. Vollends vernichtend war das Ergebnis aller folgenden Zeugenaussagen. Aus der Bi- weisaufnahme ist als Ueberraschung hervorzu- heben, daß der Fürst Philipp zu Eulenburg die­ses Mal der Vorladung als Zeuge Folge geleistet Hot. Mit dem Prozesse stand seine Aussage nur in losem Zusammenhänge, er erklärte vielmehr selbst, er wolle lediglich diese Gelegenheit be­

nutzen, sich gegen Anschuldigungen zu verwahren, die in dem Prozeß Moltke-Harden laut wurden. Er fügte hinzu, daß er niemals gegen den Für­sten Bülow intrigiert habe. Diese Erklärung und die vorausgegangenen des Reichskanzlers, daß er in keiner Weise die Artikel der „Zukunft" infpieriert habe, waren die einzigen wesentlichen Anklänge an die politischen Auseinandersetzun­gen aus dem Prozeß Harden. Brandt wurde zu 1 Jahr und 6 Monaten Gefängnis verurteilt.

Die Ernennung des deutsch-sprechenden Pa­ters Frühwirth zum Nuntius in München hat bei den deutschen Katholiken Freude hervor­gerufen; die Nichtkatholiken bemühen sich aber jetzt schon, diese Erfüllung eines alten Wunsches als eine Maßregelung zu bezeichnen, weil ein deutscher Nuntius die wissenschaftlichen Bestre­bungen besser überwachen könne. Was geht denn das die Protestanten an? Wir kümmern uns um ihre kirchlichen Dinge auch nicht.

In O e st e r r e i ch sind die Ausgleichsver­handlungen in der vergangenen Woche soweit zum Abschluß gekommen, daß die Vorlage an einen 32gliedrigen Ausschuß überwiesen werden konnte. Die österreichische Ministerkrisis ist da­gegen noch nicht zum Abschluß gekommen. Tie Umbildung des Ministeriums stößt noch auf man­cherlei Hindernisse; gegen einige der für Mi- nisterposten neu vorgeschlagenen Persönlichkeiten erhebt sich Widerspruch, sogar innerhalb der eige­nen Parteien.

In der Schweiz ist die neue Wehrvorlage durch Volksabstimmung angenommen worden. Tie Armee wird in der Folge an innerem Ge­halt und an Kriegstüchtigkeit gewinnen, mithin von seinen Grenznachbarn als mächtigerer Fak- ter zur Wahrung der Landesneutralität ange­sehen teerten können. Daraus erwächst ein be­merkenswerter Nutzen für Deutschland, da durch dessen Armee eine Verletzung der Schweizer Neu­tralität nie in Frage kam.

Aus Italien kamen in dec letzten Woche Nachrichten, die ungünstiges über den Gesund­heitszustand des HI. Vaters meldeten. Er- sreulicherteeise haben sich die Gerüchte als voll­ständig grundlos erwiesen. — Der Prozeß gegen Len Großschwindler und Exminister N a s i bat begonnen.

Tie französische Kammer hat in der vergangenen Woche die Dringlichkeit der Vorlage über die Verwendung der Kirchengüter erklärt. Der Kultusminister Bryan bemerkte, daß der Gesetzentwurf in allen wesentlichen Bestimmun­gen mit dem Gesetz vom Jahre 1905 überein- stimmte und nur Ausführungsbestimmungen da­zu gäbe. Es handele sich darum, die eingezoge- nen Kirchengüter den Armen zukommen zu laf- fcti. Mit Recht wurde in der Kammer darauf Mngclviefen, daß, wenn der Herr Minister sich üer Armen annehmen wolle, er das tun möge, aber nicht mit dem Geld fremder Leute. Man sollte doch die Kommunen nicht zu Hehlern von Sachen machen, die ihnen nicht rechtmäßig ge­hören. Die französische Negierung wird sich aber dessen ungeachtet nicht hindern lassen, ihren Raubzug an den katholischen Kirchengütern fort- zusetzen.

Zwischen Holland und Belgien sind Annäherungsbestrebungen im Gange, die zwar die beiden Länder weniger auf politischem Ge- biet als vielmehr auf wirtschaftlichem näher bringen sollen. Es ist zu diesem Zwecke bereits eine holländisch-belgische Kommission zusammen- getreten.

In Norwegen hat in der vergangenen Woche ein Kabinettsteechsel stattgefunden. Die komervativen Ressortchefs haben sich mit dem konservativen Präsidenten Mick-els zurückgezogen, odaß man die norwegische Regierung jetzt als ein reines Linksmrnisterium betrachten kann.

In R u ß l a n d gehen die Dumcüvahlen ihrem Ende entgegen. Nach der Aufstellung eines ruf- fischen Blattes werden die Rechte und das Zen- trum mit 292 und die Linke 96 Sitze erhalten. Zwar steht das Ergebnis aller Wahlen noch nicht fest, doch können die noch ausstehenden Wahler- gebnisse das Gesamtverhältnis wenig verschieben.

K Amtsrichter und Schöffen.

Die Schöffengerichte sind neuerdings durch mehrere Beleidigungsprozesse von politischer Be- deutung auf eine scharfe Probe gestellt worden und haben sie schlecht bestanden. An den P e» t er § Prozeß in München, too sogar Generale nicht zu bändigen waren, schloß sich der Roe- re n-S ch m i d t-Prozeß in Köln, dessen unzu- längliches Ergebnis nächstens der Abhilfe durch die zweite Instanz unterliegen fall. Noch weni­ger befriedigend waren die Geschäftsführung und das Urteil in dem Moltke-Harden- Prozeß vor dem Berliner Schöffengericht.

Nun sagt man, derartige Strafsachen, wie Beleidigungen durch die Presse mit politischem Einschlag .gehörten nicht vor das Schöffengericht, das nur für die kleinen Alltagsvergehen aus dem gewöhnlichen Leben bestimmt fein sollte. Aber wenn man nun versuchte, die Beleidigungen höherer Ordnungen auszuscheiden und vor die Strafkammer zu verweisen — was, nebenbei ge­sagt, nicht leicht zu machen ist —, wäre damitz die Summe der neueren Erfahrungen ausge­schöpft? Nein; die Streiflichter fallen viel wei­ter und tiefer. Insbesondere drängen sich zwei Fragen auf:

1. ob das System des Schöffengerichts,, die Vereinigung von Juristen und Laien zu einem Gerichtshof, überhaupt zweckmäßig ist;

2. ob Deutschland reif ist für die Erweiterung der Befugnisse des Einzelrichters, oder ob eine Mehrheit von rechtsgelehrten Richtern znsaiumenwirken muß.

Die Schwurgerichte waren bfer erste Versuch, das Laienelement, die Leute aus dem Volke mit ihrem urwüchsigen Menschenverstand, an der Rechtsprechung mittätig sein zu lassen. Die Schöpfer des Schwurgerichts befolgten aber die Taktik „schiedlich-friedlich". Dort haben wir zwei Kollegien, jedes selbständig für seinen Be­reich. Die Geschworenen entscheiden für sich allein die Tatfragen, während alle Rechtsfragen nebst der Leitung der Verhandlung dem anderen Kol­legium der rechtsgelehrten Richter zufallen. In dieser reinlichen Scheidung steckt offenbar ein gutes Stück Erbweisheit. Wir haben ja jetzt im Harden-Prozeß gesehen, daß die beisitzenden Schöffen bei der Erledigung der Rechtsfragen, wozu auch die Anwendung der Prozeßordnung gehört, versagen. Eigentlich sollen sie gleichbe­rechtigte Kollegen des Anitsrichiers sein; aber wenn sich nickt zufällig ein Mann mit höherer Bildung und Gewandtheit auf dem Schöffenstuhl befindet, so sind sie in schwierigen Prozessen nur ein dekoratives Beiwerk. Wenn der Amtsrichter seine ganze Schul- und Zunftweisheit zusammen, nimmt, um mit seinen Unterscheidungen und gewundenen Argumenten eine lange Urteilsbe­gründung aufzubauen, tete fallen dann die ein- fachen Leute aus dem Volke ihm das Konzept korrigieren ,das ihnen kaum verständlich ist? Und was können die ungeschulten Beisitzer dem Vorsitzenden nützen, wenn raffinierte und rück- ichtslose Rechtsanwälte alle Künste und Kniffe anwenden, um die Zügel der Verhandlung in ihre Hand zu bringen und ihr Mütchen an der Gegenpartei zu fühlen? Tatsächlich gibt es da nicht einen „Gerichtshof", sondern nur einen Einzelrichter, der in der Regel noch eine

jüngere Kraft von wenig Erfahrung und ge« ringerer Autorität ist.

Die Geschworenen haben freilich auch keinen Anteil an der Führung der Verhand­lungen, aber die Leitung liegt da nicht in der Hand eines Einzelnen, sondern bei einem Kolle­gium von Fachmännern. Und wenn sich die Ge­schworenen schließlich zurückziehen, so kann bei der Beantwortung der Schuldfragen der gesunde Menschenverstand in voller Selbstherrlichkeit zur Geltung gelangen. Den Geschworenen wird keine juristische Haarspalterei oder logische Seiltänzerei zugemutet, sondern nur ein einfaches Ja ober Nein gegenüber greifbaren Tatsachen. Gewiß, auch das Schwurgericht hat feine Schwächen, wie alle irdischen Einrichtungen, aber ehe wir an Stelle des Schwurgerichts die „großen Schöffen­gerichte" einführen, wollen wir uns an der Hand der Erfahrungen doch noch recht genau überlegen, ob die Mischung der Juristen und Laien in einem Kollegium wirklich zweckmäßig ist oder ob nicht vielmehr jedem Teil ein eigener Wirkungskreis nach feinen Fähigkeiten zugewiesen bleiben soll«

Wenn wir die zweite der oben erwähnten Fragen ins Auge fassen, so werden wir an die angekündigte Novelle zur Zivilprozeßre- s o r m erinnert. Darin sind dem alleinstehenden Amtsrichter bedeutend erweiterte Befugnisse zugedacht, eine Stellung von dem Ansehen und der Macht eines Rechtspatriarchen. Es wurde damals gleich gesagt, daß solche Posten nicht von jungen Anfängern, sondern höchstens von alten, erfahrenen, angesehenen Richtern ausgefüllt teer« den könnten. Durch die jüngsten Erfahrungen ist nun durchschlagend erwiesen worden, daß in der Tat die Kräfte, welche jetzt als Amtsrichter ihre Sporen zu verdienen suchen, nicht durchweg die Gewähr bieten für eine gedeihliche Wirksam­keit als Einzelrichter in wichtigeren Prozessen. Es gibt Leute, die noch weiter gehen und über­haupt von dem englischen System des Einzelrich­ters nichts halten. Offenbar ist jetzt neues Was­ser auf die Mühlen derjenigen gekommen, die da sagen: Es ist nicht gut, daß der Richter allein sei, lasset uns ein Kollegium machen I Dabei fällt noch ins Gewicht, daß unsere, Rechtsanwaltschaft mit Elementen durchsetzt ist, die eine stramme Zügelführung besonders notwendig machen. Wo ein Anwalt nach Art des Dr. Bernstein-München im Hardenprozeß sich ins Zeug legt, da bedarf der Vorsitzende, wenn er nicht gerade eine helden­hafte Persönlichkeit ist, dringend der Ergänzung seiner Umsicht und Kraft durch die beisitzende» Fachgenossen.

So werden die Vorgänge der jüngsten Zeit ihren Einfluß ausüben auf die großen R e- f o r mfrage n, die über kurz ober lang in An­griff genommen werden müssen, sowohl aus dem Gebiete des Strafprozesses als auch des Zivil­prozesses. Das ist auch recht so; denn die Er­fahrungen sind dazu da, daß man durch sie klü­ger werde.

):( Die bauliche Entwickelung von Groß-Verlm.

„Buddeln" und bauen — das sind zwei Be­griffe, ohne die man sich Berlin nicht denken kann.. Gebuddelt wird bei Tag und bei Nacht, im Som­mer und im Winter. Man geht kaum eine Vier­telstunde weit in Berlin, ohne daß man wieder­holt auf das weiße Schild mit der Aufschrift trifft: „Gesperrt". Entweder ist die Buddelei veranlaßt durch einen Schaden an den Gas- und Wasserleitungsrohren oder durch eine Störung der unterirdischen elektrischen Kabel, durch Aus- toedjfelung von schadhaft gewordenen Schienen der Straßenbahnen, durch.Ausbesserung des Pfla­sters, durch Ausschachtung für die Untergrund­bahn 2C. 2C. Und da derartige Anlässe in einer

Lebenswege.

Roman von Klara Wilhelmi.

M (Nachdruck verboten.)

Helene hatte Trauerkleider angelegt; aber 1 sicht nur äußerlich betrauerte sie den teuren 33er- torbeneii, sondern auch innerlich. Es war wirk- ich in ihrem Leben eine Lücke eingetreten, wie te damals versicherte, und es war ihr ein Her- lensbedürfnis, von allen Festlichkeiten und Ver­gnügungen, wie eine kleine Stadt sie bietet, sich iuruckzuziehew Kurt, als ihr Vormund, da sie »och mmoerjabng war, hatte auf dem Gute einft- reifen einen Verwalter angestellt, damit die Wirtschaft dort m Ordnung bleibe. Helenens Nutter wurde brieflich der Tod des Herrn Frank- »nd der Inhalt seines Testamentes mitgeteiit mb zugleich gebeten, doch nun dort ihre Stellung »ufzngeben, um wieder nach der Heimat über- jusiedeln. Der Bries traf sie aber nicht mehr !ii Deutschland, sie hatte schon mit Rittmeisters sie jährliche Reise znm Süden angetreten. Mar- !ya und Kurf machten Helene den Vorschlag, im Wachsten Sommer mit der Mutter das Gut zu 9leben, weil Köthchen dadurch in eine ititab» pmfnße Lage komme; wie groß war aber ihr crUaunen, als Helene entgegnete, sie habe etwas mveres tm Sinne. Sie teilte ihnen nun mit, “B es chr innigster Wunsch sei, Klosterfrau zu im8uftf)Qffenbaä erer£>te ®ut in em Waisenhaus dote^iw' t”ie kommst Du zu diesem Gedanken?" krem "och immer nicht von

Ba"' entnplu f,ein flüchtiger Gedanke, liebe Mar- lern ein9 ^v<te das junge Mädchen ernst, „fon-

D>. bist ' sich -Überlegter, fester Entschluß." kntscklutz saU°»ch "ie! zu jung, um einen festen n entoireg P können", meinte Kurt, „auch Mien wir erst $orert, was Deine Mutter dazu

„Ich glaube nicht, daß selbst meine Mutter mir von diesem Vorhaben abraten wird, ober mich babon abzubriiigen vermag", antwortete Helene.

„Du kennst aber bie Welt, welcher Du ent­sagen willst, noch gar nicht. „Prüfet alles, unb bas Beste behaltet!" „Man kann jedoch nicht prüfen, was man nicht kennt," entgegnete Mar­tha. „Du sollst zuvor doch ivenigstens etwas von der Welt kennen lernen, damit Du weißt, was Du entsagst, was Du von Dir wirfst. Beharrst Du dann noch bei Deinem Vorhaben unb ist Deine Mutter damit einverstanden, so kannst Du in dem Kloster, worin Du schon mehrere Jahre zubr-achtest. Dein Noviziat antreten."

Damit ließ man die Sache vorläufig betten- den. Martha teilte diese Unterredung jedoch Käthchen mit und bat sie, herüber zu kommen, ihre Wohnung auf dem Gute zu nehmen, um dadurch vielleicht auf Helenens Entschluß cinzu- toirfen. Käthchen schrieb aber wieder zurück, sie freue sich, daß ihres Kindes Verhältnisse sich so glücklich gestaltet haben, für sich verzichte sie je­doch auf jeglichen Anteil an der Erbschaft. Sie könne Nicht in den Räumen wohnen, in welchen »ranke, um ihretwillen gelitten unb gekämpft habe, nicht dort als verlassene Gattin leben, wo sie früher habe als Herrin einziehen sollen. Sie wolle auf dem Lebenspfad, den sie nun einmal betreten, auch weiter wandeln und durch dieses Entsagen in etwa ihre Schuld sühnen.

Der Winter war vergangen und es kam die schöne Zeit, wo die trauernde Natur sich wieder mit frischem Grün und herrlichen Blumen schmückt, wo auch des Menschen Herz wieder jung unb grün wird in süßen Erinnerungen, in sehn­süchtigen Wünschen ober bestimmten und unbe­stimmten Hoffnungen. Liebesglück, Jugendamt, Wanderlust, wie sie alle heißen, diese Neigungen die das Herz durchzucken und beleben und es schmücken wie die Natur den grünen Wald, sie toerben lebendig und lassen es uns empfinden,

daß es eben Frühling ist. Wer hätte es Martha berbenfen können, daß auch sie diesem Drängen nachgab, zumal von Käthchen die Nachricht kam, daß sie von ihrer Reise zurückgekehrt sei. Die junge Frau beschloß nun, Helenens Herz auf die Probe zu stellen. Sie wollte zuerst mit ihr zu deren Mutter reifen, und dort in der großen Stadt follte sie auch das Leben unb Treiben ber Welt kennen lernen. Hatte dieses keinen Einfluß auf daS junge Mädchen, beharrte Helene auch bann noch bei ihrem Entschluß, bann war sie sicher, daß ein klösterliches Leben wirklich Hele­nens Beruf war. Kurt teilte ganz Marthas An­sicht unb sah mit einer gewissen Spannung der Eiitscheidung entgegen.

In Dorndorfs Hause herrschte große Freude bei der Nachricht, daß Martha unb Helene hier cintreffen würden. Der gute Rittmeister war kurze Zeit nach der Begegnung Käthchens mit Paul gestorben unb hatte die Witwe sich nur noch fester Käthchen angeschlossen. Wie freute sie sich daher, die Tochter und Nichte ihrer lie­ben Freundin gastlich in ihr Haus aufzimehmen. Sie konnte sich auch gar nicht satt sehen an der holden, jungfräulichen Erscheinung Helenens; wie viel mehr aber mußte sich nicht Käthchens Mutter- Herz darüber freuen!

Im glücklichsten Zusammensein vergingen bie Tage; Helene war von ihrer Mutter unzertrenn­lich unb immer hing sie an deren Arm, mochten sie ihre Spaziergänge auf den hinter dem Hause belesenen Garten beschränken ober sich auf bie Stadt und bereit Umgebung ausdehnen. Das Antlitz Käthchens zeigte jetzt gewöhnlich einen Sonnenstrahl des Glücks, welcher durch die Ge­genwart der Tochter hervorgerufen würbe., He­lene war auch so frisch und anmutvoll, wie der Lenz da draußen in seinen Blüten und Liebem, ihr sonniges Lächeln fiel in der Mutter Herz, und vor dein hellen Lichtstrahl mußte ber trübe, dunkle Gram weichen.

Nur heute war sie wieder mal recht wehmütig

gestimmt; es war ihr Hochzeitstag. Es war wie damals ein klarer, köstlicher Morgen; Thauper» len blitzten im Grase unb auf ben Blumen. Der Himmel schien so rein unb blau, als hätte auch er ein hochzeitliches Gewand angelegt, unb Ler­chengesang schmetterte hoch oben in ber klaren Luft, in den dichtbelaubten Bäumen des Stadt- Parks, wie ein Triumphlieb . Käthchen gedachte jenes Margens, wo sie vor langen Jahren, eine festlich geschmückte Braut, lächelnb unb errötend an bas Herz des Geliebten gesunken war, wo sie gelobt hatte, ihn zu lieben in Treue, Geduld unb Versöhnlichkeit. Aber ach, wie schnell war ihr Glück vernichtet! War es mehr gewesen als ein einziger, schöner, sonniger Blütentag? Hätte bet Tob ihr ben Gatten geraubt, sie würde um ihn trauern, allein sie könnte doch das Andenken an ihn, sein Bild ungetrübt in ihrer Erinnerung bewahren, sie könnte in ihrem Herzen einen Altar ber Trauer errichten unb still an demselben beten. Tas olles war ihr nicht vergönnt — ber Leicht­sinn allein hatte ihren Gatten davon getrieben, hatte ihr das Liebste geraubt.

Es schien, als hatte Helene bie Gebauten ber Mutter auf bereu Stirn gelesen.

„Liebe Mutter, Du siehst ihn, ja toicber," ver­suchte sie zu trösten, „ich bitte Dich, gib Dich doch nicht wieder der Traurigkeit hin."

„Ich habe ihn gesehen vor einigen Jahren, aber mit demselben unversöhnlichen Blick, womit er damls von mir schied," klagte die unglückliche Frau. „Deine Verheißung hat also nur zum Teil sich erfüllt."

„Du hast ihn gesehen, Mutter, den Vater ge­sehen?" fragte erregt die Tochter. „Wann und too denn?"

Käthchen erzählte nun, wie sie Paul damals im Gartenkonzert gesehen habe.

„Unb hast Du denn nicht mit ihm gespro­chen?" fragte Helene.

(Fortsetzung folgt.)