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Fulda, Donnerstag den 24. Oktober

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Bwietg tu. t)te ei« faltige Petitjeile obet deren Kaum 15 pfg. Rttlanun »i« pettsteil« 25 psg.; bei wieder, hotunaen wird entjpi Babah aeroäiirl.

D traut®. Redakteur: UV

Larl Schütte;

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erschein ra g llch «ktz ÄHinahme der Son«« wnb Seiet tage, viertel« jährt, vezugsprei» ohne Bringeri'bn «nd veitellgeldinSnida««» auswärts imt 50 pfg-

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Verlag »er Sutaaer »c« tlenbr tderei in Snida. Fuldaer Geschichtsbla 1er" strr”rt*er ,,r

* Der zweite deutsche Arbeiter- kongreß

Ivar eine wuchtige, Kundgebung. Mau denke, daß da die delegierten ton einet SRU- r• am orodniftcr^^^ Sttbctict bcrfoni* urelt waren! Daß eine solche Gefolgschaft hinter den christlichen Arbeiterführern, stehen wurde, hätte vor einem Jahrzehnt niemand gedacht. Wir sind gewachsen!" konnten mit be­gründetem Stolz, die Führer ausrufen-, ja wohl, gewachsen, aber wie an Zahl so auch an Kraft und Festigkeit. EL war erfrischend, zu verfol­gen, wie einfache Arbeiter als gewiegte Redner auftraten. Was sie vorbrachten, war kein ober­flächliches Geplapper, kein Phrasengedrechsel, sondern sie beherrschten allseitig den Stoff; die Verhandlungen wurden mit Ruhe und Sachlich­keit gepflogen und hielten sich immer im Rahmen des einmal festgesetzten Programms. Die For­derungen des Kongresies, wie sie in den verschie­densten Resolutionen zum Ausdruck kommen, lasten an Klarheit, Zielbewußtheit und an der richtigen Maßbegrenzung nichts zu wünschen übrig.

Die Bedeutung des Kongresses kam schon da­durch zum Ausdruck, daß zwei Minister an ihm teilnahmen: Ter Minister des Innern v. Befh- m a n n hielt hierbei eine sozialpolitische Ein­führungsrede und stellte sich zu den Arbeiterfor­derungen im allgemeinen günstig; doch war seine Rede voll von Beruhigungs- und Besänftigungs­pillen für die Arbeiter. Wohltuend berührte, wie warm er der Verdienste seines Vorgängers, des Grafen Posadowsky gedachte. Als Ziel der Bewegung bezeichnete er unter dem stürmischen Beifall der Versammlung die Aufgabe, die mächtige Arbeiterbewegung einzu­gliedern in die bestehende Staats- und Gesellschafts-Ordnung. Schließ­lich entwickelte der Staatssekretär das nächste sozialpolitische Programm der Regierung: Schaf­fung eines Reichsvereins- und Versammlungs­rechts, , Frauenarbeitstag, Bestimmungen über die Heimarbeit und Errichtung von Arbeitskam- mern. lieber den Ausbau der Koalitionsfreiheit verlor er leider kein Wort.

Tre Beschlüsse des Kongresses bewegen sich auf einer verständigen Mittellinie, die das politisch Erreichbare stets im Auge behält. Ge­wiß ist manches bittere Wort darüber gefallen, daß von den Wünschen des Frankfurter Kon- grestes noch fein einziger erfüllt worden ist, ob- wobl der Reichskanzler selbst Zusagen dahin ge­geben batte. Man kann es verstehen, daß die Ar- beiter darüber nicht erbaut sind. Daß der Aus- bait der Koalitionsfreiheit an der ersten Stelle ihrer Forderungen steht, kann nicht auf- fallen: es bandelt sich hier um das höchste Ar­beiterrecht. Nachdem selbst Ballermann auf dem Wiesbadener Parteitag so entschieden hierfür ein- fietreten ist. darf man hoffen, daß die national- itberolen Großindustriellen auch ihren Wider­spruch fallen lassen nnb den Arbeitern das Koa­litionsrecht nicht mehr vorentbalten werden; wir wollen sehen, wie der Hase läuft. Dann kam die Forderung nach Arbeitskammern. Ihre Errichtung ist schon 1890 im kaiserlichen (srloffe in Aussicht gestellt worden; aber noch immer nicht liegt der Entwurf dem Reichstage vor. 1904 hat ihn Graf Posadowsky auf eine Zen. rum^intei pellation hin zugesagt; aber nach ^lbganc hat sein Werk zunächst einen Stillstand erlitten. Die weitere Ausdehnung der Sonntagsruhe bildet seit Jahren eine For­derung des Reichstages; nun hat der Kongreß diele unterstützt. Ein sehr wichtiger Punkt war das Referat über den Arbeiterschutz in der schweren Industrie. Hier fehlt noch sehr

viel; wo die Kartelle und Ringe sich breit ma­chen, da wird der Arbeiter immer mehr macht­los und auch rechtlos. Die Arbeiterverhältnisse sind hier vielfach noch recht im Argen. Da war e8 ganz naturgemäß, daß derWunsch auf eine ge- etzliche Regelung der Arbeitszeit sich an- chloß. Die Arbeiterinnenfrage mit hrer Vielfältigkeit fand eine treffliche Beleuch- itng. Daß der Kongreß zu der Wahlrechts- r a g e nickt in dem von Einzelnen gewünschten Maße Stellung nahm, wird jeder gerechtfertigt finden, der in ihm nur das sah, was er sein wollte und sein durfte: ein Arbeiterkongreß.

Die in den einzelnen Resolutionen zum Aus­druck gebrachten Wünsche werden von einer De­putation dem Reichskanzler vorgelegt wer­den. Mögen sie bei ihm ein williges Ohr und ein tatkräftiges Wollen finden. Die einzelnen Parteien, die ihre Vertreter zum Kongreß sandten und dort auf Förderung der christlich- nationalen Arbeiterbewegung, ihre Erklärungen, Bestrebungen und Wünsche abgeben ließen, wer­den nicht umhin können, im Parlament ihr Wort einzulösen. Daß dies die Zentrumspar­tei in derselben Weise tun wird, wie bisher, braucht nicht versichert zu werden. An der christ­lich-nationalen Arbeiterbewegung wird es aber auch selbst liegen, ihren Forderungen durch wei­tere Ausdehnung der Bewegung Nachdruck zu verleihen.

Deutsches Reich. <

* Der bisherige Staatssekretär des Aeußern, Herr v. Tschirschky und Bögendorff hat die Geschäfte des SfaafssekrefariatS nieder­gelegt und ist zunächst auf Urlaub in Wien. Anfang November wird fein Nachfolger Herr v. Schön sein neues Amt übernehmen.

* Sozialpolitische Studienreise. Staats­sekretär von Belhmann-Hollweg und der preußische Handelsminister Delbrück beabsichtigen, sich über die Grundlagen zur Umgestaltung der Ar beit er- Versicherung und zur Aenderung der Kraw kenkassengesetzgebung persönlich in den wichtigen industriellen Gebieten zu unterrichten. Sie werden sich zu diesem Zwecke in den nächsten Tagen nach Schlesien und demnächst in die Rhem- provinz begeben.

* Ueber eine Branntweinmonopol - Vorlage gehen seit einigen Tagen allerhand Meldungen durch die Blätter. Nach den ,Berl. Neuest. Nachr/ handelt es sich aber nicht um eine Vorlage, fon* dein um ein fertiges Steuerprojekt, wie sie in ziemlich erheblicher Anzahl im Reichsschatzamte vorliegen. Da zwischen dem Abschluffe des Etats und seiner Einbringung im Reichstage nur eine verhältnismäßig kurze Zest zur Entschließung über die Auswahl neuer Sieuerquellen zur Verfügung stehe, mache es die finanzielle Kriegsbereitschaft des Reichsschatzamtes erforderlich, für jede Ent- fchließung deS Bundesrates fertige Projekte bereit zu haben, deren finanzieller Ertrag seststehe. So sei auch daö Projekt des Brannt- wein-Monopols entstanden.

.'. Die Kosten der neuen Marinevorlagsn werden von der ,Kreuzzeituncf auf 108 Millionen Mark berechnet; sie gibt aber zu, daß es auch mehr werden könne«. Wir sind auch der Ansicht, daß es mehr werden, zumal der Schiffsersatz uns größere Schiffe mit mehr Bemannung und höheren Jndiensthaltungskosten bringt; aber die größten neuen Ausgaben liegen nicht im Flotten- gesetz, sondern im Etat; es sind die Forderungen

für die Unterseeboote, Hafenanlagen, Befestigungen, Minen u. s. w.

» Der „Diebstahl" im Flottenverein be­schäftigt immer noch sehr lebhaft die jftesse. Die Post' phantasiert einen Hintertreppenroman zusammen, worin sie erzählt, wie der Abgeordnete Erzberger Material gegen den Flottenverem er- halten haben soll; wir können auS bester Quelle mitteilen, daß an der Sache kein wahres Wort ist. Die Zeugnisverweigerung des Abg. Erzberger wird in einem Teil der Preffe gröb­lich verdreht. Ueber einen „Diebstahl" ist der Abg. Erzberger gar nicht befragt worden, der Untersuchungsrichter hat ja selbst gesagt, daß nicht die Spur eines Beweises für einen solchen vorliege. Der Abg. Erzberger ist vom Unter­suchungsrichter lediglich beftagt worden, ob er wisse, wer die Artikel in dem »Bayer. Kur/ ge- schrieben habe, ob er wiffe, daß die Angeklagten hierzu Material geliefert hätten, wenn er daraus- hm die Antwort verweigerte, so tat er es aus guten Gründen. Dem Abg. Erzberger sind über die Agitation deS Flottenvereins von sehr vielen Seiten, darunter sehr hochgestellten Persönlich, feiten, Mitteilungen gemacht worden, von denen er teilweise schon in der letzten Wahlagitation öffentlich Gebrauch gemacht hat. Sinn soll er seine Gewährsmänner nennen, ohne daß die>e ihm die Erlaubnis gaben? Das wäre eine ehr­lose Handlung. Das Gesetz aber gibt ihm nach der Entscheidung des Kammergerichts fern Recht zur Zeugnisoerweigerung als Abgeordneter; er hätte somit eine Zeugnishast von ß Monaten zu gewärtigen. Dem Abg. Erzberger steht nun nach seiner Ueberzeugung der § 54 des Strafgesetz­buches zur Seite; dieser darf angewendet und das Zeugnis verweigert werden, wenn der Zeuge nach bestem Wiffen annimmt, daß er sich durch feine Aussage der „Gefahr einer strafgerichtlichen Verfolgung" auSsetzen würde. Es genügt also die Gefahr der strafgerichtlichen Verfolgung, die auf einem anderen Gebiete liegt, als dem zur Untersuchung stehender; darin stimmen alle angesehenen Strafrechtslehrer (Löwe usw.) überein. Ein Teil der liberalen Presse ist so superklug und stellt die lächerliche Behauptung auf, der Abg. Erzberger müsse lagen, auf welchem Gebiete eine solche Gefahr entstehen könnte. Nein, da« muß er nicht, weil er sich sonst ja des gesetzlichen Schutzes des § 54 be­rauben würde; er hat seine Ansicht über diese Gefahr nur glaubhaft zu machen und das tat er auch durch Anbieten eines betreffenden Eides.

♦ Der Prozeß Moltke gegen Harden hat ge- ffern (Mittwoch) vor dem Schöffengericht Berlin- Mitte seinen Anfang genommen. Tie Borge- schichte dürfte noch bekannt sein. Der Schrift- steller Marimilian Harden veröffentlichte in fei­ner Zeitschrift „Die Zukunft" acht Artikel, die sich mit der sogenannten „Liebenberger Tafelrunde" des Fürsten Philipp zu Eulen­burg auf Schloß Liebenberg beschäftigten. Die Artikel sollten den unheilvollen Einfluß der Ta­felrunde, deren Mitglieder zum Teil.dem Kai- s e r sehr nahe standen, auf die Politik des Kai­sers dartun. Auch war in den Artikeln an ge­beutet, daß verschiedene Personen, die zu diesem Kreise gehörten, geschlechtlich pervers veranlagt seien, darunter Graf Moltke, damals noch Stadtkommandant von Berlin. Der Kaiser er­fuhr durch den Kronprinzen die Harden'schen Enthüllungen. Graf Moltke wurde verabschie­det, er strengte, da der Staatsanwalt, Oberstaats­anwalt und Justizminister die Erhebung der öf­

fentlichen Anklage abgelehnt hatten, die Pri­vat klage an, die jetzt zur Verhandlung sicht. Die Vertretung des Privatklägers liegt in den Händen des Justizrats Dr. v. Gordon. Ter An­geklagte Harven wird durch Justizrat Bernstein- München verteidigt. Der Vorsitzende teilt mit. daß vom Gericht als Zeugen nur geladen find; Der Reichskanzler Fürst v. Bülow, der Ches des Militärkabincts v. Hülsen-Haeseler und der Graf v. Lynar. Diese drei Zeugen sind verhindert, die beiden ersten wegen Abwesen­heit von Berlin, der letztere wegen Krankbeit. Dagegen sind eine Anzahl von den beiden Par­teien aeladene i Zeugen aus den hoben und >w- ften Kreisen erschienen, darunter Frau Lilli von Elbe, die geschiedene Frau des Grasen Moltke. Der ebenfalls geladene Fürst Philwv zu Eulenburg ist nicht erschienen, ist aber be­reit, sich in feiner Wohnung in Berlin vernetz- mm zu lassen. Einen vom Vorabenden ange­regten Vergleich lehnte sowohl Graf Moltke als auch Harden ab. Herr Harden hielt seine Bezich­tigungen nicht nur ausrecht, sondern berfdwrfte sie wesentlich. Dann felgten allerhand heikle Er­örterungen über gewisse Veranlagungen, die an­scheinend bei der Zengenvernehmiing noch breit getreten werden sollen. Einstweilen indessen stand Behauptung gegen Behauptung.

* Herr v Radowitz, der neu iche Botschafter in Madrid, sieht am 25. Oktober am eine 25. jährige Tätigkeit als Botickasier zurück. Im vergangenen $ahre vertrat er das deut' che Reich als' erster Delegierter auf der Käufer em von Algeciras, nach'deren Abschluß ihn der Kann durch Verleihung des Schwarzen AdlerordenS auszeicknete.

* Die Abschaffung der geistlichen Schul- aufsicht tollte nach Blättermeldungen in einer Vorlage gefordert werden, die die Negierung v n Sachsen-Meiningen dem Landtag vor'e.wn will. Dazu wird jetzt mitgeteilt, daß es sich um die Beseitigung der jetzt noch bestehenden Be- auffichtiqung deS Religionsunterrichts durch die Geistlichen handelt. Die geistliche Schul­aufsicht als solche ist in Meiningen schon seit 1875 abge'chafft.

* Die bäuerische Kammer der Abgeordneten beriet am Mittwoch die Interpellation des Zentrums, was die Regierung dagegen zu tun gedenke, daß die durch die verschiedenen Sätze des Zolltarifs für Malzg er st­und andere Gerste beabsichtigte Wirkung vielfach dadurch illusorisch gemacht werde, daß durch vorherige Mischung der Gerste im Aus­lände die Anwendung des Satzes von 1,30 für Gerste erzielt wird, die zweifellos einem Satze von'4 Mark unterliege. Speck /Zentrum) be­gründete die Interpellation. Die Reicksregie- rung habe mit Bestimmtheit erklärt, daß man eine Unterscheidung zwischen Malzgerste und an- derer Gerste durchführen könne, allem bei Aus­führung der Zollbestimmungen seien untonglicke Mittel zur Unterscheidung gewählt, der Begnft Malzgerste auf Braugerste beschränkt und Brenn, gerste in Widerspruch mit dem Gesetz zum nie­deren Zollsatz zugelassen worden. Tie strengere Handhabung der Bestimmungen an der. baye­rischen Grenze werde durch die Gersteneinfuhr über die Rheinhäfen umgangen. Die Reichs- kasie verliere jährlich fünf Millionen. Finanz- Minister v. P f a f f erwiderte, die Verschiedenheit der Zollbehandlung der Gerste habe vom ersten Tage an große Schwierigkeiten ergeben. Die bayerische Regierung habe die Gerstenzollordnung streng durchgeführt und auch solche Gerste dena­turiert, die trotz des geringen Gewichts zur Malzbereifung geeignet erscheine. Man behaupte, daß anderswo weniger streng Verfahren werde.

Lebenswege.

vornan von Klara Wilhelms.

(Nachdruck verboten.?

„Willst Du denn wirklich fort und diesen Abend wieder in anderer Gesellschaft zubringen? Ich hoffte. Du würdest heute einmal zu Hause bwiben, sagte Kurt aufstehend.

„Warum sollte ich denn zu Hause bleiben?" frQq sm tn gereiztem Tone.

ffiefÄ fder letzten Zeit fast täglich in iveieUsciiaft gingest. Diese ewigen Gesellschaften musiul doch schließlich langweilen."

»vtm Gegenteil, ick finde es zu Hause viel langweiliger," entgegnete sie. ’

„Früher warst Du anderer Meinung," erwi­derte Kurt, „Tw hast mir oft versichert, es sei Tein , größter Hochgenuß, wenn Du mich zum alleinigen Zuhörer Deiner abendlichen musikali-

^roLu^e habest. Warum ist dies jetzt nicht enfn^n^' 2$ bitte Dich, werde nicht sentimental. berlanopn6 ^- ungeduldig. „Du kannst doch nicht d^n erste» £$ eS ln™er so bleiben soll, wie in 5er ®SmSQr’ren Nack der Hockzeit? Man sagt, nun verändert sich alle sieben Jahre'

habe ich au* ri? ll<$ nucf’ verändert. Was Tag über dm Uf?'" fQUJe? bist den ganzen

Meine dort am Gericht und hier."

brach Kurt die dies, Emma", unter-

hina macht alüifu^^' """d treue Pflichterfül- dem beschäftigtest" Ehr mit den Kin- tretenb, hinzm „Sieh'^m-^ vor das Fenster tummeln." ' tole he sich dort herum-

srHmpX\&Ä JiAn Suter Aufsicht und & Graach fragen: Wo ist

XMterBF Töchterchen Deines davonaelaufenen

„Emma, wie kannst Du in dieser Weise den wunden Fleck meiner Familie berühren?" ent­gegnete strenge Kurt. „Gerade Tu solltest am wenigsten wegwerfend darüber sprechen."

„Wie tragisch Du dies gleich nimmst, Kurt", erwiderte sie leicht. „Ich weiß ja wohl, daß mein Vater es nicht besser machte; daran tragen wir Kinder, ich meine die Kleine Deines Vetters und ich, jedoch keine Schuld. Ich denke, wenn wir die kleine Helene unserer Betty zur Gespielin gäben, sie könnte auch schon etwas Aufsicht über sie führen. Wie gefällt Dir mein Vorschlag?"

„Er wird nicht durchführbar sein, Martha läßt Helene nicht fort, und sie ist bei ihr auch gut aufgehoben", sagte Kurt, indem er auf und Niederschrift.

„Bei Fräulein Schmidt willst Du sagen", korrigierte sie ihn. „Sieh', das ist ja wohl ihre Photographie", sagte sie, zum Schreibtisch tre­tend.

. Sie nahm das Bildchen, welches Kurt vorhin bei ihrem Eintritt zur Seite gelegt, in die Hand und betrachtete es aufmerksam.

„Ein recht anspruchsloses Wesen", sagte sie, es wieder hinlegend. „Sie würde besser zu Dei­nen spießbürgerlichen Ansichten vom „häuslichen Glück" gepaßt haben, wie ich. Mit ihr würdest Du ein recht idyllisches Leben haben führen ton­nen; mir steckt dies nun einmal nicht im Blute. Warum hast Du sie nicht geheiratet?"

Einen Augenblick starrte Kurt sie sprachlos an, während Helle Glut ihm bis in die Schläfe flieg Wie kam sie dazu, ihm dieselbe Frage zu stellen, welche er sich in letzter Zeit in seinem fiefftett Innern bisweilen vorgelegt hatte?

„Warum ich sie nicht heiratete? — Und das fragst Du?" sagte er endlich.

„Nun, mein (Sott, habe ich denn schon wieder etwas Unrechtes gesagt?" fragte sie erstaunt. „Wie merkwürdig Du heute wieder bist. Doch nun lasse mich gehen; adieu Kurt, amüsiere Dich gut.*

Emma rauschte hinaus und Kurt sank in den Sessel zurück. Er bedeckte die Augen mit der einen Hand, die andere hing schlaff herunter.

„Warum hast Du sie nicht geheiratet", und das fragt sie, — sie, um deretwillen ich das große Opfer brachte? stöhnte er. „O, Emma, niemals hccke ich Dich fühlen lassen, daß Dir nicht mein ungeteiltes Herz, meine ungeteilte Liebe gehörte. Du wußtest es nicht, und sollst es auch nie er­fahren, daß es ein Wesen gab, welches ich noch mehr liebte, wie Dich. Dich glücklich zu machen, wie ich es Deinem sterbenden Onkel gelobt, war mein einziges Streben, und in der Erreichung dieses Zieles bestand mein Glück. So lange ich Dich durch mich glücklich wußte, genoß ich selber ein Glück, feit der Zeit aber, wo Tu Dein Glück nicht mehr bei mir, sondern in Vergüngiingen und Festlichkeiten findest, ist mein Herz öde und leer."

Und wieder versank er tn ein stilles Sinnen, er gedachte der Stunde, in welcher er Marthas Liebe erkannt, wie schwer er gerungen im Kampfe zwischen Liebe und Pflicht. Er gedachte der ersten Jahre feines ehelichen Lebens, wie er sich an dem Glücke seiner Gattin erfreut und durch dieses sein eigenes Glück erblühte. Das Glück war aber nicht von langer Tauer, denn Emmas unruhiges Gemüt konnte das stille häus­liche Leben nicht befriedigen. Sie war vom Theater her an die Beifallsspenden der Menge gewöhnt und dürstete nach Bewunderung. Das ruhige, häuslich Glück, welches der äußeren An­regung entbehrte, erfüllte Emma's mehr leiden­schaftliches als schwärmerisches Gemüt mit einem ungeduldigen Sehnen. Sie fühlte sich wie ge­fesselt und wünschte nichts sehnlicher, als ein ge­sellschaftliches, abwechselungsreiches Leben, wozu aber Kurfs wirklich schwärmerische, tieffühlende Seele durchaus nicht hinneigte.

Da brach in einem benachbarten Orte Feuer aus, welches so um sich griff, daß einige hundert Menschen dadurch obdachlos wurden. In der Kreisstadt veranstaltete man sogleich Konzerta

und theatralische Vorstellungen zum Besten dec Abgebrannten, und Emma ergriff mit Freu­den die Gelegenheit, dem sie ermüdenden Einer­lei zu entrinnen. Sie übernahm eine der Haupt­rollen bei der Dilettanten-Vorstellung, und führte sie so glänzend, so meisterhaft durch, daß ihr allgemeine Bewunderung gezollt wurde. ^>etzt erfolgte Einladung auf Einladung, die junge Frau wurde plötzlich zu einer Berühmtheit der Stadt und sie stürzte sich in den vollen Strudel des Vergnügens. Man wußte, daß der Kreis­richter stets viel beschäftigt war, und seine Gat­tin deshalb nicht begleiten konnte; daher fand jeder es in der Ordnung, wenn die schöne Fran allein die Gesellschaft besuchte.

Die Sonne war unter gegangen, das Lachen und Jauchzen der Kinder verstummt.

„Papa, Papa, soll ich zu Dir kommen?" fragte ein feines Stimmchen vom Fenster her. „Du kannst nicht mehr schreiben, komm, spiele mit uns, Papa."

Kurt erwachte aus seinen Träumereien, ging zum Fenster und hob den Kleinen herein.

„Mich auch, Papa, bitte, mich auch", bat die kleine Betty. .

„Nun, so komm her mein Kind", sagte er und hob sie ebenfalls durch's Fenster.

Dies war ein Jubel für die Kleinen, welch« den Papa nmrinkten und auf dessen Knien und Rücken Heiterten. Als nach einer Weile Anni in den (Sorten kam, um die Kinder zu holen, sah sie diese durch das noch immer offene Fenster in den Armen ihres Herrn.

„Leise, Anni, leise", sagte dieser, als sie näher trat, „die Kinder schlafen beide."

Behutsam nahm Anni sie von der Vaters Schoß und trug sie in ihre Beffchen.

Am folgenden Mittag sah Kurf die Gattin beim Mittagsfische wieder; als er morgens zum Gerichte ging, schlief sie noch, denn sie war spät heimgelommen.

^Fortsetzung folgte )