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«otationrdrnck u. Verlag der Fuldaer «e» tiendr rckerei in Fulda. Fernsprecher Ur. 9.

M 321.

Fulda, Donnerstag den 26. September 1907.

34. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Berlin, 25. September 1907.

* Ministerialdirektor Althoff ist zum Ehren« m i t g l i e d der Kaiser-Wilhelm-Akademie in Posen ernannt worden. Der Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Wernicke überreichte im Kultusministerium dem neuen Ehrenmitglied das künstlich ausge- stattete Diplom, welches hervorhebt, daß die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft an Exzellenz Althoff erfolgt ist in Anerkennung seiner Ver­dienste um das deutsche Geistesleben in den Ost- marken und um die Begründung der könig­lichen Akademie sowie der Kaiser-Wilhelm-Biblio­thek in Posen insbesondere. Die Genehmigung des Abschiedsgesuchs Althoffs ist dieser

Lage zu erwarten. Lange Jahre ist Friedrich Althoff die Seele des Kultusministeriums ge­wesen, namentlich in den letzten Jahren unter Studt. Mit jh.ii scheidet ein ganzer Mann aus dem politischen Leben, der sich nicht umge­sehen hat, sondern seinen Weg gewandelt ist, ohne jemand nm Rat zu fragen. Mögen seine politischen Gegner, die ihm namentlich wegen seiner Stellungnahme zur akademischen Freiheit nicht wohl gesinnt waren, ihn auch frohen Herzens ziehen sehen, sie werden ihm nachrufen müssen, daß er ein Mann des Willens, aber auch ein Mann des Könnens war und daß Arbeit stets seine Devise gewesen.

* Vorlagen für den Reichstag. Die .Deutsche Tagesztg.' glaubt mit einiger Sicherheit annehmen zu können, daß die bei der letzten Auflösung des Reichstages -unter den Tisch gefallenen Vorlagen betr. Abänderung des Unter­stützungs-Wohnsitzes und belr. Haftung des Tierhalters den Reichstag bald nach seinem Wiederzusammentritt beschäftigen werden, zumal die juristischen Bedenken, die namentlich das Reichs - Justizamt gegen den Gesetzentwurf betr. Haftung des Tierhalters hatte, überwunden seien.

* Die kommende Tabaksteuervorlage, die wir ankündigten, wird jetzt auch in liberalen und freisinnigen Blättern signalisiert und man erfährt von dort schon einige Einzelheiten, die beweisen, wie sehr die Gefahr der höheren Besteuerung nahe ist. Man soll sich hiernach

die Zigarrenbanderolensteuer in folgender Form denken:

Zigarren im Klein- Steuer

Verkaufspreise pro Mille:

bis zu 4 Pfg. per Stück 3 Mk.

von 5 bis 7 „ „ ,, 6 „

von 8 bis 12 „ „ „ 12 „

über 12 „ „ „ 24 „

Die größte Schwierigkeit liege allerdings in der Frage, wie die Heimarbeit in der Zigarrenindustrie mit der Banderolensteuer in Einklang gebracht werden kann. Es sei klar, daß die Banderolensteuer, die bereis bei den Zigaretten große Schwierigkeiten machte, sich mit der Heimarbeit nicht vertragen würde. Man scheine deshalb die völlige Beseitigung der Heimarbeit in der Zigarrenindustrie in Aussicht genommen zu haben. Zur Begründung dieser einschneidenden Maßregel führte man soziale Gründe in's Feld. Darüber wurden einem libe­ralen Blatte folgende statistische Angaben zur Verfügung gestellt: „Im Großherzogtum Baden, von wo die neuesten Berichte der Gewerbe­inspektion über diese Materie vorliegen, zeigt die Zigarrenindustrie, wie vorweg bemerkt sei, nicht allein die größte Zahl von Heimarbeitern über­haupt, sondern sie steht auch in Bezug der Inanspruchnahme der Kinderarbeit beinahe an erster Stelle. In 28 Amts- und 165 Ge­meindebezirken befinden sich dort 2797 Heim­arbeiter, entsprechend 14,87% der gesamten Heimarbeiterschaft, 9,54% der gesamten männ­lichen und 17,25% der gesamten weiblichen Heimarbeiterschaft. Von diesen 2797 Personen sind 552 (19,77%) männlichen und 2244 (80,23%) weiblichen Geschlechts. Unter den Heimarbeitern befanden sich 296 (10,58%) Kinder unter 14 Jahren, von denen 1.35 (45,61%) männlichen und 161 (54,39%) weib­lichen Geschlechts waren. 17,71% aller männ­lichen und 15,83% oller weiblichen Kinder, oder 16,35% aller Kinder beiderlei Geschlechts werden von der Zigarrenindustrie allein be­schäftigt." Nunmehr wird die liberale Presse nicht mehr behaupten wollen, daß unsere Mit­teilungen „reiner Schwindel" seien; wir waren eben in der Sache besser unterrichtet als jene Leute, die mit großem Geschrei uns dementieren wollten.

* Reinertrag der preußischen Staatsbahnen. Nach einer Bekanntmachung des Eisenbahn­ministers im ,Staatsanzeiger' wird das für das Steuerjahr 1907 in Betracht kommende Reinein­kommen der preußischen Staatseisenbahnen auf den Betrag von 328 948 378 Mark festgestellt. Von diesem Gesamteinkommen unterliegen nach dem Verhältnisse der erwachsenen Ausgaben an Ge­hältern und Löhnen der Besteuerung durch die Ge­meinden und selbständigen Gutsbezirke 298 623 232

* .Nationalzeitung' und Sodalentag. Die ,Naüonalttg.' bespricht den allgemeinen Soda­lentag der Marianischen Kongregatio­nen in Linz a. d. Donau nnd übt Kritik an dem Beschluß, der die Marianischen Kongregationen für Mittelschüler und Hochschüler als Pflanzschule einer ^charaktervollen Laien-Intelligenz aufs neue dringend befürwortet. Das Blatt will wissen, daß nach dem Urteile von Schulmännern die „charaktervolle" Erziehung, in ihren Folgen wenig- stens, darin bestand, daß bei den Kongreganisten Ueberhebung über die anderen Schüler, Ver­ketzerung und Denunziation dieser großgezogen

I wurde, also sicher nichts pädagogisch Wünschens­wertes . . . „Dient es aber dem konfessionellen Frieren wirklich, wenn man an unseren Mittel- und Hochschulen diese Vorkämpfer eine» extrem protestantenfeindlichen UltramontanismuS wieder zuläßt?" Glaubt etwa das nationalliberale Blatt mit seinem Urteil über die Kongregationen, daS durch keinerlei Sachkenntnis getrübt wird, dem konfessionellen Frieden zu dienen?

Die »Post' als Sittenwächter. Die »Post' spielt sich als Hüter der Moral auf und ver- öffentlicht einen langen Aussatz unter der lieber» schrift: „Ein trübes Kapitel moderner Sittengeschichte", der sich mit Begleitum- ständen beim Prozeß Rören contra Schmidt be­schäftigt. Das Blatt ist darüber entrüstet, daß so viele Zuhörer, darunter auch Damen, dem Prozesse beiwohnten, bei dem die diffizilsten Dinge über die Gebräuche der Schwarzen und die Lebensweise der Kolonialbeamten in Togo eingehend erörtert wurden. Das Blatt stellt es so dar, als ob alle die Zuhörer nur aus Nerven- und Sinnenkitzel gekommen wären, um Obszeniläten mit anzuhören. Erschwerend fällt es für die ,Postt ins Gewicht, daß die meisten Teilnehmer, auch die Frauen, „Anhänger einer Partei waren, welche gewisse Aus wüchse unseres Sittenlebens mit gesetzlichen Maßnahmen bekämpfen will". Es ist selbstverständlich, daß der Prozeß gerade in der Zentrums­partei daß größte Interesse erregte. Es war auch vorauszusehen, daß bei der Verhand­lung heikle Dinge zur Sprache kommen mußten; wo Holz gehauen wird, fallen auch Spähne. Aber die rein menschliche Teilnahme weiter Kreise der angesehensten Kölner Bürgerschaft mit dem so viel angefeindelen Geheimrat Rören, die in dem Besuche des Prozesses zum Ausdruck kam, lediglich auf Sinnenkitzel zurückzuführen, das ist eine Kampsesweise, die sich von der der Genossen durchaus nicht mehr unter­scheidet. Das Blatt erklärt es auch für offen­bar bestellte Arbeit gewisser Zentrums kreise, daß zwei Arbeiter Frau Geheimrat Rören ihren Dank stir das Auftreten ihres Gemahls aussprachen. Woher weiß das Blatt das? Man sucht nie­manden hinter dem Busch, wenn man nicht selbst dahinter gesessen hat.

* Sonntagsruhe im Postbetriebe. Für das gesamte Vetriebspersonal der Reichspostverwal- tung ist die Sonntagsruhe jetzt nach dem Grund- satz durchgeführt, daß jeder Beamte und Unter­beamte in einem Zeiträume von zwei Wochen für einen Sonntag, sei es für den ganzen Tag oder zwei halbe Sonntage, vom Dienste b e f r ei t wird. Ein ganz freier Sonntag ist, soweit es sich nicht öfter ermöglichen läßt, mindestens in je vier Wochen zu gewähren. Wo irgend tunlich, genießen die Beamten Sonntagsruhe auch über das festgelegte Maß hinaus ebenso wie die Un­terbeamten.

* Zur Mädchenschulreform erfahren die „Ber­liner N. 'N.", daß die Erwägungen, welche an den maßgebenden Stellen über die Mädchenschul­reform schweben, jetzt soweit gefördert sind, daß sie noch vor Ablauf des Jahres beendet sein werden und die Reform dann durchgeführt wer­den kann. Die in einem Teil der Presse zu Tage getretene Auffassung, der neue Kultusminister Dr. Holle habe angeblich „erhebliche Bedenken" gegen die Reform, treffen ganz und gar nicht zu. Das gerade Gegenteil ist der Fall. Auch im Staatsministerium seien die Verhandlungen ent­sprechend weit gediehen.

* Der sozialdemokratische Parteitag findet in der gesamten Presse dieselbe Einschätzung, die wir vorgenommen haben. Die freisinnige,Weser- Ztg.' glaubt schon von einer gewissen „MaraS- mus" (Altersschwäche) sprechen zu können: „Die Sozialdemokratie ist ein mächtiger, ein gefähr­licher Feind; sie ist neben dem UltramontanismuS der gefährlichste von allen. Daß sie i.i der letzten Reichstagswahl endgiltig aufs Haupt ge­schlagen sei, glauben wir nicht. Aber waS in ihren beiden Hauptversammlungen der inter­nationalen in Stuttgart und der deutschen in Essen, hervorgetreten ist, zeige, daß auch in ihrem eigenen Verbände ein gewisser Marasmus Platz greift." Auch die Berliner ,Börsen-Ztg.' meint, man habe schon besseres gesehen: „Man wird nicht umhin können, der Empfindung Aus­druck zu geben, daß es schon Tagungen der deutschen Sozialdemokratie gegeben hat, deren Verlauf, im ganzen, wie im einzelnen, sich in­haltreicher, spannender gestaltete. Man braucht dabei durchaus nicht gleich an Dresden und Jena zu denken. Ein Aufeinanderplatzen der Geister und Gemüter derart, wie auf jenen denkwürdigen Parteitagen;, würde, wenn es von Dauer wäre, wenn es jahraus jahrein sich wiederholte, wohl keine Partei aushallen." Der »Hamb. Korrespondent' nennt den Parteitag eine „Versammlung enormer Schwätzer": „Wir bezweifeln, daß diele Essener Tagung die Prophe­zeiung des /Vorwärts' erfüllen wird, sie werde „ein ragender Markstein fein auf dem Marsche des Proletariats zum Ziele seines Befreiungs­kampfes. Dagegen erblicken auch wir darin eine Tagung, die sich würdig dem internationalen Parlament des Proletariats zu Stuttgart an­reiht." Beide Veranstaltungen waren einander wert. Zumal in den aktuellen Fragen ist an Geschwätz enormes geleistet worden, am schlimmsten, wenn das Gebiet der auswärtigen Politik gestreift wurde." Aber was sehr be­merkenswert ist; auch in der Presse der Genossen selbst macht sich eine gewisse Enttäuschung Platz, die man srüher nicht kannte. Es geht eben mit den Parteitagen wie mit anderen Veranstaltungen der Genossen auch: eine zeitlang haben sie An­ziehungskraft, bann gehen sie in die Raritäten­kammer.

* Aus Südwestafrika. In der Presse ist neuerdings auf die Gefahr hingewiesen worden, welche eine allgemeine Abwanderung der Herero nach britischem Gebiet für die wirt­schaftliche Entwickelung Deutsch-Südwestafrikas bedeuten würde, und es ist die Mahnung daran geknüpft worden, dieser Gefahr rechtzeitig v o r z u b e u g e n. Zu ernster Beunruhigung liegt indessen, wie die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt, kein Anlaß vor. Allerdings macht sich unter den Herero im Norden des Schutzgebietes seit einiger Zeit eine gewisse Unruhe bemerkbar. Diese äußert sich namentlich darin, daß die Ein- geborenen aus dem Dienst f o r tl au f e n. Es hat sich bisher nicht feststellen lassen, ob vielleicht Abgesandte des bei Johannesburg angesiedelten Samuel Maharrero unter ihnen tätig sind und sie nach dem Rand zu ziehen versuchen. Dagegen ist der Versuch gemacht worden, die Eingeborenen dadurch mehr an den Arbeitsort zu fesseln, daß man ihnen etwas Kleinvieh gibt, das aller­dings int Eigentum der Regierung bleibt.. Hier­mit soll gleichzeitig bezweckt lverden, daß in die Ernährung der Kinder etwas mehr Abwechselung gebracht wird. Das offiziöse Blatt resümiert sich dahin, daß selbstverständlich seitens der Ver­waltung auch alle sonst zweckdienlichen Mittel

Lebenswege.

Roman von Klara Wilhelms.

IS] (Nachdruck verboten.)

Heute jedoch brauchte Jungfer Christine sie nicht zu wecken, denn lange vor dem Gezwitscher der Schwalben, lange, ehe sich das Fenster der Alten öffnete, hatte Käthchen sich erhoben, und die glänzenden Augen blickten mit einem glück­seligen Ausdruck um sich. Und als die große tzausuhr sechs schlug, sprach sie mit gefaltenen Händen: „Noch einige Stunden und ich bin seine Gattrn, das Ziel meiner Wünsche ist erreicht."

In Gedanken verloren stand sie am Fenster «a öffnete sich geräuschlos die Tür und Jungfer 'Christine trat ein. Als sie das junge Mädchen erblickte, vermochte sie nicht, ihrer Gefühle Herr HU bleiben, und leidenschaftlich schloß sie dasselbe ur ihre Arme.

„Käthi, meine liebe, teure Käthi", schluchzte sie, „gebe der liebe Gott, daß Du so glücklich und zufrieden werdest, wie ich es Dir wünsche, und wie Du es warst, als Du —"

Sie vollendete den Satz nicht, sondern öffnete das Körbchen und überreichte Ser jungen Brant die Kinderschuhe.

„Kennst Du diese, mein Herzchen?" fragte „Es sind Deine ersten Schuhe; ach, damals waren wir beide glücklich. Du und ich."

Gerührten Herzens nahm Käthchen diese aus F ihrer treuen Wärterin und fuhr lieb- •lnö o?11* ihrer weichen Hand über das faüen- rerche Angesicht derselben.

. ,.®Ä?l3e Stunden später stand Käthchen im nrr^ut- -!en Schmuck und harrte des Bräutigams. Als yiefer das Zimmer betrat, blieb er wie ge­bannt stehen. Die Braut int weißen seidenen @ett>anbe, den Myrkhenkranz im goldigen Haar, umhüllt von dem langen Schleier, der wie eine

Lichtwelle sie umfloß, umgeben von den Braut­jungfern, bot ein zauberhaft schönes Bild.

Pau! scheute sich beinahe näher zu treten; ihm war es, als müsse die holde Erscheinung zer­fließen, aber freundlich lächelnd reichte Käthchen ihm die Hand dar.

In der Kirche hatte sich eine Menge Neugie­riger eingefunden, um das schöne, junge, vielbe- neidete Brautpaar zu sehen unb den Brautstaat zu bewundern.

„Großmütterchen, sich nur, welch herrliche Perlen die Braut trägt", sagte ein kleines Mäd- chen, als Käthchen gesenkten Hauptes zum Trau­altar schritt.

„Ach Kind", erwiderte diese, „Perlen am Hochzeitstage bedeuten Tränen."

WahrenS der hl. Handlung, bei welcher Kurt mit Martha neben dem Brautpaare stand, ftüm> ten viele verschiedenartige Gedanken auf diesen ein. Immer tauchte der Gedanke in ihm auf, wie hübsch Martha sich wohl im Brautschmuck aus- nehmen, und wer ihr dann wohl zur Seite stehen würde. Und als er Arm in Arm mit ihr vor dem Brautpaare herschreitend die Kirche verließ, dämmerte ein leises Verlangen in ihm, daß et derjenige wohl fein möge, welcher Martha zum Altäre führe. .

Der Brautzug war im Hochzeitshause an ge­langt, Käthchen Bruns war Frau Werner. Der neue Name ließ sie freudig erglühen, ebenso die Glückwünsche der Gäste. Die Tränen der Schwe- ster, welche in Gedanken an die Trennung sich weinend ihr nahte, lockten auch Tränen in ihren Augen hervor. Aber ein Blick aus Pauls freube- strahlenSes Antlitz machte dieselben schnell toieSet versiegen.

Der Tag verging fröhlich, und die Gäste ver­abschiedeten sich erst gegen Mitternacht. Das junge Paar hatte sich schon früher entfernt und die Braulreise angetreten. Eine Stunde später blickten die Sterne nieder auf das stille Hans, in welchem Käthchen ihre schönsten und glücklichsten Jahre verlebte.

Am folgenden Tage reiften auch die entfern­ter wohnenden Gäste wieder ab, nur Kurt blieb noch, weil er gerade Ferien hatte. Er konnte sich so rasch nicht von den neuen Verwandten und be- sonders nicht von Martha trennen. Eine heim­liche, innige Freude bemächtigte sich seiner, so­bald die holdselige Martha mit den großen, la­chenden Augen, mit der zarten Anmut in allen ihren Bewegungen, mit ihrer unzerstörbaren, bei­tem, kindlichen Laune, in seine Nähe kam. Es erfüllte ihn mit Entzücken, wie die Augen des holden Mädchens sich bei seinem Anblick verklär­ten. EH war wie ein geheimnisvoller Zauber, der seine Fäden hinüber und herüber wob. Nicht immer braucht die Liebe Jahre, um sich zu ent­falten, und auch hier war die Grenze zwischen dem Kinde und der sich holdselig entfaltenden Jungfrau zwischen dem wild ins Leben hinein- stürmenden Knaben und dem überlegenden, den­kenden Jüngling plötzlich und unbemerkt über­schritten.

Sie näherte sich ihm bald nur mehr mit Er­röten und das harmlose Geplauder der ersten Tage war dahin und doch waren es glückliche Tage für beide. Als der letzte Tag der nur zu schnell verflossenen Ferienzeit hereinbrach, wurde ihm jedoch der Abschied schwer; und als er sogar Tränen in Marthas Augen erblickte, da schien es, als schwebte ein Geständnis auf seinen Lip­pen. In feiner Betrachtung, wie sie ahnungslos vor ihm stand, hielt er es für ein Verbrechen, in dem zart besaiteten jugendlichen Gemüth Gedan- ken zu wecken, die den Frohsinn des Mädchens trüben könnten. Er schied in der Hoffnung, so- bald wie möglich hierhin zurück zu kommen unb bis dahin in einem eifrigen Briefwechsel eine ge- wisse Entschädigung zu finden.

V.

Ihr Bild ist aber nicht entschwunden Aus meiner Brust, ihr Segen blieb; Ich bin an ihre Spur gebunden. Und trage sie im Herzen lieb.

Raul Wigand.

Auf den Promenaden einer süddeutschen Uni­versitätsstadt wogte es von Spaziergängern. Es war ein heißer Sommer, seit Wochen hatte eine drückende Hitze geherrscht. Heute nun war die. schwüle Atmospäre durch einen heftigen Regen abgekühlt, und alles eilte hinaus, um Sen Staub der Straßen abzuschütteln und in der wonnig erfrischten Luft einen wohltuenden Atemzug zu erhaschen. War es doch auch jetzt wunderschön draußen! Die Blumen und Blätter der Ge- sträuche beugten sich noch unter der Schwere des herabgefallenen Regens unb die daran hängenden Tropfen glitzerten im Sonnenschein wie tausend Diamanten.

Dieses mußte auch wohl die kleine Schar junger Leute mit den kecken Studentenmützen, den unbekümmerten Gesichtern unb dem launi­gen, übermütigen Ausdruck derselben empfinden, Senn sie lachten, scherzten und jubelten, daß eS eine Lust war, dieses zu beobachten. Plötzlich blieben Sie jungen Leute stehen; der Eine der­selben hatte, während er mit seinem Stöckchen kleine Kiessteinchen vom Boden aus in die Luft schleuderte, unter einem zur Seite stehenden nie- Srigen Strauch einen glänzenden Gegenstand be­merkt. Er bückte sich darnach, und als er sich er­hob, hielten seine Finger einen feinen, zierlichen Goldreif, mit einem funkelnden Steine besetzt.

„Teufel, welch ein Fund!" tönte es aus dem Munde Ser Umstehenden. „Laß sehen, Werner; die HanS, welche Siefen Ring getragen hat, ge­hört einer Dame, seht nur, wie klein und zierlich er ist."

„Der Werner hat doch immer Glück," sagte ein anderer. „Warum mußte der tückische Zufall gerade ihn den Ring finden lassen, ihn, der sich so wenig um Damen bekümmert?"

„Ja, wärest Du der glückliche Finder, Du würdest die Zurückgabe des Ringes gründlich ausbeuten," antwortete einer aus dem Kreise. „Aber wessen Eigentum ist er, welche Dame wird ihn herjfnrpn hab«»2"