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J. Parzeller in Lulda.

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Lernsprecher Nr. 9.

Fulda, Montag den 16. September 1907.

M 212,

34. Jahrgang.

{] Gegen HurrapatnotlSMS und KyMtimsums,

der sich in letzter Zeit wieder in auffallender Weife bemerkbar gemacht hat, wendet sich mit Recht das „Berl. Tageblatt". Wir sind, fo führt das Blatt aus, weit entfernt, die impertinente Anmaßung eines Johann Jacoby zu rechtferti­gen, als er in kritischer Stunde dem schwerge­prüften Könige Friedrich Wilhelm die Worte nachrief: „Das ist das Unglück der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen", aber wir lieben deshalb doch den Männer stolz vor Königsthronen. Die Kaisertage in West­falen haben neben manchen erfreulichen Erschei­nungen auch einzelne Episoden gezeigt, die von einer, krankhaften Steigerung des nationalen Empfindens Zeugnis ablegen. Wie schwer wird es doch dem deutschen Kaiser und seinen Söhnen gemacht, sich als Menschen unter Menschen zu fühlen! Wir haben in der Presse eine kleine Klütenlese über

hypcrnationale Aeußerungen

Hvährend der westfälischen Kaisertage veranstaltet 4rnd möchten wenigstens einige Stichproben dar­aus unfern Leseren nicht vorenthalten. Da ist zuerst der Brief eines in Pommern hei­mischen Backfisches, der die Wonne auskosten durfte, an den Kaisertagen in Münster teilzu­nehmen. Die „Tägl. Rundschau" hat dieses kost- bare Dokument der Oeffentlichkeit übermitteln müssen geglaubt. Hier zeigt sich der Hurra­patriotismus in Reinkultur. Zuerst kommt die K^eiderfrage, wie es bei einem jungen Vladchen natürlich ist: „Bier Tage mußte man andauernd weiß mit schwarz-weiß-roten Bändern usw. rumlaufen. Und ein paar schmutzige Klei­der waren diese himmlischen Tage Wohl wert. Ach, es war zu schön!" Dann kommen die kaiserlichen Gäste: „Der Kaiser will bald mit ferner Frau wiederkommen, hat er gesagt, . »md alle Prinzen waren entzückt.

Alnd nun stellt euch vor, wie entzückt wir un­schuldigen Backfische dann erst sein mlls- sen! Aber es ist ja gar nicht annähernd zu be­schreiben, wie es war, und ihr würdet es ja doch nicht verstehen. Nach anderthalbstündigem War­ten kamen sie. Wir zwei brüllten ge­radezu unser Hurr a." Der Kaiser und seine Söhne waren so freundlich, besonders dec Kronprinz grüßte lachend und nickte allen zu, so daß für ihn alle entflammten, be­sonders aber alle jungen Mädchen."

Ja, der Kronprinz!

Don ihm fließen Herz und Mund und Feder der jungen Briefschreiberin über. Man höre, wie sie weiter schwärmt:

„Und dann kam der Freitag — Len Tag der- Nesse ich sicher nie! Vormittags standen wir Spa­fier. Alle grüßten freundlich, als sie von der Darade kamen; der Kronprinz war der 'allerentzückendste und schürte die Flam­in en, die für ihn lohten, mächtig, als er nun sogar um kehrte und noch einmal an uns vorüberfuhr. Wir gingen darnach zur Schule, wo wir uns etwas ausruhten, um gleich wieder loszugehen zur Einweihung eines Krankenhau­ses, das Prinzessin Schaumburg einweihte, an Stelle der Kaiserin. Das war nicht sehr in­teressant; doch beschlosien wir da, dem Kronprinzen ein Ständchen zu brin­gen, das Seminar und die erste und zweite Klasse. Das wurde leider durch einen Kehrer vereitelt, der uns wütend ausein- andertrieb. Doch liefen wir weg, und ich mit drei anderen Mädchen machten einen Umweg im Trab, und ich traf gerade an einer Ecke

mit dem Kronprinzen zusammen und brüllte Hurra und winkte, und er nickte mir ganz allein zu. Ich war selig! Ich rannte hinter seinem Auw, das zum Glück langsam fuhr, her und mit in den Adelshof, wo er ausstieg. Wäh- rend er sich da mit einigen Damen unterhielt, stand ich ihm direkt gegenüber und sah ihn immerzu an, etwa zehn Minuten — denkt bloß .wie himmlisch! Und dann, wie die Damen weg waren, streckte ich ihm meine Hand hin, und er gab mir seine Hand und hat mich angesehen. Was war ich glücklich!!! Ich konnte mich kaum entschließen, meine Hand zu waschen, aber es mußte ja sein. Als er wegfuhr, bin ich ihm noch nach- gerannt; aber bald war er weg. Erst um 6 Uhr kam ich zum Mittag nach Haus."

Diese Geständnisse einer jugendlich begeister­ten Seele wollen wir nicht kritisch zerpflücken. Wir hoffen, daß die Briefschreiberin, wenn sie einmal in späteren Jahren diesen Brief wieder in die Hand bekommt, selbst über ihren jugend­lichen Ueberschwang lächeln wird. Sie kann ja auch schließlich nichts dafür, wenn sich ihre pa­triotische Ueberernährung in so drolliger Form äußert. Sie ist ja aus Pommern, also jenseits der Elbe zu Hause, wo der Patriotismus in Reinkultur, gegeben ist und wo man von Natur das vaterländische Gefühl der südlichen und west­lichen Landesteile nicht für echt hält. Zu tadeln sind zunächst die Eltern, die einen solchen Erguß an die Zeitung schicken, und noch mehr die „Tägl. Rundschau", die den Brief schweif- wedlerisch a b d r u ck t.

Dieses offiziöse Organ des evangelischen Bun- des soll nach dem Urteil des „Berl. Tagebl." bisher schon den Rekord byzantinischen Schweif­wedelns und Spcichelleckens in der deutschen Presse mühelos gehalten haben. Mit diesem Briefe und vollends dem Kommentar, den es ihm widmet, hat es sich selbst geschlagen. Denn nach der Meinuirg der Byzantiner der „Tägl. Rundschau" bietet das „frische, anmutige Ge­plauder" und die „kindlich-naive Schilderung" der Briefschreiberin ein lebendiges Bild" von der in Münster herrschenden Stimmung. Und wei­ter wird dazu gesagt: „Für die hohen Herr­schaften wird es ja auch nützlich sein, aus diesen Ergüssen eines unbefangen beobachtenden Kin­dergemütes zu ersehen, mit wie einfachen Mit­teln sie sich Volkstümlichkeit erwerben können. Weiter bestätigen diese Darstellungen, mit wel­cher schwärmerischer Begeisterung der Kronprinz von der deutschen Jugend, Männlein wie Weib- lein, verehrt wird." Ja wirklich, mit wie „ein- fachen Mitteln" können sich „hohe Herrschaften" Volkstümlichkeit erwerben! Sie fahren durch bunte Straßen, sind freundlich, grüßen wohl gar lachend wie der Kronprinz, und „alle sind ent­flammt".

Die „Volkstümlichkeit" ' A fabelhaft billig zu haben. Wenn gar der einem jungen Mädchen die Hand 'st sie derart beglückt, daß sie sich kaum entschlreßen kann, ihre Hand zu waschen. So wrrd auf die einfachste Weise das Glück des Vol­kes begründet und man spart noch an der teuren Seife.

Das speichelleckende Gebaren der „Täglichen Rundschau" — nebenbei gesagt desjenigen B l at- tes, das die tägliche Lektüre des Kai­sers bilden soll — kann natürlich von anderer Seite nicht überboten oder auch nur er­reicht werden. Aber einige weitere Kundgeb­ungen anläßlich der westfälischen Kaisertage kom­men ihm doch bedenklich nahe. So löste das knappe Telegramm des Kaisers: „Lassen für den freundlichen Gruß vielmals danken" bei dem O b e r st eines Bürger sch ützenkorps einen

solchen Enthusiasmus aus, daß er des trockenen Tones satt wird und dem sonst so schwerflüssigen Amtsstil in folgendem Satze Schwung verleiht: „Ich bringe voller Freude dieses beglük- kende und huldvolle Telegramm hiermit zur Kenntnis unserer Mitglieder." Und ein west­fälischer Amtmann erläßt eine Bekanntmach­ung folgenden Inhalts:

„Im Auftrag unseres Herrn Landrates sowie in eigenem Antriebe nehme ich für mich die Freude in Anspruch, der Gesamteinwohnerschaft des Amtes £. Anerkennung und vielen Dank zu sagen für diese so herrliche Gesinn­ungen betätigenden Leistungen. 3E. hat gezeigt, daß es die hohe Ehre der Durchfahrt voll und ganz zu würdigen wußte, ein Ereignis, welches niemals vordem noch nach menschlichem Ermessen späterhin jemals eintreten dürfte."

Und das alles, weil der Kaiser durch einen Ort fährt. Wir wollen nicht entscheiden, wieviel an diefen Kundgebungen dem Hurrapatriotis­mus, wieviel der byzantinischen Gesinnung zu­geschrieben werden muß; aber es wird allerdings um so schwerer, den Verdacht des Byzantinismus auszuschließen, je weiter die Verfasser von solchen Bekanntmachungen dem Lebensalter nach von einem Backfisch entfernt sind.

Was zuviel ist, ist zuviel. In Treue ist die rote Erde ihrem Herrscher ergeben, in guten und bösen Tagen hat diese Treue sich bewährt; möge sie auch ferner sich mehr in T aten als in Wor­ten zeigen. Jede Ueberspannung ist vom Uebel.

Deutscher Reich.

, ' Berlin, 14. September 1907,

*Das Kaiserpaar wird während seines Ausent- haltes in England im November auch mit dem norwegischen Königspaare zusammentreffen. Die Zusammenkunft wird aber lediglich den Charakter einer Familienzusammenkunft tragen.

* Die kaiserliche Kritik über die Feld- Übungen des 7. gegen das 10. Armeekorps soll besonders eingehend gewesen sein. Der Kaiser soll sich anerkennend über die Marschleistungen sowie über die Infanterie, Artillerie und in besonderem Maße auch die technischen Truppen ausgesprochen, dagegen sich scharf gegendieUn zuläng lichkeitderKavaUerie- führung gewendet und den Mangel an richtiger Initiative seitens der Höheren Reitersührer getadelt haben. Der Kaiser hat ferner vor Nachtangriffen, außer im übersichtlichen Terrain, dringend gewarnt. Die Eigenart der von Borgholz auf Rothe führenden Straße, des Angriffsweges der 41. Infanteriedivision, hat es mit sich gebracht, daß einzelne Bataillone in der Dunkelheit nach einer ganz falschen Richtung angeseht wurden. Als der Tag graute und der Kaiser noch während des Halb­dunkels die Stellungen abritt, standen mehrere Abteilungen von Blau auf nahe Entfernungen im Feuergefecht gegeneinander, ohne zu wissen, daß Freund auf Freund schoß. Der Kaiser hat die kriegsmäßige Möglichkeit eines solchen Durch­einanders durchaus anerkannt, aber Wieder­holungen ähnlicher Nachtangriffe als nicht angebracht bezeichnet. — Auch schwere Unfälle hat es bei den Kaisermanövern gegeben. So schreibt der Berichterstatter des ,Rhein. Wests. Anz/ in Nr. 209: „Eine stramme Brise milderte den Tag hindurch, selbst in den Mittagsstunden,

die Wärme so angenehm, daß e8 eigentlich un- verständlichist,wiebei man chenReg im entern über300Mannzusammen gebrochen sind, und die Feldlazarette dem Bedürfnis kaum genügten. Bei den Hanseaten, dem 76. Regiment, mußten 30 Leute, die schwer erkrankt sind, mit dem Wekerdampfer abtransportiert werden und einzelne Reservisten werden sich heute einen Knacks fürs Leben ge­holt haben."

* Prinz August von Sachsen-Koburg-Gotha ist am Samstag um %12 Uhr in Karlsbad g e- st o r b e n. Prinz August von Sachsen-Koburg- Gotha, Herzog von Sachsen, wurde am 9. August 1845 in Eu in Frankreich geboren als Sohn des Herzogs August von Koburg-Cohary und dessen Gemahlin, der im vorigen Jahre verstorbenen Prinzessin Klementine, geb. Prinzessin von Frankreich. Er trat in die kaiserlich österreichische Marine als Linienschiffsleutnant, vermählte sich im Jahre 1864 in Rio de Janeiro mit seiner Cousine Leopoldine, der Tochter des Kaisers Dom Pedro von Brasilien. Von dieser Zeit an hatte der Prinz seinen Wohnsitz meist in Bra­silien, teils in Oesterreich. In beiden Ländern, avancierte er auch nach und nach zum Admiral. Schon im Jahre 1871 verlor Prinz. August von Koburg seine Gemahlin durch den Tod. Der Ehe des Prinzen August mit der Prinzessin von Brasilien entsprossen drei Söhne. Seit der Ent­thronung seines Schwiegervaters, des Kaisers von Brasilien, hatte Prinz August von Koburg seinen Wohnsitz ganz nach Wien verlegt. Mit feinem Tode verlieren Fürst Ferdinand von Bul­garien, Erzherzogin Klothilde von Oesterreich und Prinz Philipp von Koburg ihren Bruder, die in Regensburg lebende Fürstin von Thurn und Taxis ihren Onkel. __

* ZweiHandwerkerkongreffe haben in letzter Zeit die Aufmerksamkeit aller derjenigen Kreise auf sich ge­lenkt, die sich für eine gesunde Mittelstandspolitik interessieren: Der allgemeine deutsche I n n u n g s - und Handwerkertag in Eisena ch und der deutscheHandwerks- undGewerbekammer- tag in Straßburg. Dec früher zwischen beiden Versammlungen zu Tage getretene Gegen­satz, namentlich bezüglich des Befähigungs­nachweises, ist erfreulicherweise verschwunden. Auf der Tagung in Eisenach lehnte man es ab, über den allgemeinen Befähigungsnachweis zu diskutieren, man befaßte sich auch hier nur mit dem kleinen Befähigungsnachweis. So ist es erfreulicherweise zu einer einmütigen Anerkennung des vor kurzem dem Reichstage zugegangenen Gesetzentwurfs über den kleinen Befähigungsnachweis sowohl seitens des Jnnungs- tages in Eisenach als seitens des Kammertages in Straßburg gekommen. Der Reichstag wird sich jetzt sagen können, daß es sich um eine ein­mütige Forderung des organisierten Handwerks handelt. Uebereinstimmung der Anschauungen und Beschlüsse hat sich auch bezüglich der Sicherungen der Bauforderungen er­geben. Beide Kongresse versprechen sich von dem Gesetzentwurf zur Sicherung der Forderungen der Bauhandwerker großen Nutzen für daS Hand­werk und vor allem eine Eindämmung des über­hand nehmenden Bauschwindels. Beide Ver­sammlungen verlangten auch eine Ausdehnung der bisher nur für Neubauten vorgesehenen Be­stimmungen des Gesetzes auf An- und Umbauten. Auch in diesen Punkten wissen nunmehr bi« handwerkerfreundlichen Parteien, was das Hand­werk von der Gesetzgebung will; das kann beiden

Lebenswege.

Roman von Klara Wilhelmi.

(Nachdruck verboten.)

„Nun, ich denke, seit Du hier morgens meine Melle versehen kannst, habe ich dies auch ge­tan," entgegnete Frau Helene, „ich hörte jedoch gestern abend, daß die Schwester meiner Freun­din in Neudorf angekommen und mich heute nachmittag dort zu sehen wünscht. Findest Du Vergnügen daran, mich zu begleiten, so kann mir dres nur angenehm fein."

ja, so von Herzen gern, doch sind wir zu Mittag früh fertig? Es ist Donnerstag, heute ^bekommen die Kranken und Armen ihre Sup­pen."

. „Eben darum bin ich heute früher aufgestan- den. Wir fahren mit der Post hin und kommen beute abend zu Fuß wieder zurück; es ist ein ,schöner Spaziergang."

Frau Helene Schmidt war eine jugendliche Drau, nicht ganz so groß, aber korpulenter als hre jugendliche Schwester. Sie hatte ein leb- iaftes Temperament und war äußerst gutmütig, vußte dabei aber das Hausregiment strenge zu »andhaben. Im ganzen Städtchen war sie ebenso >eliebt wie geachtet. Den Armen und Kranken var sie eine Hülfe in der Not, und es war ihr Jnc Freude, wenn sie irgendwo das schwere Los >aLer Mitmenschen lindern konnte. Kein Leiden- r, mochte er des Rates oder der Tat bedürftig ,„v 6Mg ungetröftet von ihr fort. Dafür blieb

Segen des Himmel nicht aus. Der , tbreS Hauses hob sich mehr und mehr,

Pen Ehe -^em ®atten lebte sie in der glücklich- «i ^ller Sonnenschein lag auf der Landschaft Fix $ Us.m tV der azurblaue Himmel spiegelte M H* ".en3 klaren Wasser des nicht unbebeuten- AL-FlusseZ, andMn.Aer da- Städtchen erbaut

war. Nur mitunter kräuselte sich die glänzende Oberfläche desselben, wenn ein leichter Wind darüber fuhr, und die kleinen Schaumkrönchen, welche sich dann auf den Wellen zeigten, glänzten herrlich im Sonnenschein. Feld und Busch prang­ten im schönsten Frühlingsschmuck und das in der Ferne aufsteigende Gebirge mit seinen zackigen Gipfeln zeigte sich in voller Klarheit. Recht ftohen Herzens fuhr Köthcheu an der Seite ihrer Schwester in die lachende Gotteswelt hinaus und freute sich ihres jungen Lebens. Auch Helene war heiter angeregt in der Freude des bevor­stehenden Wiedersehens der lange abwesenden Freundin.

Bald nachdem der Postwagen Neudorf erreicht und die Damen beim Kaffeetisch zusammensaßen, umwölkte sich der Horizont. Die drohenden Wol­ken stiegen immer höher und höher; die Vögel flatterten ängstlich umher und verbargen sich zwischen den Blättern der Bäume. Immer näher und schwerer rollte der Donner, und der Regen begann in einzelnen dicken Tropfen hernieder- zufallen. Da durchzuckte ein greller Blitz die dunkle Luft, schwer dröhnte der Donner hin­terher.

„Es ist mir stets recht ängstlich zu Mute, wenn ich während eines Gewitters von Hause ab­wesend bin. Ich befürchte dann immer, daß den Kindern etwas passiert," sagte Frau Schmidt.

„Nun, wir sind ja überall in Gottes Schutz, der liebe Gott behütet Dein Haus und Deine Kinder besser, wie Du es vermagst, sei deshalb nicht ängstlich, Helene," beruhigte sie die Freundin.

Blitz auf Blitz fuhr hernieder, immer heftiger strömte der Regen.

„Bei solchem Wetter werdet Ihr aber nicht nach Hause gehen können. Wie wäre es, wenn Ihr diese Nackt bei uns bliebet?" fragte, an das Fenster tretend, die Hausfrau.

, „O nein, nicht hier bleiben," protestierte Käthchen. Schmidt und die Kinder erwarten

uns diesen Abend sicher zurück, nicht wahr, Helene?"

„Freilich tun sie das," entgegnete diese, „ich hoffe, daß der Regen nachläßt und das Gewitter sich verzieht; um so schöner wird dann heute abend unser Heimweg. Eine Stunde Weges ist rasch zurückgelegt."

„Du bliebst doch früher gerne hier. Es er­wartet Dich gewiß noch jemand," sagte neckend die junge Frau zu Küthchen.

„Nein, wer sollte mich erwarten?" antwortete sie lachend. „Und seht Ihr? Durch die zerrisse­nen Wolken blickt fchon wieder der blaue Him­mel, bald wird auch die Sonne wieder ihr freundliches Gesicht zeigen."

Küthchen hatte richtig geurteilt; nach einer halben 'Stunde strahlte hie ganze Natur in der früheren Klarheit, und 'e9 blieb also bei dem gefaßten Entschluß. Einige Stunden später be­gaben sich die beiden Damen auf den Heimweg. Es war ein genußreicher Abend. Die Schöpfung war durch den erquickenden Regen tote verjüngt. Das weite Tal mit seinem Bergeskranze, Bäume und Gebüsch, alles prangte im grünen Blätter­schmuck, von der Abendsonne vergoldet.

„Denke Dir, was Martha mir heute morgen mitteilte", Hub Küthchen an. ,.Jn der Stadt geht das Gerücht, ich würde Herrn Frank hei­raten."

„Würdest Du auf seine Werbung einwilli­gen?" fragte Helene.

„Wenn er um mich würbe, könnte ich viel- leicht darauf anworten; dies wird aber nicht ge- schehen."

„Doch, Küthchen, vor einigen Tagen sprach er mir gegenüber den Wunsch aus, Dich als Gattin in sein schönes Heim zu führen."

„Es ist nicht möglich!"

„Ueberrascht Dich dies so sehr? Es schien mir schon länger so, daß Herr Frank mit diesem Ge- bgnfen umgehe, und jetzt kürzlich fragte ex, oh, ich

erlaube, daß er um Deine Hand werbe. Aber Du sagst ja nichts dazu, Küthchen?"

„Ja, es überrascht mich sehr, dieser Gedanke lag mir so fern. Ich bin viel jünger wie er und ich glaube nicht, daß ich mich dazu entschließen werde, einem Manne die Hand zu reichen, welcher den Jahren nach mein Vater fein kann."

„Bedenke aber, welch' angenehmes Leben Du als feine Gattin führen kannst. Es wird nicht Jeder geboten, Herrin einer so schönen, großen Besitzung zu werden. Dazu würdest Du hier in nächster Nähe bleiben, wir brauchten uns nicht zu trennen und können in beständigem Verkehr miteinander bleiben."

„Und dafür werde ich einen alten Mann be­kommen, welcher feine junge Frau eifersüchtig bewacht und sie durch verdrießliche Launen zur Verzweiflung bringt," unterbrach Küthchen die Schwester.

„Wie kannst Du nur so sprechen?" entgeg­nete diese in vorwurfsvollem Tone. „Ich kann nicht bestreiten, daß Herr Frank bedeutend älter ist als Du; was Du hingegen von „eifersüchti­gem Bewachen" und „verdrießlichen Launen" sprichst, ist Torheit. Er ist durch und durch ein Ehrenmann."

„Letzteres will ich ihm durchaus nicht abspre­chen, aber ich habe zu oft gelesen und gehört, daß alte Männer stets verdrießlich und eifer­süchtig auf ihre jungen Frauen sind. Freilich, einige tragen dieselben auch auf den Händen, aber das sind eben Ausnahmefälle."

„Und weshalb kann Herr Franke nicht auch zu diesen Ausnahmen gehören?"

„Ich finde, er hat an Dir eine gute Fürspre­cherin," sagte Küthchen etwas gereizt.

„Das eben nicht", entgegnete Helene ruhig; „ich habe jedoch nur Dein bestes im Auge und muß für Dich sorgen, als ob Du mein Kind seiest. Es ist aber fern von mir, Dich zu einem solch' wichtigen Entschluß bereden zu wollen."