Mdaer WZeitun
verantwortlicher rchriftleiter: A-wekler
Lrschelnt täglich mit I««nah«« der Sonn. Nnd§«iertage. viertel' Zähn vezuarpreir ohne vringerlihn und veftellgeldintsUlda und aurwärtr 1 Ulk. 50 psg.
Monatsbeilage: „Huldaer Geschichtsblaiter"
für die Anzeigen:
i- f wochMbtiiage: „Illustrierte SonntagSMtung"
Anzeigen. Die ein spaltig« petitzeile oder deren Baum 15 psg. Rtflamtn »it petitzeile 25 psg.; bet wieder- holnnqtn wird entspr.
Rabat l aewäbrl.
Rotati onrdrnck u. Verlag der Fuldaer Ae- tiendr ickrrei in fiulba.
siernsvreLer Nr. ».
JV3 214.
Fulda, Mittwoch den 18. September 1907.
-14. Iahraann.
Sweitss Wlatt
Deutscher Reich.
Berlin, 17. September 1907.
* Die Entziehung dec kleinen Unfallrenten steht wieder einmal zur Erörterung. Die Land- wirtschaflskammer der Provinz Westfalen hat schon im Vorjahre die Entziehung der kleinen Renten in einer Eingabe an den LandwirtschaftS- Minister gewünscht, aber alle Parteien des Reichstage- haben sich ablehnend zu diesem Wunsche ausgesprochen. Man befürchtete vor allem, daß dann noch mehr die Arbeiter von dem Lande in die Stadt ziehen würden und daß die Landwirtschaft durch die Einführung der Haftpflicht für die kleinen Unfälle sich viel schlechter stellen würde alS beim heutigen Zustande. Nun kommt der ostpreußische landwirtschaftliche Zentralverein und macht den Vorschlag, daß die Ünfallrenten nur dann auszuzahlen seien, wenn der Arbeiter um mehr als ein Drittel in seiner Erwerbsfähigkeit eingeschränkt sei; zum Beweis hierfür aber müße er selbst ein Zeugnis über seinen Gesundheitszu- ftanb einbringen; ferner soll er die Rente nur dann erhalten, wenn er tatsächlich um-ein Drittel weniger verdiene als ein anderer Arbeiter derselben Kategorie. Wer sich den Unfall durch Trunkenheit zuziehe, der soll eine Rente erhalten, die um 50 Prozent kleiner ist als sonst die Rente wäre. Wir glauben nicht, daß diese Vorschläge durchführbar sind; denn sie alle laufen darauf hinaus, die Haftpflicht wieder einzu- stihren. Dann aber werden die Ansprüche an den Vefitzer viel größer werden. Es läßt sich nicht verkennen, daß die Last der Versicherung für die Landwirtschaft immer mehr wächst; aber das erste Mittel, um hier eine Abhilfe zu schaffen, dar ist eine bessere Unfallfürsorge; aus diesem Gebiete geschieht noch viel zu wenig. Man sollte in den Fortbildungsschulen einen förmlichen Unterricht darüber erteilen und keine Maschine mehr zur Aufstellung zulassen, die nicht mit allen Schutzvorrichtungen versehen ist. Das Geld, das für solche Zwecke ausgegeben wird, ist die beste Fürsorge gegen hohe Lasten in der Unfallversicherung.
Das Militärmotorluftschiff. Im Jahre 1906 hat der Reichstag die ersten Gelder für Versuche auf dem Gebiete der Luftschiffahrt bewilligt; es waren 500000 Mark. Um den Grafen Zeppelin zu unterstützen, hat man dann im folgenden Jahre abermals diese Summe aus- geworfen. Nun stehen wir vor weiteren Ausgaben, nachdem mit diesen Geldern so viel ge- letstet worden ist. Alles, was man über das Ä des Majors Parseval hört, kann »underung Hervorrufen. Die bisherigen Versuche sind über alle Maßen gut gelungen; die Lenkbarkeit deS Schiffes bei gutem Wetter ist erwiesen. Nun kann «veiler geforscht und erprobt werden, denn noch haben wir nicht die Vollendung vor uns. Aber es erfüllt uns mit Stolz, daß es ein deutscher Offizier gewesen ist, der den größten Fortschritt auf diesem Gebiete geschaffen hat. Die Franzosen glaubten schon, sie seien uns um vieles voraus, als wir
Lebenswege.
Roman von Klara Wilhelmi.
*] (Nachdruck verboten.)
II.
Im wunderschönen Monat Mai, Als alle Knospen sprangen. Da ist in meinem Herzen Die Liebe aufgegangen.
L. Heine.
..Fröhliche Pfingsten! Fröhliche Pfingsten!" Slallte es von Jung und Alt. Die Glocken hall- n von dem Turme der einzigen großen Kirche des Städchtens und riefen die fromme Schar der .Andächtigen in das feierlich geschmückte Gotteshaus.
Auch Käthchen schritt im festlichen Putz an der Seite ihrer Schwester der Kirche zu. Bei der Türe des niedrigen Stacketts, welches den Kirch- Hof umgab, angelangt, entstand eine kleine Stock- üng, indem eine größere Anzahl Kirchgänger dort ankamen, die nicht alle zugleich durch die Pforte gelangen konnten. Ein stattlicher junger Herr stand, ebenfalls wartend, am Gitter. AIS kr die beiden Damen erblickte, suchte er, mit einer Höflichen Verbeugung den Hut ziehend, ihnen den Durchgang zu ermöglichen.
„Wer ist der Herr?" fragte Käthchen die Schwester letfe int Weitergehen.
„Ich kenne ihn nicht", antwortete diese, „wahr- schemlich ein. Fremder."
. As der Kirche nahmen sie bald ihren gewohn- teu Platz rm Kirchenstuhle ein, und Frau Schmidt Achtem ihre ganze Aufmerksamkeit mit frommer Andacht dem Gottesdienste zu. Käthchen hin- gegen, obwohl auch recht fromm und gottesfürch- A- B t9re Augen öfters in der Kirche umher- schtvelfen, um den höflichen Fremden noch einmal
sehen. Sie brauchte nicht lange zu suchen, denn ferne hohe Gestalt stand plötzlich ihr schräg gegenüber, im breiten Gange gerade unter dem Predigtstuhle»
Ausland.
* Der BranutweinverVranch in Rußland. Wie die Petersburger Blätter mitteilen, hat das russische Finanzministerium in diesem Jahre aus D e u t s ch l a n d L 800 MO Wedro Sviritus gekauft, weil der Bedarf an Br a n n t- wein gestiegen ist. Nach offiziellen Daten ist im ersten Halbjahr 1907 bereits ebenso viel Branntwein getrunken worden, wie im Laufe des ganzen Jahres 1906, nämlich 32,95 Millionen Wedro gegenüber 33,60 Millionen im vorigen Jabre. Ein Wedro (Eimer) ist gleich 12,2 Liter, es sind also in einem halben Jahre in Rußland gegen 400 Millionen Liter Branntwein gebraucht worden. Diese erschreckliche Zahl läßt so manche traurige Erscheinungen in Rußland begreiflich erscheinen. Tie Branntweinproduktion und der Branntweinverkauf sind bekanntlich Staatsmonopol.
* lieber die Finanzen Japans waren in letzter Zeit ungünsttge Gerüchte in Umlauf. Der Finanzaqent Japans in London, Wakatsuki, hat deshalb dem Reuterschen Bureau folgende Erklärung zugehen lasten: „E? ist ost erklärt worden, daß das japanische Budget ein Defizit von 18,000,000 Pfund Sterling ausweist. (Einnahmen 42,000,000 Pfund Sterling, Aus- gaben 60,000,000). Man wies nun darauf hin, daß Japan Schwierigkeiten haben werde, dieses Defizit zu decken. Tatsache ist jedoch, daß die Summe von 42,0< 0,000 Pfund Sterling nur den ordentlichen Teil der ganzen Einnahmen ausmacht, wohingegen die 60,000,000 Pfund Sterling sowohl die ordentlichen wie auch die außerordentlichen Ausgaben umfassen. Die ordentlichen Einnahmen, sind mehr als ausreichend, um die ordentlichen Ausgaben zu decken, die insgesamt etwa 42,000,000 Pfund Sterling betrauen. Die außerordentlichen Einnahmen sind nur eine Kleinigkeit geringer als die außerordentlichen Ausgaben. Es ergibt sich hieraus, daß die ganzen Einnahmen die ordentlichen und außerordentlichen zusammengenommen mit dem gesamten Ausgaben balancieren.
NolkSMrWMchkS nnd SsMIes.
* Zur katholischen Frauenbewegung. Die Würzburger General-Versammlung der deutschen Katholiken hat bekanntlich einen Antrag zu Gunsten des katholischen Frauenbundes angenommen. In demselben werden alle katholischen Frauen und Jungfrauen dringend ersucht, zur Er- reichung der vielfachen Ziele des Bun- des demselben beizutreten, und es wird um die tatkräftige Mitwirkung aller Arbeitskräfte
ihnen zeigen konnten, daß unser Heer auch nicht schläft, sondern auf dem Posten ist. Welchen Umfang die Verwendung dieser Erfindung im Heere annehmen wird, darüber hat man sich in den maßgebenden Kreisen noch kein klares Bild verschafft; es handelt sich vielmehr darum, durch weitere Versuche erst festzustellen, rote groß die Leistungsfähigkeit dieses Luftschiffes ist. Sicher aber fft es, daß im nächsten Etat größere Summen für diesen Zweck gefordert werden.
gebeten. Ferner wünscht der Beschluß Gründung von Zweigvereinen deS katholischen Frauenbundes in allen größeren Orten und Städten Deutschlands. Diese Gründung von Zweigvereinen erscheint angesichts der neuzeitlichen Entwickelung der Frauenbewegung eine dringende Notwendigkeit. Diejenigen katholischen Damen, welche solche Neugründungen für ihren Ort wünschen und dadurch an allen Vorteilen des großen Bundes teilnehmen wollen, mögen sich an die Zentrale des katholischen Frauenbundes (Köln, Georgstr. Nr. 7) wenden, die gerne bereit ist, Auskunft zu erteilen und Gründungen vorzunebmen.
Literarisches.
„Peking-Paris tu Automobil" ist der Titel des Werks über die erstaunliche Automobilwettfahrt des Fürsten Borghese, die dieser mit dem berühmten Journalisten Barzini unternommen hat. Das Buch erscheint bei Brockhaus in einigen Wochen zum Preise von 10 Mk.; es wird reich illustriert und vornehm ausgestattet sein. Auch in Italien, England, Amerika, Frankreich werden Ausgaben des spannenden Berichtes veröffentlicht, der junge und alte Sportfreunde lebhaft zu fesseln verspricht.
Die .Allgemeine Rundschau' ^Wochenschrift für Politik und Kultur, Herausgeber und Verleger Dr. Armin Kausen in München, Quartalspreis 2 Mark 40 Vsg.) kündigt für die nächstwöchige Nummer ein Propaganda-Heft an, das in einer Riesenauflage erscheint und an alle Interessenten gratis versandt wird. Der Herausgeber stellt bei dieser Gelegenheit mit besonderer Genugtuung fest, daß die Allgemeine Rundschau' ihren stetenAufschwungder getreuen Mithilfe ihrer Leser und Freunde verdankt. Die vorliegende Nummer 87 enthält wieder eine Reihe sehr bemerkenswerter Artikel. Die .Allgemeine Rundschau' liefert auch diesmal wieder den greifbaren Beweis, daß sie vor einer Kritik auch gegenüber dem eigenen Lager nicht zurückschreckt. Man lese nur die statistischen Ausführungen über „Die Sozialdemokratie in Bayern" von Rechtsanivali Dr. Brüning oder die „Gedanken über die soziale Tätigkeit der Geistlichen" von F. M. Hermann. Lebhaftem Interesse wird auch der zweite Teil der „Entgegnung Franz Eicherts („Gral") auf die Angriffe Joh. Mumbauers begegnen. Sehr lesenswert sind neben der prächtigen Nienkemperschen Weltrundschau die Artikel „Zur Frage der bayerischen Steuerreform" von Dr. Johann Srechele, „Die Entscheidung in Oesterreich-Ungarn naht" von Chefredakteur Franz Eckardt, „Rundschau der modernen katholischen Anti- alkoholbewegung von H. Weertz. Zwei feinsinnige Gedichte von Paula Buschmann („Segen") und Georg Schneider („Bergfriedhos"), eine stimmungsvolle west- sätische Geschichte („Das Schützenfest") von Fritz von Schonnebeck und die übliche Bühnenschau von L. G. ,Oberlaender, nnd Finanzwirtschaftliche Rundschau von M. Weber verleihen dem Inhalte eine gediegene Abrundung. — Probenummern werden vom Verlage an jedermann gratis versandt. _
vermischtes.
* Von einer Lokomotive überfahren wurden bei Schöning (Braunschweig) in der Dunkelheit drei Arbeiter, zwei waren sofort tot, der dritte ist scher verletzt.
* Ein Vorkommnis, das man versucht ist, heiter zu nennen, und das doch ungemein traurig ist, ereignete sich am letzten Sonnabend gegen Abend in einem Restaurant des unweit Leipzig gelegenen Städtchens Grimma. Ein als trunksüchtig bekannter Arbeiter war mit noch mehreren Genossen nach dem Gesänge: „Hoch soll er leben usw." eben im Begriff, sein volles Glas zu leeren.
als sich leise die Tür öffnete und bescheiden seine Frau hereintrat. Sie zählte 50 Pfg. auf den Tisch, die der Mann vor seinem Weggange vom Hause seiner Familie als Wirtschaftsgeld für die kommende Woche zurückgelassen hatte, und forderte mit freundlicher Miene den fürsorglichen Gatten auf, den genannten Betrag doch lieber auch ztt vertrinken. Spruchs und entschwand dem Gestchtsfteis der verdutzt dreinschauenden Anwesenden.
* Die Lustpartie. Ein Reisender kam eben an, als der Wirt einen jungen Menschen tüchtig durchprügelte. Der Reisende fragte: „Ist dieser Ihr Sohn?" Nein!" versetzte der Wirt, „es ist mein Neffe, der sich einige Tage zum Vergnügen bei mir anfbält."
Marktberichte.
• Frankfurt a. M.. 16. Sept. 1907. Amtliche No- tierung der Viehmarkt-Preise. Zum Verkauf standen 573 Ochsen, 75 Bullen, 1003 Kühe und Rinder (Stiere und Färsen), 196 Kälber, 280 Schafe und Hämmel und 2265 Schweine. Bezahlt wurde für 100 Pfd. Schlachtgewicht: Ochsen: a. vollsteischige, ausgemästete höchsten Schlacht- wertes bis zu 6 Jahren 81—86 M., b. junge fleischige nicht ausgemästete und ältere ausgemästete 76—78 M., c. mäßig genährte junge, gut genährte ältere 68 —70 M., d. gering genährte jeden Alters 00—00 M. Bullen: a. vollfleischige höchsten Schlachwertes 70—72 Mark: h. mäßig genährte jüngere und gut genährte ältere, 65—67 M., c. gering genährte 00.00 M. Kühe und Färsen (Stiere tind Rinder): a. vollfleischige, ausgemästete Färsen (Stiere und Rinder) höchsten Schlachtwertes 74—76 M., b. vollfleischige, ausgemästete Kühe höchsten Schlachtwertes bis zu 7 Jahren 71—7 i M., c. ältere ausgemästete Kühe und wenig gut entwickelte jüngere Kühe und Färsen (Stiere und Rinder) 63 bis 65 M., d. mäßig genährte Kühe und Färsen (Stiere und Rinder) 00—00 M., e. gering genährte Kühe und Färsen (Stiere und Rinder) 00—00 M. Bezahlt wurde für 1 Pfd. Schlachtgewicht: Kälber: a. feinste Mast- Vollmast) u. beste Saugkälber (Harrnov.) 92—95 Pfg., b. mittlere Mast- und gute Saugkälber 80—85 Pfg., c. geringe Saugkälber 60 -62 Pfg., d. ältere gering genährte Kälber (Fresseri 00—00 Pfg. Schafe: a. Mastlämmer und jüngere Masthämmel 84—00 Pfg., b. ältere Masthämmel 78—80 Pfg., c. mäßig genährte Hämmet und Schafe (Merzschate)OO—OOPsg. Schweine: a. vollfleischige der feineren Rassen und deren Kreu- zungen im Alter bis zu Vit Jahren 67—70 Pfg., b. fleischige 65—66 Pfg., c. gering entwickelte, sowie Sauen und Eber 58—60 Pfg., d. ausländische Schweine (unter Angabe der Herkunft) 00—00 Pfg. Bezahlt wurde für IPfd. Lebendgewicht: Katver: a. ol—ol P,g., o, -•> bis 50 Pfg. Schweine: a. 53 Pfg., b. fleischige 52 bt8 00 Pfg. Geschäftsgang in Großvieh mittelmäßig, Ueberstand unbebeutenb, in Kleinvieh gut, Markt geräumt. Aus Oesterreich standen 122 Ochsen zum Verkauf und wurden dieselben über Notiz bezahlt.
Reklame»»- nnd Anzeigenteil.
Als Zusatz zur Milch eine ergiebige, leicht verdauliche Kindernahrung und zugleich ein bewährter Zusatz zu Puddings und feineff Backwaren.
\ Nähre mit „Knorr*4
„Wer mag er doch sein?" dachte sie. „Mir ist, als ob ich ihn früher schon gesehen hätte. Doch was kümmert mich der Fremde."
Sie öffnete ihr Gebetbuch, um andächtig betend der heiligen Handlung zu folgen. Aber immer ertappte sie sich wieder bei dem Gedanken: „Wo hast Du ihn gesehen?" nnb ihre Blicke schweiften zu ihm hinüber. Was mochte der Fremde nur suchen? Auch er wandte seinen Kopf bald nach der einen, bald nach der anderen Seite, dann rückivärts.
„Nun, jetzt nicht wieder hiugeschaut", dachte das junge Mädchen, „damit er nicht merkt, daß er meine Aufmerksamkeit erregt hat."
Aber trotz der guten Vorsätze mußte Käthchen doch noch einen Blick dorthin werfen; plötzlich ivandte auch der junge Mann den Kopf zu Käth- cheu herüber, und ihre Augen Begegneten sich. Die Ertappte errötete und senkte verlegen den Blick, denn der Fremde hatte durch ein leises Senken des Kopfes zu verstehen gegeben, daß er sie erkannt. Wie Schuppen fiel es plötzlich von ihren Augen; sie wußte, too sie ihn gesehen. Mit einem, Schlage stand die Szene wieder ganz lebendig vor ihrer Seele.
Im vorigen Jahre hatte sie während der Herbstferien im Pensionat eine Mitschülerin in deren nahe gelegene Heimat begleitet und dort einige Wochen zugebracht. Von dort aus hatten Käthchen und ihre Freundin in Begleitung mehrerer junger und einiger älterer Damen verschiedene Ausflüge in die umliegenden hohen Berge gemacht. Käthchen fand ein großes Vergnügen daran und war immer die Erste, wenn es galt, eine steile Höhe, einen zackigen Felsen, ein^ alte Ruine zu ersteigen oder in eine tiefe Felsschlucht hinab zu klettern. Eines Tages fand die muntere Gesellschaft auf ihren Streifzügen eine Gruppe Felsblöcke von sehr beträchtlicher Höhe, neben und aufeinander geschichtet. Aus diesen ragte an verschiedenen Stellen allerlei Gesträuch hervor, und eine Spalte des obersten Blockes barg einen Rosenstrauch, welcher jetzt noch einige Blumen zeigte. Es läßt sich denken.
daß Käthchens Vorschlag, eine Rose von dem Strauche dort oben zu erobern, mit allgemeinem Jubel begrüßt wurde, worauf ein wahrer Sturmlaus auf die Felsblöcke begann. Allein so leicht sich das Ding von der Ferne aus ansah, ging es denn doch nicht: die Spalten zwischen den ®löffelt waren oft so breit, daß man sie nicht überschreiten konnte. Tas Gefährliche dieser Ersteigung einsehend, rieten die älteren Damen davon ab, und da die Sonne schon stark im Westen stand, mahnten diese zur Heimkehr. Nur ungern ließen die jungen Mädchen von ihrem Vorhaben sich zurückhalten, folgten aber doch der erhaltenen Weisung.
Käthchens kleinem Trotzkopf wollte es jedoch durchaus nicht gefallen, ihren Plan aufzugeben: scheinbar fügte sie sich, blieb aber unter dem Vorwande, Blumen 'zu pflücken, etwas zurück. Unbemerkt schlich sie um die Ecke, um von der anderen Seite aus die Felsblöcke zu erklettern. Sie mußte durchaus eine der Rosen haben, und mit welchem Triumph wollte sie diese ihren Begleiterinnen zeigen. Nach vielen beschwerlichen Mühen und waghalsigen Sprüngen von einem Steine zum anderen, und mit Hilfe der aus den Spalten. wachsenden Gesträuche, woran sie sich festbalten konnte, kam sie oben an. Sie hatte wirklich ihr Ziel erreicht und brach sich die schönste Rose vom Strauche. Das Klettern hatte sie jedoch ermüdet, sie setzte sich deshalb auf eine kleine mit Nasen bewachsene Erhöhung, um sich miszuruhen. Nicht lange währte es und sie erhob sich Icieber, um den Rückzug anzutreten, doch sie konnte keine Stelle finden, wo sie denfelben beginne. Ueberall blickte sie in tiefe, jäh herab- steigende Spalten und Riffe, die sie beim Hinab- steigen zu verschlingen drohten. Sie ging von der einen Seite zur andern, aber auch hier gähnte ihr nur die dunkle Tiefe entgegen. Erschreckt wandte sie sich wieder der Mitte zu und rief mit aller Kraft die Namen ihrer Begleiterinnen, aber nur das Echo gab den Schall ihrer Stimme von den gegenüberliegenden Bergen zu- rück. Schon beaann es au dämmern, und noch
noch immer war sie ratlos allein auf der einsamen Hohe. Es wurde Käthchen ganz unheimlich zu Mute, wenn sie daran dachte, vielleicht bh Nacht hier zubringen zu müssen, und ihr Triumph über die eroberte Rose schwand dahin.
Nochmals ging sie umher, um eine, Stelle zu entdecken, die es ihr möglich mache, hinabzusteigen, jedoch vergebens. Da brach sie in bitterliches Weinen aus, und rief von Zeit zu Zeit um Hilfe, obgleich sie selbst nicht glaubte, daß diese ihr heute noch kommen würde. Wie tief bereute sie nun ihre Tollkühnheit und den Uebermut! Beim Hinaufsteigen hatte sie nur immer voran gestrebt, um ihr Ziel zu erreichen, und nicht daran gedacht, ob sie den Weg zurückfinden könne. Sie lief, sich auf den erst verlassenen Platz nieder, und sann darüber nach, was sie nun beginnen sollte; da gewahrte sie von ihrer Höhe aus unten int Gebüsch einen Wanderer und wieder erhob sie ihren Hilferuf. Der Ruf mußte zu seinen Ohren gedrungen fein, denn dieser blickte umher und ging dann in gerader Richtung auf sie zu. Als er näher kam, erkannte Käthchen, daß er ein hübscher, junger Mann in grauem Reisekostüm war. Der dicke, eisenbeschlagene Stock und die umhängende Tasche nebst Plaidriemen ließen auf einen Touristen schließen.
Schon von weitem rief er ihr zu, nicht mehr ängstlich zu fein, er wolle sie wohlbehalten herunterbringen. Am Fuße des Gesteins angelangt, lüftete er grüßend den mit einem Waldstrauße geschmückten Strohhut und ließ ein männlich schönes Angesicht mit hoher Stirn,, schön gebogener Nase und klugen, braunen Augen sehen. DaS dunkle Haar war schlicht gescheitelt, und ein wohl- gepflegter Backenhart umrahmte das ovale Gesicht. Behende kletterte er herauf und bald stand er oben heben Käthchen. Nach flüchtiger Verbeugung reichte er ihr die Hand entgegen:
„Nun, mein Fräulein, haben Sie keine Furcht mehr, stützen Sie sich fest auf meinen Arm und sehen Sie ja nicht in die Tiefe, damit sie keinen Schwindel bekommen."
(Fortsetzung folgt.)