34. Jahrgang.
Fulda, Samstag den 6. Juli 1907
X 152.
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Ehren ein großes Fest gegeben. Vor einigen Ta- gen ist eine koreanische Gesandtschaft im Haag eingetroffen, um gegen die Vergewaltigung Ko- reas durch Japan zu protestieren. Der Präsident der Konferenz, Relidow, bedauerte indessen, die Delegierten nicht empfangen zu können, da sie kein Beglaubigungsschreiben der niederländischen Regierung besäßen. Die koreanischen Abgeord- neten haben in einem Hotel Wohnung genommen und allen Delegierten ein gleichlautendes Protestschreiben zugehen lassen, das ihnen aber wenig nützen dürfte._______________________
Jean stimmte bei und sie richteten sich für die Nacht in der Kapelle ein. Stundenlang sprachen sie leise zusammen, dann wurden sie schweigsam.
Etwas nach Mitternacht hörte Pierre in der Gegend des Kirchenstuhles ein Geräusch, aber eine unvorsichtige Bewegung seines Bruders vereitelte seine Hoffnung, Lord Stratford zu fangen. Er stieß einen Strom von Verwünschungen hervor, worüber sich Jean so ärgerte,, daß es beinahe zu einer Schlägerei gekommen wäre.
Mr. Strange war im Begriffe gewesen, sein Versteck zu verlassen, um sich etwas Bewegung in der frischen Luft zu machen; aber so gewarnt, zog er sich eiligst zurück trnd kam diese Nacht nich« Wieder zum Vorscheine. Sein Speisevorrat war nur gering, und mit Rücksicht auf diese Tatsache bemerkte er zu seiner großen Besorgnis, daß seine Anwesenheit im Schlosse entdeckt worden war und daß er sich in einem Belagerungszustände befand. Wie er seinen Vorrat an Lebensmitteln erneuern, wie er sein Entkoinmen bewerkstelligen oder sich die ihm so notwendige Bewegung verschaffen sollte das waren ihm unlösbare Rätsel.
Am Morgen wurde die Belagerung aufgehoben Jean kehrte in's Dorf zurück, Renard ging in's Schloß und verzehrte sein Frühstück. Kaum hatte er sein Mahl beendet, als ihm mitgetetlt wurde, daß zwei Herren aus London ihn zu sprechen wünschten. Es waren die Geheimpolizisten, die er herbeigerufen hatte. Sie hatten bereits eine halbe Stunde gewartet, da sie nicht wünschten, ihn beim Esten zu stören. Er eilte zu ihnen und als er kam, ging John Wilson, den Kamin- besen in der Hand, langsam von ihnen fort. Wil- son hatte sich während ihres Wartens mit ihnen niiterhalten und zwar mit solchem Erfolge, daß sie Pierre Renard, als er sich ihnen vorstellte, mit dem lebhaftesten Interesse betrachteten.
Der Kammerdiener teilte ihnen mit wichtiger Miene mit, daß Lord Stratford Heron, der Mor- der seines eigenen Bruders, des letzten Marquis von Montheron, am Leben sei und sich m einem
Erscheint täglich mit |«$n Hine der Sonn« hnb Feiertage, viertel» Mrl.vezuarpreir ohne Bringeti ibn und . BeMgelbinSuIbannb ä«$wärt$ 1 mi- eoPfi-
forschenden Blick hinein. Die große Ordnung und die luxuriöse Ausstattung machten einen eigenti'imlichen Eindruck auf ihn.
„Das Stubeiimädchen ist hier gewesen und hat aufgeräumt," dachte er. „Aber wie kommt es, daß sie Miß Strange nicht Vermißt und nicht Lärm geschlagen hat?"
In diesem Augenblick drailg Gesang aus Mrs. Jngestres Zimmer an sein Ohr. Er hatte die klare, liebliche Stimme schon oft gehört; es war die Alexas.
Sie war zu der alten Dame gegangen, welche sie leidend wie immer gefunden hatte. Mrs. Jngestre hatte sie gebeten, ihr ein Lied vorzusingen, und Alexa war diefer Aufforderung nachgekommen, ihrer eigenen Ermüdung und Schmerzen nicht achtend.
Renard horchte in einer -Art Erstarrung; er war wie an den Boden gewurzelt.
„Das muß eine Täuschung sein," murmelte er, al ser sich von seinem Schreck erholt hatte und der Gesang verstummte. „Mrs. Jngestre hat Besuch. Es ist nicht Alexas Stimme, denn das Mädchen ist tot!"
Er machte die Türe wieder zu, hielt aber noch den Drücker in der Hand und wartete, in der Voraussetzung, daß der Gesang wieder beginnen würde, als Lord Montherons Zimmertür geöffnet wurde und John Wilson herauskam, einen leeren Kohlenkasten in der Hand.
Renard starrte ihn mit wilden Blicken an.
„Suchen Sie Miß Strange, Sir?" fragte der Heizer unbefangen. „Wenn dies der Fall ist, werden Sie sie in Mrs. Jngestres Zimmer finden. Ich sah sie vor einer Stunde dahin gehen."
Renard war keines Wortes mächtig; aber er starrte Wilson an, als wolle er ihn mit seinen Blicken zu Boden schmettern; dann drehte er sich rasch um und ging in sein eigenes Gemach.
Wilson zog sich mit einem seltsamen Lächeln in das Privataemach Lord Monthe'^ns aitril«f.
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wodxitkflage:„IllustrierteSonntagrzenung
dessen zur Zeit noch nichts, auch nichtvonEnt- würfen auf sozialpolitischem Gebiet. Einstweilen darf jedenfalls damit gerechnet werden, daß der Wechsel im Staatssekretariat des Innern einer Unterbrechung der diesbezüglichen Arbeiten herbeigeführt hat. Halbamtliche Federn bemühen sich auch bereits, um den Beweis zu erbringen, daß es der Regierung nur schwerlich möglich sein dürfte, bis zum November den nächst- jährigen Haushaltsetat fertig zu stellen. Wenngleich auch der Reichstag bei seinem Wie; derzusammentritt noch Material in Hülle un, Fülle vorfindet, so liegt darin noch kein Grund, die FertigstAlung des Etats hinauszuzögern J^ früher sich die Abgeordneten mit den einzelnen Materien befassen können, desto gründlicher wird nachher die Beratung sein können.
In England führt das liberale Ministe- rium Campbell-Bannerman den Kampf gegen das konservative Oberhaus munter weiter, einstweilen! freilich nur mit Reden. Doch wird und muh die Zeit eine neuheitliche Rrform bringen, wie überhaupt allüberall sich eine Bewegung gegen die „ersten" Kämmen: sich geltend macht.
Das französische Kabinett, das schon so ost totgesagt war, das sich aber immer wieder gehalten hat, weil Clemenceau nun einmal ein „Kleber" ist, hat auch jetzt wieder einen Sturm abgeschlagen. In der Kammer wurde die Regierung über die Vorgänge im Süden interpelliert. Scharfe Angriffe von allen Seiten hagelte es auf das Ministerium. Man sagte Clemenceau seine Unfähigkeit ins Gesicht und gab ihm zu verstehen, das Kabinett solle die einzig richtige Schlußfolgerung aus den Vorgängen ziehen und gehen. Aber das ficht Clemenceau nichts an. Er wußte sich vielmehr mit dem Glorienschein des Retters des Vaterlandes zu umgeben und erbettelte sich schließlich eilt Vertrauensvotum der Kammer. Die hinter ihm stehende Mehrheit wird indes von Tag zu Tag kleiner und seht sich aus den verschiedenartrg- sten Elomenten zusammen.
In R u ß l a n d haben die Vorbereitungen für die Wahlen zur dritten Duma eingesetzt. Die sozialdemokratische Partei hat ihre ursprünglicheAb- sicht, sich von den Wahlen fern zu halten, wieder aufgegeben. Mord, Raubüberfälle und zahlreiche Verhaftungen toerben nach wie vor tagtäglich aus Rußland gemeldet.
Dänemark hatte in den Tagen vom 3. bis 5. Juli den Besuch des deutschen Kaiser p a a r e s. Die Beziehungen zwischen dem dänischen und preußischen Königshaufe sind in den letzten Jahren immer herzlicher geworden. Ein Zeichen dafür ist, daß diesmal auch die Kaiserin an dem Besuche teilnimmt. Das Kaiserpaar ist von seinem dritten Sohne, dem Prinzen Adalbert begleitet. Verschiedene Blätter bringen daher die Meldung, daß die Verlobung dieses Prinzen mit einer dänischen Prinzessin geplant sei.
Portugal befindet sich in einer inneren Krisis. Im Mai ist das Parlament aufgelöst worden; seitdem regiert das Kabinett ohne Mit Wirkung der Volksvertretung. Das hat zu lebhaften Protesten seitens aller Parteien und Zeitungen sowie vieler Stadtverwaltungen geführt. In Lissabon ist es wiederholt zu ernsten Unruhen gekommen. Das „liberale" Ministerium geht mit scharfen Unterdrückungsmaßregeln vor.
Die Friedenskonferenz im Haag ist nunmehr drei Wochen zusammen. Sie arbei- tef friedlich, an Anträgen fehlt es nicht, insbesondere sind auch in fast allen Kommissionen von deutscher Seite Anträge gestellt worden. Die deutschen Anträge sind größtenteils sympathisch ausgenommen worden. Ihr endgiltiges Schicksal ist noch nicht entschieden, tote man überhaupt über die Aussichten der Konferenz nichts sagen kann. Die Königin von Holland hat sich die Delegierten vorstellen lassen und ihnen zu
lvochen-Rundschau.
n. Fulda, 6. Juli 1907.
In Deutschland stand im..Laufe der vergangenen Woche der vor dem Münchener Schof- Lngericht sich abspielende Petersprozeß un Vordergründe des öffentlichen Interesses. Ange- klagt war der Redakteur Gruber von der sozialdemokratischen „Münchener Post" wegen-Be- leibigung des Reichskommissars a. D. Dr. Peters. Gruber wurde wegen formaler. Belerdl- aungen, wie bei dem Ton der diesbezugltchen Ar- titel nicht anders zu erwarten war, zu einer Geldstrafe von 500 Mark verurteilt; die von Dr. Peters und seinen Freunden, deren Haupt der freikonservative Abgeordnete Dr. Arendt: ttt, erwartete Ehrenr et t u n g P e t e r s istdurch ben Prozeß nicht erfolgt. Die Vorgänge, um die es sich handelte, liegen um anderthalb -Jahrzehnt zurück. Peters, war Reichskomnilssar in Ostafrika und hat sich hier 1892 Grausamkeiten Eingeborenen gegenüber zu Schulden kommen taffen Er wurde zweimal vor das Disziplinargericht gestellt nnd beide Mal verurteilt. Die Angelegenheit kam damals auch tm Reichstag zur Sprache, der Abgeordnete Bebel spielte dabei eine hervorragende Rolle. Dann ruhte die -Sache, Lis die „Münchener Post" im Dezember vorigen Jahres gelegentlich zweier Vortrage des Dr. Peters in München sie wieder aufgrifs. Niin wollte Peters die Gelegenheit benutzen, um „vor einem ordentlichen deutschen Gerichte" barzutuen, Laß er mit „weißer Wcft e" aus Afrika zurückgekehrt sei. Sein Versuch ist mißlungen. Fürst Bismarck hat einmal erklärt, bei den erfyn deutschen Kolonialunternehmuiigen sei nur ein Mann mit „weißer Weste" zurückgekehrt und das sei v. W i ß m a n n, der spätere Gouverneur von Deutschostafrika. Bei der Verhandlung sind infolge des in Preußen unbekannten beispiellosen Entgegenkommens des Gerichtsvorsitzenden beide Parteien ausgiebig zu Wort gekommen. Geradezu Ungeheuerliches konnte man hier aus dem Munde von Männern vernehmen, die sich {onst als Nutzen und Retter des Staates und der lutorität gebärden. So nannte @ en er al 0. Siebert, der Vorsitzende des Rerchsverbandes igtir Bekämpfung der Sozialdemokratie, dre Dts- zivlinarurteile gegen Peters einen st l z - In. r b und Schandfleck für das deutsche Volk. -.Uni) diese Urteile sind gesprochen nach gewissen- iftaftcr Untersuchung von Männern, die heute noch SeiF höchsten Reichsämtern angehören. Auch Dr. Arendt blieb hinter General v. Siebert nicht zurück. An den Prozeß wird sich noch ein Rattenkönig von Beleidiguiigsprozesieii anschltenen. Eines sieht jetzt schon fest: An eine Rückkehr von Dr. Peters in den : ' ’t ist nie und nimmermehr zu denkeii.
Der Reichstag ist bis zum 19. September in Ferien, der Bundesrat hat erst jetzt die alljährliche sommerliche Unterbrechung in beit Beratungen eintreten lassen. Aus seinen Verhandlungen g?ht hervor, baß bem Reichstag alsbalo bei seinem Wiederzusammentritt mehrere neue Vorlagen zugehen werden. Dazu gehört die Novelle zum Vi eh s eu ch eng esetz und der En 1- tourf zur Erleichterung d es Wechselprotestes. Dazu kommt noch die Börseit- > e s e tz n o v e l l e, von der man gleichfalls an- nimnit, daß sie bereits zum 19. September in Vor- läge gebracht werden wird.. Einstweileii ist sie ooni Bundesrat dem zuständigen Ansschusie überwiesen worden. In welchen Bahnen sie sich bewegen soll, ist vor einiger Zeit schon angebeutet worden. Von sonstigen Vorlagen verlautet in-
Neben der schriftlichen läuft die mündliche Kritik in Hunderten von Kanälchen. „Wie war es denn da?" fragen die Verwandten und Bekannten das Versuchskaninchen. Wenn diejenigen, die schon dagewesen find, an ihren. Familien, ober Stamm- tischen, in den Arbeitsstätten und bei Begeg- nungen zc. direkt in den Ruf ausbrechen: O, das war interessant, da ist es schön, das müßt ihr auch sehen! — damit ist der Erfolg gesichert. Aber wenn die Befragten die Achseln zucken ober gar gähnen und abraten, dann ist Hopfen und Malz verloren.
Die Behörden haben sich kluger Weise von dieser Veranstaltung fern gehalten. Das Publikum ist ohne Vorurteil, sogar mit einer gewissen Ko- lonialbegeisterung an die Sache herangetreten, aber bann mit gesundem Urteil zurückgewichen. Durch die großen Titel und durch ben Klimbim im Vergnügungsparke läßt man sich nicht mehr einfangen.
Im vorigen Jahre war auf demselben Gelände fünf Tage lang die Landwirtschaftliche Ausstellung. Alle Tage vollgepfropft von Zehn- tausenden von Menschen. Allgemeine Befriebt- gung der Leitung, der Aussteller, bet Gastwirte der Milchschänker und des Publikums. Ja, da war Leben in ber Bude. Man bekam was zu sehen, was man nicht alle Tage sieht unb woran man sich erfreuen unb belehren konnte. Als ich neulich zufällig einen Nachmittag in Düsseldorf war, als dort gerade die Landwirtschaftliche Aus- stellung im Gange war, sind wir schleunigst hin- gefahren, weil die vereinigte Blüte des Pferde-, Rind-, Hammel- und Schweineviehs einen erbaulichen Anblick bietet. In eine Jndustrieaus- stellung wären wir vermutlich nicht gegangen.
Heber ben windigen Plan, in Berlin 1913 eine Weltausstellung zu veranstalten, ist kürzlich wieder in Fachvereinen und Handelskammern verhandelt worden. Die Mehrheit ist überall dagegen' nur diejenigen Gewerbe, die einen Vorteil davon haben; wenn eine Masse Menschen auf einen Haufen zusammenkommt, also besonders die Ver- pflegungs- unb Transportgetoerbe, waren natürlich dafür. Ein wahres Glück, daß Berlin nicht berufen wird, eine Weltausstellung elnznrlchten und zu leiten. Nach ben bisherigen Proben fürchte ich, ber Befähigungsnachweis wurde sehr schlecht ausfallen und das Lehrgeld kolossal groß werden.
Das Ausstellmigswesen hat seine Blütezeit hinter sich. Nur gut angelegte Fachausstellungen, in denen man das Schönste und Lehrreichste hübsch bei einander findet, haben noch etwas Daseinsberechtigung. Und sie müssen auch das Sprichwort ehren: Kürze ist des Witzes Würze! Eine Ausstellung, die sich von Mai bis Oktober hinzieht, wird aus einer Lehranstalt zu einer Bummelan- statt.
Die größte Berechtigung hat immer noch eine landwirtschaftliche Ausstellung. Denn der land- wirtschaftliche Betrieb ist seiner Natur ,nach zerstreut über das ganze weite Land in vielen tausenden von Guts- und Bauernhäusern; die In- dustrie dagegen ist konzentriert in den größeren Orten. Wenn ich z. B. in Berlin durch bte Straßen schlendere und die Schaufenster besehe, so habe ich eine Jnbustrie-Ansstellimg ohne Entree. Die Viehställe, Tennen und Speicher der Landwirtschaft liegen aber nicht hinter ben Spiegel- scheiben an den Bürgersteigen.
Will man industrielle Ausstellungen machen, so muß man weniger Wert legen auf die toten Waren, aber desto mehr auf die lebendige Arbeit. In der Armee-, Marine- unb Kolonial-Ausstel- hntg z. B. erregen das meiste Interesse die Web- stühle, die dort im Gange sind. Die laufenden Maschinen, die schaffenden Arbeiter, den ganzen Herstellungsprozeß einer Ware zu beobachten, das hat Reiz unb Nutzen, weil diese Tätigkeit sich sonst
X. y Hotationsbrud «. WHA Verlag bet fiulbaet 2k- tieabt ickerei in Hulda. Hulbarr SeschichtsdMrr" »• -■
Unpolitische SeitlSuse.
(::) Berlin, 4. Juli 1907.
(Nachdruck verboten.)
Eine verunglückte Ausstellung ho en wir diesen Sommer vor den Toren Berlins, ein sehr feiner Titel unb nur kleine Mittel. „Deutsche Armee-, Marine- und Kolonialausstellung" — erweckt das nicht die größten Erwartungen? Aber die Enttäuschung, wenn man 1 Mark Eintritts- gelb bezahlt hat unb die angeblichen Sehenswürdigkeiten abläuft 1 Armee-Ausstellung? Das Wesen der deutschen Armee scheint wohl tn ben bunten Litzen unb Schnüren zu stecken; deren Fabrikation wird uns eingehend vorgefuhrt, und damit ist die Armee-Abteilung erledigt. Marine-Ausstellung? Ein künstlicher See inmitten des Ausstellungsgebäudes mit einem Flaggenmast, an dem eine wirkliche Strickleiter hangt! Aber die Kolonialabteilung? 9tun, das ist etwas mehr als Null, aber nur bittet wenig. Fünf Dioramen, je ein Bildchen ans jeder Kolonie, dazu die Jagdtrophäen des Herrn v. Wißmoitn. Anschließend eine Portion Industrie- und Maschinenausstellung. Es leben nämlich tn den Kolonien auch Menschen, unb barutn kann man alles, was Menschen zur Nahrung, Kleibung, Wohnung und Fortbewegung brauchen, in eme Kolontal- Ausstellung bringen. Die Hauptsache an ber „Ausstellung" ist nicht die Ausstellung, sondern der Vergnügungspark. Eine Vogelwiese! Es fehlt nur die Schützenfest-Stimm'.mg, weil bte Menschen zu büitn gesäet sinb unb der eine ober öitbere mit nachdenklichem Blick mustert, als ob er sagen wollte: „Also auch du bist in diese Wüste des Unsinns verschlagen?"
Kein Glück und kein Stern! Es riecht auf bem ganzen Gelände nach Pleite. Die Aussteller haben auch schon mehrere Entrüstungsversammlungen abgehalten. Die unglückselige Leitung der Aus- ftetlung will natürlich nicht die eigene Schuld bekennen, sondern Sündenböcke vorschieben. Das schlechte Wetter und die hartherzige Presse. Freilich, die Wettertücken haben nicht blos die Zahl, sonbern auch ben Durst ber Besucher sehr beeinträchtigt; boch haben wir auch schöne Tage gehabt, an denen bas Gelände an die südwestafrikanische Wüste erinnert. Die Presse ist weder so boshaft, noch so allmächtig, wie man ihr nachsagt. Einige kluge Gastwirte und Genossen meinten, die Zeitungen wollten nichts gutes über die Ausstellung schreiben, weil die Herren von der Presse nicht zu bem üblichen Eröffnungsbankett eingelad-n wer- den seien. Infolgedessen wurde dann auch nachträglich noch eine „Abfütterung des Federviehes" veranstaltet, wozu sich etliche Reporter und sonstige Hilfskräfte mit gutem Appetit einfanben. Aber nach diesem gastronomischen Bestechungs- Versuch blieben die Lobeshymnen in der Presse immer noch aus. Wie kann auch ein vernünftiges Blatt eine Ausstellung anpreisen, in der nichts recht los ist? Das Blatt würde ja von den Lesern, die es auf ben Leim gelockt, abbestellt werden. Man mit* überhaupt nicht glauben, daß die Presse nach Willkür den Erfolg einer Ausstellung ober eines Theaterstückes machen ober verhindern kann, um seine dort angestellfen Nachforschungen sort- zusetzen, in denen er gestört worden war.
54. Kapitel.
Ein verzweifelter Anschlag.
Mr. Dalton übereilte sich nicht mit ber Ausführung bes ihm getoorbenen Auftrages. Es war in der Abenddämmerung, als er zwei Polizisten den Auftrag erteilte, in das Schloß zu gehen, um nach dem lange vermißten Lord Stratford Heron zu suchen und ihn zu verhaften. Er befahl ihnen Verschwiegenheit in Bezug auf ihre Mission, baß sie nicht mit der Dienerschaft plaudern sollten; er nannte die Quelle seiner Information, besprach die Tatsache von dem erfolgten Ableben Lord Stratford's in Amerika unb brachte es bahin, baß die Polizisten ihre Mission antraten voller Zweifel an den Aussagen des Kammerdieners unb nicht in der Stimmung waren, sich viele Mühe zu geben, ben Flüchtling zu fangen, weil sie bie Mühe von vornherein für eine nutzlose hielten.
Sie fanden Pierre und Jean Renard ungeduldig ihrer wartend, und der erstere machte ihnen ihrer Langsamkeit wegen Vorwürfe. Die Polizi- sten antworteten ärgerlich und so entspann sich ein Wortwechsel, der immer heftiger wurde und nur verursachte, daß die Polizisten zu ihrer Aufgabe immer mehr die Lust verloren und dieselbe nur noch zum Scheine ausführten. Die'Ruinen unb bie Kapelle würben durchsucht, wie bie Beamten voraussahen, ohne Erfolg. Sie verweilten noch kurze Zeit unb entfernten sich bann, ungeachtet ber Befehle unb Drohungen Renard's.
„Dafür sollen Sie belohnt werden!". rief ber Kammerdiener. „Die Londoner Polizisten werden morgen früh hier sein und wir werden den Fljichtling finden, wenn wir auch die ganze Kapelle niederreißen sollten. Diese Nacht, Jean, müssen rott tn der Kapelle völlig durchwachen. Wenn wir ihn erwischen, werden wir sowohl den Ruhm ganz für uns allein haben, als auch die Belvh- un<r*
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oder
fhtf geheimnisvollen Wegen.
Roman von Eduard Wagner.
107] (Nachdruck verboten.)
„Dann werbe ich ihn anklagen I" versetzte ber Müller heftig, unb ein büsteres Feuer flammte plötzlich in seinen Augen auf.„Auch war eine junge ^ame in meinem Hause," fuhr er fort, „die unser Geheimnis ahnt unb mich ermahnte, die Wahrheit tz» sagen. Sie heißt Miß Strange unb rettete ^meinen Knaben —"
Der Kammerdiener erschrak. Aber bann flog ein spöttisches Lächeln über sein Angesicht.
„Sagen Sie es doch ber Miß Strange!" höhnte er.
„Erst will ich mit Mylord sprechen," entgegnete ber Müller, immer gereizter toerbenb. „Schreiben Sie ihm sogleich, was ich verlange, unb sagen Sie ihm, baß ich ihn anklage, wenn er es mr verweigert! Ja, Sir, ich klage, unb wenn ich bafiir selbst nach Portlanb touß."
Der Müller warf dem Diener einen trotzigen Blick zu unb ging weiter.
Pierre Renard gab seinen Gang auf und kehrt? zum Schlosse zurück.
„So hat Miß Strange den Müller aufgestachelt," murmelte er. „Ich habe dieses Mädchen gerade zur rechten Zeit aus dem Wege geräumt"
Schlosse herrschte keinerlei Aufregintg, woraus er schloß, daß Alexas vermeintliches Geschick noch nicht bekannt geworden war.
Als er an Alexa's Zimmer vorbeiging, konnte er ber Versuchung nicht widerstehen, zu sehen, ob bte Tür verschlossen war. Er drückte auf ben Drucker, welcher nachgab und öffnete behutsam die «mr. Das Zimmer war leer, unb er wart einen