Klchrlitt tSglich mll N«,nahm« der Son»' «ndZiriertage. viertel' »Shrt.vezugrpreir ohne Brinaerlwn und Bestellgeld in Fulda und »urwörtr l Ml. 60 Pfg.
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Fulda, Montag den 4. November 1907.
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-- Der Bankkrach in Nordamerika.
die Expedition (Harmonie) Bestellungen auf die ,Fuldaer Zeitung' zum Preise von 1 Mark (ohne 93e«
Ein vernichtender Wolkenbruch ist über die Aordamerikanische Bank- und Handelswelt hin- tveggezogen. Banken aller Art sind zusammen- tzebrochen und das Land ist bedeckt mit einem -Trümmerfeld geschäftlicher Unternehmungen.
Unter dem Ansturm der mißtrauisch ihre Einlagen zurückverlangendeu Bevölkerung sind Ak- ztiengesellschaften und Privatunternehmungen in großer Zahl zu Grunde gerichtet worden, andere haben nur durch mehrtägige oder mehrwöchige Verweigerung von Zahlungen dem völligen Ruin entgehen können. Der ganze Zahlungsverkehr des Landes ist ins Stocken geraten, und der Schatzsekretär Cortelyou macht verzweifelte Anstrengungen, um alles wieder ins Geleise zu bringen, den Geldumlauf einigermaßen zu beleben, denl mit einem Male ins Ungeheure gewachsenen Bedarf die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. Gesundung haben aber feine Maßnahmen nicht gebracht und auch nicht bringen fönneit. Die Wirkungen jener Krisis aber greifen weit über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus. Sämtliche Börsen der Welt sind davon in Mitleidenschaft gezogen worden, und die großen Zentralbanken Europas haben sich genötigt gesehen, besondere Maßnahmen zunr Schutze ihrer Wirtschaftsgebiete zu treffen.
Die allgemeinen Ursachen der Börsenkri- sis sind zu suchen in einer gewaltigen schwindelhaften Ueberspekulativn, die sich im Gefolge einer mehrjährigen Hochkonjunktur auf fast allen Gebieten des amerikanischen Wirt- chaftslebens eingeuistet, die Preise von Rohstof- cn und Waren wie von Wertpapieren fabelhaft n die Höhe getrieben und zu allgemeiner Ueber- pannung des Kredits geführt hatte. Der Zn- amunnbruch dieser Uebcrspekulation auf einem derjenigen Gebiete, auf dem sie ihre wildesten Orgien gefeiert, auf dem Kupfer markt, brachte dann den Rückschlag. Wenn die Tonne Standardkupfer in London anfangs März noch 110 Pfund Sterling kostete, anfangs Oktober aber nur mehr 61 Pfund Sterling, so erklärt das olne weiteres den Preissturz der Papiers aller der Gesellschaften, die ani Kupfergewerbe beteiligt sind. Ein großer Teil der Wertpapiere, die jene Trust- und anderen Banken mit denl guten Gelds ihrer Einleger beliehen hatten, war getnaliig entwertet worden. Als mm eine angesehene Kupferfirma zusammenkrachte. ergriff mir einem Male eine allgemeine Panik die Gemüter. Es erfolgte ein allgemeiner Ansturm! auf die Kassen der Trust Companies, der Ratio-1 nat Banks, der State und Saviugsbanks mit |
dem Erfolg, daß eine überraschend große Anzahl aller dieser Banken sich außerstande fah, Zahlung zu lei st en. Es fehlte überall an ausreichenden Zahlungsmitteln. Geld war zeitweise überhaupt nicht zu beschaffen. Eine der angesehensten unter diesen Gesellschaften, die Knickerbocker Trust Co., ließ zwar erklären, sie sei vollkommen zahlungsfähig — sie habe nur nicht das nötige Bargeld beschaffen können; doch werde sie am nächsten Tage die Zahlungen wieder anfnehmen. Als aber der neue Tag anbrach, hatte sich die Behörde der Bestände bemächtigt und eingehende Untersuchung angeordnet. Tie Knickerbocker-Gesellschaft knickte nun gänzlich zusammen. Aber nicht nur bei ihr war inbezug auf die Verwaltung „nicht alles ganz richtig", und ein Ereignis jagte das andere. Die Zahlungsunfähigkeit weiterer Institute entfachte die Sorge der mißtrauisch gewordenen Menge erst recht. Kein Mensch wollte mehr sein Geld in den Banken belassen.
Die Krisis wäre nicht möglich gewesen, wenn sich nicht die geschäftliche Moral in den Kreisen der Großfinanz nud der Blüte des Trustwesens in einem Zustande befände, der der Staatsaufsicht, wie Roosevelt sie fordert, dringend bedarf. Der Krach verrät eine Fäulnis, an der das Trust- ivesen mitschuldig genannt werden nurß. Es ist sowohl in den gewöhnlichen Bankgeschäften wie in Spekulationslagern und in den Trustbanken willkürlich über Hunderte von Millionen verfügt worden. Ging es gut, so hatten die Macher den Gewinn, ging es schlecht, so verloren Tausende ihr Geld.
Der Präsident hat eine ruhmvolle Tat getan, als er mit seinem bekannten Kampfe gegen die Schäden des Trustwesens, gegen die Mißwirtschaft in den industriellen Riesengesellschaften und den Banken in dieses Wespennest hineingegriffen hat. Er wird kaum vergeblich sein Volk anrusen, ihm bei der Heilung so schwerer Schäden behilflich zu sein. Natürlich Bieten die Trusts alles auf, nm eine Reform zu verhindern. Die letzwn Börsenvorgänge, die so viele Tausende in Mitleidenschaft gezogen haben, beweisen indes die Notwendigkeit eines Heilverfahrens so drastisch, daß Roosevelts Aussichten auf Erfolg wieder gestiegen sind.
Ausland.
* Tie neueste französische Spionage-Affairr. Trotzdem eine starke Strömung besteht, die Frage des Landesverrates bei dem verhafteten Schisss- sähnrich Nllmo zu verneinen, scheint sein Verbrechen größer z» sein als jenes, wegen dessen man einst Treyfns anklagte. Jedenfalls ist es viel schwerer, als ursprünglich angenommen wurde. Ullmo arbeitete seit Monaten unausgesetzt an der Ausübung des Verbrechens; er hatte jedes der geheimen Dokumente in mehreren Exemplaren vervielfältigt und war mit dem Auslande in Verbindung getreten. Einmal unternahm er eine viertägige heimliche Reise; seine Entdeckung wurde durch "die Abfassung seiner Korrespondenz mit dem auswärtigen Agenten herbeigeführt. Mino Haiden größten Teil der geheimen Pläne an Bord des Torpedo-Zerstörers „Carabine" in der Kabine des Kommandanten photographiert, wenn dieser abwesend war und er als Stellvertreter fungierte.
* Frankreich und die deutsche Luftschifffahrt. Der bekannte Luftschisfer Graf de la Baulx erklärt im .Echo de Paris', daß zurzeit auf dem Gebiet der Motorlustschiffahrt Fran k- reich von Deutschland überflügelt sei. Graf Zeppelin habe den Rekord geschlagen.
und auch Parsevals Ballon biete durch seine leichte Transportfähigkeit große Vorzüge. , Die Franzosen, die noch vor kurzer Zeit unbestrittene Meister auf diesem Gebiet gewesen waren, müßten jetzt alle Anstrengungen machen, um den Erfolgen deutscher Energie zuvorzukommen.
* Norwegen hat seine erste große Mini- sterkrisis. Der Königmachsr Ministerprast- dent Michelsen, der seit den Tagen der.Unabhängigkeitserklärung des Landes seine Politik geleitet hat, ist von seinem Amte zurückgetreten. Die Durchführung der Neutralisierung des jungen Königreichs lag ihm am Herzem Das.ist ihm in Wirklichkeit wohl gelungen, formell tm Augenblick freilich noch kaum. Was feinen Ruck- tritt beschleunigt, ist ein sehr ernstes Herzleiden; ein längeres Verbleiben im Amte, würde ihn üer Lebensgefahr aussehen. König Haakon wird daher Michelsens Rücktritt genehmigen, wenn auch schweren Herzens, und die Norweger begleiten seinen Rücktritt mit Ausdrücken tiefster Dankbarkeit und aufrichtigster Sympathie.
* Rußland und Japan sind wieder so vollkommen einig, als hätte es nie einen Krieg zwischen ihnen gegeben. Bei einem in Petersburg zu Ehren des japanischen Botschafters Dr. Motono und der zu der Konferenz zum Abschluß einer russisch-japanischen Fischereikonvention ent- sandten Delegierten veranstalteten Festmahle wurde in den Trinksprüchen die Bedeutung der abgeschlossenen diplomatischen Akte betont, die den beiden Nachbarvölkern bei der herrschenden freien und friedlichen Konkurrenz die Möglichkeit biete, auf dem Wege der ferneren Entwickelung voranzugehen.
Literarisches.
Soll der Einige und Dreieinige. Von Protonotar Professor Dr. Gut beriet. Regensburg 1907.
Erst vor wenigen Wochen wurde in der Fuldaer Zeitung die zweite Auflage der „Willensfreiheit" von Gutberlet angezeigt, die eine förmliche Neubearbeitung darstellt. Heute sind wir in der Lage, auf ein neues, umfangreiches Werk des hochw. Herrn Protonotars hinzuweisen, das wieder von der Geistesfrische und Schaffensfreudigkeit, der Gelehrsamkeit und spekulativen Krast seines Verfassers beredtes Zeugnis ablegt. Es behandelt die Lehre von Gott dem Einigen und Dreieinigen, die Theologie im engeren Sinne, lieber die Ziele, die es verfolgt, spricht sich der Verfasser im Vorwort solgendermaßen aus:
„In: Anschluß an unser Lehrbuch der Apolo- getik gedenken wir eine Apologie der wichtigsten und schwierigsten Dogmen und Geheimnisse des Christentums zu geben. In dem. Lehrbuche sind vorzugsweise die äußeren Kriterien des. Offenbarungsglaubens behandelt worden, die inneren konnten nur im allgemeinen den Gesamtcharakter des GlanbensinhalteS ins Auge fassen. Eine volle Wütdignug desselben kann nur durch Einzeldarstellungen erreicht werden; nur durch eingehendere Darlegung, Begründung und Verteidigung wenigstens der Grundwahrheiten des Christentums und Widerlegung der entgegen- stchenden Irrtümer kann die Vernünftigkeit unsrer Religion, ihre Heiligkeit, hehre Schönheit, Erhabenheit, innere Harmonie und Angemessenheit für die wesentlichsten Bedürfnisse des Men- chen in die rechte Beleuchtung gerückt werden. Dieser Zweck muß in erster Linie durch eine mehr spekulative Behandlung erreicht werden, während die äußeren Kriterien eine vorwiegend historische Behandlung verlangen. Wenn wir diese spekula
tive ober philosophische Methode hier ausgiebig in Anwendung bringen, und in der Gotteslehre geradezu zu derselben hingedrängt werden, so möge man dabei nicht an unfaßbare Subtilitäten denken. Wir haben allerdings auch subtilere Fragen behandeln müssen, um Schwierigkeiten, welche die Glaubenslehre, insbesondere die Geheimnisse bieten, zu lösen, um Einwände zurück- zuweisen, und selbst um ein bescheidenes 'Maß von Einsicht in die Offenbarungswahrheiten zu gewinnen, aber im allgemeinen haben wir uns einer gemeinverständlichen Darstellung beflissen, manchmal etwas breitere Ausführungen gegeben; weil wir bei unserer Arbeit neben den a p o lo- g e t i s ch e n auch homiletische Zwecke im Auge hatten, wir wollten den Verkündigern des Wortes Gottes Stoff an die Hand geben, den sie für eine Verteidigung und ein besseres. Verständnis der kirchlichen Lehre. das zu ermitteln jetzt immer mehr not tut, ohne viele Mühe gebrauchen könnten."
In engem Anschluß an die „kindlich, fromme, schlichte und kristallklare . Spekulation des englischen Lehrers, des heiligen Thomas von Aquin, behandelt das Buch Gottes Erkennbarkeit, die Beweise für fein Dasein, das Wesen, die Eigenschaften und das Wesen Gottes. Es legt das Geheimnis der heiligsten Dreifaltigkeit dar und bietet dessen spekulative Behandlung. Zum Schlüsse wird die hohe theoretische und prak- tifclje Bedeutung dieses Geheimnisses für die Erkenntnis des göttlichen Wesens, für die Lehre von der Menschwerdung, für das übernatürliche Gnadenleben des Christen erörtert.
Wir glauben, es müsse für Geistliche und gebildete Laien ein Hochgenuß sein, ein Werk, wie das vorliegende, in Muße durchzustndieren und sich zum geistigen Eigentum zu machen. Mögen recht viele sich diesen Genuß verschaffen. Möge es aber auch dem hochw. Herrn Verfasser beschiedeu fein, noch durch manche literarische Gabe seine zahlreichen Verehrer zu erfreuen und die katholische Wisienschast und die Sache unserer heiligen Religion zu fördern. L.
Wiedersehen im Jenseits. Ein Trost beim Verluste geliebter Angehörigen. Nach P. Blot bearbeitet und neu herausgegeben von P. H. Nix, S. J. 4., vollständig umgearbeitete Auflage. Eleg. geb. 1 M. F. I. Buche r- sche Verlagsbuchhandlung, Würzburg.
Diejenigen, denen Gott große Prüfungen auferlegt, und die Trost suchen, werden dieses Büchlein nur mit Befriedigung und erleichtertem Herzen ans der Hand legen.
Marktberichte.
*b Fulda, 1. November 1907. Auf dem heutigen Schiveinemarkte waren 125 Ferkel aufgetrieben. Bezahlt wurden für Ferkel 3, 10 u. 16 Mk. pro Stück.
Reklamen- und Anzeigenteil.
Mohenlohesch« afermehl verhütet Erbrechen und 1 Durchfall. Kinder, die ” —
Milch allein nicht vertragen, oder an eng» Uscher Krankheit leiden, gedeihen vorzüglich, 6<M>aid det Milch Hohenlohe’sches Hafermehl «»gesetzt wird-
(-) Aberglaube.
Von Hans Gisbert.
Lächelnd kam dieser Tage ein Arzt von dem Krankenbett einer als hervorragend schön und freigeistig bekannten Dame; er hatte bei der Untersuchung ihren Gesundheitszustand bedeutend besser gefunden und dieser erfreulichen Tatsache versch'.edentlich Erwähnung getan. Dabei war ihm zu seinem Erstaunen aufgefallep, daß seiner jedesmaligen Bestätigung der Besierung von feiten der Patientin ein dreimaliges Anklopfen an die Holzwand des danebenstehenden Möbels und ein leise gehauchtes „Unberufen" gefolgt fei. Spöttisch meinte der Arzt: „Alles wollen diese neuen Frauen von Grund auf reformieren, Staat, Ehe und Religion. Von dem glten Glauben wollen sie nichts mehr wissen; aber einem solch lächerliechn Aberglauben bewahren sie ein ivarmes Plätzchen in ihrem fortgeschrittenen Herzen und sind wahrscheinlich überzeugt, mit hem Hokuspokus die Krankheitsdämonen in Acht und Bann zu tun."
Verallgemeinern darf man einen solchen Fall Natürlich nicht; aber die Tatsache ist doch befrem- bcnd, daß in unserem aufgeklärten 20. Jahrhun- oert, das so schonungslos unter allem aufräumen tmU, was früheren Geschlechtern heilig war, der Aberglaube die schönsten Früchte treibt, wenn auch in modernem Kleid; denn vom Gesundbeten, vom Krankheiten fortzaubern, von der Diagnose ?.us getragenen Strümpfen und einem spiri- tisnschen - Schwindel wußte man früher nichts. Da standen die Sympathiemittel in hohem An- fehen, die heute nicht mehr gesellschaftsfähig sind, jtn Volke, aber noch warme Anhänger haben, wie ich erst kürzlich erlebte. Eine alte Näherin hatte ich durch Uebersehen eines kleinen Trepplings )en Fu<j überschlagen und kam nun humpelnd mü stöhnend herein: „Wh Gott, ach Gott! Bei ungern Licht soll man lych nicht über Brücken when und dazu ist doch auch noch Freitag." Ich je6 sie Bleiwasserkompressen machen und be
merkte, daß die Geschwulst gleich einfiel, was sie । aber nicht wahr haben wollte. Nach Tisch hatte sie die Schuhe wieder angezogen und begrüßte mich triumphierend: „Ich habe mir selbst geholfen mit Sympathie." Auf meine lächelnde Frage, wie sie die Sympathie denn anwende, entgegnete sie entrüstet, vor Spöttern dürfe man nicht darüber sprechen; sie helfe nur Gläubigen. Soviel Weitz ich nur, daß sie sich dreimal nach Osten verbeugen mußte und sich sehr oft dabei bekreuzigte. Ein Glück für ihr Sympathiemittel, daß sie es erst nach Gebrauch des Vleiwassers an- geivendet hat. Sie wird seine Heilkraft nun überall anpreisen und noch mehr Beschränkte überzeugen, die bei der Verquickung von Aberglauben und Frömmigkeit noch dazu überzeugt sind, im Sinne der Kirche zu handeln.
Abergläubische Furcht inbezug auf Freitags- Unannehmlichkeiten, auf das „Berufen", das so weit geht, daß manche Leute nicht von erfreulichen Dingen sprechen können, ohne jedesmal ein „Unberufen" einzuschalten, auf die Zahl 18 ist auch in der guten und besten Gesellschaft heimisch. In Hotels, Krankenhäusern usw. wird beim Numerieren der Zimmer die Zahl 13 einfach ausgemerzt, weil die meisten ein solches Zimmer nicht beziehen wollen. Gesellschaften werden abgesagt, wenn kein vierzehntes Mitglied aufzu- treiben ist, ober der dreizehnte Gast wird ausge- laden. Hat der Zufall aber wirklich einmal 13 Personen zusammengesührt, so wird sicher die Hälfte von abergläubischer Furcht befallen; besonders der dem Spiegel Gegenübersitzende wird als ein Opfer des dunkelsten Schicksals angesehen. Meist verlaufen diese trüben Befurch- tungen im Sande. Trifft aber wirklich den einen ober anderen der Teilnehmer eine besondere Unannehmlichkeit, so sind die abergläubischen Gemüter höchst befriedigt und angenehm-schaurig berührt. Dasselbe gilt von den Ahnungen. Wie- viel wird im Leben „geahnt", was nie zutrifft; hat aber eine ahnungsvolle Seele einmal zufällig eine wirklich zutreffende Unannehmlichkeit vorhergesehen, so erreicht sie eine förmliche Berühmtheit im Bekanntenkreis- J
Neu war mir, daß auch der Montag ein bedenklicher Tag sein soll. Montags darf man kein geschäftliches ober berufliches Unternehmen beginnen, auch nicht reifen und besonders nicht heiraten, denn „Montag wird nicht wochenalt". Inbezug auf Hochzeiten herrschen besonders abergläubische Vorstellungen. Von zwei an demselben Tage getrauten Bräuten stirbt eine nach Jahresfrist, beim Glückwünschen von zwei Gratulanten über Kreuz gereichte Hände bedeuten Unglück, Rosioein ants Brautkleid verschüttet, Tod. Eine Braut darf keine Perlen tragen, weil sie Tränen bedeuten, keine Opale, weil diese traurige Schicksale anziehen,und was des Blödsinns noch mehr ist. Auch die Träume spielen eine große Rolle, weshalb Traumdeuterinnen und Kartenlegerinnen so glänzende Geschäfte machen. Tie gelegentlichen Prozesse in der Weltstadt Berlin, der Metropple der Intelligenz, entrollen von der Dummheit und Leichtgläubigkeit unserer Zeit- genossen ein anschauliches Bild. Allerdings sind uns unsere westlichen Nachbarn darin bedeutend über. Man lese einmal in einer größeren fran- zösischen Tageszeitung die {baltenlangen Inserate aller dieser Kartenschlägerinnen.
Im allgemeinen neigt das weibliche Geschlecht am meisten zum Aberglauben. Unter den Männern sind die Seeleute die abergläubigsten, wie schon ihre viele Sagen, angefangen vom fliegenden Holländer bis zum Klabautermann, beweisen. Daß selbst große Männer diesem Fehler verfallen, zeigt das Beispiel Napoleons und vieler heidnifcher Helden. Im Mittelalter spielte der Talisman und die Wünschelrute ihre Rolle; im 18. Jahrhundert waren die Somnambulen an der Tagesordnung und heute beherrschen die Medien der Spiritisten, die modernen Nachfolger des einstigen Mesmerismus die „aufgeklärten" Köpfe vieler Tausende.
Allerdings gibt es noch viel zwischen Himmel und Erde, wovon unsere Schulweisheit sich nichts träumen läßt. Wie die Wissenschaft täglich neue überraschende Entdeckungen macht, so werden auch geheimnisvolle Naturkräfte erforscht und dem Menschen untertan aemackt Wer hätte
z. V. früher eine tatsächliche Heilung durch Hych nofe, durch Suggestion für möglich gehalten; Im Mittelalter wäre derjenige wohl als Hexenmeister gekennzeichnet worden, der sich dieser Fähigkeit gerühmt hätte. Und heute gibt es hunderte von Nervenleidenden, von Hysterischen, die zu den Hypnotiseuren ihre Zuflucht nehmen und auch teilweise wirklich geheilt werden, wenn nicht eine organische Erkrankung vorliegt. , Diese Suggestion, oder auch Selbsthypnose ist die Ursache, weshalb auch sympathische Mittel oder Besprechungen zuweilen Erfolg zu haben scheinen.
Deshalb braucht man aber noch lange nicht Anhänger des Spiritismus in feiner jetzigen ausgefallenen Form zu fein, an das voraus- fagenbe Tischklopfen ober das Geisterzitieren aus dem Jeufeits zu glauben, wenn man das Walten unbekannter Naturmächte zugibt. Tie Wissenschaft erklärt ja so vieles, was dem Laien unbegreiflich dünkt; die geheimnisvolle Erscheinung von Ebbe und Flut, den Magnetismus und die Elektrizität, die unferen Altvorderen entweder ganz unbekannt waren oder zu abergläubischen Sagenbildungen Veranlasiung gaben. Späteren Zeiten werden manche unaufgeklärte Naturvorgänge erschlosien fein, die uns heute noch wie Rätsel anmuten.
Aber auch im gewöhnlichen Leben ereignet sich oft ein ganz wunderbar erscheinender Vorgang, den man sich durchaus nicht erklären kann, und der aus einer Reihe von Zufälligkeiten geboren ist, wie sich bei genauer Nachforschung ergibt. Man gehe diesen „Erscheinungen", diesem „Melden, von Verstorbenen" diesen „Wundern" scharf zu Leibe, um die Tatsachen festzustellen und jede Legendenbildung im Keime zu ersticken. Dienst- boten haben dazu eine verderbliche Neigung, die oft verhängnisvoll für die phantasievollen Köpfchen der Jugend ist, da die Jugendeindrücke sehr fest haften.
„Ter Aberglaub', in dem wir aufgewachsen, verliert auch, wenn wir ihn erkennen, drum doch seine Macht nicht über uns", sagt Lessing. „9$ sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten."