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verautwortli»"

Schriftleiter:

J.l*P«n-'«"i” wochenbtiiage: „Illustrierte Sonntagszeitung

Fulda, Samstag den 7. September 1907.

JV» 205.

34. Jahrgang.

Erstes Wt'crtt.

k, sidmißsms und MittrlßandWM.

"Bon der ehemaligen liberalen Fortschritts­partei schrieb seinerzeit das konservative Hand­buch: „Wer den Geist der Zeit nach den politi- scheu Kundgebungen der Fortschrittspartei be­urteilen wollte, würde wahrscheinlich zu der Ueberzeugung kommen, daß eine soziale Frage, 'eine Bedrängung der Landwirtschaft und des ge­werblichen Mittelstandes k a u m existierte." Zwar hat sich die Fortschrittspartei mit natio- palliberalen „Sezessionisten" im Jahre 1884 zur Freisinnigen Partei vereinigt, welche sich bereits bei den Wahlen von 1893 in eine Freisinnige Vereinigung und eine Freisinnige Volkspartei spaltete. Was aber das konservative Handbuch seinerzeit über diesen Flügel des Liberalismus schrieb, gilt im großen ganzen auch heute noch. Man vergegenwärtige sich nur die w i r t- schaftlichen Anträge, welche zu dem in nächster Zeit stattfindenden Parteitag der F r e i- sinnigen Dolkspartei vorliegen; sie Werden in Nr. 211 der „Freisinnigen Zeitung" Pom 6. September veröffentlicht.

Von besonderer Bedeutung ist ein vom libera­len Wahlverein von Querfurt und Umgegend Ausgehender, auf Aenderung des Parteipro­gramms abzielender Antrag. Er fordert, daß die Forderung des Genossenschaftswesens aus dem Programm gänzlich gestrichen

werde. Höchstens will man sich mit dem Even­tualantrag begnügen, die Stelle des Parteipro­gramms über die Förderung des Genossenschafts­wesens „dahin auszulegen, daß darunter nicht verstanden sein soll die Förderung durch Hergabe staatlicher finanzieller Mittel und die Förderung durch gesetzliche Billigung der Nebenbeschäfti­gung von Staatsbeamten, Geistlichen und Leh­rern in Genossenschaften." Wenn auch diese Forderungen durchaus nichts. Neues enthalten, so freut es uns doch, daß mit solcher Deutlich­keit dem gewerblichen und landwirtschaftlichen Mittelstand, wie überhaupt der gesamten werk­tätigen Bevölkerung abermals gezeigt wird, wo ihre Freunde nicht sitzen. Bekanntlich gilt der genossenschaftliche Zusanimenschluß noch immer als das Ziel aller Reformbestrebun- gen im wirtschaftlichen Leben: er ist für unsere Zeit das beste Mittel zur Heilung der sozialen Schäden. Und da sollte Regierung und Staat untätig zur Seite stehen, weil es einem Häuflein liberaler Anhänger des freiesten Manchestertums gefällt, diese Forderung aufzustellenI Staatliche Mittel sind zu verweigern, Geistlichen und Leh- rern ist jede genossenschaftliche Tätigkeit zu ver­sagen! Letzterer Ansturm richtet sich namentlich auch gegen den katholischen Klerus, der in den letzten Jahren ernsthaft mitgewirkt hat, um das Genossenschaftswesen auf eine für das gesamte wirtschaftliche Leben segensreich wirkende Stufe zu heben.

Auf wessen Seite sich der entschiedene Libera­lismus wohl fühlt, bestätigen von neuem die De­legierten des Kreises Charlottcnburg für den ge­nannten Parteitag in ihrem Antrag über daS Börsengesetz. Sie fordern „im allgemei­nen, nationalen und wirtschaftlichen Interesse die baldige Aenderung des Börsengesetzes, ins­besondere die

Beseitigung des Börsenregisters

und anderer Beschränkungen des Börsenter- m i n h a n d e l s. „Weil durch das Börsenregister Leute von: Börsenspiel ferngehalten werden, die nach ihrer Sachkenntnis und ihren Vermögens-

Sie Perle te SchMDÄes.

Roman von Ed. Wagner.

63] (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung aus dem zweiten Blatt.)

„Verfolgt?" wiederholte Alice.

. „Ja, und zwar von Jnverneß aus durch Mr. Dulford!" erklärte Crafton. „Er war dort, als Ivw abreisten. Er ist uns hierher gefolgt und Jarvis ist bei ihm!"

„Großer Gott," rief Gretchen aus, „dann sind wir verloren!"

„Ich würde raten," fuhr Crafton mit Ueber- legenheit fort, „daß wir uns ein Privatlogis in hinein ruhigen Hause suchten. Ich kenne hier .eine alte Dame, eine entfernte Verwandte von mir, die Sie vielleicht als ihren Gast auf einige Tage aufnehmen würde. Ich will Sie zu ihr bringen. Sie wohnt außerhalb der Stadt in fittem sehr einsamen Hause und führt ein stilles, zurückgezogenes Leben. Niemand wird es ein- Ulen, dort nach Ihnen zu suchen — niemand uurd Sie dort finden."

st"d sehr gütig, Mr. Crafton," sagte rl*£e, die der Schreck hart getroffen hatte, er- Mchtert aufatmend. „Ich danke Ihnen und "Ehwe Ihr Anerbieten freudig an!"

• Tn das inzwischen aufgetragene Früh- ^genommen war, verließen die drei den re re M tojcöer, um erst, nachdem sie durch meh- i n gegangen waren, einen Wagen an- 7 Uä ' ker sie an ihr Ziel bringen sollte. BeteiS Ian8e Fahrt, bis sie aus dem $er Hauser und auf einen schmalen grü» •LxS su beiden Seiten von hohen Hecken cin- -k??en. Hier ließ Crafton halten smit J?Tuen Begleiterinnen aus. Und der Wagen seinen Rückweg nach der ©tni t antrat, gingen sie weiter und blieben

Verhältnissen an der Börse nichts zu suchen ha­ben, verlangt der Liberalismus dessen Beseiti­gung. Weil das Verbot des Terminhandels in Getreide eine viel größere, für das reelle Ge­schäft sehr vorteilhafte Gleichmäßigkeit der Preisbewegung mit sich brachte, wollen es die Liberalen wieder aufgehoben wissen; denn nur nach dieser Richtung können sich die Beschränkun­gen erstrecken, von welchen in dem Charlotten­burger Antrag die Rede ist. Man braucht diesen Forderungen nichts weiter mehr hinzuzufügen, um ihren wahren Wert doch voll erkennen zu können.

Im übrigen hat die Freisinnige Volkspartei noch nie ihren Standpunkt des freien Spieles der Kräfte" verleugnet. Sie stimmte feinerzeit gegen die schärfere Gestaltung des Wuchergesetzes, gegen die höhere Börsen­steuer, gegen das Börsengesetz, gegen die Kon­sumvereinsnovelle, gegen die Einschränkung des Hausirhandels und Detailreisens usw. Allein diese Abstimmungen genügen vollauf, um einen folgerichtigen Schluß auf die Haltung der Par­tei in wirtschaftlichen und sozialpolitischen Fra- gen zu ziehen. In dieser Hinsicht bleibt sie mit den neuesten Anträgen ihrer Vergangenheit wenigstens treu.

Deutsches Reich.

Berlin, 6. September 1907.

* Die Kaiserrede in Münster soll eine A b­sage an die kirchliche Orthodoxie sein, so will es die „Nat.-Zeitung" (Nr. 417) haben. Das Christusbild des Kaisers sei nämlich ein vollstän­dig liberales. Dann fährt das Blatt fort: „Die früheren Stützen von Thron und Altar, die sich lange als Alleinherrscher in der Kirche gebärdeten, werden wenig erbaut sein von dieser kaiserlichen Absage an ihre kirchli­chen Dogmen. Die Gleichberechtigungen aller kirchlichen Richtungen aber ist der Weg zum Frieden. Sie ist grundsätzlich vorhanden und das schöne kaiserliche Credo wird dafür sorgen, daß Konsistorien und Oberkirchenrat im Na­men des religiös-liberal denkenden Kaisers dieser freieren Erfassung des Evangeliums un­behindert Raum gewähren, wo sie als Ueber­zeugung hervortritt."

Diese liberale Hoffnung erstreckt sich auf den Protestantismus, der nun ganz im liberalen Fahrttmsser schwimmen soll. Wir glauben chber nicht, daß der Kaiser in dieser Rede sich als Libe­raler hat bekennen wollen; denn seine früheren Aussprüche lassen sich in ganz anderer Richtung verwenden. Der Kaiser wollte nur darauf Hinwei­sen, was den beiden großen Konfessionen gemein­sam ist; das aber ist Christus als der Sohn des lebendigen Gottes und nicht der Christus, wie, ihn die liberale Theologie zurecht macht. Freilich darf man auch nicht außer Acht lassen, daß in der letzten Zeit im protestantischen Kir­chenregiment ein liberaler Geist seinen Einzug gehalten hat. Die Folgen werden sich ja bald zeigen.

* Das Arbeitsprogramm des Reichstags. Noch sind es mehr als 2 Monate, bis der Reichs­tag seine Sitzungen wieder aufnimmt und schon unterhält man sich über sein Arbeitsprogramm. Es dürste zutreffend sein, daß nicht am 19. No­vember die erste Sitzung stattfindet, obwohl die Vertagung nur bis zu diesem Termin geht; denn am 20. November ist gesetzlicher Feiertag, an dem keine Sitzung stattfindet. Man rechnet deshalb damit, daß die erste Sitzung am 23. November sein wird. Der Reichstag wird dann zuerst die 1. Lesung jener Gesetzentwürfe vornehmen, die ihm schon int Frühjahr unterbreitet worden sind; dazu gehören die Vorlage über die Majestätsbe­

leidigungen, der Versicherungsvertrag, die Maischbottichsteuer, die Maß- und Gewichtsord- nung u. a. Dann soll ihm alsbald die Börsen­reform zugehen, über den Inhalt derselben ist noch nichts bekannt; was bte Blätter schreiben ist nur Vermutung; doch dürfte sicher sein, daß die Vorlage über den letzten Entwurf hinaus- geht. Die Börse fordert ein solches Entgegen- kommen schon deshalb, weil sie zu den vielen Wahlkosten erhebliche Summen beigetragen hat. Der Zehnstundentag für die Arbeiterinnen in Fabriken soll nun auch endlich vorgelegt wer- den; er ist schon seit langer Zeit versprochen. Wann das Vereinsgesetz erscheint, ist noch frag­lich; die Vorarbeiten find zwar schon sehr weit gediehen und ein gutes Vereinsgesetz braucht gar nicht viele Vorarbeiten. Die Strafprozeßresorm dagegen will immer noch nicht über das erste Stadium hinausgehen; Preußen wehrt sich, weil es zu viele Richter anstellen müßte. Eine ganze Reihe anderer.Vorlagen sind in der Ausarbei­tung begriffen; wann sie erscheinen, ist noch un- gewiß. Wenn der Reichstag aber alle diese Ar­beiten erledigen soll, bann muß er im nächsten Jahre vertagt werden.

* Zeichen der Blockfreunbschaft. Zwischen den Nationalliberalen, den Freisinnigen und den Antisemiten wird derzeit scharf geschossen; es handelt sich um die Frage, welcher Partei die Be­amten in Preußen die Teuerungszulage zu ver­danken haben. In den Kreisen der Beamten ist diese Frage schon entschieden, da hört man nur die Antwort, daß das Zentrum dies erreicht hat und weist auf die Tatsache hin, daß der ent­scheidende Antrag ein Zentrumsantrag gewesen ist. Die „Deutsch-sozialen Blätter" des Abg. Liebermann von Sonnenberg nehmen für die Antisemiten das Verdienst in Anspruch: das bringt nun die Liberalen ganz aus dem Häus­chen. Ihre Zeitungen schreiben von einer Ent- stellung der Tatsachen und einer Unehrlich­keit gegen andere Parteien. Aber das tut der Freundschaft keinen Eintrag; im gewöhnlichen Leben hat man für ein solches Verhalten einen etwas anderen Ausdruck.

r. Ein Wechsel im preußischen Herrenhaus­präsidium wird in einer Korrespondenz aus Eden im,B. T.' als möglich dargestellt. Dar­nach soll die Ansicht, daß der betagte Fürst zu Inn- und Knyphausen, der in wenigen Tagen fein 80. Lebensjahr vollendet, noch eher vom politischen Leben zurncktreten dürste, jetzt infolge seiner schweren Erkrankung Wahrscheinlichkeit gewinnen. Einem früheren Gerüchte, daß er sein Reichstagsmandat niederlegen wolle, trat er mit dem Bemerken entgegen, daß er dies nur im Falle schwerer Erkrankung tun würde. Dieser Fall scheint nun dem ,B. T/ zufolge vorzuliegen. Möglicher Weise dürfte zu gleicher Zeit auch ein Wechsel im Präsidium des Herrenhauses bevorstehen. Andererseits wird aber diesen Gerüchten entschieden widersprochen.

.-. Prozeß Bennigsen-Erzberger stand am Freitag Termin vor der Ferienstrafkammer des Landgerichts I zu Berlin an. Es handelt sich um die während des letzten Wahlkampfes von Erzberger herauSgegebenen Broschüre: „Warum ist der Reichstag aufgelöst worden?" Aus dieser Schrift las Bennigsen den Vorwurf heraus, daß er seine amtliche Stellung dazu mißbraucht habe, um sich persönlich zu be­reichern. Erzberger ist bekanntlich seinerzeit vor dem Schöffengericht zu einer Woche Ge­fängnis verurteilt worden, während Bennigsen von der Wiederklage Erzbergers freigesprochen wurde. In der Berufungsinstanz kam ein Vergleich zustande, in welchem Erzberger er­

klärte, er habe sich überzeugt, daß Bennigsen keinerlei Vorteile von den Landgesellschasten be­zogen habe. Er erkenne an, daß aus seinen Ausführungen in der Broschüre ein solcher Vor­wurf ge^en Bennigsen entnommen werden könne, er habe aber einen solchen Vorwurf nicht er­heben wollen und nehme denselben unter dem Ausdruck des lebhasten Bedauerns zurück. Erz- berger trägt außerdem sämtliche Kosten.

* Die Konservativen und die polnische Enteignungsvorlage. Die ,Kreuzztg." schreibt in Nr. 414: Von dem Ostmarkenverein geht uns heute mit der Bitte um Besprechung eine von dem Vorsitzenden des Vereins, Justizrat F. Wagner, verfaßte Broschüre En teig nung und Einspruchsrecht zu. 2)ie Broschüre ist zur Orientierung wohl geeignet, wenn auch die prinzipiellen, gegen die Anivendung der Enteig­nung sprechenden Gründe nicht berücksichtigt sind. Der Verfasser bemerkt, daß, soviel laut ge­worden, von den politischen Parteien die konser­vative Partei sich schon bereit erklärt habe, daS Bestreben der Regierung auf Einführung der Enteignung zu unterstützen; uns ist davon nichts bekannt. Der Widerspruch der Konser- vativen, die sonst die Polenpolitik durch Dick und Dünn mitmachten, wollen hinsichtlich der Enteignung nicht mittun. Sie fürchten als Folge dieser Maßnahme einen Sturzfall der Bodenpreise. Auch wollen sie den Sozialisten nicht eine Waffe in ihrem Kampfe gegen die bürgerliche Gesellschaft in di» Hand geben.

* lieber den Würzburger Katholikentag schreibt Max Lorenz im ,$ag*:

gibt feine Veranstaltung innerhalb unsere» öffentlichen und politischen Lebens, die es an impo­santer Wucht mit dem Katholikentag aufnehmen könnte. Welche Geschloffeuheit der Ansichten, welche Fülle der G esichtspunkte, welch ein Ausgleich der Stände und Staudcsinteressen, hervor- gerufen durch die ideelle Einheit im Dienst der „hl. Kirche!" Welch ein herzhaftes Zupacken gegenüber allen Problemen, die die Zeit be­wegen! Wahrlich, das must ein merkwürdiger, von Blindheit geschlagener Schwärmer sein, der da behauptet, der Katholizismus wäre unzeit­gemäß. Nach allen Regeln realistischer Denkweise und historischer Betrachtungsart ist der Katholizismus wieder einmal oder vielmehr noch immer sehr zeitgemäß und eine der stärksten Mächte des äußeren und inneren Lebens. Ich sage das nicht nur mit objektiver Bewunderung,sondern auchmitsubjektiverVerwunderung. Denn ich als Protestant, als sehr bewußter Protestant, dem schließlich doch die Lehren der päpstlichen Kirche keine unbedingten und in allen Stucken absoluten Heils­wahrheiten sein können, vermag die eigentlichen, tiefsten und innersten Wurzeln dieses Katholizismus als moderner Lebensmacht gar nicht so recht zu begreifen. Ich sehe die Aeußerungen und Wirkungen dieser Macht, ich konstatiere das unbefangen als Tatsache — aber wie ist solche Macht möglich, wie kommt es dazu? Da steht einem „der Verstand still", d. h. es wird wohl eine Macht sein, die über dem Menschenverstände ist! Man darf nicht sagen, daß das geistige Niveau der Reden des Katholikentages ein niedriges wäre. Die Rede desDr. Wacker über das Nationalitäten­prinzip halte ich für das Bedeutendste, was seit vielen Jahren über dieses Thema, über dieses gerade in unserer zwischen Jnternationalität und Uebernationalität taumelnden Zeit viel mißhandelt« Thema gesagt worden ist.

* Der Würzburger Katholikentag in fran­zösischer Beleuchtung. Der Berichterstatter des ,Temps' scheint in Würzburg einiges über den Durst getrunken zu haben, sonst hätte ihm seine Phantasie die losen Streiche nicht spielen können, die er seinen Lesern zum besten gibt. Der gute Mann behauptet, daß bei der Wallfahrt auf das Käppele „eine fanatisierte Menge, die Herrin der

endlich vor einer schmalen Pforte in einer hohen Mauer stehen.

„Hier sind wir am Ort der Bestimmung, wo Sie in Sicherheit sind. Miß Alice!" sagte Craf­ton uni) wie ein nur mühsam unterdrücktes Froh­locken klang es durch seine Stimme. „Treten Sie ein!"

Er öffnete die Tür und Alice und Gretchen traten ein; er folgte.

Sie befanden sich in einem ganz vernachlässig­ten Garten, — einer wahren Wildnis von Un­kraut und Gestrüpp und Gebüsch, worüber alte Bäume ihre mächtigen Kronen ausbreiteten, so­daß kein Sonnenstrahl zur Erde dringen konnte. Ein schmaler Fußweg führte von der Tür her durch das Gestrüpp und Unkraut nach dem Hause, welches zwei Stock hoch und fast ganz mit Efeu bewachsen war. Als sie am Hause anlang­ten, sahen sie, daß sie sich an einer Seitentür be­fanden und daß die Frontseite des Hauses nach einer Straße hin lag, die breiter und auch be­lebter ivar als diejenige, in welcher sie abge- stiegen lvaren; aber auch hier befand sich vor dem Hause ein Stück verwilderten Gartens und dieser ward -rach der Straße zu von einer Mauer be- grerrzt.

Crafton öffnete die Tür, vor der sie standen, und ließ Alice und Gretchen eintreten, worauf er selbst folgte. Er führte sie über einen schmalen Hausflur in ein Zimmer und sagte:

„Wenn Sie hier ein wenig warten wollen, will ich Mrs. Malsou aufsuchen und mit Ihrer Anwesenheit bekannt machen und sie bitten, sich Ihrer anzunchmen und Sie zu beschützen. Ent­schuldigen Sie mich einige Minuten. Ich werde gleich zurückkehren!"

Und er verbeugte sich und verließ das Zimmer.

Alice und Gretchen warteten mehrere Minu^ ten. Endlich hörten sie einen schweren Tritt im Hausflur. Die Tür tourbe geöffnet und eine

Frau trat ein. Es war Sally, die einzige Diene­rin des Hauses.

„Meine Herrin totff Täte sehen," sagte sie mit harter Stimme zu den Angekommenen. „Ich will Sie zu ihr führen!"

Alice und Gretchen erhoben sich und folgten der Frau in eine größere Halle und aus dieser in die Wohnstube, wo in einem Lehnstuhle vor dem großen Herde eine alte Frau saß, die Herrin des Hauses.

Sie war schon in die achtzig Jahre alt, mit von unzähligen Furchen durchzogenem Gesicht, zahnlosem Mund unb schneeweißem Haar. Einen seltsamen Kontrast zu dem Gesicht bilbeteii die Augen, welche klein und schwarz waren und mit einem fast jugendlichen Feuer und durchdringen­der Schärfe auf die Eintretenden gerichtet wa­ren. Sie trug ein altmodisches schwarzes Sei­denkleid und eine umfangreiche Haube, deren lange Bänder unter dem Kinn in gewaltige Schleifen geschlungen waren.

Mrs. Malsou war die Witwe eines reichen Mannes, der vor dreißig Jahren gestorben war. Der größte Teil seines Vermögens ging an fei­nen einzigen Sohn über, der sich trotz der Oppo­sition seiner Mutter in England ein Gut kaufte. Seine spätere Heirat mit einer armen edeligen Dame vervollständigte den Bruch mit seiner Mutter, und beide verkehrten nie mehr mitein­ander.

Mrs. Malson blieb mir die lebenslängliche Be­nutzung des Hauses, das sie bisher mit ihrem Gatten bewohnt hatte, und eilte Rente von 400 Pfund jährlich. Mit diesem Einkommen nicht imstande, ihr seitheriges luxuriöses Leben fort- zuführen, entließ sie ihre ganze Dienerschaft bis auf eine Magd, verschloß ihr Haus jeder Gesell­schaft und begann ein Leben der Abgeschlossen­heit, welches zu ihrem früheren Leben im streng- sten Gegensatz stand. Lange Jahre hatten sie und ihre alte Dienerin letzt schon dieses Ein­

siedlerleben geführt und daher kam der alten Dame der Vorschlag Crafton's, der ihr rückhalts- los seine ganze Absicht enthüllt hatte, sehr zu statten. Sie wollte Nutzen daraus ziehen und dem jungen Mädchen ihrer Meinung nach schon zum Glücke verhelfen. Crafton konnte also feine bessere Verbündete für seine Pläne finden als diese weltfremde, griesgrämige alte Frau.

„Seien Sie willkommen, liebes Kind," hob Mrs. Malson an, als Alice in Begleitung Gret- chen's und der alten Sally bei ihr eintrat, „seien Sie mir willkommen!"

Das junge Mädchen äußerte ihren Dank für die gütige Ausnahme.

„Haben Sie Ihr Gepäck mitgebracht?" fragte Mrs. Malson.

„Ich habe fein Gepäck!" antwortete Alice ver­legen. „Wenn Sie so freundlich sein wollten, Ihrer Dienerin zu erlauben, für Gretchen und mich das Nötige einzukaufen, würde ich Ihnen fe^r dankbar sein!" __

„O, ich will es gern tun!" erklärte Sally sich eifrig bereit.

Auch Mrs. Malson war bannt einverstanden und hieß nun Sallv, die beiden Frauen in bai für sie bestimmte Zimmer zu führen, und diese geleitete die beiden Gäste daraufhin die Treppe hinaus und in ein behagliches Stübchen mit an­stoßendem Schlafzimmer. Alice gab ihr Auf­träge und Geld zum Einkauf und die Haushäl­terin zog sich zurück.

„Was für ein seltsames Haus das ist!" sagte Gretchen, als sie allein waren. „Und was für eine seltsame alte Dame!"

„Sie ist sehr gütig, daß sie uns aufnimmt," bemerkte Alice. „Es ist mir nicht lieb, Mr. Craf­ton so tief verschuldet zu sein. Es bringt mich fortwährend zu neuen Verbindlichkeiten ihm ge­genüber, was mir sehr peinlich ist, da ich ihm seine Wünsche nicht erfüllen kann. Nie war ein Gentleman nobler, gütiger und selbstloser!"

(Fortsetzung folat.)