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WSaer M Zeitung

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Rotation,druck u. Verlag der Hnldaer Ac« tiendrrckerei in Hnlda. Fernsprecher Kr. o.

34. Jahrgang.

Fulda, Samstag den 6. Juli 1907.

M 152.

Erstes Malt

Sozialresorm oder Zcharsnrachertum?

Fürst Bülow soll nach den Wahlen zum Reichstag sich inbezug auf dre Sozralreform ge- Lukert Laben: „Nun erst recht! und soeben geht die Meldung durch die Presse, daß der Reichs- kanzler auf eine Zuschrift des Vorsitzenden des Gesaintverbandes der Evangelischen Arberterver- eine Deutschlands aus Anlaß des Rücktritts des Grafen Posadowsky geantwortet habe, in der Sozialpolitik solle nicht gerastet, sondern auf den alten Bahnen weitergearbeitet werden. Es ist diese Kundgebung des Reichskanzlers gewiß erfreulich, wir möchten aber doch vor einer über­triebenen Hoffnungsfreudigkeit warnen. Wer einen Einblick in das Getriebe unserer inneren Politik hat, der weiß, daß sich an maßgebender Stelle unausgesetzt Enfliisse geltend machen, jvelche einen

Bruch mit der Sozialresorm

vollzogen haben möchten. Wir glauben nicht in der Annahme fehl zu gehen, daß Graf Posadowsky während seiner Amtstätigkeit als Staatssekretär -es Innern die Macht dieser Einflüsse sehr häufig zu fühlen bekommen hat und es seiner gongen, von der Notwendigkeit der Sozialresorm durchs drungenen Persönlichkeit bedurft hat, jene scharf­macherischen Einflüsse in Schach zu halten. Es fist noch in frischer Erinnerung, wie Graf Posa­dowsky in der letzten Reichstagssession zu erken­nen gab, daß die im geheimen wirkenden Kräfte noch nnmer an der Arbeit sind, wenngleich er durchblicken ließ, daß sie das Oberwasser noch nicht gewonnen haben. Mit dem Rücktritt des Wrafen Posadowsky hat sich die Lage in Hinsicht auf die Fortführung der Sozialreform völlig ge­ändert Mit ihm ist ein Mann ans der Reichs­politik ausgeschieden, welcher eine eigene Hebet- zeugnng auf dem sozialpolitischen Gebiete hatte, ein Mann, der diese Heberzeugung aus dem Stu­dium der sozialen Verhältnisse gewonnen hatte, itnb der die Fähigkeit besaß, auf Grund seiner enormen Sachkenntnis die Gegner der Sozial- reform im Hanne zu halten. Bei aller Hochach­tung vor den Eigenschaften, die man seinem Nach­folger von Bet h mann-Holl weg nachrühmt, glauben wir nicht, daß dieser ein sozialpoli­tisches Programm bedeutet, oder die Per­sönlichkeit ist, den Gegnern der Sozialreform de« Widerstand lntgegenzusetzen, den Graf Posa- dowsky zu leisten vermochte. Zwar könnte es idEjeinen, als ob er durch die Blockparteien zur Fortführung der Sozialreform gedrängt werden Dürde, denn die Redner der Blockleute troffen in der letzten Reichstagstagung geradezu von sozia. lem Eifer Aber diesem Eifer trauen wir nicht recht. Tic Konservativen haben schon zu oft zu erkennen gegeben, daß sie einen Erfolg von der Sozialposttik in Hinsicht auf die Bekämpfung der Sozialdemokratie nicht erhoffen, vielmehr ha­ben sie wiederholt sich dahin geäußert, daß die So­zialreform die „Begehrlichkeit" der Arbei­ter dauernd vergrößere und somit Hnsriede statt Friede die Frucht der Sozialpolitik sei. Die N a- tionalliberaIen toaren in Hinsicht auf die Sozialpolitik von jeher gespalten, und was endlich den Freisinn anlangt, so ist er, wie auf wirt­schaftlichem Gebiete, so auch auf sozialpolitischem Gebiete stets ein paar Pferdelängen hin­ter der modernen Entwicklung hinterhergehinkt. Daran ändert nichts, daß Dr. Mugdan sich im Reichstag in der komischen Rolle gefiel, dem Zen­trum Vorgutocrfcn, es habe nur eine Politik pa­pierener Resolutionen getrieben, während her Dr. Mngdan trug wohl noch die K n a b e n h o-

JUexa

oder

Auf geheimnisvollen Weger

Roman von Eduard Wagner.

108) (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung aus dem zweiten Blatt.)

Ein drohender Fluch entfuhr Pierres Lippen leim Anblicke Alera's und fein Gesicht nahm einen finsteren Ausdruck an. Des Mädchens Aufregung erregte die Aufmerksamkeit der Polizisten: sie blieben stehen und fragten Alera nach der Hrfocbe tfrcs Bk'ucyes m der Kapelle

Renard würde sie beschuldigt haben, das Der- steck Lord Stratford Herons zu kennen: aber wenn e ' es tat, hätte er ihre Verwandtschaft mit dem Flüchtlinge und die Tatsache, daß sie nach ihrem Vater die rechtmäßige Eigentümerin des Schlosses war, betraten müssen. Er biß sich aus die Lippen und schwieg.

„Ich habe nicht nötig, über meine Anwesenheit hier Rechenschaft abzulegen," antwortete Alexa auf die Frage der Polizisten, indem sie ihre lchianke Gestalt würdevoll aufrichtete und ihren Kopf stolz und entschlossen zurückwarf. „Ich bin em Gast im Schlosse, und die Kapelle und Ruinen Und tederzeit Besuchern geöffnet."

Sie ging an den Männern vorbei und nie- mand^hmderte sie daran.

m dat ihren Vater gewarnt," dachte Pierre

M fte ,E,n Wohl gesehen hat? Wenn » $Nacht noch hält, so werden wir ihn Ä bald aushungern. Hnd habe ich ihn erst in °sntoe^e 'ch der jungen Dame wieder Beachtung zuwenden. Diesmal soll es mir nicht wieder fehlschlagen "

Dm Polizisten machten sich den ganzen Taa Kahme" ^affen, mit der Aus-

nagn.e einiger Stunde», wahrend welcher sie Mr.

fen, als vonseiten des Zentrums schon auf die Notwendigkeit der Sozialreform hingewiesen wurde. Vielversprechend sind also die Blockleute nach ihrer Vergangenheit für die Sozialreform nicht, und wenn sich oben der Wind dreht, werden sie zweifellos den Mantel nach dem Winde hän­gen. Es ist daher erfreulich, daß in dem Vorhan­densein des Zentrums trotz seiner Ausschaltung aus der ausschlaggebenden Stellung im Reichstal ein Faktor existiert, der die Sozialpolitik »ich zum Stillstand kommen läßt und die Parteien und die Regierung

zur Fortführung der Soziolrrform zwingen

wird. Die Entlassung des Grafen Posadowsky hat ip den Arbeiterkreisen eine tiefgehende Erreg­ung, und man darf wohl sagen Erbitterung her- vorgerufen, weil sie darin einen Ansturm gegen die Sozialpolitik erblicken. Soeben noch kon­statiert die „Kreuzzeitung" mit Befried i- gung das Erstarken der christlichen Gewerkschaften. Wir befürchten sehr, daß diese Entwicklung gehemmt und in das Gegen­teil übergeführt wird, wenn das Scharfmacher- tum die Oberhand gewänne. Untere Arbeiter sind zu selbständig geworden, als daß sie das Züt- rad rückwärts drehen ließ, und eine Politik des Scharfmachertums würde uns schweren inneren Kämpfen entgegen führen. Darum kann es und darf es auf dem Gebiete der Sozialreform keinen Stillstand oder gar Rückschritt mehr geben. Fürst Bülow hat den christlich-nationalen Arbeitern seiner Zeit Versprechungen gemacht, die er noch nicht eingelöst hat, und die deutsche Arbeiterwelt erwartet von ihm, daß er sein Wort einlöst.

Deutsches Reich.

Berlin, 5 Juli 1907.

* Zum Besuche des Kaiserpaares in Kopen­hagen wird des weiteren gemeldet: Nach der Rück­kehr aus Frederiksborg nach Fredensborg unternahm der Kaiser am Donnerstag einen Spaziergang im Schloßpark. Um 5 Uhr ver­sammelten sich die hohen Herrschaften zum Tee Um 6 Uhr fand Familien täfel zu 50 Ge­decken im Gartensaale statt, bei der der Musikchor der Garde spielte. Um 9% Uhr sand das Sou­per statt, zu dem die dänischen Minister, das diplomatische Korps, Mitglieder des dänischen Adels und eine größere Zahl höherer Würden­träger Einladungen erhalten hatten. Die hohen Herrschaften soupierten im Speisesalon, die Gäste im Knppelsaale. Nach dem Souper hielten die hohen Herrschaften Cerkle ab, und dann fand im Gartensaale eine musikalische Soiree statt, bei her unter anderen die dänischen Kammersänger Her­old und Nissen mitwirkten. — Dem Prinzen Gustav vonDänemark ist von Kaiser Wil­helm der Schwarze Adlerorden sowie öaa Großkreuz des Roten Adlers verliehen worden. Der Kaiser wurde zum Ehre n- Präsidenten des dänischen Seeoffi- zier Vereins ernannt.

* Weitere Ministerwechsel. Obwohl die .Freis. Ztg.' solche in Abrede stellt, meldet doch die .Magdeburger Zeitung', daß der Staats­sekretär des Reichspostamts Kraelke demnächst sein Entlassungsgesuch einreichen werde und daß auch die Tage der Staatssekretäre Dr. Nieder- ding und Freiherrn v. Stengel gezählt seien. Das Leipziger Tageblatt' will wissen, daß außer­dem noch vor Zusammentritt des Reichstags der Staatssekretär des Auswärtigen v. Tschirschky seinen Abschied einreichen werde. Er soll beab­sichtigt haben, sein Abschiedsgesuch schon vor Wochen einzureichen, doch hat er sich mit Rück,

. Talton einen Besuch abstatteten. Dieser legte ihnen alles vor, was Alexa entdeckt hatte, und diese Tatsachen mit all ihren möglichen Folgen wurden gründlich erörtert.

Ein Londoner Geheimpolizist und ein Konstab­ler wachten die ganze Nacht hindurch, aber nichts wurde von dem Flüchtling bemerkt. Bald nach Tagesanbruch gingen sie ins Schloß. Niemand dachte daran, daß Lord Stratford es wagen würde, beim hellen Tageslicht sein Versteck zu ver­lassen. Nach dem Frühstück ging der andere Polizist mit Jean Renard in die Kapelle auf Posten.

Die Unterbrechung der Wache während zweier Stunden hatte Mr. Strange zum Ausbruch bi- nutzt. Seine Lebensmittel waren aufgezehrt: der Mangel an frischer Luft lähmte seine Kräfte. Er konnte nicht warten, bis er Hungers sterben würde. Er war sehr wachsam und ersah den Augenblick, als seine Feinde sich entfernten. Die Gelegenheit benutzend, verließ er fein Versteck und schlich in die Ruinen, wo er sich in einem engen Raume verbarg, der früher als Gefängnis gedient hatte. Träge schlich die Zeit für ihn dahin. Jede Stunde, jede Minute schien ihm eine Ewigkeit.

Nicht weniger langsam verstrich für Alexa der Tag. Am Mittag jedoch erhielt sie eine Nach­richt, an die sie neue Hoffnung knüpfte. Es war eine Depesche des Inhaltes, daß Lady Wolga Clyffe auf dem Wege nach Clyffebourne sei und bei Anbruch des Abends dort ankommen werde, wo sie Alexa erwarte.

Das Mädchen eilte zu Mrs. Jngestre, der sie den Inhalt des Telegramms mitteilte. Die alte Dame war wahrhaft tief betrübt, ihren Gast xu verlieren, und bot alle ihre Ueberredungskuust auf, Alexa zum Bleiben zu bewegen: aber schließ­lich billigte sie ihren Entschluß.

Der Wagen wurde bestellt. Alexa nahm Ab­schied von Mrs. Matthews, beschenkte die Haus- mädchen und Diener, reichlich und bestieg den Wagen. Sie ahnte nicht, welchen erschütterndeii Ereignissen sie entgegeneilte. Pierre Renard

sicht auf die gegenwärtige auswärtige Politik (deulsch-sranzöfische Annäherungsversuche, Haager Friedenskonferenz) noch bestimmen lassen, im Amte zu bleiben. ES wird behauptet, daß der Staatssekretär auS gewissen Gründen arg ver­stimmt sei, und sein Verhältnis zum Reichskanzler dem des Grafen Posadowsky zum Fürsten Bülow in der letzten Zeit sehr ähnle. Die Minister sollen also fallen, wie reife Aepsel. Wir wissen nicht, ob diese Meldungen alle wahr sind, ein Teil Wahrheit steckt in ihnen. WaS wir aber bezweifeln, das ist, daß durch den Wechsel eine Befferung erzielt wird.

* Wichtige militärische Veränderungen. Der Chef des Militärkabinetts, Graf v. Hülsen- Häfeler, wird in absehbarer Zeit das 10. Armee­korps in Hannover erhalten: an seine Stelle tritt General v. Egloffsstein. Der kommandierende General in Karlsruhe, v. Bock und Polach, wird die Armeeinspektion in Hannover erhalten und der bisherige Armeeinspektor v. Lindequist kommt nach Berlin in eine Hofstellung; er wird Kom­mandeur des reitenden Feldjägerkorps. Eine wichtige Veränderung vollzieht sich auch in Straßburg; der kommandierende General des 15. Armeekorps, Ritter v. Gilpenheimb, nimmt seinen Abschied, an seine Stelle tritt General v. Huene, der heute Divisionär in Straßburg ist. Als Generalstabschef des Feldmarschalls Graf Häseler ist er der gegebene Mann für die Wacht in den Vogesen. General v. Huene ist eh Bruder des leider zu früh verstorbenen Zentrumsabge- ordneien und gilt als einer der besten Offiziere in der Armee.

Katholiken im.Reichsamt des Innern. In einem Artikel über die Verabschiedung des Grafen Posadowsky schildert die «Deutsche Krankenkassenzeitung' die gewiß niemand der Zentrumspresse zuzählen wird, eine inte­ressante Episode, um zu zeigen, welche Mittel angewendet wurden, um dem Grafen Posadowsky ein Verbleiben im Amte zu verekeln:

Im Reichsversicherungsamt war einer der beiden Direktorposten neu zu besetzen. Der Zu­fall will, daß das Präsidium und der andere Direktor­posten an Herren übertragen sind, die Katholiken sind. Für die offene Tirektorstelle kam in erster Reihe ein langjähriges, verdienstvolles Mitglied des Reichsversicherungsamtes in betracht, das gleichfalls K a t h o l i k ist. Lediglich der Konfession nach, politisch zählt der Betreffende, wie das bei einem höheren preußischen Beamten gar nicht anders sein kann, zur konservativen Partei. Im Reichsamt des Innern wurden denn auch die Bedenken, daß der Dritte an der Spitze des Reichsversicherungsamtes Katholik sei, ganz mit Recht nicht gelten gelassen. Man sah selbstverständlich die persönliche Tüchtigkeit des Kandidaten als den einzig zuverlässigen Maßstab an. Wenn auch in derlei Unterhandlungen zunächst nur der Personalreserent im Reichsamt des Innern aktiv hervortritt, fo ist doch als selbstverständlich an­zunehmen, daß der Staatssekretär sein Einver­ständnis bei der Besetzung eines solchen wichtigen Postens gibt. Die Besetzung der Stelle schien geordnet. Der fragliche Beamte wurde bereits vom Präsidenten des Reichsversicherungsamtes in ziemlichem Umsange zu den Arbeiten seines neuen Ressorts herangezogen und die ganze Beamtenschaft mußte annehmen, daß die Sache perfekt sei. Da erschien im Dezember vorigen Jahres in der Tagespresse ein An griff auf Posadowsky, der diesen beschuldigte, die Katho­liken bei den Stellenbesetzungen zu bevorzugen. Wir sind überzeugt, der Angriff kam aus offiziöser, bülowfreundlicher Feder. War er Ursache oder Folge, daß mau sich auch in der Reichskanzlei für die Stellen­besetzung interessiert? Tatsache ist jedenfalls, daß der vakate Direktorposten plötzlich einem anderen Beamten zufiel, der katho­lische Kandidat beiseite geschoben wurde.

war Zeuge ihrer Abfahrt und sah ihr mit finste­ren Blicken nach. Er hatte sie wieher unb wieher zu verderben versucht, aber fie war ihm jedesmal entgangen, und nun kam sie ganz aus seinem Bereiche.

Er preßte feine Zähne fest aufeinander unb schwur in seinem Herzen, daß er ihr hennoch ein sicheres Ende bereiten wolle.

Am Nachmittage erhielt Pierre ein Tele­gramm von seinem Herrn, welches ihm besten An- «fünft am Abend melbcte.

Es wurde ein Wagen an den Bahnhof geschickt unb alles zum Empfange des Schloßherrn vor­bereitet.

Das Gebäube war glänzenb erleuchtet, als der Wagen in hem offenen Vorbau hielt. Lorb Mont- Heron sprang heraus unb trat in hie große Halle. Er war in ausgezeichneter Stimmung, denn er hatte hie Reise mit Lady Wolga zusammen ge­macht unb sie tvar ausnahmsweise freunblich ge­gen ihn gewesen, woburch seine Hoffnung, sie zu gewinnen, aufs Nene Nahrung erhalten hatte.

Er eilte in seine Gemächer, um sich zum Esse» anzukleiben. Renard harrte feiner im Ausleihe- zimmer. Das Gesicht des, Dieners war ernst, aber er fürchtete hie Art nicht, wie sein Herr die Mitteilung auf nehmen werde, die er ihm zu machen hatte. Renard war der Kühnere von bei­den; die Erfolge hatten ihn übermütig gemacht.

Der Marquis trat raschen Schrittes ein unb gab durch ein Kopfnicken zu erkenne.::, daß er Renards Anwesenheit wahrnehme.

„Nun", fragte der Diener vertraulich, „haben Sie sich Lady Wolga's Versprechen gesichert?"

„Nicht ganz, aber sie fängt an, mich mit mehr Gunst zu betrachten", erwiderte der Marquis im Tone der Zufriedenheit. „Ich werde fie bald zur Verlobung veranlassen."

„Es wird auch Zeit sein, scheint es mir", spöt­telte der Diener. „Sie haben seit Jahren um sie geworben; aber sie schenkt Ihnen zu wenig Be­achtung."

Des Marquis Stirn umwölkte sich.

Die organisatorischen Talente des neuen Direktors sollen sich zwar erst entfalten, aber da rS sich um einen Studienfreund des Herrn v. Loebellhandelt, so wird hoffenllich niemand zweifeln, daß der rechte Mann gefunden wurde. Ob Graf Posadowsky infolge des offiziösen Angriffs selber einlenkte, oder ob er Ein- flüffen von der Bülow-Seite nachgab, bleibe dahin­gestellt. In jedem Falle war die Aktion auf eint Brüskierung angelegt.

In der Tat, eine sehr intereffante Episode. Hat Herr v. Loebell etwa darüber auch einen „Registratur-Vermerk" angelegt, und wie lautet derselbe?

f. „Preußische Finanzpolitik" betitelt sich eine Auslastung des bekannten nationalliberalen Abg.Dr.Friedberg in der.Nationalztg.' über die Finanzlage Preuß-nS. Im Mittelpunkt dieser Erörterung steht die Frage, ob zur Deckung der vermehrten Ausgaben in Preußen die Erhöhung der Einnahmen durch eine erweiterte Besteu-rung notwendig ist. Wir haben schon neuli-f auf das verkehrte Finanzgebahren yinge­wiesen, daß in der Eisenbahnverwaltuiig neue werbende Kapitalanlagen statt auf Anleihen ge­nommen zu werden, durch lausende Einnahmen gedeckt werden. Jnfolgedeffeu wird ein bedeutender Teil der Ueberschüfle au§ der Eisenbahnverwal­tung der Bestreitung anderer dringender Auf­gaben entzogen. So kommt der Finanzminister zu der Auffassung von der Notwendigkeit neuer Steuern. Diese Politik verurteilt nun auch der Abg. Dr. Friedberg und kommt zu dem Schluß, daß eine Festlegung einer dauernden Erhöhung der Einkommensteuer auf gründ deS in Aussicht stehenden Mehrbedarfs die Volks- verttetung unter keinen Umständen mit ihrer Verantwortlichkeit decken kann. „Auch der gegenwärtige preußische Finanznünister wird be­greifen müfsen" schließt Dr. Friedberg, „daß „Finanzpolitik" nicht nur Auferlegung neuer Steuern, sondern die Heranziehung sämtlicher vorhandenen und entbehrlichen Reserven bedeutet. Verfährt man anders, so belastet man dre ärmere Gegenwart zu gunsten der reicheren Zukumt und unterbindet dadurch die wirtschaft­liche Entwickelung, die schließlich die steigenden Einnahmen zu liefern hat, deren der Staat zur Erfüllung feiner Kulturaufgaben bedarf".

* Zum Peters-Prozeß wird der «Kölnischen Volkszeitung' aus Richterkreisen geschrieben: „Die maßlose Schmähung, welche das Urteil des obersten Disziplinargerichtshofes des Reiches in einem Gerichtssaale aus dem Munde des Klägers Peters und seines Freundes des Generalleutnants z. D. v. Siebert gefunden, steht wohl einzig da in den Annalen der deutsche» Rechtspflege. In den weitesten Kreisen hat esVerwunderung erregt, daß diese Schmähungen einer ungewöhnlich weitgehende» Nachsicht be­gegnet und wegen offenbarer Ungebührlichkeit nicht sofort durch Ordnungsstrafe» zurück- gewiesen worden sind. Wohin soll es sühren« wenn Zeugen, die nur über Taffach«» zu bekunden haben, sich solche Kritik erlauben. Es kann un­möglich dabei bieiben, wenn nicht das Anseher des Rrchterstandes den schwersten Schaden leider soll." — Das «Berliner Tag blatt' schreibt „Bei den Aussagen des Herrn v. Siebert, dek sich als Sachverständiger aufspielte, ohne sachver- f "indig zu sein, hatte man das befriedigende Gefühl: Gottlob, daß dieser Mann nicht mehr Gouverneur von Ostasrika ist! Freilich fragte man sich auch: wie konnte dieser Mann über-

„Behalte Deine Unverschämtheit für Dich", sprach er in ungewöhnlich scharfem Tone. „Ich habe genug von Dir, Pierre Renarb. Wir beide müssen uns trennen —"

„Je eher, desto besser" fiel ihm Renard ins Wort, zum Zeichen des Einverständnisses den Kopf wiegend. „Aber erst möchte ich noch eine kleine Summe von Ihnen haben — sagen wir, zehntausend Pfund — für meine langen und treuen Dienste. — Ich schrieb Ihnen über beit Müller Gregg. Er besteht auf einer Verschreibung bes Mühlenstückes als Eigentum auf neunund­neunzig Jahre."

„Er soll sie haben", sagte der Marquis, müde auf einen Stuhl finkend.

„Miß Strange hat ihn auf gehetzt; er schraubt seine Forderungen viAleicht noch hoher."

„Alexa lebt sie noch?" rief derMarqms.

„Ja!" rief Pierre, eine schreckliche Verwün­schung folgen lassend. „Eines Abends stürzte ich sie den Felsen hinab unb am andern Morgen war sie wieder im Schlöffe. Wie sie dem Tode ent­gangen, ist mir unbegreiflich. Ich fange an zu glauben, haß sie mit her Hölle im Bunde ist."

„Wer sie darf nicht am Leben bleiben!" sprach der Marquis mit rauher Stimme. „Sie ist die rechtmäßige Eigentümerin meiner Ttel und Güter und kann jede Stunde den Besitz beanspru­chen. Sie muß sterben!"

„Ja, gewiß ,aber es ist andere Arbeit dazwi­schen gekommen", sagte Pierre kalt. „Ihr Vater ist hier, er hält sich in dem Altarversteck ver­borgen."

„Tod und Teufel!"

„Unb was bas schlimmste ist, er ist von Poli­zisten von London aus hierher verfolgt toorbeit Diese sind nun in der Kapelle unb warten, biz er herauskommt."

„Großer Gott!" stöhute bet Marquis.

„Er wirb biese Nacht verhaftet werben", fuhr Renarb ruhig fort. „Alles, was Sie tun können, ist, daß Sie Ihre Kaltblütigkeit bewahren. Ehe Lady Wolga von seiner Anwesenheit biet eine