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ZuldaerW Zeitung

roocbinbtiiag«: „Illustrierte Somtaqszettung" m»nak»rii,g«: „Fuldaer GeschichtsblSiter"

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Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Ac« tienbrstferti in Sulba. Zernfprecher Nr. o.

34. Jahroancs.

Fulda, Samstaq den 10. August 1907.

JW 182.

Zweites WLatt.

wochen-Rundschau.

n. Fulda, 10. August 1907.

Zur Zeit tobt der Kampf um das p r e u tz r - sche Wahlrecht und alles scheint sich zu einem Sturm im Herbst vorzubereiten. Der Aufmarsch der Parteien erfolgt bereits, ihre Stellungen sind dann zum Beginn der parlamentarischen Kam­pagne bekannt. Die jetzige Situation ist der vor­jährigen verzweifelt ähnlich. Im Herbst 1906 reiste Bassermann im Lande umher und im De­zember erfolgte die Reichstagsauflösung. Jetzt wird ein ähnliches für den preußischen Landtag vorbereitet. Der freisinnige Abg. Naumann hat uns mit aller Deutlichkeit gesagt, was die Zn- rHilft dem Liberalismus in Preußen zu bringen -jnt Er fordert die Auflösung des preußischen Landtags und ein scharfes Vorgehen gegen kon­servative Beamte, um sie dem Liberalismus dienstbar zu niachen. Er will im preußischen Ab­geordnetenhaus eine liberale Mehrheit erzwingen und plaidiert weiter für eine Auflösung des preu­ßischen Herrenhauses, auf daß dann die große liberale Aera beginnen könne. So ungefähr denkt sich Naumann die Entwickelung der Dinge, und der gesamte Liberalismus beeilte sich, um ihm herzhaft zuzustimmen. Im konservativen Lager ist es einstweilen noch still: man begegnet den liberalen Forderungen mit kühlen Worten. Die Nationalliberalen wissen anscheinend noch nicht, auf wessen Seite sie neigen sollen. Es ist deshalb wohl erklärlich, wenn sie alle weitere Ini­tiative vom Fürsten Bülow erbitten. Der Frei­sinn aber sieht, daß cs beim Mundspitzen allein nicht gehen kann. Und so haben sich denn all seine Schattierungen zusammengefunden und einen Vorstoß versucht, indem sie sich gleichzeitig der Einmütigkeit in der Auffassung versicherten. Sie erwarten eine Aufklärung Bülows über seine Wahlrechtsabsichten, verkünden aber schon von vornherein, daß sie sich mit Erklärungen allein

nicht zufrieden geben. Man wird gut tun, die

Begleiterscheinungen zu verfolgen. Naumann ist auf die politische Jagd gezogen, um in Preußen dasselbe Resultat zu erzielen, wie ein Jahr vor­her der Abg. Bassernmnn. Für uns gilt cs, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Alle Anzeichen deuten auf schwere Stürme.

Im preußischen Kultusministe­rium verlangt der Liberalismus immer neue Personalopfer. Nicht nur der Minister wird umstritten, sondern auch seine Beamten, die Mi­nisterialdirektoren, werden durchgchechclt. Zu­nächst soll Ministerialdirektor Althoff, der unum­schränkte Herrscher an den Hochschulen, gehen. Es empfiehlt sich, seinen Empfang durch den Kaiser abzuwarten, der am 18. August stattfindet. Die Entscheidung wird schwerlich vor diesem Tage fal­len. Als zweites Opfer soll Ministerialdirektor Schwartzkopff, der Beherrscher der Volksschule, an die Reihe kommen. Seine Entfernilng ruckt eine Gefahr in die Nähe, von der ein Berliner Blatt schreibt: Schwartzkopff steht und fällt mit der christlichen Volksschule, die von der anderen Seite zuerst als Simultanschule erweicht und bann zur religionslosen Schule, wie in Frankreich, gestaltet werden soll. Das dritte Opfer ist Ministerial­

direktor Chapius: er steht an der Spitze der kirch­lichen Abteilung. Er soll fallen, weil ihn der Liberalismus als einen „trefflichen Minierer" charakterisiert. Auf diese Weise glaubt der Libe­ralismus, seinen Absichten am besten den Weg ebnen zu können. Vielleicht erleben wir cs noch, daß ein förmlicher Inder der Beamten ausgestellt wird, deren Entlassung der Liberalismus fordert. Weit davon sind wir jetzt schon nicht entfernt

Ein Streik der Bergarbeiter ist in Oberschlesien ausgebrochen. Wenn die Ar­beitsniederlegung bis zur Stunde auch noch auf ihren Herd beschränkt werden konnte, so birgt der Aufstand doch jetzt schon große Gefahren in sich. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß die klei­nen Flammen sich leicht zu einem Niesenbrand entfachen können. Abgesehen davon, daß er sich mit Leichtigkeit über das gesamte oberschlesische Hüttenrevier erstrecken könnte, liegt die Befürch­tung nahe, daß er auch das rheinisch-westfälische KohlengÄbiet einbeziehen könnte. Der Zündstoff dazu ist aus dem vorigen Jahre noch reichlich vor­handen. Wir erinnern nur an die Weigerung der Grubenbesitzer, mit den Arbeiterorganisatio­nen zu verhandeln, an die Stellung des Ministers gegenüber den christlichen Gewerkschaften und an den „Privatartikel" der „Nordd. Allg. Ztg.", wel­che seinerzeit bei den Lohndifferenzen im Ruhr­gebiet für die Arbeiterschaft Partei nahm. Es kommt dazu, daß die Lohnverhältnisse der ober- schlesischen Bergarbeiter hinter denen ihrer übri­gen Kollegen sehr zurückstehen und die jetzige Streikbewegung in einer staatlichen Grube ihren Anfang nahm, während doch der Fiskus an und für sich schon höhere Löhne zahlt. Es scheint auch, daß die Arbeiterschaft mit der jetzigen Kohlcn- knappheit als einem günstigen Moment rechnet. Immerhin bleibt zu bedenken, daß jeder Streik ein zweischneidiges Schwert ist. Die Bevölkerung wird den Wunsch hegen, daß Besonnenheit auf beiden Seiten und die Rücksichten auf die wechsel­seitigen und die allgemeinen Interessen bald zum Frieden führen möchten, bevor die Bewegung in Obcrschlesicn weitere Ausdehnung angenommen hat.

In den Balkan länd er n seht sich das alte Elend der grausamen Bandenkämpfe fort. Jungst hat sich nun die Pforte aufgerafft um in Form einer Depesche an den türkischen Gesandten zu Athen der griechischen Regierung eine Note über­mittelt, in der eine ziemlich ernste Sprache ge­führt iuirb. Unter Hinweis auf die wachsende Anzahl der griechischen Banden auf türkischem Gebiet wird als Tatsache unterstellt, daß viele sol­cher Scharen von griechischen Offizieren unter falschem Namen geführt werden. Es wird aber eines noch viel stärkeren Druckes bedürfen, um dem furchtbaren Zustande ein Ende zu machen. Auch die Mächte werden sich aufraffen müssen, um in Belgrad und Sofia vorstellig zu werden. Dabei dürfen sic auch Konstantinopel nicht ver­gessen, denn auch die türkischen Truppen ergehen sich in ihren Kämpfen mit den Banden in Gewalt- tatcn jeder Art. Die Bandenbildung hat ihren Ursprung unter den mazedonischen Bulgaren ge­habt. Der Landfricdc ist aber jetzt am meisten durch griechische und durch serbische Banden ge­stört. Erst kiirzlich sind größere serbische und griechische Banden vernichtet und zwei bulgarische Freischärlertrupps von den türkischen Truppen aufgerieben worden. Das Reformwerk kann je­doch nur aufgebaut werden, wenn die Türkei sich entschlossen zeigt, keine der Nationen in Mazedo­nien gegen die andere zu bevorzugen und auszu- spiclen und alle der Ordnung zu unterwerfen.

In Marokko ist ein wilder Ausbruch des islamitischen Fanatismus erfolgt In Cosa- blanca sind ihm zahlreiche Europäer zum Opfer gefallen und die Fanatiker bemächtigten sich der Stadt. Die Stämme der Umgegend haben die neuen Hafenarbciten der Franzosen zerstört und die dabei beschäftigten französischen Arbeiter er­mordet. Die Meldungen darüber haben in Frank­reich und Spanien besonders große Aufregung hervorgerufen, und beide Nationen haben wieder einmal Kriegsschiffe an die marokkanische Küste entsandt. Da die Eingeborenen den Landungs­mannschaften Widerstand entgegensetzten, wurde der maurische Stadtteil von Casablanca sowie die Kabylendörfer der Umgegend von einem franzö­

sischen Kreuzer beschossen. Welchen Widerhall dieser Kanonendonner int Lande weckt, steht noch dahin. Zweifelsohne befinden sich jetzt die Euro­päer im Innern des Landes in einer sehr gefähr­deten Lage. Ein Ende der Wirren ist aber nicht abzusehen, umsomehr als es noch ein Rätsel bleibt, inwiefern die neu zu stellenden Ersatzansprüche Frankreichs befriedigt werden sollen. Dazu kommt, daß die Polizei, der strittigste Punkt auf der Marokkokonferenz, noch immer nicht organi­siert ist, während der ganze Vertrag von Alge­ciras bereits in drei Jahren wieder abgelaufen ist. Auf Grund der bisherigen Entwickelung darf man nur mit Besorgnis den kommenden Dingen entgegcnschen.

Zwischen Japan und Amerika ist cs ziemlich still geworden. Die atlantische Flotte der Vereinigten Staaten geht nun doch nach dem Stillen Ozean, aber sie wird sich darauf beschrän­ken, in den amerikanischen Gewässern an der Küste jenes Meeres zu bleiben. Dieser offiziellen Meldung ist hinzugefügt worden, daß die japa­nische Regierung darin keinerlei Bedrohung ihrer Interessen erblicke. Man hat also einen Mittel­weg cmgeschlage», der die Schwierigkeiten über­brücken soll. Hätte Amerika auf eine Ausfahrt seiner Flotte gänzlich verzichtet, so hätte das fei­nem Ansehen geschadet, und Japans Ansprüche leicht steigern können. Würde man andererseits das ursprüngliche Reiseprogramm aufrecht erhal­ten haben, dann wäre ein neuer Konflikt mit Japan unvermeidlich gewesen.

Wohl deshalb wird man die goldene Mittel- straßc gewählt haben. Ob nun die amerikanische Flotte an der Küste d<H Stillen Ozeans verbleibt ober nicht, die Hauptsache ist, daß sic von der Ostküstc an die Westküste der Vereinigten Staa­ten verlegt wird und die amerikanischen Streit- kräftc im Stillen Ozean beträchtlich vermehrt. Damit zeigt Amerika deutlich, daß es nicht ge­neigt ist, sich auf dem großen Ozean abfeben zu lassen und den Japanern die Alleinherrschaft still­schweigend in die Hände zu geben.

Unpolitische Zeitläuse.

(::) Berlin, 8. August 1907.

(Nachdruck verboten.)

Am Samstag ist L a u r e n t i n s t a g. Dann erscheint ein großer Schwarm von Stern- schnupp en. Das will sagen: um den 10. August herum erreicht die Erde bei ihrem Jahresspazier­gang um die Sonne diejenige Himmelsgegend, wo sich die Erdbahn mit der Bahn eines verun­glückten Wandelsternes berührt. Von den Trüm­mern dieses zerplatzten Himmelskörpers werden manche von der vorbeisausenden Erde aufgefan- gen. Wenn sie in die Lufthülle der Erde ge­langen, so wird die Reibung so groß, daß die ver­irrten Körper in Glut geraten, aufleuchten und zumeist verbrennen. Es kommt auch gelegentlich ein unverbraunter Rest auf den Erdboden oder ins Meer hinein; solche Ankömmlinge nennen wir Meteorsteine, wenn wir sie finden.

Es sind Visitenkarten einer anderen Welt. Oder genauer gesagt, einer anderen Erde. Ge­wöhnlich braud)en wir vom Jenseits, vom Him­mel die Bezeichnung der andern Welt. Hier aber handelt es sich um einen andern Weltkörper, der freilich noch im Diesseits liegt, aber doch jenseits der Luftsülle unserer Erde und jenseits des kal­ten, dunkeln, feeren Raumes, der die Erde von den übrigen Sternen scheidet. Die Meteore kom­men zu uns ans einem Teil der Schöpfung, in den wir niemals gelangen können. Ein Gegen­besuch ist nicht möglich. Etwas derartiges wäre nur denkbar, wenn unsere gute Mutter Erde auch einmal zertrümmret würde und ihre Scherben bei der fortgesetzten Prozession um die Sonne von den größeren Wandelsternen im Vorbeigehen an­

gezogen würden. Eine solche Zerplatzung des Erdballs würden wir natürlich nicht überleben.

Die Verbindung, die wir mit den anderen Himmelskörpern haben, ist also nur einseitig: die Erde nimmt, aber sie gibt nicht. Der Zuwachs, den unsere Erde durch die Meteore erhält, ist gar nicht so unbedeutend. Jede Sternschnuppe, die in unserer Lufthülle aufglüht, muß ihre Abgabe leisten; auch diejenige, die nur die Lufthülle durchschneidct und noch Kraft genug hat, sich der Anziehungskraft der Erde durch schnelle Flucht zu entziehen. Beim Aufleuchten schmilzt und ver­brennt eine Schicht rings um den Fremdkörper, und die Gase, die sich dabei entwickeln, sowie die Aschenteile, die abgerissen werden, bleiben zur Bereicherung der Erdmasse zurück. Bei der Un­zahl von -Sternschnuppen, die uns hauptsächlich im August und November beschert werden, läppert sich ein recht netter Profit für die Erde zusammen.

Viel wichtiger, als der Zuwachs, an Stoff, ist freilich der Zuwachs an Erkenntnis. Die Me­teore lehren uns, daß die Wandelsterne, die sich um unsere Sonne bewegen, int Wesentlichen aus demselben Stoff bestehen. Eine wahrhaft brüder­liche Gleichheit! Sie wird sich wohl dadurch er­klären, daß all' diese Himmelskörper derselben Mutter entflammen, nämlich der Sonne. Die sämtlichen Wandelsterne sind nichts anderes, als Auswürfe der Sonne, die ursprünglich fcuerflüs- fig waren, aber allmählich eine abgekühlte Kruste bekommen haben.

Die Grüße, welche die Sternschnuppen von fremden Weltkörpern bringen, rege» nicht bloß unseren Verstand an, sondern auch unser Gemüt. Wir fragen uns, ob beim da drüben ans den an­deren Sternen, die der Erde so ähnlich sind, auch Menschen wohnen. Oder genauer gesagt: ob and) dort vernünftige Wesen leben, die einen sterb­lichen Körper aus dem Lehm ihrer Erde und eine unsterbliche Seele nach dem Ebenbilde Gottes anschließen. Sind die dortigen Menschen int pa­radiesischen Zustande geblieben? Oder hat auch dort ein Sündenfall stattgefunden? Hat sich der Allmächtige auch dort durch eine Erlösung seiner Geschöpfe erbarmt? Wir wissen cs nicht und wer­den auch vor unserem Tode wohl nidsts davon erfahren.

Gern möchten nur uns denken, daß dort auf den anderen Wandelsternen jenes Reich des Frie­dens und der Glückseligkeit bestände, das die Erde seit dem Fall des ersten Menschenpaares vermißt. Aber wenn wir sehen, daß ganze, Himmelskörper in Scherben gegangen sind und die Trümmer im Weltenraum umherirren wie eine von Wölfen bedrohte Herde, dann muß uns die Befürchtung erfüllen, daß jenseits der Lufthülle der Erde auch Jammer,Elend und Not zu Hause sind. Viel­leicht steht die ganze sichtbare Schöpfung unter dem gleichen Fluche, bis der allgemeine Zusam- ntenbrud) am jüngsten Tage mit all der Irrung und Verwirrung aufräumt und bett wahren, ewi­gen Sonntag einleitet.

Nicht in der Sternenwelt, sonder» über allen Wandelsternen und Sonnen und Milchstraßen und Stcrnncbeln hat der Anker der christlichen Hoffnung Grund gefaßt. Im Diesseits ist über­all Geduld die erste Geschöpfespflicht.

„Unberufen", sagen die Abergläubischen, ioenn sie von einem glücklichen Ereignis berichten. „Das „Unberufen" ober bas breimaligc Aufklopfcn soll das verhindern, was Schiller in der Ballade vom Ring des Polykrates bezeichnet mit de» Worten: Mir graut vor der Götter Neid! — Der Aber­glaube beruht aus der Erfahrung, daß häufig das Unglück schon dem wieder auf den Fersen ist, der von einem Glücksfall erzählt. Es stecken feine bösen Geister dahinter, sondern einfach das trau­rige Gesetz, daß in diesem irdischen Leben das Unglück die Regel bildet.

Ae Pekle te SchmrznMs.

Roman von Ed. Wagner.

83] (Nachdruck verboten.)

„Wie weit sind Sie mit bet Stickerei, Miß Romberg, wenn ich fragen darf?" sprach sie in (lebrochenem Englisch, während sie in ihrer Arbeit ortfuhr.

„Sie wird morgen fertig," antwortete Alice, „und übermorgen will ich nach London zurück- kehren."

.. "A bo§ toirb nicht möglich sein," entgegnete .Portugiesin, indem ein Schatten über ihr 1 : n 9’ »bte ®ege werden »ach diesem Schneefall unpassierbar sein und vor einem oder Swci Monaten werden Sie das Schloß auch zur See nicht verlassen können."

„Nun, so schlimm wirb es hofsentlich nicht werden!" meinte Alice, nicht ahnend, wie viele oarjm nächste menschliche Wohnung von Black-Rock entfernt war. „Mr. Jarvis wird schon orat zu schaffen wissen, daß wir nach der nächst­liegenden Stadt gelangen können I"

- ^!?^lopfEN an die Tür meldete bas Kommen der Mrs. ^arvis. Sie brachte ein Teebrett voller ausgezeichneter Speisen unb verließ dann mit der Portugiesin das Gemach.

Gretchen wartete ihrer Herrin auf.

, . yBu Wildbraten gehört Sauce," sagte sie, so beschäftig., plötzlich, „Mrs. Jarvis muß sic ver» bolen*" ^a°en ' FH will hinuntergehen und sie

eilte geschäftig hinaus. Nach etwa fünf Minuten kehrte sie bleich zurück.

„Folgen sie mir, Fräulein Alice!" stammelte sie erregt. „Sie verstehen das Englische besser als ich, — Gretchen hatte während ihres Auf­enthaltes in Black-Rock ein wenig Englisch ge­lernt, — „unb werben darum auch besser der- Zehen können, was sie beabsichtigen! Aber nicht

ein Wort! Still und vorsichtig! Kommen Sie! Komme» Sic!"

Und sie öffnete leise die Tür unb ging ihrer jungen Herrin schleichend voran die Treppe hin­unter.

„Wohin gehen wir?" fragte Alice, unten in der großen Halle angekommen, ftüfternb.

„Still!" antwortete Gretchen ebenso. „Wir find zur Stelle!"

Sie waren an der eisernen Küchentür ange­nommen.

„Sehen Sie," flüsterte Gretchen, auf das Schlüsselloch in der Tür deutend, „sehen unb hö­ren Sie!"

Alice gehorchte unb sah durch das Schlüssel- loch in die Küche. Sie sah den gewaltig großen Herd, auf welchem ein mächtiges Feuer loderte; davor stand ein Tisch mit herrlichen Speisen. Uni den Tisch saßen die Hausleute, Mr. und Mrs. Jarvis und die Portugiesin, die mit dem ältlichen Ehepaar sprach. Zuerst vermochte Alice nichts zu verstehen, dann aber drang die Stimme der Por­tugiesin deutlicher an ihr Ohr unb sie hörte, wie jene sagte:

„Die Sorgen, weldic wir so lange boranSge- scheu haben, stehen jetzt vor bet Tür. Sie will fort. Verwehrt es ihr unb sie wird bie Wahr­heit erraten!"

„Sie wirb bie Wahrheit nicht vor einem Mo­nat erraten," versetzte Mr. Jarvis. „Ein Sturm wird dem andern folgen, die Wege werben noch lange unpassierbar bleiben unb sie toirb es selber einsehen müssen, baß' ihr Fortgehen unmög­lich ist?"

„Aber wenn sie dennoch fort will," beharrte bie Portugiesin, „wie wollen wir ihr bann die Tatsache verbergen, daß sie eine Gefangene ist?"

Alice erschrak. Was sollte das bedeuten?

,Mun," fiel Mr. Jarvis ruhig ein, „wenn sie uns zwingt, die Wahrheit zu sagen, so mag sie sie erfahren. Einmal muß sie es ja doch wissen, wo­ran sie ist, und ob das nun etwas früher oder

später geschieht, ist ja im Grunde genommen einerlei. Was sie wohl für Augen mache» toirb, wenn sie erfährt, daß sie Weber in Grcycourt. noch in Yorkshire ist und daß Lady Trevor dieses Haus nie gesehen, geschweige denn betreten hat!"

„Unb baß die Stickerei, bei der sie sich all die Monate abgequält, nur ein Vorwand gewesen ist, sie hier festziihaltenl" fügte Mr. Jarvis hinzu.

„lfnd daß sie alle die Zeit nur eine Gefangene war, während sic sich) frei und hier in Sicherheit wähnte," ergänzte die Portugiesin.

Alice fühlte sich wie erstarrt. Aber die Angst ihres Herzens ließ ihr Gehör sich verschärfen unb so hörte -sie alles, was gesprochen wurde.

„Wenn ich erst das mir versprochene Geld habe", fuhr die Portugiesin fort, „gebe ich in mein Vaterland zurück unb lebe bort wie eine Dame. Ach, ich wünschte, das Mädchen wäre doch nur erst tot!"

„Ich auch!" stimmte Mrs. Jarvis ihr bet. „Ihr Leben steht zwischen mir unb bem, was ich begehre!"

„Wenn bas alles ist, — bieses Leben ist ein höchst unbedeutendes Hindernis!" fiel Mr. Jar­vis ein. „Was hindert uns denn, der Natur vor- gugreifen unb unferm Auftraggeber unb uns sel­ber um so rascher zum Ziel zu verhelfen?" -

Gretchen, bie sich gleichfalls lauschcnb born­übergebeugt hatte, konnte ein halblautes Stöh­nen, welches sich aus ihrer Brust rang, nicht unterdrücken. -

„Horch," rief die Portugiesin, „was war das?" Alle horchten. Es war so still, daß man das

Fallen einer Nadel hätte hören können.

„Es ist nichts!" meinte die Frau drinnen am Tische dann. „Es toirb der Wind gewesen sein! — Wie also wollen wir die Sache ausführen? Mittels Gift?"

„Würde es nicht das beste fein, sie den Felsen hirmoterLustürtev?" schlug die Portugiesin vor.

„Oder sie zu ersticken, wie ich cs einmal im Theater gesehen habe," sprach Jarvis. „Ein Mann erstickte seine Frau mit einem Tuche."

„Es muß so still wie nur möglich abgeben," bemerkte die Frau. „Ich kenne eine Giftpflanze, von der wir ihr eingeben können. Aber nod) hat bas ja Zeit; denn vor Ablauf eines Monats kön­nen wir nicht fortkommen, und ich möchte nicht nur eine Nacht noch in diesem Hause zubringen, nachdem die Tat vollbracht ist!"

„Ich auch nicht!" stimmte die Portugiesin ihr bei. „Sie mag also am Leben bleiben, bis wir selber zum Aufbruch nach England fertig sind. — Hört! Da ist das sonderbare Aechzen wieder! Dieses alte Haus ist voll schauerlichen Geräusches! Ich will froh sein, wenn wir cs erst im Rücken und alles hinter uns haben!"

Jarvis war leise aufgeftanben unb die Wand entlang nach der Tür geschlichen.

Bei dieser jetzt angelangt, stieß er sie plötzlich auf und von dem hellen Schein des Feuers über­gossen, standen Alice und das alte Gretchen bleich und starr vor Schrecken ihren Feinden gegenüber. Aber nur sekundenlang. Denn mit einem rauben Griff hatte Jarvis das junge Mädchen gepackt und in die Küche gezerrt.'

Klagend und bie Hänbe ringend folgte die alte Dienerin.

„Schließt zu!" befahl Jarvis seiner Genos­sin. „Sic haben gehört, was nicht für Ihre Ohren bestimmt war. Miß," fuhr er, zu Alice ge­wandt, fort „Sie wissen also nun, daß Sie hier eine Gefangene sind?"

Tas junge Mädchen nickte bejahend.

„Sie wissen auch, daß Sie weder in Greiy- court, noch in Yorkshire sind?" inquirierte er weiter.

„Wo sind wir denn?" fragte Alice, tocldje äußerlich ihre Ruhe wiedererlangt hatte, obwohl ihre Pulse noch heftig unb rasch schlugen. „Sind wir in England?" (F- i)