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Fulda, Dienstag den 15. Oktober 1907.

M 237.

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Deutsches Reich.

Berlin, 14. Oktober 1907.

* tzin Handschreiben der Kaiserin an bett chrafen Posadowsky. Die Kaiserin hat an den Grasen v. Pasadowsky.Wehner, der Anläßlich seines Ausscheidens aus dem Staats- hienste auch sein Amt als Vorsitzender des deut­schen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose niedergelegt hat, folgendes Hand­schreiben gerichtet: Nachdem Ihr amtlicher Nachfolger nunmehr die Leitung des Zentral- Komitees zur Bekämpfung der Tuberkulose über­nommen hat, an dessen Spitze Sie durch eine fange Reihe von Jahren gestanden haben, möchte ich als Protektorin nicht unterlassen. Ihnen die dankbare Anerkennung zum Ausdruck zu bringen, die Ihrem Wirken auch an dieser stelle gebührt. Wenn der systematische Kampf 1 jegen die Verheerungen dieser Volksseuche Erfolge ! u zeitigen beginnt, so darf Ihr Name unter »en ersten genannt werden, die daran beteiligt tnd. Es ist mir bekannt, wie Sie neben Ihren aufreibenden Berufsgeschäften Zeit und Ruhe sanden, die Sitzungen des Zentralkomitees zu Aten, wie Ihre große Erfahrung auf dem Gebiete des Gemeinwohls auch diesem Zweite allgemeiner Fürsorge zu statten kam und die tzom Zentralkomitee ausgehende Wirksamkeit er­höhte. In den Kreisen desselben ist das Ihnen gewidmete dauernde Andenken mit dem Wunsche derbunden, sie auch ferner an dem Werke beteiligt zu sehen, das Ihnen tiefempfundenen Dank schuldet.

* Der Kronprinz hat den Wunsch geäußert, S: Zivilverwaltung des Staates in um» sender Weise kennen zu lernen. Auf diesen unsch hat der Kaiser durch Kabinettsordre vom 7. Oktober d. I. die Genehmigung zur Beschäf- jigung des Kronprinzen im Ministerium des In­nern für die Dauer eines Jahres unter Befreiung pon militärischen Dienstleistungen während dieser Zeit genehmigt und die Einführung des Kron­prinzen in die zivildienstlichen Geschäfte dem Minister des Innern, v. Moltke, unter Billi­gung des von diesem aufgestellten Beschäftigungs­planes übertragen. In dem Programm ist vor­gesehen, daß dem Kronprinzen in alle wichtigeren Zweige des inneren Staatsdienstes ein eingehen­der Einblick gewährt wird. Neben einer prakti­schen Betätigung bei der Bearbeitung aus­gewählter Geschäftssachen und der Teilnahme an wichtigeren Ministerial-Vorträgen, gelegentlichen Besichtigungen ec. werden Vorträge einher­gehen, die dem Kronprinzen von Vertretern der Wissenschaft und Männern der Praxis in steter Anlehnung an den Fortschritt seiner Tätigkeit ge- halten werden. Der Kronprinz hat, wie die ,Nordd. Allgem. Ztg.' meldet, seine neue Beschäf­tigung schon am Montag ausgenommen.

* Von einer Flottenvorlage, die vom Reichs­tag erhebliche Mehrkosten anfordert und den Marineetat auf 350 Millionen steigern würde, wußten kürzlich die ,Münch. Reuest. Nachr.' zu berichten. Die ,Voss. Ztg.' läßt sich dazu schreiben, -aß man in dieser Meldung schon deshalb eine willkürlicheAnnahme werde erblicken können, weil der zudem geheim gehaltene Marineetat noch nicht einmal dem Bundesrat Vorgelegen habe.

* Zur Frage der Aufhebung der Steuer- Privilegien der Staatsbeamten hat, wie die Meuzftg/ erfährt, die Regierung bereits Stellung

genommen. Es wird beabsichtigt, um nicht die bevorstehenden Gehaltsaufbesserungen durch die Beseitigung des Steuerprivilegs zu beeinträchtigen, den Gemeinden einen Ersatz für die durch vaS Steuerprivilegium entgehenden Steuereinnahmen aus Staatsmitteln zu leisten. Die Vor­arbeiten zu einem diesbezüglichen Gesetzentwurf werden bereits im Ministerium des Jnnem aus­geführt.

* Dm Rechtfertigungsversuch des badischen Genosse« Kolb, der bckanntlich mit dem Genoffen Frank an der Beisetzung des badischen Großherzogs teilnahm, läßt der .Vorwärts' nicht gelten. Beide hätten zu dem verstorbenen Großherzog weder geschäftliche noch persönliche Beziehungen gehabt, und, so fragt der.Vorwärts': „Seit wann gebieten „allgemein menschlicher Takt und Anstand" einem Menschen die letzte Ehre zu erweisen, zu dem man gar keine näheren Beziehungen gehabt hat?" Die politische Rechtfertigung Kolbs erklärt der .Vorwärts' für einfach erörterungswürdig. Die Sozialdemokratie dürfe nicht auf Kosten ihrer Grundsätze Politik treiben. Wenn die Genossen Kolb und Frank dafür kein Empfinden hätten, dann werde es doch hoffent­lich die große Mehrheit der badischen Genoffen haben. Die badischen Genoffen weroen hoffentlich den zarten Wink aus Berlin verstehen und den beiden Genossen den Standpunkt ordentlich klar machen.

L An die Eisenbahnverwaltungm ist ein Erlaß ergangen, der auf den Zentralverband der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands und seine ordnungsfeindlichen Bestrebungen hinweist und anordnet, daß der Bei­tritt zu diesem Verband und seinen Ortsgruppen oder jede anderweitige Förderung seiner Bestrebungen die Entlassung zur Folge haben würde. Auf Grund dieses Erlasses haben die bahnamtlichen Spediteure, Blättermeldungen zufolge, ihren Angestellten er­öffnet, daß sie kein Mitglied des Transportarbeiter­verbandes weiter beschäftigen würden. Der Minister betrachtet diesen Erlaß jedenfalls als die Folge eines früheren, nach dem innerhalb der Eisenbahn­verwaltung keine Sozialdemokraten be­schäftigt werden sollen.

* 100 Polen ausgewiesen. Wie die ,Neue Hamburger Zeitung' aus Oldenburg drahtet, wurden von der großherzoglichen Staatsregierung hundert Oesterreicher (Polen) als lästige Ausländer ansgewiesen.

* Kolonialpolitik und Handel. Seitdem Dernbnrg die handelspolitische Bedeutung des Kolonialbesitzes so sehr in den Vordergrund stellte, gibt es Leute, die eine Schädigung für unseren Handel befürchten, wenn man nicht durch Äirf und dünn Kolonialpolitik treibt. Einige Zahlen aber sollen zur Belehrung dienen; zunächst ist es interessant, wie lebhaft Deutschland z. B. mit der portugiesischen Kolonie im Handels­verkehr steht. Der Gesamthandel mit Portu­giesisch Ostasrika bewertet sich danach

in der Einfuhr auf 5 650 000 Mark

„ „ Ausfuhr „ 4 563 OOP „

Zusammen 10 213 000 Mark.

ES hat sich seit dem Vorjahre vermehrt: Die Einsuhr um 1797 000 Mark, die Ausfuhr um 996000 Mark. Der Handelsverkehr zwischen Deutschland und den westasrikanischen Besitzungen Portugals beläuft sich

in der Einfuhr auf 8 125 000 Mark

„ „ Ausfuhr „ 2 229 OOP „

Zusammen 10 364000 Mark.

Dieser Handel vollzieht sich, ohne daß wir besondere Ausgaben für seinen Schutz stellen

müssen. Man weist aber bei uns noch gern auf Frankreich hin und sagt, daß dieses mit seinen Kolonien einen sehr lebhaften Handel habe; das stimmt. Der Gesamthandel der ftan- zösischen Kolonien und Schutzgebiete wies im Jahre 1906 in Ein- und Ausfuhr einen Gesamtwert von 875 266 466 Francs auf, ein Ergebnis, das das. jenige des Vorjahres um 1329511 Francs und den Durchschnitt deS JahresfünftS 1901/05 um 13587 865 Francs übersteigt. Die Einfuhr wies hierbei einen Wert von 454935294 Francs auf. Gegenüber dem Jahre 1905 sind dies 34144197 Francs weniger und gegenüber dem bezeichneten fünfjährigen Durchschnitt ein Rückgang um 15258285 Francs. Die Ausfuhr erreichte einen Wert von 420331172 Francs, das sind gegen­über dem Vorjahre und dem Durchschnitt des Zeitraumes von 1901/05: 35473 708 und 28846150 Francs mehr. Der Anteil Frank­reichs an dieser Handelsbewegung stellte sich auf 371564419 Fr., von denen 201377 226 Fr. auf die Einfuhr und 170187193 Fr. auf die Ausfuhr entfielen. Von dem Kolonialhandel gehen also noch nicht einmal 50% auf das Mutterland, sondern nur stark 40%. Wie aber sieht es in Deutschland auS? 1905 betrug der Wert des Gesamthandels der deutschen Ko­lonien nur 193 Mill. M., davon 86 in Afrika und 93 in Kiautschou. Aber auf Deutsch­land entfielen nur 65 Mill. Mk., d.h. 30%. Diese Zahlen legen eine nüchterne Betrachtungs­weise ganz von selbst nahe. Die 65 Mill. Mk. Handel mit Deutschland kosteten uns aber 1905 über 80 Mill. Mk. Reichszuschuß. Nettes Geschäft!

Deutschlands Handel in Casablanca. Die Zerstörung des marokkanischen Hafens und die Frage der Entschädigung für die deutschen Kaufleute legt die Frage nahe, wie hoch denn unsere Interessen an diesem Küstenorte sind. Der Wert der Gesamteinfuhr über Casablanca in Marokko belief sich int Jahre 1906 auf 8321280 M. gegen 6 958900 M. im Vorjahre, ist also um 1382380 M. gestiegen. Diese Steigerung ist in erster Linie auf eine vermehrte Einfuhr aus Großbritannien zurückzuführen, deren Wert gegen das Vorjahr um 924 256 M. zugenommen hat; daneben sind es Frankreich und Spanien, deren Einfuhrwerte eine Steigerung erfahren haben. Der Anteil des Reiches ist aber leider seit 1902 prozentuell und absolut zurückgegangen. 1902 führten wir für 882736 Mark — 11% Waren ein, 1906 aber nur für 699 628 M. — 8,4%. Der Anteil Frankreichs ist aber in demselben Zeiträume von 2 527518 Mark = 33% auf 3 995224 M. ----- 48% ge« fliegen. Die Kaufkraft der marokkanischen Be­völkerung ist in den letzten Jahren zwar etwas geschwächt worden, aber da bleibt es doppelt auffallend, daß uns andere Länder etwas ver- drängen könnten. Diese Zahlen zeigen uns aber auch, daß Deutschland nur ein geringes Interesse in Marokko hat.

* Die Schutztruppe in Deutsch-Südwestasrika zählt, sobald die Rückbeförderungen beendet sind, 3988 Köpfe. Die eigentliche Feldtruppe besteht aus 170 Offizieren und 2850 Mann­schaften; sie gliedert sich in 17 Feld-Kompag- nien zu durchschnittlich 120 Mann, in 3 Feld- und 3 Gebirgs - Batterien, 4 Maschinengewehr- Abteilungen und ist auf 30 Garnisonen ver­teilt. Der Nordbezirk (Stabsort Otawi) hat 18

34. Jahrfianss.

Garnisonen, der Südbezirk (Stabsort Keetmans- hoop) 11 Garnisonen. In der Mitte, dem Ge­biete der treugebliebenen Bastards, ist nur eine Garnison (Aminuis) mit 2 Maschinengewehren (50 Mann). Die nichtfechtenden Truppen bestehen au8 zwei 108 Mann zählenden Pionier­truppen, aus 4 Signal-Abteilungen (418 Mann) und aus 295 Mann, die auf 12 Proviantämter, 6 Lazarette und 10 Depots verteilt sind.

* Zum Hochverratprozeß gegen Liebknecht schreibt die ,Kreuzztg.': „Der Spruch des Reichs­gerichts hat gezeigt, daß man dem hochverräte­rischen Treiben der Sozialdemokratie auch aus gründ der bestehenden Strafgesetze bei­kommen kann, wenn man sie nur in jedem Fall anwendet. Schon die Dreistigkeit, mit der Kautsky in seinen 1902 im Frühjahr in Belgien gehal­tenen beiden Vorträgen, die bann im Sommer in Broschürenform allgemein verbreitet wurden, dar- legte, wie die Sozialdemokratie im Kriegsfälle ihre Zwecke fördern könne, indem sie Zugeständ­nisse durch Drohungen mit einem Militärstreik erzwinge, hätte ein strafrechtliches Eingreifen empfehlenswert erscheinen lassen. Liebknecht hat diesen Grundsätzen gemäß seine Agitationen ein­gerichtet und die Jugendorganisation als die geeigneten Mittel erkannt, diesen Grundsätzen im Volke Boden zu verschaffen." Die ,Hamb. Nachr.' fordern von der Regierung, die Neu­wahlen zum Reichstag auf gründ eines regierungs­seitig eingeführten neuen Wahlrechts vornehmen zu lassen. Das ,Berl. Tagebl.' sieht darin einen Rat zum Verfassungsbruch und folgert: wer die Verfassung durch vorbereitende Handlungen umstürzen will, der begeht eben Hochverrat. So fei Hochverrat hier wie dort. Wenn ein reaktio­närer Staatsstreich in der Presse erörtert werden dürfe, dann solle anch die Erörterung eines revo­lutionären Staatsstreichs nicht als Hochverrat gebranbmartt werben dürfen. Der Prozeß gegen Liebknecht sei ein politischer Akt gewesen; et hätte nicht ohne die Einwilligung der Regierung ein­geleitet werden dürfen. So sei es nicht zu ver­meiden, daß auch feine politischen Folgen auf die Regierung zurückfallen. Der Liebknecht-Hochver­ratsprozeß scheint übrigens nicht der letzte Hoch­verratsprozeß in diesem Jahre gewesen zu sein. Wie die ,Post' mitteilt, dürfte demnächst der kürz­lich aus der sozialdemokratischen Partei ausge­schlossene Berliner Arzt Dr. Friedberg an die Reihe kommen, gegen den ein Hochverratsprozeß wegen einer antimilitaristischen Rede anhängig gemacht ist. Weiter ist ein Hochverratsverfahren gegen den Redakteur des »Freien Arbeiters' Rudolf Oesterreich eingeleitet. Beschlagnahmt wurde auch die letzte Nummer des .Revolutionär' wegen Hochverrats. Dem Redakteur Zumpe soll ebenfalls der Prozeß gemacht werden.

* De» Liberalen lieft die.Kreuzzeitung' den Text. In ihrer Nummer 481 polemisiert sie gegen die Bassermannsche Behauptung, die Blockpolitik werde so lange dauern, wie eine verständige liberale Politik getrieben werde und sagt dabei u. a.: „Der Liberalismus hat zuviel ehrgeizige Führerund zu wenig positiven Inhalt. Den Liberalen fei es peinlich, an das unbe­siegte Zentrum erinnert zu werden. Aber eine Politik, die nicht mit dem Gegner rechnet, ist Volksversammlungspolitik und Zeitungskanne­gießerei." Die ,Kreuzzeitung' verwahrt sich dann entschieden gegen den von verschiedenen Seiten erhobenen Vorwurf, daß sie den Block gefährde.

Lebenswege.

Roman von Klara Wilhelmi.

35) (Nachdruck verboten.)

Deswegen wagte sie eines Mittags einen Gang in die Stadt, wobei sie ihr Töchterchen an der Hand mit sich führte. Sie hatte den Teil der Hauptstadt, in welchem sich früher ihre Woh­nung befand, noch nicht wieder betreten, heute jedoch wurde sie mit deuwwogeuden Menscheu- strome nach dem besjererk^'Stadtteile hin fort­getrieben. Es waren nämlich auswärtig- hohe Herrschaften bei dem Herrscherpaare der Residenz ju Besuch. Tie bei dieser Gelegenheit veran- ftalteten Festlichkeiten, wie Illumination der Stadt, Fackelzüg und dergleichen, führten eine große Menge Schaulustiger von Nah und Fern herbei. Käthcheu mochte sich in dem Trubel der lauten, lachenden, fröhlichen Menge nicht Wohl fühlen, sie trat mit der Kleinen den Heimweg >n. Ein schön ausgebautes Ladenfenster fesselte )es Kindes Aufmerksamkeit: Spielsachen aller Art und besonders die großen feingekleideten Puhheu hielten Helenes Augen so gebannt, daß bte Mutter eine Weile mit dem Kinde vor dem Kenster stehen blieb.

„Siebe Mama, die Puppen haben alle ein »and am Halse, woran man sie aufgehängt hat, lüt ihnen dies nicht Weh? O, ich glaube, sie muf­fen daran sterben und sie sind doch so schön. Litte, laß uns hineingehen und die Puppen vom Lande befreien, damit sie keine Schmerzen mehr laben."

Während die Mutter Helene erklärte, daß die Luppen nicht lebendig seien und deshalb auch mne Schmerzen fühlen, war ein Herr neben gnen am ' Schaufenster stehen geblieben und jor.e dem Gespräche zu. Käthcheu, dies mer- enö zog die Kleine mit sich fort, aber die Korte: „Guten Tag. Frau Werner, wie freut

es mich, Sie zu treffen", ließ sie zu dem Herrn ausblicken. Ein leiser Schrei der Ueberraschung entfuhr ihren Lippen: „Herr Franke, Sie hier?!"

Errötend reichte sie dem Landsmann die Hand.

, Ich glaube gern, daß Sie nicht erwarteten, mich in der Residenz zu sehen", sagte Franke, „ich habe meine einzige noch lebende Verwandte, ein? Cousine meiner verstorbenen Mutter besucht, und da der Weg mich an der Residenz vorbei­führte, habe ich mich verleiten lassen, die Stadt bei Gelegenheit der Festlichkeiten mir auch ein­mal anzusehen. Wie preise ich das Glück, wel­ches mich Sie finden ließ: ich erkannte Ihre Stimme sofort, als Sie mit Ihrem Töchterchen sprachen; in dieser großen Stadt würde ich Sie sonst schwerlich gefunden haben."

Es ist ein angenehmes Gefühl, in der Fremde unverhofft ein bekanntes Gesicht aus der Hei­mat zu sehen; man fühlt sich zu der Person hin- gezogen, auch wenn man früher derselben selbst fern stand. Wie viel mehr aber, wenn wir un­erwartet gegenüberstehen, mit dem wir verkehr­ten und Gedanken und Ansichten austauschten. Mit einem Schlage treten alle unsere früheren gemeinsamen Beziehungen uns vor die Seele, Erinnerung reiht sich an Erinnerung.

So mochte es auch bei Käthcheu sein. Bei dem Anblick ihres abgetoiefenen Bewerbers er­innerte sie sich ihrer so glücklichen Jugendzeit, vielleicht auch tauchte der Gedanke auf, welches Leben sie an der Seite dieses Mannes habe füh­ren können und wie sich ihr Leben mit dem von ihr Gewählten gestaltet hatte. Sie brach plötz­lich in lautes Schluchzen aus.

„Ich weiß, welche Schläge Sie getroffen ha­ben", sagte er, ihr? Hand drückend. „Aber kom­men Sie, führen Sie mich zu Ihrer Wohnung und ivenn Sie Vertrauen zu mir haben, dann schütten Sie Ihr Herz bei mir aus. Ich brauche Ihnen wohl nicht die Versicherung zu geben, daß

ich Sie noch ebenso verehre und achte, wie früher, daß Sie meinem Herzen noch ebenso teuer sind."

Wie sie nun zusammen die langen Straßen dahinwandelten, erzählte Franke von der Hei­mat, daß die alte Jungfer Christine gestorben sei, bevor man das Unglück Käthchens im Land- städtchen kannte. Auch sprach er von dem langen Leiden der Schwester, von der allgemeinen Trauer über deren Tod, wie besonders die Ar­men und Kranken eine große Wohltäterin an ihr verloren, und wie Martha sich bemühe, bei den jüngeren Geschwistern die Stelle der 6er- storbenel; Mutter zu Vertreten.

„Und Hellmuth, wie ist es mit dem?" fragte Käthcheu, die ihre Tränen getrocknet. „Bei mei­nem letzten Besuche in der Heimat sprach man von seiner bevorstehenden Verlobung."

„So ist es. Der alle Hellmut hat seinem Sohne doch eine Fran gesucht; sie führen zu­sammen ein glückliches Familienleben."

„Hat ein solches denn keinen Reiz für Sie, wollen Sie noch immer allein bleiben?”

„Ich habe nur einmal geliebt," sagte Herr Franke bestimmt.

In Käthchens Wohnung angelangt, teilte sie ihm auf sein Befragen alles mit, was zwischen ihr und Herrn von Bergen vorgefallen, wie er ihr kürzlich gefolgt sei, und was er ihr gedroht habe. Nachdem er sie ruhig angehört und dar­über nachgedacht, fragte er: „Von Ihrem Gatten haben Sie noch keine Nachricht, kein Lebenszei­chen erhalten?"

„Nein, noch keine", antwortete sie.

„Ich rate dazu, die Residenz zu verlaffen", meinte er. „Sie können nicht ohne Schutz allein hier bleiben, Käthcheu. Dieser von Bergen ist ein zu gefährlicher Mensch. Ich begreife aber auch, daß Sie unter den jetzigen Verhältnissen nicht gern in die Heimat zurückkehren, daher will ich Ihnen einen anderen Vorschlag machen. Meine Tante hat bereits ein ziemlich hohes Alter erreicht, sie war nie verheiratet und lebt so zu sagen allein in ihrem Hause vor der Stadt N..

einige Meilen von hier. Außer einer ebenfalls ziemlich betagten Magd, welche bei ihr wchnt, verkehrte bislang nur ein junges Mädchen aus einer ihr befreundeten Familie bei ihr. Dieses junge Mädchen hat sich in voriger Woche verhei­ratet mit) ist nach einem anderen Orte gezogen. Die alte Dame fühlt sich dadurch recht verein­samt, denn besagtes junges Mädchen brachte täg­lich mehrere Stunden bei ihr zu. Auf meinen Rat will sie sich nach einer Gesellschafterin um- sehen, und wenn Sie sich dazu entschließen könn­ten, diese Stelle zu bekleiden, dann wäre Ihnen Beiden geholfen. Sie werden an meiner Tante eine zweite Mutter finden, fo gut, so menschen­freundlich ist sie."

„Würde ich meine kleine Helene mit hin- nehmen können?" fragte sie.

„Ich glaube nicht", erwiderte Herr Franke; „denn wie gesagt, die Tante war nicht verhei- ratet und ist keine Kinder gewohnt, sie wird sich jetzt in ihrem Alter nicht mehr damit befassen können."

„Und was soll denn aus meiner Helene wer- den? Nein, nein, Herr Franke, es kann also nicht fein."

„Nun, Helene nehme ich mit und bringe sie zu Martha. Dies liebe kleine Hausmütterchen wird sich freuen, wenn ich ihr das Kind mit­bringe; hat sie doch eine besondere Vorliebe für dasselbe, wie sie mir sagte."

„Ich soll mich von dem Kinde trennen? Dies ist unmöglich, Herr Franke; ich habe vieles er­tragen, aber eine Trennung von dem einzigen Wesen, welches mir noch geblieben, kann ich nicht ertragen."

„Bedenken Sie aber des Kindes Wohl, Käth­chen, gilt dieses Ihnen denn nichts? Welche Erziehung können Sie dem Kinde angebeiben lassen, wenn Sie hier bleiben, wo Ihre Arbeit Sie gänzlich in Anspruch nimmt?"

(Fprtsetzuna folatl