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34. Jahrgang.

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Drittes KLatt.

Unpolittsche Zeitläufe.

(n) Würzburg, 29. August 1907. (Nachdruck verboten.)

z In den Einladungen zu den Katholtksntagen Beiti es gewöhnlich, man solle in die gastliche Stadt kommen, die an diesem oder lenem Herr- lichen Flusse und m dem schonen, lieblichen oder gemütlichen oder sonstwie berühmten Lande So Snd so gelegen sei. Das lautet recht reizend.

ber, wenn man nun hinkommt und von mor­gens früh bis abends spät Sitzungen mitzu- Machen hat, wo bleibt da die Gelegenheit, Land und Leute kennen zu lernen und die Herrlichkei­ten der Gegend zu begrüßen? Schon aus diesem Grunde, wozu noch gewichtige andere kommen, ist eine Wallfahrt als Einlage in den Arbeits- 'plan sehr zu empfehlen. In Würzburg wurde früh morgens die Wallfahrt zum Käppele ange» lireten, und das war in der Tat eine erquickende Sache für Leib und Seele. Die Wallfahrer, dre ’itn Morgennebel über den Main und den Berg hinauf gezogen waren, erblickten bei ihrem Aus­tritt aus dem Heiligtum im warmen Strahl der siegreich durchgedrungenen Sonne das liebliche Maintal, in dem die Häuserblocks von Würzburg sich um den Dom gruppierter:, wie Küchlein um

die sorgsame Henne.

. Ja, die Gäste wie die Einheimischen, bis zu j>en Kindern herunter, Haber: von diesem Aus- fluge viel Freude und Erbauung gehabt, im ^weltlichen wie im geistlicherr Sirme. Und das 'ift gut so, denn die Belehrnng vom Rednerpulte Allein macht es nicht. Ter ganze Mensch soll auf dem Katholikentage eine erfrischende Kur durch­machen, eine Badekur, die auch dem Gemüte zugute kommt und die ganze gesamte Lebens­kraft in neuen Schwung bringt. Sagen wir, es solle ein I u n g b r u n i: e i: sein. Ein wirk­lich verjüngender Brunnen, nicht ei» sogen. l„§ungbru::nen" in Gänsefüßchen, wie ihn unter dem Spott der Zuschauer eine gewisse andere Partei zeitweilig aufmacht, um sich die neuen Runzeln und neuer: Gallenleiden zu holen.

Zu den Heil- und Stärkungsmitteln, die in unserm jeweiligen Badeort verabreicht werden, gehört nun an hervorragender Stelle der persön­liche Verkehr, die gemütliche Aussprache zwischen alten Freunden, die sich bei diesem Stelldichein von Zehntausenden wieder treffen, und zwischen den Fremden und den Einheimischen. Daher liebe ich auch das Gartenfest, das am Mittwoch

abend als Lohn für den bis dahin bewiesenen Fleiß abgehalten zu werden pflegt. In Bayern nennt man das, gemäß der feucht-fröhlichen Eigenart des Landes, ein Kellerfest. Die Na- inensänderung schadet der Gemütlichkeit nicht; ’tm Gegenteil. Ein Fest auf dem Keller, nicht in dem Keller. Auf den: Keller des Würzburger Bürgerbräu war es höchst gemütlich und sehr voll. Ueberharrpt ging die Fülle überall über das Programm hinaus.

Die vertrauliche Aussprache in: engeren Kreise hatte diesmal eine ganz besondere Bedeutung. Es heißt, daß bei dei: Monopolen die Leute zur Begrüßung ihre Nasen an einander reiben. Na- senreiber sind wir nicht; aber die Herzen reiben sich manchmal in freundlicher Weise aneinander, und das fann unter Umständen eine segensreiche Begrüßung sein. Nämlich in Zeiten, wo nicht alles so harnronisch klappen wollte, wie es eigent­lich sollte, wo Zweifel, Schwierigkeiten, Besorg­nisse auszugleicheu waren. Sprecht euch aus in camera caritatis, im trauten Kämmerlein der brüderlichen Liebe! Die unmittelbare Berüh­rung der Herzen erzeugt eine Art elektrischen ^Stromes, der die lästigen und schädlichen Bazil­len vernichtet. Die Würzburger Tagung hat wahrlich klärend, befreiend, beseligend gewirkt.

Wem: am Donnerstag mittag der letzte von bei: progrannnäßigen Rednern gesprochen bat, dann beschleicht mich immer eine gewisse Weh­mut, dann denke ich an die schönen Zeiten, als noch die alte, liebe, kleine Exzellenz langsam und vorsichtig zur Rednertribüne sich hinaultastete, um in der Schlußrede seine meisterhafte Heber« sicht über die vollbrachte Arbeit zu geben. In dieser Schlußrede brachte der alte Führer manch­mal das erlösende Wort, wenn die schwierige Lage ein solches forderte. Und fast immer gab es da auch ein ergreifendes Wort, das dem iime- ren Menschen durch und durch ging und eine hei­lige Rührung über die atemlos lauschenden Tau- sende ausgoß, auch Tränen aus Männer äugen fließen machte. Tara:: dachte ich zurück, als der Präsident Fehrc:chach zum Schlüsse die Tribüne foeftieg. Und als er geendet hatte, da sagte ich mir: Das hätte Windthorft auch gesagt, wem: er unter den jetzigen Verhältnissen noch mit irdi­scher Zunge reden könnte. Ein bessert Kornpli- ment kann dem trefflichen Nachwüchsling aus Baden nicht gemacht werden. Er verdient es aber.. Leset nur die Schlußrede Fehrenbach's be­dächtig durch, freut euch über die schneidigen Worte, die den gordischen Knoten, die sog. Schell- frage zerlegei:, uns nehmt teil an der Rührung, die aus der Ludwigshalle ein Heiligtum machte, als der Präsident die Wallfahrt schilderte! —

Seit einem Jahr soll nmnches anders gewor­den sein, wie die Geschichtsschreiber der Gegen- wart sagen. Freilich, cs ändert sich bald dieses, bald jenes auf dieser runde:: Welt, die sich dreht, e§ anbett sich nuuuhes plötzlich, ton sich nach einer Werke toteberun: zu ändern. Mag der Wind wech­seln und mögen die Wellen spielen — Eines ist unverändert geblieben, wie wir jetzt handgreiflich sehen und wird aller Wahrscheinlichkeit nach un- verändert bleibeu: die einträchtige, ruhige, feste, entschlossene Kraft des katholischen

Volksteiles von Deutschland. Wir sind noch die Alten und wollen die Alten bleiben! Das :st die Moral von Würzburg. —

Ich habe schon eine stattllche Reche von Ka­tholikentagen mitgemacht, von den anderen Ver­sammlungen verwandter Art nicht zu reden. Es wird beraten und beschlossen, immer wieder be­raten und beschlossen. Es blecht auch durchaus nicht bei Worten, sondern von Jahr zu Jahr häufen sich die Einrichtungen, die zu diesen: und zu jenem guten Zweck in Tätigkeit gesetzt werden. Rastlos werden die Mängel dieser Welt bekämpft, rastlos wird für die Wohlfahrt der Menschen an Leib und Seele ein übriges getan. Jahrzehnte hindurch! Sind denn die Bedürfnisse noch nicht befriedigt? Geht der Beratungsstoff nicht bald aus? O nein, es wachsen immer neue Sorgen, neue Bedürfnisse, neue Anliegen empor, immer neue Zwecke, immer höhere Ziele werden uns ge­stellt. Wir werden bis an unser Lebensende zu tun haben, und unsere Nachkommen werden noch mehr zu tun haben, als wir.

Was ist das? Etwa eine trostlose Tretmühle? Wahrlich nicht, sondern die Bewahrheitung der alten Sprüche: Leben heißt Streben; es wächst der Mensch mit seinen größeren Zwecken. Excelsiorl Immer höher hinauf! Das Streben und Arbeiten hat kein Ende, aber, es hat trotz­dem reiche Frucht für die Menschheit und beglü­ckenden Segen für die Arbeiter im Weinberg des Schönen und Guten.

Die Arbeit der vergangenen Jahre und Jahr­zehnte ist wahrlich nicht umsonst gewesen. Denken wir un8 einmal das, was die katholischen Vereine geschafft haben, würde wieder vernichtet; all' die Kirchen, die der Bonifatiusverein und die freie Wohltätigkeit in der Diaspora geschaffen haben, all' die Krankenhäuser, Klöster, Vereinshäuser, Wohlfahrtsanstalten, Schutz- und Hilfsvereine, Kassen, Berufsgenossenschaften, soziale und wirt­schaftliche Gesetze usw. verschwänden wieder. Welch' eine Fülle von Not, Elend und Jammer würde dann ringsum wieder hereinbrechen über die Leiber und über die Seelen, über die Kultur, und das Glück und die ewige Seligkeit der Men­schen! Es ist viel, ungeheuer viel gutes und er­freuliches geschaffen worden, die Welt hat Fort­schritte zum Bessern gemacht. Langsam aber sicher geht es vorwärts, aufwärts; nicht zu einem Himmel auf Erden, aber zu einer erträglichen Form des Daseins im Tale der Prüfung. Still­stand wäre Rückschritt, und der Rückschritt würde ein verdoppeltes Elend herbeiführen. Darum immer weiter gearbeitet, nicht verzagt gegenüber den wachsenden Aufgaben, sondern Schritt fsir Schritt weiter gestrebt auf den steilen Pfaden der wahren, christlichen Kultur. Das Bergsteigen macht Freude, ist an sich ein Hochgenuß, wenn auch droben auf den erklommenen Spitzen kein Schlummersopha steht.

Keine reinere Freude, kein größeres Behagen gibt es im Erdenleben, als wenn ein strebsamer Mensch beim Trocknen seiner Sttrne sich sagen kann: Da habe ich doch etwas erreicht, da habe ich etwas gutes geleistet für das Wohl mei­ner Familie, meines Standes, meiner Gemeinde, zum allgemeinen Besten!

Die gute Tat beglückt den Täter so, daß alle saure Mühe den reichsten und süßesten Lohn sindet. Es freut sich der Mensch, so lange er red­lich und richtig strebt!

[*] vom handeln.

Von Hans Gisberts.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Das Handeln, oder wie der allgemein ge­bräuchliche Ausdruck heißt, das Akkordieren, ist die Schwäche und der Stolz mancher guten Hausfrau, und sie ist glücklich, wenn es ihr ge­lungen ist, nur wenige Pfennige billiger einzu- kausen, als diese oder jene. Bei den Einkäufen in Ladengeschäften mit festen Preisen sieht man hochelegante Käuferinnen um ein paar Groschen feilschen, zum Entsetzen des Verkaufspersonals, das Mühe und Zeit verschwendet und doch an­gewiesen ist, an dem vorgeschriebenen Preise sest- zuhalten. Nachher flogt vielleicht die ermüdete Verkäuferin, nachden: die allzu genaue Kundin den Laden verlassen hat, die Frau Kommerzien­rat sei jetzt zum vietten Male dagewesen, um fünfzig Pfennig an dem Tintenfaß oder eine Mark an der Bronze herunterzuhandeln. Der­selben Klage begegnet man in anderen Läden, z. B. in Delikateßhandlungen. Wer mcht in der Lage ist, Saisomreuheiten oder teure Delikatessen zu bezahlen, der soll sich mit bescheideneren Speisen begnügen, ober nicht den Händlern ihren ost recht karg bemessenen Nutzen herunterhandeln. Gute Ware hält auf il)ren Preis; daS aber ahnt die „gute Hausfrau" nicht, daß der gequälte Verkäufer sich wohl mal durch unterschobene geringere Qualität oder durch knappe- Gewicht für das Atkordieren entschädigt.

Da hat eine vergnügte Gesellschaft eine große Tour gemacht und ist, von der heiteren Stim­mung versühtt, länger ausgebliebe» als beab­sichtigt. Ein Wagen wird für die späte Heim­fahrt bestellt und muß recht lange in der Kühle des Abends oder der Nacht auf die übermütigen Fahrgäste warten. Nach stundenlanger Fahrt in der Dunketheit langt man daheim an und entsetzt sich über dm „unverschämten Preis", den der Kutscher, oft der Witt eines LcmdwittShauses ober ein benachbarter Laudmann fordert.

Die Herren sind in solchen Fällen fast aus­nahmslos einsichtiger, währmd viele Frauen in gleicher Lage mit Energie herunterhandeln. Die

„gute tzsussrau" streckt sich behaglich auf dem bequemen Ruhebett aus, stolz, threm Gatten durch ihr Akkordieren ein paar Mark erspart zu haben, während der müde Fuhrmann nnßver- gnsiqt die lange Fahrt über schlechten Weg durch die finstere Nacht zurücklegt. Wer wlll chm ver- argen, wenn er ein paar wenig schmeichelhafte Worte über die Stadtleut in seinen Bart murmelt und sich verschwört, ein anderes Mal aegen alle Bitten und Beschwörungen taub zu M? Er kann seine Müdigkeit nicht am andern Tage ver- schlafen, wie seine Fahrgäste; früh morgens muß er mit den gleichfalls ermüdeten Tieren an die Arbeit, um das harte, tägliche Brot für sich und seine Familie zu verdienen.

Man ist im Kränzchen bei der jungen Frau Assessor in einem kleinen Landstädtchen. Köstllche Walderdbeeren werden ausgetischt und munden ausgezeichnet. Da fragt die brillantengeschmückte Frau des reichen Fabrikanten, die für eine neue Toilette dreimal nach der Residenz fährt, um nur ja das Neueste und Eleganteste zu erhaschen, mit der Ueberlegenheit der guten .Hausfrau, die eins längere Erfahrung hinter sich hat: „Wieviel haben Sie für die Erdbeeren bezahlt, meine Liebe?" „Eine Mark." „Viel zu teuer. Ich zahle nie mehr als sechzig ober achtzig Pfg. für die gleiche Portion. Sie müssen nur mit den Leuten umzugehen verstehen. Diese sind ja auf die paar Familien hier als Absatzquelle für ihre Erdbeeren angewiesen, dürfen also gar keine solch hohen Preise fordern, oder sich gefallen lassen, daß man herunterhandelt. Das müssen Sie noch lernen."

Da kommt eine der anderen Damen dem er­rötenden jungen Frauchen zu Hilfe. „Haben Sie schon jemals selbst Ihre Gartenerdbeeren gepflückt, Frau E.? Nicht! Nun, ich pflücke sie regelmäßig, weil ich mein Mädchen nicht im HauSbalt entbehren kann, und ich versichere Ihnen, ich bin nach dieser verhältnismäßig unbebeutenben Leistung jedesmal recht ermüdet, und ich muß mich zwingen, gleich eine andere Arbeit zu be­ginnen. Und nun denken Sie, wie oft sich die arme Frau, die diese kleinen Erdbeeren sammelt, bücken muß, ehe sie ein solches Körbchen gefüllt hat, wie weit sie den Wald dafür durchstreifen muß, und wie lang und beschwerlich der Weg dorthin ist. Dabei ist der Erlös dieser Wald­früchte vielleicht der einzige Erwerb der Frau, die ihre Kinder davon ernähren muß. Nein, ich brächte e§ nicht übers Herz, ihr nur einen Pfennig von dem wohlverdienten Preis abzuhandeln."

Jeder Einsichtige wird der Sprecherin recht geben. Auch die hartherzigen Käuferinnen, die so oft durch ihr Feilschen die Not der Armut vermehren, handeln nur so, weil sie gedankenlos in den Tag leben, weil sie beim Genießen keine Zeit finden, sich über die traurige Lage der an­deren zu belehren. Deshalb trifft man bei denen, die die Not des Lebens aus Erfahrung kennen ein weicheres Herz und eine offenere Hand als bei den Wohlhabenden, die so viel für sich und ihre Bedürfnisse brauchen, daß ihnen wenig für die Arnmt übrig bleibt.

Niemand braucht eine Ausgabe zu machen, die über seine Verhältnisse geht; aber niemand tollte auch versuchen, einen wohlverdienten Preis herunterzudrücken. Die Geschäftsleute haben so große Lasten zu tragen, daß man ihnen einen an­gemessenen Nutzen gönnen kann, und ein wohl­assortiertes Geschäft ist kein Jahrmarkt, auf dem man Ramschwaren billig ersteht; man sollte das bedenken und der Ware, die man als gut er­kannt, ihren Preis zugestehen, andernfalls sich mit bescheidenerer Ware begnügen. Ebensowenig soll man den Lohn für schwerverdiente Arbeits- leistung kürzen und sich nicht mit seiner Spar­samkeit brüsten, wenn man hattarbeitenden Leuten einige Pfennige abgezwickt hat. Das kommt dem Geiz nahe, nicht seiner vornehmeren Schwester, der Sparsamkeit.

x Das Dampfschiff.

Von M a r i a u x.

(Nachdruck verböte».)

Am 7. Oktober dieses Jahres werden es hun­dert Jahre, daß der Mechaniker RobertFul- t o n mit seinem Dampfschiff „Clermont" auf dem Hudson zwischen New-York und Albany den Be­weis erfcradjte, daß die Dampfkraft zur Fortbe- toegung von Schiffen praktisch verwendet werden kann.

Mechanische Mittel zur Fortbewegung von SLiffen ebne Handruder und Segel find schon in früher Zeit versucht worden. Appius Claudius soll schon 263 v. Chr. Schaufelräder auf Schiffen benutzt haben. 1472 veröffentlichte Balturius die Abbildulrqen zweier Galeeren mit Schaufelrä­dern. Blasco da Gary soll 1543 Schiffe mit Schaufelrädern, die von Menschen betrieben Wür­ben, erbaut haben. Die Geschichte der Dampf­schiffe beginnt mit Papin, der 1681 den Vor­schlag machte, die Dcunpfkrast zur Bewegung der Schisse zu benutzen. Papin fuhr am 27. Septem­ber 1707 mit einem von ihm gebauten Ruder- rabfdjiff, wobei der Wasserdampf als be­wegende Kraft benutzt wurde, auf ber Fulda von Kassel «ach Münden. Er wollte mtt die- sem Schiffchar »ach England übersetzen und scheint des Durchgang bei Münden, da ihm die obrig- LrLLhs Frlaubnis versagt worden war, mit Ge­

walt versucht zu haben. Dabe: zerstörten »hm Schiffer sein Fahrzeug und das entmutigte :hn so sehr, daß er alle weiteren Bemühungen au;gab. Nach ihm haben noch viele mit mehr oder weniger Erfolg Dampfschiffe gebaut. Erst dem Ameri­kaner Robert Fulton gelang es, ein brauchbares Dampfboot zu konstruieren. Mit seinem Dampf­boot „Clermont", das au: 7. Oktober 1807 den Hudson von New-York bis Albany mit e:nec Marimalgeschwindigkeit von vier Seemeilen be- fuhr, hatte Fulton vollständigen Erfolg. „Cler­mont" war 42,67 Meter lang, 4,57 Meter breit und mit zwei an den Schiffsseiten au geordneten Ruderrädern von 4,7 Meter Durchmesser ausge- stattet. Die Maschine entwickelte 20 Pferdekrafte, die Räder machten 20 Umdrehungen in der Mi­nute. Nach der Versuchsfahrt wurde es sofort als Passagierboot benutzt und damit die Dampft schiffahrt eröffnet. Fultons Erfolge fanden so großen Anklang, daß schon 1812 mehr als 50 nt Nordamerika erbaute Dampfer die pstusse ren. 1818 lief in New-York das für die Fahrt New-York - Liverpool - S. Petersburg bestimmte dreimastige Danrpffchiff „Savannah" vom Sta- pel und vollendete seine erste Fahrt von 'Savan­nah bis Liverpool in 26 Tagen.

In Europa wurde das erste dauernd itt Fahrt gestellte Dampfschiff 1812 von Wood :nt Auftrage von Bell au der Clydemiindung erbaut Johu Thompson gelang es 1812 ein Dampfschiff zu bauen, das schneller lief als das von Bell; fast gleichzeitig erbeute Robertson ein Dampfschiff, das in Europa die erste Reise zur See machte. Die englischen Dampfschiffsunternehmungeu hat­ten guten Erfolg. 1815 fuhren in England und Schottland schon 20, 1823 über 160 Dampfschiffe. Auch deutsche Flüsse, Rhein und Elbe, wur- den 1818 zuerst von englischen Dampfern befah­ren, während auf der Donau erst 1830 ein Dampf» schiff erschien. Den Rhein befuhr zuerst bis Köln im Juni 1816 das englische Dampfschiff „De- fiance", auf der Elbe machte die ersten regel­mäßigen Fahrten von Juni 1816 bis August 1817 zwischen Hamburg und Kurhaven das schottische Dmupfschiff „Lady of the Lake". In Frankreich datiert die Dampfschiffahrt von 1820, und drei Jahre später soll mau dort mit dem Bau von Kriegsdampfschiffen begonnen haben. 1825 be­nutzte ein englisches Schiff die Dampfkraft zur Aushilfe seiner Segelkraft auf der Fahrt nach Kalkutta, und ein anderes englisches Dampfschiff vollendete die erste Fahrt nach Ostindien aus­schließlich mit Dampfkraft in 113 Tagen. 1830 besaß England 315 Dampfer und fünf Jahre später 538. 1833 baute Lang das erste englische Kriegsdampfschiff, eine Fregatte von 110 Pferde­kräften und 807 Tons, die zuerst, ohne Mithilfe der Segelkraft, die Fahrt über den Atlantischen Ozean vollendete.

Die Schnelligkeit der Dampfschiffe ist int Laufe der Zeit stark gewachsen, gleichzeitig aber sind die Maschinen immer ökonomischer und zu­verlässiger geworden. Die Fahrt zwischen Queens­town und New-York dauerte 1840 etwa 15 Tage und heute uicht ganz 5 Tage. Es gibt heute Hochseedampfer, die über 23 Seemeilen in der Stunde laufen. Der Wunsch, die Transportkosten möglichst zu verringeru, führte zu der Konstruk­tion möglichst großer Schiffe, da auch be:nt Dampfschiff der Großbetrieb am spariamsten wirtschaftet. Der Betrieb eines Dampfers ift ab­hängig von den Kohlenpreisen und von der Wirt­schaftlichkeit des Kessel- und Maschinenbetriebs. Deshalb sind die Bestrebungen der Maschineichau- techniker auch fortgesetzt mehr darauf gerichtet, den Dampferbettieü zu verbilligen, als die Ge­schwindigkeit zu steigern. Der Kohlenverbranch wächst ungefähr mit der dritten Potenz der Ge­schwindigkeit. Sehr schnelle Dampfer 31: bauen ist hauptsächlich eine Geldfrage. Die stärksten Schiffsmaschine» der Erde besitzt der Doppel- schraubeudampser, „Kaiser Wilhelm II.", nämlich 40 000 Pferdekräfte.

Das Dampfschiff hat in volkswirtschaftlicher und handelspolitischer Beziehung eine großartige Umwälzung hervorgebracht. Der Personenver­kehr hat eine früher nicht geahnte Ausdehnung erhalte», und die Ein- und Ausfuhr der Länder hat eine wesentliche Steigerung und znm Teil eine ganz neue Gestaltung erfahren. Die Dampf- fchiffahrt begann, wie gesagt, 1807 mit Fultons Fahrten auf dem Hudsou zwischcu New-York und Albany. Liverpool wurde der erste Hanptplatz für ozeanische Linien nach Amerika. 1840 eröff­nete die Cunardlinie von da ihre Fahrtei: nach Halifax und New-York. 1842 wurde von England aus die erste Dampferfahrt um die Erde unter- uomme». Seit dem letzten Drittel des 19. Jahr­hunderts entwickelt sich die Dampfschiffahrt stetig und progressiv, sodaß seit 1903 sogar für sehr große Entfernungen, wie Europa-San Franzisko, die Dampfschiffahri erfolgreich mit der Segel- schiffahrt konkurriert und dei: Seeverkehr un At­lantischen Ozean und nach Ostasieu fast ganz allein beherrscht. Die DauPf schiffahrt auf Bin­nengewässern ist in allen von Flüssen, Kanälen und Seen durchzogenen Ländern von größter Be­deutung. Die Wasserstraßen sind anfänglich die einzigen Verkehrsadern in nnei:twickeltci: San- per». Im Osten von Europa cutwickellc sich die Dampffchiffahrt auf der Tonmi, Kama und Wolga, in Nordamerika auf den: Missisippi. Mis­souri, dem St. Lorenzstrom, dem Erie-, Michi - gan-, Huronen-, Obersee u. a. Südamerika ver­dankt der Dampfschiffcchri auf dem Orinoko, Amazonenstrom und dem La Plata mit dein Uru­guay, Parana und Paraguay einen großen Teil feiner Entwicklung und in China erschliesst d:e Dampfschiffahri aus dem Jangtsekiaug dos In­nere des Landes den: europäischen Handel. Auch die Dampffchiffahrt auf dem unteren Kongo, dem Amur, dem Mekhoug und auf den nordsibirifchen Flüssen gewinnt Bedeutung. Bei ber Küstenschiff­fahrt der Nord- und Ostsee, des Mittelmeeres und