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Huldaer MZeitung

34. Jahrnana.

Fulda, Mittwoch den 25. September 1907

M 220.

Kotatioesörud «. Verlag der Zuldaer Ac« tiendrickerei in Zulda. Fernsprecher Nr. 9.

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):( Die Essener Komödie.

Die Parteitage der Sozialdenlokratie befin­den sich auf der schiefen Ebene und rollen rasch abwärts. War in Dresden vor 4 Jah­ren ein ödes Gezänk, das sich nicht zuletzt stoch bei den letzten Reichstagswahlen rächte, so standen die folgenden Tage unter dem Emslutz

der Vertuschung;

aber der Essener hat sie in dieser Richtung alle übertroffen. Man ging um die springenden Kragen herum, wie die Katze um den hei­ßen Brei. Das Muster von solchen Reden leistete der Abg. Bebel, den man fast nicht wieder kannte. Bebel ist sonst ein Drauf­gänger der schlimmsten Sorte; man halte sich nur vor Augen, wie ec noch in Dresden mit den Revisionisten umgesprungen ist; aber in Essen da schlug er ganz andere Töne an; da spielte er den sanften Heinrich, der nie­manden ein Leid antun will. Sollen wir mit einer Veränderung des Charakters dieses Füh­rers rechne»? Wir können es nicht; es war eben kluge Taktik; denn die Partei kann jetzt unter keinen Umständen mehr eine Auseinander­setzung brauchen, um ihre Leute nicht noch mehr kopfscheu zu machen. So bemühte man sich von allen Seiten in Essen eines anständigen Tones und suchte jedem ernstlichen Kampfe aus dem Wege zu gehen. Das Niveau der Debatten sank daher auch sehr weit herab; das hat am besten der „Vorwärts" bewiesen, der sonst aus jeder Rede eines Bebel, Wurm usw. wahre Helden­taten macht, der aber in seinen Berichten über Essen so nüchtern und so knapp lvar, wie nie zu­vor. In der übrigen Parteipresse ist es ähnlich. Wenn also die Genossen selbst unter dem Eindrücke *der

Enttäuschung

stehen, so mutz dieses Gefühl bei uns noch stärker hervortreten. Gewiß ging es auch einigemal recht lebhaft her; die Debatte begann eben sich zu entwickeln, als sofort ans der ganzen Linie der Rückzug geblasen wurde. Dec In­halt der Auseinandersetzungen aber ist derart, daß auch nicht ein einziger neuer Gedanke zu tage gefördert worden ist. Wir kennen keinen zweiten Parteitag, dec sich so in Allgemein- feiten und Plattheiten erschöpft hätte wie der Essener. Was man seit Jahr und Tag in ihrer Presse gelesen hatte, was man schon dutzendmal von der Reichstagstribüne gehört

hatte, daS wurde mit einem Behagen breit ge­treten, daß man meinen sollte, es handle sich um nagelneue Gedanken. So ist die Ansicht ge­rechtfertigt, daß die ganze Veranstaltung die Kosten nicht wert gewesen ist, die sie verursachte; für die Arbeiter vollends kam bei der Sache gar nichts heraus. Der Katholikentag zu Würzburg hat ein ganz anderes Maß von sozialer Arbeit geleistet; was für die Arbeiter wertvoll ist, das ist der Beschluß, daß die Sozialdemokratie die Arbeiter wenigstens nicht mehr so schädigen will, wie sie es seither durch die Maifeier getan hat.

Der Kongreß tagte in Essen, das im Reichs­tage durch einen Zentrumsabgeordne­ten vertreten ist; trotzdem kam das Zentrum auf keinem Parteitag so „gut" weg wie dieses- mal; dagegen fehlte es nicht an häßlichen

Ausfällen auf die katholische Religion,

und ganz besonders auf den Beichtstuhl; es waren Genossinnen, die sich hierin hervortaten, so daß ein Genosse ihnen widersprechen mutzte. Da bestätigt sich das alte Wort, datz die Frau am weitesten auf Abwege kommt, wenn sie einmal die gute Bahn verlassen hat. Der Abg. Bebel nahm in der Debatte für sich das Recht in Anspruch, für den Atheismus Propaganda machen zu dürfen; als aber ein Genosse ans Aachen sich gegen die Ausfälle auf die katholische Kirche wehrte, da wurde er verspottet unv aus- gelackt. So nutzt man hier das gleiche Matz ans.

Was nun die wichtigsten Debatten betrag so endigten sie mit dem

Siege der Revisionisten

und daS ist vielleicht die bedeutsamste Erschei­nung auf diesem Parteitag. Man wagt es nicht mehr, diesen mit der Schärfe entgegenzutreten, die man in Dresden für sie bereit hatte; da man allen tieferen Auseinandersetzungen ans dem $8epe ging, so war es ganz natürlich, daß die Revisionisten die Oberhand erhielten. In dec M i l i t ä r f r a ge kam dies besonders zum Ausdruck; man halte sich einmal vor Augen, wie scharf der Genosse N o s k e angegriffen wor­den ist, weil er im Reichstage seine militär- freundliche Rede gehalten hat; er erklärte sich damals bereit, im Angriffskrieg die Flinte ans den Buckel zu nehmen; er meinte auch, daß die Arbeiter ein Interesse daran hätten, datz die Soldaten die besten Gewehre besitzen. Als vor just 10 Jahren der frühere Abg. Schippel dieselben Gedanken aussprach, da wurde er vor dem Ausschluß nur dadurch bewahrt, datz Auer für ihn eintrat; heute aber konnte Noske sich auf# Bebel berufen den er nur kopiert hätte; so ver­lief die ganze Aktion im Sande; denn gegen Bebel wollte niemand Vorgehen. Auch der Ber­liner Rechtsanwalt Liebknecht, der sonst in Antimilitarismus macht, war ganz zahm; er suchte sich mehr zu entschuldigen wegen seiner Schrift, die ihn vor das Reichsgericht gebracht hat, wo er sich wegen Hochverrats zu per- antworten hat.

Jedenfalls war der Schluß der Debatte der, daß der gegen Noske gerichtete Antrag ab ge­lehnt wurde und datz man alle anderen An­träge dem Parteivorstand überwies, was auf gut deutsch heißt, daß sie in den großen Papier­korb der Partei wanderten. Die Fraktion hat also im Reichstage freie Bahn und es wird nicht mehr allzulang dauern, da

stimmt sie für die Neubewaffnung der Armee;

die Mauserung geht auch auf diesem Gebiete vor sich und die Redner der Partei tun gut, jetzt

schon ihr Konzept umzuarbeiten, damit sie spä- ter nicht in allzugroße Verlegenheit kommen.

Noch schöner aber kam es bei der Resolution über die Kolonialpolitik; da war nach den heftigen Preßerörterungen ein Auseinander- platzen der Geister sicher zu erwarten; aber es kam anders. Die Gruppe um D a v i d erklärte, daß sie mit der radikalen Resolution von Stutt­gart auch auskommen könne und so konnte Bebel am Schlüsse sagen, daß die ganze Debatte ein Streit um des Kaisers Bart gewesen fei. Der „Vorwärts" freilich ist mit dieser Kennzeichnung gar nicht einverstanden; denn er wollte ja das Kapitol retten und mutz sich nun sagen lassen, daß er Wortklauberei getrieben habe. Aber auch Bebel gab zu, datz seine Partei einmal Kolonialpolitik treiben müsse, wenn sie im Be­sitz der Macht sei; nur hüllte er sich in tiefes Schweigen darüber, wie sie es dann machen will. Hier haben also scheinbar die Radikalen um Ledebour gesiegt; da aber die Revisionisten sich schon vorher unterwarfen, ist der Sieg ein ganz unbedeutender.

In dec

Maifeier

vollends ist auf der ganzen Linie abgecüftet worden; es will uns scheinen, daß auf diesem Gebiete die Abrüstung ihre ersten greifbarett Erfolge aufweisen wird; es gab zwar noch Anhänger der Arbeitsruhe am 1. Mai; aber die Gegner derselben mehrten sich und konnten ihre Ideen in einer Weise entwickeln, die man noch vor fünf Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Wer heute am 1. Mai nicht mehr feiert, der kann es ruhig tun; das werden sich die Ge­werkschaften zu nutzen machen, denn sie sind es gewesen, die diese Frage aufgerollt haben. In den Reihen der denkenden Arbeiter muß aber jetzt die Frage auftauchen: warum mutzten dann wir jahrelang die Kosten der Maifeier tragen, wenn man jetzt diese so klanglos in die Ver­senkung verschwinden läßt?

Alle anderen Fragen erregten kein Interesse mehr; die Taktik bei den Stichwahlen im Voraus festzulegen, ist abgelehnt worden; das Nachrichtenbureau fand keinen Widerspruch mehr; alles ging glatt. Die gesamte Veran- ftaltuug stand unter dem Eindrücke der Nie­derlage der letzten Wahlen; aber las­sen wir uns nicht in eine falsche Sicherheit ein­wiegen; der Feind ist tätig und kann die Scharte leicht wett machen. Bauen wir vor, durch eifrige Organisation der Stände und durch Aufklärung des Volkes; nur dann sind wir sicher.

Kurier Getreide-Wochenbericht der preirberichtrstelle de, deutsche» kandwirtschastrrais vom lt—23. September 1907.

Die Witterung war zeitloeise recht kühl und herbstlich, aber doch meist trocken und daher für das Einbringen der letzten Erntereste von Som» merweizen, der noch nicht überall gemäht war, wie für die rückständige Feldbestellung in glei­chem Maße günstig. Letztere wird jetzt umso eifri­ger betrieben, als die Hackfruchternte bald alle verfügbaren Arbeitskräfte in Anspruch nehmen dürfte. Erfahrungsgemäß müssen die Dresch- arbeiten dann mehr in den Hintergrund treten. Die Erwägung, daß ans diesem Grunde auf regelmäßige Leistungen gerechnet werden kann, verschaffte den vereinzelt reichlicheren Zufuhren bereitwillige Aufnahme zu anziehenden Preisen. War die zeitweise Zunahme des Angebots auch nicht geeignet, den Eindruck der wesentlich erhöh- ten Äuslandsforderungen abzuschwächen, so be­

wirkte sie doch andererseits, daß sich an Stelle deS Mehrwerts für September inzwischen ein Auf­geld von ca. 2 M für Dezember herausgebildet hat. Auch bei Roggen hat der laufende Termin in der letzten Woche weniger als Dezember-Lie­ferung angezogen, sodaß sich der Mehrwert der ersteren gegen Dezember von 9 auf ca. 6 Mark reduziert hat. Für beide Artikel werden in West­deutschland und am Rhein, wo die Versorgung durch den Arbeiterausstand in den,Seeplätzen er­schwert wird, wesentlich höhere Preise als in Ber­lin bezahlt, zumal das Inlands-Angebot dort weder der Menge nach noch in qualitativer Be­ziehung den Anforderungen entsprach. Außer­dem zeigt sich das Ausland neuerdings als Käu­fer für deutschen Roggen und der damit zusam­menhängende Begehr an der Küste, sowie die feste Haltung Rußlands boten dem Markt an­dauernd einen kräftigen Rückhalt. , Hafer war im Lieferungshandel fest, da sich gleichzeitig mit einer Erhöhung der rnfs. Forderungen die Aus- suhrftage für England und Dänemark knndgab, während das Haferangebot Mitteldeutschlands im Süden und Westen des Reiches sowie in der Schweiz lohnende Verwendung fand. Für Fut- tergerfte lauten die russischen Forderungen we­sentlich höher; der Bedarf wendet sich daher wie­der mehr dem Mais zu, dessen Preise infolge ungünstiger Ernteaussichten im Südosten Euro paS gleichfalls kräftig angezogen haben.

@$ stellten sich die Preise für inländisches Getreide am letzten Marktage in Mark pro 1000 Kilogr. je nach Qualität, wobei das Mehr (44 bezrv. Weniger (— gegenüber der Vorwoche in Klammern 0 beigefügt ist wie folgt:

Weizen Roggen Hafer

Danzig 215 (— 1 ) 195 (+ 3 ) 172 (4- 2 )

Berlin 225 205 (4- 4 ) 186 (+ 1 1

tamtmrq 221 (4- 1 ) 202 (4- 4 )

üsseldors 230 (4- 5 ) 210 (-j- 5 ) 190

München 236 (4-2 ) 198 196 (4- 2 )

Weltmarktpreise: Weizen: Berlin Sept. 225.50 (4- 1.25), Dezember 227.25 (4- 3.50), Budapest Oktobet 191.55 (— 3.50), Paris September 193.90 (4- 2.35), Liver­pool Dez. 180.20 (+■ 2.50), Chicago Sept. 150.65 (4- 5.25), Dezbr. 157.6 » 5.65), Roggen: Berlin

Sept. 208.25 (4- 2.25), Dezbr. 202.50 (4- 5.75), Hafer Berlin September 174.00 (4- 0.50), Dezember 173.75 (4 2.25) Mark per 1000 Kilogramm.

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Lebenswege.

Roman von Klara Wilhelmi.

11] (Nachdruck verboten.)

„Dieses befürchte ich nicht, denn Paul stehen Reiche kaufmännische Kenntnisse zur Seite."

„Das mag sein, jedoch Kenntnisse allein nüt- zen nicht, der Kaufmann mutz auch Glück haben, und das Glück ist sehr wandelbar. Wenn dann Not und Sorgen über Dich hei einbrechen? Du bist diesen nicht gewachsen, kennst keine Ent­behrung, weißt nicht, was es heißt, für das täg­liche Brot arbeiten."

, »Ich glaube nicht, daß es so schlimm kommt; tote Du es schilderst."

„Es ist aber bester und vernünftiger, wenn man sich einen Gatten wählt, bei dem solches nicht zu befürchten ist, und besonders, da Dir die Wahl nicht fehlt."

„Du machst Anspielung auf Franke und Hell­mut; es mag vielleicht vernünftiger fein, wenn ich zwischen diesen wähle, allein ich frage nicht die Vernunft, fondern mein Herz, und dieses spricht für Paul Werner."

„Man soll das Herz und die Vernunft zu Mate ziehen. Ich dachte übrigens eben nicht an y,e genannten Herren, sondern Du bist noch so lung und Du kannst warten, bis das Herz und ^Arnunft zusammen sprechen. Ich glaube Mcht, daß eine Verbindung zwischen Dir und Werner zu Semem Glücke führt, und da ich nur in,tg und allem Dein Glück im Auge habe, so niemals meine Einwilligung zu üefer Serbtnbuug geben. Eben deshalb muß ehe Begegnung mit ihm von Deiner Seite aus ' kengstenS vermieden werden. Geh' also auf Dein Zimmer und ordne Deine Sachen, damit Du in einigen Tagen zur Schwester reifen kannst, welche Deinen Besuch schon lange gewünscht hat." s Käthchen hatte für diese im strengen Tone Sten Worte keine Erwiderung, und sie t gesenktem Haupte der Ture zu, um hle der Tltzvester nachzukommen.

Als einige Stunden später Paul Werner das Hotel zur Sonne betrat, rief Helene ihn zu sich in das Wohnzimmer.

„Ich hatte diesen Mittag eine Unterredung mit meiner Schwester, welche sich auf Sie bezog", begann Frau Schmidt, ihn voll ansehend. „Ich weiß, was zwischen Ihnen vorgefallen, und kann nicht unterlassen, Ihnen zu sagen, daß ich höchst unzuftieden darüber bin, besonders aber darüber, daß Sie meine Schwester verleiteten, mir gegen­über unaufrichtig zu fein."

Paul schlug die Augen nieder; er fühlte, der Vorwurf war begründet.

„Ich gebe zu, es war Unrecht, so lange zu schtveigen, allein in meiner jetzigen Stellung konnte ich unmöglich offen um Käthchen wer­ben", erwiderte er.

„Nun, ich denke, toenn Ihre Stellung Ihnen das nicht gestattet, so verbietet sie Ihnen auch die Erklärung."

„Es war auch nicht meine Absicht, Frau Schmidt, gewiß nicht, allein in der Erregung des Augenblicks entschlüpfte mir das Geständnis mei­ner Liebe. Erst als ich von Käthchen die beglü­ckende Gewißheit der Gegenliebe erhalten, mußte ich mir beschämt eingestehen, daß mich noch nichts berechtige, mit meiner Bitte vor Sie zu treten."

»Es ist gut, daß Sie das selbst einsehen, Herr Werner", bemerkte Helene, „und Sie begreifen auch wohl, daß Sie an die Versprechungen, welche meine Schwester Ihnen gemacht, weiter nicht denken dürfen."

„Und weshalb soll ich nicht weiter daran den­ken? Käthchen hat mir gesagt, datz sie mich in alle Ewigkeit liebe, und daran halte ich mich."

„Sie sagten ja eben selbst, datz Sie nichts gel­tend machen können, was Sie dazu berechtigt", entgegnete Helene.

„Für den Augenblick noch nicht, jedoch werde ich keine Mühe und Arbeit scheuen, um die Hin­dernisse hinwegzuräumen, welche dem Ziele mei­ner sehnlichsten Wünsche entgegenstehen", sagte Paul entschlossen.

„Darüber würde noch eine lange Zeit ver­

gehen, und damit vielleicht auch noch nicht alle Schwierigkeiten gehoben sein. Herr Werner, Sie sind als Fremder in unser Haus gekommen. Wir kennen weder Ihre Vergangenheit, noch Ihre Familie und Ihre Verhältnisse. Sie können doch unmöglich erwarten, daß wir Sie als Familien­glied aufnehmen."

„Allerdings nicht, verehrte Frau Schmidt, allein darüber kann ich Sie zufrieden stellen. Meine Eltern habe ich früh verloren, habe sie kaum gekannt. Meines Vaters Bruder, ein ver­mögender und angesehener Kaufmann in N., hat mich in fein Haus genommen und mit seinen Kindern erzogen. Späterhin trat ich in meines Onkels Geschäft. Zwar besitze ich kein bedeuten­des Vermögen, jedoch hoffe ich solches durch an­gestrengten Alleitz 8« erwerben und dann ein Ge­schäft zu gründen."

„Ihre Pläne sind schon gut, allein es vergeht noch zu viel Zeit, bis diese verwirklicht werden und ich mutz Sie ersuchen, bis dahin jeden Ge­danken an eine Verbindung mit meiner Schwe­ster aufzugeben, und durchaus keine Annähe­rung an dieselbe zu versuchen. Ich hoffe. Sie werden als Mann von Ehre meinen Willen re­spektieren. Weiter habe ich nichts mehr hinzu- zufügen."

Tief beleidigt und erregt verließ Paul das Haus, jedoch mit dem festen Vorsatz, feine Braut nicht aufzugeben.

Helene warf sich in einen Sessel, sie wieder­holte sich noch einmal die ganze stattgefundene Unterredung und mußte sich gestehen, Werner hatte ihr mit seiner Ruhe und Freimütigkeit doch imponiert. Aber trotz alledem konnte sie sich ihn nicht als Käthchens Gatten denken. Sie hatte nun einmal kein Zutrauen zu ihm, und be­dauerte sehr, in dieser Hinsicht den Wünschen und der Wahl ihrer Schwester entgegen treten zu wüsten. Sie hielt es für ihre Pflicht, alles auf- zubieten, um das Verhältnis deS jungen Mäd- chens zu Paul zu lösen, mochte es ihr noch so schwer werden. Sie mußte derselben jetzt einen vielleicht herben Schmerz bereiten, konnte ihr

aber dafür den viel größeren einer unglücklichen Ehe ersparen.

Einige Tage darauf reifte Käthchen ab nach ihrer Schwester. Am Abend vorher hatte sie sich bei Jungfer Christine von Paul verabschiedet und die Beiden sich aufs neue gegenseitig ewige Liebe und Treue gelobt. Die brave Alte konnte nicht umhin, ihrem Liebling zu gestehen, wie wenig der Charakter Werners ihren Ansichten entspreche, und wie wenig Garantie derselbe für eine glückliche, zufriedene Ehe biete. Käthchen jedoch ließ sich durch diese Bemerkungen ihrer alten treuen Wärterin in ihrem einmal gefaßten Entschluß nicht wankend machen.

„Ich liebe ihn, so wie er ist", sagte sie, „und ich bleibe ihm treu, wenn Ahr alle auch diesem entgegen seid. Ich habe mir mein Ziel gesteckt nnd werde es auch erreichen."

Paul verkehrte nach der Abreise seiner Braut nach wie vor im Hotel zur Sonne. Fran Schmidt trat ihm stets kühl und höflich wie jedem andern Fremden gegenüber, und so viel er sich auch be­mühte, in nähere Beziehungen zu ihr zu treten, so war ihm dies doch nicht möglich. Er vermißte Käthchen sehr, und wohl kreuzten die Briefe zwi- scheu den Liebenden hin und her, doch was bedeu­tet ein Verkehr, wenn das Äuge nicht in's Auge schaut.

Monate auf Monate schwanden dahin, und noch immer war Käthchen abwesend, noch immer war keine Veränderung in Helenes Benehmen Paul gegenüber eingetreten. Eine längere Tren­nung schien dem jungen Paare, und besonders dem ungeduldigen Paul unerträglich. Käthchen mutzte wieder zurückkehren, aber nur als seine öffentlich anerkannte Braut. Sollte er es noch­mals ansehen müssen, wie die von ihm so heiß Geliebte von anderen umringt und bewundert, und er, der allein Recht an sie hatte, tote ein Fremder behandelt wurde? Er fühlte, dies würde feine Kraft übersteigen, aber eben so gut sah er auch ein, Helene würde sich nach wie vor seiner Verbindung mit Käthchen widersetzen.

Goptfetzung folgt.)