34. Iahrourm
Fulda, Dienstag den 8. September 1907
M 201.
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verantwortli-er ■
Schriftleiter: A.wetzler
z/parzeller in zulda. WychLNbeilage:
Deutsches Reich.
Berlin. 2. September 1907.
* „Da muß die Religion helfen". Bei dem Empfang im königlichen Schlosse zu Münster i.W. zeichnete der Kaiser, rote der Wests. Merk, berichtet, u. a. die Bischöfe von Münster und Paderborn in seiner Unterhaltung besonders aus. Den Bischof von Münster ragte er nach der Größe und Seelenzahl seiner Diözese. Als der Bischos in seiner Antwort auch die große Zunahme der politisch wieder- trebenden Elemente in Westtalen beklagte, erwiderte der Kaiser etwa: „Da muß die Religion helfen!"
e. Die Lektüre des Kaisers. Bekanntlich werden dem Kaiser aus verschiedenen Blättern ]>Io§ die für ihn bestimmten Ausschnitte vor- aeleqt. Nur die eine oder andere Tageszeitung erhält er vollständig und unzerschnitten. Das war früher der /Berliner Lokalanzeiger', feit einiger Zeit ist es jedoch nach einer unwlder- prochen gebliebenen Meldung das freiwillige Organ des Evangelischen Bundes, die ,Tägliche Rundschau'. Aber auch diese scheint, wie ein Zufall aufgedeckt hat, für den Kaiser beson- ders hergestellt zu werden. Der Kölnischen Volkszeitung' sind nämlich zwei Exemplare ein und derselben Nummer (319) der,Tägl. Rundschau' vorgelegt worden, die im übrigen den- eiben Text haben, von denen jedoch das eine Exemplar auf Seite 3 einen Artikel unter der Ueberschrift „Die Ultramontanen und die tägliche Rundschau'" enthielt, der sich mit dem Verhältnis des Kaisers zur,Täg!ichen Rundschau' beschäftigte, während in dem anderen Exemplar dieser'Artikel fehlte und an seiner Stelle eine Notiz über Japans Bestellungen in Deutschland enthielt. Die .Kölnische Volkszeitung' knüpfte bekanntlich an diese Tatsache die Frage: Sollte man es hier vielleicht mit einer für be- timmte Zwecke besonders präparierten Ausgabe zu tun haben? Jedenfalls bedarf dieses auffällige Fehlen der betreffenden Meldung der Aulklärung." — Die ,Tägliche Rundschau' suchte das unglaublicherweise zu leugnen, indem re schrieb, die Kölnische Volkszeitung' habe sich „einen bösen Bären aufbinden" lasten. Dagegen lieaen der ,Köln. Volksztg.' tatsächlich jene
„Die Einwohner von Schönau sind tief betrübt über das Schicksal des jungen Madchenl und der alten treuen Gretchen Heinrich ; —
„Ihr Familienname ist also wirklich Heinrich, wie ich dachte!" sprach er laut vor sich hin. „Kann — o, kann der Brief in der Tat also doch von ihr geivesen sein?" . ^ ... . .
Er stand auf und durchschritt ungeduldig da? Zimmer. Er vergegenwärtigte. sich das Wesen Crafton's und wiederholte sich tm Geiste dessen Worte, und je nwhr er über alles nachdachte, um so fester wurde es ihm zur Ueberzeugung, daß der Brief von Gretchen gewesen war und daß Crafton seht zu ihr und Alice eilte. .
Die Ueberzeugung erfüllte ihn mit überschwenglicher Freude. .
„Alice lebt!" rief er laut und rubelnd. ,
Zitternd an allen Gliedern und bleich wie der Tod, mußte er sich wieder setzen, aber neues Leben strahlte trotzalledem aus seinen Augen.
„Der Brief war von Gretchen!" fuhr er, als er sich einigermaßen 'beruhigt hatte, in feiner Selbstüberlegung fort. „Crafton wollte nur nichts davon sagen, bis Alice's Sicherheit für ihn selber keinem Zweifel mehr unterliegt, bis er sie zu mir nach London bringen kann. Vielleicht fürchtet er nochmalige Täuschung für mich; viel- leicht ist sie krank oder in Not, oder auch — Gretchen kann ja von ihrer jungen Herrin getrennt fein! Aber gleichviel, was die Wahrheit ist, — Crafton ist jedenfalls nach Edinburg gegangen, um nach ihr zu sehen, und ich soll hier müssig bleiben können mit meinen Hoffnungen, Zweifeln und Befürchtungen? Er hätte weniger zart- fühlend fein und es mir sagen.sollen, so daß ich ihn begleiten konnte! Denn ich halte es hier nicht aus Dankbarkeit für rechtzeitig geleistete 0 Und mit dem ersten Zuge nordwärts fuhr am folgenden Morgen auch Gordon Glenham nach Edinburg. r ,
- (Fortsetzung folgt.)
für ein Kupee allein, damit er die ganze Nacht schlafen könne, und der Graf fuhr wieder zuruck. Obwohl er sich bemühte, seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, beschäftigten ne sich doch beständig mit dem Briefe, welchen Crafton erhalten hatte, mit dessen auffälliger Erklärung, sowie — und zwar hauptsächlich — mit der Unterschrift auf welche beim Aufheben des Briefes sein Blick gefallen war.
Es war eine Frauenhandschrist," sprach er zu 'sich selbst, „und die Schreiberin ist eine Deutsche, wie aus der Schrift und dem Namen deutlich zu ersehen war. Ebenso klar aber ist e.-, daß sie nur eine oberflächliche Erziehung gehabt hat; darüber läßt die Handschrift ebenfalls feinen Zweifel zu."
Er blickte zum Fenster hinaus, um nach eine Gegenstand zu suchen, der ihm, so Mel Interesse abzugewinnen vermochte, daß seine Gedanken wenigstens auf kurze Zeit anderweitige Beschafft- gmig finden konnten, aber es gelang ihm nicht. Ohne es zu wissen, sank er wieder tn die Ecke des Wagens zurück und murmelte:
„Heinrich! Wo habe ich doch diesen Namen zuvor schon gehört? Ist das nicht des ölten Gretchens Familienname? Ich erhielt doch einen Brief von dem neuen Pfarrer in Schönau, tn welchem ihr Name erwähnt ist, und ich glaube, derselbe lautete Heinrich. Könnte Gretchen den. Brief geschrieben haben? Aber das zu glauben, wäre ja ein Zweifel an meinem Freunde! Wenn ■ der Brief von ihr gewesen wäre, würde Crafton es mir doch fraglos ohne jeden Verzug gesagt haben!"
Er konnte es kaum erwarten, daß er zu Hause ankam, und dann öffnete er in aller Hast feinen Sekretär und durchwühlte hastig einen Stapel Papiere, aus denen er einige Briefe herausnahm, welche er von dem neuen Pfarrer m Schönau erhalten hatte. Er überflog den Inhalt derselben und plötzlich las er:
„Alice lebt! Alice lebt!" tönte es nur immer wieder in seiner Seele und mehrmals erschrak er über sich selbst, weil er glaubte, er habe seine Ge- danken laut ausgesprochen.
„Beachte den Rat eines Freundes, Glenham," sagte er, indem er seine Vorkehrungen zur Reise traf, „und gib das Suchen nach Miß Romberg auf. Füge Dich in das Unvermeidliche und traure nicht länger um ein Mädchen, welches ohne Zweifel tot ist. Du kannst eines der ersten Mädchen des Landes heiraten, die würdig ist, Deinen Namen und Deinen Rang mit Dir zu teilen. Denke an Deine Mutter, Glenham! Vergib mir meine Worte, aber Dein Festhalten an dieser fixen Idee ist imstande, Deine Mutter, welche Dich vergöttert, zu töten — um eines Traumes willen!"
Er hatte den ausgezogenen Rock , ausgenommen und durchsuchte jetzt eifrig die Taschen desselben.
„Wo um des Himmels willen ist dec Brief hingekommen?" fragte er bestürzt.
Der Graf sah ihn unter dem Stuhl liegen, bückte sich, hob ihn auf und gab ihn Crafton zurück. Dabei fielen ihm die unleserlich geschriebenen deutschen Buchstaben auf, fotoie der Name „Heinrich", welcher die Unterschrift bildete und worauf fein Blick ganz zufällig fiel.
Crafton griff hastig nach dem Briefe und steckte ihn in die Brusttasche.
In demselben Augenblick meldete der Diener, daß der Kutscher wartete.
„Befördere meinen Koffer und den Ueber- zieher in den Wagen!" befahl Crafton dem Burfchen.
Dieser gehorchte und auch Crafton und Glenham gingen nun hinunter, stiegen in den Wagen und fuhren dem Bahnhofe zu. Lord Glenham war sehr still; der Name „Heinrich" ging ihm fortwährend im Kopfe herum, da er ihn schon irgendwo gehört zu haben glaubte.
Sie kamen eben noch rechtzeitig am Bahnhofe an. Crafton löste sich ein Billet nach Edinburg
f Botatiousbrud u.
Verlag bet Sulbaet Ac< tlenbr uferet in Hulda. " Sernfpreber Ur. <>.
zwei sonst gleichen und nur in bem erwähnten Artikel verschiedenen Exemplare ein und derselben Nummer vor. Auf die erneute Frage der .Köln. Volksztg.' nach Aufklärung schweigt die,Tägl. Rundschau'! Dazu schreibt nun die freisinnig« »Breslauer Zeitung':
„Es handelt sich hierum keine Kleinig- feit. Bekanntlich wird, wie es wenigstens unwidersprochen heißt, die,Tägliche Rundschau' regelmäßig vom Kaiser gelesen. Ist nun feit- gestellt, daß in Exemplaren einer Nummer des Blattes ohne plausiblen anderen Grund eine Notiz fehlt, von der man annehmen muß, daß sie beim Kaiser Anstoß erregen könnte, so liegt die Vermutung nahe,daß solche Schiebungen auch sonst wohl gelegentlich borge- nommen werden dürsten. Die Zeitung wurde dann also in bestimmten Fällen für den Kaiser extra zurechtgedrechselt werden. Es liegt auf der Hand, daß damit einem groben Unfug Tür und Tor geöffnet wäre. Die,Tägliche Rundschau' wird daher nicht umhin können, sich deutlich zu äußern."
Es ist gut, daß hier einmal hinter die Ku- liffen geleuchtet wird. Abgesehen davon, daß auf solche Weise der Kaiser hinter's Licht geführt wird, ist es von dem Blatte auch ein Zeichen von Feigheit, dem Kaiser nicht die Wahrheit sagen zu wollen.
r. Bon einer Zusammenkunft des Kaisers mit dem Kaiser Franz Joseph liegt eine Mel- düng vor. Wie nach einer Korrespondenz tn diplomatischen Kresten verlautet, sei es sicher, daß Kaiser Wilhelm das sechzigjährtge Regierungsjubiläum des Kaisers Franz Joseph zum Anlaß nehmen werde, um dem befreundeten Monarchen einen Besuch in Wien abzustatten und demselben persönlich feine Glückwünsche darzubringen. Selbstverständlich können für diese Reise des deutschen Kaisers nicht schon jetzt die näheren Bestimmungen getroffen sein, doch glaubt man, daß der Besuch in Wien einige Tage vor der eigentlichen Jubiläumsseier erfolgen würde. Im Gefolge des Kaisers soll sich auch Reichskanzler Fürst Bülow befinden.
* Staatssekretär Tirpitz verdächtig? Die Nebenregierung des Blocks wird mit einet Unverfrorenheit betrieben, die ans Aschgraue grenzt. Zur jüngsten Rede des Abg. Spirhn, der u. a. darauf hinwies, daß das deutsche Reich im Ausbau seiner Flotte rascher vorangehen müsse, schreiben die liberalen Münchener N. N.' in Nr. 405:
„Es ist nicht daran zu denken, daß Spahnvon sich aus auf alle von ihm berührten technischen Fragen gekommen wäre, sondern er hat anscheinend nm das ziemlich voreilig und plump ausgeplaudert, d. h. sich angeeignet, was ihm über die Herbstplane des Relchs- marineamtes bekannt fein mochte. Admiral v.Trrp itz, dieser tüchtige Seeoffizier, von dem aber betannt daß er auf gute Bez,.Hungen zu Herrn Spahn em etwas allzu großes Gewicht legt, hat lerder anscheinend sichvondem Schicksal des Grafen Posadoivskp nicht warnen lassen und Herrn Spahn neuerdings zum Vertrauensmann erkoren. Das ist zu bedauern Es muß zudem bei den Blockparteien eme^Mentum. lichen Eindruck machen, wenn hinter den Kulissen schon wieder die vertraulichen Verhandlungen zwischen Zew trnm und Reichsregierung beginnen; so ungeschickt operieren, heißt schließlich sich in die Brennesseln setzen. . . . Herr v. Tirpitz dürfte etwas vor-
ichtiger in seinem eigenen Interesse werden, denn . genützt hat er ^mrch fein Vorgehen weder oem leitenden Staatsmann noch der Sache, der er dienen wollte.
Es ist die reine Politik des knatternden Revolvers, welche der Block hier einschlägt.
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welches die Provinz Westfalen dem Beobachter zeigt, würde ich gern auf unser gesamtes Vaterland übertragen sehen. Ich glaube, daß zu einer solchen Einigung aller unserer Mitbürger, aller unser Stände nur einMittel möglich ist, das ist die Religion, freilich nicht in streng kirchlich dogmatischem Sinne verstanden, sondern im weiteren für das Leben praktischeren Sinne. Ich muß hierbei auf meine eigenen Erfahrungen zurückgreifen. Ich habe in meiner langen Regierungszeit — es ist jetzt das zwanzigste Jahr, das ich angetreten habe — mit vielen Menschen zu tun gehabt und habe vieles von ihnen erdulden müssen, oft unbewußt und oft leider auch bewußt haben ste mir bitter weh getan, und wenn mich in solchen Momenten der Zorn übermannen wollte und der Gedanke an Vergeltung aufstieg, dann habe ich mich gefragt, welches Mittel wohl das geeignetste sei, den Zorn zu mildern und die Milde zu stärken. Das einzige, was ich gefunden habe, bestand darin, daß ich mir sagte: „3T11e sind Menschen wie du und obgleich sie dir wehe tun, sie sind Tra« ger einer Seele, aus den lichten Höhen von oben stammend, zu denen wir alle einst wieder zurückkehren wollen, und durch ihre Seele haben sie ein Stück ihres Schöpfers in sich." Wer so ^enkt, der wird auch immer milde Beurteilung für seine Mitmenschen haben. Wäre es möglich, daß im deutschen Volke dieser Gedanke Raum gewänne für. die gegenseitige Beurteilung, o wäre damit die erste Vorbedingung geschaffen :ür eine vollständige Einigkeit, aber erreicht kann ueselbe nur in einem Mittelpunkte wer- )en, in derPerson unseres Erlösers! in dem Manne, der uns Bruder genannt; ber uns allen zum Vorbilde gelebt hat, der persönlichsten der Persönlichkeiten. Er wandelt auch noch jetzt durch die Völker dahin und ist uns allen fühlbar in unfern Herzen. Im Aufblick zu ihm muß unser Volk sich einigen. Es muß fest bauen auf seinen Worten, von denen er selbst gesagt hat „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht". Wenn es das tut, wird es ihm auch gelingen. Zu einer solchen Mitarbeit möchte ich am heutigen Tage auffordern,, insbesondere die westfälischen Männer. Denn wie ich vorher auseinandersetzte, haben Sie es verstanden, das schöne Bild versöhnter Gegen s ä tz e in Ihrer Provinz zu geben; Sie werden mich auch zuerst und am besten verstehen. In diesem Geist solle« alte und neue Landesteile, Bürger, Bauer und Arbeiter, sich zusammentun und einheitlich in gleicher Treue und Liebe zum Vaterlande zusammenwirken, dann wird unser deutsches Volk der Granitblock sein, auf dem unser Herrgott seine Kulturwerke an der Welt weiter aufbauen und vollenden kann, dann wird auch das Dichterwort sich erfüllen, das da sagt: „Am deutschen Wesen wird einmal noch die Welt genesen". Wer bereit ist, hierzu mir die Hand zu bieten, dem werde ich bankbar sein und ich werde ihn freudig als Mitarbeiter annehmen, er sei, wer und weß Standes er wolle. Ich glaube, daß ich von den Westfalen am ersten verstanden werde, und deshalb habe ich mich an Sie gewendet. Nun erhebe ich mein Glas mit dem Wunsche, daß Gottes Segen auf der alten westfälischen roten Erde ruhen möge und auf allen ihren Bewohnern, daß es mir vergönnt fei, fernerhin den Frieden zu erhalten, damit Sie ungestört Ihrem Berufe nachgehen können. Gott segne Westfalen Hurra! Hurra! Hurra!
Die ,Germania' bemerkt zu der Rede des Kaisers: „Man hört es dielen Worten an, daß sie dem Kaiser ans dem Herzen kommen, und man kann nur dringend wünschen, daß sie bei allen, die es angeht,' die gebührende Beachtung fänden. Wir würden dann weniger konfessionellen und sozialen Hader haben. Leider hat der Kaiser
aber schon wiederholt ohne Erfolg Worte der Friedens gesprochen." __
Die Rede des Kaisers in Münster gefällt liberalen Blättern nicht recht. Sie ist ihnen zu „theologisch«. Das ließ sich denken Uns gefällt sie, nicht zuletzt gerade wegen ihres offenen religiösen Bekenntniffes. Wenn die ,93er- liner Volksztg.' eine Absage an den „Dogmatismus" herausliest und zufrieden ausruft: , „Der Kaiser weiß also, daß das Dogma, sowie der Fanatismus, mit dem es von den Dogmenhütern in den Mittelpunkt ihrer religiösen Anschauungen gestellt wird, ein Hemmnis bildet für die Kulturentwickelung, und daß gerade der Dogmenfanatismus es ist, der trennend und verhetzend, statt einigend und versöhnend wirkt," so möchten wir doch bemerken, daß nach unserer Auffassung der Kaiser nur sagen wollte, er denke nicht an eine Einigung der Bevölkerung durch Annahme desselben kirchlichen Glaubens, also VeMwmden der Konfessionen, sondern an ein friedliches Nebeneinanderleben der Konfefsionen aus dem Boden des Christentums. _______________
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* (Eine hochbedeutsame Hebe Halfer Wilhelms II.
Der Kaiser hat bei dem am Samstag im Landesmuseum zu Münster stattgefundenen Zivildiner eine Ansprache gehalten, deren tiefer Ernst und erhabener Gedankengang tn den Herzen aller vaterlandsliebenden Deutschen An- klang und rückhaltlose Zustimmung finden muß. Die Rede hatte folgenden Wortlaut:
Es ist mir ein H e r z e n s b e d ü r f n i s, den Vertretern der Provinz, die ich heute um mich versammelt habe, aus tiefster Seele meinen herzlichsten Dank auszusprechen für die Art und Weise, wie ich in dem schönen Westfalenland allerorten empfangen worden bin. Ich möchte auch zugleich nochmals Ihnen allen int Namen ihrer Majestät der Kaiserin und Königin wiederholen, wie unendlich betrübt sie ist, paß es ihr durch den Unfall nicht vergönnt gewesen, die westfälischen Tage mitzumachen und persönlich mit Ihnen und dem westfälischen Volke in , Berührung zu treten. Die Provinz Westfalen biete» ein schönes Bild dafür, daß es wohl möglich ist, historische, konfessionelle und wirt- schaftliche Gegensätze in versöhnlicher Weise zu einen in der Liebe und Treue zum gemeinsamen Vaterlande. Die Provinz setzt sich zusammen aus verschiedenen Landesteilen, von denen viele schon lange der Krone Preußen zugehören und manche erst später dazugekommen siiid. Sie wetteifern aber alle miteinander in der treuen Zugehörigkeit zu unserem Hause. Wie ich keinen Unterschied machte zwischen alten und neuen Landesteilen, so mache ich auch keinen Unterschied zwischen Untertanen katholischer und protestantischer Konfession. Stehen sie doch beide auf dem Boden des Christentums und beide sind bestrebt, treue Bürger und gehorsame Untertanen zu sein. Meinem landesväterlichen Herzen stehen alle meine Landeskinder gleich nahe. In wirtschaftlicher Beziehung bietet uns die Provinz gleichfalls ein höchst erfreuliches Bild. Es zeigt, daß 6ie großen Erwerbszweige sich einander nicht zu schädigen brauchen und daß die Wohlfahrt des einen auch dem andern zugute kommt. Der Bauer bebaut seine rote westfälische Erde mit Fleiß, fest am überlieferten Althergebrachten haltend; eine kernige Natur mit eisernem Fleiß und ehrenhafter Gesinnung, von treuem Wesen, eine feste Grundlage für unser Staatswesen. Darum wird mir der Schutz der Landwirtschaft stets besonders am Herzen liegen. Der Bürger Baut seine Städte in immer vollkommenerer Weise aus. .Es entstehen großartige Werke gemeinnütziger Art, Museen und Sammlungen, Krankenhäuser und Kirchen. Im Schoße Ihrer Berge ruhen die Schätze, die, von den fleißigen Händen der braven Bergleute gefördert, der Industrie Gelegenheit geben, sich zu betätigen. Dieser Industrie, der Stolz unserer Nation, ivunderbar in ihrem Aufschwung, beneidet von aller Welt, möge es ihr vergönnt sein, rastlos auch fernerhin Schätze zu sammeln für unser Nationalvermögen und nach außen den guten Ruf von der Tüchtigkeit und Güte deutscher Arbeit zu mehren. Ich gedenke hierbei auch der Arbeiter, die in den gewaltigen industriellen Unternehmungen vor den Hochöfen und unter Tage im Stollen mit nerviger Faust ihr Werk verrichten. Die Sorge für sie, ihren Wohlstand und ihre Wohlfahrt habe ich als treues Erbe von meinem in Gott ruhenden Großvater übernommen. Mein Wunsch und Wille ist es, daß wir auf dem Gebiete der s o- Rialen Fürsorge festhalten an den Grundsätzen, die in der unvergeßli ch en B o t- f ch a f t Kaiser Wilhelms des Großen niedergelegt sind. Das schöne Bild versöhnlicher Einheit,
Roman von Ed. Wagner.
67] (Nachdruck verboten.)
„Eine höchst unangenehme Nachricht!" sagte er zu Glenham. „Ein Freund ist in großer Not und bittet mich, mit dem ersten Zuge zu ihm zu kommen. Ich muß noch vor Nacht fort. Wo ist mein Eisenbahnbuch?"
Er suchte nach dem Buch und fand es.
„In einer Stunde geht der Zug," sagte er nachdem er sich orientiert hatte. „Ich muß mic also beeilen! Es tut mir leid, daß ich Dich so überstürzt verlassen muß, mein Freund," wandte er sich Glenham zu, „ich werde Dich ja aber in Wenigen Tagen Wiedersehen."
Und er machte sich mit geradezu fieberhafter Hast zur Reise fertig.
Kein Verdacht, daß der Freund, dem er vertraute, ein falsches Spiel triebe, stieg Lord Glenham auf. Er ahnte ja nicht, daß der Brief, welcher Crafton in so große Aufregung versetzte, von Alice Romberg's Dienerin war, und noch bie weniger, daß derselbe Aufschluß über den Aufenthalt der so lange Vermißten enthielt. Er glaubte vielmehr ohne alles weitere, was der hinterlistige Mensch, der sich für feinen Freund ans- gab, ihm fugte.
„Ich werde Dich jedenfalls an den Bahnhcft begleiten," sagte er somit völlig arglos. „Tu haft in der Tat keine Zeit zu verlieren, wenn Du den Zug nicht versäumen willst.
, Crafton klingelte und befahl dem eintreten- Den Diener, ihm sofort einen Wagen zu besorgen; bann zog er seinen Hausrock aus, um ihn mi: ünem andern zu vertauschen, und warf den er- teren über einen Stuhl, gar nicht beachtend, >aß dabei der Brief nebst dem Kuvert aus der Lasche fiel.