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Rotatlonrdruck n. Verlag der Znldaer Re« tiendrtckerei in 8«lda. Zernsprecher Nr. 9.

34. Jahrflanci.

Fulda, Montag den 7. Ottober 1907.

M 230.

):(Die Friedensliebe des Cvangelilcheu Kundes.

Die Katze läßt das Mausen nicht, und wo im- ntet der Evangelische Bund Zusammentritt, um angeblich die deutsch-protestantrschen Interessen zu wahren, betrachtet er es als ferne Hauptauf­gabe, sich in

Angriffen auf den Katholizismus und die Katholiken

,8u ergehen. Der Ton, in welchem er sich dabei gefällt, ist je nachdem man es für zweckmäßig er­achtet, ein mehr oder minder gehässiger. Wir haben schon früher Gelegenheit gehabt, festzustel- 'len, daß diese Verhaltungsweise, daß das fort- währende Gezänke mit den katholischen Mitbür­gern und die Wutausfälle gegen den Katholizis­mus auch in den Reihen vernünftigerPro- 'testanten abstoßend gewirkt hat und wir halten es für sehr bezeichnend, daß der Schön­redner H a ck e n b e r g auf der Wormser Tagung Nach dieser Richtung hin, allerdings in sehr höf­licher Form, eine Warnung an den Evangeli­schen Bund hat ergehen lassen. Er hob hervor, -aß der Evangelische Bund oft in Zorn gehan­delt habe, wo er friedlich hätte handeln können und daß das aus dem engen Kreise in die Oeffent- lichkeit getragene Wort dort oft eine andere Wir­kung habe, als es beabsichtigt gewesen sei. Wenn Herr Hackenberg dem Evangelischen Bund un­geschminkt die Wahrheit hätte Vorhalten wol­len, so würde er besser gesagt haben, daß der Evangelische Bund stets im Zorne gehandelt habe und daß er, statt dem Frieden zu dienen, stets eine Tätigkeit entwickelt habe, welche den konfessionel­len Frieden stören und die zwischen den beiden iKonfesfionen leider bestehende Kluft immer mehr ^erweitern mußte. Durch Redensarten, hinter de­nen nichts steckt, lassen wir uns Katholiken über das Wesen und die Ziele des Evangelischen Bun­des nicht täuschen. Oder war es etwa nicht eine Phrase, wenn der streitbare Kirchenrat Meyer- Zwickau in Worms erklärte, er wolle die Pietät der katholischen Volksgenossen nicht verletzen und tin demselben Atemzug den Vorwurf gegen die ka­tholische Kirche schleuderte, daß sie dieIndivi- dualität, den Vaterlandssinn und den wahren Gottesdienst zerdrücke. Rom ist nach Ansicht des Evangelischen Bundes, wie seinerzeit in Hagen unter lautem Beifall der An­wesenden ausgeführt wurde, nun einmal der Fluch der Völker, und von dieser Auffas­sung ausgehend, die man hin und wieder zu ver­bergen für gut befindet, ist der Evangelische Bund unfähig,, dem konfessionellen Frie­den zu dienen. Er ist eine Kampforganisa­tion, welche nicht in der Notwehr handelt, sondern die dem andersgläubigen Teil der deutschen Be- völkerung gegenüber stets die Offensive ergreift. Darüber kann auch nicht die Kundgebung hinweg- täuschen, mit deren Annahme die Wormser Ta­gung ihren Abschluß gefunden hat. Eingangs derselben ertönt eine Friedensschalmei: der große geschichtliche Kampf zwischen Rom und Witten­berg müsse mit den Gaben des Gei st es und den Werken der Liebe geführt wer­den. Werke der Liebe — wo haben wir solche je beim Evangelischen Bund angetroffen? Diese Werke der Liebe sollen nach der erwähnten Reso­lution erinöglichen, daß ein friedliches Zusain- nrenleben und Zusammenwirken der römisch-ka­tholischen und evangelischen Mitbürger zustande kommt. In der Theorie liest sich das schön, aber in der Praxis sieht es ganz anders aus, und der Pferdefuß kommt in der Resolution auch gleich hinterdrein. Die Friedensschalmei wird abgelöst durch eine Fanfare, die zum Kampf gegen den Katholizismus auffordert. Freilich,

daS Wort Katholizismus scheut man aus wohl überlegten Gründen; man gebraucht dafür den beliebten Ausdruck Ultramontanismus, und der Evangelische Bund, der angeblich mit der Politik nichts zu tun haben will, drückt seine Freude darüber aus, daß das Zentrum aus seiner ausschlaggebenden Stellung im Reichstag verdrängt worden ist und fordert seine Ge­sinnungsgenossen auf, das Verständnis dafür zu pflegen, daß nur „durch dauernde

Beseitigung der klerikalen Minderheitsherrschaft im Mutterlande der Reformation die Gewähr für eine gesunde nationale Entwickelung und einen wahren konfessionellen Frieden gegeben" sei. Diesen konfessionellen Frieden kennen wir; es ist der Friede, unter welchem die Katholiken mundtot gemacht und zu Staatsbürgern zweiter Klasse degradiert werden sollen. Die Katholiken stören nach der Wormser Resolu,- Hon den konfessionellen Frieden. Den Beweis für diese Behauptung bleibt der Evangelische Bund natürlich schuldig. Wo sind je Katholiken zusammengekommen, die sich solche Angriffe, Be­leidigungen und Verletzungen des protestantischen Volksteils hätten zu schulden kommen lassen, wie wir sie umgekehrt jahraus, jahrein vonseiten des Evangelischen Bundes gewohnt sind. Wenn der Evangelische Bund wirklich dem konfessionellen Frieden dienen will, so würde er diesen Zweck am sichersten erreichen, ivenn er von der Bild­fläche in Deutschland verschwinden würde.

k Wie ist da» arme Lind m reiten?

In einem Berliner Witzblatt finden wir ein ergreifendes Bild. Die kleine M o n i ka Pia sitzt vor einem großen Album und bittet einen danebenstehenden jungen Mann um seine Photo­graphie: „In diesem Album sammle ich alle meine Papas."

Das arme Kind, das zurzeit einem der zahl­reichen „Stiefpapas" überarrtwortet ist, hat den Titel einer Prinzessin von Sachsen. Königstöch­ter sollten doch eigentlich nicht weniger Recht ha­ben und Schutz genießen, als gewöhnliche Men­schenkinder. Nicht eine Prinzessin gilt es zu ehren, sondern ein

unschuldiges Menschenkind

vor dem Verderben zu retten.

Die liberale Presse (und leider auch ein Teil der Konservativen) hat schwer gesündigt durch ihre frühere Parteinahme für die ehemalige Kronprin­zessin von Sachsen. Neuerdings, seit der sog. Vermählung dieser Frau mit einem um 13 Mahre jüngeren Musikus, ist bei den anständigeren Blät­tern eine Ernüchterung und ein Umschwung ein­getreten. Wir wollen das anerkennen, ohne weiter zu erörtern, ob nicht jeder unbefangene Beobachter^ schon von Anfang an den Wert dieser modernen Messalina hätte durchschauen müssen. Es wird ja später, bei den weiteren Etappen dieses schauerli­chen Romans „Von Stufe zu Stufe" noch Gelegen- heit genug gegeben sein, um einen kritischen Ruck- blick zu werfen auf die Geistesverfassung der Leute, die alles Ernstes den Giron (Giron I.) für einen Abgesandten der Jesuiten gehalten ha- ben. Vorläufig haben wir nur den Wunsch, die richtigere Erkenntnis von dem Charakter dieser Mutter möchte dazu führen, daß das Kind endlich dem Sumpfe entrissen und seinem Vater zurückge­geben werde.

Rechtshilfe zum Schutze des Kindes und für die unbestreitbaren Ansprüche des Va­ters — das ist eine Kulturforderung, der sich kein

zivilisierter Staat entziehen darf. Als vor zwei Jahrzehnten das Zerwürfnis im serbischen Kö- nigShause (Milan und Natalie) den Fürsten Bi s- m a r ck vor eine ähnliche Frage stellte, löste er sie ohne alles Bedenken und Zaudern, indem er den in Wiesbaden bei seiner flüchtigen Mutter ver­weilenden Sohn dem Vater Milan mittels Poli­zeigewalt überlieferte. König Milan war kein Mustermensch, und Königin Natalie hatte ihre weibliche Ehre zu wahren gewußt; die Mutter hätte vielleicht dem Sohne erne besiere Erziehung gegeben, als wie der Vater. Aber Fürst Bis- marck hielt sich einfach an die klare Rechtslage.

In dem jetzt vorliegenden Falle ist uns ganz zweifellos, das das streitige Kind bei der ge- sunkenen Mutter verkommen muß. Anderseits steht der Vater, der das Kind beansprucht, in jeder Beziehung vorwurfsfrei da. Warum hat nun Italien, das doch ein Kulturstaat sein will, bisher die Rechtshilfe verweigert, von der zugleich die Errettung eines unschuldigen Wesens abhängt?

Man sagt, der Justizrat Körner, der seiner Zeit (vor dem Toselli-Skandal) die Befreiung der Prinzessin versucht hat, sei in Florenz zu herrisch und überhaupt ungeschickt aufgetreten. Er ist ja auch aus feiner Vertrauensstellung am Dresdener Hof auSgeschieden. Aber

die Formfragen

haben doch nur sehr nebensächliche Bedeutung: die richtige Form wird sich leicht finden lassen, wenn nur die italienische Regierung (oder die Regierung des künftigen Aufenthaltsortes der gemischten Familie) guten Willen zeigt.

Zweifellos hat die Sympathie, welche der Liberalismus der Gräfin Montignose bis­her widmete, die italienische Regierung von der rechtzeitigen Hilfeleistung abgehalten. Ist nun diefer kulturkämpferisch-freimaurerische Bann ge­brochen?

Sollte man dem katholischen Königshause von Sachsen keine Rücksicht erweisen wollen, so müßte doch das Mitleid mit dem armen un­schuldigen Kinde ausschlaggebend sein.

Auch hinter Paragraphentifteleien darf man sich nicht verstecken. Wenn die Gesetze nicht die Rettung eines so gefährdeten Kindes ermöglichen, dann sind die Gesetze schlecht, eines zivilisierten und christlichen Staates unwürdig. Es wird hier die europäischeKultur auf dieProbe gestellt.

Deutsches Reich.

Berlin, 5. Oktober 1907.

Staatssekretär Krätke amtsmüde? In Kreisen der Postoerwaltung ist das Gerücht ver­breitet, der Staatssekretär des Reichspostamts, Krätke, trage sich mitRücktrittsgedanken. An unterrichteter Stelle wird diese Nachricht als 'verfrüht bezeichnet. Es sei nicht ausgeschlossen, daß Herr Krätke in absehbarer Zeit sich von der Bürde seines schweren Amtes befreit zu sehen wünsche, jedenfalls aber sei er entschlossen, noch vor seinem Abgang eine Regelung der Be» amteuverhältnisse einzuleiten.

* Eine Abordnung des preussischen Lehrer- Vereins hatte vor einigen Tagen eine Audienz beim Kultusminister, in der den beiden Ministern die Wünsche der preußischen Lehrerschaft in allen brennenden Standesfragen vorgetragen wurden. Bezüglich der BesoldungSsrage bemerkte laut ,Voff. Ztg/ Minister Holle in feiner Erwiderung: „Ins einzelne gehende Mit­teilungen über die Neuregelung der Besoldung können nicht gemacht werden, da die Vechand-

lungen darüber noch schweben. Es solle aber eine wesentliche Verbesserung des Lehrer- einkommenS herbeigeführt werden, sodaß wirklich auskömmliche Gehälter gezahlt würden. In seiner Erwiderung zur Frage der Schulauf­sicht versprach der Minister darauf hinzuwirken, daß mit der Umwandlung nebenamtlicher Kreis» schulinspektionen in hauptamtliche fortgefahrkn und dabei ein schnelleres Tempo beobachtet werde. Er habe weiter die Absicht, zur hauptamtlich:» KreiSschulinspektion bewährte und tüchtige Krästt aus den Reihen der Volksschullehrer heranzuziehen. Der Forderung des Universit/ ts- studiums der Volksschullehrer verhielt sich der Minister im wesentlichen ablehnend. Er wies auf die Gefahr hin, daß dadurch (eicht eine Spaltung der Lehrerschaft in zwei Kate» gorien herbeigeführt werden könnte; der Volks» schullehrerstand aber müsse ein einheitlicher bleiben. Er könne stolz aus seine» Beruf sein und seine für den Staat geleistete Arbeit und brauche sich seiner Bildung anderen Stände« gegenüber nicht benachteiligt zu fühlen. Der Finanzminister erklärte seine Bereitwilligleit, für die Besserung der Besoldung der Lehrer tun zu wollen, was möglich sei. In der von der Lehrerschaft erbetenen Höhe könne aber die Aus­besserung nicht erfolgen; denn dieses würde nach vorläufigen Abrechnungen 100 Milionen Mark erfordern. Im Laufe der Unterredung äußerte der Minister auch, er hoffe, daß die Vorlage in der nächsten Session des Landtages vorgelegt werde. Das ,Berl. Tagebl/ ist natür­lich sofort dabei, über die Aussührungen des des Kultusministers ein vernichtendes Urteil fällen und gegen ihn wie folgt scharf zu machen: „Solange kein anderer Geist einzieht in das preußische Ministerium der geistigen und Schulangelegenheiten, kann man den Lehrern nur znrufen: Laßt alle Hoffnungen fahren!" Dazu ist unseres Erachtens vor der Hand noch kein berechtigter Anlaß gegeben.

* Beamtengehültervorlage. Die Kommission zur Vorberatung der Grundzüge der neuen Be- amtengehältervorlage, die von den ein­zelnen Ressorts durch Entsendung von Kommis» faren gebildet worden war und seit dem 23, September unter dem Vorsitz des Geb. Finanz­rats Novelle aus dem Finanzministerium im Abgeordnetenhause tagte, hat Freitag abend ihn Beratungen beendet. Die Ergebnisse der Kon- ferenzen werden geheim gehalten. Der ,Berl. Lokalanz/ sügt dieser Meldung hinzu: „Wann diese Vorberatungen sich zu positiven Vorschlägen verdichten, und wann die endgiltig formulierten Gesetzentivürfe dem Abgeordnetenhaufe werden zugehen können, läßt sich einstweilen noch gar nicht bestimmen. Das berechtigt indessen nicht zu der Vermutung, daß eine Verschiebung der ganzen Reform auf eine spätere Zeit beabsichtigt sei. Im Gegenteil, in den beteiligten Ministerien werden alle Kräfte angespannt, um so schnell wie möglich die sehr komplizierten und schwierigen Fragen zum Abschluß zu bringen. Allerdings wird der zweite Teil der vorbereitende.: Ver­handlungen, die Bereitstellung der er­forderlichen Deckungsmittel, auch wieder geraume Zeit in Anspruch nehmen. Man rechnet deshalb mit der Annahme, daß die Vorlagen erst zu Beginn der nächsten Jahres dem Land­tag wird zugestellt werden können und daß dieser deshalb auch kaum vor Mitte Januar einberufen

Lebenswege.

Roman von Klara Wilhelmi.

Lös (Nachdruck verboten.)

Von diesem Tage an beobachtete Kurt bei seinem Nachhausekommen von der Straße aus, wie weit die Vorbereitungen jura Empfange der Nichte des Herrn Reinert vorangeschritten, und als er sah, daß schöne Vorhänge und Topfge­wächse die Fenster schmückten, glaubte er den Zeit­punkt ihres Eintreffens nicht mehr fern. In seinem Zimmer horchte er, ob er oben kein Ge­räusch vernehme, aber es war alles füll wie früher.

Sinnend stand der Referendar am Fenster, durch welches die Helle Frühlingssonne ihre war­men Strahlen warf, und sah einex Schwalbe zu, die am gegenüberliegenden Hause eifrig an ihrem Nestchen baute. Diese Beschäftigung mochte keine erfreulichen Gedanken in ihm wachrufen, denn finster wandte er sich ab, ergriff ein Buch und begab sich in dem hinter dem Hause gelegenen Garte». Dieser war nicht groß, aber niedlich an- gelegt. Den Mittelpunkt desselben bildete eine fchone, tempelförmige Laube, mit wildem Wein besetzt, welche auf einer kleinen Anhöhe stand, so- ®*ufen zu derselben führten. Die Anhöhe war mit kräftigem Immergrün bepflanzt Und letzt mit tausenden von kleinen Blumen über- säet. Zu dieser Laube lenkte Curt seine Schritte Und ließ sich auf der rings herum angebrachten Bank nteber. Der wilde Wein gewährte jetzt noch keinen Schutz, denn derselbe begann erst recht zu sprossen. Im Frühling scheint die Sonne noch nicht prennend heiß, wie im Sommer, sie wirkt dann wohltuend nach den Schauern des Winters. Auch gurt gab sich ganz diesem Wohlbehagen hin. Das Buch war längst achtlos seinen Händen entfallen. Er gedachte der schönen, reizvollen Umgebung der Universitätsstadt, der hohen Berge und Waldun- Mn, des schönen Flusses, welcher an dieser vor­

überzieht, der Ruine des alten Schlosses in ben­galischer Beleuchtung am Stiftungsfeste, und plötzlich tauchte auch das Bild der schönen Schau­spielerin auf. Er mußte denken, was aus ihr geworden, wo sie sich aufhalte, gedachte des Zau- bers, den sie damals auf ihn ausgeübt und wie er sich Marthas wegen diesem mit Gewalt ent­zogen. Aber jetzt, da jede Beziehung zwischen ihnr und Martha aufgehört, nun durfte er an sie denken, nun durste er sich dem Zauber ihres Liebreizes hingeben.

Ein langer dunfler Schatten fiel in die Laube, er blickte auf. Träumte er noch weiter? Fast schreckhaft starrte er die vor ihm stehende Er­scheinung an, das verkörperte Bild, welches eben seine Gedanken beschäftigte, nur in einem anderen Rahmen. In seinen Träumereien hatte er sie in den buntesten und duftigsten Kostümen gesehen, wie die vorzustellende Rolle es erheischte; jetzt stand sie da im schwarzen Trauergewande, den Blick ebenfalls in stummem Staunen aus ihn gerichtet.

„Störe ich? Darf ich näher treten?" fragte die Dame mit klangvoller Stimme.

Ja, sie war'sl Die Züge hätten möglicher» Welse täuschen können, aber den Ton ihrer leise vibrierenden Stimme hatte sein musikalisches Ohr fest behalten.

„Welche Ueberraschung, Fräulein Kühn!" be- grüßte Kurt sie steudig und doch verlegen. „Wel­chem Zufall verdanke ich dieses Wiedersehen? So­eben noch waren Sie der Gegenstand meiner Ge­danken."

Diese warme Anrede ließ sie leicht erröten, und mit einer graziösen Verbeugung di« feine erwidernd, legte sie ihre kleine weiße Hand in die ihr dargereichte.

„Leider ist es kein freudiges Ereignis, Herr Werner, welches mich in diese Stadt führt," be­antwortete sie Kurts Frage. „Meine gute Mut­ter ist vor ganz kurzer Zeit gestorben, nun hat der Onkel mir Hier ein Asyl angeboten/

Ihre Augen schimmerten feucht, ihre Lippen bebten.

„Dann begrüße ich in Ihnen wohl die Nichte des Herrn Reinert?"

„So ist es," bestätigte sie.

„Ist denn Ihr Aufenthalt hier im Hause wirk­lich ein dauernder? Haben Sie der Kunst auf ewig Valet gesagt?"

„Ich mußte wohl, ich habe es meiner Mutter auf ihrem Krankenbette versprochen, weil sie sich viü Sorge um meine Zukunft machte. Auch der Onkel würde sich meiner wohl nicht angenommen haben, wollte ich mich ferner der Kunst widmen."

Sie'standen früher in keiner Beziehung zu Herrn Reinert; wie haben Sie denn dessen Adresse erfahren?"

„Meine Mutter hat nach dem Bankier ihres Vaters geschrieben und durch ihn von des Onkels Wohnort Kenntnis bekommen. Ich erwartete nicht, hier eine angenehme alte Bekanntschaft zu erneuern."

Der Schlußsatz ließ Kurt fast verlegen vor sich niederschauen; was mußte sie damals von feinem plötzlichen, unbegründeten Fortbleiben ge» dacht haben?

„Fräulein Kühn," Begann er in seiner offe­nen Weise, „in welchem Lichte muß ich Ihnen er­scheinen, was haben Sie gedacht, als ich mich da­mals so ganz von Ihnen zurückzog?"

„Ich war sehr unangenehm, ja schmerzlich da­von berührt," sagte sie aufrichtig, „obwohl meine Mutter es ganz natürlich fand. Sie sagte im­mer, Herren Bringen der Künstlerin wohl ihre Huldigung dar, aber nicht ihr Herz, und jede Sache, bei welcher das Herz nicht beteiligt ist, muß ein Ende nehmen."

Diese Worte gaben Kurt viel zu denken. Sein Fortbleiben habe sie schmerzlich berührt, hatte sie gesagt. Hatte sie seiner dann auch wohl später ge- dacht, vielleicht gar von ihm geträumt? Aber dies konnte, wenn eß wirklich herLall war, ihn

nicht mehr beglücken; er hatte einmal geliebt, heiß und innig, seine Liebe war aber verschmäht, keine Zweite konnte sein Herz gewinnen. Er hatte abgeschlossen mtt seinem Herzen. ,

Am folgenden Mittag fand er in seinem Zim­mer einen schönen, frischen Veilchenstrauß. Er wußte, woher diese Spende kam, und ging hinauf, seinen Dank abzustatten. Zwar hatte er beschlos­sen, den Verkehr oben im Hause sehr zu beschrän­ken, allein da dies nur wegen der Nichte deS Herrn Reinert geschehen sollte und er in derselben eine ulte Bekannte wiederfand, der er früher die größte Achtung zollte und feine Huldigung bar- gebracht, so war es nicht notwendig, seinen Vor- fay auszuführen, zumal er sich dadurch Opfer auf­erlegen mußte.

Ter alte Herr staunte nicht wenig, als er ver­nahm, daß seine Nichte und Kurt sich früher schon gekannt.

„Ich hoffe. Sie werden Ihren lieben Besuch recht häufig wiederholen," sagte er im Laufe des Gesprächs, „denn Emma ist an Gesellrgkett ge­wöhnt und die meinige allein wird ihr nicht ge­nügen. Es wird ihr ohnehin nicht ganz lercht werden, sich hier bet mir einzuleben, da sie nur ungern die Bühne verläßt."

„Da hast Du Recht, lieber Onkel," entgegnete sie, „ich kann ja aber nicht dafür, mit Gewalt zog es mich dahin, ich will jedoch die Vergangen­heit zu vergessen suchen. Dir zu Liebe", fügte sie fchmeichelud hinzu.

„Ich weiß es, mein liebes Kind," beschwich­tigte Reinert, indem er ihr zärtlich das dunkle Hcmr streichelte. ,Zch weiß, daß Du diese Liebe zur Kunst von Deinem Vater, welcher ein sehr ta­lentvoller Schauspieler war, geerbt hast."

„Vom Vater erbte sie das künstlerische Talent, von der Mutter die bezaubernde Schönhett, dachte Kurt, hütete sich aber, dies laut werden zu lassen.

Die Begegnung mit Emma Kühn hatte ein« gewaltige Erschütterung bei dem jrmaev RefUtzy«