34. Jahrgang.
JV8 258.
Drittes Wtatt.
Der Bericht legt auch dar, daß die Polen sich nicht gegen das deutsche Volk wendeten, sondern nur gegen das preußische Systenr. Es heißt in
Entwurfes betont hatte.
Fürst Bülow versucht cs nun mit einer schwächlichen Kopie des BiSmarckschen Gedankens; iöudj er will ein Branntweinmonopol. Aber der Kleinhandel soll dem Privatgeschäft verbleiben, die Spiritusproduktion soll ebenfalls nicht mono-1 polisiert werden. Das Reich soll nur eintreten zwischen den Rohspiritusproduzenten und dem Handel, d. h. es soll der Generalhändler für Schnaps werden. Es übernimmt den Ankauf des Brennerzeugnisses, daneben auch dessen Reinigung und den Widerverkauf. Dieses Geschäft soll jährlich 50—70 Millionen Mark abwerfen. Kleiner als der Bismarcksche Plan, kleiner sind .auch die Zahlen, aber deshalb ist die Sache nicht unbedenklicher. Tie meisten Gründe, die gegen das große Branntweinmonopol sich erhoben, sprechen auch gegen das heutige kleine.
Dieses Monopol ist gar nicht dazu angetan, dem Reiche erhebliche Mehreinnahmen zuzuführen; wir bezweifeln, daß es 50—70 Mill, auf die Dauer abwirft. Heute trägt der Branntwein rund 130 Millionen dem Reiche ein, später ! müßten es also nahezu 200 Mill. sein. Diese Einnahmesteigerung aber halten wir für ausgeschlossen und zwar aus folgenden Gründen: 1. Das Reich muß den Rohspiritus teuer übernch- men; 2. das Reich muß den Branntwein billig abgeben. Es wird eine Hauptforderung des
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Neich.
* Die Polenfraktion will sich mehr und mehr aus der Stellung einer reinen Nein-Partei herausarbeiten und eine polnische Volkspartei werden, (ine Art polnisches Zentrum. In dieser Richtung ist besonders der einflußreiche Abgeordnete Napieralski tätig, der auch vor einiger Zeit einen volkswirtschaftlichen Kursus in M.- Gladbach mitmachte, um dort zu lernen. Er ist auch der Verfasser des Rechenschaftsberichts der polnischen Fraktion, der jetzt viel besprochen wird. Es fällt an diesem Bericht an- genehm auf, daß er von versöhnlichem Geiste getragen ist. Für die Zentrumspresse ist besonders die Stelle interessant, die von dem Verhältnisse der P ole nfr akt i on zum Zentrum handelt. Dort heißt es:
Ostens und der ärmeren wirtschaftlichen Gegenden sein, daß der Preis für den Rohspiritus tunlichst hoch angesetzt wird. Wir sehen heute schon im Geiste eine Bewegung des Bundes der Land- wirte, die den Nachweis führen wird, daß der .. ... ......
! Mindestpreis für Spiritus weit höher sein müsse Idem Bericht, es käme vor, du» als heute; die gesteigerten Löhne, die Erhöhung I System gerichteten Vorwürfe im allgemeinen aus । der Produktionskosten u. a. m. wird ms Feld | die Deutschen bezogen würden. Solche Vorkomm-
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tienbriderd in Suita» zernspiecher Nr. 9.
„Ob die Polen wollten oder nicht, die Regierung und der Block betrachteten sie alt die Verbündeten des Zentrums und der Sozialdemokraten, als oppositionellen Block. Durch die gemeinsamen Interessen aber würden Parteien wie Menschen gezwungen, einander näher zu treten; wie weit dies geschehen könne, hänge von den Beteiligten ab. Natürlich nicht di« beiderseitigen Abgeordneten und deren guter Wille seien für die Beziehungen der ZentrumS-Fraktion zur Polen-Fraktion maßgebend, sondern vor allem hänge daS von den Wählern ab, von dem Volke, aus der einen Seite von dem polnischen, auf der anderen Seite von dem deutschen katholischen Volke. Aber es sei nicht daran zu zweifeln, daß das Völk für den Wert von Freundschaften in der Politik das richtige Verständnis finden und bei der Erörterung der öffentlichen Angelegenheiten auf diese Lage die gebührende Rücksicht nehmen werde. '
ruute Absage im Rchchstage. I ferner die billige Herstellung einer guten Spiri- r - ' u - ‘ " 1 tuslampe gelingt, so wird das Petroleum wohl ganz verdrängt werden; wir würden diesen wirt- schaftlichen Fortschritt sehr begrüßen, er laßt vwl Geld im Lande. Aber dann fallen die Zollein- nahrnen von Petroleum weg und der Spiritus muß erst recht billig werden, weil man nicht das Beleuchtungsmittel des armen Mannes durch Abgaben verteuern darf. Gas und elektrisches Licht sind steuerfrei; da kann man den Spiritus, den der Arme und besonders das platte Land gebrauchen, doch nicht teuer halten. Das Reich müßte den Preis ganz erheblich heruntersetzen.
Einem abschließenden Urteil über das Spl- ritusmonopol soll durch diese Ausführungen noch nicht vorgegriffen werden. Jedenfalls wird man erst abwarten müssen, wie der Gesetzentwurf im einzelnen a u s s i e h t, ehe es an der | Zeit ist, sich eudgiltig dafür oder dagegen (Stellung zu nehmen. Wie weit die Bedenken gegen das Monopol vielleicht aufgeräumt werden, wird auf die Fassung des Gesetzes ankommen.
8 Helden mö Märtyrer.
Märtyrer der Kälte nannte einmal PiuS IX. "die katholischen Misiionare, die dem Gebote Christi, in alle Welt zu gehen, folgend die Geistesarmen im furchtbaren Else und Schnee des nördlichen Kanada aufsuchten, sich bet ihnen mederließen und sie unter den allergrößten, übermenschlichen Mühen dem Christeutume zufuhr- len. Was das für Verhältnisse sind, m die sich diese Missionäre begeben, beleuchtet wieder einmal eine soeben aus den dortigen Gefilden em- getroffene Nachricht. Der Redakteur der Fort Francis Times, der eine längere Reise an der Ostküste der James-Bucht gemacht hat, teilt nut, daß infolge des schrecklichen Wetters und des fast vollständigen Mangels an Lebensmitteln viele Bewohner der nördlicheii Regionen unterliegen. Die Bevölkerung ergebe sich zweifellos der Men- stenfresserei. In einem Falle habe eine Mutter zwei ihrer Kinder gegessen. In einem anderen
München, 7. Nov. 1907. Nach der Verfass- una steht keiner der beiden bayerischen Kammern das Recht zu, Anträge zu stellen, die sich auf eine- Abänderung der andern Kammer beziehen. Das hat die liberale Fraktion nicht gehindert,. die Bitte an die Regierung zu richten, sie möge einen Gesetzentwurf über die Umänderung der E r st en Kammer vorlegen. Die erste Kammer fetzt sich nämlich wie in Preußen das Herrenhaus Haupt- sächlich zusammen aus geborenen Mitgliedern und aus solchen, die von der Krone zu lebens- länglichen Mitgliedern ernannt inerten. Dieses Ernennungsrecht liegt den Literalen im Ma^n. Seit sie in der Abgeordnetenkammer isglichen Einfluß verloren, möchten sie den Städten, ^n- dustrieverbänden, Handelskammern usw. ein Wahlrecht für die erste Kammer einraumen, damit die Liberalen dort Einfluß gewinnen. Um iiie Sache mundgerecht zu machen, haben sie auch ein Wahlrecht für die Bauern-, Handwerker- und Arbeiterverbände hinzugefügi. Es ist keineswegs zu verkennen und von Zentrumsabgeordneten wiederholt ausgesprochen worden daß auch tn der Neichsratskammer die Vertretung der Er- werbsstände erwünscht ser, allein dieser Wunsch kann auch durch das Ernennungsrecht der Krone erfüllt werden. Man darf nur durch die offent- liche Behandlung solcher Bedürfnisse die Krone von der Notwendigkeit überzeugen. Das Zen- trum will von dem Antrag nichts wissen, weil er auf die Beseitigung des Ernennungsrechtes der Krone, also eines sehr wichtigen Rechtes der Krone, hinausläuft, der Regent ater wahrend der Regentschaft ein Kronrecht nicht auf geben darf, weil er gemäß seinem Eide die Kronrechte unverkürzt dem Nachfolger und dem Könige übergeben muß. Auch die Sozialdemokraten erklärten sich gegen den Antrag, weil sie für die Abschaffung ter Reichsratskammer find und ihr durch eine Erweiterung des Bestandes keine neue Zugkraft geben wollen. Namens der Staats- regierung lehnte Minister v. B r e 11 r e i ch den Antrag ab, der eine Schmälerung der Kronrechte bedeute. Bei der Verteidigung des Antrages redete fick der liberale Abgeordnete Cassel- mann in eine unbeschreibliche Hitze hinein, er stellte die Staatsregierung als Dienerin des Zentrums hin und hieb wütend auf Staatsregie- rung und aufs Zentrum ein, was große Heiterkeit im Zentrum erregte, denn der gleichgiltige Vorgang steht in gar keinem Verhältnis zur Ent- rüstung Casselmanns. Die Liberalen sollen sich auf die Hosen setzen und arbeiten, das ist dem Volke lieber, tote dieses leere Populantatsge- schwätz. Der Antrag fiel glatt durch.
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Sein Plan ging aufs Ganze; er wollte das I Reichsmonopol fonfeauent durchfuhren. Nur die Herstellung des rohen Branntweines sollte auch ^weiterhin der privaten Gewerbtätigkeit überlasten bleiben. Im übrigen sollte das Reich etngreifen; es sollte sämtlichen inländischen rohen Bräunt-1 .focht von den Herstellern beziehen, zur Einfuhr von Branntwein aller Art aus dem Auslande ausschließlich berechtigt sein, die Reinigung des Branntweins und seine weitere Verarbeitung zu alkoholischen Getränken sowie den weiteren Ver- kauf von Branntwein aller Art ausschließlich auf eigene Rechnung betreibst.
Man rechnet einen Nettouberschuß von 303 Millionen heraus, der durch Amortisation der einmaligen Ausgaben noch auf 335 Millionen Mark gesteigert werden sollte. Dabei genügt es zur Kennzeichnung der wirtschaftlichen Umwälzung die das Branntweinmonopol im notwendigen'Gefolge gehabt hätte, zu erwähnen, daß nicht weniger als 70000 staatliche Branntwetnver- schleißer eingesetzt werden sollten. Dieser Niesen- plan scheiterte an dem Widerstand des Zentrums ,unb ter Freisinnigen, obwohl Fürst Bismarck in !beweglichen Tönen den nationalen Charakter des
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den ihnen aufgezwungenen Kampf nur mit dem preußischen System zu führen gezwungen seien, sowie mit den Anhängern dieses Systems.
* Karlsruhe, 8. Nov. 1907. Die -Stellung» nähme der nationalliberalen Partei bei der be- vorstehenden Neuwahl des Handtagsprafidiums ist noch immer in Dunkel gehüllt. Die Liberalen wissen selber noch nicht, was sie tun sollen. Hinter ten Kulissen sind zur Zeit mächtige Einflüsse tätig, welche die Nationalliberalen zu bestimmen suchen, von der Wiederwahl eines roten Vize tm Hinblick auf die Stimmung des Großherzogs abzusehe». Man will aber nicht recht, weil man fürchtet, bei den nächsten Wahlen elend unter die Räder zu kommen, wenn die Noten nicht die Liberalen heraushauen. Denjenigen liberalen ■ Blättern gegenüber, welche immer wieder die Behauptung aussprechen, das Zentrum werde auf den ersten Präsidentenposteil verzichten, muß nut allem Nachdruck betont werden, daß für das Zentrum die Verlegenheiten der nationalliberalen Partei keinen Grund abgeben können, auf feinen wohltegründeten Anspruch zu verzichten, die Sache möge dann ausgehen, wie sie wolle.
K. München, 8. Nov. 19o7. Wie sich nach- träglich herausstellt, ist das „Plazet", die könig- siche Genehmigung für die Veröffentlichung des Rundschreibens gegen den Modernismus, nicht vom Augsburger Ordinariate, sondern vom Erzbischof von München persönlich ohne Vorwissen des Münchener Ordinariats oder Domkapitels vom Kultusministerium eingeholt und von diesem gleichzeitig füralle bayerischen Diözesen erteilt worden. Wir haben schon aus- geführt, daß es für einen katholischen Staat mit katholischem Fürstenhause doppelt unverständlich ist, wie sich die vorsintflutliche Bestimmung über das „Plazet" bis ins 20. Jahrhundert erhalten konnte, nachdem das vatikanische Konzil es feierlich verworfen hat und die bayerischen Bischöfe seit deni Jahre 1848, insbesondere aber in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, schwere ] Kämpfe dagegen geführt haben, weil es einen 1 Eingriff in die Rechte der Kirche bedeute. Allerdings ist mit diesem Plazet eine besondere äußere Wirkung verbunden, nämlich die Verpflichtung der Staates, der Kirche in der Durch- sührung des Erlaffes feine Hilfe zu leisten. So führte der Minister des Aeußern, Graf CrailS- heim, am 10. Oktober 1890 in der Reichsrats. kammer auS: „DaS Plazet hat lediglich die Be- deutung: Will eine kirchliche Behörde sich für I einen ihrer Erlasse die Hilfe deS weltlichen Armes sichern, so hat sie um daS Plazet einzu- I kommen." Es mag sich nun wohl aus den be- I sondern Umständen der Enzyklika Plascendi Dominici gtegis und der möglichen Schwierig- ' feit ihrer Durchführung der Wunsch nahegelegt haben, für alle Fälle sich die Hilfe deS Staates System. Es heißt in > n$ern allein weder die Anrufung der Staats- daß die gegen dieses st-yer^ ^bniS zur Publikation kirch- sicher Erlasse paßt in die heutige Zeit, und es
... 1 «. Deutschen scha-1 wäre daher wünschenswert, diesen alten Zopf
geführt werden, um hierfür Stimmung »u ma-1 niste Vorgehen gegen die Polen! eudgiltig abzuschneiden. __ . ..
(ten. So wird das Reich immer teurer einkau- dem die das bei den Katholiken tn * München, 7. Nov.
~ ’ Seite-ater vergrößert ) bemfeilten^ ^.^^inz usw, und sie er- - - ■
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die Schar jener, die nach billigem Spiritus rufen. — Vor allem unser Gewerte;^ eine "rn&
aus allen ■ Staaten M »eutfiten Me*8, b.e ben 16«
Unpolitische SeiNSuse.
(n) Berlin, 7. November 1907.
(Nachdruck verboten.)
r „Sire, geben Sie Gedankens reih eitl" sagt ter redselige Posa bei Schiller. Ich mochte mit ähnlichem Schwung sagen: Mitbürger, gebt Trinkfr eiheitl .
Ja, haben wir tenn keine Trmkfrethetik Kann man nicht trinken, so viel man will, — wenn nur das Kleingeld ausreicht? Freilich, der Staatsbürger hat das Recht, viel zu trinken, und sogar die Freiheit, zu v i e 1 zu trinken. Aber wenn er nichts trinken will oder nur so wenig, dann hört unter Umständen seine Freiheit auf. Die Unmäßigkeit hat bei uns zu Lande mehr Freiheit, als die Mäßigkeit oder gor die Enthaltsamkeit.
Der Trinkzwang ist leider kein leerer Wahn. Zum Beispiel: r
Da ist ein junger Manu ausgewachsen am elterlichen Tische, auf dem zum Mittagessen eine , Flasche Wasser prangt. Nun muß er aus dem Vaterhause fort in die Fremde, und die Verhältnisse nötigen ihn, fortan in einem Wirtshause fein Mittagsmahl einzunehmen. Der Wirt sagt: An dem Esten verdiene ich nichts, das Bier muß es bringen! Daß jeder Gast wenigstens ein Glas Bier trinkt, wird als selbstverständlich vorausgesetzt oder ausdrücklich gefordert. Das sogenannte Selterwasser schmeckt nicht jedem; wer eS doch verzieht, wird schief angesehen oder gar verspottet. Unter den Kameraden gibt es immer „bierehrliche" Naturen, die für die Wirksamkeit des Trinkztoangcs zu sorgen wissen. Deshalb darf auch das bestellte Glas Bier nicht unge- trunfen stehen bleiben. Die überflüssige Geldausgabe ist noch nicht das schlimmste; ter Jüngling gewöhnt sich daran, das Mittagessen mit Alkohol zu begießen, und wird vielleicht sein ganzes Leben lang diese Unsitte nicht wieder los. Und es ist wirklich eine Unsitte, in der Mitte
eines Arbeitstages Bier zu trinken, weil es die Regsamkeit des Körpers und des Geistes herabsetzt. Jeder Sportsmann weiß das und handelt demgemäß. . ~ t
Ein anderer Fall: Ich muß tm Lause des Tages in ein Gasthaus eintreten, um einen anderen zu treffen, eine Zeitung zu lesen, ein Adreßbuch nachzuschlagen rc. Natürlich muß ich etwas- verzehren, damit der Wirt seine Entschädigung hat. Will ich alkoholfreie Getränke haben, die mir zusagen, so ist das in den meisten Fällen umständlich und oft auch kostspieliger. Das einfachste ist, ein Glas Bier für 10 oder 15 ,Z zu bestellen. Was der Mensch bezahlt, glaubt er in der Regel auch trinken zu müssen.
Ein dritter Fall: Du kehrst abends in ein Wirtshaus ein, um dir nach des Tages Last und Arteit ein Gläschen oder auch zwei zu gönnen. Du triffst Bekannte an, was ja an sich recht nett ist. Aber es gibt Prost-Leute darunter; bald von hier, bald von dort wird dir zugetrunken, und du mußt Bescheid tun, wenn du nicht für unhöflich gelten willst. Dadurch wird dein Deputat schon in die Höhe getrieben. Aber du willst doch zur testimmten Zeit nach Hanse gehen. „So jung kommen wir nicht mehr zusammen", ruft da ein Kleber. Nun geht das Notigen los. Man setzt dir zu mit freundlichen Werbungen und mit schlechten Witzen über Hausschlüssel, Pantoffel re. „Na, nun wollen wir alle zusammen noch den letzten kommen lassen!" — „Nein, immer den vorletzten."
Wenn dein Unglück voll toerben soll, so findet sich in der Gesellschaft ein „Rundenschmeißer", der sich furchtbar groß vorkommt, wenn er für den ganzen Tisch noch eine Lage anfahren läßt. Es widerstrebt dir, auf fremde Kosten beuten Magen mit Bier zu beschweren; aber du fürchtest, bei dem Spender als hochmütiger Spaßverderber, bei dem Wirt als geiziger Geschäftsver- derber fchies angesehen zu werden. Also „rin in's Vergnügen!" der Aerger wird schon Nachkommen • -■* -
In der Lat, es gibt einen Trinkzwang, der noch viel häßlicher und schädlicher ist, als der vielbesprochene Trinkgeldzwang. Das Geschenk, das ich nach Gewoynheitrecht dem Kellner machen muß, kann nur meinen Geldbeutel schädigen; die Getränke aber, die ich anderen Leuten zu Liebe durch die Kehle tagen muß, können meinen Magen, meine Nerven, meine Gesundheit, meine, Arbeitskraft und sogar mein häusliches Glück schädigen. „Es ist ein Unsinn, aber man macht es doch mal mit". Wer wirklich klug und tapfer ist, sollte sich gegen den Zwang auf lehnen, auch nenn er im Gewände der Freundlichkeit auftrilt. Zu den unveräußerlichen Menschenrechten sollte auch das gehören, nur zu trinken, was man selbst zu trinken für gut hält.
Eine gewisse Milderung ist insofern eingetreten. als sich jetzt die kleineren Gemäße mehr eingebürgert haben. Wie ich vor nahezu 4J -wh. ren mit dem Studium des Wirtshauses ansing, mußte jeder anständige Gast wenigstens em großes Glas einheimischen Bieres für 15 Pfg. lau- fm- wer den fei mm Mann beim „Echten spie- len wollte, mußte wenigstens eine halbe Maß für 3 Silbergroschen sich leisten. Wer damals mrt einem „Schnitt" hätte anfangen wollen, ter toäre für arm ober für krank gehalten worden. Jetzt finden sich fast überall sehr anständige Wirtschaften, wo das 10 Pfg.-Glas für „bierehrlich" gilt. Hier in Berlin z. B. kann man sogar für 10 Pfg. ein Gläschen „Echtes"haten, allerdings nur $/io Liter. Ein „kleines" Pilsener oder Münchener für 15 Pfg. ist gang und gäbe. Die fingen Leute ziehen die „Kleinen" vor, selbst wenn die Bruchteile in der Rechnung etwas nach oben abgerundet sind; denn erstens hat man immer einen frischen Stoff, der seinv Kohlensäure noch nicht verloren hat, und zweitens kann man bei den kleinen Gläsern besser das bekömmliche Maß innehalten. Wer mehr auf die Gute, als auf die Masse des Getränkes achtet, braucht feinen großen Humpen und macht keinen «Kuh- schlrrck ß ‘
Ein Fortschritt ist es auch, daß an die Stelle d»s reinen Bierausschanks immer mehr das so- genannte Casö tritt, wo man auch eine Tasse Kaffee ober Milch, ein Stück Kuchen und em Glas Wasser, eine Limonade ober dergleichen haben kann. Es bleibt nur zu wünschen, daß man ein Glas gute Limonade, mit echtem, reinem Zitronen- oder Himbeersaft, für denselben Preis erhalten kann, wie ein gewohnsiches Glas Bier. Noch besser wäre cs, wenn überall ein Glas Wasser als normale Bestellung gelten würde Sagen wir: ein Glas Wasser mit einigen Stückchen Zucker für 10 Pfg. Meinetivegen auch ein Fläschchen kohlensaures Wasser für 10 Pfg.. mit etwas Zucker für 15 Psg.
Unter solchen Umständen wäre auch der Trink- zwang beim Essen eher zu ertragen. Die Wirte saaen, sie setzten bei den Speisen zu und mußten sich an den Getränken schadlos halten. Bei den hohen Preisen der Lebensmittel mag das wohl häufig wtreffen. Aber eine solche geschäftliche Kalkulation ist nicht richtig. Sie ist ebenso falsch, wie die Unsitte gewisser Warenhäuser, einzelne Lockartikel billiger als zum Einstandspreise ab- zngeben. Die Vereinigungen der Gastwirte soll- ten darauf hinarbeiten, daß auf die Speisekarte reelle Preise gesetzt werden, so daß dem spei- senden Gast nicht leise ober laut vachgeiagt werten kann, er habe sich etwas schenken lassen. Glaubt der Wirt durchaus nicht ebne den Trink- zwang beim Essen cmskommen zu können, so soll et wenigstens alkoholfreie Getränke für, denselben Preis und mit derselben Kulanz an bieten.
Es liegt aber nicht an den Wirten allein; auch die Gäste müssen sich die Mitwirkung beim Trinkzwang abgewöhnen. Wenn einer keinen Alkohol trinken will, so lasse man ihn ungestört seinem Geschmack folgen. Es ist ja ein blödsinniger Abervlaube, daß der Bierdurst der emzig richtige Maßstab für die deutsche Männlichkeit sei. Und es ist eine Unart, ja unter Umständen eine freche Zudringlichkeit, wenn einer verlangt . daß ein Mitbürger über seinen eigenen Durst trinke» soll.