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34. Jahrgang.

Fulda, Dimstag den 8. Oktober 1907

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Schrlftlelter: A. Wehler

z.^paneS""in'?«lda wochLnbeilage: „Illustrierte Sonntagrzeitung'

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1907.

Staats- Fürsten

Deutsches Reich.

Berlin, 7. Oktober

Maulkorb angehängt wird. Man darf aber auch eins nicht vergessen. In vielen Fällen kann, es Vorkommen, daß ein Abgeordneter durch ein- wandfreie Gewährsmänner ein nach einer Ansicht einwandfreies Material erhalten hat und daß eine Untersuchung des betreffenden Falles doch die Unzuverlässigkeit des Materials ergibt. In einem solchen Falle ist es stets Pflicht des betreffenden Abgeordneten gewesen, die angeblichen Mißstände im Reichstag zur Sprache zu bringen. Sollte er deswegen durch eine Zurückweisung des Präsidenten wie ein

Schulknabe an den Pranger gestellt werden? Wir meinen, daß die Männer, welche im Reichstag sitzen, welche die Erwählten des Vol­kes sind, so viel Ehrgefühl, so viel Taktgefühl und so viel Verständnis für die Empfindungen ihrer Mitmenschen aus eigenem besitzen, daß sie die Tribüne des Reichstages nicht zu einem Tummel­platz bewußt unwahrer Verdächtigungen und An­griffe machen. Warum hat man denn überhaupt den Parlamentariern die Immunität gewährt? doch nicht einzig zu dem Zweck, daß sie furchtlos ihre Behauptungen im Reichstag Vorbringen, sondern doch wohl auch zu dem Zwecke, daß, sie da, wo sie als Menschen geirrt haben, nicht infolge des Dienstes, den sie der Oeffentlichkeit zu erwei- sen glaubten, einer Bestrafung verfallen sollten.

Wo ein Abgeordneter im Reichstag eine un­gerechtfertigte Behauptung aufstellt, durch die sich ein anderer in seiner Ehre verletzt fühlt, wird er auch den Mut haben, die Behauptung außer­halb des Reichstags zu wiederholen, um vor dem Forum des Gerichtes seinen Beweis an­zutreten. Und hat er diesen Mut nicht, dann ist er in der öffentlichen Meinung gerichtet. Wegen einer solchen charakterlosen Persönlichkeit aber hat der Reichstag keinen Anlaß, Neuerungen einzu­führen, wie sie von den beiden erwähnten. Blät- tern in Vorschlag gebracht werden und durch die der Reichstag zum Ausdruck bringen würde, daß in ihm eine derartige Charakterlosig­keit bestehe, daß ihr durch besondere Maßnahmen Fesseln angelegt werden müßten.

weg entwickelten Grundsätzen in Bezug auf die Ausstellung des Entwurfs eines Reichsvereins- und Versammlungsgesetzes, insbesondere auch in Bezug auf die Ausnahmebehand­lung derjenigen Vereine und Versammlungen, die sich nicht der deutschen Sprache bedienen, zugestimmt. Der Entwurf wird im Reichsamt des Innern ausgearbeitet und soll abgesehen von jener Ausnahmebestimmung, wie der ,Lokalanz.' weiter meldet, auf durchaus liberaler Grundlage aufgebaut werden. Ein Ausnahmegesetz und liberale Grundlage! So was kann nur die liberale Logik zusammenreimen. Ge­radezu belustigend ist zu lesen, wie sich die frei- konservative ,Posff bemüht, das kommende Aus­nahmegesetz als das Gegenteil eines Ausnahme­gesetzes hinzustellen. Sie schreibt: „Run wollen die Gegner einer derartigen Maßregel (verschärfte Kontrolle von Versammlungen in fremder

folger tritt der bisherige Botschafter in Petersburg Wilhelm v. Schön an die Spitze des Auswärtigen Amtes, während der bisherige Botschafter in Wien, Graf v. Wedel! anstelle des Fürsten v. Hohen- lohe«Langenburg, der mit Rücksicht auf sein Alter sein Abschiedsgesuch eingereicht hat, zum Statthalter von Elsaß-Lothringen er- nannt wurde. Der bisherige Staatssekretär des Auswärtigen Amtes v. Tschirfchky und Bögen- dorsi war kaum zwei Jahre als Staatssekretär tätig. Seine Ernennung erfolgte im Januar 1906 nach dem Tode des Freiherrn v. Richthofen. Der neue Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Wilhelm v. Schön wurde erst im Herbst 1905 nach Petersburg berufen. Er ist am 3. Juni 1851 in Worms geboren und trat bei Ausbruch des Krieges 1870 als Freiwilliger beim 2. hessischen Reiterregiment, jetzt Leibdragonerregiment Nr. 24 ein, anvancierte zum Offizier und blieb als solcher bis 1877 im aktiven Dienst. Hierauf ging er zur diplomatischen Laufbahn über und war vor seiner Ernennung zum Botschafter Ge­sandter in Kopenhagen. Herr v. Schön zählt, wie der .Lokalanzeiger' zu berichten weiß, zu den begütertsten Diplomaten Deutschlands. Der neue Statthalter der Reichslande, Graf v. Wedel, ist 1842 geboren und entstammt- dem hannoverschen Adel. Er widmete sich zu- nächst der militärischen Laufbahn und wurde 1889 diensttuender Adjutant des Kaisers und bald darauf General L la suite. Zu Anfang der 90er Jahre tauschte er die militärische Laufbahn mit der diplomatischen ein und war vor seiner Er­nennung zum Botschafter in Wien, Botschafter in Rom. Fürst zu Hohenlohe-L angenb urg, der bereits im 75. Lebensjahre steht, war 13 Jahre lang Statthalter der Reichslande. Auch er stand früher in Militärdiensten, rückte 1864 zum Generalleutnant auf und nahm an dem Feldzug 1870 teil. Von 1871—1881 war er Mitglied des deutschen Reichstages und zwar vertrat er den 12. württembergischen Wahlkreis Gerabronn-Crailsheim.

.-. Prozeß Erzberger-Berndt. In dem Prozeß Erzberger contra Berndt billigte das Landgericht Dortmund als Berufungsinstanz dem Angeklagten, Landtagsabg. Prof. Dr. Berndt im Gegensatz zum Vorderrichter zwar den Schutz des 8 193zu, kam aber gleichwohl zu einer Verurteilung, weil es aus der Form der Beleidigung auf die Absicht der Beleidigung schloß. Die Berufung des Angeklagten wurde infolgedesfen verworfen. Es bleibt daher bei dem Urteil des Schöffengerichtes zu Hamm, das den Angeklagten zu 20 Mark Geldstrafe und Tragung der Kosten verurteilte. Berndt hatte in einer Wählerversammlung den Abg. Erzberger als „Kolonialstänker" bezeichnet.

n. Ungereimtes im Liberalismus. WaS eigentlich „liberal" ist, wird man kaum sagen können, so weit gehen die Ansichten der Liberalen hinsichtlich der verschiedensten Fragen auseinander. Diese Behauptung ließe sich tagtäglich mit Dutzenden von Beispielen belegen, lieber den Entwurf eines Reichsvereinsgesetzes' schreibt bei- spielsweise das ,Berliner Ta geb lat t' tu feiner letzten Wochenübersicht:

„Die Absicht der Reichsregierung, in da­kommende ReichsvereinS-Gesetz einen Paragraphen hineinzubringen, der die fremd­sprachlichen Versammlungen der Poli-

I. Eine Sitzung des preußischen Ministeriums unter dem Vorsitz des v. Bülow hat am Samstag stattgefunden. Wie der,Lokalanzeiger' wiffen will, hätte bei den Verhandlungen des Ministeriums die Neu­regelung der Vereinsgesehgebung eine Rolle gespielt. Das Staatsministerium chabe den vom Staatssekretär v. Bethmann-H oll-

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~ Wir gehören in letzter Linie zu denjenigen, eiche ein leichtfertiges Vorbringen von Behaup­tungen im Reichstage, durch welche die Ehre sol­cher Persönlichkeiten, die nicht Mitglieder des Reichstags sind, verletzt wird, gut heißen. Wir gebe» auch zu, daß in manchen Fällen eine miß­bräuchliche Anwendung der Immunität int Reichstag insofern stattgefunden hat, als dort ehrverletzende Behauptungen seitens einzelner Abgeordneten sich hinterdrein als übertrieben oder unhaltbar erwiesen haben. Angesichts solcher vereinzelten Erscheinungen aber von einer Ver­wilderung zu sprechen, die im Reichstage platzge­griffen habe, scheint uns doch über das Maß einer sachlichen Kritik weit hinaus zu gehen. , Wenn jetzt in einzelnen liberalen Blättern auf diese an­gebliche Verwilderung, die in dem, letzten Jahr­zehnt eingerissen sei hingewiesen wird, so ist die Absicht durchsichtig. Man will damit die Zeit, in welcher das Zentrum die ausschlagge- bende Stellung im Reichstag inne hatte und in der es den Präsidenten stellte, als einen Niedergang des Reichsparlamentaris­mus kennzeichnen. Wie verfehlt und unberechtigt ein derartiger Versuch ist, weiß jeder, der die, Ge­schichte des Reichsparlaments auch nur einiger­maßen kennt. Zu allen Zeiten ist es vorgekom­men, daß im Reichstag aus den verschiedenen Parteilagern einmal Behauptungen aufgestellt wurden, die bei einer näheren Untersuchung durch Tatsachen nicht er härtet werden konnten. Es ist aber gleichwohl niemanden deswegen einge­fallen, hierin einen Rückgang des parlamentari­schen Ansehens und eine Verletzung der parlamen­tarischen Würde des Reichstags zu erblicken. Noch viel weniger aber hat man daran gedacht, des­wegen die

Redefreiheit der Reichstagsmitglieder zu be- - schränken,

tote es die „Hamb. Nachr." jüngst In Vorschlag brachten, oder aber in die Geschäftsordnung des Reichstags eine scharfe Zurechtweisung des betreffenden Abgeordneten und eine Ehren­erklärung seitens des Präsidenten aufzuneh­men, wie es eben die „Berl. Neuest. Nachr." Vor­schlägen. Gewiß hat jedes Mitglied des Reichs­tags das Interesse daran, daß nicht durch leicht­fertige Verdächtigungen das Ansehen des Parla­ments in ihrem Ehrgefühl gekränkt werden. Aber ebenso sehr hat jedes Mitglied des Reichstags ein Interesse daran, daß, wenn Behauptungen int Reichstag vorgebracht werden, die sich hinterdrein als nicht haltbar erweisen, an den „guten Glaube n" des betreffenden Abgeordneten nicht gezweifelt wird. Der Reichstag würde die Selbstachtung verletzen, wenn er den „guten Glauben" bei dem einzelnen Abgeordneten von vornherein bezweifeln würde, denn ein solcher Zweifel würde eine solche Charakterlosigkeit, einen solchen bodenlosen Leichtsinn und eine derartige gewissenlose Leichtfertigkeit gegenüber den 23er- Vertretern des deutschen Volkes voraussetzen, daß die Annahme ihres Vorhandenseins das Ansehen des Parlaments in der öffentlichen Meinung in viel höherem Grade beeinträchtigen würde als der Mißgriff eines Abgeordneten int Einzelfalle. Wo ein Abgeordneter sein Material, auf Grund dessen er seine Behauptungen und Angriffe int Reichstag vorträgt, auf die Zuverlässigkeit nicht gewissenhaft prüft und wo er durch den wahren Sachverhalt Lügen gestraft wird, da verfällt er der Mißachtung seiner Kollegen uitd der Oeffentlichkeit, auch ohne daß dem Reichstag ein

Sprach«) darin etwas ähnliches wie em Aus- nahmegeseh sehen. Das gerade Gegenteil ist der Fall: Es würde die Ausnahmestellung aufge­hoben, die bisher zu Gunsten dieser Nationalt- tät bestanden hat, noch dazu eine solche, die die Polen stets dazu benutzt haben, um der Oeffentlichkeit und der Staatsgewalt ein Schnipp­chen zu schlagen. Bei der großen Mehrzahl dieser Versammlungen liegt die Ueberwachung in den Händen von Beamten, die wohl Pol­nisch können, aber die Sprache nicht derartig beherrschen, daß sie allen Ausführungen der Polen vollkommen zu folgen imstande sind. Man kann geradezu behaupten, daß durch dte Sicherheit, die die Polen durch ihre fremdsprach­lichen Versammlungen für ihre altpolnische Propa­ganda genießen, die Aufhetzung der polnischen Piaffen in dem gegenwärtigen Grade erst mög­lich geworden ist. Es bestand also bisher geradezu ein Ausnahmezustand für die polnischen Agitatoren, dem unter allen Umständen bei erster sich bietender Gelegenheit gesetzlich ein Ende ge- macht werden muß." Die .Deutsche TageSztgck glaubt im Hinblick auf die Meldung der,Lib. Korresp.', die freisinnigen Parteien seien durch­aus nicht für eine solche Ausnahmebestimmung gegen die fremdsprachlichen Teile der deutschen Bevölkerung zu haben, die Freisinnigen an den Blocktreueschwur erinnern zu sollen: „Die ver- antwortlichen Leiter der freisinnigen Par­teien werden hoffentlich anders über dte Sache denken als unverantworliche freisinnige Federn; sie werden nicht vergessen, daß das Zusammenstehen in nationalen Fragen Ursprung und Grundlage des Blockes ist und bleiben muß." Ob die Freisinnigen nun parieren werden.

* Das Arbeitspensum des Reichstages. In einer Besprechung des Arbeitspensums des deutschen Reichstages heißt es in der konservativen ,Kreuzztg/: „Die von manchen Seiten gehegte Erwartung, daß das große Reformwerk der Zusammenlegung der verschie­denen Arbeiterversicherungszweige den Reichstag schon in der bevorstehenden Session beschäftigen werde, wird selbstredend nicht in Erfüllung gehen. Sind zwar die Vorbereitungen hierzu unter dem energischen Betreiben des ftüheren Staatssekretärs Grafen v. Posadowsky ziemlich weit vorangeschritten, so dürste dessen Nachfolger, Herr v. Bethmann-Hollweg, doch bisher kaum genügend Zeit gefunden haben, sich dergestalt in diese schwierige und umfangreiche Materie hineinzuarbeiten, um mit einem fertigen Gesetz­entwurf hervortreten zu können, zumal seine sozialpolitischen Anschauungen in manchen Punkten von denen seines Amtsvorgängers abweichen dürften." Also doch! Man darf gespannt sein, in welchen und in wieviel Punkten die sozialpolitische An- schauung Bethmann-Hollwegs von der Posa­dowsky abweicht.

* Personenwechsel im Staatssekretariat des Auswärtigen. Schneller als man erwarten konnte, haben sich die Gerüchte über den Rücktritt des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes v. Tschirschky und Bögendorff verwirklicht. Wie die ,Nordd.Allg.Ztgck in ihrer gestrigen Ausgabe meldet, ist der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes aus seiner bisherigen Stellung ausgeschied en und als Botschafter nach Wien berufen worden. AIS sein Nach­

Lebenswege.

Roman von Klara Wilhelmi.

27] (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung auS dem zweiten Blatt.)

O, wie fühlte sie sich beschämt, wie gedemütigt; welch niedrigen Charakter hatte man ihr zugetraut. Wie gut war es, daß niemand in der Nähe ge­wesen und die Worte, die zu ihr gesprochen tour- den, gehört hatte. Gehört waren sie freilich nicht, weder Hugo's noch Käthchens Worte, aber einen Beobachter hatte das Wortspiel doch. Hätte Käth- chen die drohenden blitzenden Augen gesehen, wel­che von jenseits der Wiese unter den Bäumen her zu der Gruppe hinüberblickten, sie würde noch mehr gezittert haben. Es war Paul, der da drü­ben stand.

Am Nachmittag, als Käthchen sich zum Spa­ziergange bereit machte, saß Paul in seinem Kontor am Schreibtisch und kramte in den ver­schiedenen Fächern und kleinen Behältern. Heute morgen hatte ihn der Buchhalter daran erinnert, daß morgen und an den folgenden Tagen ver­schiedene große Posten bezahlt werden müßten. Paul zählte seine Barschaft nach, aber sie reichte lange, lange nicht, die fälligen Posten zu decken. Er sah die vor ihm liegenden Papiere durch und fand, daß Käthchen mit ihrem Luxus und ihrer Prunksucht große Summen vergeudet. Es fan­den sich aber auch noch andere Papiere vor, Quit- tungen über bezahlte Spielschulden und ver­lorene Wetten von nicht geringer Höhe. Paul fand es, wie so viele, bequemer, die Schuld von sich auf andere zu schieben; so legte er den ihn drückenden Geldmangel auch einzig seiner Gattin zur Last, und machte ihr innerlich die bittersten Vorwürfe. - Doch hiermit war ihm nicht geholfen, seine Lage wurde dadurch nicht verbessert. Grol­lend legte er die Papiere wieder zufammen an ihren Platz und rüstete sich zum Ausgang. Sein

Freund Bergen mußte ihm nochmals aus der Verlegenheit helfen. Er ging ungern hin, denn seit dieser so oft, saft täglich in seinem Hause ver­kehrte, haßte er ihn beinahe. Aber wohin sollte er sich sonst wenden? Bei Hugo fand er immer einen offenen Beutel, deshalb ging er denn auch zu dessen Wohnung.

„Der junge Herr ist ausgegangen", wurde ihm dort gesagt, „er ist spazieren, wahrscheinlich zum Tiergarten."

So begab sich auch Paul dahin, denn er wollte je eher desto lieber mit Herrn von Bergen spre­chen, damit er die Geldsorge vom Herzen be­komme. Er durchstreifte die belebtesten Wege des Gartens und spähte überall umher, jedoch verge­bens, nirgends war der Gesuchte zu finden. Da suchte er denn auch die einsameren Gänge auf, «belohne Erfolg. Enttäuscht entschloß sich Paul zur Heimkehr. Noch einmal ließ er seine Augen umherschweifen und siehe, dort jenseits der Wiese, war das nicht Hugo?

Er ging näher; ja, er war es ohne Zweifel. Aber wie sonderbar! Hugo hatte sich auf einer Bank niedergelassen, jetzt bewegte er sich zur Seite, er war nicht allein, eine Dame war bei ihm. Sah er recht? Ja, dort saß Bergen neben Käthchen auf einer Bank, hatte ihre Hand erfaßt und redete eifrig mit ihr. Was hatten die Beiden nur fo Heimliches mit einander zu reden, daß sie die Einsamkeit aufsuchten? Sprachen sie sich in seinem Hause nicht oft genug, oder befürchteten sie, dort durch seine Dazwischenkunft gestört zu werden? Die Eifersucht stieg in hellen Flammen auf, er hätte hineilen und seine Frau samt ihrem Galan aur Rede stellen, nein, er hätte sie beide er», .gelt mögen. Aber es war ja Hugo, der ihm so oft aus der Verlegenheit geholfen, dem er der- pflichtet war; er durfte diesem gegenüber nicht so auftreten, wie er es möchte.

„Ha, Schlange, Du," knirschte er zwischen den Zähnen hervor, während er die Faust in der Tasche ballte. „Du sollst mir dies büßen. An

Deinem Galan darf ich mich nicht rächen, ober Dich will ich zertreten wie einen Wurm."

Wäre Paul noch länger auf seinem Lauscher­posten geblieben, er würde gesehen haben, wie Käthchen Bergen heftig zurückwies und sie allein den Heimweg antrat. Paul wartete aber nicht so lange, sondern stürmte wie ein Rasender fort.

„Auch das noch," zischte er; „nicht genug, daß sie mit ihrer übermäßigen Prunksucht mich fast zu Grunde richtet, muß sie mir auch dieses noch zufügen." . .•

Er stürmte weiter. Bet dem ersten Wem- hanse anaelommen, kehrte er ein, im Wein seinen Aerger,' seinen Verdruß, seine Eifersucht zu ver­gessen. Es war ihm nicht möglich, heute von Bergen um Geld zu bitten, er wollte sich über­haupt von ihm frei machen. Ja, aber wie? Er wußte dies selbst noch nicht, aber frei wollte er fein wollte ihm sein Haus verbieten, wollte fei­ner 'grau jeglichen Umgang mit ihm strengstens untersagen. Nachdem Paul in dieser Stimmung ein Glas nach dem andern getrunken, kehrte er nach seiner Wohnung zurück, wo er Käthchen schon anwesend fand. .

„Bist Du wirklich schon von Deinem Spazier­gänge zurück?" fragte et ironisch. „Ich glaubte, Tu würdest ihn länger ausgedehnt haben."

„Bin ich Dir zu früh wieder gekommen?" gab sie bitter zurück.

„Nein, es wäre mir überhaupt lieber gewe­sen, wenn der Spaziergang unterblieben und ich verbiete Dir hiermit, je wieder allein auszugehen. Wo soll das nächste Rendez-vous mit Deinem Liebhaber stattfinden, he?" -

„Das nächste Rendez-vous? fragte Käthchen betroffen. „Was meinst Du damit, wovon sprichst Du?"

„Heuchlerin!" rief er ergrimmt, „willst Du nun noch die Unschuldige spielen? Ha, ha, es hilft Dir nichts, meine Augen haben zu gut ge- sehen, Dich und Deinen Pusseur, da hinten im Tiergarten. Ein schönes Bild war es, wie von Bergen den liebenswürdigen Schäfer machte. Aber

ich will, ich dulde es nicht länger," rief er, mit dem Fuße stampfend. ,

„Paul, die Begegnung war eine zufällige, beteuerte die junge Frau.

„Ja, gewiß, rein zufällig," höhnte er, „man kennt das." , .

„Ich habe Dir keine Veranlassung gegeben, so schlecht von mir zu denken," entgegnete sie stolz.

' „Nicht? meinst Du, ich habe es nicht bemerkt, wie Du Jahre lang vor meinen Augen mit ihm kokettiert hast? Aber für so ehrvergessen, tote ich Dich heute gesehen, habe ich Dich nicht ge- halten." . . r _ ,, . .,

„Halt, nicht weiter," rtef sie erbleichend, „ich habe nichts getan, was eine solche Bezeichnung verdient: ich habe mich stets gut mit Deinem Freunde unterhalten, ich liebte seine Gesellschaft, aber das war auch alles."

Du lügst!" Seine Stimme bebte und war heiser vor Wut. „Weib, ich sage Dir, hüte Dich, oder es geschieht ein Unglück."

„O Gott", stöhnte sie, indem sie auf den Stuhl zurücksank, „wer mir dies vor fünf Zähren gesagt hätte. O, hätte ich Dich nie gesehen!

„Ja wohl, es wäre besser gewesen sagte et schneidend, „jedoch von meinem Anblick kann ich Dich befreien", setzte er höhnend hinzu, „aber Du wirst mich zurückwünschen, wenn es zu spät ist.

Dröhnend fiel die Türe zu und die unglück­selige Frau war allein; allein mit ihrem Schmerz, mit ihrer Reue.

Am folgenden Morgen, Käthchen war gerade mit der Kleinen beschäftigt, wurde sie durch rasches Pochen an der Tür erschreckt. Sie hatte Pau! nach dem Wortwechsel noch nicht wieder gesehew Sie war es längst gewohnt, wenn sie morgeni aufstand, oft das Lager ihres Gatten unberührt zu finden; aber heute hatte es sie beunruhigt Sie erschrak daher auch heftig, als der Buchhalter in das Zimmer trat mit der Frage, ob Herr Werner nicht da fei.

(Fortsetzung foIatJ -