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Rotationsdruck n. Verlag der 5nldaer Ar« tiendrtckrrri in 5«lda. Zernsprecher Ur. 9.
34. Jahrgang.
Fulda, Freitag den 16. August 1907.
M 186,
vom 54. ttatholitentag.
Würzburg, 15. August 1907.
Verschiedene Blätter bringen die Meldung, Kardinal Vanutelli werde der 54 Genc- ralversammlung der Katholiken DeuMlands beiwohnen, und knüpfen daran allerlei Betrachtungen. Dem Lokalkonnteeist brs zur Stunde von einem solchen Besuche nichts bekannt. Doch wäre es immerhin möglich, daß der hl. Vater ihn als seinen Stellvertreter hierhersenden würde, nachdem der päpstliche Nuntius, Monsignore Caputo, der schon seinen Besuch fest in Aussicht gestellt hatte, durch sein Leiden und strenges ärztliches Verbot verhindert ist, zu erscheinen. Gewiß würde der Besuch eines so hohen Kirchenfürsten viel zur Erhöhung des Glanzes und der Festlichkeit des Katholikentages beitragen, — aber wenn auch der 54. Katholikentag eines so hohen Gastes entbehren müßte — er wird den Versammlungen der früheren Jahre nicht nachstehen, denn mit dem Diözesanbischof haben 6 Bischöfe ihr Erscheinen zugesagt, nämlich Erzbischof A b e r t von Bamberg, Bischof Mergel von Eichstätt, Fürstbischof Ja lick von Laibach in Kärnten, und aus dem Herzen Asrikas der apost. Vikar Bischof Geyer, und vom fernen China der apostol. Vikar von Südschantung, Bischof Henninghaus. Ihnen reihen sich die vier bayerischen Benediktincräbte von St. Ottilien, Metten, München-Andechs und Scheyern an.
Die Anmeldungen sind schon recht zahlreich eiitgclaitfert, obwohl beanntermaßen gerade in den letzten Tagen der Andrang am stärksten sein wird. Mit Einschluß der st ä n d i g en Mitglieder, deren Zahl sich wieder um einige hundert vermehrt hat, sind rund 3400 Mitgliederkarten versandt; dazu kommen noch 200 Studenten» und Teilnehmerkarten. Aus Oe st erreich scheinen viele Gäste zu kommen. Aus Luxemburg, Holland, Paris, Südfrankreich, selbst aus Amerika sind Gäste angemeldet.
Die gegnerische Presse, welche sich „von den bekannten Würzburger Vorgängen" feit- sationelle Ereignisse erwartet, hat verhältnis- mäßig zahlreich um Preßkarten nachgesucht. Wenn sie nach Berlin, Leipzig, Köln, Zürich und Bern auch nichts Sensationelles wird berichten können, so werden sie doch, ähnlich wie vom eucharistischen Kongreß manches Erbauliche zu vermelden haben, so vom Arbeiterfest zu g, zu dem sich jetzt schon über 150 Vereine angemeldet haben, darunter einer aus Eger in Böhmen. Die Männerwallfahrt auf das Käppele wird ein kräftiges Bekenntnis des katholischen Glaubens sein.
Nach allem dürfte die 54. Katholikenversammlung ihren Vorgängerinnen nicht nachstehen, — wenn sie auch die beiden letzten, was den Masien- andrang anlangt, nicht erreichen wird, zumal Franken als vorwiegend Landwirtschaft treiben- des Land nicht die dichte Bevölkerung zählt, wie Essen und Straßburg. Mögen auch die gegnerischen Zeitungen mit der Regelmäßigkeit der Sonnenwende auch jetzt wieder allerlei Hetzereien gegen die Katholikenversammlung treiben, und die Märe verbreiten, als ob die diesjährige Katholikenversammlung eine ganz besondere Tendenz gegen eine gewisse theologische Richtung haben — kein Wort ist wahr davon und mit keinem Gedanken je daran gedacht worden — wir hoffen Zuversicht- sich, daß auch der diesjährige Katholikentag nach all' den eifrigen und mühevollen Vorbereitungen ein glänzendes Zeugnis von der Tätigkeit der Katholiken in Staat und Kirche bieten wird. — Den noch Unentschiedenen und Zaudernden rufen wir nochmals zu: „Auf nach Würzburg, das ganze katholische Deutschland hat ein Interesse an dem glänzen- den Verlauf des 5 4. Katholikentages.
L*| Kaiser Wilhelm II. und König Eduard VII.
Am Mittwoch begrüßte unser Kaiser, der kürzlich vor Swinemünde mit dem Herrscher aller Reußen zusammengtrosfen war, auf Schloß Wil- helmshöhe seinen Oheim, König Eduard VII. von England. Dieser Besuch des englischen Königs rst zunächst ein familiäres Ereignis; doch rst ihm eine politische Bedeutung nicht ab- zusprechcn. Wenn durch denselben unsere Beziehungen zu England besonders noch durch die nahe verwandtschaftliche Bande gefördert und angenehmer gestaltet werden, so ist dieses Ergebnis nur zu begrüßen. Seit 1899 bis zum vorigen Jahre war, ein gegenseitiges Miß- trauen, ein Mangel an Höflichkeit in den Formen des politischen Verkehrs zwischen uns und England eine stetig zunehmende Gehässig- keit wahrzrmehmen, wie sie unter großen Völkern mcht auf unbegrenzte Dauer fortgehen können, Katastrophen zu führen. Was die berufsmäßige Diplomatie schlecht gemacht hatte, hat die Presse in ihrem überwiegenden Teile lange Zeit hindurch noch verschlechtert. Aber von ist auch der erste Schritt geschehen, Würdigeres und vernünftigeres Verhältnis ne”* ~,e Gesuche der Redakteure, erst der & e Tn. Eiland, dann der englischen bei Besserung des Tones in der Pub- „ b« ber&en Länder berbeigeführt, die ihre n?trBen ^rd. Die Besuche der Herr- B??entlich eine Besserung der diplo- Beziehirngen veranlassen, die noch un- 4eArJl sreich wirken kann.
Welcher Art rst nun eigentlich das, was uns z>om englischen Volke trennt? Auf die gemein
schaftliche Rassengrundlage braucht man keinen allzu großen Nachdruck zu legen, sicherlich aber sprechen die ethnologischen Beziehungen der beiden Nationen eher für ein Verhältnis der Sympathie. Die Vergangenheit weist keine Tatsachen auf, die dauernde Verbitterung zwischen England und Deutschland Hervorrufen müßten. Es bleiben die wirtschaftliche Konkurrenz und unklare Befürchtungen für die Zukunft, es bleibt, kurz gesagt, der Eiiltritt Deutschlands in die Reihe der seefahrenden Nationen. Das Wachsen deS deutschen Exporthandels und der deutschen Kriegsflotte und der unnötige Lärm, der darüber bei lins vollführt wurde, konnte ja in der Tat mißtrauisch machen. Man muß sich nur in die Lage anderer versetzen, die ein altes Monopol mit neuen Leuten teilen sollen. Zudem, auf dem Markte hört man nur die lautesten Schreier, und was von den Propheten des germanischen Ausdehnungsdranges, seien sie Professoren, Journalisten oder sonst was immer gewesen, in den vergangenen Jahren an unsinniger Ueberhebung geleistet worden ist, war nur schädlich für Deutschland. Wir glauben, daß die schlimmste Zeit dieses Bierbank-Wikinger- tums wohl vorüber ist.
Die wahnwitzige Idee, wegen Marokko Krieg anzufangen, hat uns zur Genüge unsere glänzende Isolierung vor aller Welt gezeigt; die Einkreisungspolitik anderer Staaten hat riesenhafte Erfolge zu verzeichnen; eine Schlappe nach de- andern erlitt dabei die deutsche Auslandspotitik.
In diesem Augenblick zeigt der große englische Diplomat uns ein f r e u n dl i ch e s Gesicht. Man darf hoffen, daß es den beteiligten Faktoren auch gelingen wird, die friedliche und freundliche Stimmung zwischen den beiden großen Nationen zu erhalten.
Deutfd?e$ Keich.
Berlin, 15. August 1907.
* Die Monarchenbegegnung zwischen Kaiser Wilhelm und König Eduard hat am Mittwoch in Wilhelmshöhe stattgefunden. Um 1 Uhr begab sich der Kaiser in der Uniform eines englischen Feldmarschalls vom Schloß Wilhelmshöhe nach dem Bahnhofe Wilhelmshöhe zum Empfang des Königs von England. In Begleitung des Kaisers befanden sich hie Generaladju- tanlen von Plessen und Graf von Hülsen-Haese- ler, die Flügeladjutanten Oberst Freiherr von Marschall und Oberstleutnant v. Gontard, ferner der Reichskanzler und der Gesandte Freiherr v. Jenisch. Auf der Wilhelmshöher Allee bildeten auf der einen Seite die Truppen der Garnison Kassel und der umliegenden Garnisonen im Paradeanzug Spalier. Auf der andern Seite der Straße bildeten Korporationen, Kriegervereine und Schulen der Stadt ilnd des Landkreises Kassel Spalier. Ein überaus zahlreiches Publikum hatte sich außerdem eingefunden. Vielfach wurden Tribünen errichtet, die dicht besetzt waren, und zwar wegen der um 2% Stunden verspäteten Ankunft des Königs schon seit frühen Morgen. Auf dem Bahnsteig war eine Ehren- kompagnie mit Fahne und Musikkapelle des Infanterieregiments von Wittich Nr. 83 aufmarschiert; zur Eskorte stand eine Schwadron des 14. Husarenregiments bereit. Um 1 Uhr 15 Mm. lief der Zug des Königs von England ein. Die Musik der Ehrenkompagnie spielte die englische Nationalhymne. König Eduard in der Uniform des Ersten Garde-Dra- gouer-Regiments Königin Viktoria von England entstieg dem Wagen. Die Monarchen begrüßten sich aufs herzlich st e. Der König war begleitet von dem Unter st aats- sekretär Sir Charles Hardinge, dem Generalmajor Sir Stanley Clarke und dem Major Ponsonby. Nach der Vorstellung des Gefolges, und nachdem die Ehrenkompagnie die nti- litärifchen Honneurs erwiesen hatten, begaben sich die Monar.chen nach dem Schloß Wilhelmshöhe in offenem, vierspännig gefahrenen Wagen mit Spitzreitern und einer Es- korde von Husaren. Die Truppen im Spalier präsentierten. Der König machte einen frischen, freundlichen Eindruck und grüßte auf der Fahrt nach dem Schloß fehr huldvoll nach allen Seiten hin. Die Kaiserin begrüßte den König von England bei seiner Ankunft im Schloß und wohnte dann mit den Monarchen dem Vorbeimarsch der Truppen bei, ebenso die Prinzessin Viktoria Luise. Hierauf nahmen der Kaiser und die Kaiserin mit dem König, den englischen Herren des Gefolges und den Herren des Ehrendienstes das Frühstiick ein. Um 4y2 Uhr machten die Fürstlichkeiten mit sämtlichen Herren der Umgebungen einen Ausflug nach Schloß Wilhelmstal in Automobilen, wo der Tee eingenommen wurde. Beide Herrscher und sämtliche Herren trugen Zivil. Im ersten Automobil nahmen Platz der Kaiser und der König, der Reichskanzler und der kommandierende General Herzog Albrecht von Württemberg. Das Publikum begrüßte die Herrscher allenthalbeir auf das herzlichste. Von Wilhelmstal aus wurde ein Ausflug im Automobil durch den Reinhardswald nach Beberbeck unternommen. Kurz nach 6 Uhr traf der Kaiser mit seinem Gast, dem König Eduard, und dem Reichskanzler, von Wilhelmsthal kommend, in Beberbeck in Reinhardswald ein. Die Kaiserin und der Herzog Albrecht von Württemberg folgten in einem zweiten Automobile, in drei weiteren das Gefolge. Die Fahrt ging durch Beberbeck ohne Aufenthalt nach Sahaburg. Hier verließen die hohen, Herrschaften die Automobile und begaben sich in den mit einer Mauer umzogenen Tiergarten, in dem die Fohlen des Hauptgestüts untergebracht sind.
Die Fahrt wurde darauf durch den schönen Rem- bardswald weiter nach Kassel und Wilhelmshöhe fortgesetzt. Die Kaiserin passierte abends 7,30 Uhr per Automobil, mit Begleitung, von Beberbeck kommend, die Kasseler Königsstraße unter lebhaftestem Hurrah des Publikums. Zur selben Zeit fuhr der Kaiser mit seinem hohen Gaste dre Artilleriestraße, und den Altmarkt entlang über den Friedrichsplatz an dem Theater- und Rat- Haus-Neubau vorüber, nach Wilhelmshöhe. Beide Majestäten unterhielten sich auf das Lebhafteste. Abends um 9 Uhr fand bei Ihren Majestäten auf Schloß Wilhelmshöhe Tafel statt. Bei der Tafel trugen beide Majestäten die Uniform des 1. Gar- dedragonerregiments. Die Kapelle des Infanterieregiments Nr. 167 konzertierte. Im Verlauf des Mahles brachte Kaiser Wilhelm folgenden Trinkspruch aus:
„Ich bitte Eure Majestät, der Kaiserin und meinen wärmsten Dank entgegennehmen zu wollen für den freund! ich en Besuch, den Eure Majestät unS beiden gemacht haben. Ich erblicke in diesem Besuch den Ausdruck der Der- wandtschaftlichen und freundschaftlichen Ge- fühle, die Eure Majestät hegen für die Kaiserin, für mich und mein Haus, Gefühle, die begründet sind in den alten Beziehungen zwi- fchen unseren Häusern von langer Zeit her, und die in unserer Zeit ihren Ausdruck gefunden haben, als wir gemeinsames Leid trugen an den Särgen meiner lieben Eltern und an der Bahre der großen Königin, meiner Großmutter. Zu gleicher Zeit aber erblicke ich in Eurer Majestät den Vertreter des großen englischen Volkes, und in Euer Majestät Besuch den Ausdruck guter Beziehungen zwischen unfern beiden Völkern. Auf der Fahrt zum Schloß konnten Eure Majestät in den Augen der Bürger von Kassel und ihrer Kinder und später bei unserer Rundfahrt durch die schönen Fluren und stillen Wälder in den Gesichtern aller derer, welche die Ehre und Freude gehabt haben. Eure Majestät zu sehen, das Gefühl dankbarer Ehrerbietung für diesen Besuch lesen. Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubnis, mein Glas zu erheben auf das Wohl Euer Majestät, Euer Majestät erhabenen Gemahlin der Königin, deS gesamten Großbri- tanischen Königshauses und Euer Majestät Volkes."
König Eduard erwiderte auf den Trinkfpruch des Kaisers mit folgendem Toast in beut- fcher Sprache:
„Ich bitte Eure Majestät von ganzem Herzen meinen besten Dank aussprechen zu dürfen für die fo gütigen und freundlichen Worte. Eure Majestät können versichert fein, daß es mir eine große Freud e bereitet hat, zu diefem leider nur sehr kurzen Besuch hierher zu kommen. Eurer Majestät und Ihrer Majestät der Kaiserin kann ich nicht genügend danken für den herzlichen Empfang, der mir geworden ist, für den Empfang von feiten der Armee Eurer Majestät und von dem Volke, wie es uns in den Straßen begegnet ist. Eure Majestät wissen, daß es mein größter Wunsch ist, daß zwischen unfern beiden Ländern nur die besten und angenehmsten Beziehungen bestehen. Ich freue mich sehr, daß Eure Majeftäten mich bald in England b e f u ch e n werden. Ich bin fest davon überzeugt, nicht nur meine Familie, fon- dern das ganze englische Volk werden Eure Majestäten mit der größten Freude empfangen. Ich erhebe mein Glas auf das Wohl Eurer Majestäten."
Während der Tafel fand Cercle statt. Während des Festmahls spielte die Kapelle vor dem Schloß, am Fuße des Schloßberges lauschten viele Hunderte von Menschen, die sich zum Teil ins Gras gelagert hatten, den aus der Höhe herab- schallenden Klängen. Um y210 Uhr etwa werden die beiden Nationalhymnen gespielt. Die Abreise des Königs zum Besuche des Kaisers Franz Joseph in Gmunden erfolgte 11,35 Uhr vom Bahnhof Wilhelmshöhe.
* Das deutsche Turbinentorpedoboot ,,G. 137" hat am Donnerstag in den Gewässern bet Kiel eine erneute Probefahrt unternommen. Sie ergab die einzigdastehende Höchstleistung von 35T,9 Seemeilen in der Stunde,
* Militärverwaltung und Preffe. Im Verkehr mit der Presse scheint sich auch in der Militärverwaltung eine Wandlung zu vollziehen. In den kürzlich erschienenen neuen Dienst- vorschristen für die sächsische Armee finden sich hierüber geradezu modern anmutende Bestimmun, gen. Danach wird den Truppenbehörden bei besonderen Anläffen, Unglücksfällen, Selbst- morden, Soldatenmißhandlungen rc. besondere Beachtung der Tagespresse zur Pflicht gemacht. Zwar wird angeordnet, daß Zeitungsartikel mit ungewöhnlichen Gehässigkeiten oder unwahren Tatsachen an das Kriegsministerium einzusenden wären. Attdererseils wird aber aus- drücklich daraus hingewiesen, daß es zweckmäßig erscheine, bei besonderen, allgemein interessierenden Vorfällen der örtlichen Tagespreffe sofort richtige Mitteilungen zukommen zu lassen. Es wäre sehr zu wünschen, wenn derartige Bestim- mungen allgemein zur Einführung gelangleu. (Es sei hier mit Genugtuung hervorgehoben, daß das Regiments-Kommando des Feldartillerie- Regimentes Nr. 47 in Fulda der Fuldaer Presse gern mit allen gewünschten Informationen in militärischen Angelegenheiten zur Seite steht. Die Red.)
* Nationalliberale und Landwirtschaft. In wirtschaftlichen Fragen hat die nationalliberale
Partei kein festes Programm, sondern eigen- erklärt, daß wirtschaftliche Fragen nicht zur Grundlage politisier Parteien dienen sollen und deshalb .... jedem einzelnen nach seinem pflichtmäßigen Erviessen die Entscheidung überlassen bleiben muß." (Berliner Delegiertentag am 31. Mai 1891). Diese verschwommene Erklärung mußte der Delegiertentag aussprechen, um in den Fragen der Landwirtschaft nicht einen vollkommenen Zerfall der Nationalliberalen her- beiznsühren. Früher war die gesamte Partei antiagrarisch und freihändlerisch; erst seit 20 Jahren findet man auch hier Schutzzöllner, aber diese sind es in erster Linie im Jntereffe der Industrie; sie müssen jedoch der Landwirtschaft einen Schutzzoll gewähren, weil sonst diese nicht für industrielle Schutzzölle zu haben ist. Solange die Nationalliberalen stark waren und einen maßgebenden Einfluß auf die Reichsgeschäfte ausübten, solange war die Landwirtschaft das Stiefkind der staatlichen Gesetzgebung; hat doch sogar der bekannte nationalliberale Abgeordnete und Führer Lasker in einem von ihm geforderten Gutachten über das Hypotheken- und 'Bankwesen bereits im Jahre 1868 diese Tatsache offen mit den Worten zugestehen muffen: „Alle unsere Gesetze sind eingerichtet im Inte- resse von Handel und Industrie: Es bleibt dabei: der Grundbesitz bezahlt und muß verarmen an den Nachteilen, die ihm zugesiigt werden." Aber trotz dieser Erkenntnis taten die Nationalliberalen nichts für die Landwirtschaft. Im Gegenteil! Auf Antrag der Nationallibe- ralen ist das Gesetz vom 14. November 1867 geschaffen worden, das die Zinsbeschrän- fungen und das Wucherverbot aushob und die Wuchersreiheit proklamierte, sodaß z. B. das Gericht in Wreschen sich veranlaßt sah, einem Wucherer, der 1200% Zins erpreßte, zu seinem Rechte zu verhelfen! Das war die Folge der nationaUiberalen Freiheit! An den Wucherzinsen jener Zeit leidet der deutsche Bauernstand noch heute! Unter der liberalen Aera der Zollfreiheit kamen Industrie und Landwirtschaft in gleicher Weise herunter; das ganze Wirtschaftsleben lag darnieder. Um aber das Schutzzollsystem einführen und damit die Grundlage für die Blüte des deutschen Wirtschaftslebens legen zu können, mußte Fürst Bismarck 1879 die Nationalliberalen „an die Wand drücken, daß sie qn tfdjten". Noch am 13. Dezember 1876 hatten die Nationalliberalen gegen den Antrag Windthorst auf Verlängerung der Eisenzölle gestimmt, der mit 201 gegen 116 Stimmen fiel; am 1. Januar 1877 hörten die Eisenzölle auf und der Ruin unseres Wirtschaftslebens begann. Am 4. April 1879 ging ein neuer Zolltarif dem Reichstage zu; dieser enthielt einen Roggenzoll von 50 Pfennige. Sofort leiteten die Nationalliberalen eine hef- tige Agitation gegen diesen minimalen landwirtschaftlichen Schutzzoll ein. Der Antrag in zweiter Lesung (23. Mai 1879), den Roggenzoll auf 1 Mark zu erhöhen, wurde mit 173 gegen 161 Stimmen abgelehnt; die Nationalliberalen (darunter die liberalen Minister Freudental und Falk als Abgeordnete) stimmten mit Stein; erst nachdem die Erhöhung der Eisenzölle bewilligt war, stimmte ein Teil der Liberalen für den erhöhten Getreidezoll von 1 Mk., der nun Annahme fand. Aber diese Umwälzung unserer gesamten Wirtschaftspolitik mußte gegen die Nationalliberalen gemacht werden; die weiteren Zollerhöhungen machten sie freilich mit. Nachdem der Bund der Landwirte gegründet worden war, traten selbst nationalliberale Abgeordnete ihm bei und 5 Nationalliberale unterzeichneten den Antrag Kanitz. Auch bei den übrigen landwirtschaftlichen Schutzgesetzen hinkten die Nationalliberalen immer sehr hinter dem Zentrum nach. Für das Margarine-Gesetz von 1886/87 stimmten nur ein Dutzend Nationalliberale, die große Mehrheit stimmte gegen dasselbe, obwohl eS nur den Schutz der Naturbutter an« strebte. Das zweite Margarine-Gesetz (Färbeverbot und Trennung der Verkaufsräume von Butter und Margarine), das der Reichstag im Jahre 1896 annahm, lehnten die Nationalliberalen geschloffen ab; der Bundesrat stimmte dem Gesetze nicht zu. Am 19. Mai 1897 sand die Schlußabstimmung über das dritte Margarine - Gesetz statt. Von den Nationalliberalen stimmten mit Ja 8 Abgeordnete, mit Nein 21 Abgeordnete; der Rest (24 Abgeordnete) fehlte. Irgend eine Initiative hatten dieNationalllberalen auf diesem Gebiete nicht entwickelt. Für den am 13. Dezember 1903 angenommenen Zolltarif stimmte die nationalliberale Fraktion.
.'. Neber die Krankenbeförderung auf den preußischen Staatsbahnen hatte Minister Breitenbach von den Eisenbahndirektionen Bericht ein» gefordert, die, wie aus einem soeben veröffentlichten Erlasse hervorgeht, durchweggünstig ausgefallen sind. Die „Tragbelten zur Beförderung von Kranken", die einfach, ohne Umbettung des Patienten, in die Wagenabteile geschoben werden, haben sich überall auf das beste bewährt. Ueber die Behandlung der Tragbetten sind genaue Dienstvorschriften gegeben, auch haben sich die Bahnbediensteten mit der Kranken- beförberung genau vertraut zu machen. Zur Bequemlichkeit des Publikums ist angeyrdq^