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Maer M Zeitung

verantwortlicher Schriftleiter: A.wetzl«r

' monatsbeitage: „8uldaer GeschlchtsblStter"

«''&«• w»ch«ndeilag«: „Illustrierte Sonntagrzeitung" "V

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M 173.

Fulda, Mittwoch den 31. Juli 1907.

34. Jahrgang.

Kvstes Wtcrtt.

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Lin politischer OWerverein.

Unter dieser Ueberschrift brachte die „Köln, -öolksztg." am 29. Juli einen auch fiir unsere Leser sehr interessanten Artikel, der sich mit den in der Bürgerschaft seiner Zeit vrel besprochenen Vorgängen im hiesigen Offrzrerverem anläßlich der letzten Reichstagswahl beschaftrgt. Die Köl- Her Kollegin schreibt:

„In unserer politisch bewegten Zeit sind eine sganze Reihe politischer Vereine entstanden; daß vaber auch ein politischer Offizierverein möglich Jet, hätte man bis vor kurzem nicht geglaubt, wenn man bedenkt, wie sehr man seither bemüht jwar, die Politik aus der Armee fern zu halten. Dieses seltsame Gebilde besteht in der Provinz Hessen-Nassau, in der guten Stadt Fulda. Wie dieser politische Offizierverein entstehen konnte, soll in Nachfolgendem geschildert werden.

Vor einer Reihe von Jahren wurde das Be- zirkskommando Fulda aufgehoben und nach Hanau verlegt, angeblich weil -er damalige Bezirkskommandeur keine für ihn passende Woh­nung finden konnte, und so ließ man eine Kreis­stadt mit etwa 20 000 Einwvhnern und volk­reicher Umgebung ohne Bezirkskommando und errichtete dort nur ein Meldeamt mit einem Be­zirksoffizier, gewöhnlich mit einem Hauptmann z. D. an der Spitze.

Mit dem Weggang des Bezirkskommandos hörten die kameradschaftlichen Zusammenkünfte der Offiziere des Beurlaubtenstandes auf. Bald darauf wurden die Mitglieder des Offizierkorps aufgefordert, dem Offizierverein Hanau beizu­treten. Dies taten einige, andere lehnten ab. Die große Entfernung machte es den in Fulda und Umgebung wohnenden Offizieren nahezu unmöglich, sich an den Veranstaltungen des Ver­eines in Hanau zu beteiligen, und so entstand der Wunsch nach Gründung eines Offiziervereines in Fulda. Diesem Wunsche wurde seitens des Bezirkskommandos Hanau stattgegeben unter der Bedingung, daß alle in Betracht kom­menden Herren dem Vereine bei­treten würden. Dies geschah und hiermit trat der Verein seit Anfang des Jahres 1905 ins Leben; er zählte zuletzt etwa 45 Mitglieder. Zum ersten Vorsitzenden wurde ein älterer, verdienter Offizier, ein Oberstleutnant z. D. einstimmig ge­wählt, der die Feldzüge 1866 und 1870 mitge­macht hatte.

Als nach der Auflösung des Reichstages am 13. Dezember 1906 die Wogen des Wahlkampfes hoch gingen, erschienen auch in Fulda zwei Wahlaufrufe. Der eine von der Zentrums­partei, der andere von den Blockparteien, letzterer für einen freikonservativen Kandidaten eintre­tend. Unter dem Wahlaufruf der Zentrums­partei fanden sich unter den Unterschriften auch die von drei Mitgliedern des Offiziervereines, und zwar die des ersten Vorsitzenden, eines Arz­tes und eines Kaufmannes. Unter dem Aufruf der Blockparteien standen unter anderen auch die Unterschriften von ebenfalls drei Mitgliedern, und zwar des zweiten Vorsitzenden (eines Rechts­anwaltes) und zweier Regierungsbaumeister, die beide jetzt »ersetzt, also nicht mehr in Fulda sind.

Kurz nach der Reichstagswahl ging einer der meiden Regierungsbanmeister, die den Wahlauf­ruf der Blockparteien unterschrieben hatten, zum K'ten Vorsitzenden des Offiziervereins und gab

, wie in einer dienstlichen Versammlung der Offiziere festgestellt und zugegeben wurde, etwa folgende Erklärung ab: „Ich bin zwar für Ende nächsten Monats von Fulda weg versetzt, aber ich erkläre schon jetzt meinen Austritt aus dem Offizierverein Fulda, weil ich nicht einem

Vereine angehören möchte, dessen erster Vor­sitzender sich zu einer politischen Richtung be­kennt, die meinen politischen Anschauungen dirett widerspricht. Ich überlasse es Ihrem Taktgefühl, nunmehr zu tun, was Sie für das Richtige halten."

Hätte nun der zweite Vorsitzende, wie es das einzig Richtige gewesen wäre, dem Herrn erklärt, daß die Politik mit dem Offizierverein nichts zu schaffen habe, und ihn auf den im § 1 der Sta­tuten angegebenen Zweck des Vereins — Wah­rung der Interessen des Offizierkorps in allen nicht dienstlichen Angelegenheiten und Förderung des kameradschaftlichen Geistes — hingewiesen, so wäre die Sache wohl erledigt gewesen. Wollte er dies nicht, so hätte er mindestens die Erklär­ung des einen Mitgliedes dem Vorstande oder der Vollversammlung des Vereins unterbreiten müs­sen. Statt dessen gab er die Erklärung des Mit­gliedes dienstlich an den Bezirkskommandeur zur Entscheidung. In unglaublicher Verkennung der Verhältnisse ließ nunmehr der Bezirkskomman­deur den er st en Vorsitzenden durchden zweiten Vorsitzenden auffordern, den Vorsitz im Offizierverein nie­derzulegen, da er den Wahlaufruf der Zentrumspartei unterschrie­ben habe, der „sich gegen die Regierung richte". Der erste Vorsitzende erklärte sich bereit, den Vor­sitz niederzulegen, fügte aber hinzu, daß er dann auch gänzlich aus dem Verein ausfcheiden werde. Um letzteres zu verhindern, begaben sich der 2. Vorsitzende, der Bezirksoffizier und ein anderes Mitglied des Vereins, das weder dienstlich noch an Jahren das älteste war, auch nicht dem Vor­stande angehörte, wohl aber politisch nicht auf dem Standpunkte des Zentrums steht, in die Wohnung des ersten Vorsitzenden und erklärte ihm, „er könne allerdings, nachdem er den Wahl­aufruf der Zentrumspartei unterschrieben habe, nicht mehr Vorsitzender des Offiziervereins sein, er solle aber, da er sich vor einigen Wochen einer leichten Operation habe unterziehen müssen, sei­nen Rücktritt mit „Gesundheitsrücksichten" er­klären, er müsse aber unter allen Umständen Mit­glied des Offiziervereins bleiben, da von diesem Vorgehen gegen ihn in dem Verein nichts be­kannt werden und an die Oeffentlichkeit dringen dürfe."

Auch hier handelten diese drei Herren in der Intention des Bezirkskommandeurs, wie dieser später selbst zugegeben hat.

Tags darauf fand die gewöhnliche kamerad­schaftliche Vereinigung statt, im Verlauf welcher ein Mitglied die Angelegenheit, die doch fchvn bekannt geworden war, zur Sprache brachte. Hier erklärte der zweite Vorsitzende, daß der erste Vor­sitzende sein Amt niedergelegt habe. Weitere Mitteilungen könne er nicht machen, da die Ver­handlungen vertrauliche gewesen feien und da die Sache dienstlich erledigt werde.

Mittlerweile hatte der Bezirkskommandeur dem ersten Vorsitzenden schriftlich mitgeteilt, daß er dadurch, daß er den Wahlaufruf der Zen- trumspartei unterschrieben habe, gegen eine K a- binettsordre vom Jahre 1876 verstoßen habe, nach welcher Offiziere z. D. sich in poli­tischen Dingen genau so zu verhalten hätten, wie die Offiziere des aktiven Heeres.

Auf das dringende Ersuchen eines oder meh­rerer Mitglieder hielt der Bezirkskommandeur später eine dienstliche Versammlung ab, zu welcher alle Hörren in Uniform befohlen waren. In dieser Versammlung verlas er ein längeres Schriftstück, in welchem er von der Ka­binettsordre sprach und das Verhalten der drei Herren, die auf den ersten Vorsitzenden einzu­wirken versucht hatten, zu billigen suchte, mit dem Bemerken, es sei in seiner Intention ge­wesen. Aus der Vorlesung konnte aber niemand

recht klug werden, so daß nachher die widerspre­chendsten Auffassungen zutage traten; am Schluffe sagte er, daß er die Angelegenheit hier­mit für erledigt halte und keine weitere Dis­kussion hierüber wünsche. Da die Versammlung dienstlich war und die Herren in Uniform er­schienen waren, so war dieser Wunsch Befehl, dem Folge geleistet werden mußte.

Am folgenden Tage begaben sich mehrere Mit­glieder zu dem Bezirkskommandeur, ersuchten um Aufklärung, suchten ihn aufzuklären, bestritten ihm die Anwendbarkeit der Kabinettsordre und verlangten Genugtuung für den gemaßregelten ersten Vorsitzenden. Sie fanden den Herrn aber so schlecht unterrichtet, so verständnislos für die Lage der Dinge und so hiilflos, daß sie unver­richteter Sache wieder abziehen mußten. Hier­auf erklärten eine Anzahl Mitglieder, die poli­tisch auf dem Standpunkt der Zen umspartei stehen, ihren Austritt aus dem Offizierver­ein zu Händen des zweiten Vorsitzenden. Der Austritt wurde von einigen Herren nicht begrün­det;' von anderen aber geschah dies mit dem Hin­weise darauf, daß durch den Bezirkskommandeur Politik in den Verein hineingetragen worden sei, und daß das, was heute dem Vorsitzenden pas­siert war, morgen jedem anderen passieren könne.

Nun sah sich der Bezirkskommandeur endlich veranlaßt, am 17. Mai die ganze Angelegenheit in einer dienstlichen Versammlung zu besprechen. Er verlas wieder eine lange Erklär­ung, wobei er wiederholt auf die Widerspräche in derselben aufmerksam gemacht werden mußte, mißbilligte mit keinem Worte das Vorgehen der drei Herren, die den ersten Vorsitzenden aufge­fordert hatten, wohl den Vorsitz niederzulegen, aber die Mitgliedschaft beizubehalten, fondern suchte sie nach Kräften in Schutz zu nehmen. Schließlich stellte es sich heraus, wie mangelhaft er unterrichtet war, er verwechselte Partei mit Konfession, und als ihm gesagt wurde, daß doch auch noch andere Mitglieder des Vereins Wahl­aufrufe unterschrieben hätten, zwei noch den vom Zentrum und drei andere, darunter der zweite Vorsitzende, denjenigen der Blockparteien, verlor er gänzlich die Fassung, und brach seine Vor­lesung ab mit den Worten: „Aber meine Herren, die Sache liegt doch nun einmal so, ich kann sie nicht aus der Welt schaffen."

Hiermit schloß die Versammlung, und seit Ser Zeit ist in der ganzen Angelegenheit seitens des Bezirkskommandos nichts weiter geschehen.

Da nun dem gemaßregelten verdienten ersten Vorsitzenden seitens des Bezirkskommandos, das sich doch in Dinge eingemischt hatte, die es eigent­lich nichts angingen, keine Genugtuung geleistet wurde, so traten fast alle Mitglieder, die in po­litischer Hinsicht auf dem Standpuntt des Zen- trums stehen, ans dem Verein aus. Obgleich nun int Jahre 1905 seitens des Bezirkskomman­dos die Erlaubnis zur Gründung des Offizier­vereins Fulda nur unter der Bedingung gegeben worden war, daß alle in Betracht kommenden Herren Mitglieder werden würden, fo läßt man jetzt, nachdem ungefähr 15 Herren ausgetreten sind, den Verein ruhig weiter bestehen, so daß der Offizierverein Fulda nur noch ein politischer ist, wenn ntan will, ein freikonservativer. Kei- nenfalls kann er mehr zu den Offiziervereineu gezählt werden, wie sie im allgemeinen in Deutschland bestehen, die sich die Förderung des kameradschaftlichen Geistes zur Aufgabe gestellt haben. Damit besteht er auch im Gegensatz zum § 1 seiner eigenen Statuten, worin der gleiche Zweck zum Ausdruck gebracht ist. Der jetzige Offizierverein Fulda ist nichts anderes als -»in politischer Offizierverein."

„Er rühmte mir ihre Schönheit, ihre Bildung und ihre vielen Fähigkeiten", erwiderte die Lady. Er kann kaum Worte genug zu ihrem Lobe

tigkeit gebend. „Ich liebe Miß Romberg aus tiefster Seele I Und wenn es geschehen kann, ohne daß ich Gordon unrecht tue, so seien Sie ver­sichert, daß ich nichts unversucht lassen werde, mir ihr Herz zu gewinnen!"

„Sie könnten vor uns nach Schönau gehen", sprach die Gräfin sinnend, „oder vielleicht ist es auch besser, wenn Sie warten, bis ich sie gesehen habe., Doch horch, ist das nicht des Grafen Stimme? Ich muß ihn sogleich sehen!"

Und sie nickte Craston hastig zu und schritt aus dem Zimmer, während Craston seine Zi­garre anzündete und seinen Platz wieder ein­nahm.

In der Halle begegnete Lady Glenham ihrem Sohn.

„Ist etwas vorgefallen, Gordon, daß Du fo früh zurückkommst?" fragte sie denselben.

„Nichts, als daß ich die anderen verlor und, mit Wild beladen, mich entschloß, nach Hanse zu- rückzukehren", antwortete der Graf, seine Mutter ins Zimmer führend. „Aber was ist hier ge­schehen, Mutter? Du siehst so glücklich aus, wie ich Dich lange nicht gesehen habe."

Die Gräfin war um die Antwort verlegen.

„Mr. Craston ist wiedergekommen, Gordon", sagte sie.

„Und dieses Lächeln gilt ihm?" entgegnete er befremdet. „Ich meine. Du hättest ihn nicht gern?"

„Man irrt sich zuweilen in der Beurteilung der Menschen, Gordon", versetzte sie. „Aber mein Lächeln gilt nicht seiner Rückkehr. Ich habe soeben eine Unterredung mit ihm gehabt. Ich befragte ihn über Miß Romberg."

„Und er?" forschte Gordon.

Craston erschrak. Wenn die Gräfin und ihr Mohn nach Schönau gingen, so würden sie er­jagten, daß er schon vor ihnen wieder dort ge­wesen war. Das mußte er verhindern.

„Sie haben mir auf meinen Vorschlag noch ffi™e Antwort gegeben, Mr. Craston", hob die Graftn nach kurzer Pause wieder an. „Wenn kIC versichere, daß Sie meinem Sohn einen E" Dienst damit erweisen, daß Sie Miß .Romberg Heiraten, so können Sie doch nicht San^rr8°flern‘ ,.®’e lieben sie und ich will Ihnen sie sich zu gewinnen. Soll das ein

Vertrag zwischen uns sein?"

„Wie gern s^te ich ja ! Aber in welchen Kon-

Sie Perle des SchiMMldes.

Roman von Ed. Wagner.

22J -Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung aus dem zweiten Blatt.)

„Wenn sie wüßte, daß ihre Liebe zu dem Gra­sen hoffnungslos wäre", versetzte die Gräfin, ,„würde sie Sie heiraten, daran zweifle ich nicht. Besitzt sie einen Stolz?"

„Sie ist stolz wie eine Fürstin!" entgegnete Craston.

, „Dann wäre es vielleicht wirklich das beste, ich würde Gordon's Wunsch willfahren und zu Ä- uni? ihr sagen, daß ich sie niemals cu Gattin meines Sohnes anerkennen kann und ' sprach die Gräfin eifrig. „Ich würde tbr die Sache i» einem Lichte darstellen, daß ihr Stolz sie lieber sterben als eine Familie eintre­ten lassen würde, in der sie einzig eine Verachtete ,fetn könnte. Ja, das will ich tun, das will ich -ihr sagen! Ich will das Mädchen sehen! Mein ,Sohn soll mich nächsten Monat zu ihr nach Schö- mau begleiten!"

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bringt mub das mit meiner Freundschaft j finden!"

äu ijgrem Sohne, mit meinen Grundsätzen!" er-1 Des Grafen Gesicht strahlte auf vor Freude.

rtarte Erafton, sich den schein hoher Tugendhaft1 ..Ich konnte nicht erwarten, daß er etwas

anderes tagen würde", rief er, „aber es |reut mich doch, daß er es getan hat! Er ist ein treuer Freund, Mutter!"

Die Gräfin zuckte zusammen. Ehrlich wie er in allem war, nahm er ihre Worte für eine halbe Einwilligung. Das durste nicht sein.

„Ich muß Dir gestehen, Gordon", sprach sie darum, „daß das, was Mr. Craston mir sagte, an meinem Entschluß, Miß Romberg nicht als Tochter anerkennen zu können, nichts geändert hät. Sie ist Dir jedenfalls nicht ebenbürtig. Ich kann ihre Herkunft nicht vergessen. Ich halte Deine Liebe zu ihr für eine Torheit. Den­noch will ich nächsten Monat mit Dir nach Schö­nau gehen und das Mädchen kennen lernen."

„Meine liebe, gute Mutter l" rief der Graf impulsiv. „Ich wußte es ja, daß Deine Liebe zu mir über Deine Vorurteile siegen würde! Du wirst Alice sehen und sie lieben, wie ich sie sah und lieben mußte. Sie wird den Weg zu deinem Herzen finden!"

Und er küßte sie in überwallendeni Gefühl. Schweigend duldete sie es.

„Was würde er sagen", fragte sie sich dabei jedoch gequält, „wenn er wüßte, daß ich nur des­halb mit ihm gehe, um ihn desto sicherer von dem Mädchen zu trennen? Was würde er sagen, wenn er wüßte, wozu feine Mutter und sein bester Freund sich verbunden haben? Und denn« uoch, darf ich beim, um ihn vor dieser Heirat, die seinen Namen mit unauslöschlicher Schmach bedecken würde, zu bewahren, vor irgend etwas zurückschrecken, gleichviel, was es auch sei? Nein, nein, — es muß — es muß sein!"

Wenn Gordon in der Seele feiner Mutter hätte lesen — wenn er den falschen Freund, den er für treu hielt, hätte durchschauen können! Und mehr noch: — wenn er gewußt hätte, wie verhältnismäßig nahe ihm diejenige war, an der sein Herz mit einer jeden Faser hing, — wenn er gewußt hätte, daß Alice in England, in Lon-

veutsches Reich.

Berlin, 30. Juli 1907.

* Staatssekretär v. Stengel über die Reichs­finanzreform. Ein Vertreter der „Münchener Allg. Ztg." hat den Reichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel in seinem „Algäu-Tnsknlum" aufge­sucht, um ihm zum 70. Geburtstage zu gratulie­ren und ihn bei der Gelegenheit etwas über seine Finanzpläne auszuholen. Herr v. Stengel scheint recht gesprächig gewesen zu sein, aber was er dem Zeitungsmann an Tatsächlichem verraten hat, ist doch herzlich dürftig. Wir entnehmen dem Berichte -er „Allg. Ztg." darüber das Folgende:

lieber die Steuerpläne erklärte der Staatssekretär, in diesem Augenblick mit dem besten Willen noch nichts sagen zu können. Im einzelnen wird es auf den Bedarf ankommen, der noch keineswegs feststeht. Die Ausbesserung der Beamtengehälter und derWohnnngsgelder ist ja vom Reichstag selbst gewünscht worden, und so wird er sich selbstverständlich der Pflicht Nicht ent­ziehen, dafür Deckung zu schaffen, so weit sie sich vielleicht durch anderweitige Ersparnisse ober die natürliche Fortentwickelung der vorhandeneii Einnahmequellen des Reiches gewinnen läßt. Die letztere ist zur Zeit günstig. Ein Gegenstand schwerer Sorge ist für den Herrn Reichsschatzsekre­tär nach wie vor der betrübend niedere Kursstand der Reichs- und Staatsanleihen und er bezeichnet es als besonders bedauerlich und ge­radezu unbegreiflich, daß ein Teil der Presse von Zeit zu Zeit durch die Ankündigung neuer Em Missionen von Reichsanleihen die Stimmung noch weiter verschlechtert und noch weiter auf die Kurse drückt. In Wahrheit ist von solchen neuen Emmissionen vorläufig keine Rede. Der Staatssekretär hofft, das ganze laufende Finanzjahr ohne eine neue Anleihe dnrchzukommen. Der sehr günstige Final- abschlutz desRechnungsjahres 1906, dessenVer- össentlichung in den nächsten Wochen erfolgen soll, wird sonach hauptsächlich den Bundesstaaten zugute kommen, indem die nach dem Etat für 1906 ungedeckten und den Bundesstaaten bis zum Jahre 1909 gestundeten Matrikularbeiträge zu 57 MillionenMark dadurch eine ganz erhebliche Verringerung erfahren werden. Die Frage einer Revision der Fahrkarten st euer, deren Vaterschaft er mit Recht von sich abweist (die ver­bündeten Regierungen hatten nur einen unbe­deutenden Fixstempel auf Fahrkarten vorgeschla- gen), läßt der Staatssekretär noch offen, bis wei­tere Erfahrungen, speziell über die. „Abwander­ung" in die niedrigeren Klassen, besonders aus der diesjährigen Reisezeit, vorliegen. Ebenso offen bleiben die Fragen etwaiger neuer Stellen­pläne.

* Ein Wechsel im Militärkabinett des Kaisers dürste wie die ,Mil.-Pol. Korrespon­denz' erfährt, noch in diesem Jahre erfolgen. . General Graf v. Hülsen-Haefeler hat die Chefstelle des Militärkabinetts jetzt sieben Jahre inne und wird, seinem eigenen Wunsche ent­sprechend, demnächst das Kommando eines Armee­korps erhalten. Bis zum Beginn der nächsten militärischen Ausbildungsperiode, also spätestens bis zum März 1908, werden voraussichtlich das VII., X., XIV. und XV. Korps frei werden. Man nimmt an, daß das hannöversche (X.) Armee­korps in v. Hülsen den Nachfolger seines gesund­heitlich nicht mehr ganz intakten Führers, deS Generals der Kavallerie v. Stünzner, zu er­warten hak. Als wahrscheinlicher neuer Chef des Militärkabinetts soll nicht der verschiedent­lich genannte Kommandeur der 36. Dioiü-m, Generalleutnant v. Mackensen, in Aussicht ge­nommen sein, sondern der Kommandeur Vx

bon weilte unb welche Gefahren sie dort bebt .> ten, — welche namenlose Gefahren!

Vierzehntes Kapitel.

Laby Trevor war burch ben Brief Pulforb'S in bie größte Aufregung unb Angst versetzt wor­ben. Hatte sie schon Furcht empfunben, als sie erfahren, baß Alice in Schönau von Lord Glen­ham entbeckt worben war, so steigerte sich diese Furcht aufs höchste, nun sie wußte, baß Alice nach Englanb gekommen sei.

Die ganze folgende Nacht fand sie keinen Schlaf; verfiel sie einmal in einen leichten Halb- schlummer,so schreckte sie bei dem leisesten Ge­räusch ober von schrecklichen Traumgebilden ge­ängstigt immer wieder empor, unb größer unb größer würbe ihre Unruhe. Mehrmals faßte sie ben Entschluß, Castle-Clisf und ihre Gäste zu verlassen unb nach London zu eilen. Sie hatte fast bas Gefühl, als könnte Alice Romberg eine Ahnung von ihrer Herkunft haben.

„Allein, wenn bas Schickfal oder der Zufall sie in Lorb Leonarb's Weg führt, was kann bann geschehen?" fragte sie sich. „Jede Sekunde kann mir ben Untergang bringen! Meine einzige Hoffnung ist Pulford! Doch wenn feine Be­mühungen fehlschlagen, — was bann? Wäre ich nur in London! Was führte bas Mädchen nur dorthin? Die Liebe zu Lord Glenham ober eine Ahnung von ihrer Herkunft? Ich will jedenfalls Mr. Craston ausforschen, wie Pulford mir es anriet I"

Die Gelegenheit dazu bot sich ihr jedoch erst am dritten Tage nach Empfang des Briefes.

An diesem Tage war Lady Trevor mit ihren Gästen nach Glenham-Lodge zum Diner einge­laden und es war nach aufgehobener Tafel, als — die Teilnehmer hatten sich in die verschiedenen Salons zerstreut — Craston zu seiner Verwunde­rung Lady Trevor auf sich zukommen sah unb sich von ihr anaeredet hörte.