34. Jahraarm
Fulda, Dienstag den 29. Oktober 1907
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S«z«la en. Vie ein« spaltig« vetitzeil« oder deren Haunt k» Psg. Rt'tamtn »le petitzeil« 25 :*fg.; b«i wieder« Holungen wird «ntspr. Nadait itwahr».
* In dem Strafverfahren gegen Brandt und Grhlsen wegen Beleidigung des Reichs« kanzlers Fürsten Bülow ist nach der ,Vofs. Ztg/ die Haupverhandlung auf den 6. November anberaumt wordm.
* Das Projekt der Lahn-Kanalisation geht jetzt allem Anscheine nach seiner Verwirklichung entgegen. Nach einer Mitteilung des Landtags- Abg. Cahensly (Zenlr.) in der Versammlunc des Lahnkanal-Vereins in Limburg ist das au Veranlassung der Regierung ausgearbeitete Projekt jetzt sertiggestellt und der Regierung vorgelegt worden, und die vom Lahnkanal-Verein ausgearbeitete Denkschrift über die Rentabilität der Lahn - Kanalisierung weist über alles Erwarten günstige Ergebniffe auf. Nach authentischer An« gäbe würden aus Gießen allein 570,000 Tonnen Fracht entfallen. Von den ans 20 Millionen Mar! veranschlagten Kosten der Kanalisierung der 142 km langen Strecke bis Gießen kämen auf den hessischen Anteil nach den bisherigen Berechnungen etwa 4 Millionen Mark. Bekanntlich war bei I der Annahme der Kanalvorlage im Jahre 1905
goietioisbtttd u. Verlag der Sulbaet «v tlendr lckerei in Zuida. Zernsprecher Nr. 9.
und Kassenärzten, den Mitgliedern der Eisenbahnvereine, den Unternehmern, den Zoll- und Steuer - beamlen, verletzten Personen usw. sreie Fahrt zu gewähren ist.
Der Staatssekretär des Innern im Zen- tralverbande deutscher Industrieller. In der gestrigen Sitzung des Zentralverbandes deutscher! Industrieller hielt der Staatssekretär des Innern Dr. v. Bethmann-Hollweg eine Ansprache, in der er n. a. ausführte:
Ich werde bestrebt sein, dem Unternehmertum und der Arbeiterschaft mit der gleichen Offenheit und Un» besonaenheitqegenüberzutreten und die Auffassungen beider Seiten gleichmäßig zu würdigen, lieber die Notwendigkeit einer entschlossenen Fortführung der Sozialpolitik habe ich mich auf dem unlängst hier veranstalteten Arbeiterkongreß ausgesprochen. Ich hoffe, daß Ihre Tätigkeit dazu beitragen wirb, unsere Industrie in ruhigen Bahnen zu erhalten.
Der Staatssekretär hat sich wohl bemüht, dem Zentralverbande der Industriellen mie der Arbeiterschaft gegenüber unparteiisch und paritätisch Stellung zu nehmen. Es fragt sich aber.
* Eine neue Partei in Sicht? In dem Scherlichen .Tag' macht der zur Freisinnigen Vereinigung gehörige Abg. Dr. Pachnicke darauf aufmerksam, daß jetzt daS Verlangen nach der Bildung einer „neuen Partei der Linken" hervortrete. Er meint, es fehle den Freisinnigen an „Publikum". Was man höre, seien Rufe aus der Großstadt ohne Widerhall in der Provinz. Aus der Provinz aber stammen in der Hauptsache die sreisinnigen Mandate, während die Großstädte bis auf wenige Ausnahmen der Sozialdemokratie verfallen sind. Die Mittel« und Kleinstadt sei nicht auf den Ton gestimmt, den die neue Partei anschlagen würde
ob er damit beim Zentralverbande auf die Dauer durchkommt.
g. Bülows „stärkste Gabe". Es gefällt der liberalen Presse gar nicht, daß man es wagte, zu den Pilgerfahrten der Block-Abgeordneten in die Sommerfrische Bülows an die Gestade der Nordsee seine Glossen zu machen. „Der Spott war wohlfeil und am Ende doch unberechtigt", meint eine nationaüiberale Berliner Korresspon- denz und sie begründet daS mit folgenden weisen, aber wenig diplomatischen Worten: „Wenn Fürst Bülow die stärkste seiner Gaben, seine persönliche Liebenswürdigkeit und einen schier unwiderstehlichen Charme, in den Dienst der von ihm erfundenen Blockidee stellte und in vertraulichen, behutsamen (!) Ansprachen Mißverständnisse (?) aufzuklären, Gegensätze zu überbrücken versucht, so war dagegen nicht das ge« ringfle zu sagen." — Also „persönliche Liebens- ! Würdigkeit" ist nach dem Eingeständnis einer liberalen Korrespondenz, die es doch wissen muß, „Bülows stärkste Gabe". Es ist nur die Frage, ob man damit in der Politik auf die Dauer auskommt, wo nur nach Gründen und Grundsätzen gehandelt werden soll.
ihre Erzählung, als die Damen im Zimmer Platz genommen und ihre Handarbeiten hervorgeholt hatten. Meine Schwester Lina und ich waren die einzigen Kinder. Der Vater hatte noch eine Schwester:- diese war in ihrer Jugend mit einem blühendschonen jungen Mann, Sohn eines Vergiverksbesitzers, verlobt. Eines Tages wollte dieser in den Schacht hinabfahren, ich weiß nicht mehr was geschah, genug, er verunglückte und wurde als gräßlich verstümmelte Leiche wieder heraufbefördert. Tie grenzenlose Trauer der Tante können Sie sich denken, sie gelobte, ihrem Bräutigam bis über das Grab hinaus treu zu bleiben, und hat Wort gehalten, sie blieb nnver- mählt. Einige Zeit darauf gewann sie eine ganz bedeutende Summe in der Lotterie. Die Tante wohnte nicht bet uns im Hause, sondern lebte allein für sich in der Stadt nahe bei unserem Gute. Als ich erwachsen war, brachte ich ost Wochen lang bei der Tante, welche meine Patin war und mich zu ihrer Erbin eingesetzt, zu. Dort lernte ich einen liebenswürdigen, bescheidenen jungen Herrn kennen, welcher bald mein ganzes Interesse gewann. Auch die Tante gewann ihn herzlich lieb, und da auf verschiedene eingezogene Erkundigungen nur gute Nachrichten einliefen, schenkte ich ihm mein Herz und Verlobte mich mit ihm. Die Hochzeit folgte bald darauf und ich zog mit meinem Gatten auf dieses Gut, sein väterliches Erbteil. Hier zeigte er sich bald von einer ganz anderen Seite, als ich ihn bislang kennen gelernt. Ganze Tage und Nächte brachte er außer dem Hause zu: kam er dann heim, waren stets einige seiner Kumpane in seiner Begleitung und das Zechgelage begann hier von neuem. Ich wagte, ihm sanfte Vorstellungen darüber zu machen, wurde aber mit Hohn abgewiesen. „Was versteht eine bürgerliche Kreatur davon, welches Leben der Adel führt. Deine Kapitalien sind mir lieb und sie kann ich gebrauchen, Deinen Rat und Deine Predigten behalte nur für Dich." Ich sah es bald genug ein, daß Feldheim es nur auf mein bedeutendes Vermöaeri
Weise. Die Eltern der Soldaten haben es um am va» entschiedenste zu verbitten, daß man ihre Sohne zr solchen Scheußlichkeiten verleitet oder gar kommandiert. Man hat erfahren, daß eine ganze Anzahl von Offiziere« eines Regiments an bestimmten Vorkommnissen beteiligt gewesen sei. Da drängt sich die weitere Frage auf: Wie können solche entnervte Offiziere und Mannschaften im Felde ihren Mann stellen? Daber handelt es sich noch um eines der ersten Regimenter des Heeres; nur Ofsi-iere aus den „besten Familien" kon>men hier unter. Daß im Heere solche Dinge haben Platz greifen können, ist erschreckend; da tut ein eisen« Bescm nvt, der ohne Ansehen des Standes reinigt, der vor keiner Tur Halt
Deutscher Reich.
* Der Kaiser und der Moltke-
Harden. Die Nachricht, daß dem Kaiser über die Prozeßverhandlungen stenographische Berichte überbracht worden seien, ist,erfunden, ebenso o^minntfnmmiffar v. Treskow Den Auftrag ba| Aönlich an den Verhandlungen teilzu- nebmen und den Kaiser über den Verhandlungen zu^ informieren. Das offiziöse Wolff'sche Te e- aravhenbureau ist beauftragt, nicht dem Kaiser direkt, sondern dem Zivilkabinett Bericht zu erstatten, von wo aus der bearbeitete Bericht an den Kaiser weiter geht. — Wie der ,Han. Kur/ zu melden weiß, hat der Kaiser alsbald eine! in scharfer Form gehaltene Kabinettsorder ergehen lassen, die sich mit den im Prozeß her« vorgetretenen Mißständen im Heere befaßt und eine Reihe strenger Verhaltungsvorschriften für die verantwortlichen Regimentskommandeure enthält. ,
* Zur Kaiserreise nach England wird gemeldet: Bei feiner Ankunst in Portsmouth wird das deutsche Kaiserpaar vom Prin zen vo n Wale s empfangen werden. Große Flotten- vorbereilungen werden getroffen. Admiral Lord Beresford wird mit einer imposanten Flotte von 14 Schlachtschiffen erster Klaffe und 4 gepanzerten Kreuzern, mit dem ersten Kreuzergeschwader und 24 Torpedobootszerstörern, vielleicht auch mit dem zweiten Kreuzergeschwader dem Kaiserpaar den ersten Gruß Englands entbieten. Die großen Schlachtschiffe werden in zwei Reihen Aufstellung nehmen. Die Zerstörer werden eine dritte Linie nach der Küste zu bilden. Die „Hohenzollern" wird diese Linien passieren. Der Salut wird von den Landverleidigungs- werken gefeuert werden. •
auch schon die Kanalisierung der Lahn für absehbare Zeit in Aussicht gestellt worden.
• Pommerfche Toleranz. Die Stadt Trib- fees in Pommern hat für die vielfach auf den umliegenden Gütern beschäftigten katholsschen Schnitter einen Gottesdienst m der Stadt eingerichtet. Bei dem Beschlüsse des Magistrats und der Stadtverordneten-Versammlung mag das Motiv eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben, daß der Besuch 6er Schnitter die Stadt, deren Gewerbetreibende auf das Land angewiesen sind, wirtschaftlich nur sördern könne; darüber )at sich nun die Kreissynode Grimmen höchlichst entrüstet und einstimmig folgende Resolution an- genommen:
Die Kreissynode bedauert tief, daß der Magistrat und das Stadtverordneten-Kollegium der evangelischen Stadt Tribsees aus rem wirtschaftlichen Gründen die katholische Kirche zur Abhaltung von katholischen Gottesdiensten in Tribsees herbeigerufen und so dem evangelischen Bewußtsein eine schwere Wunde geschlagen haben.
Sogar die kulturkämpferische,Voss. Ztg/ ist über diese Resolution ungehalten, und das will viel heißen. ,
♦ Die sächsische Regierung gegen schiffahrtsabgaben. cyn der 2. sächsischen Kammer erklärte die Regierung tn Beantwortung einer freisinnigen Interpellation, daß sie nach wie vor mit Rücksicht auf die schweren Schädigungen, welche die sächsischen Volkswirtschaft. Heben Interessen erleiden müßten, sich gegen die Einführung von Schiffahrtsabgaben wenden wurde. Konservativen und die Nationalllveralen erftarUn ihre Zustimmung zu der Erklärung der Regierung.
* Gera, 26. Okt. 1907. Die Regierung von Reuß ä. L. empfahl dem Landtag, den Beamten eine Teuerungszulage in Höhe von 150 Mark zu gewähren.
bin so an den Landaufenthalt gewöhnt, daß ich ihn nur höchst ungern verlasse."
Nach einigen Tagen fühlte Kathchen sich wieder vollkoninlen gekräftigt und sie erklärte ihrer gastfreundlichen Wirtin, daß sie nun weiter ziehen müsse, um sich einen Broterwerb zu suchen.
„Eilt dies denn so sehr, meine Liebe? fragte Frau von Feldheim, „Ich denke, im Winter ist dies sehr beschwerlich, auch konnten Sie leicht einen Rückfall der kaum überwilndenen Krankheit bekommen. Nein, diesen Winter bleiben Sie hier auf Feldheim, Sie sind mir ein lieber Besuch, eine angenehme Gesellschaftern. Uno, wenn es Ihnen bei mir gefällt, so bleiben Sie ganz hier und leiten den Unterricht meiner ©m.
„O, wie gut, wie mildherzig Sw sind! rief Käthcheu erregt. „Aber ich kann doch ^ohr Anerbieten nicht annehmen. Hier in der Nahe des Landgutes der Frau von Hochfeld konnte ich gar leicht mit der Dame oder ihrem Bruder, Herrn von Bergen, in Berührung kommen und Vieles möchte ich um jeden Preis SU vermeiden suchen. Dann muß ich auch allen Ernstes darauf bedacht sein, meine und meines Kindes Zukunft zu sichern. Ich muß nicht allein für meine alten 2aae sorgen sondern auch für mein Töchterchen S erübrigen. Und von Ihnen Belohnung für geleistete Dienste annehmeu, vermochte ich doch nicht."
„Nun, toefin es denn einmal Ihr fester Wille so ist, dann bleiben Sie wenigstens biefeii Winter noch hier. Eine mir befreundete Familie, welche mit Beginn des nächsten Frühlings eine längere Reise antreten will, wünscht eine Dame als Gesellschafterin und zugleich, als Erzieherin für die Kinder. Wenn Ihnen dieses konveniertz so will ich Sie der Familie empfehlen und ich hoffe, daß Sie angenommen werden.,
„Wie dankbar bin ich Ihnen und wie soll ich Ihnen Ihre Güte vergelten?' sagte Kathchen mit Tränen in den Augen. ... . < _
„Sprechen Sie doch nicht davon es ist ia des Christen Pflicht, einander beizustehen. TO
* Teuerungszulagen für Eifenbahnarbeitcr. vv„ viv 1______ _____
Eiser.bahnminifter Breitenbach hat verfügt, daß utlb und noch weniger das Dorf. „Gleich- den Arbeitern und Hilfsarbeitern, die eme zahl-' -- - - - - - •" -------
reiche Familie haben oder durch sonstige Ursachen, wie Krankheit usw., besonders hilfsbedürftig,sind, Teuerungszulagen bis £u 100 Mark im Einzel- falle zu gewähren find.
* Eine neue Freifahrtsordnmrg ist für den Bereich der preußisch-hessischen Staatsbahnver« waltung festgesetzt worden. Sie tritt am 1. Jan. k. Z. in Kraft. Die §§ 1—13 regeln die Fälle, in denen den Beamten und Arbeitern, den Bahn
wohl wäre es psychologisch erklärlich, wenn diejenigen, welche in der Blockpolitik eine bedenkliche politische Verwirrung erblicken, keine Last mehr verspürten, mit derart Verirrten länger umzugehen. Wer sich in einer Gesellschaft nicht mehr wohl fühlt, verläßt fie.« - Man sieht, die Einigung der Freisinnigen macht rapide Fortschritte!
abgesehen hatte, um seine eigenen, arg zerrütteten Vermögensverhältnisse wieder aufzufrischen und ein lockeres Leben führen zu können.
Ich will schweigen über die nun folgenden, trüben Jahre. Eines Abends, es war furchtbar stürmisches Wetter, ähnlich wie an jenem Abend, wo Sie umherirrten, wurde heftig au das Tor gepocht. Eine seltsame Unruhe und Angst beengte mir die Brust. Ich war es längst gewohnt. Tage lang meinen Gatten nicht zu sehen, ohne mich deswegen zu beunruhigen; um so unerklärlicher war mir dieses seltsame Gefühl, welck>es mich beschlich. Als Fritz das Tor geöffnet, traten einige Männer mit einer Tragbahre in den Hof. Ich ging hinzu und sah, daß sie einen Menschen {Kem D°n WäbNch-- Mnnns erfüU. griff ich nach dem Tuche, welches den größten Teil der Bahre bedeckte, lüftete es und sah in daS furchtbar entstellte Antlitz meines Gatten. Halb be- wußtlos sank ich an seine Seite. — Hatte ich auch nickst das Glück bei ihm gefunden, welches zu er- warten ich berechtigt war, so hatte ich ihn doch geliebt, war aus reiner Neigung seine Gattin geworden, ohne jeden Hintergedanken an eine be- vorzugte Stellung als adelige Dame. Mein Gatte war den ganzen Tag über von Hause fort gewesen; ob sein Pferd gescheut und ihn abgeworfen hat? Es ist niemand, zugegen gewesen, aber doch anzunehmeu, denn die Männer fanden ihn bei dem Stumpf des abgehauenen Baumes, dessen äußerer Rand sehr scharf war, in feinem Blute. Einige Stunden später kam auch da» »Pferd, mit Schaum bedeckt, zurück. So wurde ich zur Witwe und meine drei Kinder zu vaterlosen Waisen."
„Ihre drei Kinder?" fragte Kathchen nach einer Paufe. „Wo sind denn die beiden andern?
„Meine beiden Sohne, Ernst und Karl, be« suchen in der Stadt das Gymnasium, entgeg- nete Amalie, „für meine Elli werde ich mich wohl nnrfi pxncv @out)crnnrttc unifcljcn null fen, id) itxnit mstch nickt von Sem Kinde trennen und ich selbst
führung nicht zufrieden. An eine staatsretterischr Absicht Hardens will das Blatt nicht glauben. Ihn als den Helden des Tages zu feiern, wie es in widerlicher Weise hier und da geschieht, liege keine Veranlassung vor; sympathisch habe fein Auftreten vor Gericht nicht berührt. — Die „Germania" sagt: m
.Man darf nach den Ergebnissen des Prozesses wohl sagen, daß Graf Moltke, wenn er sich sittliche Verfehlungen hat zu Schulden kommen lassen, doch weit weniger daran beteiligt ist, als viele andere Leute. Nur ein ganz kleines Zipfelchen ist von der in weiten Kreisen der .vornehmen" Gesellschaft und nicht zuletzt der Armee herrschender Unsittlichkeit ein wenig gelüftet worden. Dian kam jetzt überall lesen, der Prozeß werde wie em reinigen des Gewitter wirken. Wir glauben an solche „reinigen den Gewitter" schon längst nicht mehr. Wie viel, haben wir schon erlebt, aber hinterher ist alle» beim Alten geblieben! Daß cs diesmal nicht anders sem werde, das darf man schon aus dem Umstande schließen, daß eine Reihe von Personen, an deren gesetzwidrigen Handlungen gar kein Zweifel bestehen kann, vom Staatsanwalt unbehelligc bleibt. Wan surchiel offenbar, daß der Skandal unabsehbar weroenkönne. Daß ein „Ring", eine Gruppe oder Kamarilla bestand, die des Kaisers Ohr hatte und nicht ohne Erfolg bemüht war, nur das ihr Passende zu seinec Kenntufs gelangen zu lassen, ist ja wohl bewiesen Daß diese Gesellschaft, die die denkbar ungeeignete Umgebung für den Kaiser war, endlich zersprengt wuchs, ist eut Legen. Mer das Verdienst Hardens um dre BeieUigung der Kamarilla will uns trotz der bengalischen Beleuch- tuna, in der er es dem Gerichtshof vorgefuhrt hat, doch nicht so ganz selbstlos patriotffch erscheinen, wie er es erscheinen lassen möchte. — Der Pariser Matm veröffentlicht eine Unterredung mit dem französischen Botschaftsrat Lecomte, in der dieser die gegen> ihn erhobenen Beschuldigungen entschieden zuruaweist. Ebenso erklärt Lceomte die Behauplung für unr>chi.g, daß er sich geweigert habe, als, gelaßener Zeuge vor Gericht zu erscheinen. — Es wird 'vo.)l kein Mensch erwartet haben, Herr Lecomte werde dein Matm sagen, die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen seien wahr.
In der Köln. Ztg/ lesen wir:
„Unter Ausschluß der Oefseutlichkeit sind schamlose Vorkommnisse behandelt worden, an denen Offiziere und Mannschaften des Gardekorps beteiligt gewesen sind; teilweise ging aus den ckus' sagen hervor, daß Mannschaften zu diesen Scheuß, lichkeiten mißbraucht worden sind. Die Oefsentlich- keit, ganz besonders aber der RenyStag, hat ein Recht, zu erfahren, ob noch in der letzten Zeit fo che Scheußlichkeiten vorgekommen find und was geschehen ist, um fie ein- für allemal zu vereiteln. Besonders muß volle Klarheit darüber geschaffen werden, ob die Dienstgeivait mißbraucht worden ist; mm dies zu, dann genügt bloße Verabschiedung, die vielleicht noch
Zubilligung einer Peiifion erfolgte, in keiner Die Eltern der Soldaten haben es sich auf das
eitung
monotebtiiage: „fiulbaer Teschlchtsbtäcker"
macht.
Die,Freif. Ztg/ konstatiert:
„Es ist ein Schmutz sondergleichen auf' gewühlt worden, man hat uberhäßliche Laster, die auch nur zu nennen sonst verpont sm., in der ausführlichsten" Wege verhandelt, man hat die intimsten Geheimnisse einer ung.uauchen Ehe ans Licht gewgen und über Vorgänge, deren Erinnerung dös Lchlaszimmer nicht verlassen sollte, mit breiter Behaglichkeit gesprochen, und die Duste, die diesen Kloaken entstiegen, sind verpestend durch daS ganze Land gezogen. Nun hat ein noch so unsauberes Hand- iverk seine Berechtigung, wen» es oen ^iuect eqnU, zu reinigen und den Schmutz wegzuwaschen. ^st d.-s aber durch den Prozeß Moltke-Harven erreicht i Keines.
Lebenswege.
Roman von Klara Wikhelmi.
50} (Nachdruck verboten.)
„Die Freundin Ihrer Schwester? Und wie heißt diese denn?" fragte nun ihrerseits erstaunt Käthcheu.
„Lina S.", war die Antwort. -
„Daun habe ich ja im Hause Ihrer Eltern eine ganze Ferienzeit verlebt und bei meinem Aufenthalte dort hat die erste Begegnung mit meinem Gatten stattgefunden", rief fie mit steigendem Erstaunen. „Ja, nun finde ich in Ihrem Angesichte auch die Züge meiner lieben Lina wieder. Also das'war es, was mich so magnetisch nach Ihnen hinzog! Das war das Bekannte, welches ich doch nicht zu ergründen vermochte. — Sie sprachen von Ihrer verstorbenen Schwester?"
„Lina ist schon seit einigen Jahren tot. Ein Brustleiden raffte sie in der Blüte der Jahre dahin", sagte Frau von Feldheim.
„Wo waren Sie denn damals?" Ich habe Sie nicht im Hause Ihrer Eltern gesehen?"
„Ich war zu der Zeit schon verheiratet", erwiderte langsam die Gefragte.
„Sie sagen dies in einem recht traurigen Tone", warf Käthcheu ein.
Weil ich damals nicht glücklich war", entgegnete Frau von Feldheim. „Auch ich habe das Lessen nicht nur von der lachenden Seite kennen gelec'ic, auch in meinem Leben hat's an Sturmen Nicht gefehlt. Vertrauen gegen Vertrauen, Käth- chen; erlauben Sie, daß ich Sie so nenne, und mich nennen Sie Amalie. Die Freundschaft, die sie früher mit meiner Schwester verband, wollen wir beide weiter fortpflanzen. Lassen Sie uns jedoch lieber zum Hause zurückkehren, der Boden ist noch feucht vom Regen.
„Mein Vater war, obgleich nur bürgerlicher Wkunst, ein reicher Gutsbesitzer." begann Amalie
Der Prozeß Moltke - Harden schlägt in der Presse aller Parteirichtungen noch immer aufgeregte Wellen.
Die konservative .Kreurztg/ geht mit Harden nicht sanft um. „Der angeklagte Schriftsteller Maximilian Harden," sagt sie, „gehört mit der ganzen Schule von Herostraten, denen seine geschäftlichen Erfolge Mut gemacht haben, zu den unrühmlichsten Erscheinungen der deutschen Publizistik. Seine Dialelik hat einen gewissen künstlerischen Zug, der auf viele Leser einen starken Zauber ausübt. Seine innere Verwandtschaft mit Heinrich Heine erkennt man auf den ersten Blick. Die Eleganz seiner Prosa ver- leiht allen seinen schriftstellerischen Arbeiten den Anschein einer geistigen Ueberlegenheit, und so fand seine Zeitschrift einen großen Leserkreis, zu- mai er von jeher in der Rolle des unbestechlichen furchtlosen Sittenrichters rneisterhast zu spielen verstand." Das Blatt meint, daß der neueste Angriff sich eigentlich gegen die Person des Kaisers gerichtet habe; es bedauert, daß der Kläger nicht die Vergangenheit Hardens unter die Lupe genommen habe, das werde hoffentlich in der Bernsungs-Jn stanz nachgeholt werden, lieber die Verfehlungen der hochstehenden Kreife sagt das Blatt nur wenig.
Die,DeutsckeTagesztg/ (Nr. 505) bedauert, daß man die Öeffentlichkeit nicht ausgeschlossen habe und ist überhaupt mit der ganzen Prozeß«
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vrraniw. Redakteur: Larl rchütte;
Z. parzeL« in Zulda. IVod^ttbdlOQC*. „Illustrierte Soninagrzeitmg'