Einzelbild herunterladen
 

-rschesttt ««glich *«« XusitaS*« der Son»' Viertel« iebu »e,»,»prel, >bne BrhtgetHl!« VeüellgeldinZuldaui,» euitvärt« 1 Mi 50 Pfg.

Verantwortlicher Schriftleiter: A. wesst« , fflr die Anzeigen: parzeker in 8«lda

Zuldaer MZeitung

woch^nbeilag«: „Illustrierte Zonntagzzeltung" m»>akbeiiage: „Zuldaer Seschlchtrblält«"

Änzeig en. Vie ein­spaltige Petitzeile ober deren l<mm 15 pfg. Reflamew sie Petitzeile 25 Pfg.; bei Meder« Holungen eirb entspr.

Rabatt gewähr«.

letatio*«br*< «. Verlag berSuIbaerat» tienbr tderei in Sulba. Zernsprecher Nr. 0.

M 227.

Fulda, Donnerstag den 3. Oktober 1907.

34» Jahraang.

Deutscher Reich.

Berlin, 2. Oktober 1907.

* Der Reichskanzler Fürst v. Bülow trifft am 5. d. M. in Berlin ein, präsidiert der für diesen Tag anberaumten Sitzung des Staats- Ministeriums und nimmt verschiedene Vorträge entgegen. Am 6. d. M. begibt sich der Kanzler Vach Karlsruhe.

* Bezüglich der Münchener Nuntiatur glaubt die ,Germania' bestätigen zu können, daß die Nuntiatur in München noch einige Zeit lang un • bes etzt bleiben wird. Als endgiltiger Kandidat gelte in Nom mehr als jemals der jetzige Dele« gat für Kuba, Titularerzbischof Aversa. Er begibt sich in den nächsten Tagen nach Kuba zur Abwickelung einer Reihe von Geschäften, welche seine persönliche Anwesenheit erfordern. Der ehe­malige Münchener Nuntius Erzbischof Caputo weilt seit einiger Zeit in Palestrina, wo er im dortigen Kloster der Kapuziner Wohnung ge­nommen hat. Sein Befinden ist befriedigend.

* Die Fürsorge des Zentrums für das Handwerk. Sowohl im Reichstage als auch in den Landtagen tritt das Zentrum energisch für die Erhaltung und Kräftigung eines gesunden Handwerkerstandes ein. Das beweist neuerdings die Haltung der Zentrumsfraktion des vor einigen Tagen zusammengetretenen bayerischen Land­tages. Die Zentrumsabgeordneten G rehrl und Franckenstein haben nämlich mit Unterstützung der ganzen Fraktion den Antrag eingebracht, daß die Staatsregierung der bayerischen Zentr al- Handwerker-Genossenschaft außer dem im Budget vorgesehenen Betrag von 100,000 Mark weitere 400,000 Mark aus Staatsmittel: gegen geringe Verzinsung zur Verfügung stellen soll.

* Zur Erhöhung der Beamtengehälter wird ver,Köln.Ztg/ offiziös aus Berlin telegraphiert: i„Je weiter die Erwägungen, welche Schritte zur allgemeinen Erhöhung der Beamtengehälter zu ergreifen seien, sortschreiten, nm so erheblicher stellen sich die Schwierigkeiten im einzel­nen heraus. Um über die Grundzüge, welche Int allgemeinen befolgt werden sollen, nicht allein bei der Gehaltserhöhung, sondern auch bei der Festsetzung des Wohnungsgelv-Zuschusses und bei den Steuerprivilegien der Beamten ins Klare zu kommen, arbeitet jetzt eine starke Kom­mission von etwa 60 Mitgliedern, die aus höheren Beamten aller beteiligten Ressorts zusammengesetzt ist, im Abgeordneten- Hause. Bei diesen Kommissions - Verhandlungen wird die Deckungsfrage vorläufig ganz Unberücksichtigt gelassen, da man sie als zukünftige Sorge ansieht, der erst dann näher zu treten ist, wenn nach den allgemein festgesetzten Grundsätzen das finanzielle Bedürfnis ermittelt ist. Hoffentlich wird es trotzdem mög­lich sein, noch in dieser Session eine auf allgemeine Erhöhung der Beamt en- gehälter hinzielendeVorlage zu machen. Denn diese Erhöhung wird jedenfalls von den Beamten mit Rücksicht auf die Verteuerung der ganzen Lebenshaltung, die in den letzten Jahr­zehnten eingetreten ist, mit vollem Rechte verlangt. — Das meinen wir auch.

* Was ist nationalliberal? Einen Test der Antwort gibt uns die ,Nat.»Ztg.' (Nr. 460 vom 1. Oktober 1907), indem sie über eine national- liberale Flugschrift urteilt: »Der Verfasser steht

auf dem durchaus richtigen Standpunkt, daß zwischen religiösem und politischen Katholizismus scharf zu unterscheiden ist, eine Feststellung, die an und für sich selbstverständlich sein sollte, die aber gegenüber den dauernden Versuchen der Zentrumsblätter, diese Grenzenlinie zu verwischen, immer wieder betont werden muß. Was wir Nationalliberalen bekämpfen, ist nicht die Religion der Katholiken, im Gegenteil, der Glaube ist uns in jeder Form gleich heilig, sei er protestantisch oder katholisch, vor allem steht er uns zu hoch, als daß er gewaltsam in das politische Kampfgebiet hineingezerrt werden sollte. Was wir bekämpfen und bekämpfen müssen, dem Grundgedanken unserer Partei getreu, ist allein der politische Katholizismus, nicht nur, weil er eine Unnatur, sondern auch, weil er eine nationale Gefahr ist, der sich die Direk­tiven für seine Handlungen erst aus Italien holen muß. Und darum muß es eine der vor­nehmsten Aufgaben der Nationalliberalen sein, das Zentrum zu bekämpfen." Demgegenüber stellen wir fest, 1) die,Nat.-Ztg/ selbst hat noch vor nicht 4 Wochen die Katholiken öffent­lich zum Abfall aufgefordert und sie einge­laden, altkatholisch zu werden. 2) Die ,Ntl.- Ztg/ besprach die Enzyklika über den Modernis- mus in einer sehr gehässigen Form. 3) Es ist unwahr, daß das Zentrum sich in politischen Fragen seine Direktiven erst aus Rom holt. 4) Wie kommt es, daß auf der Generalversammlung des Evangelischen Bundes in Worms nur nationalliberale Abgeordnete anwesend waren (Everling, Arming usw.)? Diese Feststellungen kennzeichnen die politische Heuchelei, welche die ,Nat.«Ztg/ in obigen Sätzen begeht. Man sei doch so ehrlich und sage es offen, um was es sich handelt.

t. Zur weiteren Durchführung des Fleisch- beschaugesetzes und zur befferen Ausgestaltung der polizeilichen ontrolle des Fleischverkehrs sind nach der ,Voss. Ztg/ von den zuständigen Mini­stern zwei Verfügungen erläffen worden. Die erste enthält neben einigen Vorschriften von geringerer Bedeutung über die polizeiliche Kon­trolle von Schlachttieren, die bereits bei der Untersuchung vor der Schlachtung vom Fleisch­beschauer beanstandet werden, über die Behand­lung der Trichinenschauproben bei der Fleisch­beschau und über die polizeiliche Beaufsichtigung deS beanstandeten Fleisches, daS nach anderen Gemeinden verbracht wird, die in den preußischen Ausführnngsbestimmungen zum Fieischbeschau- gefetze bisher vorbehaltene vollständige Regelung des Freibankwesens. Diesem Zwecke dient in der Hauptsache ein, den Behörden zum An­halt empfohlenes und mit ausführlichen Er­läuterungen begleitetes Muster einer Freibank­ordnung. Die zweite Verfügung beschäftigt sich zunächst mit dem Ergebnis einer Umfrage, di« über dje Wirkungen der seinerzeit lebhaft um- strittenen sogenannten Freizügigkeit des tier­ärztlich untersuchten Fleisches in Schlachlhaus- gemeinden gehalten worden ist. Die Verfügung stellt fest, daß die von manchen Seiten befürchteten finanziellen und hygienischen Nachteile dieser Einschränkung der den Schlachthausgemeinden nach dem Schlachthausgesetze zustehenden Besug- niffe in bezug auf das auswärts ausgefchlachtete Fleisch nicht eingetreten find.

v. D« Reform des preußischen Wahlrechts hat die Blockleute während der sommerlichen

Pause nicht zur Ruhe kommen lassen. Trotz aller Anzapfungen hat der Reichskanzler sich nicht veranlaßt gesehen, die Blockleute wissen zu lassen, wie er in der Reform des Wahlrechts vorzugehen gedenkt. Die ,Lib. Korresp.' hat dieses Ausweichen des Reichskanzlers jetzt herz­lichst satt bekommen und meint, der Reichs­kanzler werde nun endlich. Farbe bekennen müssen; mit unverbindlichen Redensarten werde sich der entschiedene Liberalismus nicht abspeisen lassen. Die ,Nationalzeitung' registriert diese Auslassung der,Lib. Korresp.' und fügt ihrer- feit« hinzu: „Wir haben schon bei früherer Ge­legenheit ausgeführt, daß auch die national- liberale Fraktion einer Verschleppung auf das entschiedenste Widerstand leisten würde, und zwar im eigensten Lebensinterefle der Block­politik. Wollte' die Regierung über ihre Ab­sichten in der Wahlreform Unklarheit bis nach den Neuwahlen bestehen lassen, so würde sie damit bekunden, daß sie die Blockpolitik für Preußen ausgegeben hat. Daß sie damit auch für das Reich in Frage gestellt wäre, unter­liegt für ernsthafte Politiker längst keinem Zweifel mehr." Den Fürsten Bülow werden diese Drohungen nicht schrecken, denn er weiß, daß die Blockleute ihrerseits zu sehr seine Un­gunst befürchten, als daß sie ihre Drohungen irgendwie wahr machen würden.

Zur Neugestaltung des Weingesetzes finden zurzeit, wie Berliner Blätter melden, kommissarische Verhandlungen zwischen dem Reichsamt des Innern, dem Reichssiesundheits- amt und den zuständigen preußischen Ministerien des Handels, der Landwirtschaft und des Kultus statt. Auch mit den an der Weinsrage beson­ders interessierten Bundesstaaten hat ein Mei­nungsaustausch stattgefunden. Es verlautet, daß diesmal im Gegensatz zu früheren Re ormen von Grund aus eine Neugestaltung der ganzen Frage zu erwarten ist, welche allen be­rechtigten Wünschen des legitimen Weinhandels Rechnung tragen soll. Man hofft, den Entwurf noch vor Weihnachten dem Bundesrat vorlegen zu können.

.'. Der Bremserlaß, von dem die Liberalen meinen, daß er Studt zum Falle gebracht habe, spukt noch immer in den liberalen Köpsen. So läßt sich jetzt die .Tägliche Rundschau' dahin in­formieren, daß Kultusminister Dr. Holle ge­sonnen sein soll, an dem Bremserlaß feines Vor­gängers festzuhalten. Der Staat cüffenach der'unverändert beibebaltenen Ueberzeugung des Kultusministeriums dafür sorgen, daß die Span- nung zwischen den Lehrergehältern in den verschiedenen Landesteilen und den Ge­meinden keine zu große werde. Eine Neu­regelung der Lehrergehälter und eine Besserung der sozialen Stellung der Volksfchullehrer über­haupt sei nur möglich, wenn dem Landtag eine Vorlage vorgelegt werde, die bei einer erheb­lichen Erhöhung der Einkommensteuer die Mittel zu einer einheitlichen, aber nach oben in gewissem Maße begrenzten Neugestaltung der Gehaltsver- hältniffe sichere. Die .Deutsche Tageszeitung' be- merkt hierzu: „Wir möchten uns mit dem letzten Satz nicht näher beschäftigen, sondern nur die Folgerung aus der Haltung des Herrn Ministers Holle ziehen, daß eS sich bei dem Bremserlaß eben nicht um einen Ausfluß des „Systems Studt", sondern um eine sachlich notwen­dige Berivaltungsmaßnahme gehandelt hat."

Uebrigens scheint eS gar nicht festzustehen, daß Studt der Urheber des Bremserlasses ist, viel­mehr kann man erzählen hören, daß er die Ar­beit eines Geheimrates mit seiner Person ge­deckt hat.

.-. Ein Jubiläum der deutschen Kriegs­flotte. Prinz Heinrich brachte in einem Flottentagerbefehl den Besatzungen der ihm unterstehenden Schiffe in Erinnerung, daß mit dem 1. Oktober d. I. 40 Jahre verstrichen sind, seitdem unsere Kriegsflagge zum erften» male in ihrer jetzigen Form — damals als Flagge deS Norddeutschen Bundes — ge­hißt wurde. Bei der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 wurde sie dann die Kriegsflagge des Reiches. Unter anderem heißt es in dem Tagesbefehl: „Vierzig Jahre hat die Flagge übet deutschen Schissen geweht, rein und unbefleckt, auf ernste Arbeit, treue Pflichterfüllung und opferfreudige Hingabe herabgeblickt. So soll sie ipeiter wehen, zum Stolz des einzelnen, zum Ruhme unseres obersten Kriegsherrn, zum Schutze des Reiches."

* Die Tagung des Evangelischen Bundes in Worms findet nickt den vollen Beifall der prote­stantischen ,Kteuzztg.'. Da man uns Vorein- genommenheit gegen diese antikatholische Kampses- organisation nachreden könnte, geben wir um so lieber dem protestantischen Blatte das Wort, das schreibt (Nr. 460 vom 1. Oktober 1907) zu den einzelnen Rednern: „Jede Identifizierung von Deutschtum und Protestantismus geht uns etwas zu weit. Hier liegt wohl wieder eine Verwechse­lung von Protestantismus und evangelischer Ge­sinnung vor; evangelische Gesinnung finde« wir wirtlich auch bei vielen katholischen Deutschen: Bischöfen, Pliestern, Laien, namentlich auch Dich­tern, Schriftstellern und Künstlern. Wir achten und lieben in ihnen die Volksgenossen und Mit- christen, wenn sie auch zu einer andern Kirche ge­hören. Ohne allen Zweifel stimmt damit auch der Redner und der weitaus größte Teil deS „Evangelilchen Bundes" mit uns überein. Vor einer Störung des konfessionellen Friedens haben sich alle folgenden Redner geschützt, sodaß Kirchen- rat D. H e n e rn a n n - Worms seiner Freude darüber Ausdruck geben konnte; in Worms selbst steh: man nämlich „in fast herzlichen, friedvol­len Beziehungen zur Schwester­kirche." Um so spitzer waren dann frei­lich manche Ausfälle gegen die außerhalb des Evangelischen Bundes stehenden bekenntnis- treuen Konfessionsgenossen. Geh. Kirchenrat Krüger-Gießen sagte z. B. unter dem heiteren Beifall der Versammlung, es stehe doch leider so, daß noch in weiteren Kreisen unseres (evan­gelischen) Volkes manche feien, die im Sollen dächten: Hätten wir doch auch so etwas ähn­liches wie die neueste päpstliche Enzy klika!" Das ist eine Verdächtigung, zu der nichts und niemand einen Anlaß gegeben hat. Und wenn bann der Redner roieber unter dem stürmischen Beifall der Versammlung in die Worte aus- brach: „Wir können nicht einen Index, einen Syllabus ober eine Enzyklika gebrauchen, sie mag kommen, woher sie will!", so lärmen wir uns der Vernicklung immer noch nicht erwehren, daß er und seine Gesinnungsgenossen den Evan­gelischen Bund gebrauchen wollen zu einer Pro­paganda für die liberale Theologie, gegen die aber auch das Lutherlied gilt: „Das Wort sie sollen lassen stah'u!" So das konservative

Lebenswege.

Roman von Klara Wilhelmi.

22] (Nachdruck verboten.)

„Wie unangenehm," klagte die besorgte Mut­ter, „wer holt mir nun ein Pulver aus der Apo­theke?"

„Dahin will ich wohl gehen," sagte Martha bereitwillig. «Die Apotheke ist nicht so sehr weit von hier, ich weiß sie noch von meinem letzten Hiersein."

Mit diesen Worten hatte sie sich in Regen­mantel und Kopftuch gehüllt, und eilte hinaus. Es war durchaus kein angenehmer Herbstabend: der Wind jagte die zerrissenen Wolken am Him­mel hin, und nur mitunter lugte der Mond zwi- chcti diesen hindurch. „Es ist nicht zu verwun­dern, daß die Kleine so hustet," dachte sie, sich ester einhüllend: „das Mädchen ist heute stun- »enlang mit ihr draußen gewesen." Da bemerfte ie beim Scheine des Gaslichtes in einiger Ent- ernung v. Bergen daher kommen. Sie wollte um keinen Preis ihm begegnen, nicht von ihm gesehen werden. Rechts zur Seite gewahrte sie eine weniger erleuchtete Nebenstraße und bog rasch hinein.. Aber hier laut sie vom Regen in die Traufe, indem ihr von drei bis vier Män­nern, welche die ganze Breite der Straße einnah­men und anschetnend in betrunlenem Zustand waren, der Weg versperrt wurde.

„Ha, Täubchen, wohin wollen Sie denn allein?" redete einer der Männer sie an, indem sie von ihnen umzingelt wurde.

„Um Gottes Willen, geben Sie mir den Weg frei," bat das geängstigte Mädchen, „ich muß zur Apotheke."

„Schätzchen, da sind Sie auf falschem Wege," lallte der Betrunkene, „wir wollen Sie beglei­ten," fetzte er, ihren Arm ergreifend, hinzu.

„Lassen Sie mich los!" rief Martha zitternd, bud-ülS Hc trotz ihres Sträubens doch mit fort­

gezogen wurde, fing sie laut an zu schreien. Ta nahte sich eine hohe dunkele Gestalt, ein Herr mit der Reisetasche in der einen, dem Regenschirm in der anderen Hand. Im Nu war er bei der Gruppe, schwang den Schirm drohend in die Höhe und rief: „Im Augenblick gebt die Dame freit"

Die Männer starrten verwundert den Herrn an, dieser benutzte den Augenblick und zog Martha an der Hand mit fort.

Weshalb bebte ihr Herz beim Klange dieser Stimme, weshalb zitterte sie bei der Berührung seiner Hand?

„Bist Du es wirklich, Martha? Woher kommst und wohin willst Du?" fragte der Herr.

„Ach Kurt! Also war es doch Deine Stimme, ich irrte mich nicht," jubelte sie.

„Kennst Tu denn meine Stimme noch?" fragte er glücklich.

Martha bereute, ihre Fr«,de so offen gezeigt zu haben, denn plötzlich tönte« die Worte in ihren Ohren: „Nur zu seinem Vergnügen". Sie be­antwortete deshalb seine letzte Frage nicht, er­zählte nur, wie sie zur Apotheke habe gehen wol­len und um v. Bergen nicht zu begegnen, in eine Seitengasse einbiegend von den Bettunkenen um­zingelt worden fei. Kurt führte Martha wieder auf die breite, erleuchtete Sttaße, wo sie auch bald die Apotheke fanden.

Auf dem Heimwege richtete Kurt mancherlei Fragen an seine Begleiterin, welche sie aber nur höchst einsilbig beantwortete. Den jungen Mann befremdete dies, denn vorhin hatte sie die Freude, über sein Erscheinen deutlich zu erkennen gege­ben. Nach dem glänzend bestandenen Examen war Kurt zuerst zu seinen Eltern gereist, hatte sich aber nur einige Tage dort aufgehalten, weil er, bevor er sich zur Kreisstadt begab, an deren Gericht er als Referendar einzutteten beabsich­tigte, noch einige Tage in Marthas Heimath zu­bringen wollte. Dort fand er die Geliebte nicht und setzte am folgenden Tage seine Reise fort zur Residenz, wo er gleich bei seiner Ankunft Mar­

tha's Hülferuf auf der Straße vernahm. Wie glücklich war er, sie aus der unangenehmen Lage zu befreien; wie freudig hatte sein Herz gepocht, als sie jubelnd ihn erkannte. Weshalb war sie denn nun pEtzlich so still, so kall, so sremd? Ver­stimmt ging Kurt an der Seite des Mädchens, das sein ganzes Herz und alle seine Gedanken ausfültte, und dessen eigentümliches Benehmen er sich nicht zu deuten vermochte. War er Mar- tha's Herzen fremd geworden? Hatte der freu­dige Aufschrei seiner Person gegolten oder ihrer Rettung ans der unangenehmen Lage? Er hoffte jedoch, da er einige Tage in der Residenz zu ver­weilen gedachte, daß sich während dieser Zeit Ge­legenheit darbieten würde, den Grund ihres Ver­haltens zu erforschen und zu beseitigen. Kurt lenkte daher das Gespräch auf Käthchen, Paul und die kleine Helene und unter dieser Unter­haltung gelangten sie bis zur Wohnung. Käth­chen erstaunte nicht wenig über Kurts unertDar- teten Besuch und reichte der noch immer husten­den und fiebernden Kleinen das besänftigende Pulver. Kurt war ermüdet von der Reife und den letzten Anstrengungen seines Studiums und zog sich bald auf fein ihm angewiesenes Zimmer zurück, und nad)bent Martha der Tante noch einige kleine Handreichungen besorgt hatte, folgte diese ihrem Beispiele.

Der Schlaf aber floh ihr Lager; die verschie- denartigsten Gefühle bemächtigten sich ihrer. So vieles hatte sie heute gehört, was ihr bis da.hin fremd gewesen, und nun erst, was chr von Kurt erzähll worden war.

Die Tage seines Aufenthaltes im Hause ihrer Elter» traten wieder lebendig vor ihre Seele; weich' glückliche Zeit war dies! Sie ries sich jedes mit ihm geführte Gespräch ins Gedächtnis zurück, sie fühlte noch seinen innigen, beredten Blick aus sich ruhen, dann sah sie aber baneben ein anderes Gesicht, das Bild der schönen Schauspielerin, wel- ches ihre Phantasie mit allen erdenklichen Reizen' schmückte, und dazwischen tönten die Worte der Tante: „Nur au feinem Vergnügen". Zu feinem

Vergnügen hatte er sich früher mit ihr unterhal­ten und jetzt wollte er sie vielleicht wieder zum Spielball seines Vergnügens machen. Nein, dies sollte ihm denn doch nicht gelingen, sie wollte ihm zeigen, daß sie nicht mehr mit sich spielen lasse, daß sie auch eigentlich kern Kind mehr sei, wie damals, als er sie kennen lernte, sie wollte--

— aber warum ereiferte sie sich nur so? Kurt war ihr ja gleichgillig, das heißt, von heute an war sie ehrlich genug, sich dieses zu gestehen. Nein, sie liebte ihn nicht, wollte ihn durchaus nicht lieben. Es war eben doch sonderbar, wes- halb zuckte ihr Herz plötzlich wieder, sie konnte es sich nicht erklären, was war es, das sie so be­klommen machte, daß sie sich nicht so glücklich fühlte, wie früher? Gewiß hatten die Mittei­lungen der Tante ihr den Frohsinn geraubt; ja, so mußte es sein, die arme Tante, wie _ sehr be­dauerte sie deren irnglückliches Verhältnis; aber Kurt wollte sie ganz entschieden zeigen, daß sie nickst der Gegenstand seines Vergnügens sein wollte, und daß sie sich nichts, teilt gar nichts aus ihm mache. Diese letzten Gedanken begleitete sie noch mit einem Seufzer, dann senkte sich der Schlaf nieder auf ihre Augen und goß Ruhe und Frieden in ihre stürmisch bewegte Seele.

Indessen saß Käthchen an dem Bettchen ihres kranken Kindes, lausckste ängstlich besorgt auf des- sen kurze, unregelmäßige Atemzüge, reichte ihm Wasser, den Durst zu stillen und die heißen Lip­pen zu kühlen. Sie war noch immer allein, Paul war noch nicht zurückgekehrt und gespannt horchte sie, wenn aus der Ferne Schritte erschallten, und sich der Wohnung näherten, sich dann aber immer wieder entfernten. Endlich, nachdem Mitternacht lange vorüber, näherten sich wieder Schritte dem Hause und machten vor der Türe Halt. Es war Paul; er vermochte nicht gleich mit seinem Schlüssel zu öffnen und man konnte daraus ent- nehmen, in welchem Zustande er sich befand, aber Käthchen regte sich nicht, sie tat, als habe sie sem Kommen ganz überhört. Als er ut das Wohn­zimmer trat stolverte er und stieß an einen