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34. Jahrgang.

Fulda, Samstag den 9. November 1907

J6 258.

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, Was seit Bestehen der Reichsbank nicht erhört ist, hat sich gestern ereignet: Der Bankdiskont, der schon auf der ungewöhnlichen Höhe von 6lA% stand, mußte auf 7Vi% erhöht werden.

Wer mit den Fragen des internationalen Geldmarktes nicht vertraut ist, den wird diese Mitteilung wenig aufgeregt haben, und doch han­delt es sich hier um ein volkswirtschaft­liches Ereignis ersten Ranges. Der aus­schlaggebende Grund für die Erhöhung sind die bedenklichen VerhLltniffe in den Vereinigten Staaten. Dort ist infolge der Bankkrifis eine nie dagewesene „Geldnot" eingetreten. An den Börsen des Landes werden unerhörte Leihsätze bezahlt. Um der Geldnot schnell zu steuern, wird an Wertpapieren alles nur irgend Verkäufliche verkauft. Waren und Produkte werden selbst zu niedrigerem Preise dringend angeboten, Getreide, Baumwolle rc. Auf diesem Wege ist eS möglich geworden, daß die Vereinigten Staaten an den europäischen Börsen Guthaben erzielten, die sie nun auf gleich fchnellem Wege einlösen. Es wird also zur Steuerung der Geldnot Geld aus Europa nach Amerika herübergezogen. Die Ausfuhr von Gold nach Amerika ist lohnend geworden und damit ist der Goldvorrat Deutsch­lands ernstlich bedroht. Die Reichsbank mußte also sich gegen den immer stärker werdenden Gold- abfluß vorsehe«, ihn -u verhindern suchen, da wir unfern Geldvorrat selbst dringend brauchen. Das soll nun geschehen durch die Erhöhung des Diskonts.

Ende Oktober hatte die Reichsbank bereits den Diskont auf 6 Vs % erhöht. Aber was mau damit erreichen wollte, wurde nicht erreicht. Der Gol>abfluß ins Ausland geriet nicht nur nicht ins Stocken, er nahm vielmehr einen be« ständig wachsenden Umfang an. Dazu blieb die inländische Inanspruchnahme der Reichs- bank ungewöhnlich stark. Trotzdem hätte die Reichsbank wohl noch einige Zeit den Lauf der Dings obgewartet, wenn nicht die Diskont­erhöhung der Bank von England die Geld­marktlage um ein Wesentliches nach der un­günstigen Seite hin verrückt haben würde. Es handelte sich jetzt darum, daß sich die Reichsban' energisch gegen eine weitere Inanspruchnahme durch da-Ausland rüste. Aus den Erörterungen des Zentralausschusses der Reichsbank ergab sich, daß die Reichsbank in der letzten Zeit nicht weniger als rund 50 Millionen Mk. Gold an das Ausland verloren hat, teils in fremden Geldmünzen, teils in Zwanzigmarkstücken. Unter diesenUmständen wurde die Diskonterhöhung auf 71/* % als das einzige Mittel angesehen, die Geldentnahme einzuschränken.

Die Steigerung der Kreditkosten in Deutsch­land ist keine angenehnie Erscheinung. Aber man darf die Schuld nicht auf die Reichsbank schieben, ebensowenig wie man es dem Thermometer ver­argen darf, wenn er bei zunehmendem Frost sinkt und sinkt. Handel, Industrie und Landwirtschaft werden unter der außergewöhnlichen Verteuerung des Leihgeldes naturgemäß leiden. Wer zum Betriebe seiner Unternehmungen Geld benötigt, muß Zinsen zahlen, die schließlich hoher sind, al§

daS,waS erauSdemGeldherauSwirtfchastet. Daver- teht es sich von selbst, daß alle Ansprüche an die Bank jetzt auf das notwendigste reduziert werden müssen. Reue Geschäfte müßen auf günstigere Tage verschoben werden.

Insofern hat die Anspannung deS Diskonts auch eine gute Seite, als sie der Ueber- pannung des Kredits vorbeugt, also das Strecken nach der eigenen Decke lehrt und die Speku- ation und Gründerei mäßigt.

Möge endlich beim Tanz um daS goldene Kalb Vorsicht gelernt werden.

Deutsches Reich.

• Dem deutschen Kaiser wird während seines Aufenthaltes in England die Universität Oxford die Würde eines Ehrendoktors der Rechte ver­leihen. Der Kanzler der Universität, Lord Cur- zon, wird dem Kaiser das Diplom auf Schloß Windsor in Gegenwart der königlichen Familie eierlich überreichen.

* Die Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und dem König Alfons von Spanien wird dem „Verl. Tagobl." zufolge am 17. November in Windsor Castle stattfinden. Sie werde völlig privaten Charakter tragen und die Teilnahme von Diplomaten soll daher ausgeschlossen sein.

* Der Entwurf eines preußischen Wasser­gesetzes ist an der Hand der erhobenen Ein- Wendungen einer nochmaligen eingehenden Durch­arbeitung unterzogen worden. Die Abänderungen liegen nunmehr den Provinzialbehörden zur Aeußerung vor. Es handele sich dab.'i um der Organisation der Behörden und die Einführung von Wasserbüchern nach der Art der Grund­bücher, in welchen die an den Gewässern be- stehenden Rechte beurkundet werden sollen.

• Die Sprachenfrage soll nach der „Rat. Corr." im neuen V er e i n s g es etz e folgende Regelung erfahren: Die Verhandlungssprache ist deutsch. Ausnahmen zu bestimmen steht der Landesregierung frei. Außerdem soll es in ihr Ermessen gestellt werden, für ganze Bezirke Aus- nahmen zu erlassen. — Mit anderen Worten: den Polen gegenüber wird die landespolizeiliche Willkür gesetzlich festgelegt. Das ist etwas für liberale Bloäleute.

Nachwirkung des Harden-Prozesscs. Es wird uns bestätigt, daß jene höheren Offiziere, di« den verabschiedeten Potsdamer Offizieren vor­gesetzt waren, in Kürze ihren Abschied erhalten. Zunächst kommt in Betracht der Oberst des Re­gimentes Garde du Corps, Freiherr v. Richt- Hofen, der Divisionär v. Klinkowström schied vor einiger Zeit schon aus; auch der komman- dierende General des Garde du Corps, General- Adjutant v. Kessel, soll, wie schon gemeldet, seinen Abschied erhalten. Es soll den betreffen­den Herren Offizieren nicht zum Vorwurf gemacht werden, daß sie die Skandal-Geschichten kannten, sondern man hat an maßgebender Stelle den Ein­druck, daß eine schärfere Beaufsichtigung des un­terstellten Osfizierkorps zur früheren Aufdeckung der Mißstände hätte führen müssen.

1. Das Ausscheiden des Vizeadmirals von Ahlefeld aus dem aktiven Dienst wegen einer Duellfrage wurde in der Presse angekündigt. Dazu teilt die ,Rordd. Allg. Ztg/ jetzt mit: Vizeadmiral v. Ahlefeld habe allerdings einen Eiikettenkonflikt mit einem Marinebaumeister ge­habt. Dieser Konflikt sei aber auf gütlichem Wege beigelegt worden. Was Herrn v. Ahlefeld veranlaßt habe, seine Stellung zur Disposition

zu erbitten, sei die gegen ihn ausgefallene Er- edigung der Beschwerde des Baumeisters. Gegen den allgemein hochgeschätzten und sehr verdienten Admiral liege nicht das mindeste vor, was eine Stellung zur Disposition mit allen Ehren m Frage stellen könnte.

• Gädke verurteilt. Der bekannte frühere Oberst Gädke, der wegen der angeblich unrecht­mäßigen Führung des Titels Oberst a. D. schon wiederholt vor Gericht stand, aber bisher immer reigesprochen worden war, ist nunmehr von einer Berliner Strafkammer zu 150 M Geldstrafe, der höchsten zulässigen Strafe,, verurteilt wor- den. Vergeblich machte sein Rechtsbeistand gel- tend, daß gegen den Generalmajor a. D. Graf Hohenau, der mit dem Recht zum Tragen der Uniform verabschiedet worden ist, trotz sematz Verfehlungen nicht ein ehrengerichtliches Verfah­ren eingeleitet worden sei, was doch Wohl nur da­durch zu erklären sei, daß die Offiziere a D. als nicht der Ehrengerichtsbarkeit unterstehend erachtet werden. Die beiden Fälle bilden aller­dings einen krassen Widerspruch.

* Die Vermehrung unserer Zahlungsmittel. Die Barmer Handelskammer hatte bei dem Reichsschatzamt die Vermehrung der Zehn- und Fünfmarkstücke beantragt und den Antrag damit begründet, daß sich bei den Lohnzahlungen im Jndustriebezirk ein empfindlicher Mangel an diesen Münzen gezeigt habe. Auf diesen Antrag ist jetzt ein Bescheid eingegangen in dem es heißt: Der Mangel an Fünfmarkstücken ist hier nicht unbemerkt geblieben. ES ist daher dem Bundes­rat eine Vorlage wegen einer weiteren Prägung von etwa 20 Millionen Mark in Füns- markstücken zugegangen. Im Hinblick auf die Außerkurssetzung der Taler sind sett Jahressrist etwa 21 Millionen Mark tn Fünfmarkstücken sowie etwa 30 Millionen Mark in Zweimark­stücken bereits zur Prägung gelangt und tue weiter im Gange befindliche Prägung von 17 Millionen Mark in Einmarkstücken ist nahezu beendet. — Im Anschluß hieran sei er- wähnt, daß sich der Zentralocrband Deutscher Industrieller in einer ausführlich begründeten Eingabe an das Reichsschatzamt für die Aus­prägung von Fünsundzwanzigpfennig. stücken ausgesprochen hat.

Auch eine „nationale Feier." Auf dem Schlachtfelds zu Lützen ist dieser Tage die Gustav-Adolf-Kapelle eingeweiht worden; dabei war auch ein schwedischer protestantischer „Erzbischof" anwesend und der König von Schweben sandte folgendes Telegramm:

„Tief dankbar für den an diesem glorreichen Er­innerungstag empfangenen Gruß spreche ich den zahl- reich versammelten Deutschen und Schweden, welche der Einweihung der Gustav-Adolf-Kapelle auf dem Lützener Schlachtfeld« beigewohnt haben, mein wärmstes Mitempfinden aus. DaS Band, welches schon lange die evangelischen Glaubensbruder tn Deutschland und Schweden vereinigt, wird hierdurch noch fester zusammengekettet. Ich habe die feste Zuversicht, daß dieses auch in Zukunst besteht und noch an Kraft gewinnen wird. gez. OSkar.

Wir wundern uns nur, daß kein „nationales"

Blatt sich über dies« Depesche aufhält; die Feier von Lützen ist gleichzeitig die Verherrlichung eines Zeitalters, in dem Deutschland am tiefsten stand. Der schwedische Eroberer, unterstützt von französischem Gelbe, durchzog Deutschlands Gaue und wie selbst protestantische Historiker zugeben, hat er nicht schön gehaust; seine angebliche Manneszucht hielt vor einer objektiven Würdi­gung nicht stand. „Deutsche und Schweden"

dürfen hier ruhig an Deutschlands Schmach ich erfreuen; sie sind aber Protestanten; wenn aber Deutsche und Franzosen in Metz zum eucha- ristischen Kongreß zusammenkommen, um dem Erlöser zu huldigen, bann empfinden „nationale" Blätter sofort Beklemmungen; hier handelt es ich eben um Katholiken.

* Wer waren die Hurrahpatrioten? Wir erhalten folgende Berichtigung: „In Nr. 255 Ihres Blattes vom 6. Nov. berichten Sie, daß wir behauptet hätten, die bekannten Massen- Demonstrationen vor dem Reichskanzler-Palais und dem Königlichen Schloß in der Wahlnacht des vergangenen Winters seien das Ergebnis einer Schar geschickt unter das Publikum ver­teilter deutschnationaler Handlungsgehilfen ge- wesen. Eine derartige Behauptung haben wir nicht aufgestellt. Wir haben vielmehr eine diesbezügliche Nachricht als Zeitungsstimme ab- gedruckt und ausdrücklich dabei bemerkt, daß jene Notiz aus den .Hannöverschen Tagesnachrichten' herstamme. Der Verfasser jener Notiz ist uns gänzlich unbekannt. Deutsche Handelswacht. Die Schriftleitng. Warning."

Also die .Deutsche Handelswachf hat die Nach- richt „nur" aus einem anderen Blatte weiter­gegeben. Wir sehen nicht ein, was da an unserer Notiz wesentliches geändert wird. Das Blatt hat die Nachricht weiter gegeben, ohne sich mti einem Wort gegen ihre Richtigkeit zu ver­wahren, hat seine Leser also glauben gemacht, daß es mit dem Inhalt der Notiz einverstan- den sei, sie als richtig anerkenne. .Deutsche Handelswacht' ist das Organ des deutsch-nationalen Handlungsgehilfenverbandes; die deutsch-nationlen Handlungsgehilfen werden doch nicht annehmen, daß ihr eigenes Blatt ihnen in Angelegenheiten, die sie selbst betreffen, Un­wahrheiten auftische. Im übrigen haben rott schon in Nr. 255 bemerkt: ob nun deutsch-natw- nale Handlungsgehilfen die Massendemonstration inszeniert haben oder andere Leute, es bleibe da­bei, daß es eine Mache einiger „nationaler" Schreihälse war, von denen die übrige „natio­nale" Menge sich hin zum Kanzlerpalais und zum Schlosse leithammeln ließ.

* Aus Schlesien wird der,®erm/ geschrieben: Die Verfügung der Regierung in Trier in Sachen der Erteilung des'Religionsunterrichtes durch katholische Geistliche wird auch in Schlesien gehandhabt. Während bisher eine einfache Mel- düng genügte, daß der Pfarrer oder Kaplan den Religionsunterricht erteile, was im Interesse bei Schuldienstes nicht von ber Hand zu weisen ist, wurde in letzter Zeit in einem speziellen Falle von der Kreisschulinspektion verlangt, daß der Kaplan durch die Schulinspektion der Regierung anzugeben habe, in welchem Orte et bisher ge­wirkt habe. Es wurde ausdrücklich ein schritt- liches Gesuch an die Regierung verlangt behufs Genehmigung der Erteilung des Religionsunter­richtes in der Volksschule. — Es ist unverständ­lich, was diese Fragen mit ber Erteilung bei Religionsunterrichtes zu tun haben. Ein der­artiges Jnquisitionsverfahren ist bisher unteres Wiffens nicht angewendet worden, ivenigstens tn deutschen Gegenden nicht. Im polnischen Sprach- gebiet ist die Erteilung des Religionsunterrichtes durch die Geistlichkeit ja fast ganz ausgeschlossen. Wünschenswert aber ist es, in Erfahrung zu bringen, ob etwa auch anderweitig in gleicher Weise verfahren wird.

Lebenswege.

Roman von Klara Wilhelmi.

’eoj (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung au8 dem zweiten Blatt.)

„Sein plötzliches Erscheinen und der gehässige Blick, welchen er mir zuwars. erschreckte« mich so sehr, daß ich besinnungslos wurde. Nachher ha­ben wir ihn aufgesucht, aber alle unsere Naw- forschnngen waren vergebens," antwortete dte Mutter, die Augen zum Boden gesenkt.

„Dann war dies nicht das richtige Wieder­sehen, ich weiß cs, der liebe Gott wird mein Ge­bet erhören, denn . . . ."

Plötzlich zuckte ihr Arm in dem Käthchens, ihr Fuß zögerte, sich von der Stelle zu bewegen. Be­fremdet schaute die Mutter auf. „Amaliel" er­tönte es von ihren Lippen.

„Käthcheul" hallte es zurück.

Die ihr entgegenkommende Dame begrüßte sie herzlich erfreut, während der Anlalie beglei­tende junge Herr sich stumm verbeugte und mit einem Blick, worin sich große Ueberraschung und tiefes Entzücken aussprach, Helene betkachtete.

„Sieh' hier meinen ältesten Sohn Ernst," sagte Amalie, diesen verstellend. „Sie haben ihn seit einigen Jahren nicht gesehen, ist er nicht recht männlich geworden? Ihre Begleiterin!" setzte Frau v. Feldheim mit einem Blick auf das junge Mädchen hinzu.

„Meine Tochter Helene," stellte Käthchen diese vor. „Frau v. Feldheim,meine Freundin, einst mein Schutzengels meine Hülfe in der größten Not, und deren Sohu, Herr Ernst v. Feldheim."

„Ich brauche nur mehr genannt zu werden", lächelte der.junge Herr, sich verbeugend. „Ich bin so glücklich, Fräulein Werner zu kennen; wir haben schon zusammen eine kleine Reise durch's Gebirge gemacht."

Helene schlug ängstlich beklommen die Augen ^nieder.

Unterdessen war auch das nachkommende Paar, Martha u. Frau Dorndorf, bei der Gruppe aage- kommeu, und erstere war nicht wenig erfreut, ihren liebenswürdigen Reisebegleiter so uner­wartet wieder zu sehen. Gemeinsam fetzten sie den Spaziergang durch den Stadtpark fort. Da Amalie Käthchen ganz in Anspruch nahm und Martha mit Fran Dorndorf ging, so war cs natürlich, daß Ernst Helene zur Seite trat.

„Wie kommt es, Frau v. Feldheim, daß Sie einmal Ihr freundliches Feldheim verlassen und die Stadt aufgesucht haben?" fragte Käthchen.

„Mein Sohn, welcher schon in Jena und Hei­delberg studierte, hat das ganze letzte Jahr die Universität in Paris besucht. Es ist ja einmal so, daß das junge, studierende Völkchen bald hier, bald dort seine Studien fortseht und den Durst des Wissens stillt. Jetzt möchte ich Ernst doch gern in meiner Nähe haben und wird er sich nun hier in der Stadt auf die diplomatische Kar­riere, welche er einschlagen will, vorbereiten. Ich bin deshalb mit ihm herübergefahren, um eine passende Pension für ihn zu suchen," berichtete Amalie.

„Frau v. Hochfeld träumte in früheren Jah­ren schon so gerne davon, ihren Sohn als mäch­tigen Staatsmann glänzen zu sehen," erzählte Käthchen, „was ist doch aus der Familie gewor­den, und wo befindet sie sich?"

„Bestimmtes kann ich Ihnen darüber nicht mit- teilen," erwiederte Frau v. Feldheim, „denn ich habe mich seit der Zeit, wo Sie ohne Grund ent­lassen wurden, von der Familie zurückgezogen und Frau v. Hochfeld suchte keine Annäherung wieder. Sie hat damals in Erfahrung gebracht, daß Sie eine Zeitlang unter meinem Schutze standen, und dies hat sie mir niemals vergeben. Sie ist noch immer die stolze, hochmütige Frau, trotzdem der Bruder viel Schande über seine Familie brachte."

„Ihr Bruder? Hugo v. Bergen?" „Haben Sie denn nicht davon gehört?" „Wie sollte, ich? Was ist denn mit ihm?"

, Er hat lange Jahre das verschwenderische Leben fortgesetzt, verwickelte sich in allerhand Ge­schichten sehr delikater Natur, sank immer tiefer und war schließlich gezwungen, das Weite zu suchen," entgegnete Amalie.

„Dem habe ich stets ein schmachvolles Ende prophezeit," warf Martha dazwischen, die den Namen Hugo v. Bergen gehört hatte.,

Er hat viel zu meinem Unglück beigetragen , sagte Käthchen, „die Strafe dafür konnte nicht ausbleiben." __

Von wem reden Sie denn, fragte Frau Dorndorf.' Martha erzählte im Weitergehen von ^^Meine Worte beim Abschiede, daß ich Sie Wiedersehen werde, haben sich rascher erfüllt, als ich zu hoffen wagte," sagte Ernst zu Helene, „^.lc Blume, welche Sie mir schenkten, hat doch die Wahrheit gesprochen."

Und wieder sah er sie von der Seite an tote er es während ihrer Unterhaltung so ost schon getan hatte. War es das enganliegende, schwarze Trauerkleid, welches Helenens schlanken Wuchs und zarten Teint so vorteilhaft hervortreten,ließ? Sie dünkte ihm noch einmal so liebreizend wie da­mals, als er sie zuerst gesehen. Jetzt plötzlich siel es ihm auf, daß sie Trauer trage. Für wen? Der Vater war verschollen, die Mutter befand sich in ihrer Nähe, wer konnte ihr denn so nahe ge­standen haben, um dessen Verlust sie trauere?

„Sie sind in Trauer?" fragte er dann, „doch nicht?" .... .. r ..

Er hielt plötzlich inne und errötete. Auch sie errötete bei dem bedeutungsvollen Tone des: „Doch nicht?" .,

„Ich habe einen treuen, alten, väterlichen Freund verloren," entgegnete sie leise mit pochen­dem Herzen. , , . . m ...

Ein erleichternder Seufzer hob seine Brust.

Bitte erzählen Sie mir von ihm."

Helene erfüllte diese Bitte gern.unb erzählte, wie Herr Franke sie als ganz kleines Mädchen nach ihrer Marter Heimat gebracht, wie er ihre

Erziehung geleitet, erzählte von feinem Leiden, seiner Krankheit und seinem Tode, nur des Testa­mentes erwähnte sie nicht. Unter diesen Gesprä­chen gelangten sie an das Hotel, tn welchem Frau v. Feldheim mit ihrem Sohne Wohnung genom­men hatte. Hier verabschiedete inan sich, tedoch erst, nachdem Amalie versprochen hatte, noch einen Tag bleiben zu wollen. Ans diesem einen Tage wurden acht und ein jeder führte die Freunde näher zusammen. Für heute hatten fie eine kleine Wasserfahrt auf dem Flüßchen, welc^s sich zwischen schönen Waldungen hinzog, verabredet. Helene fühlte sich seit einigen Tagen in Ernsts Nähe immer befangener und vermied fast ebenso ängstlich jede Unterhaltung mit ihm, obwohl Ernst sie suchte. Aber jetzt, in dem kleinen, engen Kahn, wäre dies nicht gut möglich gewesen^hatte die Schönheit des Abends, der große, volle Mond, welcher still am wolkenlosen Himmel da Herzog und das Wasser bläulich erschimmern ließ, die Insassen nicht feierlich gestimmt und einen eigen­tümlichen, wehmütigen Zauber auf fie ausgeubt. Alle saßen so still in Gedanken versunken da, denn das Mondlicht ruft gern Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, an ähnliche Mond­scheinabende wach. Vielleicht gedachte auch Kath- eben jetzt einer Kahnfahrt in ihren Madchcniah- ren die für ihr ganzes Leben bedeutungsvoll g.e- wesen war, der Kahnfahrt zum alten Kloster in ihrer Heimat, wo sie sich Paul zu eigen gegeben.

Welche Gedanken mochten wohl Helene be­schäftigen? Sie hatte ihren Platz an der Seite Emsts, sich jedoch von diesem abgewandt, und sich über den Rand des Kahnes beugend, ließ sie ihre Hand und den entblößten Arm durch das Wasser gleiten. — Ein sanfter Stoß des kleinen Fahrzeugs an das Ufer belehrte die Tr^mu""^' daß sie am Ziele seien. Als Helene tob erhob, um aliszusteigen, fühlte sie einen schwindel, wahrscheinlich hervorgerufen durch das unablas- sige Anschauen des sich kräuselnden Wassers. Sie geriet ins Schwanken und Ware unfehlbar im nächsten Augenblicke in die Flut, gestürzt, wen«,