Zeitlin
Moaer
Rstationrdru.1 u. Verlag der 5»ldaer 2tcn tirndr ickerei in $ulba.
Fernsprecher Rr. 9.
Anzeig en. Die dn< spaltigrpciit-eile oder deren Raum iS Pfg. Aeklamen Mt Petilzrf!« 25 pfg.r bei wieder« Holtmar« wird «nispr. Rabatt gewährt.
Verantwortlicher !ckrifti«it«r: A-WeKle» für di« Anzeigen: ,3. parzeller in Znlda.
«schtM täglich «Ä Ausnahme der Sonn» chtöi eterteze. Viertel- Mr). Sezuospreir Lhnr Srinaerl'hn nnd Seüeil-eldin Zulda und answSrtr l Hit 50 Pf«.
34. Jahraanfl.
Fulda, Mittwoch den 25. Sevtember 1907.
M 220.
Krstes Wtatt.
Frankreich unb Marokko.
(Zur Lage — Kosten der Campagne.) Q Paris, 22. Sept. 1907.
(Nachdruck verboten.)
Nach der Zerstörung des marokkanischen Lagers von Taddert durch den General Drude schwelgten einige französische Blätter in einer Art Siegestaumel. Es wäre nun freilich verfehlt, wollte man das den Franzosen übel nehmen und sie der Naivität bezichtigen, weil sie sich über den geschickt ausgeführten Handstreich einmal gründlich freuen. Hat man ihnen nicht seit Monaten klar zu legen versucht, daß ihre Ge- schosse und Truppen nichts mehr taugen? Die Verteidigung von Casablanca und die Einnahme von Taddert lieferten ein Dementi dieser Behauptungen. Die Haltung des Militärs war zweifellos eine tapfere, die auch vom Unpartei- ischen anerkannt werden muß, und der Brief der „Libre Parole", worin ein Soldat über die technische Mangelhaftigkeit der Munition klagt, ist mit äußerster Vorsicht aufzunehmen. Die Nervosität der französischen Presse, die bald die Form der pessimistischen Kritik, bald die der übertriebenen Siegesfreude anninunt, regt den Kenner der hiesigen Verhältnisse nicht sonderlich auf. Sie bedeutet einfach Zeitungsreklame. Marokko bietet gewissen Sensationsorganen an . der Seine einen vorzüglichen Spalten- und Titelstoff für die Ferien, der auch reichlich ausgeweidet wird, daraus aber eine Stimmung der öffentlichen Meinung hier ableiten zu wollen (wie es selbst einige Korrespondenten deutscher Blätter versucht haben) könnte lächeln machen. Die breite Masse kümmert sich um Marokko genau mit demselben Interesse, dem sie einem Artikelchen in der Aller- leicubrik spendet. Der Steuerzahler freilich schaut mit einigem Ernst nach dem Kostenpunkte aus. In den militärischen Kreisen und selbst in den kolonialpolitischen mißt man dem Erfolge in Taddert lange nicht die Bedeutung bei, wie einige Gewährsmänner verschiedener Auslandsorgane etwas voreilig verkündet haben. Wir unsererseits stützen uns dabei auf neuliche Unterredungen, die wir mit leitenden Persönlich- leiten über diesen Gegenstand führen konnten, und wir halten darauf, auf dem Boden der Sachlichkeit zu bleiben. Frankreich mag das Land des Enthusiasmus sein (nicht mehr in dem Matze wie noch vor einigen Jahrzehnten), aber es ist auch das Land der Mathematik. Selbst einige Blätter (z. B. der Temps) rieten zu einem nüchternen Urteil, als der Draht die Zerstörung des marokkanischen Lagers meldete» Nur die Nationalistenorgane schwelgten in Siegesperioden, und die offiziösen Agenturen gestatteten sich Ueber- treibungen, die der politische Hintergedanke eingab. Herr Clemenceau ist selbstverständlich bestrebt, sein Kabinett mit allen Mitteln der List zu festigen, dem beim Zusammentritt der Kammer Stürme drohen.
Die Lage in Marokko ist zur Stunde keines- Wegs geklärt. Man tut gut, sich im Labyrint der täglich einlaufenden Depeschen nicht zu verirren. Als Tatsache darf gelten, datz die Casablanca zunächst liegenden Stämme die Ueber- legenheit ihres Gegners anerkennen, bedeutende Verluste an Menschenleben und Geldmitteln erlitten haben und daher zum Frieden geneigt sind. Im Innern des Landes haben aber zweifellos gegenteilige Ansichten die Oberhand. Um dort das Gefühl'der Unterwerfung aufzuwängen, müßte General Drude einen erfolgreichen Vorstoß bis nach Dar-ber°Reschid (36 Kilometer von
der Küste) unternehmen, dem Schlüssel aller Verkehrswege der Gegend. Dazu wäre eine Verdreifachung des Defensivtrup- penkörpers (also ca. 15000 Mann) und eine bedeutende Verstärkung der Feldartillerie und Kavallerie absolut nötig. Militärisch ge- sprachen brächte ein solches Vordringen Vorteile, diplomatisch jedoch nur Nachteile. Die Re- giernng ist sich dessen, wie mir ein Beamter vom auswärtigen Ministerium versichert, bewußt. Das Ziel des Eingreifens Frankreichs beschränkt sich Sicherstellung von Casablanca und der nächsten Umgebung. Es müßten Er- eignisse von schwerwiegender Tragweite eintreten, um eine Veränderung des angestrebten Programms zu bewirken. Selbst in Casablanca denkt man bereits an die Einstellung europäischer Polizei unter spanischem Befehl gemäß der Beschlüsse von Algeciras. Beschränkt man sich darauf, die Hafenstädte zu besetzen, so wäre mit einer Ziffer von 1500—2000 Manu für jeden größeren Platz zu rechnen. Mit hochgradiger Spannung wird der Begegnung des Sultans von Fes mit feinem gegnerischen Halbbruder in Rabat entgegen gesehen. Die Angaben bezüglich der Haltung der Bevölkerung widersprechen sich vielfach. Sollte jedoch Abd el Aziz trotz feiner verhältnismäßig geringen Begleitung (ca. 5000 Mann) als Sieger aus dem Zwist hervorgehen, so ist damit der drohende Zivilkrieg noch nicht beschworen. Ob sich Marokko dann aus dem Zustand der Anarchie befreit, bleibt mehr als fraglich. Abd el Aziz hat den Beweis seiner Schwäche mehr als einmal schon erbracht.
Die Softenfrage der Campagne in Marokko beschäftigt das französische Volk am meisten. Die eigentümlichen Umstünde haben sie freilich in den Hintergrund' gerückt, und die Regierung hat keine besondere Eile, sie aufzurollen. Es genügt ihr vorläufig, auf dem Lorbeerkissen des äußeren Erfolges auszuruhen. Im allgemeinen stellt ja das Kabinett bei ähnlicher Veranlassung eine unbestimmte Kreditfrage an die Kammer, die dann weiter nichts bedeutet als eine Zustimmung zur angestrebten Politik. Während der Parlamenfsserien sind also diesmal dem Ministerium die Entscheidungen allein zugefallen, und die Volksvertreter sind so gezwungen, beim Zu- sammentritt der Kammern automatisch ja zu nicken, wenn es gilt, den Geldbeutel zu öffnen. Es ist rein unmöglich, zur Stunde schon eine durchschlagende Aufstellung der Ausgaben zu machen. Man muß sich mit Schätzungen begnügen. Vor einem Monat schon kam die Marine auf ca. 180 000 Franks pro Tag zu stehen. Jetzt wird diese Ziffer viel zu schwach sein. Den Admiral Philibert bekam unterdessen zwei moderne Kreuzer (Dessair, Jules Ferry) und ein Kontre- torpedoboot zugeteilt. In den letzten Wochen ist der Kohlenverbrauch sodann bedeutend gestiegen. Die Schüsse, welche die Kreuzer Galilee, Du Chayla und la Gloire abgegeben haben, berechnen sich nach Tausenden. Dabei kommen die Reparationen in Betracht. Kurz: die französische Flotte wird ihre Ausgaben bis jetzt auf ca. 12 Millionen berechnen. Für das Landheer lauten die Schätzungen (auch die kompetentesten) noch unbestimmter. Die offiziell festgestellte Ziffer der Krieger beträgt 5 100. Die Truppen -erhalten die höchste Bezahlung. Mit den Munitionen ist man nicht sehr sparsam umgegangen. Das ist unter den gegebenen Umständen auch leicht faßlich. Die Intendanz war fditoierig und kostfpielig. Die Kosten des Heeres werden bis jetzt denen der Marine gleichkommen. Der Operationsbilanz ist diejenige der Ent- s ch ä d i g un g hinzuzufügen (ca. 18 Millionen Franken für Casablanca).
Natürlich muß Marokko die Kosten tragen. Es ist bekannt, daß die finanzielle Organisation
auf einem sehr elementaren Standpunkt steht. Kein Budget. Ist kein Geld da, greift man zur Anleihe in der Erwartung besserer Tage. Zwei Geldquellen bestehen: Steuern und Zölle. Die erstere ist feit fünf Jahren beinahe illusorisch geworden. Die Zölle betragen ungefähr 10 Millionen pro Jahr, wovon 60 Proz. bereits in Beschlag genommen sind. Die Lage ist demnach nicht glänzend. Es wird zu einer Anleihe geschritten werden müssen. Kredit aber fetzt Garantien voraus. Marokko ist reich, jedoch es fehlt die geeignete Methode der Ausbeutung. Nur auf dem Wege der Reformen wird sie Erfolge haben.
Deutsches Reich.
Berlin, 24. September 1907.
Eine Rede des Kaisers in Memel. Wie erst jetzt bekannt wird, hat der Kaiser am Montag mittag bei der Enthüllung des Nationaldenkmals in Memel eine wieder stark religiös gefärbte Ansprache gehalten. Wir geben auS ihr die wichtigsten Stellen wieder. Der Kaiser sagte u. a.:
„Das Jahr 1807 lehrt uns, daß die Bewegung de8 Volkes ihren Grund und ihre Quelle fand, als daS Volk sich auf sich selbst besann. Als die schweren Schicksalsschläge eS trafen, hat es nicht, wie sonst wohl in der Geschichte der Völker geschehen, sich emporgebäumt in Undankbarkeit gegen das Herrscherhaus, sondern hat sich, dem Beispiel des hohen Königspaares folgend, unterworfen und hat in seiner Ergebung anerkannt, daß die st rasende Hand Gottes ihm eine Prüfung auferlegt habe. Diese Erkenntnis hat das Volk zur Einkehr geführt, und die Einkehr hat zur Folge gehabt, daß es sich auf das Wort Gottes besann, mit einem Worte, daß es zur Religion zurückkehrte. Unsere Vorväter habenGottes Wort gelauscht, sie haben ihm gehorcht und Haden ihm vertraut, und er hat sie dafür nicht im Stich gelassen. Das ist iniurzem die Lehre, die wir aus dem Jahre 1807 zu ziehen haben: das gemeinsame feste Gottvertrauen des Königshauses und seines Volkes. Das Erkennen des göttlichen Willens einst in der schwersten Zeit hat uns wieder ewporgesührt . . ."
Auf die Höhe hinweisend, a if der das deutsche Volk jetzt steht, fuhr der Kaiser bann fort:
„Je mehr wir in der Lage sind, eine hervorragende Stelle auf allen Gebieten in der Welt zu erringen, umsomehr soll unser Volk in allen seinen Ständen und Gewerben sich daran erinnern, daß auch hierin das Walten der göttlichen Vorsehung zu erkennenist. Wenn unser Herrgott unserem Volke nicht noch große Aufgaben gestellt hätte, dann würde er ihm auch nicht si) herrliche Fähigkeiten verliehen haben. Wir wollen also int Hinblick auf diese Entwickelung unseres Volkes zum Himmel empor- blicken, dankbar für die Gnade, die er uns erweist, indem er uns für gut hält, seine fürsorgeuden Zeichen uns zuteil werden zu lassen. Wir wollen aus alledem lernen, daß auch beute, in einer hohen Blütezeit, wir an den alten Quellen festzuhalten haben. Auch heute gilt eS wie vor hundert Jahren: erst den Blick nach oben emporzurichten in dem Verstehen, daß alles, was uns blüht und was uns gelingt, durch Fügung von oben erwirkt ist. Und so wollen wir im Erkennen der göttlichen Fügung entschlossen wirken, solange es Tag ist."
* Ministerial-Direktor Atthoff, der vom Liberalismus so hartnäckig bekämpfte Direktor im Kultusministerium, wird nach dem ,Berl. Tagebl.' am 1. Oktober enbgiltig von 1 einem Amte zurücktreten. Damit ist den Linksliberalen ein großer Gefallen getan. Das genannte Blatt schreibt dazu:
„Wir haben nie ein Hehl daraus gemacht, baß wir mit bem System bieses ebenso ein
flußreichen wie geistesmächtigen Geheimrates nicht einverstanben sein konnten. Ein starker Herrscherwille verhinberte ihn, bet akademischen Freiheit unb Selbstbestimmung die zur Ent- faltung unseres Hochschulwesens nötige Rücksicht zuteil werden zu lasten. Der neue Kultusminister wirb viel zu bessern haben, wo der unter Stubt allmächtige Althoff nur zu oft rücksichtslos eingegriffen hatte. Aber bas hindert nicht unsere Anerkennung für die Tat- unb Arbeitskraft bieses außei ordentlichen Mannes, ber den Schein der Macht verschmähte, um bem Geistesleben bes preußischen Volkes seinen Willen aufzuzwingen."
Man sieht, bas Blatt ist zahmer geworben, nachdem es sich am Ziele sieht. Man vergleiche damit die groben Ausfälle unb die Verum glintpfungen, mit benen es noch vor einigen Wochen den ihm verhaßten Ministerialdirektor überschüttete.
* Vom freisinnigen Bruderzwist. Die Pole- mik, welche anläßlich des Parteitages der Frei- sinnigen Volkspartei zwischen der „Freis. Zet- tnn g", dem Organ des Abg. Dr. Mulle r- Sagau, und dem ebenfalls freisinnigen „Berl.. T a g e b I." ausgebrocheu ist, geht munter werter. Die „Freis. Ztg." macht die Biilow'sche Polrtrk durch dick und dünn mit, während das Moste- blatt die „Mauser un g" des Freisiuirs zur Re- grerungSpartei nur mit Mißtrauen verfolgt. Darob und aus oben erwähntem Umstand kommt es zwischen beiden Blättern zu Reibereien, die ergötzlich zu lesen sind. So schreibt die „Freis. Ztg " in Nr. 226 auf eine Anrempelung seitens des Tageblattes: Das „Bert. Tagebl." behauptet das „Arrangement" des Parteitages sei derartig getroffen, „daß es über die (Stimmung un Lande nicht die erwünschte Klarheit geichaffeu habe", und spricht die „Furcht" aus, daß mau sich auch jetzt über die Sympathien, deren sich die Haltung einiger Führer im Laude erfreut, einer verhängnisvollen Täuschung hm- gebe." Es kann immer nur heiter stimmen, wenn man sieht, wie das Berl. Tagebl." sich bett Anschein gibt, als ob es die (Stimmung der freisinnigen Wähler im Lande bester kenne, als die „leitenden Persönlichkeiten". In Wahrheit ist keine Redaktion über die (Stimmung der Wähler im Laude mangelhafter orientiert als das ..Berliner Tageblatt", ebenso wie ja auch keme Redaktion einflußloser auf die politische Haltung seiner Leser ist." „Vollends tut Fahrwasser des „V 0 r w ä r t s" befindet sich baä „Berliner Tageblatt", wenn es ihm uachspricht: ''In der äußerlich so imposanten Versammln ug im Zirkus Busch sprachen nur die Parteiführer, die Masse hatte zu hören und zu ap p I aii d i e r eu." Wenn dem „Berl. Tagebl." auch jetzt noch nicht klar geworden ist, daß die freisinnige Zirkusversammlnug nicht etne S-ifeunn eiuc§ tocit, bnnn, i’J ivtn
nicht zu helfen." Recht liebenswürdig:/ibrigeuS haben beide nicht urlrecht, sie kennen sich ja.
* Zur preußischen Wahlrechtsreform, ^ie .Deutsche Tageszeitung' singt der preußischen Wahlrechtsresor mwenigsteNks ür die kommende Tagung wie solgt das Grablied: „Die Herren Stürmer und Dränger mögen und müssen sich damit absinden, daß die Wahlrechtsänderung den Landtag in seiner nächsten Tagung nicht beschäftigen wird. Das ist schon aus rein äußerlichen Gründen unmöglich, da der Landtag so mit Arbeit überlastet sein wird, daß et einen etwaigen Entwurf nicht würde erledigen tönuen. Der letzte Tagungsabschnitt der zu Ende gehenden Legislaturperiode würde überdies der ungeeig-
Lebenswege.
Roman von Klara Wilhelms.
12] (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung aus dem zweiten Blatt.)
„Unseren Wünschen wird Deine Schwester Hindernisse entgegeitstellen, der vollendeten Tatsache gegenüber wird sie sich beugen", schrieb er dem jungen Mädchen. „Im Grunde genommen hat Deine Schwester kein Recht, so zu handeln, deshalb vertreten wir unsere Rechte selbst und proklamieren unsere Verlobung."
Nach kurzer Zeit erhielt Helene einen Brief von Käthchen, worin diese ihr in kurzen, entschiedenen Worten für den morgigen Tag ihre Rückkehr anzeigte. Am folgenden Mittag begab sie sich zum Bahnhof, um die Schwester abzuholen. Es war ihr unaiigenehm, Werner dort zu sehen, obwohl sie mit Bestimmtheit annahm, das Verhältnis zwischen beiden sei gelöst. Als endlich der Zug herangebraust und Helene die aussteigende Schwester bewillkommnet hatte, näherte sich Paul den Damen und umarmte Käthchen vor oen verwundert dreinschauenden Augen der Schwester. Darauf bot er ihr feinen Arm, wel- chen sie auch nahm, und so von Paul geführt, saintt sie an Helenens Seite der Wohnung zu. Frau Schmidt war wie aus den Wolken gefallen, sie kam von einer Ueberraschung in die andere.
bueb ihr nichts übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
„ --Wenn es fo mit Euch steht", sagte sie, indem sie ihrer Verwunderung noch immer nicht Herr tverden konnte, „fo müssen wir ja wohl die Verlobung veröffentlichen. Ich wünsche nur von Herzen, Ihr beide möget diesen Schritt niemals bereuen. Der liebe Gott gebe, daß meine Ahnung nicht erfüllt werde; sollte dies aber doch der Fall sein, und Ihr nicht so glücklich werden, wie
Ihr jetzt erwartet, so dürft Ihr mir keine Vorwürfe machen. Ihr habt es selbst so gewollt."
Nach einigen Tagen flogen in die Häuser der Honoratioren des Städtchens seine, zierliche Briefchen, welche die Verlobungsanzeige Käth- chens und Pauls enthielten. Diese erregten großes Aufsehen und es wurde recht viel darüber gesprochen. Viele meinten, Käthchen Bruns hätte wohl eine andere Parthie machen können, und sie hätten niemals erwartet, daß die An- spriiche der jungen Dame nicht höher gingen. Andere wieder priesen das riesige Glück, welches Paul Werner zuteil wurde und beneideteil ihn darum. Auch Helene stimmte innerlich der ersteren Ansicht bei, wenn sie aber in das vom Glück verklärte Angesicht der Schwester sah, so war sie zufrieden und bat den lieben Gott, er möge alles zum Guten lenken.
Paul hatte mit Hilfe seines Onkels in der Person des Sohnes eines langjährigen Bekannten desselben in der Residenz einen Associe gefunden, und nach nicht gar langer Zeit siedelte er dorthin über. Dieses Mal fiel dem Brautpaare die Trennung nicht fo schwer, führte dieselbe sie doch ihrem erstrebten Ziele näher. Die Hochzeit war für nächstes Frühjahr festgesetzt; da man sich jetzt wieder dem Winter näherte, so blieb Käthchen Zeit und Muße genug, um die Vorbereitungen zur Gründung des eigenen Hausstandes zu treffen. Die junge Braut war aber in Hinsicht der Anschaffungen nicht leicht zufrieden zu stellen; sie konnte es nicht fchön und elegant genug bekommen, sondern befürchtete stets, sie würde in der Residenz als unbemittelt betrachtet werden. Helenens Rat, bescheidene Möbel, nicht so feine Leinwand und einfachere Toilette anzuschaffen, wurde nicht beachtet; sie wollte um keinen Preis in der Residenz als Kleinstädterin angesehen werden. Endlich kam der ersehnte wichtige Tag näher; die Eisenbahn brachte schon einzelne Gäste, welche Käthchens Ehrentag mit verherrlichen Helsen sollten. Unter
diesen befand sich auch Pauls Vetter, Kurt Wer- ner, ein junger Student der Jurisprudenz. Dieser sollte, so war es beschlossen, mit der nunmehr herangewachsenen fast 15jährigen Martha das Brautpaar zum Altäre geleiten.
Kurt war ein schöner, schlanker Jüngling mit feurig blickenden schwarzen Augen; sein glän- zeud fiefschwarzes Haar war leicht gekräuselt und sein frisches volles Antlitz zeigte angenehme Züge.
Käthchen, obwohl durch die Nähe des feier- Ucheu Tages ernster gestimmt, konnte doch nicht unterlassen, Martha zu necken.
„Sieh da, Dein Ideal, Martha", scherzte sie.
„Wie sagtest Du vor einigen Jahren? Derjenige, welcher Dir gefallen konnte, müßte schwarzes Haar, schwarze Augen und einen solchen Bart haben. Stimmt dies nicht mit Kurts Äeußerem überein?"
„Nein, Tantchen", entgegnete sie ebenso, „der Bart fehlt."
„Nun, der ist im Entstehen; was nicht ist, kann noch werden", lachte Käthchen.
„So lange dieser aber fehlt, gleicht Kurt nicht meinem Ideale."
„Und doch glaube ich bemerkt zu haben, daß Du Gefallen an ihm findest; Du unterhältst Dich fleißig mit ihm."
„Warum auch nicht?" erwiderte Martha. „Er plaudert und erzählt fo schön, daß es eine wahre Lust ist, ihm zuzuhören."
Käthchen hatte darin Recht, man sah die beiden häufig zusammen scherzen und plaudern, und dann besprachen sie wieder ganz ernsthaft das wichtige Amt, womit man sie betraut hatte. T-er Hochzeitstag war angebrochen. Es war em schöner Frühlingsmorgen, lieblicher Blumenduft durchzog die frische Morgenluft; helle Tautropfen blitzten auf Gräsern und Blättern. Jung- fer Christine öffnete das Fenster und schaute mit ihrer, von reichen Falten umgebenen Haube hin- aus, wie die Sonne langsam im Osten emporstieg.
„Ein schöner Hochzeitstag", flüsterte sie „möge er ihr Glück bringen und ihre Zukunft eben so scheu, leicht und heiter sein."
Sie kniete nieder vor dem Kruzifir, welches über der Kommode neben ihrem Bette hing, beugte das Haupt und flehte Gottes Segen herab auf die heute stattfindende Trauung, auf das Mädchen, welches sie als ihren Liebling gepflegt von früher Jugend auf und besonders seit dem frühen Tode ihrer Mutter. Nachdem sie ttjr Gebet verrichtet hatte, erhob sie sich.
' „Ich habe heute nicht viel Zeit zu verlieren", sagte sie, „ich will es sein, die Käthchen an die- fern Morgen weckt, und will ihr noch einmal, tote früher so oft, beim Ankleiden behilflich fein."
Als sie ihre Toilette zum Ausgehen vervoll- ständigt hatte, öffnete sie den Koffer. An der einen Seite desselben befand sich ein geheimes Fach, welches zum Vorschein kam,, nachdem si« ein Brett in die Höhe geschoben. Dtese.Oeffnung enthielt nur einen kleinen, vorsichtig tn Paptel gewickelten Gegenstand. Behutsam nahm sie den- selben heraus, schob das Brett tn feine bonge Lage und schloß den Koffer. Nun entfaltete sie das Papier und ein Paar allerliebste kleine feine Kinderschuhe kamen zum Vorschein. Sre betrachtete dieselben von allen Seiten, während Tränen ihre Augen füllten. Sorgsam legte sie das Papier wieder um diese zusammen, barg den Schatz in einem Körbchen und verließ trippelnd die Wohnung.
Am Hotel zur Sonne angelangt, fand sie dieses schön mit Blumen und Laubgewinden geschmückt, und die Mägde liefen geschäftig umher. Sie eilte auf Käthchens Zimmer; um fernen Preis hätte sie sich das Vergnügen, sie heute zu wecken, versagt. Im Hinaussteigen gedachte sie der Zeit, wo sie jeden Morgen in Käthchens Schlafgemach gegangen, die rosigen Wangen deS Kindes geküßt und sie aus süßem Schlummer geweckt. „ . ,.
. (Fortsetzung folgt.)