34. Jahrflang.
Fulda, Donnerstag den 18. Juli 1907
M 162
27.
13.
8etatton$br«6 «. Verlag der Snlbatr 8t« tienbr ickerei in Snlbo. Zernsprecher Ur. 9.
Mit 3 e iqtn Vie ei» spaltige Petitzeile oder deren Kaum (5 Psg. Reklamen sie petitzeile 25 Pfg.; bei witber- holungen wirb entspr. Rabat t gewährt.
13. der
Leitung des Kreiskriegerverbandes dadurch das Vertrauen der Mitglieder verwirkt hat.
Dem neuen Saar-Militärherbande gehöre» 25 33eteine mit 2330 Mitgliedern an. — In Schwerte sind 150 westfälische Kriegervereine, welche die die Freiheit der Vereine beschräm kenden Kieler Beschlüsse nicht annehmen, aus dem Landeskrieaerverband ausgeschieden. 130 dieser Vereine mit 11 000 Mitgliedern gründeten mit dem Sitz in Schwerte einen außerhalb der Landesorganisation stehenden Verband unter der Bezeichnung „Vereinigung deutscher militärischer Vereine"
* Der politische Aerztcstreik in Wiesbaden. Zu der Affäre des Dr. Schellenberg in Wiesbaden, dem die dortige Polizeidirektion den Aerztedienst bei der Post entzogen hat, weil er sozialdemokratisch gewählt hatte, veröffentlicht die „Nordd. Allg. Ztg." die Zuschrift eines „konservativen Arztes", in der folgende Sätze Vorkommen:
Nun meine ich, hat die Regierung tit ihren Ressorts das unbedingte, durch nichts zu schmälernde Hau s r ech t, und nebenbei hat sie die unerläßliche Pflicht, ihre Ressorts stubenrein zu halten von sozialdemokratischen Enflüssen, mögen diese nun durch einen so gesinnten Arzt dro- i hen oder durch eine andere Persönlichkeit. Die sozialdemokratischen Kassen würden sich schönstens bedanken, wollten die rechtsstehenden Aerzte mit dem Verlangen kommen, wir wollen in eure Kasse hinein, oder wir Hetzen gegen euch, wo und tote wir nur können, aber euer Geld nehmen wir, euer Brot zu essen, hat mit der Politik nichts zu schaffen. Sein behördliches Märtyrertum wird Herrn Dr. Sch. ja jedenfalls die Arme der Partei mit ihren Kassen und guten oder schlechten Einnahmen öffnen, und er selbst müßte froh sein, die politische Maske, die er der Behörde gegenüber tragen mußte, fallen zu lassen. Das gleiche Vorgehen müssen wir r e- I gierungstreuen Aerzte uns ja auch von den sozialdemokratischen Kassenvorständen gefal-
d) Wohnungskommission: Rechtsrat Bernh. Brand, Weingartevstr.
o) B a u- und Ausschmückungs- k o m m i s s i o n:
Domkapitular Kl. H e ß d ö r f e r.
f) O r d n u n g s k o m m i s s i o n: Negierungsrat Phil. Keßler.
g) F est k o m m is s i o n: Prakt. Arzt Dr. Joh. Lill, Domerschulstr.
h) Fe st zugkom Mission: Großkaufmann Frz. Schmitt, Haugerring Das Programm werden wir in einer nächsten Nummern veröffentlichen.
(Mitling zur 54. Sentrnlotrjammtaig btt KHMti MWnnds in Würzburg
Deutsche Katholiken!
Für die 54. General-Versammlung der Katholiken Deutschlands in der Zeit vom 2 5. bis 29. August ist als Ort der Tagung Würzburg ausersehen.
Glanzvoll, einem mächtigen anschwellenden Strom gleich, haben sich die Generalversammlungen der letztvergangenen Jahre in Straßburg und Essen gestaltet; die altberühmte Hauptstadt unserer Reichslande und die gewalige Zentrale deutschen Jndustrielebens in den Rhernlanden hatten ihre ganze Kraft aufgeboten, um bet erstmaliger Abhaltung der Versammlung tn. ihren Mauern alle früheren zu überflügeln. Em ge- wisses Bangen mußte sich deshalb in unserer Stadt Würzburg unwillkürlich der vorberaten- den Kreise bemächtigen, ob man es mit unseren viel bescheideneren Kräfte werde wagen dürfen, die unmittelbare Nachfolge zu übernehmen. Allem der vielfach ausgesprochene Wunsch, nach einer Versammlung, die weniger kolossal in der äußeren Gestaltung, umsomehr der ruhigen Weiterarbeit an ihren inneren Aufgaben gewidmet sem sollte, verlieh den Mut, das ehrenvolle Ansinnen gerne anzunehmen. Und ein Blick zurück m dte Geschäfte der Generalversammlungen konnte nur dazu angetan fein, uns darin zu bestärken, denn unsere alte fränkische Bischofsstadt darf den Anspruch eines wohlverdienten Veteranentums ans diesem Gebiet erheben. Die bevorstehende Tagung ist bereits die vierte in Würzburgs Mauern, und ebenso darf nie vergessen werden, von welcher epochemachenden Bedeutung für den Aufschwung der katholischen Sache in Deutschland jene denkwürdige Konferenz der deutschen Bischöfe in Würzburg im Jahre 1848 war.
Von solchen Gefühlen und Erinnerungen bestärkt und gehoben, war das für die Erarbeiten gebildete Lokalkomitee seit dem November des vorigen Jahres nach Kräften bemüht, auch diesmal wieder der Generalversammlung einen würdigen und segensreichen Verlauf zu sichern, und wir dürfen den Augusttagen um so vertrauensvoller entgegensehen, da die vorberettenden Arbeiten in enger Fühlung und im Einverständnis mit dem ständigen Zentralkomitee sich vollzogen haben. _
In unaufhaltsam fortschreitender Bewegung, vielfach mit wahrer Sturntsgewalt vollzieht stch die Entwickelung des modernen Lebens nach allen Richtungen hin. Aber bei aller Größe dieser Erscheinungen und Errungenschaften wird die sinnende Menschenseele unwillkürlich nur umsomehr von Sehnsucht nach dem Bleibenden und Ewigen erfüllt, und wie nun eben gegenüber der wechselnden Flucht der irdischen Erscheinungen auch diesem Gedanken vom Standpunkt unserer christlich-katholischen Welt- und Lebensanschauung aus zu seinem unveräußerlichen Rechte zu verhelfen sei, um die geheimnisvollen Fäden, die Zeit und Ewigkeit mit einander verbinden, nicht zerreißen zu lassen, das bildet, wie in erster Lime die Aufgabe unserer kirchlichen Heilsordnung, so auch in innigem Zusammenhang damit den unerschöpflich reichen und vielseitigen Gegenstand des Gedankenaustausches auf unseren General- Versammlungen. ' .
Aus solchen Gründen glaubt das unterfertigte Lolalkomitee auf freudigen Widerhall in weiten Kreisen des katholischen Deutschland hoffen zu dürfen, indem es seine Einladung zur diesjährigen Generalversammlung in Würzburg hiemit ergehen läßt. Die Generalversammlung der Ka-
tholiken Deutschlands ist für unsere Stadt kein neuer, ungewohnter Besuch; als einen alten lieben Gast sehen wir freudig und erwartungsvoll ihr entgegen und nehmen sie mit offenen Armen auf. Auch dürfen wir uns wohl dem frohen Glauben hingeben, daß die großen geschichtlichen
Erinnerungen und die Reize einer anmutvollen Natur, wie sie sich in unserer altehrwürdigen tiirtnereidjen Stadt, der Stadt des hl. Kilian, so schön vereinigt finden, neben den großen und ernsten Zielen der Generalversammlung selbst noch einen weiteren Anziehungspunkt bilden werden, und daß insbesondere mancher, der unvergeßliche Jahre der Studienzeit dahier verlebt hat, gerne diese Erinnerungen an Ort und Stelle auffrischen wird. Darum unser Gruß und Wunsch, den wir an die Kaholiken Deutschlands richten: „Auf frohes Zusammentreffen und segensreiche gemeinsame Arbeit hier in Würzburgl"
Würzburg, 15. Juli 1907.
Das Lokalkomitee zur Vorbereitung der 54. Gene- ral-Versammlung der Katholiken Deutschlands:
V o r st a n d.
1. Präsidium:
Justizrat Dr. Thaler.
Universitätsprofessor Dr. Henner.
2. Schriftführer:
Buchhändler Valentin Bauch, Eichhornstr. 3. Stadtschullehr. I. Val. Schubert, Scheffelstr. 8. RechtsaMvalt Dr. Th en I, Eichhornstr. 8.
3. Schatzmeister:
Bankier Mar Geist, Ludwigstr. 15.
4. Vertreter der Geistlichkeit:
Domdekan Dr. Kihn, päpstl. Hausprälat. Stadtpfarrer Dr. Ackermann.
„ Dr. Fischer, päpstl. Geheimkämm.
„ Geist!. Rat Heßdörfer.
„ Geistl. Rat Emil Kempf.
5. Vorsitzende der Kommissionen-
a) Rednerkommission: Dompropst Dr. Diem.
b) Preßkommission:
Redakteur Abg. G e r st e n b e r g e r, Marktpl.9. c) Finan z- und A n m e I d e k o m m i s s i o n: Kaufmann Lothar Seuffert, Petersplatz 4.
Lschrlnt täglich wtt Husn hme ber Sonn« und Feiertage, viertel» Mrt.Vezngrprei« ohne vringerlihn unb vestellgeld in Hulda und auswärts 1 int. 50 Pfg-
Mein Arbeitsgebiet ist nahezu unbegrenzt. Und I dennoch glaube ich es zu übersehen. Allerdings I dauert mein Tag in der Regel bis nach Mitt«- nacht. Und ich habe schon in meiner fügend so gearbeitet. Freilich würde meine Kraft nicht so unverwüstlich sein, wenn ich mir nicht alles Schädliche fernhielte: ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich gehe nicht zu Hofe und bin bei keinem Diner. Meine Ferien dienen der Erholung durch regelmäßige Studienreisen nach England, Schott- !and und Tirol.
* Die Landratskarriere soll Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen einzuschlagen beabsichtigen. Wie nämlich Berliner Blätter melden, soll er sich die Verwaltungslaufbahn als Beruf gewählt haben. Bekanntlich ist er schon eit längerer Zeit der ostpreußischen Regierung «geteilt, und seiner Bitte, nach beendeter Vor- stldung ein Landratsamt übernehmen zu dürfen, oll der Kaiser entsprochen haben. Prinz Fried- rich Wilhelm ist der jüngste Sohn des verstorbenen Prinzen Albrecht und ist jetzt 27 Jahre alt.
* Neber das Verfahren gegen Herrn v. Liebert, das als Folge des Peters-Prozesses erwartet wird, macht der.Berliner Lokalanzeiger' einige Andeutungen. Danach würde es sich lediglich auf v. Liebert beschränken, da in den Aeußerungen des Dr. Arendt Ausdrücke,welche als verletzend aufzufassen wären, nicht gefunden worden wären. Dr. Arendt habe auch in diesem Sinne gehaltene Erklärungen abgegeben, und die Angelegenheit sei, soweit ^r davon betroffen war, somit als erledigt zu betrachten. Das gegen 5errn v. Liebert eingeleitete Verfahren sei noch in der Schwebe. Merkwürdig an der ganzen Sache ist nur, daß bis jetzt noch niemand zu melden wußte, welcher Art dieses Verfahren eigentlich sein könnte. Uns will es beinahe scheinen, als ob alles wieder im Sande verlaufen würde. Warum sollte, wenn durch ent- prechende Erklärungen von einem Verfahren gegen Dr. Arendt abgesehen wurde, dies nicht auch v. Liebert gegenüber möglich sein?
Monate lang, bis diese starb, noch in ihrer letzten Stunde den Segen des Himmels erflehend über ihre Pflegerin und dieser die Sorge für ihr Kind,! welches sie nach England zu Lord Leonards brin< gen sollte, ans Herz legend. Als die iunge Wttwe ihren Tod nahen fühlte, ließ sie em Testament aufsetzen, in welchem sie ihrer Tochter Adelin« ihr gesamtes Vermögen vermachte; sollte Adelin«, aber vor ihrer Mündigkeit oder unverheiratet sterben, so sollte das ganze Vermögen an chr< Stieftochter, Lady Edith, fallen. Lady Trevor machte sich bald nach dem Tode ihrer Stiefmutter, auf, um mit ihrer kleinen Schwester nach @n@«j land zurückzureisen. Sie brachte jedoch einig« Wochen in der Schweiz, einige andere rn Deutsch« land und ein paar Monate in Frankreich zu, angeblich zur Erholung, da ihre Gesundheit wäh« rend der anstrengenden Pflege ihrer ©ttefntuttet sehr gelitten habe. Nach langem Harren schickt«' der Marquis, den sein Gichtleiden noch immer, ans Bett fesselte, einen Bevollmächtigten aus, der. das Kind der Lady Trevor abnehmen mid zu M bringen sollte. Der Mann fand den Baron und dessen Gattin, nebst Mr. Pulford, deS Baron«, Freund, in einem Pariser Hotel, teilnehmend an den Freuden der französischen Hauptstadt, da» Kind selbst aber sterbend. Der Abgesandte konntt also nur die irdischen Ueberreste mit nach Eng< land zurücknehmen. Der Marquis war außer nch vor Schmerz und Zorn und nannte Lady Trevor die Mörderin des von ihm geradezu abgöttisch! geliebten Kindes. Aber an der Tatsache ändert« das nichts. Der Baron und seine Gattin traten nun die Erbschaft an, welche ihnen durch de« Tod des Kindes zufiel. Sie führten ein ve» schwenderisches Leben und nahmen einen hervorragenden Platz in der Gesellschaft ein, bis nach einer Reihe von Jahren der Baron starb, ^n all diesen Jahren hatte der Marquis Lady Edich > nicht gesehen und erst nach dem Tode ihres Gat« | fen erlaubte er während seiner Abwesenheit^
Zuldaer WZeitung
monatstolage: „Wbaer GeschichtrbMrr"
leit lassen.
Die Nordd. Allg. Ztg." bemerkt dazu allerdings, der Fall sei noch nicht völlig aufgeklärt fügt aber selbst hinzu: .
Ein Arzt kann, wenn er ein Partetfanattkex ist, seine Patienten, deren Familie, besonders kleinere Leute in kleineren Verhältnissen, erheblich, auch politisch beeinflussen. Das liegt im Wesen des Vertrauensmannes, der ein guter Azrt für den Patienten ist, begründet. Vorgekommen ist dies häufig genug. Wir halten dies aller- dings für einen Mißbrauch des Vertrau-. e n s Auch die Sozialdemokraten scheinen von dieser Beeinflussungsmöglichkeit überzeugt zu sein; die Krankenkassen stellen mit Vorliebe so- zialdeniokratische Aerzte ein. Keine Behörde aber kann es sich gefallen lassen, wenn von Leuten, die in ihrem Dienste oder in einer Vertrattrns- ftellung zu ihr stehen, des Vertrauen zu regierungsfeindlichen Bestrebungen mißbraucht wird. Schon der Möglichkeit dazu wird sie vorzubeugen fuchen.
Irgendwelche! Tatsachen, day Dr. Sch. fid» eines solchen Vertrauensmißbrauchs schuldig ge- macht habe, werden nicht angegeben. Er hat lediglich in der Stichwahl für den Soztaldemo- traten gestimmt, weil er den Blockkandidaten nicht wählen konnte. Nach einer von ihm veröffentlichten Erklärung gehört Dr. Schellenberg der freisinnigen Vereinigung an.
* Ein katholischer Pfarrer grundlos verdächtigt. Vor etwa 4 Wochen ging eine Sensationsnachricht durch einige lothringische Blätter, die als ein willkommener Bissen von der ganze« katholikenfeindlichen Preffe Deutschland- sofort ausgenommen und mit Behagen wiedergegeben wurde. Der katholische Pfarrer voll Spittel war auf eine an die Polizei gelang«,
* Zersplitterung tut Kriegervereinswesen infolge der politischen Agitation. Der Vorstand des Kreiskriegerverbandes Saarbrücken hat vor der letzten Reichstagswahl tn st a- utenwidriger Weise Wahlagitation! getrieben. Das veranlaßte eine ganze Anzahl von Kriegervereinen, aus dem Verbände a u s- z u t r e t e n. Obwohl nun sogar der L a n d r a t des Kreises Saarbrücken in einem Rundschreiben an die Vorstände der Kriegervereine zugestan- den hatte, daß vor der Wahl Fehler gemacht worden seien, wurde auf dem Kreiskriegerverbandsfest in Brebach erklärt: Wir haben keine Parteipolitik getrieben, e§ reut uns nicht, daß wir so vorgegangen sind, nächstens werden tntr es wieder so machen. Infolgedessen haben diejenigen Kriegervereine des Saarreviers, welche sich den Mißbrauch der Kriegervereine zu parteipolitischen Zwecken nicht gefallen lassen wollen, am Sonntag eine energische Anwort gegeben, I indem sie in einer Versammlung in Dudwei - ler einen neuen Saar-Militärverband gründeten und folgende Resolutionen einstimmig annahmen:
Die in Dudweiler anwesenden Vorstände von 25 Kriegervereinen des Saarreviers halten I gegenüber der auf dem Kreiskriegerverbandstag in Brebach gefaßten Resolution mit Entschiedenheit an ihrer Auffassung fest, daß die vom Vorstand des Kreiskriegerverbandes betriebene Wahlagitation dem Sinne der Verbandssatzungen zuwiderlief, daß der Vorstand tatsächlich int Sinne einer bestimmten politischen Partei Politik getrieben hat, und daß die \
gensatz zu der ersten. Von edler Familie, die Besitzerin eines großen Vermögens, bereinigten sich in ihr bei äußerer Anmut alle weiblichen Tugenden und schönen Eigenschaften. Dieser Ehe, die sehr glücklich aussiel, entsproß nach mehreren Jahren eine Tochter, welche der Abgott des Marquis wurde. Niemals hatte er seinen eigenen Sohn so geliebt, wie dieses reizende Kind, welches, als es größer wurde, auf seine Knie kletterte usid in feinem Barte zauste und welches sich am wohlsten in seinen Armen fühlte. Die junge Stiefmutter war bestrebt, sich die Liebe der klei- nen Edith zu gewinnen; sie erkannte aber bald, daß dies eine Unmöglichkeit war. Das Mädchen besaß alle die bösen Eigenschaften ihrer Mutter.! Selbst ihres Vaters Herz konnte sich nicht für sie erwärmen. Eines Tages — sie war achtzehn Jahre alt — war sie verschwunden und die Nachforschungen ergaben, daß sie mit einem übclbe- leumundeten Menschen, dem Baron Albert Trevor, entflohen war. Sowohl ihr Vater wie ihr Großvater erklärten, sie nie Wiedersehen und ihr nie verzeihen zu wollen. Um diese Zeit wurde Lord Harry Raven dale's junge Frau von einem besorgniserregenden Leiden befallen und ihr Gatte reifte deshalb mit ihr und dem Kinde nach Italien, in der Hoffnung, daß das südliche Klima seinem geliebten Weibe Wohltun würde.. Sie war aber kaum einen Monat in Italien, als Lord Harry am Fieber erkrankte und starb. Sein Leichnam wurde nach England gebracht und in der Familiengruft der Ravendales beigesetzt. Lord Leonards, durch einen Gichtfall an fein Lager und Zimmer gefesselt, konnte nicht zu,der jungen Witwe eilen, deren Krankheit sich infolge des Kummers über den Verlust ihres Gatten noch bedeutend verschlimmert hatte. In ihrer hilflosen Lage und ihrer Trostlosigkeit schrieb sie an Lad" Trevor und bat sie, zu ihr zu kommen. Diese folgte sofort dem Rufe, begleitet von ihrem Gab- | ten. Lady Edith pflegte ihre Stiefmutter mehrere
verantwortlicher _
Ä'i> si Wochenbeilage: „Illustrierte Zonntagrzettung"
Deutscher Reich.
Berlin, 17. Juli 1907.
* Einen Beitrag zur Charakteristik des Grafen Posadowsky liefert Wilhelm Schwaner in der neuesten Nummer seines Volkserziehers. Er teilt dort, wie wir dem Leipziger Tageblatte' entnehmen, einige Stellen aus einem Briefe mit, den ihm Graf Posadowsky um Weihnachten 1905 übersandte. In diesem Briefe hat der frühere Staatssekretär u. a. geschrieben:
„Hm!" sagte der Marquis, sie aufmerksam prüfend betrachtend. „Bestürme mich nicht mi Gefühlsausbrüchen, Edith! Du weißt, daß ü Dich nie geliebt habe!"
Diese offenherzige Erklärung war nur zu wahr. Werfen wir einen Blick zurück in die Vergangenheit, um die Erläuterung dafür zu finden.
Der Marquis hatte sich jung verheiratet. Er hatte nur ein Kind, einen hübschen, munteren Knaben, der sein Stolz und seine Hoffnung war, der ihm in späteren Jahren aber manche Sorge bereitete durch fein heftiges Temperament. In seiner Lebhaftigkeit und seinem Uebermut beruhte der junge Mann, Lord Harry Ravendale, manchen schlimmen Streich, aber seine größte Torheit beging er durch seine heimliche Heirat mit einer mehrere Jahre älteren, schlau berechnenden Abenteurerin, als er kaum zwanzig Jahre alt war. Dieses Streiches wegen hatte sein Va- ter ihn verstoßen und wollte ihn niemals Wiedersehen, ihm niemals bergeben. Die Abenteurerin hatte das Leben ihres Gatten zu einer Last für ihn gemacht und ihn schließlich in einen solchen Zustand der Verzweiflung gebracht, daß er ernstlich an einen Selbstmord dachte. Da — gerade ein Jahr nach seiner Heirat — starb fein ihm unebenbürtiges Weib bei der Geburt einer Tochter, der Lady Edith, und der reuige junge Mann kehrte zu seinem Vater zurück wie der berlorene Sohn. Er wurde mit offenen Armen empfangen und es wurde ihm bollständig bergeben. Lord Hary Ravendale wurde nun ein Mann, wie fein Vater sich ihn nicht besser wünschen konnte, und Jahre ruhiger Glückseligkeit folgten. Die kleine Edith wurde in ihres Großvaters Hause erzogen, aber sie hatte die Züge ihrer Mutter, der sie auch in ihren geistigen Anlagen sehr ähnelte, und darum konnte sie sich die Liebe ihres Großvaters nie erwerben. Edith war zehn Jahre alt, als ihr Vater wieder heiratete. Seine zweite Gattin war in jeder Beziehung der vollendetste Ge-
Roman von Ed. Wagner.
/7] (Nachdruck verboten.)
„Ich gehe!" versetzte er zischend. „Aber Morien werde ich wieder zu Ihnen kommen, um mir die Antwort zu holen auf meine Frage von heute. «Noch einmal: Weisen Sie mich zurück, so bringe ich Sie ins Zuchthaus! Auf morgen denn! Ilm (diese Stunde bin ich wieder hier, EdithI"
Und mit boshaftem Lächeln schlüpfte er durch eine Seitentür aus dem Zimmer, während in demselben Augenblick die Haupttür geöffnet (wurde und mit langsamen Schritten Lord Leonards in den Salon trat.
Lady Trevor hatte ihren Großvater in fünfzehn Jahren — seitdem sie ohne seinen Willen Sir Albert Trevor geheiratet — nicht gesehen, /und da er fünfundsiebzig Jahre alt war, erwartete sie an ihm Gebrechen des Alters wahrznneh- ftnen; zu ihrer größte): Verwunderung abe1 (konnte sie nichts dergleichen entdecken.
i Er ging noch ebenso hoch und stolz aufgerich- iet, wie vor Jahren, und erschien noch ebenso Träftig wie damals, als sie ihn zum letztenmale gah. Seine Haltung war würdevoll und gebiete« tisch, und jede seiner Bewegungen zeugten von Energie. Sein Haar war schneeweiß wie der S^rke lange Schnurrbart, aber in feinen Augen noch ein fast jugendliches Feuer, welches, in Verbindung mit dem lebendigen Gesichtsausdruck, auf einen frischen, tätigen Geist schließen lieft. - Lady Trevor konnte ihre Verwunderung selbst »Unter der Maske der Freude nicht verbergen.
„Lieber Großvater," stammelte sie, ihre zit- lernben Hände nach ihm ausstreckend, „welch ein '.unerwarteter Zufall! Ich bin erfreut, — nein, snock mehr als erfreut, Sie zu sehen!"