34. JcryriMsi.
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Zeitung
monotsbenage: „Ma« GrschichtMStt«"
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z.^eller in Mda. wschLNbMge: „Illustrierte Sonntagrzeitung'
□ Der PtoitS Konm gegen Schmidt. £ Einige Tage vor der Reichstagsauflösung hatte der ZentmmSabgeordnete Roeren den vormaligen Bezirksleiter in Toga und Bezirks» cmtmann a. D. Schmidt im ReichStaa scharf anaeariffen. Er brachte nämlich Beschwerden der katholischen Missionen über Schmwts Amtsführung in Togo und Kamerun vor und tadelte scharf daS Verhalten Schmidts. Er habe Neger blutig schlagen lassen, seine schwarze Konkubine zur Königin gemacht, kleine christliche Neger- Mädchen mißbraucht und ähnliches.
( Nach der Auflösung des Reichstages schrieb Schmidt eine Broschüre, deren Inhalt Herrn Roeren schwer beleidigen mußte. Demselben wurde vorgeworfen, daß er seine Beschuldigungen selbst nicht geglaubt und sich nicht getraut habe, sie außerhalb des Reichstages zu wiederholen. Roeren hätte versucht, in Gerichtsverhandlungen einzugreifen und das Verfahren aufzuhallen.
Aba. Roeren klagte wegen Beleidigung. Der Prozeß hat sich in den Tagen vom vergangenen Dienstag bis Samstag in Köln abgespielt, dar Urteil wird am 28. September gesprochen. Herr Roeren kann mit dem Verlauf des Prozesses ganz zufrieden sein. Das tritt ja auch schon äußerlich dadurch in die Erscheinung, daß die Gegenseite in zwei Punkten die Widerklage hat fallen lassen. Der Leidtragende bei dem Prozeß wie beim PeierSprozeß ist in erster Reihe die Kolonialverwaltung. Man glaubt in eine andere Welt zu sehen, wenn man liest, in welcher Meise deutsche Kultur und Sitte im schwarzen Mrdteil verbreitet wird. Wer seinerzeit den Verhandlungen im Reichstage als Augen- und Ohrenzeuge beiwohnte, als Herr Roeren seine .Anklagen vorbrachte, der mußte, auch als Politischer Gegner des Redners, den Eindruck gewinnen, daß da ein Mann in sittlichem Ernste und aufrichtiger Ueberzeugung sprach, von dem Bestreben geleitet, die schweren Auswüchse zu beseitigen. Diesen Eindruck hat der gegenwärtige Prozeß nur vertieft. Bewiesen fst, daß Schmidt die Neger peitschen ließ, sodaß bei einer Anzahl die Haut weghing und das rohe Fleisch herauSschaute. Bewiesen ist ferner, daß Schmidt eine Negerin aufstellte als Schiedsrichterin in Streitigkeiten, nur für die Negerweiber, wie er sagte.
Bewiesen ist auch, daß Schmidt in geschlechtlicher Beziehung sich die größten Freiheiten gegen- über den Negerinnen hat zu Schulden kommen lassen. Der Vorwurf, als ob die M i s s t o n ä r e die Schwarzen aufgefordert hätten, den Gesetzen nicht zu gehorchen, ist unbegründet, wett, wie Pater Müller sagte, es ihre Pflicht gewesen sei, warnen, daß die Negermädchen den Ein- ladungen Schmidts zu nächtlichen Tänzen Folge leisteten.
Der Schluß der Beweisaufnahme hat noch ein Ergebnis gezeitigt, was von politischer Bedeutung ist. Nämlich durch keinen Geringeren als den früheren Kolonial- direkter Dr. v. Stübel ist vor Gericht fest- aestellt, daß die tausendmal wiederholte Be- Häuptling, Roeren habe durch seinen parlamentarischen Einfluß eine „ Neben» regierung “ in der Behandlung kolonialer Angelegenheiten errichtet, eine Erfindung, und
man darf binzufügen, eine böswillig« Er- indung ist.
Kolonialdirektor a. D. Dr. Stübel bekundet nämlich als Zeuge: Was da- Disziplinär- verfahren gegen Wistuba anbelangt, so ist daS« elbe, als ich im November 1905 zurücktrat, vohl in Aussicht genommen, aber nicht einge leitet worden. Sine Einwirkung auf ein nicht eingeleitetes Verfahren kann nicht statt- inden. Ich erinnere mich auch nicht, daß zegen Wistuba ein Straf- oder Zivilprozeß anhängig gewesen wäre, auf welchen der Privat- klüger hätte einwirken können. Ebensowenig ist mir erinnerlich, daß der Privatkläger auf die widerrechtliche Einstellung von Prozessen gegen die Mission in Togo hinzuwirken ver- sucht hat. Mein Gedächtnis erlaubts mir nicht, eine bezügliche Aussage zu machen. Ich möchte annehmen, daß das nicht der Fall gewesen ist; bei allen Verhandlungen, die mit dem Privatkläger vom November 1904 an gepflogen worden sind, halte ich einen Versuch der Einwirkung auf rechtSanhäugige Verfahren für ausgeschlossen."
Die Aussagen des Herrn Dr. Stübel werden in gewissen Kreisen geradezu „sensationell" wirken. Die Vorgänge der Dezembertage des vorigen Jahres sind durch Herrn Stübel jeden- salls in eine eigentümliche, seinem Nachfolger vermutlich nicht sehr angenehme Beleuchtung gerückt worden. Was wäre aus der Hetze gegen das Zentrum wegen der angeblichen „Nebenregierung" in der Togoafsaire geworden, wenn der Prozeß schon vor den letzten Reichstagswahlen hätte stattfinden können!
* ♦ ♦
Das Kölner Publikum nahm an dem Prozeß lebhaften Anteil und bereitete dem Abg. Rören mehrfach herzliche Ovationen. Im Gerichts- saale konnte man des öfteren Zeuge davon fein, wie sich die Volksstimmung gegen den An- geklagten Schmidt wandte und vor allem gegen den Rechtsanwalt Bredereck, der sich mehrfach Angriffe gegen den Abg. Rören erlaubte, die mit den Aufgaben der Verteidigung nichts zu tun hatten und sich teilweise auf anonymen Klatsch und — um em Wort aus der Verhandlung selbstzu benutzen— „Dienstbotengeschwätz" stützten. Trotz bet strengen Handhabung der Sitzungspolizei, die jede, auch die geringste Kundgebung gegen Herrn Rören, wie es ja daS Recht des Vorsitzenden ist, unmöglich zu machen suchte, machte sich der Unwille der Zuhörer mehrmals Lust. Eine gewisse Genugtuung gegenüber diesen anverantwortlichen Angriffen mag es für Hm. Roeren gewesen fein, daß ihm am Schluß der einzelnen Verha.idlungstage jedesmal herzliche Kund- gebungen auf der Straße bereitet wurden. Besonders lebhaft gestalteten sich diese am Sams- tagSabend. Die Leute begleiteten Herrn Roeren unter fortwährenden Hochruf en bis zur Straßenbahn; ständig wuchs die Menge derer, die ihrer Sympathie für Herrn Roeren durch stürmische Hochrufe Ausdruck gaben. Später erschienen in der Wohnung des Herrn Geheimrats z w ei s ch li ch t e Arbeiter, die der Frau Geheimrat einen hübschen Blumenstraußmit folgenden Worten überreichten : „Gestatten Sie, geehrte Frau Geheimrat, Ihnen dieses bescheidene Angebinde zu überreichen. Wir wollen, indem wir damit unseren Dank für
dar mutige Eintreten Ihres Gemahls für bie Menschenrechte auch der Schwarzen auSsprechen, Ihnen, Frau Geheimrat, unseren Dank auSsprechen für all' daS, was Sie mit ihrem Herren Gemahl an Sorge und Unan- ;enehmen gerne getragen haben und ihn tu einem hohen Bestreben, wie wir zu totffen glauben, dadurch kräftig unterstützt haben. Zu diesem kleinen Angebinde trugen eine Anzahl Arbeiter mit je zehn Pfennig bei, um so kund zu tun, wie sie den Vertreter der Volksrechte verehren." — Als die Vertreter des Herrn Geheimrats Roeren, die Herren Justizrat GammerSbach und Rechtsanwalt Dr. Schreiber das Gericht verließen, wurde ihnen ein vielhundertstimmiges „Bravo!" zugerufen.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. September 1907.
* Kaisertage in Königsberg und Memel. Am Samstag vormittag um 10 Uhr wurde in Königsberg der neue Dom, der an Stelle der einstigen Kathedrale des Samlandes erstan- den ist, in Gegenwart des Kaisers feierlich ein geweiht. Von Königsberg begab sich am Sonntag der Kaiser nachMemelzur Enthüllung des Nationaldenkmals. Die Enthüllungsfeier begann mit einer Ansprache des Ministers des Innern v. M o l t ke, der an die geschichtliche Bedeutung des Denkmals erinnerte und an jene Tage, da der preußische Staat aus schwerer Not sich losrang. Er gedachte vor allem der „lichten Gestalt der Königin Luise, die in den Herzen ihres Volkes Unsterblichkeit gewann". Nach der Rede gab der Kaiser den Befehl zur Enthüllung des Denkmals, das von dem Oberbürgermeister von Memel mit einer Ansprache übernommen wurde, in dem dieser der Freude der Memeler über das Erscheinen des Kaisers und ihrer Trauer über das Ausbleiben der Kaiserin Ausdruck gab.
* Der Unterrichtsminister Holle hat eine Verfügung erlassen, bie sich gegen das Bestreben der im Ärbeiter-Tnrnerbund zusammen- geschlossenen Turnvereine richtet, schulpflichtige Kinder und schulentlassene jugendliche Personen zu ihren Veranstaltungen heranzuziehen, da die Absicht dabei sei, die jugendlichen Köpfe mit sozialdemokratischen Ideen zu erfüllen. Dec Minister macht den Aufsichtsbehörden zur Pflicht, derartige staatsfeindliche Bestrebungen von der Jugend fern zu halten. Die Bezirksregierungen werden daher angewiesen, bei Uebeitre.ungen der Kabinettsordre vom 10. Juli 1834 und der Mmisterialinstrukston vom 31; Dezember 1839, wonach zur Erteilung von Turnunterricht an jugendliche Personen "bie Erlaubnis der Orts- schulbehörde erforderlich ist, gegen sozialdemokratische Personen unnachsichtlich mit Strafen vorzugehen. Erlaubnisscheine zum Erteilen von Turnunterricht an Jugendliche sollen nur Personen erhalten, die sich über ihre Befähigung und sittliche Tüchtigkeit genügend ausweisen können.
* Die Innungen und Lieferungen für Behörden. Gegen die kurzen Lieserungs- fristen und langen Zahlungssristen bei Lieferungen für Behörden, besonders für kommunale Verwaltungen, sollen die Innungen vorgehen. Zunächst soll diese Angelegenheit in der bevor-
stehenden Session beS Landtages zur „gründlichen" Besprechung gelangen. Die Mitglieder bet Innungen usw. sind aufgefordert, bas einschlägige Material rechtzeitig (authentisch und erschöpfend oll es sein) den Jnnunqsdureaus zu übermitteln. Abgeordnete der verschiedensten Richtungen sollen ich bereit erklärt haben, das Geeignete zu ver- anlassen.
* Die NatiouaNiberalen werden eifersüchtig auf die Konservativen und Freisinnigen. Sie ind unzufrieden darüber, daß von den Häuptern hrer Partei bisher nur Herr Bass ermann nach Norderney geladen worden ist. Von irgend einer Seite wgr gesagt worden, die Nationallibe- ra'en sollten durch eine neue Einladung noch „besonders geehrt" werden. Gegen diesen Ausdruck wendet sich der nationalliberale „Hann. Cour.", indem er schreibt, dem Fürsten Bulow müßte an der Stärkung des Blocks „mindestens ebenso gelegen sein wie uns." Das Bratt fahrt dann fort: „Die N at i o n a I I t der al en haben überhaupt nicht zu den häufigsten Gajtek des Kanzlerhauses gehört. Man hat gelesen, wieviel Männer der Rechten in den letzten Wochen nach der friesischen Insel gepilgert sind. In Wirklichkeit wird ihre Zahl wohl noch erheb- lief; größer gewesen sein, und niailcher ist unter den Empfangenen, dessen Name kein (Zweimal täglich erscheinendes) Heldenbuch meldete. W ir s i n d n i ch t n e i d i s ch und wir geben zu:.viel- leicht erforderten die Verhältnisse gerade bet den Konservativen diese häufigen Konferenzen... . . Auch die eifrige Ladung der. freisinnigen Herren ist psychologisch wohl zu deuten; wer nur eine Ueberiieferung der Opposition hat, nut dem muß sorgfältig eingehend und b e s o n- ders liebevoll verhandelt werden, wenn er zur Mitwirkung an den Aktionen der Regierung geworben werden soll. Immerhin kann die vielleicht gebotene und gewiß verständliche Rücksicht aus die „schwierigeren" Elemente des Blocks nicht so weit gehen, daß man d,e N a t l o- n (illiberalen einfach außer acht läßt Auf dem Berliner Parteitag der freistn- niaen Volkspartei hat sich Herr Dr. Wtemer außerordentlich orientiert gezeigt über das, was in Preußen künftighin in der Schulfrage ge- fchehen würde. Bei den uationalliberalen Parlamentariern herrschte, soweit wir unterrichtet sind, eine solche Kenntnis bisher nicht. Es wäre also nur selbstverständlich, sozusagen nur das Wied er gutmach en eines Versäumnisses, wenn Fürst Bülow nun auch noch einen weiteren Vertreter der Partei zu sich geladen hätte, die auf die Regelung der Schul- auaelegenheiten in Preußen doch mehrfach be- stimmend Einfluß gehabt hat." Bülow weiß also, was er zu tun hat.
* Sozialdemokratie und Börse. Zu dem von uns schon gezeichneten Artikel des .Vorwärts' meint bie ,Krenzzeitung' (Nr. 441 vom 21. Sept. 1907): „Die Sozialdemokratie beabsichtigt ohne Zweifel, ihre Haltung in Börsen« fragen einer Revision zu unterziehen. Anders kann man ben Artikel, den der ,VorwärtS' in einer feinet letzten Nummern über das Thema „Die Börse und der Krieg" veröffentlicht hat, nicht beuten. Schärfer und wegwerfender hat auch der ärgste Börfenfeind nicht über da» Börsenwesen geurteilt. Die Börse verstehe eS, so heißt eS u. a. in dem Artikel, ihren finanziellen und politischen Tribut zu erheben. Begreiflich fei es deshalb, daß die Börse eiligst bestrebt fei, den Wust von Paragraphen loszuwerden, mit denen man sie umgarnt habe. Die Börse möchte vor allem die Hände frei haben zu dem bevorstehenden Beutezüge. Der deutsche Bankiertag
Lebenswege.
Roman von Klara Wilhelmi.
10] (Nachdruck verboten.)
Das tue ich auch nicht, ich möchte aber den sehen, welcher sich Helenens strengem, durchdringenden Blick zu widersetzen wagt. Bist Du noch böse, Paul? O vergib!"
1 „Nicht eher, bis Du mir Genugtuung gegeben", sagte er schroff.
Käthchen, durch diese Vorwürfe und das ablehnende Verhalten Pauls gereizt, wollte eine ^ähnliche Antwort zurückgeben, bemerkte aber, daß ■in das vordere Gemach eine kleinere Gruppe Damen und Herren eingetreten war.
; Sie neigte daher mit kühlem Gruße das Haupt, als habe sie einö zufällige Unterredung Mit Paul gehabt, und schloß sich der Gruppe an.
* Als der Tanz von neuem begann, zog Paul -sich von demselben zurück; er wollte auch nicht sehen, Ivie die von ihm so heiß ©eliebte von an- Iweren umschwärmt und zum Tanze geführt wurde. Somit hatte Käthchen keine Gelegenheit, ihm die verlangte Genugtuung zu geben. Als jedoch der Cotillou kam, dem Paul wieder zusah, ohne sich jedoch daran zu beteiligen, schwebte sie leicht und graziös wie eine Nymphe zu ihm hin, jun ihn zum Tanze zu holen. Als die Beiden x umtanzten, begegneten sich die Augen der Lrebenden. Aus den Seinen war schon längst . flEr Groll verschwunden, und um ihre Lippen spreite toteber das glückliche Lächeln, welches vor- hrn bet seinen harten Worten entflohen war.
„Zürnst Du noch, lieber Paul?" flüsterte sie.
Er hatte mcht jung sein und nicht lieben müs- fen, um diesen Worten widerstehen zu können. Zudem hatte er längst eingesehen, daß er dem jungen Mädchen Unrecht getan.
V. »Mein liebes Käthchen", sagte er leise; aber 63 lag eine Welt von Liebe und Zärtlichkeit in ^Kiefen drei Worten. Ein inniger Druck ihrer
Hand antwortete dem seinigen und die Versöhnung war geschlossen.
Mitternacht war bereits lange vorbei, als der Ball beendet wurde und Käthcherr mit der Schwe- fter zu Hause anlangte. Als sie sich von derselben verabschieden und sich zur Ruhe begeben wollte, sagte Helene:
„Ich habe heute abend eine Beobachtung gemacht, welche mich überraschte. Wie stehts Dir mit Herrn Werner?"
„Liebe Helene--"
„Nein; heute abend nicht mehr, aber morgen mußt Du mir ehrliche, aufrichtige Antwort ge-
Des Menschen Wille, das ist sein Glück.
Schiller.
Der folgende Tag war von dem gestrigen sehr verschieden; gestern noch hatte man sich am schön- neu Sonnenschein erfreut, und heute war keine Spur mehr von ihm zu finden. Der nasse, kalte Novembertag mit seinem herniederströmenden Regen und den wirbelnden Schneeflocken zeigte an, daß der Winter nun ganz entschieden seinen Einzug gchalten hatte.
Käthchen war schon zeitig aufgestanden; ihre Jugend kannte noch keine Müdigkeit, und auch ihr frisches Gesicht zeigte nicht die geringste Ab- spannung. Fröhlich und munter verrichtete sie ihre gewöhnliche Beschäftigung. Helene war heute ernster als sie sonst zu sein Pflegte, hatte aber noch mit keiner Silbe das Thema berührt, auf welches -sie gestern abend ihrer Schwester gegenüber anspielte.
Der Nachmittag fand die beiden Damen im Seitenzimmer mit Handarbeiten beschäftigt, und dem jungen Mädchen pochte wohl etwas ängstlich das Herz, als Helene die Worte sagte:
„Ich wollte mit Dir über Herrn Werner sprechen und ich erwarte, daß Du mir die volle Wahrheit sagst."
Doch Käthchen war entschlossen, offen und mutig ihre Liebe zu bekennen.
„Herr Werner widmet Dir eine große Aufmerksamkeit, größer wie Galanterie sie erfor- dert", fuhr Helene fort, „und mir scheint. Du duldest dies nicht allein, sondern ermutigst ihn sogar."
„Und wenn dies wirklich der Fall wäre?" fragte Käthchen, mutig die Augen zu ihrer Schwester erhebend.
„So wäre es notwendig, diesem unüberlegten Treiben ein Ende zu machen", entgegnete diese ernstt „Du wirst doch selbst vernünftig genug fein, um einzusehen, daß diese Spielerei nicht fortgesetzt werden darf."
„Es ist durchaus keine Spielerei", sagte das junge Mädchen energisch, „den^-Paul liebt mich."
Ein tiefer, erleichternder Atemzug hob ihre Brust, denn das Schwerste war gesagt.
„Hat er Dir vielleicht gestern beim Tanze seine Liebe erklärt?"
„Nein, nicht gestern abend, sondern schon diesen Sommer, während des Gewitters, in dem alten Kloster."
„Also so lange schon, und Du hast mir kein Wort davon gesagt?"
„Paul wünschte, es solle einstweilen noch ein Geheimnis bleiben; er befürchtete, man würde uns trennen, wenn man unsere Liebe entdeckte.
„So? Da hättet Ihr Euer Geheimnis besser hüten müssen; Eure Blicke verrieten es -gestern abend zu deutlich. Ich begreife aber nicht, wie Du Herrn Werner so leicht Gehör schenken konntest. Es ist gut, daß ich früh genug dahinter gekommen bin; diese romantische Schwärmerei ist denn doch zu gefährlich, als daß ich sie länger zugeben könnte. Ich werde selbst mit ihm die Sache zum Austrag bringen, Du aber sprichst kein Wort mehr mit ihm."
Verletzt darüber, daß ihre heiligsten Gefühle eine Spielerei und romantische Schwärmerei genannt wurden, fade sie heftig:
„Warum verbietest Du mir das? Ich kann Dir nicht gehorchen, denn ich habe ihm mein Wort gegeben, ich bin seine Braut."
„Ich habe nicht geahnt, daß Ihr soweit mit einander wäret, aber Du vergißt, daß Du noch minderjährig bist, und deshalb ist Deine Zusage allein null und nichtig." ,
„Und doch werde ich nur ihm angeboren, denn ich liebe ihn", sagte sie entschlossen.
„Wen liebst Du? Einen Fremden, den Du kaum kennst, der Dir vor einigen Jahren zufällig einen Dienst erwiesen und zum Lohne dafür jetzt Deine Liebe oder vieNeicht nur Dein Vermöge»
fordert."
„Helene, Du wirst ungerecht!" rief Käthchen entrüstet. „Paul liebt mich ohne Berechnung; und kenne ich ihn nicht seit der Zeit, wo er hier im Hause verkehrt?"
„Was kennst und was weißt Du denn von seiner Vergangenheit? Er hat, so viel ich weiß, keinem Menschen gegenüber jemals bon fernen Verhältnissen gesprochen. Oder hat er Dir derartige Mitteilungen gemacht? ,
Beschämt mußte Käthchen sich eingestehen, daß sie gar nichts von dem wußte, was die Schwester zufrieden stellen konnte. Sie hatten bei ihren Zusammenkünften sich immer so vieles andere zu sagen, daß es ihr nicht einmal eingefallen war, nach dem zu fragen, was seine Verhältnisse und seine Vergangenheit betraf.
Und was will Herr Werner denn ergreifen, um selbständig zu werden?" fuhr Helene fort, da Käthchen noch immer schwieg. „Ein neues Ge- fchäst zu gründen, welches so viel abwirft, uni ein Leben zu fuhren, wie Du eS gewohnt bist, hält sehr schwer. Woher willst Du die Mitte! nehmen? Verfügt er selbst über solche, oder rechnet er dabei auf Dein Vermögen?"
„Helene", brauste Käthchen aus. ■
„Und gesetzt, er gründet em Geschäft und dasselbe rentiert sich nicht; wie bann, wenn Du mit Not und Sorgen zu kämpfen hast?"
(Fortsetzuna folgt.)