Einzelbild herunterladen
 

Klchrlitt tSglich mll N«,nahm« der Son»' «ndZiriertage. viertel' »Shrt.vezugrpreir ohne Brinaerlwn und Bestellgeld in Fulda und »urwörtr l Ml. 60 Pfg.

Verantm. Redakteur:

Larl Schütte;

für die Anzeigen: 3. Parzeller in Fulda.

ZulvaerMZeitung

Wochenbeiloge: „Illustrierte Sonntagrzeitung" momkMaze: „Fuldaer GeschlchtrdlStter''

Sn; eig en. Vie rlm fpaltige Petitzeilr oder deren Raum 15 Pfg. Reklame» »ie petitzeile 25 pfg.; bei wieder« Holungen cvird entfpr.

Rabatt gewährt.

Rotation;druck «. Verlag der Fuldaer rlc« tiendr ickerei in Fulda.

Fernsprecher Rr. v.

Fulda, Montag den 4. November 1907.

M 253.

34. JlchrslMl*.

—■ ==

g Moiiiite Asoember, Dezember g

M nehmen fortwährend alle Postanstalten, H]

Landbriefträger, Zeitungsträger und

Z

-- Der Bankkrach in Nordamerika.

die Expedition (Harmonie) Bestellungen auf die ,Fuldaer Zeitung' zum Preise von 1 Mark (ohne 93e«

Ein vernichtender Wolkenbruch ist über die Aordamerikanische Bank- und Handelswelt hin- tveggezogen. Banken aller Art sind zusammen- tzebrochen und das Land ist bedeckt mit einem -Trümmerfeld geschäftlicher Unternehmungen.

Unter dem Ansturm der mißtrauisch ihre Ein­lagen zurückverlangendeu Bevölkerung sind Ak- ztiengesellschaften und Privatunternehmungen in großer Zahl zu Grunde gerichtet worden, andere haben nur durch mehrtägige oder mehrwöchige Verweigerung von Zahlungen dem völligen Ruin entgehen können. Der ganze Zahlungsverkehr des Landes ist ins Stocken geraten, und der Schatzsekretär Cortelyou macht verzweifelte An­strengungen, um alles wieder ins Geleise zu bringen, den Geldumlauf einigermaßen zu be­leben, denl mit einem Male ins Ungeheure ge­wachsenen Bedarf die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. Gesundung haben aber feine Maßnahmen nicht gebracht und auch nicht bringen fönneit. Die Wirkungen jener Krisis aber greifen weit über die Grenzen der Vereinig­ten Staaten hinaus. Sämtliche Börsen der Welt sind davon in Mitleidenschaft gezogen worden, und die großen Zentralbanken Europas haben sich genötigt gesehen, besondere Maßnahmen zunr Schutze ihrer Wirtschaftsgebiete zu treffen.

Die allgemeinen Ursachen der Börsenkri- sis sind zu suchen in einer gewaltigen schwin­delhaften Ueberspekulativn, die sich im Gefolge einer mehrjährigen Hochkonjunktur auf fast allen Gebieten des amerikanischen Wirt- chaftslebens eingeuistet, die Preise von Rohstof- cn und Waren wie von Wertpapieren fabelhaft n die Höhe getrieben und zu allgemeiner Ueber- pannung des Kredits geführt hatte. Der Zn- amunnbruch dieser Uebcrspekulation auf einem derjenigen Gebiete, auf dem sie ihre wildesten Orgien gefeiert, auf dem Kupfer markt, brachte dann den Rückschlag. Wenn die Tonne Standardkupfer in London anfangs März noch 110 Pfund Sterling kostete, anfangs Oktober aber nur mehr 61 Pfund Sterling, so erklärt das olne weiteres den Preissturz der Papiers aller der Gesellschaften, die ani Kupfergewerbe beteiligt sind. Ein großer Teil der Wertpapiere, die jene Trust- und anderen Banken mit denl guten Gelds ihrer Einleger beliehen hatten, war getnaliig entwertet worden. Als mm eine ange­sehene Kupferfirma zusammenkrachte. ergriff mir einem Male eine allgemeine Panik die Gemüter. Es erfolgte ein allgemeiner Ansturm! auf die Kassen der Trust Companies, der Ratio-1 nat Banks, der State und Saviugsbanks mit |

dem Erfolg, daß eine überraschend große Anzahl aller dieser Banken sich außerstande fah, Zahlung zu lei st en. Es fehlte überall an ausreichenden Zahlungsmitteln. Geld war zeit­weise überhaupt nicht zu beschaffen. Eine der angesehensten unter diesen Gesellschaften, die Knickerbocker Trust Co., ließ zwar erklären, sie sei vollkommen zahlungsfähig — sie habe nur nicht das nötige Bargeld beschaffen können; doch werde sie am nächsten Tage die Zahlungen wie­der anfnehmen. Als aber der neue Tag anbrach, hatte sich die Behörde der Bestände bemächtigt und eingehende Untersuchung angeordnet. Tie Knickerbocker-Gesellschaft knickte nun gänzlich zu­sammen. Aber nicht nur bei ihr war inbezug auf die Verwaltung „nicht alles ganz richtig", und ein Ereignis jagte das andere. Die Zah­lungsunfähigkeit weiterer Institute entfachte die Sorge der mißtrauisch gewordenen Menge erst recht. Kein Mensch wollte mehr sein Geld in den Banken belassen.

Die Krisis wäre nicht möglich gewesen, wenn sich nicht die geschäftliche Moral in den Kreisen der Großfinanz nud der Blüte des Trustwesens in einem Zustande befände, der der Staatsauf­sicht, wie Roosevelt sie fordert, dringend bedarf. Der Krach verrät eine Fäulnis, an der das Trust- ivesen mitschuldig genannt werden nurß. Es ist sowohl in den gewöhnlichen Bankgeschäften wie in Spekulationslagern und in den Trustbanken willkürlich über Hunderte von Millionen verfügt worden. Ging es gut, so hatten die Macher den Gewinn, ging es schlecht, so verloren Tausende ihr Geld.

Der Präsident hat eine ruhmvolle Tat getan, als er mit seinem bekannten Kampfe gegen die Schäden des Trustwesens, gegen die Mißwirtschaft in den industriellen Riesengesellschaften und den Banken in dieses Wespennest hineingegriffen hat. Er wird kaum vergeblich sein Volk anrusen, ihm bei der Heilung so schwerer Schäden behilflich zu sein. Natürlich Bieten die Trusts alles auf, nm eine Reform zu verhindern. Die letzwn Börsen­vorgänge, die so viele Tausende in Mitleiden­schaft gezogen haben, beweisen indes die Not­wendigkeit eines Heilverfahrens so drastisch, daß Roosevelts Aussichten auf Erfolg wieder gestie­gen sind.

Ausland.

* Tie neueste französische Spionage-Affairr. Trotzdem eine starke Strömung besteht, die Frage des Landesverrates bei dem verhafteten Schisss- sähnrich Nllmo zu verneinen, scheint sein Ver­brechen größer z» sein als jenes, wegen dessen man einst Treyfns anklagte. Jedenfalls ist es viel schwerer, als ursprünglich angenommen wurde. Ullmo arbeitete seit Monaten unausgesetzt an der Ausübung des Verbrechens; er hatte jedes der geheimen Dokumente in mehreren Exemplaren vervielfältigt und war mit dem Auslande in Ver­bindung getreten. Einmal unternahm er eine viertägige heimliche Reise; seine Entdeckung wurde durch "die Abfassung seiner Korrespondenz mit dem auswärtigen Agenten herbeigeführt. Mino Haiden größten Teil der geheimen Pläne an Bord des Torpedo-Zerstörers „Carabine" in der Kabine des Kommandanten photographiert, wenn dieser abwesend war und er als Stellvertreter fungierte.

* Frankreich und die deutsche Luftschiff­fahrt. Der bekannte Luftschisfer Graf de la Baulx erklärt im .Echo de Paris', daß zurzeit auf dem Gebiet der Motorlustschiffahrt Fran k- reich von Deutschland überflügelt sei. Graf Zeppelin habe den Rekord geschlagen.

und auch Parsevals Ballon biete durch seine leichte Transportfähigkeit große Vorzüge. , Die Franzosen, die noch vor kurzer Zeit unbestrittene Meister auf diesem Gebiet gewesen waren, müßten jetzt alle Anstrengungen machen, um den Erfolgen deutscher Energie zuvorzukommen.

* Norwegen hat seine erste große Mini- sterkrisis. Der Königmachsr Ministerprast- dent Michelsen, der seit den Tagen der.Unab­hängigkeitserklärung des Landes seine Politik ge­leitet hat, ist von seinem Amte zurückgetreten. Die Durchführung der Neutralisierung des jun­gen Königreichs lag ihm am Herzem Das.ist ihm in Wirklichkeit wohl gelungen, formell tm Augenblick freilich noch kaum. Was feinen Ruck- tritt beschleunigt, ist ein sehr ernstes Herzleiden; ein längeres Verbleiben im Amte, würde ihn üer Lebensgefahr aussehen. König Haakon wird da­her Michelsens Rücktritt genehmigen, wenn auch schweren Herzens, und die Norweger begleiten seinen Rücktritt mit Ausdrücken tiefster Dank­barkeit und aufrichtigster Sympathie.

* Rußland und Japan sind wieder so voll­kommen einig, als hätte es nie einen Krieg zwischen ihnen gegeben. Bei einem in Peters­burg zu Ehren des japanischen Botschafters Dr. Motono und der zu der Konferenz zum Abschluß einer russisch-japanischen Fischereikonvention ent- sandten Delegierten veranstalteten Festmahle wurde in den Trinksprüchen die Bedeutung der abgeschlossenen diplomatischen Akte betont, die den beiden Nachbarvölkern bei der herrschenden freien und friedlichen Konkurrenz die Möglichkeit biete, auf dem Wege der ferneren Entwickelung voranzugehen.

Literarisches.

Soll der Einige und Dreieinige. Von Protono­tar Professor Dr. Gut beriet. Regens­burg 1907.

Erst vor wenigen Wochen wurde in der Ful­daer Zeitung die zweite Auflage der „Willens­freiheit" von Gutberlet angezeigt, die eine förm­liche Neubearbeitung darstellt. Heute sind wir in der Lage, auf ein neues, umfangreiches Werk des hochw. Herrn Protonotars hinzuweisen, das wieder von der Geistesfrische und Schaffensfreu­digkeit, der Gelehrsamkeit und spekulativen Krast seines Verfassers beredtes Zeugnis ablegt. Es be­handelt die Lehre von Gott dem Einigen und Dreieinigen, die Theologie im engeren Sinne, lieber die Ziele, die es verfolgt, spricht sich der Verfasser im Vorwort solgendermaßen aus:

„In: Anschluß an unser Lehrbuch der Apolo- getik gedenken wir eine Apologie der wichtigsten und schwierigsten Dogmen und Geheimnisse des Christentums zu geben. In dem. Lehrbuche sind vorzugsweise die äußeren Kriterien des. Offen­barungsglaubens behandelt worden, die inneren konnten nur im allgemeinen den Gesamtcharakter des GlanbensinhalteS ins Auge fassen. Eine volle Wütdignug desselben kann nur durch Ein­zeldarstellungen erreicht werden; nur durch eingehendere Darlegung, Begründung und Verteidigung wenigstens der Grundwahrheiten des Christentums und Widerlegung der entgegen- stchenden Irrtümer kann die Vernünftigkeit un­srer Religion, ihre Heiligkeit, hehre Schönheit, Erhabenheit, innere Harmonie und Angemessen­heit für die wesentlichsten Bedürfnisse des Men- chen in die rechte Beleuchtung gerückt werden. Dieser Zweck muß in erster Linie durch eine mehr spekulative Behandlung erreicht werden, während die äußeren Kriterien eine vorwiegend historische Behandlung verlangen. Wenn wir diese spekula­

tive ober philosophische Methode hier ausgiebig in Anwendung bringen, und in der Gotteslehre geradezu zu derselben hingedrängt werden, so möge man dabei nicht an unfaßbare Subtilitäten denken. Wir haben allerdings auch subtilere Fragen behandeln müssen, um Schwierigkeiten, welche die Glaubenslehre, insbesondere die Ge­heimnisse bieten, zu lösen, um Einwände zurück- zuweisen, und selbst um ein bescheidenes 'Maß von Einsicht in die Offenbarungswahrheiten zu gewinnen, aber im allgemeinen haben wir uns einer gemeinverständlichen Darstellung beflissen, manchmal etwas breitere Ausführungen gegeben; weil wir bei unserer Arbeit neben den a p o lo- g e t i s ch e n auch homiletische Zwecke im Auge hatten, wir wollten den Verkündigern des Wortes Gottes Stoff an die Hand geben, den sie für eine Verteidigung und ein besseres. Verständ­nis der kirchlichen Lehre. das zu ermitteln jetzt immer mehr not tut, ohne viele Mühe gebrauchen könnten."

In engem Anschluß an die „kindlich, fromme, schlichte und kristallklare . Spekulation des englischen Lehrers, des heiligen Thomas von Aquin, behandelt das Buch Gottes Erkenn­barkeit, die Beweise für fein Dasein, das Wesen, die Eigenschaften und das Wesen Gottes. Es legt das Geheimnis der heiligsten Dreifaltig­keit dar und bietet dessen spekulative Behandlung. Zum Schlüsse wird die hohe theoretische und prak- tifclje Bedeutung dieses Geheimnisses für die Er­kenntnis des göttlichen Wesens, für die Lehre von der Menschwerdung, für das übernatürliche Gna­denleben des Christen erörtert.

Wir glauben, es müsse für Geistliche und ge­bildete Laien ein Hochgenuß sein, ein Werk, wie das vorliegende, in Muße durchzustndieren und sich zum geistigen Eigentum zu machen. Mögen recht viele sich diesen Genuß verschaf­fen. Möge es aber auch dem hochw. Herrn Ver­fasser beschiedeu fein, noch durch manche litera­rische Gabe seine zahlreichen Verehrer zu erfreuen und die katholische Wisienschast und die Sache unserer heiligen Religion zu fördern. L.

Wiedersehen im Jenseits. Ein Trost beim Ver­luste geliebter Angehörigen. Nach P. Blot bearbeitet und neu herausgegeben von P. H. Nix, S. J. 4., vollständig umgearbeitete Auflage. Eleg. geb. 1 M. F. I. Buche r- sche Verlagsbuchhandlung, Würzburg.

Diejenigen, denen Gott große Prüfungen auf­erlegt, und die Trost suchen, werden dieses Büch­lein nur mit Befriedigung und erleichtertem Herzen ans der Hand legen.

Marktberichte.

*b Fulda, 1. November 1907. Auf dem heutigen Schiveinemarkte waren 125 Ferkel aufgetrieben. Bezahlt wurden für Ferkel 3, 10 u. 16 Mk. pro Stück.

Reklamen- und Anzeigenteil.

Mohenlohesch« afermehl verhütet Erbrechen und 1 Durchfall. Kinder, die ” —

Milch allein nicht vertragen, oder an eng» Uscher Krankheit leiden, gedeihen vorzüglich, 6<M>aid det Milch Hohenlohe’sches Hafermehl «»gesetzt wird-

(-) Aberglaube.

Von Hans Gisbert.

Lächelnd kam dieser Tage ein Arzt von dem Krankenbett einer als hervorragend schön und freigeistig bekannten Dame; er hatte bei der Untersuchung ihren Gesundheitszustand bedeu­tend besser gefunden und dieser erfreulichen Tat­sache versch'.edentlich Erwähnung getan. Dabei war ihm zu seinem Erstaunen aufgefallep, daß seiner jedesmaligen Bestätigung der Besierung von feiten der Patientin ein dreimaliges An­klopfen an die Holzwand des danebenstehenden Möbels und ein leise gehauchtes „Unberufen" ge­folgt fei. Spöttisch meinte der Arzt: „Alles wollen diese neuen Frauen von Grund auf re­formieren, Staat, Ehe und Religion. Von dem glten Glauben wollen sie nichts mehr wissen; aber einem solch lächerliechn Aberglauben bewahren sie ein ivarmes Plätzchen in ihrem fortgeschrittenen Herzen und sind wahrscheinlich überzeugt, mit hem Hokuspokus die Krankheitsdämonen in Acht und Bann zu tun."

Verallgemeinern darf man einen solchen Fall Natürlich nicht; aber die Tatsache ist doch befrem- bcnd, daß in unserem aufgeklärten 20. Jahrhun- oert, das so schonungslos unter allem aufräumen tmU, was früheren Geschlechtern heilig war, der Aberglaube die schönsten Früchte treibt, wenn auch in modernem Kleid; denn vom Gesundbeten, vom Krankheiten fortzaubern, von der Diagnose ?.us getragenen Strümpfen und einem spiri- tisnschen - Schwindel wußte man früher nichts. Da standen die Sympathiemittel in hohem An- fehen, die heute nicht mehr gesellschaftsfähig sind, jtn Volke, aber noch warme Anhänger haben, wie ich erst kürzlich erlebte. Eine alte Näherin hatte ich durch Uebersehen eines kleinen Trepplings )en Fu<j überschlagen und kam nun humpelnd mü stöhnend herein: „Wh Gott, ach Gott! Bei ungern Licht soll man lych nicht über Brücken when und dazu ist doch auch noch Freitag." Ich je6 sie Bleiwasserkompressen machen und be­

merkte, daß die Geschwulst gleich einfiel, was sie । aber nicht wahr haben wollte. Nach Tisch hatte sie die Schuhe wieder angezogen und begrüßte mich triumphierend: „Ich habe mir selbst gehol­fen mit Sympathie." Auf meine lächelnde Frage, wie sie die Sympathie denn anwende, entgegnete sie entrüstet, vor Spöttern dürfe man nicht darüber sprechen; sie helfe nur Gläubigen. Soviel Weitz ich nur, daß sie sich dreimal nach Osten verbeugen mußte und sich sehr oft dabei be­kreuzigte. Ein Glück für ihr Sympathiemittel, daß sie es erst nach Gebrauch des Vleiwassers an- geivendet hat. Sie wird seine Heilkraft nun überall anpreisen und noch mehr Beschränkte überzeugen, die bei der Verquickung von Aber­glauben und Frömmigkeit noch dazu überzeugt sind, im Sinne der Kirche zu handeln.

Abergläubische Furcht inbezug auf Freitags- Unannehmlichkeiten, auf das „Berufen", das so weit geht, daß manche Leute nicht von erfreu­lichen Dingen sprechen können, ohne jedesmal ein „Unberufen" einzuschalten, auf die Zahl 18 ist auch in der guten und besten Gesellschaft hei­misch. In Hotels, Krankenhäusern usw. wird beim Numerieren der Zimmer die Zahl 13 ein­fach ausgemerzt, weil die meisten ein solches Zim­mer nicht beziehen wollen. Gesellschaften werden abgesagt, wenn kein vierzehntes Mitglied aufzu- treiben ist, ober der dreizehnte Gast wird ausge- laden. Hat der Zufall aber wirklich einmal 13 Personen zusammengesührt, so wird sicher die Hälfte von abergläubischer Furcht befallen; be­sonders der dem Spiegel Gegenübersitzende wird als ein Opfer des dunkelsten Schicksals ange­sehen. Meist verlaufen diese trüben Befurch- tungen im Sande. Trifft aber wirklich den einen ober anderen der Teilnehmer eine beson­dere Unannehmlichkeit, so sind die abergläubischen Gemüter höchst befriedigt und angenehm-schaurig berührt. Dasselbe gilt von den Ahnungen. Wie- viel wird im Leben „geahnt", was nie zutrifft; hat aber eine ahnungsvolle Seele einmal zufällig eine wirklich zutreffende Unannehmlichkeit vor­hergesehen, so erreicht sie eine förmliche Berühmt­heit im Bekanntenkreis- J

Neu war mir, daß auch der Montag ein bedenk­licher Tag sein soll. Montags darf man kein ge­schäftliches ober berufliches Unternehmen begin­nen, auch nicht reifen und besonders nicht hei­raten, denn „Montag wird nicht wochenalt". Inbezug auf Hochzeiten herrschen besonders aber­gläubische Vorstellungen. Von zwei an demsel­ben Tage getrauten Bräuten stirbt eine nach Jah­resfrist, beim Glückwünschen von zwei Gratulan­ten über Kreuz gereichte Hände bedeuten Unglück, Rosioein ants Brautkleid verschüttet, Tod. Eine Braut darf keine Perlen tragen, weil sie Tränen bedeuten, keine Opale, weil diese traurige Schick­sale anziehen,und was des Blödsinns noch mehr ist. Auch die Träume spielen eine große Rolle, weshalb Traumdeuterinnen und Kartenlegerin­nen so glänzende Geschäfte machen. Tie ge­legentlichen Prozesse in der Weltstadt Berlin, der Metropple der Intelligenz, entrollen von der Dummheit und Leichtgläubigkeit unserer Zeit- genossen ein anschauliches Bild. Allerdings sind uns unsere westlichen Nachbarn darin bedeutend über. Man lese einmal in einer größeren fran- zösischen Tageszeitung die {baltenlangen Inserate aller dieser Kartenschlägerinnen.

Im allgemeinen neigt das weibliche Geschlecht am meisten zum Aberglauben. Unter den Männern sind die Seeleute die abergläubigsten, wie schon ihre viele Sagen, angefangen vom flie­genden Holländer bis zum Klabautermann, be­weisen. Daß selbst große Männer diesem Fehler verfallen, zeigt das Beispiel Napoleons und vie­ler heidnifcher Helden. Im Mittelalter spielte der Talisman und die Wünschelrute ihre Rolle; im 18. Jahrhundert waren die Somnambulen an der Tagesordnung und heute beherrschen die Medien der Spiritisten, die modernen Nachfolger des einstigen Mesmerismus die „aufgeklärten" Köpfe vieler Tausende.

Allerdings gibt es noch viel zwischen Himmel und Erde, wovon unsere Schulweisheit sich nichts träumen läßt. Wie die Wissenschaft täg­lich neue überraschende Entdeckungen macht, so werden auch geheimnisvolle Naturkräfte erforscht und dem Menschen untertan aemackt Wer hätte

z. V. früher eine tatsächliche Heilung durch Hych nofe, durch Suggestion für möglich gehalten; Im Mittelalter wäre derjenige wohl als Hexen­meister gekennzeichnet worden, der sich dieser Fähigkeit gerühmt hätte. Und heute gibt es hunderte von Nervenleidenden, von Hysterischen, die zu den Hypnotiseuren ihre Zuflucht nehmen und auch teilweise wirklich geheilt werden, wenn nicht eine organische Erkrankung vorliegt. , Diese Suggestion, oder auch Selbsthypnose ist die Ur­sache, weshalb auch sympathische Mittel oder Be­sprechungen zuweilen Erfolg zu haben scheinen.

Deshalb braucht man aber noch lange nicht Anhänger des Spiritismus in feiner jetzigen ausgefallenen Form zu fein, an das voraus- fagenbe Tischklopfen ober das Geisterzitieren aus dem Jeufeits zu glauben, wenn man das Walten unbekannter Naturmächte zugibt. Tie Wissen­schaft erklärt ja so vieles, was dem Laien unbe­greiflich dünkt; die geheimnisvolle Erscheinung von Ebbe und Flut, den Magnetismus und die Elektrizität, die unferen Altvorderen entweder ganz unbekannt waren oder zu abergläubischen Sagenbildungen Veranlasiung gaben. Späteren Zeiten werden manche unaufgeklärte Naturvor­gänge erschlosien fein, die uns heute noch wie Rätsel anmuten.

Aber auch im gewöhnlichen Leben ereignet sich oft ein ganz wunderbar erscheinender Vorgang, den man sich durchaus nicht erklären kann, und der aus einer Reihe von Zufälligkeiten geboren ist, wie sich bei genauer Nachforschung ergibt. Man gehe diesen „Erscheinungen", diesem „Mel­den, von Verstorbenen" diesen „Wundern" scharf zu Leibe, um die Tatsachen festzustellen und jede Legendenbildung im Keime zu ersticken. Dienst- boten haben dazu eine verderbliche Neigung, die oft verhängnisvoll für die phantasievollen Köpf­chen der Jugend ist, da die Jugendeindrücke sehr fest haften.

„Ter Aberglaub', in dem wir aufgewachsen, verliert auch, wenn wir ihn erkennen, drum doch seine Macht nicht über uns", sagt Lessing. „9$ sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten."