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Fernsprecher Nr. 9,

34. Jahraancl.

Fulda, Dienstag den 10. September 1907.

JV8 207.

v Stärkere Heranziehung der Beamten zur Uommunalsteuer.

Auf dem jüngst zu Heiligenstadt abgehatte- m n Bezirksverbandstag der ni Vereine wurden u. a. zwei wichtige Fra ae n aestreift' Die Befreiung der Aerzte und ^chtsanwölte von der Gewerbesteuer und die Bt freiung der Beamten von Kommunalabgaben.

Die letztere Frage hat bei den jüngsten Er- Srierungen wegen einer Reform der Ein- kr mmen steuer eine besondere Rolle gespielt. Aller Voraussicht nach wird sich der preußische Landtag in seiner nächsten Session im Anschluß an die Gehaltserhöhung der Beamten Mit der Frage zu beschäftigen haben, ob und,wieweit das bestehende Kommunalsteuer-Privilegium der Be- aniten aufrecht zu erhalten sei. Dieses Privi­legium, das das Diensteinkommen der Beamten entweder ganz von direkten kommunalen Steu­ern befreit oder es nur zum Teil heranzieht, ist im Kommunalabgabengesetz von 1893 deutlich als provisorisch gekennzeichnet worden. Zur Beurteilung der Sachlage sei zunächst darauf hingewiesen, daß bei der gesetzlichen Neuordnung der Materie die Militärpersonen nicht in Frage kommen würden, da nach § 42 des Kommunal­abgabengesetzes in bezug auf sie das bestehende Privilegium ohne Vorbehalt sanktioniert wird. Es wird sich also ausschließlich um die Zivil- heamten, Geistlichen und Lehrer han­deln. Ob nun diese Klassen auch heute noch ihre kommunalsteuerlichen Vorrechte weiter genießen sollen, das hat unter Berücksichtigung einer gro­ßen Zahl von Kommunen besonders eindringlich sine

Petition des hesiischen Städtetages erörtert, die das Herrenhaus in der Session 1904 und 1905 beschäftigt hat. Sie äußerte sich da­hin, daß aus den persönlichen Verhältnissen der Beamten heraus ihre Privilegierung nicht mehr berechtigt erscheint. Wenn in denr Gesetz vom 11. Juli 1822 gesagt werde, das Diensteinkoin- men der Beamten sei einerseits seinem ganzen Dasein nach abhängig von dem Leben, der Ge­sundheit und anderen zufälligen Verhältnissen der Person, andererseits seinem ganzen Betrage nach bestimmt und stehe dadurch gegen Grund-, Kapital- und Gcwerbseinkoinnien im Nachteil, so erwiderte die Petition, daß ja bei allen Steuerzahlern das Arbeitseinkommen von Ls- ben, Gesundheit und anderen persönlichen Zu­fälligkeiten abhängig sei. Das Dicnsteinkomineir der Beamten sei sogar gesicherter, weil es auch bei Erkrankungen und in ähnlichen Fällen unge­schmälert fortgesetzt werde und nach Dienstun­fähigkeit und Tod einen teilweisen Bezug als Pensions- und Reliktenversorgung übrig lasse. Dem ganzen Betrage nach bekannt sei ferner das Eiirkominen nicht mehr blgß bei den Beamten seit der durch das Gesetz vom 24. Juni 1891 ohne Unterschied des Berufs durchgeführten Selbsteinschätzung.

Die Petition bestritt ferner die mehrfach auf- gestellte Behauptung, daß die Unfreiheit der Be­amten in der Wahl ihres Wohnortes und die dadurch bedingte Gefahr, gegen ihren Willen in Gemeinden mit hohen Steuern versetzt zu wer­den, ein Steuervorrecht rechtfertige. Denn die Mehrzahl der Beamten, insbesondere die richter­lichen, die kommunalen, die Geistlichen und die Lehrer seien nur mit ihrem Willen versetzbar, und auch bei den übrigen konunc eine Versetzung gegen den Willen, insbesondere in älteren Jah­ren, nur ausnahmsweise vor. Einer Steigerung der Gemeindesteuern könne sich auch der Gewer­betreibende in den seltensten Fällen durch Ver­legung seines Wohnortes entziehen. . . .

In den Verhältnissen der Gemeinden sind auf der anderen Seite ebenfalls wesentliche Ver­

Ise Perle i>6 SDarzivaldes.

Roman von Ed. Wagner.

651 (Nachdruck verboten.)

Alice und Crafton hatten ihre Türen zu gleicher Zeit in großer Bestürzung geöffnet und letzterer war bemüht, das Mädchen zurückzuhal­ten, sowie er nur des Grafen Stimme erkannte. Alice aber riß sich unter Aufwendung aller ihrer Kraft von ihm los und flog mit einem Freu­densausruf die Treppe hinab. Drohend folgte ihr Crafton.

Unten angelangt aber näherte Alice sich Lord Glenham nur bis auf wenige Schritte und blieb dann stehen, bleich wie der Tod, während er, nicht weniger bleich, in einer Freude, die zu groß war, um ihn Worte finden zu lassen, die Arme nach ihr ausstreckte.

„Treten Sie zurück, Mylord!" rief da Gret­chen, 'ndem sie gleichfalls die Treppe herabkam. ^Wie können Sie es wagen, hierher zu kommen? ~PIC Annen Sie es wagen, sich Miß Alice in sol­cher Weise nähern zu wollen, Sie, der Mann Einer anderen?"

„Ich? Der Mann einer andern?" wiederholte der junge Graf wie abwesend.

* Swar der Lady Trevor!" rief Gret-

Crafton hat uns alles er- zahltl Wir kennen Ihre Hinterlist —"

„Das ist eine Unwahrheit!" unterbrach Gien- Ham sie entrüstet. ,,^ch bin nicht der Mann einer an- t« iT $. r • nj£?i,ie Frau geliebt wie Sie, Alrcel, Und sein Bück richtete sich voll Liebe .und Zärtlichkeit ans das junge Mädchen. „Komm zu mir, Geliebte, komm in meine Arme und an mein Herz, das nie eine andere geliebt hat und Mich nie eine andere wird lieben können, als nur Mich allein!"

änderungen eingetreten, die für den Wegfall der den Beamten gewährten Vorrechte sprechen. Früher, so wurde bemerkt, habe es sich um eine verhältnismäßig kleine Zahl bevorrechtigter Per­sonen innerhalb der einzelnen Gemeinden ge­handelt, durch das Hinzutreten neuer großer Beamtenkategorien, z. B. auf den Gebieten der Eisenbahn, der Post, des Telegraphenwesens und der Landesversicherung und durch die außer­ordentliche Vermehrung der Lehrerzahl sei der

Steuerausfall viel empfindlicher.

Früher seien die örtlichen Einrichtungen der Gemeinden den Beamten wenig, sondern vor­zugsweise den Gewerbetreibenden und Grund­stücksbesitzern zugute gekommen und demgemäß die Beamten für die Gemeinden weniger kost­spielig gewesen. Auch das treffe nicht mehr zu. Oertliche Einrichtungen, wie die Schulen, insbe­sondere die höheren, seien in erster Reihe für die Beamten von Nutzen. Beispielsweise seien in Kassel im Jahre 1902 unter den 3502 die höhe­ren Schulen besuchenden Kindern 1015 Kinder von Steuerprivilegierten gewesen und der städ­tische Zuschuß für diese Schulen habe ohne Ein­rechnung von Zinsen und Tilgung des Baukapi­tals 82 021 M betragen, so daß meist schon der Beamte mit einem Schulkinde mehr Zuschuß, für sein Kind erfordert habe, als er an die Gemeinde steuerte. Die Gewerbetreibenden und Grundbe­sitzer dagegen seien bei den Leistungen der Ge­meinde zu ihren Gunsten nicht mehr wie früher, im Vorteil seit sie dafür besondere Steuern (Ge­werbesteuer, Betriebssteuer, Grund- und Ge- bäudesteuer) und Gebühren (für Straßenher­stellung, Anlage und Betrieb der Kanalisation, Müllabfuhr usw.) zu zahlen haben. Endlich seien unter den Hausbesitzern viele Beamte, so in Kassel 246 von 3000 Zensiten zur Grund- irnd Gebäudesteuer, ungerechnet 31 dem Beam- tenwohnungsverein gehörige Häuser. ES ist fraglos, daß durch die neuere Gesetzgebung, ins­besondere die Novelle zum Einkommensteuerge­setz von 1906, die

Notwendigkeit einer anderweitigen Regelung noch dringender geworden ist. Denn während bisher nur die Personen von einem Einkorn- men von mehr als 3000 Mark vermöge der De- klarationspflicht mit den Beamten in der glei­chen Verdammnis waren, sind infolge jener No­velle, die die Arbeitgeber zu genauen Angaben über die Bezüge ihrer Angestellten und Arbei­ter zwingt, der Steuerbehörde die Einkommens­verhältnisse fast aller Steuerzahler bis ans Sie letzte Mark bekannt; nur etwa die ganz kleinen selbständigen Handel- und Gewerhetreibenden bilden jetzt noch eine kaum in Betracht kommende Ausnahme. Von großer Bedeutung ist außer­dem, daß nach dem neuen Schulunterhaltungs­gesetz vom 1. April 1908 ab die Volksschulen von den Schulsozietäten auf die Gemeinden über­gehen, also aus den Mitteln der Kommunal­steuern erhalten werden müssen. Da zu den Schulsozietäten in der Regel die Beamten nach dem vollen Betrage ihres Diensteinkommens bei­zusteuern hatten, so würde beim weiteren Fort­bestehen des Beamtenprivilegs der Entlastung der Beamten eine weitere Belastung der übrigen Komniunalsteuerpflichtigen folgen. Allerdings trifft dies für die Nheinlande und die meisten Gemeinden des rheinisch-westfälischen Jndustrie- bezirks nicht zu, da hier schon früher die Kom- munalisierung der Volksschulen durchgeführt worden ist bezw. nur Kommunalschulen bestan­den haben. Die bevorstehende Aufbesserung der Beamtengehälter wird endlich die Gelegenheit geben, die Reform des Beamtenprivilegiums vorzunehmen.

Die beiden Häuser des Landtages haben bis­her stets mit überwiegender Majorität den

Standpunkt vertreten, daß das Verlangen der Kommunen und kommunalen Verbände nach Aufhebung des Steuervorrechts an sich durchaus berechtigt sei, daß eine Beseitigung der vorhan- denen Mißstände aber nur gelegentlich etner Ge- Haltsaufbesserung erfolgen könnte, deshalb wur­den die betreffenden Petitionen, tote schon gesagt, der Regierung zur Erwägung überwiesen.

Es darf erwartet werden, daß im nächsten Winter das schon von 14 Jahren in Aussicht ge­stellte Gesetz über die Kommunalbesteuerung der Beamten zustande kommen wird. Daß dabei eine Schädigung der Beamten oder auch nur eine Absorbierung der Gehaltszulagen durch stärkere Heranziehung zu den Kommunalsteuern etntritt, dagegen muß allerdings Vorsorge getroffen werden, und zwar könnte dies unseres Erachtens wenigstens zum Teil durch eine entsprechende Abstufung des Wohnungsgeldzuschus- ses geschehen. Bei dieser Neuregelung des Wohnungsgeldzuschusses muß auch billige Rück­sicht auf die Kinderzahl genommen werden, das erfordert die ausgleichende Gerechtigkeit.

Deutsches Reich.

Berlin, 9. September 1907.

* Zu den Kaisermanöver», die .gestern, 9. September, begannen, stehen sich das 7. und 10. Armeekorps gegenüber. Das Manöverge­lände wird begrenzt von einer Linie, die sich von Salzuflen nach Hameln erstreckt, int Süden von der Linie Arolsen bis zu der durch die Werme gebildeten Scheide zwischen den Aus­läufern des Eggegebirges und des Reinhards- Waldes, int Westen bildet eine Linie in der Rich­tung von Salzuflen, Detmold, Lippspringe, Carlshafen, Hofgeismar die Grenze. Von Nord­westen nach Südosten zieht sich durch das Ge­lände der südliche Teil des Teutoburgerwaldes, der Lippesche Wald und das Eggegebirge mit sei­nen, an 450 Meter hohen Bergen und gewalti­gen Forsten, die bis an die Weser reichen und zum Teil steil zu ihr abfallen. — Die a l l g e- meine Kriegslage lautet: Eine rote Armee wtirde am 5. und 6. September zwi­schen Dülmen und Lünen von einer blauen Ar m e e geschlagen und gegen den Teutoburger Wald zurückgedrängt. Die genannten Orte lie­gen südlich von Münster. Rot ist das verstärkte zehnte Armeekorps mit der Kavallerie- Division b, blau das verstärkte s i e & en t e Armeekorps mit der Kavallerie-Division a. Die rote Partei versuchte später, um sich in den Besitz des Geländeabschnittes zu setzen, der durch den Bach Nethe gebildet wird, mit der 20. Division einen Angriff mit Sturm auf die Höhen von Hampenhausen. Die wesentlichen Teile der beiden Parteien wurden mit der Eisen­bahn bis in die Nähe des Gefechtsgeländes ge­führt und nach und nach ausgeladen, um sogleich einzugreifen. Gegen Mittag ließ die Heftigkeit des Gefechtes nach. Der Kaiser wohnte den Manövern in der Uniform der Jäger zu Pferde bei. Am Montag beobachtete er in Rothe die von Norden her über Höxter anrückende Kavalle­riedivision B, welche auf die Spitze des von Sü­den nahenden 7. Korps stieß. Die Kavallerie­division B. ging auf Brakel zurück. Daß die in den letzten Jahren erfolgten Neuerungen auf militärischem Gebiete, insbesondere der Mi­litärtechnik, in Anwendung kommen wer­den, ist selbstverständlich. Die Versuche mit den Fernsprechabteilungen werden im Ma- növer eine Erweiterung erfahren, die Tragver­suche mit der neuen Felduniform werden fort­gesetzt; ebenso soll die Frage der Beibehaltung der bisher vorgeschriebenen Biwaksart der In­fanterie geprüft werden. ’

Der Kaiser und unsere Kriegsflotte. An den Chef der Hochseeflotte Admiral Prinzen Heinrich ist folgende Allerchöchste Kadi« netsorder ergangen: „Als ich Eure König­liche Hoheit vor JahreSsrist auf den wichtigen Posten des Flottenchefs berief, deutete ich in meiner Order vom 13. September vorigen Jahres in kurzen Zügen die vielseitigen und zohen Aufgaben an, die Eurer Königlichen Hoheit in dem gegenwärtigen Stadium unserer Flottenentwickelung harrten. Die soeben zum Abschluß gebrachten Flottenmanöver haben gl meiner großen Freude und Genugtuung in allen Phasen mein Vertrauen in Ihre seemännischen und militärischen Fähig­keiten, sowie in Ihre Führereigenschaften in vollstem Maße gerechtfertigt. Es drängt mich, Eurer Königlichen Hoheit aus vollstem und wärmstem Herzen zu dem in so kurzer Zeit Erreichten Glück zu wünschen. Ihnen zu danken für die Hingabe, mit der Sie sich der Erfüllung der Aufgabe als Flottenchef gewidmet haben und Eurer Königlichen Hoheit auszu­sprechen, daß ich der weiteren Entwicklung der Hochseeflotte in Eurer Königlichen Hoheit Händen voll freudiger Zuversicht ent­gegensehe. Indem ich mir die Besprechung der Einzelheiten für die Kritik Vorbehalte, ersuche ich Sie, den Admiralen, Kommandanten und Offi­zieren meine vollste Anerkennung und den Mannschaften meine volle Zufriedenheit mit ihrem Eifer, ihrer Haltung und ihren Leistungen auszusprechen. Zu besonderer Freude und Genugtuung gereicht es mir, daß das Maschinenpersonal in voller Hmgabe an seinen Beruf und in zäher Ausdauer Hervor- ragendes geleistet und sich den höchsten An­forderungen gewachsen gezeigt hat."

* Zur Mrtrokkofrage. Die Antwort Deutsch­lands auf die französisch-spanische Note bezüg­lich der Bildung der Polizeitruppen in den marokkanischen Häfen ist, wie die ,Voss. Ztg/ von orientierter Seite erfährt, bereits abgegangen. Ein Meinungsaustausch mit anderen Ländern hat dieserhalb nicht stattgesunden. Wie das Blatt seiner Meldung weiter hinzufügt, hält man die Einreihung ftanzösischer und spanischer Soldaten in die Polizeitruppe für nicht günstig,dau.a. die Marokkaner, welche europäerseindlzch gesinnt find, die Soldaten sehr leicht als solche und nicht als lediglich zum Polizeidienst gehörend betrachten können. Uebriaens ist es nicht bekannt, ob auch die anderen Mächte die gleiche Note erhalten haben. . ,

* Morenaa. Aus Deutsch - Südwestafrika wird gemeldet: Bon den Anhängern Morengas haben sich 42 Mann, größten­teils Kriegsleute, mit 97 Weibern und Kindern, und 140 Stück Kleinvieh, in Nka- mas unterworfen. Sie werden in Warm­bad interniert.

r. Ministerialdirektor Schwartzkopsf rst nach beendigtem Urlaub nach Berlin zurückgekehrt und hat die Dienstgeschäste im preußischen Kultus- Ministerium wieder übernommen. Diese Nachricht wird von den liberalen Schreiern nach Zuge- ständniflen auf persönlichem Gebiet schwer auf die Nerven fallen.

* Gegen die Erhöhung der Einkommen­steuer macht nun auf einmal die .Freisinnige Zeitung' mobil, nachdem sie seit Jahren gerufen hat, daß das Reich noch eine Vermögens­steuer einführen soll. Jetzt gefällt es dem

Und wieder breitete er seine Arme aus und mit einem Aufschrei hellster Freude flog Alice jetzt in dieselben hinein und an seine Brust.

Ein langes Schweigen folgte, währenddessen Crafton in furchtbarer Wut mit den Zähnen knirschte. Mrs. Malson und ihre Haushälterin aber sahen erschreckt von einem zum andern; sie fingen an, die Wahrheit zu begreifen.

„Bringen Sie Miß Alice's Hut und Um­gang!" sprach der Graf endlich, zu Gretchen ge­wandt.

Die alte Frau gehorchte.

„Und nun, falscher Freund," richtete der Graf ruhig, aber mit ernster und strafender Stimme au Crafton das Wort, „wir scheiden hier für im­mer 1 Nach all deiner Schlechtigkeit und Ver- räterei können wir nie wieder zusammen ver­kehren. Deine Bestrafung überlasse ich Deinem eigenen Gewissen!"

Crafton antwortete nichts. Er verspürte große Neigung, sich auf den stolzen Sprecher zu stürzen und ihn niederzufchlagen, aber er war sich bewußt, daß der junge Graf stärker war als er selber. Aber dennoch fuhr seine Hand in­stinktiv nach seiner Brust, auf der er seinen Re­volver trug, allein die alte Sally, welche ihn scharf überwachte, erfaßte mit eisernem Griff seine Hand und hielt dieselbe fest, sodaß er sich nicht rühren konnte.

„Nichts da! Hier wird kein Verbrechen ver­übt!" rief sie entschlossen. „Der Schlüssel zur vorderen Gartentür hängt an einem Nagel rechts bei der Tür, Mylord! Gehen Sie und bringen Sie die junge Dame in Sicherheit!"

Und der Graf nahm Alice wie ein Kind in feine Arme und verließ so mit ihr, gefolgt von Gretchen, das einsame Hails und den verwilder­ten Garten.

Dreillndvierzigstes Kapitel.

Es war Abend. Lady Trevor saß allein in ihrem Boudoir. Sie ertoartete Mr. Piilsord und

hatte sich gegen alle Besucher verleugnen lassen. Das Gemach war glänzend erleuchtet und behag- sich erwärmt und sie hatte prachtvolle Toilette gemacht zu Ehren der Ankunft des Erwarteten. Diamanten, auf silberne Zweige gesetzt, schmück­ten ihr schwarzes Haar, und Diamanten glitzer­ten an ihrem Hals, an ihren Armen und Fin­gern. Mr. Pulford liebte solche Pracht und für ihn hatte sie sich als Brant geschmückt, um ihn vollends'zu täuschen.

Ihr Gesicht aber war nicht das einer glück­lichen Braut. Ihre dunklen Augen blitzten in einem seltsamen, unheimlichen Glanze; ihre schö- nen Züge trugen einen harten und entschlossenen Ausdruck. Nichtsdestoweniger jedoch war sie ruhelos und ängstlich und schrak bet jedem Ge- räusch zusammen. Und dann und mann fuhr ihre Hand unwillkürlich unter das Kleid an ihre Brust, wo sie zwei Fläschchen unter Sammet und Seide verborgen trug.

Nicht imstande, ruhig zu sitzen, schritt sie im Zimmer auf und ab, rastlos und nervös. Wie­derholt trat sie an ein Fenster, schlug die Gar­dine zurück und blickte hinab auf die Straße.

„Er sollte schon hier sein!" murmelte sie.

„Er telegraphierte, daß er heute morgen in Lon­don ankommen werde. Wie, wenn es ihm doch mißlungen wäre? Doch nein, ein Mißlingen ist nicht möglich! Er hat seinen Zweck erreicht und sein Erfolg ist sein Todesurteil!"

Sie setzte ihren Gang durchs Zimmer fort. Plötzlich hörte sie hastige Schritte auf der Treppe, die sich darauf ihrem Zimmer näherten. Im nächsten Augenblick wurde die Tür geöffnet und Pulford trat ein.

Er blieb an der Tür stehen, wie bezaubert von ihrer Erscheinung; dann eilte er auf sie zu, um sie zu begrüßen. Sie duldete ohne Wider­streben seine Umarmung, wenn sie es auch nicht über sich gewann, dieselbe zu erwidern.

„Wann kehrten Sie aus Schottland zurück?"

fragte sie, als er sie losgelassen hatte und sie ein paar Schritte zurückgetreten war.

„Heute morgen!" antwortete er. „Ich war todmüde, vollständig erschöpft und habe beit gan- zeit Tag im Bette zugebracht. Wie herrlich Du anssiehst, Edith, — wie eine Feenkontgm! xsft all dieser Glanz lediglich für meine Augen be­stimmt, oder hast Du Gesellschaft?"

Und er warf einen hastigen Buck durch s

Zimmer. „ ,

„Ich schmückte mich ausschließlich für Dich, Horace," sagte sie mit erheuchelter Freundlichkeit. „Ich erwarte heute abend keinen anderen Besuch als den Deinen!"

Pulford sah sie scharf an. Diese Auszeich- nung feiner Person von ihrer Seite überraschte ihn. Sie hatte sich gegen die Heirat nut ihm aufgelehnt; er war Zeuge gewesen von jener Szene zwischen ihr und Glenham und er hatte gehört, wie sie demselben erklärte, daß sie ihn hasse; er hatte den Abscheu, den sie vor ihm hegte, selber ihr von den Augen abgelegen, itnb nun war sie mit einem Male tote imtgetoanbeltl Das machte ihn mißtrauisch.

Du bist heute nicht Du selbst", bemerkte er spöttisch „Es ist sonst nicht Deine Art, bloß meinetwegen so im Glanz zu erscheinen. Was soll das bedeuten, Edith? Was hast Du vor?

Sie zuckte leicht zusammeil. Konnte er ihre Seele durchschauen? Aber dann schnell stellte sie sich, als fühle sie sich beleidigt, um ihre Ver­wirrung auf diese Weise verdecken zu fönueiu,

„Was sollte ich vorhaben?" entgegnete pe ihm. „Weshalb sollte ich mich Deinetwegen nicht schmücken können? Ich heuchle Dir, ja feine Liebe; ich gebe mir ja nicht den Anschein, als sei eine Heirat mit Dir mein Wunsch tote der Deute; aber in Deiner Abwesenheit habe ich beschlossen, mich in das Unvermeidliche zu fügen. bin zu stolz, um den Leute zu zeigen, daß ich eine unglückliche Braut bin. Wenn ich Dich doch bet­raten muß, will ich mir auch den Anschein geben.