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Rotationrdruck u. Verlag berZulba«Av tienbriderei in Hulda Hernsprecher Ur. 9.
Fulda, Montag den 15. Juli 1907.
M 159.
34. JahrgMg.
[] Der „Vorstoß" gegen -en Index.
Vor einigen Tagen brachte die vatikanischen Kreisen nahestchende „Korrespondenza Romana die Nachricht, daß in Deutschland sich em K o- m i t e e von Laien gebildet habe, das dem Papst eine Bittschrift zu überreichen gedenke zwecks Beseitigung bezw. Abänderung des Index librorum prohibitorum. Der Index ist bekanntlich das im Auftrage der höchsten kirchlichenAutorität angefertigte und veröffentlichte Verzeichnis von Büchern und Zeitschriften, welche dem Glauben oder den guten Sitten gefährlich sind und deren Halten und Lesen den Gläubigen darum verboten ist. Das römische Blatt machte aus der ganzen Sache eine Haupt- und Staatsaktion und die liberale deutsche Presse tat das Ihrige, durch Sensation das Ganze ungeheuerlich auf- z n bauschen und sie redete bereits von einer „Auflehnung" der gebildeten deutschen Katholiken gegen Rom. Nichts weniger als das. Inzwischen hat nämlich das oben erwähnte römische Blatt den Wortlaut der Bittschrift be- kannt gegeben, außerdem die Organisations- Klagen dieses Laienbundes. Das Komitee hat feinen Sitz in Münster in Westfalen. Die Bittschrift an den Papst ist entworfen von Herrn Assessor Dr. ten Hompel in Münster. Dem Komitee, das sich anfangs Januar 1907 bildete, gehören außerdem an: Landtagsabgeordneter Schmedding-Münster, Professor Dr. Plaß- mann, Justizrat Hellräth-Münster u. a.. Nach Mitteilung des römischen Blattes sollte Freiherr v. yertling die Bittschrift an den Papst begut- achet haben. Schon diese Namen bürgen dafür, daß von einer Auflehnung gegen den Heiligen Stuhl und dergleichen durchaus keine Rede sein kann. Vielmehr erstrebten die Mitglieder des Bundes nur eine zeitgemäße Abänderung einzelner, Bestimmungen des Inder. Daß ihnen die von einem Teil der mit deutschen Verhältnissen unbekannten italienischen Presse ihnen unterschobene Absichten völlig fern lagen, zeigt der Wortlaut der Adresse an den Papst, die im ehre r- b i e t i g st e n Tone gehalten ist. So heißt es in diesem Schreiben u. a.
„Unsere Bitte betrifft den Index librorum prohibitorum. Sie betrifft die In- Vorfrage, welche seit Aufhebung aller gewohnheitsrechtlichen Erleichterungen durch die letzte Neuregelung der decreta generalia als eine Sache von tiefem Ernste für jeden gewissenhaften Katholiken neuerweckt ist. Und das ist bei allen wahrhaft religiösen Naturen um so mehr der Fall, je treuer die Anhänglichkeit und Liebe zur Heiligen Kirche und je weniger das Streben nach ungesunder Reform in so wichtigen Fragen für sie mitspricht. In diesem Sinne lehnen die Unterzeichneten grundsätzlich und von vornherein jede auch noch so entfernte Gemeinschaft mit dem nenerungssüchtigen Reform- kathcllizismus, wie auch mit dem sog. liberalen Katholizismus, dem Neuchristentum und allen verwandten Erscheinungsformen hierdurch nachdrücklich st ab. Nur Treue und Liebe zur Heiligen Kirche treiben uns, gebieten unserm Gewissen, zur Stunde das rechte Wort im Dienste und nur im Dienste der kirchlichen Autorität zu suchen und in aller Ehrfurcht freimütig, vertrauensvoll zu sprechen."
Die Adresse schließt mit den Worten:
„In diesem Sinne sind und bleiben wir, Heiligster Vater, w i e a u ch immer Seine Entscheidung ausfallen möge. Deine und der Heiligen Kirche treugehorsame Söhne." Der Inhalt der Bittschrift zeigt, daß die Entrüstung eines Teiles der katholischen Presse Italiens sowie das Jubilieren der liberalen deutschen Zeitungen höchst überflüssig war. Die Angelegenheit hat die deutsche Presse aller Rich
tungen ausgiebig beschäftigt; manche Blätter faseln schon von einem „Kulturbund deutscher Katholiken", der eine Art von „Freimaure- r e i" innerhalb der katholischen Kirche darstelle.
Man kann der „Germania" durchaus zustimmen, wenn sie feststellt, daß unter den Katholiken Deutschlands diese ganze Angelegenheit weder Ueberraschung, noch Beunruhigung hervorgerufen habe, und daß am allerwenigsten dabei auch nur die Möglichkeit eines „Vorabends einer neuen Reformation" erinnern könnte. Wenn diesem Gedanken überhaupt Vorschub geleistet werden konnte, so sei es nur durch die „Enthüllungen" der „Correspondenza Roman a", nicht aher durch das harmlose, glaubenstreue Vorgehen deutscher Katholiken geschehen. Wenn die „Correspondenza Romana" von einer katholischen geheimen Liga spricht, so möchte man in Deutschland bei- nahe darüber lachen, wenn die Sache schließlich nicht die ernste Seite hätte, daß sie a l l e n F e i n- den der katholischen Kirche und vor allem der liberalen Presse einen neuen willkommenen Stoff zu Angriffen gegen die ka- tholischeKirche böte, namentlich auch zu Angriffen gegen die Jesuiten, denen man — ungerechterweise, wie wir überzeugt sind — den Vertrauensbruch und die Denunziation zutraut. Ein vernünftiger katholischer Mann und ein treuer Anhänger der katholischen Kirche hätte, sagt das Berliner Blatt, ja niemals feine Hand dazu her- gegeben, seine Initiative oder seine Beihilfe einer Unternehmung zu leihen, die dem Heiligen Stuhl und der katholischen Kirche überhaupt nur zum Nachteile gereichen kann, wie schon die Auslassungen der liberalen Presse zeigen.
Im übrigen muß man dem „Westfälischen Merkur" recht geben, wenn er schreibt: „Wenn die Bittsteller, anstatt eine ganz überflüssige und gefährliche, an Geheimbündelei streifende Geheimniskrämerei in dieser Sache zu treiben, mit ihren hochwürdigsten Bischöfen, wie es von so hochgebildeten, der Kirche, wie sie emphatisch betonen, freit ergebenen und von geistlicher Seite bestens beratenen katholischen Laien mit Fug und Recht erwartet werden mußte, nur etwas nähere Fühlung genommen hätten, so würden sie ohne Miihe in Erfahrung gebracht haben, daß ihre ganze Aktion nach dieser Seite längst vollständig überflüssig geworden war. Sehr gut unterrichtet über die Bedürfnisse ihrer Sprengel, insbesondere auch in klarer Erkenntnis dessen, was für Deutschland in Handhabung des Index den sehr, verschiedenen, hier in Betracht kommenden Gläubigen Not tut und ersprießlich ist, hatten die hochwürdig st en Bischöfe Preußens sich schon vor Jahresfrist mit geeigneten Vorstellungen und der Bitte um entsprechende Vollmachten, wie sic der englische Episkopat besitzt, an den hl. Stuhl gewandt.. Die von den geheimnisvoll im Dunkeln wirkenden Bitt- stellern, tote es setzt an den Tag kommt, erstrebte Vollmacht, die sie als um das Seelenheil ihrer Mitbrüder sorgende Laien vom hl. Vater im „Lebensinteresse aller Diözesanen an der Ausstattung des Episkopates im Dienste der katholischen Sache" für die Bischöfe Deutschlands glaubten erbitten zu müssen, war denn auch auf Grund jener Bitte der Bischöfe vom hl. Sätet ihnen bereits unterni 27. November 1906 huldvoll gewährt worden."
Was also „her Laienbund erstrebte, ist bereits gewährt, ein Beweis dafür, daß ihr Verlangen durchaus harmlos und ungefährlich war. Die Haltung der katholischen deutschen Presse in dieser Frage ist eine einmütige. Sie sieht in der Bittschrift weder etwas Ueberrafchen- des noch etwas Beunruhigendes, erklärt aber das Vorgehen als ungeschickt. Die Zentralauskuuft- stelle der katholischen. Presse schreibt darüber:
„Die entschiedene Mißbilligung der deutschen katholischen Presse gegenüber der geplanten Jndex- Adreß-Liga hat in vatikanischen Kreisen den besten Eindruck hervorgerufen. Man ist im Vatikan freilich nicht so optimistisch, der Sache keine weitere Bedeutung beizulegen, findet eS aber nur begreiflich, wenn man sich in Deutsch, land bemüht, die ganze Angelegenheit als harmlos hinzustellen, zumal den Zeitungen nicht das Material selbst, sondern nur ein Auszug aus demselben zur Verfügung stand. Es dürfte demnach die ganze Angelegenheit keine weitere Fol- gen haben. Im Vatikan ist man der Ansicht, die beteiligten Persönlichkeiten werden jetzt von ihrem Vorhaben ganz abstehen."
Deutscher Reich.
Berlin, 13. Juli 1907.
Eine straffere Parteiorganisation des Zentrums wird in einem Leitartikel der,Ger- manictt befürwortet. Bisher sei es bei den Wahlen ja immer gut gegangen; aber die Taktik der Gegner habe sich geändert und ändere sich immer mehr. „Stürmische Angriffe von außen her, so heißt eS in dem Ärtikel, haben gar keinen Erfolg zu verzeichnen; die Anstürme werden auch in Zukunft glatt abgeschlagen werden. Dazu bedarf es schließlich keiner straffen Organisation, weil bet solchen Kriegen die Miliz genügt. Das Zentrum ist von außen her nich zn besiegen; das haben auch unsere Gegner bei den letzten Wahlen gelernt. Darum soll nun der Turm unterminiert werden; man stellt sich Spione im Zentrumsheer an, man sucht hier „Offiziere" in Zentrumsuniform, mindestens in katholischer Uniform, e i n z u - schmuggeln; und rechnet im Ernstfall auf die „Meuterei" derselben; sie sollen in den Wahlzeiten erhebliche Wählermaffen in die Irre führen oder gegeneinander aufmarschieren lasten. Solche Versuche haben schon 1887 eingesetzt; 1907 aber sanden sie in dem Auftreten der „Nationalkatholiken" ihre Krönung. Man gibt sich als bisheriger Zentrumsmann aus, der Gegner aber hat den Nutzen hiervon." Die Frage, ob gegenüber solchen Treibereien die bisherige Organisation überall Stand halte, wird verneint und dann betont, daß eine Miliz hier nicht mehr ausreiche, sondern nur ein ge- schultes Heer, das den Freund vom Feind zu unterscheiden vermag, das nicht Offizieren folgt, die in letzter Stunde sich durch Stand und Namen in diese Position zu werfen suchen. Als erstes und bestes Fundament müsse die Parteiorganisation in Zukunft die eingeschriebenen Parteimitglieder besitzen. Ohne eine feste Mitgliederliste sei nicht mehr auszukommen. Diese gebeauch die Grundlage zur Aufbringung der Geldmittel. Auch den Quertreibereien für Doppelkandidaturen werde damit der Boden entzogen. Auch in der Zentralinftanz seien die Zustände jetzt mangelhaft, da der größte Bundesstaat Preußen eine solche noch nicht besitze. Die jetzigen Zentralinstanzen für die einzelnen Pro- vinzen müßten hier in einen Zentralausschuß zusammengefaßt werden. — Diese Gedanken verdienen ernste Beachtung und Umsetzung in die Tat.
* Eine glänzende Anerkennung für die katholischen Missionare. Kurt Eisner, der frühere Chefredakteur des ,Vorwärts', gibt in der sozialdemokratischen .Fränkischen Tageszeitung"
persönliche Eindrücke vom Peters-Prozeß, dem er beigewohnt hat, wieder. Heber unsere „Afrikaner" fällt er dabei auf Grund seiner Beobachtung ein vernichtendes Urteil, dem wir, abgesehen von dem sozialdemokratischen Beiwerk, zustimmen können. An einer Stelle heißt es über diese „Afrikaner":
Karl Peters war der widerlichste der Afrikanertypen, die der Prozeß vor der Oeffentlichkeit entkleidete. Aber es war kaum einer von den Afrikanern, der überhaupt geistig und moralisch gesund schien. Der G r ö ß e n w a h n des Herrenmenschen, Renommisterei und Roheit war allen eigentümlich, tmd auch bei den anständigeren und zivilisierten Aftikanern trat zumindest eine kindliche Eitelkeit grotesk hervor. Jeder fühlt sich im Mittelpunkt der Welt und wähnt sich ein Führer der Menschheit.
Daneben halte man Eisners Urteil über den als Sachverständigen vernommenen Pater Acker! Eisner schreibt:
Der einzige Mensch unter den Aftikanern war schließlich der katholische Missionar. Gesund, herzlich, von einer ungewöhnlichen Kraft, die Menschen durch reingeistige Mittel zu beeinflussen, schilderte er in seinem durch den Gebrauch fremder Sprachen veränderten alemannischen Dialekt die afrikanischen Zustände mit dem Auge eines wirkliche» Menschen. Wie liebenswürdig klang es, inmitten diesem Taumel von Roheit, wenn der Missionar von den schwarzen Frauen, von denen die anderen nur redeten, als wären sie Tiere, genau so sprach, wie etwa von den lustigen Fräulein am Rhein oder im Schwarzwald: Mädchen nannte er sie, nicht Frauenzimmer, nicht Dirnen. Ist das nicht ein furchtbares Kennzeichen deutschen Verfalls, daß der Klerikalismus, der in den Kulturländern die tiefste Stufe bildet, bei uns gegenüber der bürgerlichen Sippe und der feudalen Horde noch die höhere Entwicklung darstellt?
Dieses Lob des katholischen Missionars ist um so bemerkenswerter, als es von sozialdemokratischer Seite kommt, wo bekanntlich das Verständnis für die katholische Missionstätigkeit nicht allzu groß ist!
* Staatssekretär Dernburg hat am Samstag vormittag Berlin verlaffen, um seine schon vor Monaten mit großem Tamtam angekündigte Reise nach Deutsch-Ostafrika anzutreten. In seiner Begleitung befinden sich der Chef des Komm andos der Schutztruppen, Oberstleutnant Quade, der Geh. Baurat Baltz er und Ritt meister Graf Henckel v. Donnersmarck. Zur Verabschiedung hatten sich, wie ,Wolffs Bureau' meldet, neben dem Unterstaatssekretär in der Reichskanzlei, Herrn v. Loebell, und den Familienangehörigen der Ausreisenden die Beamten des Reichs kolonial« amts und die Offiziere des Kommandos der Schutztruppen fast vollzählig eingefunden. Die Rückkehr Dernburgs wird voraussichtlich in der ersten Hälfte des November erfolgen. Seine Vertretung führt bis zu der Anfang Oktober in Aussicht stehenden Rückkehr des Unterstaatssekretärs v. Lindequist aus Südwest- aftika der Direktor im Reichskolonialamt Dr. Conze.
r. Zum Auftreten Lieberts im Peters-Prozesse wird jetzt den ,Berl. N. Nachr.' von unterrichteter Seite geschrieben: „Nachdem General v. Liebert sein Bedauern Über die Form der Krttik ausgesprochen hat, die er in München an den Disziplinar-Urteilen gegen Dr. Peters übte, wird in der Presse die Vermutung ausgesprochen, daß die Regierung nunmehr von weiteren Schritten gegen General v. Liebert Abstand nehmen werde. Diese Auffassung ist unzutreffend.
* Gegen den Regierungsrat Martin vom reichsstatistischen Amt wird nach einer Berliner Depesche des „Fränk. Kur." wegen einer von ihm
Ae Perie des SchnmzuMes.
Roman von Ed. Wagner.
'4) (Nachdruck verboten.)
„Meine Liebe," sagte er ernst, „Du scheinst mir heute abend weniger ein Kind zu fein als fönst und selbst noch heute morgen. Mein Herz tst bedrückt von schweren Lasten. Vielleicht ist es unrecht, wenn ich sie auf deine jungen Schultern lCfl av Grubst Du, daß Du sie tragen kannst?"
• enen des jungen Mädchens zeigten plotzuch ernen ungewöhnlichen Ernst, aber nicht minder auch Mut und Entschlossenheit, sodaß der alte Herr sah, Alrce fei in der Tat kein Kind mehr und er könne ohne Besorgnis ihr feine Geheimnisse anvertrauen.
So fuhr er fort: „Ich habe heute die Bemerkung gemacht, daß ich alt geworden bin. Viel- teunt lebe ich nicht lange mehr, und doch gibt es xnnge bie Du wissen mußt, bevor ich aus dem Leben scheide Ich will sie Dir jetzt mitteilen, bcnn tuet weiß, ob es morgen nicht schon zu spät Dazu ist."
_ "Onkel, sprich nicht so!" rief das Mädchen schmerzlich. ,,^ch kann Dich fo nicht sprechen hö- ren, —ich kann Dich nicht so ernst und traurig lebenl Du wirst noch viele Jahre leben!"
Pfarrer schüttelte sein greises Haupt, von'etwos" tolr dasl" sagte er. „Ich habe zu Dir anderem zu reden." Er sah eine Weile R9Hirp f9nrhbrarnieder und fuhr dann fort: ■'8enie Süni> mt®IenIx,m ^lt heute morgen um
’™öen Mädchens röteten sich
V tn seltsamem Feuer.
i „Und wa- hast Du ihm gsaat Onkel?" fronte sie nach kurzer Pause leise. fCQSte
„Ich bat ihn, ein Jahr zu warten", versetzte cher Pfarrer, „und er versprach mir denn auch.
dann wiederzukommen und Dich heiinholen zu wollen ins Schloß seiner Ahnen!"
„Er liebt mich!" jubelte es in des Mädchens Seele. „Und er wird wiederkommen!" fügte sie laut hinzu. „O, Onkel, ich bin das glücklichste Mädchen im ganzen Weltall!"
Der alte Pfarrer seufzte.
„Vielleicht kommt er auch niemals wieder, Alice," sagte er leise. „Zwar lieb er Dich jetzt, fein Verstand aber kann ihn nach ruhiger Heber« legitng bestimmen, sich eine ihm ebenbürtige Braut zu suchen —"
„Du sprichst mit Beziehung auf meine Armut, Onkel?" warf das junge Mädchen ein.
, „Nicht das allein, mein Liebling," sagte der Pfarrer; es wurde ihm unendlich schwer, ihr die Wahrheit zu sagen, und doch mußte cs geschehen. „Lord Glenham ist reich und hat wenig danach zu fragen, ob feine Braut ebenfalls Vermögen besitzt oder nicht; aber er ist stolz und könnte, wenn die erste Glut der Leidenschaft erloschen ist, sich Vorwürfe machen, ein Mädchen geheiratet zu haben, welches keine Familie —"
„O Onkel!" unterbrach Alice ihn vorwurfsvoll. „Du hast freilich keinen Rang gleich ihm, aber Deine Nichte ist selbst einem stolzen engli- chcn Grafen ebenbürtig!"
Der Pfarrer wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Ich fühle mich heute abend sonderbar chwach," sprach er. „Wer vermag zu sagen, was toffieren kann? Es ist Zeit, daß du alles er- ährst, Alice. Sage mir, hast' Du noch niemals darüber nachgedacht, wer, was ober wo Deine Eltern waren?"
Alice schüttelte verwundert den Kopf.
„Liebster Onkel," rief sie, „was sollen diese eltsamen Fragen? Sage mir kurz, was Du mir mitzuteilen hast, gleichviel, was es auch sei!"
Der alte Pfarrer kämpfte einen schweren Seelenkampf. Wie sollte er ihr, die so vertrauend und unschuldsvoll zu ihm aufblickte, das Furcht
bare mitteilen? Und doch mußte sie erfahren, daß sie elternlos und verlassen war. Wer wußte denn, wie lange er ihr noch blieb? Schon öffnete er die Lippen, um ihr alles zu sagen, aber plötz- lich sank er kraftlos in seinen Sessel zurück, während Alice, emporschnellend, sich mit einem unterdrückten Schrei über ihn beugte.
,„Onkel", rief das junge Mädchen erschreckt, „tot; geschieht Dir?"
Der alte Pfarrer öffnete langsam seine Augen und blickte traurig auf Alice.
„Armes Kind," sprach er, „ich fühle es, daß ich Dich bald verlassen muß!"
„O, Onkel!" rief Alice aus.
Es bedurfte geraumer Zeit, ehe der alte Mann ich wieder erholt hatte.
„Ich muß es Dir noch heute sagen," sprach er weich, „meine Zeit ist gemessen!"
Und er erzählte ihr mit kurzen Unterbrechungen die Geschichte, die er am Morgen Lord Glen- Ham vorgetragen hatte. Als er zu Ende war, küßte Alice seine Hand, die sie in der ihrigen hielt, und ihre Tränen perlten heiß auf biefelbe nieder.
»Du bist so gut gegen mich gewesen," sagte sie saust, „möge Gott es Dir vergelten! Weiß auch Lord Glenham dieses alles?"
„Ja, mein Kind", antwortete der alte Herr. „Ich sagte es ihm heute, bevor er von uns schied!"
„Und was antwortete er?"
„Selbstverständlich sagte er, daß das Geheimnis, welches über Deiner Geburt schwebte, ihn nicht kümmere. Liebe enffchuldigt ja alles! Aber Mr. Crafton sagte mir gestern, daß des Grasen Mutter sehnlichst wünsche, ihn eine glänzende Partie machen zu sehen. So glaube ich nicht, daß sie Deine Heirat mit ihrem Sohne billigen könnte!"
Alice seufzte und der Ausdruck des Schmerzes in ihren Augen erhöhte sich noch.
„Hast Du später nie etwas von dem Manne
gehört, der mich hierherbrachte, Onkel?" fragte sie nach einer Pause.
„Wir erhielten jedes Jahr die versprochene Summe in englischen Banknoten, aber niemals einen Brief — bis heute!" setzte er bezeichnend hinzu.
Alice's Blicke trafen wieder den Brief.
„Ist er von ihm?" fragte sie.
„Ja, — lies ihn!" sagte der alte Herr und das Mädchen kam feinem Wunsche nach.
Der Pfarrer schloß feine Augen und lehnte sich tief in den Lehnstuhl zurück. Er bemerkte nicht die jähe Veränderung in dem Gesicht des jungen Mädchens.
Der Bries entfanf endlich ihrer Hand, und ein Strom von Tränen brach aus ihren Augen hervor.
„Meine arme Alice!" rief der Pfarrer, sich erschreckt aufrichtend. „Sei ruhig, mein Kind! Ich würde Dir ja das Geheimnis Deiner Her- funft nicht enthüllt haben, wenn ich es nicht mußte. Es kann ja fein, daß Lord Glenham wie- derkommt. Vielleicht gelingt es ihm ja auch, seine Mutter Dir geneigt zu machen, sodaß sie ihre Arme Dir als ihrer Tochter öffnet! Den Brief nimm jedenfalls an Dich; wer weiß, er kann Dir eines Tages Dienste tun!"
Er ergriff die Banknoten, öffnete sein Schreib- mit und zog aus einem inneren Fach eine alte Brieftasche hervor.
„Hier find siebenhundert Pfund englischen Geldes," sagte er, indem er die beiden Noten in die Brieftasche zu den darin befindlichen Baiik- dillets legte. „Dies alles hat dein unbekannter Versorger im Laufe der Jahre geschickt. Dieses Geld gehört Dir, Alice. Nimm es, es ist Dein Eigentum! Niemand weiß, was uns bevorsteht, und Du kannst es vielleicht gebrauchen müssen, mein Kind. Wir haben das Geld für Dich auf« gespart!"
Er drückte ihr die Brieftasche und den Brief in bie Land, und sie schob beides in ihre Tasche,,