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34. Jahrqang.

Fulda, Samstag den 17. August 1907

187.

Erstes Matt

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man ihm das aber den

Mund gar zu weit aufreißt, und wer eine Macht vorspielt, die nicht vorhanden ist, der macht sich einigermaßen lächerlich. Des­halb möchten wir der freisinnigen Presse in ihrem eigenen Interesse und int Interesse des Blocke- dringend raten, wenigstens etwas be­scheidener zu sein."

Verantwortlicher

Schriftleiter:

wedxitMtoge: „Illustrierte Sonntagrzeitung"

Erscheint «l-lich w* Anrnahme der Sonn« uttb.Seiedege. viertel» tShrl.vezngopreir vhne vringerlohn und yestellgeld in 8« Iba und öaswörts l M. 50 Pffl-

Als sie mit ihrer Verkleidung fertig war, nahm sie aus einem Schubkästchen ein Zertungs» blatt, welches einige Monate zurückdatierte. In diesem Blatte war eine Stelle mit Notstift ange- strichen. Es war der Bericht über eine Gerichts­verhandlung wegen Mordes. Ein Mann hatte seine Frau vergiftet und das Gift von einem in einer engen, abgelegenen Straße wohnendenApo- theker erhalten, dessen Name und Wohnung genau angegeben war und von dem gesagt wurde, daß er zu jeder Tat fähig sei, sich aber durch seine List und Schlauheit noch immer dem Arme der Ge­rechtigkeit entzogen habe.

Nachdem sie sich die Adresse mit aller Sorg­falt vermerkt hatte, verließ sie daS Haus durch die Seitenpforte, — von keinem gesehen, wie sie wähnte.

Als sie einige Nebenstraßen passiert hatte, nahm sie sich einen Wagen und fuhr nach jener Straße, welche in jenem Zeitungsbericht genannt worden war.

Nach einer Stunde befand sie sich wieder in ihrem Zimmer, um hier in aller Hast ihre Kleider zu wechseln, Puder und Farbe von ihrem Gesicht zu entfernen und ihr Haar kunstgerecht zu ordnen.

Auf ihrem Rückwege hatte sie mehrmals die Wagen gewechselt und verschiedene Umwege ge­macht, um, falls sie verfolgt werden sollte, ihre Verfolger irrezuleiten. Dem Apotheker hatte sie natürlich ebenfalls einen ganz falschen Namen genannt. So glaubte sie vollkommen sicher zu sein, daß niemand eine Ahnung von ihrem heim­lichen Ausflug hatte. Und so mit dem Gefühl von größter Sicherheit verbarg sie in dem ver­borgensten Fach ihres Sekretärs zwei kleine Fläschchen, jedes nur wenige Tropfen enthaltend; aber diese wenigen Tropfen waren ein größerer Schatz für sie als alle ihre Diamanten und ihr ganzer Besitz überhaupt.

„Nun mag kommen was da will!" sprach sie

die gegebenen Verhältnisse und die vorhandenen Machtfattoren berücksichtigen und in Rechnung ziehen müsse. Wer oiesem Leitsatz huldigt, der wird die großen Worte der sretfinnigm Presse nach ihrem wahren Werte einschätzen müssen, den wir rechnerisch zu erfassen und festzulegen ver­suchten. Wenn der Freisinn von dem allgemeinen Menschenrechte, den Mund möglichst weit auf­zutun und die Ellenbogen möglichst kräftig zu benutzen, auSgibigen Gebrauch macht, so kann

Deutsches Reich.

Berlin, 16. August 1907.

* Die WilhelmShöher Monarchenbegegnung und die Presse. Dte Londoner Presse gibt ihrer warmen Freude über die Wiederher­stellung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Deutschland und England AuS- drnck. Ueberall wird auch betont, daß die deutsche Presse sich nicht nur korrekt, sondern ungeheuren freundlich verhalten habe und an dem jetzigen erfreulichen Zustand ein hohes Ver­dienst trage. Selbst die,TimeS', die vor über­triebenen politischen Folgerungen warnt, bezeichnet die Haltung der gesamten deutschen Presse gegen­über England und seinem König als freund- schastlich und liebenswürdig. — DaS Richtige trifft die ,German>a', wenn sie schreibt : „Wir geben sehr wenig auf daS endlose „Geseire", mit dem die Zeitungen alle Monarchenbegegnungen zu begleiten pflegen. Dagegen halten wir die in Wilhelmshöhe gewechselten Trinksprüche für sehr bed eutsam. Sie lassen keinen Zweifel darüber, daß nicht allein daS Verhältnis zwischen Onkel und Neffe, sondern auch die politischen Be­ziehungen zwischen England und Deutschland sich wirklich gebessert haben und di» lange Spannung gewichen ist. Noch niemals hat König Eduard so herzlich gesprochen. Er blieb immer kühl zurückhaltend, wenn Kaiser Wilhelm mit dem gewohnten Schwung sprach. Diesmal hört man aus seinen Worten heraus, daß da- EiS ge­brochen ist, und daß ein herzlicheres persön­liches Einvernehmen zwischen ihm -und seinem Neffen besteht."

* Die Herbstmanöver der Hochseeflotte er­reichen, wie die ,Voff. Ztg/ erfährt, nach den jetzt feststehenden Bestimmungen am 13. Sep- tember ihr Ende. Am 13., 14. und 15. Sep­tember findet die Entlassung der Reservisten statt. Nach Schluß der Hebungen vor dem Kaiser wer­den nur noch Landungsmanöoer bei Apenrade abgehalten werden.

* Aussöhnung zwischen den Fürstenhäusern Lippe-Detmold und Schanmburg-Lippe. Der Fürst von Lippe-Detmold stattete mit seiner Ge­mahlin am Mittwoch dem fürstlichen Hose in Bückeburg einen Besuch ab. Wie der ,Lipp. Ldsztg/ zufolge verlautet, wird am 20. August das Fürstenpaar von Schaumburg-Lippe einen Gegenbesuch machen. — Danach scheint die Ein- tracht jetzt völlig hergestellt zu fein.

Roman von Ed. Wagner.

89j (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung aus dem zweiten Blatt.)

„Ich hasse ihn!" zischte sie hervor. „Diese Heirat soll und wird nicht vor sich gehen! Die Veröffentlichung der Verlobung kann ich nicht verhindern, aber heiraten werde ich ihn nie — tue! Entweder er ober ich! Einer von uns bei­den muß und wird vor dem Hochzeitstage sterben! Vor allem muß ich jetzt unverzüglich Lord Glen- bam sprechen. Er muß sogleich zu mir kommen!"

Und sie setzte sich an ihren Schreibtisch und schrieb an den Grafen, indem sie ihn bat, sogleich nach seiner Rückkehr nach London zu ihr zu kom- men. Durch einen Diener schickte sie den Brief hierauf dem Grafen ins Haus.

Danach ging sie hinauf in ihre Privatge­mächer.

„So, und jetzt das andere!" sprach sie.

Zunächst schickte sie ihre Zofe mit einem Auf­trag in einen eine Stunde entfernten Stadtteil. Dann verkleidete sie sich in einer Weise, die sie total unkenntlich machte. Sie kämmte ihr Haar ganz glatt und soweit ins Gesicht, daß es ihr etnen großen Teil der Stirn und der Wangen, sowte die Ohren verdeckte; mittels einer pulver­artigen Substanz färbte sie hierauf ihr Gesicht bräunlich grau, auch die Augenbrauen und Lip­pen erhielten eine andere Farbe. Ein kurzer, ganjeunnwberner Promenadenanzug von schwär» zer Seide, ein Umschlagetuch und ein Hut mit m' ®rQunem Schleier, den sie über daS Ge­sicht zog, — alles so einfach und unmodern, wie eS ihr nur zu Gebote stand, — vervollständigte ihre Umwandlung, die sie fraglos vor einem jeg- kdben Erkennen schützte, falls ihr wirklich einer ihrer Bekannten begegnen sollte.

Hereinfall bereitet. Von den im neuen SyllabnS verurteilten Sätzen lautet der 21. Satz: „Die Offenbarung, welche den Gegenstand bei katholischen Glaubens darstellt, war nicht mit den Aposteln abgeschlossen." Da dieser Satz verurteilt ist, so heißt er also in positiver Form: „Die Offenbarung ... ist mit den Aposteln abgeschlossen." Darin glauben nun protestantische und liberale Blätter einen „bösen Irrtum" zu sehen und sie machen sich darüber lustig, daß hier Syllabus gegen Unfehlbarkeits- dogma stehe, da „nach der Lehre der katholischen Kirche die Offenbarung fortdauere." Diese Weis­heit verzapft beispielsweise der „Berliner Börten- Courier" in Nr. 339, und die „Trier. Ztg" (Nr. 375) knüpft daran in ihrem Unverständnis die naive Frage: „Und die Dogmen der Kon­zilien? Und die ostbodra-Entscheidungen des Papstes? Sind sie denn nicht vom hl. G.istl geoffenbart (!) ?"

Die Aufgeblasenheit, mit der hier Protestanten sich zu Korrektoren selbst des Papstes in der kirchlichen Lehre aufwerfen, ist verblüffend. Da mag der Papst sagen: „Die Offenbarung ist mit den Aposteln abgeschlossen," flugs kommen pro- testantische Blälter und sagen mit der Miene der Unfehlbarkeit: „nach der Lehre der katholischen Kirche dauert die Offenbarung fort." Ihre Ein- bilbung steht nun aber im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Kenntnis, denn wie liegt bie Sache? Kurz so: Mlt dem Tobe des letzten Apostels hat die gesamte christliche Offenbarung ihren Abschluß gefunden. Die Gesamtheit dieser Offenbarungen, wie sie teils schriftlich teils mündlich überliefert wurde, nennen wir das depositam fidei oder den GlaubenSfchatz. Aufgabe des kirchlichen unfehlbaren Lehramtes ist eS nun, diesen Glaubensschatz unverfälscht zu bewahren und zu verkündigen. Von fortdauernder göttlicher Offenbarung ist in der katholischen Kirche nicht die Rede. Eine solche „Lehre" existiert nicht, und wenn protestantische Blätter die „Dogmen der Konzilien" und ,ex catliedra-Entscheidungen" für neu aufgebrachte Wahrheiten halten, bann verraten sie eben damit ihre grenzenlose Unkennt­nis der gewöhnlichsten kalhol. Lehren. Denn jedes kathol. Schulkind weiß, baß weder der Papst noch ein Konzil eine neue Lehre aus stellen kann, die nicht schon im depositum fidei von den Aposteln her enthalten ist, sondern daß das kirchliche Lehr­amt bloß entscheidet, ob irgend eine Lehre in der göttlichen Offenbarung (schriftlichen ober münd­lichen) enthalten und damit ein Glaubenssatz sei, wobei der Beistand des hl. Geistes es vor einer falschen Entscheidung bewahrt. Von „Offen­barungen" des hl. Geistes bei solchen Entschei­dungen kann nur Unverstand reden. Sämtliche Lehren, die im Laufe der Jahrhunderte von der Kirche auf diese Weise als Dogma erklärt wor­den sind, waren bereits im Glaubensschatze ent­halten, nur sind sie aus besonderen Anlässen (z. B. bei austretenden Irrlehren) von dem kirch­lichen Lehramte auch formell zu glauben vor­geschrieben, während sie bis dahin vielleicht bloß virtuell oder ausdrücklich (explicite), wenn sie bloß implicite ober schlußweise bezw. in ihrer Ursache ober Wirkung in der Offenbarung ent­halten roaren. DaS ist katholische Lehre, über die sich auch die Protestanten leicht hätten infor­mieren können. Ist es schon häßlich, päpstliche Entscheidungen mit solchem Unverstand kritisieren zu wollen, dann macht es einen geradezu wider­wärtigen Eindruck, wenn das in eiltet solch, hochfahrenden, spöttischen und bumm-

Nach Verlaus einer Stunde wurden die PonieS wieder vor den Wagen gespannt und die Reise fortgesetzt.

Die Straße führte wieder bergaufwärts, an einem steilen Abgrund entlang, der Alice und Gretchen in der steten Furcht schweben liefe, in die Tiefe und in den sicheren Tod gestürzt zu wer.i den. Stundenlang währte die Fahrt auf diesem gefährlichen Wege; aber die PonieS strauchelten nicht einmal, und von den Verfolgern liefe sich nichts sehen, noch hören.

Spät am Nachmittag kamen sie auf eine rr eh- rere Meilen weit sich ausdehnende Hochebene, wo stellenweise noch hoher Schnee lag. Alice trieb die PonieS wieder zur größeren Eile ar.

Als es aber dann dunkel ward, wagten bte Flüchtlinge es doch nicht, bei ihrer völligen Un­kenntnis des Weges die Reise fortzufetzen; des­halb lenkte Alice die Pferde abseits in em Hei­nes Fichtenwäldchen, in dessen Schutz sie in dem Wagen zu übernachten beschlossen, um am andern Morgen ihre Flucht unter Zurücklassung des Wa- gens zu Pferde fortzusetzen. Und so, wie sie sich es vorgenommen, geschah eS, und nachdem sie sich noch mit ddn nötigsten Lebensrnitteln versehen hatten, brachen beide mit dem ersten Tages­grauen auf, um die Ponies zu besteigen und die Flucht ins Ungewisse hinein von neuem aufzu­nehmen. Wohin — nach welchem Ziel und zu welchem Ausgang? Nur Gott, der liebe Gott wußte es und blind vertrauten sie sich seiner Führung an, indem sie sich ganz und gar in seine Hand befahlen. ....

In einem langen und breiten Tale des schot­tischen Hochlandes, eingeschlossen von holM, schneebedeckten Bergen, erhob sich aus dem fri­schen jungen Grün des Frühlings eine armselige Schäferhütte, die, roh gebaut, ein weit überhän- gendes Strohdach, einen umfangreichen Schorn­stein und eine einzige Tür, aber keine Fenster Hatte, es fei denn, daß man eine viereckige Oeff-

* Die Forderungen der notleidenden Rhein- gamvinzer. Nicht nur die französischen auch die deutschen Winzer befinden sich bezw. geraten immer mehr in eine Notlage. In dem rechts am Rheine gelegenen Oestrich im Rheingau sand eine Versammlung theingauischer Winzer statt. Etwa 1460 Teilnehmer hatten sich aus der näheren und ferneren Umgebung eingefunden, unter ihnen Mitglieder des preußischen, bape- rischen, hessischen und badischen Landtages. ES sprachen unter lebhaftem Beifall die Abgeord- neten ®r. Dahlem, der Vorsitzende des Winzer- vereinS Neubert, Kopp, die Abgeordneten Baumann und Schüler. Die Versammlung tagte unter freiem Himmel, zeitweilig bei stömendem Regen. Zum Schluß wurde folgende Resolution angenommen:

„Die heute zu Oestrich im Rheingau abge- haltens Versammlung der Rheingauer Winzer richtet in Wahrung des juristischen Stand- punkteS das dringende Ersuchen an die zu­ständige» Stellen, endlich und schleunig in eine Revision deS jetzt geltenden Weingesetzes zu treten und dabei folgendes einzuführen: 1) Einheitliche Kellerkon­trolle für daS ganze Reich; 2) obli- gatorifche Lagerbuchführung für Winzer, Weinhändler und Wirte; 3) DaS Verbot, über die Zeit von der Lese bis zum 31. Dezember desselben Jahres hinaus mehr als 20 Prozent Zucker zu verwenden (räumliche und zeitliche Begrenzung der Zucke- rung); 4) Deklarationspflicht a. beS Zuckerzusatzes überhaupt, b. sür den Verschnitt von Rot- und Weißwein; 5) Markenschutz bezw. Erfordernis der ge- nauen Bezeichnung über bie Herkunft deS Weines; 6) für jede absichtliche Uebertrelung desWeingefetzesFreiheits- und Geldstrafe.

Dann fordern die Winzer strenge Kontrolle der eingeführten ausländischen Weine, StaatS- barlehen an bedürftige Mnzer, Einschränkung der Rebenpflanzung auf ungeeigneten Boden ufro.

♦ Ein amtlicher Erlaß gegen die Fest- meierei. Gegen die Vergnügungssucht richtet sich ein Erlaß deS Bezirksamts Kaufbeuren, der im Amtsblatt zur Veröffentlichung gelangte. ES heißt darin, daß die Blätter gegenwärtig reich gefüllt feien mit Berichten über.festliche Veranstaltungen aller Art die meist mit einem gewissen Prunk und Pomp sich abwicketten und sehr lange dauerten. Solche Vergnügungen müßten einige Besorgnis erregen in Zeiten, wie wir sie jetzt hätten, wo durch eine immer mehr sich steigernde Teuerung bie Lebenshaltung gedrückt und erschwert werde, und diese tatsächliche Teuerung, gebieterisch zum Sparen und zu einer maßvollen Lebensjühnmg mahne. Der Erlaß (unterzeichnet vom Regie- rungSrat Miller) schließt mit folgender Warnung: „Ich gebe mich nicht der Hoffnung hin, daß es mir gelingen könnte, eine Umkehr in diesen Dingen herbeizuführen. Ader als eine moralische Pflicht des VerwaltungSveamten, erachte ich es, rechtzeitig vor dem Uebermaß von festlichen Ver­anstaltungen, die doch jedenfalls sowohl den Vereinen wie dem einzelnen Glied manchmal viel Geld kosten, wohlmeinend zu warnen. Möchte eS doch in diesen Dingen eine Grenze geben!" In der Tat eine sehr zeitgemäße Warnung.

g. Die Unkenntnis katholischer Lehren hat verschiedenen protestantischen Blättern einen bösen zu sich selbst, während sie das Fach und den Se­kretär wieder verschloß. „Ich bin jetzt jedenfalls die Herrin der Situation! Ehe der Hochzeitstag anbricht, wird entweder die Braut oder der Bräu­tigam nicht mehr unter die Lebenden zählen!" VierundzwanzigsteS Kapitel.

Nichts war mehr dazu angetan, den Mut der Verzweiflung der beiden Flüchtlinge von Black­Rock aufs höchste anzuspornen, als der Anblick ihrer Feinde. Mit scharfem Schwung liefe Alice die Peitsche über den Häuptern der Pferde durch die Luft schwirren und diese sausten in wildem Galopp den Hügel hinab. Als sie diesen hinter sich hatten, kamen sie in einen Waldweg, über welchen die mit Schnee bedeckten Neste der Tan­nen ein Dach bildeten, welches ihnen Schutz vor jedem Verfolger gewährte. Nachdem sie eine, zwei Meilen so zurückgelegt hatten, ging eS wei. ter im vollen Galopp, bergauf, bergab, an steilen Abhängen vorbei und über morsche Brücken. Da e8 allmählich Tag ward, konnten die Flüchtlinge die wilde Gebirgsszenerie, in der sie sich befan­den, überschauen, und sie schauderten angesichts der traurigen Einsamkeit und Wüstheit derselben, noch mehr aber vor der Gefährlichkeit des Weges, den sie zu passieren hatten. Ueberall, wohin das Auge blickte, zeigten sich ungeheure Felsen, gäh­nende Schluchten und schauerliche Höhlen. ,

Erst als der Tag weit vorgeschritten war, kamen sie in ein hübsches, mildes Tal, in welches der Frühling schon eingekehrt war, und hier be­schlossen die Flüchtlinge endlich eine kurze Rast zu halten. Die Ponies wurden abgespannt und an den Bach zur Tränke geführt, und dann gras­ten sie in dem frischen Grün. Auch die beiden Frauen stärkten sich durch Speise und Trank, wo­von sie reichen Vorrat in dem Wagen fanden, dabei aber ihre Blicke fortwährend auf den hier weit übersehbaren Weg gerichtet, den sie gekom­men waren.

[] Mehr politische öescheidenhei«.

Eine Mahnung zur politischen Bescheiden- beit enthält die Deutsche Tageszeitung- an die Linksliberalen. Die fte.sinn.gen und bte de- mokratischen Blätter haben tn den letzten Tagen den Mund recht voll genommen. Sie verlangen, haß dem Linksliberalismus nicht nur im Reiche, sondern auch in Preußen, insbesondere in den Schulftagen und in der Frage der Wahlrechts- änderung, erhebliche Zugeständniffe gemacht werden. Dabei stellen sie sich so, als hätten sie den Hauptteil des Volkes hinter sich. An­gesichts des SelbstbewußtseinS, daS auS diesen Erörierungen spricht, sei es vielleicht angebracht, einmal darauf hinzuweisen, wie wenig berechtigt gerade die freisinnige Presse ist, im Namm ein^ erheblichen VolksteileS zu sprechen. Im preußi­schen Abgeordnetenhause, das ja über die Aende- tung des Wahlrechte- zunächst befragt werden muß, sitzen unter 433 Abgeordneten 33 Mit­glieder der beiden freisinnigen Parteien. DaS ist etwa der

dreizehnte Teil.

Von den 397 ReichstagSabgeordnelen gehören 48 den beiden freisinnigen und der demokra­tischen Partei an. Das ist etwa der achte Teil. Unter den 236 in Preußen gewählten Reichs­tagsabgeordneten befinden sich aber nur 26 Frei­sinnige. DaS ist der

neunte Teil.

Um die Bedeutung der Zahlen richtig zu .oürdigen, werde man sich daran erinnern müssm, daß bei den letzten Wahlen der Frei­sinn nicht etwa von der Regierung bekämpft, sondern — selbstverständlich in den gesetzlichen Schranken — gefördert wurde. Diese Förderung ping bisweilen so weit, daß man hie und da tn den freisinnigen Kandidaten

„Regierungskand baten"

sehen zu dürfen glaubte. DaS Blatt, daS zu den stärksten Freunden des Blocks gehört, schließt feinen Artikel mit den Sätzen: „Vielleicht können gewisse freisinnige Richtungen auf den Gedanken kommen, gegen diese Darlegungen einzu- roenben, daß man auf diesem Gebiete nicht blos mit der bloßen

„brutalen" Zahl

arbeiten dürfe, sondern die Tatsache berücksichtigen müsse, daß hinter dem Freisinn besonders betonte, steuerkrästige und einflußreiche Leute stehen, auf deren Meinung eS mehr ankomme, als auf die der Masse. Dieser Erwägung würde aber sofort entgegengehalten werden müssen, daß damit der Fretsinn sich selbst inS Gesicht schlagen würde, da er ja für das allgemeine und gleiche Wahl­recht eintritt und dadurch der Masse der „bru­talen': Zahl die Macht sichern will. Man kann die Dinge drehen und wenden, wie man will, man wird immer wieder zu der Ueberzeugung kommen, daß die politische Macht, die hinter dem LinkSliberaliSmuS steht, verhältnismäßig recht gering ist und zu dem Selbstbewußtsein, das neueroingS die freisinnigen Herzen schwellen läßt, keine ausreichende Veranlassung gibt. Der jetzige Leiter der deutschen Politik hat sich zu dem Grundsätze bekannt, daß eine verständige Politik