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M 210.

Fulda, Freitag den 13. Sevtember iwi7.

34. Iahraana.

Zweites WLcrtt

Die jipalt fragt «itfiirm Katholidrntoge.

Die soziale Frage hat auch auf dem dies« jährigen Katholikentage zu Würzburg wiederum eine weitgehende Berücksichtigung erfahren. In einer Reihe bemerkenswerter Resolutionen hat der Katholikentag zu den schwebenden sozialen Zeitfragen Stellung genommen. Er reiht sich damit würdig seinen Vorgängern an, in deren Verhandlungen die soziale Frage stets einen her­vorragenden Platz eingenommen hat. Seit der große soziale Bischof Freiherr von Ketteler auf dem ersten Katholikentage zu Mainz im Fahre 1818 die, Katholiken Deutschlands zur freudigen und eifrigen Mitarbeit an der Lösung der so­zialen Frage aufgerufen hat, sind die sozialen Fragen von der Tagesordnung der Katholiken­tage nicht mehr verschwunden. „Die soziale Frage ist die schwerste Frage", sagte damals in Mainz in klarer Erkenntnis der Lage der große Bischof. Er hat damit Recht behalten. Trotz jahrzehnte­langer mühevoller Arbeit an der Lösung der so­zialen Probleme stehen diese auch heute noch durchaus im Vordergründe des öffentlichen In­teresses. Obgleich manches geschehen, bleibt doch noch sehr viel, wenn nicht das meiste zu tun übrig. Eine Frage, die so sehr in dem Organis­mus der Völker eingreift und diesen in Unord­nung bringt, braucht Generationen, ehe es ge­lungen ist, das Gleichgewicht der Kräfte wenig­stens einigermaßen wieder herzustellen. Die deut­schen Katholikentage können das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, durch den Mund des großen Ketteler auf die epochale Bedeutung der sozialen Frage mit an erster Stelle hingewiesen zu haben.

„Die soziale Frage ist eine Bildungsfrage", sagt der Berliner Nationalökonom Profe'sor Schmollen Man mag dieses Wort in seiner Be- deutung auffassen, wie man will, sicher ist. daß, wie es in der ersten der Resolutionen der Würz­burger Katholikenversammlung über die soziale Frage, heißt, das letzte Ziel aller auf die wirt­schaftliche Hebung der Ertverbsstävde gerichteten, vom Geiste des Christentums getragenen sozialen Bestrebungen erhöhte Anteilnahme an den geisti­gen und sittlichen Gütern der christlichen Kultur ist. Hand in Hand mit der sozialen Arbeit müs­sen darum gehen die

Volksbildungsbcftrebungeu, ohne deren Vorarbeit auch die in unserer Zeit unentbehrliche einsichtige soziale Selbstbetäti­gung der einzelnen Stände nicht erwartet werden kann. Der Katholikentag empfiehlt deshalb von neuem als bewährte Einrichtungen zur Pflege von Geist und Gemüt unter den weiten Volkskreisen die von Standesvereinen oder ge­meinnützigen Vereinigungen geleiteten Bor- rrags- und Unterrichtskurse, Volksbildungs­abende, öffentliche Bibliotheken und Lesehallen, in denen edle Werke der Wissenschaft und Kunst dargeboten werden: ferner die Verbreitung gu­ter Schriften und Bildwerke durch die katholische Kolportage.

Die christliche Sozialpolitik unterscheidet sich grundsätzlich von der sozialdemokratischen. Für letztere ist der Kampf zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer der Endzweck, während erstere un- rer Ablehnung des Klassenkanwfstandpunktes letzten, Endes auf den gewerblichen Frieden und eiae Versöhnung der bestehenden Gegensätze gerichtet ist. Die christliche Sozialreform legt da­her ganz besonderen Wert auf Einrichtungen, die dein genannten Ziele zu dienen geeignet erschei­nen. Deshalb entpfiehlt die Katbolikenversautm- lung den, Abschluß kollektiver Tarifver- trage, die Errichtung paritätischer A r b e i t s- k a m nt e rn, verbunden mit Schiedsgerichten und Eintgungsamtern zur Verhinderung von Streiks und Aussperrungen, sowie die Einführung von A rb e t t er aus schüss en in öffentlichen und privaten Betrieben.

Als eine der dringendsten sozialpolitischen Aufgaben der Gegenwart erachtet der Katboli- ^utag init Recht die Reform der Arbeiterver» vEnisse tn der Heimarbeit. Er bedauert, l intens der Regierungsvertreter schon h^y°rt versprochene gesetzliche Schutz M unb rf£ft «ar nicht verwirklicht

setz 8rfipr[mt* stn baldiges entsprechendes Ge- « - auch die auf tue Selbsthülfe der Heimarbeiterschaft abzielenden beruflichen Or- gamsa nonen, halt er für wichtig, desgleichen die auf charitatwer Grundlage beruhenden Bestre­bungen zu ihrer sittlichen und sozialen Hebung.

An Bedeutung den vorgenannten Fragen kaum nachstehend ist heute das Gebiet der

Jugendfürsorge.

'Äer Katholikentag erachtet es daher als eine dringende Pflicht der Katholiken, den Bestrebungen ?ur Förderung der schulentlassenen Jugend er­höhte Beachtung zu schenken. Als eines der wich» »rgsten Mittel der Fürsorge für die schulentlas-

Männliche Jugend haben sich in Stadt Land die konfessionellen Jugendver- daher die kräftigste Unter- KSnh rrxtemn’ Auch für die weibliche ^end sind Vereinigungen heute notwendig, ^b^^vl'kentag begrüßt den ueugegründeten Kh"fL Patronagen für jugendliche fbLmmpCntohLltTnneit f°toie anderwärts den Enh tn Ä.2erh erwerbstätigen weiblichen

S^ab(OTÄtflre|ni0itt0ert Unb Jugend- wtetlungen als Vorschulen der katholischen Ar- ^ L-?^nvereme welche letztere ebenso wie die !^K^"^rberterveretne aufs neue dringend empfohlen werden.

Unter den durch die Neuzeit notwendig ge­wordenen Standesvereinigungen verdienen die katholischen Dienstbotenvereine noch eine besondere Beachtung. Die Lage der weiblichen Dienstboten sowohl in religiös-sittlicher als in gesellschaftlicher und sozialer Beziehung erfordert solche Vereinigungen, weshalb der Katholikentag deren Gründung angelegnetlichst empfiehlt. Gleichzeitig spricht der Katholikentag die Hoff­nung aus, daß auch die Herrschaften ihren Dienst- boten zeitgemäßes Verständnis entgegenbringen und mit denselben soweit als möglich Hand in Hand zu arbeiten suchen. Des Mittelstandes, ländlichen wie gewerblichen, gedenkt der Katholi' kentag wiederum in eingehender Weise. Er hält einen umfassenden gesetzlichen Schutz dieser Be­völkerungsschichten für notwendig, unterläßt aber auch nicht, auf die Bedeutung der Selbst- Hülsebestrebungen für den Mittelstand hinzuwei- sen. Desgleichen erachtet er die Bestrebungen der Privatangestellten, ihre wirtschaft­liche Lag« durch Staats- und Selbsthilfe zu he­ben, für begründet.

Weiter tritt der Katholikentag ein für den katholischen Frauenbund, für die Notwendigkeit einer besseren hauswirtschaftlichen Bildung der Heranwachsenden weiblichen Jugend, für die Mit- arbeit der gebildeten Kreis? auf sozialem und charitativem Gebiete, insbesondere für die Ein- richtung sozial-charitativer Vereinigungen unter der katholischen Studentenschaft, für die Anstel­lung weiblicher Beamten bei der Gewerbeinipek- tion — alles bedeutsamer und zeitgemäßer Auf­gaben auf sozialen Gebiete.

Man kann nur dringend wünschen, daß diese Beschlüsse des Katholikentages ihre Wirkung bei den beteiligten Kreisen nicht verfehlen. Mögen sie, einmal den gesetzgebenden Faktoren ein Be- weis sein, daß das katholische Deutschland die

Fortführung einer gesunden Sozialreform für alle diejenigen, welche unter der neuzeitlichen Entwickelung leiden und einen berechtigte» An­spruch auf die Hülfe des Staates erheben können, für dringend notwendig erachtet. Anderseits mögen die einzelnen Stände aus der Stellung­nahme des Katholikentages zu den sozialen Ta­gesfragen die Ueberzeuguug schöpfen, daß die Selbsthülfe ein ebenso wichtiger Faktor bei Lö­sung der sozialen Frage ist, als die Hülfe des Staates, und demgemäß den guten Vorsatz fassen, von neuem tatkräftig selbst Hand ans Werk zu legen, um die sozialen Schwierigkeiten zu be­seitigen.

/♦ Wie der Kaiser m Manöver lebt.

Die Kaisermanöver sind beendigt, in denen Teile der Armee vor dem höchsten Kriegsherrn dre Probe ihrer Kriegstüchtigkeit abzulegen hatten. Jeder Mann weiß, was das heißt, und ist auf seinem Posten. Der Kaiser verlangt nicht nur die äußersten Leistungen, sonderü geht auch allen mit dem besten Beispiele voran.

Die Lebensgewohnheiten des Kaisers während des Manövers sind von größter Kargheit und Anspruchslosigkeit. Keinerlei Bequemlichkeit gönnt er sich und lebt in allem und jedem wie der gemeine Soldat. Ws das Esten betrifft, so ist er völlig anspruchslos; ich habe eS schon erlebt, wie er mit der größten Anspannung der geistigen und körperlichen Kräfte den ggnzen Vormittag und halben Nachmittag die Manöver verfolgte, ohne überhaupt den Wunsch nach Speise und Trank auszusprechen. Findel sich aber Gelegen­heit, eine Minute dem Esten zu widmen, dann ist er mit jeder Kleinigkeit zufrieden, und wenn gerade nichts anderes bei der Hand ist, tut eS auch ein Butterbrot aus dem nächsten Bauern­haus. So hat er erst bei der letzten Herbst- parade des Gardekorps wieder von seiner An­spruchslosigkeit ein Beispiel gegeben, das wenig bekannt geworden ist. Als sich mehrere Kcm- pagnien in der Zwischenzeit vor dem zweiten Vorbeimarsch bei zusammengesetzten Gewehren »um Frühstücke setzten, ließ sich auch der Kaiser kurz entschlosten aus der zunächst liegenden Wirtschaft zwei Blockwürste, ein Butterbrot und ein Glas Bier bringen und sich dieses Frühstück schmecken. Aach vor einigen Jahren sandte er einen Adjutanten beim Manöver in ein naheliegendes Gehöft, um ihm einen Imbiß zu holen. Die Bauern waren bestürzt, weil sie nichts im Hause hatten, was sie dem Kaiser anbieten zu dürfen glaubten. Inzwischen war der Kaiser heran- geritten und fragte: „WaS? Sie haben nicht Brot und Butter im Hause?!" Während der ganzen Zeit kennt der Kaiser weder Ruhe noch Erholung und ist ebenso bereit, nach zwei bis drei Stunden Schlaf schon um Mitternacht wieder aufzubrechen, wie er bei größtem Sonnen- brande stundenlang im Sattel sitzen kann. Von seiner unermüdlichen Pflichterfüllung möge folgende Episode Zeugnis ablegen. Er ließ einmal dem General von Lentze die Aufforderung zugehen, ihm den Operationsbesehl für den nächsten Tag zu senden. AuS taktischen Gründen kam Lentze diesem sBefehl aber erst sehr spät nach. Am nächsten Morgen mußte Lentze erfahren, daß der Kaiser deshalb die Nacht nicht, geschlafen hatte. Denn bei der ersten Begegnung sagte der Kaiser zu ihm: „Ich wartete bis 11 Uhr, ober, lieber Lentze, ihr Befehl kam nicht; ich wartete bis 12 Uhr, Ihr Befehl kam immer noch nicht; ich wartete bis 1 Uhr, faß bis 2 Uhr munter, da

kam er endlich; aber da lohnte es sich nich mehr, schlafen zu gehen."

Selbstverständlich hat der Kaiser für alles int Manöver ein Auge. Dabei ist aber, wie der eben geschilderte Vorgang beweist, die Meinung ganz irre, daß er nur seine Auffassung gelten laste. Im Gegenteil! Jede Ansicht ist ihm will­kommen, wenn sie nur eine klare Beurteilung der Sage zeigt. Fester, sicherer Entschluß bei den vielen, widersprechenden Meldungen und rasche Initiative sind ihm die Hauptsache. Und mehr als einmal sagte et bet der Kritik: „Sie wissen ja, meine Herren, ich habe darüber eine andere Anschauung. Aber Taktik ist Ansichtssache."

Er kontrolliert die Manöoerleistungen im Großen wie im Kleinen. Er verschmäht es so- gar nicht, wenn die Leute schußbereit im Grase liegen, sich selbst auch hinzulegen unö nachzusehen, ob sie gutes Schußfeld und die Soldaten richtig eingestellt haben. Zu einem Soldaten sagte er im vorigen Jahr bei dieser Gelegenheit: „Mein Sohn, worauf zielst du eigentlich? Du wills doch nicht etwa die Sonne herunterschießen!" Bei allen Strapazen und Mühen verliert der Kaiser nicht feinen Humor. Nicht selten ermuntert er die ganze Mannschaft, die schon durch die Strapazen vieler Tage ermüdet ist, durch ein Wort wieder. Bei dem Kaisermanöver in Posen fragt er eine bestaubt daherziehende Kolonne: „Habt Ihr Durst, Leute?" „Jawohl, Majestät!" „Ich auch! Aber wir wollen alle nichts zu trinken. Aber tröstet Euch, es wird bald — regnen!" Die ganze Mannschaft brüllte vor Begeisterung und zog freudig bewegt weiter.

Wenn der Kaiser selbst eine Armee-Abteilung führt, bann unterwirft er sich ganz den Be­stimmungen, wie jeder andere Führer auch. Seine Aufgabe erhält er von dem Chef des Großen Generalstabes, General von Moltke, ge­stellt. Auch die Kritik, die dann seinen Leistungen folgt, ist vollkommen sachlich, ohne Rücksicht da­rauf, daß in diesem Falle der Kaiser selbst der Führer ist.

Die Wohnung des Monarchen ist so einfach wie nur möglich, wenn er im.kaiserlichen Manöver­zelt seinen Ausenthalt nimmt, und nicht etwa, wie z. B. wenn das Manöver in der Nähe der Küste ist, auf feinem Schiffe. Das kaiserliche Manöverzelt besteht nur aus wenigen Räumen, in deren einem ein einfaches Feldbett steht, während die andern teils als Speise-, teils als Arbeitsraum dienen. Sowie der Kaiser auf­bricht, wird das Zelt sofort verpackt und unver­züglich an den Ort transportiert, wo er den nächsten Aufenthalt zu nehmen gedenkt. Dabei muß be­sonders Sorge dafür getragen werden, daß bei dem neuen Aufbau des Zeltes alle Sachen in derselben Ordnung und an demselben Platze liegen wie bei der früheren Lagerung. Besonders die Schriftstücke auf dem Schreibtische wünscht der Kaiser in der Sage wiederzufinden, wie er sie verlassen. Von hier aus ist er mit allen Abtei- langen und Korpsführern durch Feld-Fernsprecher und Feld - Telegraphen verbunden, sodaß er zu jeder Tages- und Nachtzeit Befehle geben und empfangen kann. Daneben stehen ihm noch Adju­tanten, Generalstabs-Offiziere und Automobil- Abteilungen zur Erteilung von Befehlen zur Ver­fügung. Hier ist auch der Ort, wo er sich mei- stenS mit den fremden Gästen, die dem Manöver beiwohnen, trifft und von wo aus er sich dann inS Manöver begibt.

*. Moderne Zittlichkeilsbegriffe.

Aus Neu-Heringsdorf bei Berlin werden in der Nr. 35 der „Allgemeinen Rund­schau" von Dr. Armin Kausen in München Dinge berichtet, welche uns an nichts weniger als an das „Reich der Gottesfurcht und from­men Sitte" erinnern. Dort heißt es: „Wer in diesen Sommertagen den Mauern Berlins zu entfliehen trachtet in westlicher Richtung, wird sich bald über die starke Besetzung der Eisenbahn- ziige nach Potsdam wundern. Und wenn er sich das reisende Publikum etwas genauer ansieht, wird ihm die weiße Rolle, die Frauen und Mäd­chen unter dem Arme tragen, bald sagen, daß er es mit Badegästen zu tun hat: ins Seebad geht's, stach Neu-Heringsdorfl" — Und nun wird uns erzählt, wie nach nur halbstündiger Fahrt der von dunklen Tannen und glänzenden Villen umstandene Wannsee und seine Flächen sich vor uns ausdehnen, und darnach bemerkt, welch eine Veränderung feit Anfang dieses Früh­jahres in die sonst hier so heilige, geheimnisvolle Ruhe gekommen. „Welch ein Johlen, Juchzen, Schreien! Welch ein Stoßen, Drängen, Schie­ben! Woher dieser Wechsel? Der Ortsverein von Wannsee hat am Anfänge d. I. den Ent­schluß gefaßt, dahin zu wirken, daß dieser Teil des Wannsees polizeilich freigegeben werde zu einem Volksbade, und zwar ohne jede Ein­schränkung oder Bedingung." — Da die Polizeibehörde ein so weitgehendes und eigenartiges und neuartiges Gesuch rund ab- lehnte, wurde der Landrat angegangen: er gab anstandslos die Genehmigung. — „Welch ein Jubel durchbrauste da Jung- und Alt-Berlin nebst Vororten! Die alten „philisterhaften" Schranken waren durchbrochen: jetzt begann ein lustiges Badeleben. Auf offenem Strande wurde an- und ausgekleidet, jung und alt, Vater und Kind, Jungfrau und Jüngling. Dann gings gemeinsam inS Wasser und „man amüsierte fick

köstlich" 1 Zur Abwechslung wurden am Strande Ringkämpfe veranstaltet, wobei einem aus Mal­heur das Rückgrat zerbrach. Den Höhepunkt des Badelebens brachten allerdings die Sonntage, wo man einmal die Badegäste auf 50 000 schätzte . . . ."

Wir versagen es uns, aus in der Sache lie­genden Gründen, auf das von der „Allg. Rund­schau" geschilderte aller guten Sitte Hohn spre­chende, ekelhafte Treiben an dieser Stelle ein« zugehen: Die „Allgemeine Rundschau" spricht in ihrem beherzigenswerten Artikel ein sehr deutliches Wort, welches man dort nachlesen möge, und sagt dann am Schlüsse:

„Soviel an uns liegt, erheben wir im Namen aller Freunde einer echten, christlichen Sittlich­keit Protest gegen diese Skandalwirt­schaft und fordern, sollte sich diese nicht selbst durch ihre eigene Torheit auf heben, entweder Zurückziehung der Erlaubnis, oder Erfüllung zweier Bedingungen: 1. Trennung der Geschlechter, 2. Ankleidekabinen. Bis dahin wird es für Seelsorger und Eltern eine Ge­wisfenspflicht fein, ihren Zöglingen und Kindern den Besuch dieses Freibades zu ver­bieten."

Wir benutzen gerne auch diese Gelegenheit, wiederum besondere A n e r k e n n u n g der „Allg. Rundschau" auszusprechen dafür, daß sie sich nicht scheut, den Finger auf manche Wun­den unserer Zeit zu legen und den berufenen Wächtern ins Gewissen zu reden.

vermischtes.

* Kein Jägerlatein. Eine „wahrhaftige Epi­sode" erzählt der „Zaberner Anz." aus Stam­bach: An einem schönen Sommermorgen ,gegen 6 Uhr in der Frühe, stand der Wirt „Zur Grei­fensteiner Mühle" vor der Tür an der Straße und betrachtete zur Erkundung des Welters für diesen Tag prüfend den Horizont. Plötzlich wurde sein Augenmerk auf einen noch jugendlichen Reh- bock gelenkt ,der am Kanal entlang angaloppiert kam und sich augenscheinlich auf der Flucht be­fand. Gerade vor der Wirtschaft machte er Plötz, sich halt, da ihm mehrere Arbeiter den Weg ver­legten; als er Kehrt machen wollte, wurde ihm auch der Rückweg durch ein herankommendes Fuhrwerk abgeschnitten. Kurz entschlossen, sprang er über die Straße und lief direkt durch die of­fenstehende Tür in das Gastzimmer der Greifen­steiner Mühle. Dem Wirt — nebenbei bemerkt, ein gewaltiger Nimrod vor dem Herrn — schlug fein Weidmannsherz in hörbaren Schlägen unter der Weste und er lief eiligst hinzu, um dem sel­tenen Gast einen recht „warmen Empfang" zu bereiten. Da jedoch infolge des alltäglich vorzu- nehmenden Reinigungsprozesses alle Türen ofsenstattdeu, so sah der Wirt nur noch, wie der Rehbock, ohne, etwas zu verzehren, die „Blume" lüpfte, feite „Losung" abgab und durch die Hin­tertür wieder ins Freie sprang. Nachdem er den Hof durchquert, watete er durch den dort seichten Zornbach und verschwand in den Jagdgründen des Greifensteiner Waldes.

Literarisches.

Die psychologische Gnmdftimmuug in HansjakobS Schriftstelleret. Zu Heinrich Hansjakobs 70. Ge­burtstag hat der Herausgeber des Hochland, Karl Muth, im Augnsthest eine Analyse seines literarischen Schaffens gebracht, worin er auf die obige Frage zu sprechen kommt. Muth schreibt: „Hansjakob nennt sich selbst mit Vorliebe einen Bauernschriststeller, und er liebt das Bauerntum, das gemeine naturfrische Volk, und die Scholle, wo­rauf cs haust, mit der gleichen Inbrunst, mit der er alle städtische Hypcrkultur, alle Lebensverfeine­rung sowie die gesamte moderne geistige und leib­liche Uuiformswirtschast haßt. Und warum? Etwa weil er selbst wie seinem Ursprung so auch jetzt noch einem Empfinden und Bedürfnis nach ein Bauer ist und deshalb instinktiv in ererbten Konservativis­mus an feiner Art festhält? Nichts weniger als dies. Hansjakob ist vielmehr unbewußt ein Kultur« mensch in seinen persönlichen Ansprüchen sowohl wie in seinem Empfinden, aber wie so viele Tau­ende leidet er unter der Kulturlast des Jahrhunderts, und da er einst in einer poesievollen Jugend das große Glück eines von Kultnrplagen unbeschwerten Lebens selber genossen und damals wie auch später l>ti andern beobachtet und mitempfunden hat, deshalb flüchtet er aus der Kultur zurück in die ein» achen, gesünderen Zustände der mit der Scholle ver­wachsenen natürlichen Menschen und wird bewußt und geistig ein Bauer und Kulturverächter, den er physisch zu fein weder die Gesundheit noch die Kraft der Nerven hätte. Diesen Gesichtspunkt, diese Stim­mung muß man festhalten, wenn man an viele von Hansjakob Schriften mit rechtem Verständnis und einerem Genuß herantreten will, und wo diese Stimmung fehlt, da wird ein großer Teil von seinen Werken gerade nach ihrer interesfantesten Seite hin nicht gewürdigt werden können."

Reklamen- und Anzeigenteil.

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