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34. Jahrgang.

Fulda, Montag den 2. September 1907

Jvi 200. ferrrii. ~—-

Rede der NWonrbischofr henning- \ Haus ous Züdschantung.

Seitdem die Kolonialpolitik der Gegenstand ^fortwährender Erörterung bildet, ist das Inter- xsse für die Missionen immer größer geworden. Bon diesem Gesichtspunkte aus beansprucht eine -Aede des Missionsbischofes Henning Haus Lus Südschantung, des Nachfolgers des Bischofs langer, in der zweiten geschlossenen Versammlung ipes Katholikentages besondere Bedeutung. Bi- 'schof Henninghaus ist nach Lljährigem Aufenthalt 'in China zum erstenniale nach Europa zurückge- skehrt. Er führte aus:

Nur wer im Heidenlaude leben muß, umge­ben von den Erscheinungen des materiellen Le­bensgenusses des heidnischen Götzendienstes, der kann es verstehen, was es heißt, fern vom Zen­trum des katholischen Lebens weilen zu müssen. Für uns, in unseren heidnischen Wüsteneien, wa­ren die jährlichen Berichte über die Katholikcn- -ersammlungen immer ein großes Ereignis, fühlen wir uns doch eins mit der Heimat. Und Pir sind stolz darauf, daß es gerade unser deutsches Vaterland ist, das der Welt H in so herrliches Schauspiel katho- stischen Lebens zu bieten vermag. Ich erinnere mich, daß, als ich vor vier Jahren zum ersten Mal nach langer Zeit lvieder mit unserem e elehrten P. Dahlmann zusammentraf, sein erstes ■8 Bott war: Haben Sie schon den Bericht über iite Kölner Katholikenversammlung gelesen? So i t von Ihrer Versammlung die Begeisterung hin- Ü uSgcdrungen in alle Welt, und wenn es still geworden ist im Blätterwalde, dann werden draußen die Wogen der Begeisterung bis an un­sere fernen Küsten branden und neue Begeiste­rung wird in die Herzen derjenigen hineinye- tragen werden, die hinausgezogen find, um für unfern heiligen Glauben zu wirken und zu lei- den. Wir sind Ihnen dankbar, daß Sie von je­her auch den Missionen Ihre Aufmerksantkeit zu- gewandt und daß Sie auch uns ein Plätzchen an der Sonne eingeräumt haben. Das hat in uns das Gefühl bestärkt: Auch wir gehören zu Ihnen, auch wir haben einen Anspruch an dieser illustren Versammlung, und dafür danke ich Ihnen in meinem Namen und im Namen aller derer, die mit draußen stehen. Wie könnte eS aber auch an' Hers sein!

Die Mission ist nicht ein Außenwerk, da? man halten oder aufgeben kann, ist nicht ein Sport, für den sich außergewöhnliche Menschen interessieren. Sie ist ein Baum, der im Marke des katholischen Volkes wurzelt, der seine Aeste ansbreitet über die ganze Welt. (Beifall.) Ge­het Yin und lehret alle Völker! Auch dies Wort gilt für die katholische Kirche. Sie ist keine na­tionale Synagoge, ist kein pietistisches Konven- tlkel, ist keine pharisäische selbstsüchtige Philoso- phenschule, sie ist die Mutter, die alle Völker in ihrem Schoße sammeln will. Und ich muß sagen, daß ich ebenso erstaunt und erfreut darüber bin, welche Ausdehnung der Miffionsgedanke in Deutschland gefunden hat.

Wenn das

Missivnsintcreffe der Exponent des katholischen Glaubeuslebens

ist, dann kann man Deutschland nur von Herzen Glück wünschen. Man sage nicht, daß unter der Unterstützung der Heidenmission die innere Mis­sion leiden muffe. Ein herrliches Beispiel ist in dieser Beziehung der Niederrhein. Wie viele neue herrliche Kirchen sind hier entstanden, obwohl ge­rade der Niederrhein so viel für das Missions- tverf übrig gehabt hat. (Lehbhafter Beifall.)

Man sage auch nicht, die Missionen müßten sich von selbst erhalten, oder die Neuchristen soll­

ten die Opfer aufbringen. Das ist bei dem Mis­stonsbetrieb der Neuzeit, welcher Schulen, Anstal­ten, Zeitschriften usw. braucht, einfach undenkbar. Und anderseits müssen die Neuchristen wenig- stens bei uns in China schon so wie so schwere materielle Opfer bringen, sodaß ihnen diese Opfer nicht noch dazu auferlegt werden können. Die 500 Millionen Menschen sind keine Wilden, sondern Kulturvölker. Reichstagsabgeordnete, die bei uns waren, bezeichneten die Ausnutzung der Ackerscholle als Hochkultur. Ostasien hat eine viel- tausendjährige Geschichte, eine uralte Kultur, Wissenschaft, Literatur und Politik mit ihren Vorgängen und Rankünen. Wo ist ein Volk, das 4000 Jahre seine Nationalität bewahrt und an­dere Stämme sich angegliedert hat? Sollte es die göttliche Vorsehung solange erhalten haben, um es ungesegnet von dieser Welt scheiden zu las­sen? (Beifall.) In dem Worte von der „gelben Gefahr" steckt etwas Wahrheit. Die Völker in Ostasien beginnen, sich in unseren Weltverkehr und unsere Weltpolitik einzumischen.

Japan hat sich schon Ellenbogenfreiheit ver­schafft und China wird das gleichfalls tun. Es ist schon jetzt auf dem besten Wege dazu, und in den letzten 20 Jahren find Reformen vor sich ge­gangen, an die man früher nicht im Traume ge­dacht hat. Post, Eisenbahn, Telegraph, eine große Presse, ein neues Unterrichtswesen, neu- geordnete Beamtenschaft, neugeordnetes Negie­rungswesen, kurz Neuerungen auf allen Gebieten haben wir jetzt. Mit den führenden Geistern in Ostasien kann man heute über alle möglichen Themata reden, an die man früher gar nicht rühren durste. Mit den fünf höchsten Beamten unserer Provinz sprach ich erst kürzlich noch über Parlamente, Parteiwesen, Anarchismus, übet Bedeutung der Religion und einer religiös fun- damentierten Moral für unsere Staatswesen. Mit großem Interesse gingen die Herren auf diese Themata ein. Wir haben Leute in China, die lauge Jahre in Berlin studiert haben und mit denen man reden kann, tote mit Europäern.

Wie wichtig ist es, daß die Kirche sich in die Vorwärts st römung hin­ein stellt und Wegzeichen auf stellt, damit die Fahrer den rechten Weg finden und nicht verloren gehen. (Stürmischer Beifall.)

Mit einer großen Konkurrenz haben wir es draußen zu tun. Von Japan und Eu­ropa dringt der Rationalismus ein, und auch der Protestantismus entfaltet große Kräfte. Erst kürzlich fand bei uns eine Zusammenkunft von 1200 protestantischen Missionaren aus China statt. Abgesandte aus Amerika und England, Geistliche und Laien waren erschienen. Reiche Kaufleute erklärten den Missionaren: Zeigt uns, wo ihr es braucht, wir helfen euch. Bei dieser Konferenz erklärte ein protestantischer Missionar, es sei von eminenter Bedeutung, daß die Zukunft Chinas nicht von der katholischen Mission, son­dern von der protestantischen Mission beeinflußt werde. (Hört, hört!)

Wie ich das hörte, hat es mich in tiefster Seele ergriffen. Sollte unsere Sancta ecdesia, von der so glänzende Namen mit Blut und Trä­nen in die Geschichte Chinas eingeschrieben sind, aus der chinesischen Reformbewegung ausge­schlossen sein? Das darf nicht sein! (Lebhafter Beifall.)

Daß das nicht sein soll, dafür werden wir einstehen und dazu werden Sie uns helfen. (Stürmischer Beifall.) Christus vincit auch in Ostasien. (Bravo!) Gerade auch Südschantung darf das Interesse des gegenwärtigen Katholi­kentages beanspruchen. Mein Vorgänger war ein Sohn des Bayernlandes, und aus dem Bayern- loiibe ist ihm die mächtigste Unterstützung zuteil geworden.

Vor 25 Jahren fand er 12 Millionen Heiden vor und nur eine einzige kleine Christengemeinde von 150 Seelen. Wir haben jetzt 40000 getaufte Christen, und jährlich wächst die Zahl um 4- bis 5000. 70 Missionare, darunter 30 Eingeborene, sind tätig. 700 Katecheten und Katechetinnen itn- terstützen uns. 15 große Kirchen haben wir jetzt, über 100 kleinere Kapellen und über 500 Gebets­lokale. Wo früher nichts weiter als Heidentum war, wird heute in Hunderten von Gemeinden täglich das Lob Gottes gesungen. (Lebhafter Beifall.)

Nachkommen des Konfuzius, welche die Etn- geborenen als Heiden noch verehren, sind aus ihrer stüheren Zurückhaltung herausgetreten und haben freundnachbarliche Beziehungen mit uns angeknüpft. BeiunsistdasKreuzin der chinesischen Kultur auf gepflanzt. Mit freudigem Stolze kann ich, sagen, daß deut­scher Unternehmungsgeist sich einen schönen Ha­fen und eine schöne Stadt geschaffen hat. Deutsch­land spinnt seinen Faden über das Hinterland aus. Dorthin soll das katholische Deutschland den verklärenden Strahl des Christentums ent­senden. (Lebhafter Beisall.)

Unsere koloniale Tätigkeit hat nur dann einen Wert, wenn sie unsere Ideale hochhält. (Bravo!) Und wenn sie das nicht tut, so ist sie eine K r ä- merpolitik. Nur mit dem Kreuze gesegnet ist sie wirklich christliche Politik. Daß sie das sei, dafür müssen wir an erster Stelle eintreten. Zu unserer kolonialen Tätigkeit gehören die Missionen, und zu den Missionen gehö­ren die Missionshäuser; das find die Kadetten­schulen, die uns die jungen Leute liefern, damit diese, wenn uns das Kreuzesbanner entsinkt, es im Heidenlande weiter tragen können. (Lang- anhaltender, stürmischer Beifall.)

ventscher Reich.

Berlin, 31. August 1907.

* Der Kaiser tu Westfalen. Am Sonntag vor­mittag um 10 Uhr fand in Münster auf dem Neuplatz beim Schloß unter strömendem Regen Feldgottesdienst in Gegenwart des Kaisers statt. Später besichtigte der Kaiser den Friedens­saal im Rathaus in Anwesenheit des Oberbürger­meisters und des Stadtverordnetenvorstehers. Um halb zwölf Uhr erfolgte die Slbreife nach Berlin, wo der Kaiser gegen 8 Uhr eintraf.

* Das Organ der Reichsregierung über de» Würzburger Katholikentag. Die ,Nordd. Allgem. Ztg/ widmet der Würzburger Tagung in den Rück­blicken ihrer Samstagsnummer eine lange Spalte, aus der wir folgende für den Verlauf der General­versammlung schmeichelhafte Sätze hercmsgreifeu:

„Im Gegensatz zu dem kläglicher Stuttgarter Schauspiel wüster Zerfahrenheit und auseinander­strebender Gedankchen und Kräftchen trug der Katho­likentag den geschlossenen Charakter einer imposanten Heerschau der Betätigungen des katholischen Lebens. Man war sich dessen auch in Würzburg bewußt. Trimborn streifte mit seinem rheinischen Humor die Möglichkeit, Deutschland auch einmal international zu kommen, wie die Sozialisten in Stuttgart. Zweifellos würde diese Internationale besser abschneiden als der rote Wahl- freund. Wer den großen katholischen Veranstaltungen angewohnt hat, hat auch die inbrünstige Begeiste- rung gefühlt, welche die Masse den katholischen Gütern, den führenden Geistlichen und Laie», ent­gegenbringt. Keine Störung, keine Eut- gleifung/ An einer anderen Stelle wird kon- ftatiert, daß man sich der Angriffe gegen An­dersgläubige, in Sonderheit gegen die Pro­testanten enthalten hat. Weiter heißt es: „Die Redner hatten ein Recht, die Kultureinflüffe der katholischen Kirche zu rühmen. Unsere geistliche Ent­

wicklung gründet sich zum größten Teil auf den Schätzen, die uns die armaria, die Bibliotheken der mittelalterlichen Klöster, in die Gegenwart hinübergereüet haben. DaS niedere wie höhere Schulwesen begann seinen Siegeszug über die zivili­sierte Welt ans den Klosterschulen. Die Besteller der Künstler und Kunsthandwerker waren im Mittel- alter bis in d« neuere Zeit die Kirchen. „Weiter finden wir in den Ausführungen des offiziöse« Blattes ehie interessante Stelle, welche den Herren gilt, welche immer wieder mit der angeblichen In- feroritfit der Katholiken hausieren gehen. Sie heißt! „Man ist als Evangellscher auch leicht, geneigt, den Durst nach Wissen und Bildung bei den intelli­genten Katholiken zu unterschätzen, man denft sich den Spielraum zur Beftiedigung dieses Durstes durch die katholische Kirche meist zu eng gesteckt. Klang auch aus der Rede des Prof. Tr. Spahn etwas wie ein Unbehagen darüber, daß die theo­logische Fakultät Würzburg den: Katholikentage am selben Orte fern blieb (eben um die Einheitlichkeit der Kundgebungen nicht zu stören), so offenbart« sich doch in seiner Rede eine sehr ernste vertiefte Auffassung von den Pflichten und Aufgaben der wissenschaftlichen Forschung." Der Schluß des Rück­blickes über den Katholikentag gipfelt in dem Satze: „Stärker ist dem Papsttum unserer Er- innerung nach nie gehuldigt worden alfl auf dieiem Katholikentag."

Ganz konfuse Ansichten entwickelt der ,Vorwärts' über den Katholikentag, weil er nicht die Reform des preußischen Landtags­wahlrechtes besprochen hat; er kommt hierbei so­gar zu dem Schluffe:

„Eine große Anpreisung des Zentrums als Ordnungspartei, als znverläsfigste Schutzgarde vor Thron und Geldschrank, als brauchbar« Regierungspartei, war dieser Katholikentag. Diesem edlen Zwecke dienten alle seine Ver­handlungen, und all' daS, was ungesagt blieb. Die Zentrumsdiplomatie hatte die Karten schlau gemischt, sie hat Ursache, zufrieden zu sein mit dem Ergebnis. Das Zentrumswerk, das sie errichtet, ist groß und prächtig. Aber eS ist Diplomatenwerk, das nicht festgegründet ist, daS Volksstürme nicht übersieht. Die Zen­trumsdiplomatie vertuscht, aber sie finde! nicht! Die Gegensätze, die sie verkleistert, müssen immer klaffender ausbrechen, weil die wirtschaftliche Entwickelung sie schafft und ver­tieft. Und dagegen hat die Zentrumsdiplo- maiie kein Mittel. Sie hat es gewagt, die Zentrumsarbeiterschast heimzuschicken, ohne ein Wort vom preußischen Landtagswahlrecht. Hierhin gilt es, den Pfeil zu entsenden!"

Mehr Unsinn haben wir selten in so wenig Zeilen gesunden. Der Kaiholikentag ist feint Parteiversammlung; als er 1904 in Regensburg tagte, stand die bayerische Wahlrechtsfrage im Vordergrund, und doch wurde kein Ton hier­über geredet; aber daS Zentrum hielt sein Ver­sprechen, wie selbst Herr v. Vollmar zugab. 3hm war der Katholikentag wieder in Bayern, und da soll man sich über eine preußische An­gelegenheit unterhalten! Wir können mit dem­selben Rechte sagen: Weil der Stuttgarter So­zialistenkongreß sich nicht mit der Frage des preußischen Wahlrechtes befaßte, daher treibt die Sozialdemokratie eine elende Heuchelei. Aber der .Vorwärts' muß hetzen, sonst ge­fällt er seinen verwöhnten Lesern nicht mehr!

* Anerkennung für den katholischen Volks- verein und seine Würzburger Tagung hat sogar die extrem-protestantische ,Tägl. Rund-

Zie Serie Se; SchmrzmISes.

Roma« von Ed. Wagner.

$6j (Nachdruck verboten.)

SechsunddreißigsteS Kapitel.

Mehrere Tage vor den letzterzähllen Ereig- nisten saß Maldred Grafton allein in seinem Zimmer, tote immer in ein finsteres Grübeln nber das rätselhafte Serfcbtoinben von After und tbrer alten Dienerin vertieft, als Lord Glenham bei ihm ent trat. Wie nur ein Schatten von dem, der er noch vor Wenigen Monaten gewesen war erschien auch Lieser. Seine Augen blickten ernst Und wie von Trauer verschleiert; eS war als wenn ihm alle Kraft und aller Mut genommen sei. und nur ein bestimmter Zug seines freilich Unverändert schonen Gesichts zeigte, daß er noch »ncht alle Hoffnung auf gegeben hatte, daS Mäd- chen zu finden, nach welchem er nun schon so »önge vergeblich suchte.

Jicf Erafton, sich bei seinem SÄ «*» -- ■*’

.. erwiderte bet Gras, sich ans dem

erstbesten Stuhl niederlassend. „Aber ich hörte. Du eine neue Spur verfolgtest, und kam be.halb, um mich nach dem Erfolg zu et Fun- ?tgen.

entgegnete £r(^n- bleibt uns schließlich nichts mehr Rn tun übrig, ^ch haA letzt überall gesucht mib lerne Spur von den Verlorenen gefunden. Es P!«6t nnr eins zu denken übrig: Miß Romberg Unb ihre Dienerin sind daS Opfer eines Unfalls *ber eines heimlichen Feindes geworden!"

Der Graf fuhr fast erschreckt auf.

. - Was für einen Feind könnte sie haben?" killte er. „Sie, so schön, so jung und so un- jcffitlbuil Es ist unmöglich!"

„Nicht doch!" widersprach Craston ihm indes. „Eine eifersüchtige Frau, wie zum Beispiel Lady Trevor, kann sehr gut ihre Entfernung verur­sacht ober sie auch ganz beseitigt haben. Ich dachte immer, daß Lady Edith Dich lieble, Glen­ham, bis mir ihre Verlobung mit Pulsord be­kannt wurde. Niemand konnte sie zwingen, ihn zu heiraten, also muß sie eS wohl schon aus Nei­gung tun. Wenn aber das der Fall ist, kann sie Dich nicht geliebt haben!"

„Ich hatte Lady Trevor auch keines Verbre­chens fähig!" wandte Glenham ein.

„Das möchte ich dahingestellt sein lassen," ver­setzte Craston weniger zuversichtlich, „aber da sie mit Pulsord verlobt ist, kann sie ja in der Tat keinen Anlaß haben. Miß Romberg zu beseitigen. Daß diese aber dennoch einen Todfeind hat, da­von bin ich überzeugt!"

„Wer jedoch Knute dieser Feind fein?" warf Glenham die müde Frage hin.

„Darin liegt vielleicht der Schwerpuntt des ganzen Geheimnisses," sagte Craston gedanken­voll. „Ich kenne wie Du die Geschichte Miß Romberg’?. Wer waren ihre Eltern? Wer war >er Mann, der sie in das Pfarrhaus im Schwa^- walde brachte? Der alte Pfarrer empfing von eitern Unbekannten kurz vor dem Tode einen ' Srief, aus welchem hervorgeht, daß sie einen Feind hat. Jener Unbekannte wünschte, daß sie einfach verschwinden und aus immer in tiefster Verborgenheit bleiben sollte. Dieser Mann, wel­cher nie fein Berwandtschastsverhättnis zu Miß tomberg verriet und sie ohne allen Zweifel 1 faßte, hat gewiß ihre Uebersiedelung von Schönau nach London entdeckt und sie ihrer Frei- Ijcit oder gar ihres Lebens beraubt. Ich folgere aus alledem und glaube also, daß der Mann, welcher sie nach Schönau brachte, der Urheber ihres rätselhaften Verschwindens ist!"

„Das glaube ich jetzt auch!" rief dec Graf lebhaft. „DaS ist eine Idee, die wir weiter ver- frügen müssen!"

„Um denselben Mißerfolg zu haben?" ent­gegnete Craston. „Denn was hätten wir weiter zu erwarten? Der Mensch, welcher Miß Romberg haßte ober fürchtete, hat fein Werk vollbracht! Alice ist seit acht Monaten verschwunden! Wir habm ganz Europa nach ihr durchsucht und keine Spur gefunden t Es gibt keine andere Möglich­keit mehr, — sie muß tot fein!"

„Ich kann und will, es nicht glauben," rief der junge Graf leidenschaftlich. „Ich fühle tm Gegenteil mit der ganzen Kraft meines Herzens, welches sie liebt, daß sie noch lebt und sich in gro­ßer Gefahr und Trübsal befindet!"

„Wenn sie lebte, würden wir sie gesunde» ha­ben!" wandte Craston ein.

„Ich werde trotz alles Mißerfolgs das Suchen nicht aufgeben", erklärte Glenham, „und hoffe, wenn e§ fein muß, mein ganzes Leben dieser Aufgabe widmen!"

„Dadurch aber wirst Du Deine Mutter un­glücklich machen, deren einziger Trost Du bist!" sprach Craston, dem diese Beharrlichkeit des an- dem alles andere denn gefiel. „Die Aermsie! Sie tut mir herzlich leib, wie freilich nicht weni­ger Du! Du magst es mir glauben, mein Freund i daß ich den Verlust Miß Romberg's schwer mit dir fühle 1"

„Deine Freundschaft hat sich erprobt, Cras- ton!" sprach der Graf, mit Wärme die Hand des Verräters drückend. „Du hast alle Deine Seit und Kraft diesem scheinbar so hoffnungslosen Su­chen geopfert! Ich werde Seines Beistandes nicht vergessen!"

Der Hausmeister unterbrach durch seinen Ein- tritt die Unterhaltung. Er brachte einen Brief für Craston.

Dieser legte den Brief auf den Tisch, nachdem er einen flüchtigen Blick auf daS Kuvert getoor- fen hatte.

„Ich bin Dir stets ein treuer Freund gewe­sen, Glenham", nahm er, getreu dem Klugheits- spnrch, das Eisen zu schmieden, solange es beiß

ist, nachdem der Hausmeister sich entfernt hatte, wieder das Wort. .Könnte ich Miß Romberg finden und Dir zurückbringen, — freudig würde ich die Hälfte meines Lebens darum hingeben I"

Er hatte bei diesen Worten den Brief wieder ausgenommen und drehte ihn gleichgültig um. Dabei fiel ihm die unleserliche Schrift der Adresse auf und et sah nach dem Poststempel, der zu sei­ner Neberraschung ein schottischer war.

„Gewiß eine Bittschrift!" sprach er dennoch scheinbar ganz gleichgültig. „Wenn Du entschul­digst Glenham, möchte ich Nachsehen!"

Und er rieß das Kuvert ab und entfaltete ein Blatt groben blauen Papiers. Sein erster Blick fiel auf die Unterschrift und kaum, daß er die­selbe entziffert hatte, erbleichte er und eine große Aufregung hätte sich seiner fast bemächtigt. Mst aller Gewalt nur bezwang er sich' hindern aber konnte er es nicht, daß die Buchstaben auf dem in seiner zitternden Hand befindlichen Papier vor seinen Augen auf und ab tanzten und ineinander verschwamme n.

Der Graf betrachtete ihn teilnahmsvoll.

„Eine unangenehme Nachricht- Craston?" fragte er in seiner gütigen Art, die in allen La­gen stets ein Herz für andere hatte.

Aber nichts war bester imstande, Craston seine Selbstbeherrschung zurückzngeben, als die Stim­me besten, der am allerletzten von dem Inhalt dieses Brieses etwas wissen durste, und sich mit Gewalt bezwingend, las er den Bries, so schnell er es vermochte Wort für Wort durch und als er daraus entnommen hatte, daß derselbe von Gret­chen kam und daß Alice am Leben war und er — und nicht der Graf — von beiden zur Desreiung aus der Todesgefahr fjerbeigerufen wurde, kam ein Triumph über ihn, den er kaum zu verbergen bermafjte. Indem er den Brief ht der Hand zer­knitterte und dann in die Tasche steckte, Awang er feinen Mienen jedoch alles andere denn Freude auf.

iFortfetzuna falat.l