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34. Jahrqanff
Fulda, Donnerstag den 1. August 1907
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R«; « i oen. Vie etw fpaltige Petitzeile ober bereit Baum 15 pfg. Reflamen ole Petitzelle 25 pfg.; bet Wiebet» Holungen wirb entspr.
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Sotatto»»bruck tu Verlag oer Kulbaer Ar» tiewbrideret in fiulba. Zernsprecher Nr.»
verantwortlitber je
Schriftleiter: A. Wetzl«
3.fpa?elkr in Zulba. Q)O^^ttbd!a$e: „Illustriette Sonntagszeitung
linksliberalen Wahlrechtswünsche tn Preußen nicht ohne brutalen Zwang und Staatsstreich möglich ist. Wir haben diese Meinung schon oft vertreten, jetzt haben wir in Herrn Naumann einen wertvollen Kronzeugen erhalten." Schon allein aus dieser Auslassung geht hervor, daß der Naumann'sche Artikel ein Echo wecken wrrd, daS noch lange in der Presse anhalten dürfte.
Deutsches Reich.
Berlin, 31. Juli 1907.
Recht unangenehme Dinge werden dem Fürsten Bülow wegen der so überaus rücksichtsvollen Behandlung des Generals von Liebert, des Beschimpfers unserer höchsten Richter in der Peters-Angelegenheit, keineswegs nur in der wilden sozialdemokratische.i oder in der bösen Zentrumspresse gesagt. Auch Organe der im Sinne des neuesten Kurses allem „nationalen" Parteien zeigen sich über die liebe- volle Ueberkleisterung des „Schandflecks^ f^rt- gesetzt wenig erbaut. Ueberall werden Zwetsel geäußert, daß andere arme Sünder mit dem gleichen Maße gemesien würden, d. h. durch ein Wort des Bedauerns sich Strassreiheit sichern tönnten, oder man kleidet diese Zweifel höflich in den Wunsch, daß wenigstens hinsüro diese duldsame Methode, Beleidigungen zu „erledigen", allen über die Schnur hauenden Kritikern höchster Beamten und Richter ohne Unterschied der Parteistellung zugute kommen möge. Im /Berliner Tageblatt' (Rr. 380) ist zu lesen:
Kein Mensch, der die Verhältnisse kennt, zweifelt daran, daß man mit dem Knaben Liebert so glimpflich verfuhr, weil er bei den letzten Reichstaqswahlen der Wahlmacher des Fürsten Bülow gewesen ist. Schon diese Auswahl des Helfers spricht nicht eben für eine tiefere Kenntnis der Volksseele. Aber wenn Fürst Bülow schon einmal auf den Reichsverein zur Bekämpfung der Sozialdemo, hatte kam, dann sollte er wenigstens nicht öffentlich dokumentieren, daß der Antisozialis- mus der Sünden Menge deckt. Sonst kommt er selbst noch in den Geruch, ein heimliches Mitglied des Liebert-Bundes zu sein. Wir wüßten nicht, was einen leitenden Staats, mann mehr diskreditieren könnte. Immerhin, General v. Liebert ist durch das Eingreifen des Reichskanzlers aus den Fesseln des gegen ihn eingeleitelen Strafverfahrens be« freit worden. Die natürliche Folge muß sein, daß nun auch die Beleidigungsklagen niedergeschlagen werden, die noch aus dem Wahlkampfe gegen eine Reihe oppositioneller Blätter und Agitatoren schweben. Nur in diesem Falle kann die Artig feit gegen den General v. Liebert erträglich ge- macht werden. Wenn dann als roei'ere Folge sich die Reichsregierung eine etwas dickere Haut gegen wirkliche oder angebliche Beleidigungen aus der Opposition an chafft und mehr als bisher mit Beleidigungsklagen spart, dann könnte der Fall Liebert sogar noch eine günstige Wirkung auf unser politisches Leben ausüben. Bis dahin aber wird man den unangenehmen Geschmack einer Parteiregierung int Reiche und in Preußen nicht los.
Parteiregierung — es ist nur gut, daß das kein Zentrumsblatt gesagt hat, sondern ein
Lrfchelttt »glich mit Husnafjme bet Sonn« mtbSeiettaae. viertel« Mrivezupepreie ohne Bringetl'bn ttnb BeSeBgelbinSulbannb auswärts 1 int 50 Pfg.
r. Liberalismus und preußisches Wahlrecht.
Wenn man heute ein Blatt zur Hand nimmt, 8os sich zur Farbe des sogenannten „entschiede. nen" Liberalismus bekennt, kann man tn seinen Spalten das gleiche Stürmen und Dran- gen nach Gewährung von Garantien und Kon. Sessionen an den Liberalismus finden, wie in den heißen Wahlkämpfen des Dezember. Jetzt handelt es sich um das preußische Wahl- recht, das Fürst Bülow dem Liberalismus auf den Leib zuschneiden muß. Schon vor einigen Tagen verlangte die „Freisinnige Zeitung" die Erledigung der Wahlrechtsfrage noch vor den nächsten allgemeinen Wahlen im Sommer 1908. Sie gab als Ansicht der Freisinnigen Dolkspar- tei dem Fürsten Bülow folgendes zu denken: „Wir erwarten alsbald eine Aufklärung, wie es mit den Plänen des Fürsten Bülow inbezug auf die preußische Wahlreform steht, und zwar können wir uns nicht mit einer bloßen generellen Erklärung zufrieden geben, sondern verlangen klipp und klar Auskunft darüber, tote sich die Regierung im Zeichen des Blocks die Durchführung einer preußischen Wahlreform denkt." In der Verfechtung dieses Standpunktes ist der Volkspartei in Friedrich Naumann (Berliner Tagebl. Nr. 383 vom 31. Juli) Hilfe erstanden, welche die gleiche Ansicht auch für /amtliche Mitglieder der Freisinnigen Vereinigung feststellt. Da nach dem Dafürhalten Naumanns „die preußische Wahlrechtsfrage schon heute als die Lebensfrage des Blockes und damit als die Lebensfrage der Reichskanz- lerschaft Bülows bezeichnet werden kann", wird Bülow sich beeilen müssen, den liberalen Herren zu dienen.
Naumann weist ihm auch den Weg, den er einzuschlagen hat. Das letzte Mittel, welches die Reichsverfassung gibt, wird dem Reichskanzler zuerst präsentiert. Der andere Weg geht von der Auflösung des Landtags aus mit der Ausschreibung von Neuwahlen unter einer bestimmten Wahlrechtsparole. Hören wir, tote Naumann sich diesen Gedanken zurechtgelegt hat:
„Schon heute wird heimlich und öffentlich lles getan, um die Bülow'schen Gedanken noch ^or der ersten amtlichen Ankündigung zu ersticken. Es gibt Konservative in. der Regierung, im Herrenhause und im Abgeordnetenhause in Fülle und sie wissen, tote man Politik macht. Gegen diese heimliche und offene Front kann der Reichskanzler nur dann etwas erreichen, wenn er von vornherein offen an das Volk appelliert. Er muß die nächste Landtagswahl mit .einer klaren Wahlrechtsparole führen. Will er das nicht, dann ich fein Spiel verloren. Wenn er die Landtagstoahlen in bisheriger Art sich vollziehen läßt, so fehlt ihm der Hintergrund eines Volksvotums, ohne das er die zahllosen Hemmnisse nicht überwinden wird. Er muß schon jetzt auf eine Auflösung des Landtages mit neuer Wahlparole hinarbeiten. Man kann das ganz offen sagen, weil es so sehr auf der Hand liegt, daß alle politisch Denkenden es längst wissen. Die Auflösung, die in der Kanalfrage versäumt wurde, muß jetzt nachgeholt werden. Geschieht das nicht, so helfen alle generellen Erklärungen gar nichts."
Diese Worte verlangen eine vollständige Lahmlegung des konservativen Elementes. Bülow stützt sich auf eine Politik der konservativ-liberalen Paarung. Der Liberalismus will aber, daß dem Konservativismus der Schädel eingeschlagen werde, auf daß er selbst Herr und Meister sein könnte. Das ist die Bülow'sche Paarung in liberaler Auffassung l
Organ des zur maßgebenden Regierungs-Partei avanzierten Freisinns.
* Und willst Du nicht mein Bruder sein usw. Die Oldenburger Strafkammer verurteilte am Samstag sechs sozialdemokra tische Arbeiter, welche gemeinschaftlich zu Delmenhorst den Arbeiter Flügge, weil dieser nicht der Organisation beitreten wollte, unmenschlich mißhandelt hallen, zu Gefängnisstrafen von einem Jahr dis zu drei und ein halb Jahren. Flügge ist an den Verletzungen gestorben.
* Gegen die konfessionelle» Zwergschulen macht die liberale Preffe fortdauernd mobil und teilt mit Behagen die Tatsache mit, daß es in Preußen ins- gesamt 810 Schulen mit weniger als 20 Schuler gibt. Unter den 810 Zwergschulen befinden sich aber allein 129 jüdische Schulen. Es ist bekannt, daß die betreffenden jüdischen Lehrer zugleich die _ jüdischen Kultusbeamten sind und daß piducher Gottesdienst usw. in den bezüglichen Bezirken überhaupt aufhören müßte, wenn der Staat diesen jüdischen Gemeinden die Lehrer nehmen wollte. Die abgeschlossene Lage mancher kleiner Ortschaften auf Inseln oder Nehrungen, zwischen Flüssen oder Mooren in weiten Heidestrecken oder unwegsamen Gebirgsgegenden, dazu die Dotationsverhältnisse mancher Kirchschulen (bet kleinen Filialkirchen) lassen sowohl den Negierungen als aiich den Gemeinden das Fortbestehen der meisten kleinen Schulen als durchaus notwendig erscheinen. Eine amtliche Statistik aber weist aus die Provinz Posen hin, in web cher die meisten kleinen Schulen auf die evangelische Diaspora entfallen. In anderen Provinzen sind zahlreiche Fälle vorhanden, in denen die Verbindung zwischen Schul- und Kirchenamt feit langen Jahrzehnten, ja seit einem Jahrhundert und länger besteht, Nur unter dem stärksten Widerstand der Bevölkerunq, deren Juteresfen schwer verletzt würden, könnte' man hier das historische Uebereinkommen zwangsweise beseitigen. Wie wir also schon vor einiger Zeit betont haben, entfallen auf den kathol. Volksteil nur gauz wenige von diesen Zwergschulen, schon weil wir nicht das Gela haben, um diese. Schulen zu unterhalten.
* Die Hoffnung der Altkatholiken. Als ein reellerer Beweis der Katholikenfeindlichkeit der Nationalliberalen dient ein Artikel der,Natlib. Zig.« (Nr. 352 vom 30. Juli 1907), der sich betitelt: „Altkatholiken und Reformkatholiken". Dieser Aussatz enthält sehr bemerkenswerte Einzel- heiten, z. B. sofort das Eingeständnis:
„Nun ja, es ist dem Altkatholizismus nicht gelungen, die Massen mit sich fortzureißen. Viele, die ihm anfänglich zugejubelt hatten, sind von ihm abgewichen und so ist es gekommen, daß der Altkatholizismus in Deutschland kaum so viele Taufende, wie die anderen großen Kirchengemeinschaften Millionen zählt. Ja in mancher altkatholifchen Gemeinde mag es recht trostlos aussehen. Ein Grund dafür ist — es mag einmal offen ausgesprochen werden — die Freundschaft mit dem Prote- stanüsmus, die zur Folge hatte, daß fast der ganze Nachwuchs aus den zahlreichen gemischten Ehen dem Altkatholizismus verloren ging." Dann folgt die Aufforderung an die Reformkatholiken,' es ihnen gleich zu tun und statt der Worte nun Taten folgen zu taffen: „Es sind schöne Worte, die Prof. Merkle „gegen die Hyänentheologen" gesprochen hat, aber es sind doch nur Worte. Mögen doch auch ein» einmal Taten der Reformkatholiken folgen! Ich fürchte, von Prof. Merkle heißt es schlteß- lich nicht anderes als von Professor Schell:
gewaltiges Mittel .
tn Bülows Händen werden. Sie kann es! Mehr läßt sich nicht sagen, denn die psychologische : Frage, ob der Wille des Nachfolgers Bismarcks stark genug ist, eine solche Waffe zu gebrauchen, ist eine offene Frage. Es ist eine offenkundige Tatsache, daß heute der Beamtenapparat vielfach der konservativen Partei behilflich ist. Solange dieser Zustand dauert, wird es schwer sein, einen Landtag der Reformen herbeizusiihren. Dieser aber ist die erste Vorbedingung der Bsi- low'schen Wahlrechtspläne." Diese Worte zeigen, daß Naumann aus feinem Herzen keine Fördergrube macht. Der Liberalismus verlangt, daß das, was er selbst int Jahre 1882 als eine
Knebelung der politische» Ueberzeugung des liberalen Teiles des Beamtentums auffaßte, nun in der gleichen Weise gegen die „heimliche und offene konservative Front" in Anwendung gebracht werden soll. Der entschiedene Liberalismus verlangt also nicht nur die Zuschneidung einer kommenden Wahlvorlage in Preußen ganz nach seinen Wünschen, sondern auch energische Zutreiberdienfte vonseiten der Regierung int Falle der Auflösung des Landtags.' Abgesehen davon, daß ein solches Verlangen verzweifelt dem alten Worte ähnelt: „Und willst du nicht mein Bruder sein 2c.", so vergißt Naumann auch ganz und gar die Angabe der Punkte, auf die sich der Liberalismus stützt, um eine solche Forderung für berechtigt erscheinen zu lassen. Einerseits beansprucht der Liberalismus von der ' Regierung eine künstliche Aufpäppelyng mit allen möglichen Mittelchen, auf der anderen Seite kündigt er ihr alle vier Wochen seine Freundschaft. Hierin und auch in einem anderen Punkte bleibt sich der „entschiedene" Liberalismus treu. Seine Forderungen lassen an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig, von wahrem Liberalsein ist aber in seinem ganzen Verhalten teilte Spick zu entdecken. Im übrigen stellen sich die Wirkungen des Naumann'schen Artikels im rechtsstehenden Lager schon ein. Da er auch den Kampf gegen das Herrenhaus einbezieht, widmet ihm die „Deutsche Tageszeitung" einen Artikel mit der Ueberschrift:
„Linksliberale Staatsstreichgelüste", zu dessen Schluß es heißt: „Daß diese Staatsstreichgelüste in so erfrischender Offenherzigkeit verkündet werden, trägt gewiß zur Klärung bei. Deshalb sind wir Herrn Naumann für seine Hochfommerarbeit aufrichtig dankbar. Die etwas klügeren und etwas weniger täpischen Liberalen werden freilich diese Dankbarkeit nicht empfinden, sondern vermutlich von dem phantasievollen Draufgänger ab rücken. Das wird aber nichts an der Tatsache ändern, daß die Erfüllung der
Ganz deutlich kommt dies von Naumann selbst zum Ausdruck, wenn er Bülow darauf hinweist, welcher Mittel er sich zu bedienen hätte. Naumann schreibt nämlich:
„Eine preußische Landtagsauflösung kann, wenn sie richtig gemacht wird, sehr gut glücken. Dazu gehört freilich, daß mit dem Beamtenerlaß vom 4. Januar 1882 ernst gemacht wird. Dort heißt es: „Es liegt mir fern, die Freiheit der Wahlen zu beeinträchtigen, aber für diejenigen Beamten, welche mit der Ausführung meiner Regierungsakte betraut find, und deshalb ihres Dienstes nach dem Diszipli- nargesetz enthoben werden können, erstreckt sich die durch den Diensteid geschworene Pflicht aufdieVertretungmeinerRegierung auch bei den Wahlen." Diese wuchtige Waffe, die sich -Bismarck seinerzeit im Kampfe gegen links geschmiedet hat, liegt im Zeughaus der preußischen Regierung und kann ein
M Perle i)t$ SchimMes.
Roman von Ed. Wagner.
23) (Nachdruck verboten.) •
„Und das haben Sie hier, Mylady", sagte die Französin mit einer Miene, welche erkennen ließ, daß sie ihrer Sache gewiß fei. Und sie löste die Umhüllung und entfaltete den sorgfältig zusammengelegten Mantel und hielt ihn gegen das Licht. Lady Trevor stieß einen Ruf der lieber- raschung aus.
„Er ist prachtvoll", rief sie, „ganz wundervoll! Sie haben ihn in Paris machen lassen, Madame?"
„Nein, Mylady", versetzte die Dame. „Er wurde in London gemacht, von einer meiner eigenen Stickerinnen. Sie zeichnete und stickte ihn. Ist er nicht entzückend?"
Lady Trevor betrachtete das Kleidungsstück näher, konnte aber nicht den geringsten Fehler daran entdecken. Der Mantel gefiel ihr außerordentlich und sie fragte nach dem Preise. Madame Singe nannte eine Summe, welche das Sechsfache von dem betrug, was sie Alice dafür 'gegeben hatte.
„Ich behalte den Mantel", sagte Lady Trevor, ihn über einen Stuhl breitend, um sich an der Pracht desselben zu weiden. „Sie haben einen Schatz in der Stickerin, die ihn gemacht hat. Sie soll mir gleich noch ein Kleid sticken. Ist sie eine Französin?"
r scheint eine Engländerin zu sein, My- obwohl ihr Wesen etwas Fremdartiges an sich hat, versetzte Madame Linge. „Ihr Name lst ■ — Alice Romberg I"
Fünfzehntes Kapitel.
Wenn ein Blitz vor Lady Trevor in die Erde gefahren wäre, nicht mehr hätte sie das über- raschen können, als von der vor ihr Stehenden den Namen d-s Mädchens aussprechen zu hören.
welches Pulford so lange vergeblich gesucht hatte.
„Wie heißt sie?" stieß sie unwillkürlich hervor, als wähnte sie, sich getäuscht zu haben.
„Alice Romberg!" wiederholte Madame Singe ruhig.
„Alice Romberg? Und sie scheint hier fremd zu fein? Wo wohnt sie?" fuhr Lady Trevor zu fragen fort.
Die Französin musterte die Lady mit den unverkennbaren Zeichen des Erstaunens.
„Wissen Sie etwas von dieser Alice Romberg, Mylady?" fragte sie.
„Ich? O, nein", sagte Edith, sich zur Ruhe zwingend, „ich weiß nichts von ihr. Ich fragte nur nach ihr, weil ihre Kunstfertigkeit mich interessiert."
„Diese Alice Romberg ist ein junges Mädchen, welches mit einer alten Dienerin von Deutschland nach London kam, um sich hier eine Existenz zu gründen", fuhr Madame Linge ihrer vornehmen Klientin zu erklären fort. „Wenn Ihnen die Arbeit gefällt, Mylady, wird es mir eine Ehre fein, Ihre Aufträge für meinen jungen Schützling entgegenzunehmen."
Lady Trevor nickte gnädig.
„Ich bin von der Arbeit entzückt und wünsche, daß dieses Mädchen mir einen Anzug stickt, aber ich muß selbst mit ihr reden," sagte sie. „Schicken Sie sie noch heute zu mir; ich will das Muster mit ihr besprechen. Auf den Preis kommt es mir nicht an; das überlaste ich Ihnen. Ich werde bezahlen, was Sie fordern!"
„Gut, Mylady!" erwiderte Madame Linge, welche diese Erklärung sich zu allem bereit finden ließ. „Ich werde tun, was Sie befehlen. Ich werde Miß Romberg noch heute zu Ihnen fchicken."
Lady Trevor winkte ihr freundlich zum Abschied zu; sie hatte sich wieder völlig in der Gewalt.
Kaum aber, daß die Französin sich entfernt hatte, beauftragte Lady Trevor einen Diener Mr. Pulford zu ihr zu rufen.
„Welch ein glücklicher Zufall", sprach sie zu sich selbst, „daß das Geschick mir so das Mädchen in die Hände spielt! Run kann und werde ich mich ihrer für immer entledigen!"
Sie schritt ungeduldig im Zimmer auf und ab. Stand sie doch jetzt vor der Erreichung ihres Zieles. Sie hatte Alice Romberg gefunden; in wenigen Stunden würde sie ihr gegenübertreten. Mit jeder Minute wuchs ihre Aufregung; immer rascher und unruhiger wurden ihre Schritte; ihre Augen funkelten, ihre zusammengepreßten Lippen zuckten, — sie war in furchtbarer Erregung.
„Wenn doch Pulford käme!" murmelte sie wiederholt. „Wir müssen besprechen, was ge- fchehen soll, ehe sie sich einstellt!"
Ihre Aufregung hatte den Höhepunkt erreicht, als der Bote zurückkam mit der Meldung, daß Mr. Pluford sogleich erscheinen werde.
Der Diener hatte sich kaum zurückgezogen, als der Vertraute der Lady auch bereits eintrat.
Latch Trevor eilte auf ihn zu und rief:
„Gut, daß Sie da sind! Sie ist gefunden, Horacel"
„Wer ist gefunden?" wiederholte Pluford. „Sie meinen doch nicht — das Mädchen —"
„Allerdings meine ich sie," unterbrach Lady Trevor ihn. „Der Zufall — das Schicksal hat sie mir in die Hände gespielt! Sie kommt noch heute hierher in dieses Haus!"
Mr. Pulford sah sie zweifelnd an.
„Sehen Sie diesen Mantel!" fuhr Lady Trevor, aus das Kleidungsstück, welches noch über dem Stuhle hing, zeigend, fort. „Madame Linge, die Inhaberin des Stickereiladens, in welchem ich arbeiten lasse, brachte ihn mir und ich fragte sie, ob er in Paris gestickt worden sei. Sie verneinte und erzählte mir, daß die Arbeit von einem jungen Mädchen hier in London angefertigt worden sei, von einem jungen Mädchen, namens Alice Rontoerg. Ich bat sie daraufhin schnell resolut, mir das Mädchen herzuschicken, um einen weiteren Auftrag mit ihr zu bespre
chen. So wird sie noch heute sicher kommen, in dieser Stunde vielleicht schon. Ich werde ihr reiche Arbeit geben, nm mir ihr Vertrauen zu erwerben; aber was darauf folgen muß, wißen Sie ebensogut wie ich. Sie darf ihre Frerheit nicht behalten. Ich kann nicht in beständiger Furcht vor ihr leben; ich darf nicht zngeben, daß sie von Lord Leonards oder Lady Glenham entdeckt werde. Sie muß beseitigt werden!"
„Ich verstehe!" sagte Pulford kalt. „Und das ist selbstverständlich: Was wir auch unternehmen, wir haben es zusammen zu tun und die Schuld zu gleichen Teilen zu tragen! Ich bin bereit, um den Preis Ihres Besitzes alles zu wagen! Mag sie denn kommen! Ihr Verderben ist befchlosfen! Hören Sie meinen Plan!"
Und gedämpften Tones besprachen beide sich lange zusammen. , . ...
Sie waren noch dabei, als ein Diener emtrat und Miß Alice Romberg anmeldete.
„Führe sie herein, James!" gebot die Lady dem Domestiken. . ..
Der Diener ging und Pulford trat tn die anstoßende Bibliothek.
Aeußerlich ruhig, innerlich aber in furcht- barer Aufregung, blieb Lady Trevor allem zu- rück. Sollte sie in dem nächsten Augenblick doch dem Mädchen, welches alle ihre Pläne zu durch- kreuzen drohte, gegenüberstehen! Unwillkürlich griff mit beiden Händen nach den Seitenlehne», des Seffels, auf dem sie saß.
Aber da öffnete sich auch schon die Tür und die ahnungslofe Aliee betrat den Salon ihrer unbekannten Todfeindin.
Lady Trevor blickte scheinbar gedankenvoll in das Feuer. Sie machte eine gewaltsame Anstrengung, sich zu beherrschen, ehe sie sich Alice zuwandte, mit den unverkennbaren Zeichen de» Schreckens.
Sie war vorbereitet gewesen, ein hübsches Gesicht zu sehen; die Schönheit, Anmut und Liebenswürdigkeit des Mädchens, welches da vor ihr stand, überwältigte sie jedoch förmlich, _