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34. Jahrqang.

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lieber die Strafprozeßreform wurde im Reichs­justizamt in einer Konferenz von Vertretern der Bundesregierungen ein

vorläufiger Entwurf

gut geheißen, dessen Grundzüge zur Zeit in der Presse veröffentlicht werden. Bereits vor mehr als zehn Jahren hatte sich der Reichstag ebenfalls mit einer „Justizreform" zu beschäftigen. Seine wochenlange Arbeit war aber seinerzeit vergeblich, weil die Regierung in hauptsächlichen Punkten nicht nachgeben wollte. Der jetzige Entwurf, der indessen noch nicht endgiltig feststeht, zeigt nun, daß die Regierung ihren früheren Stand­punkt verlassen will.

Der im Jahre 1884 vom Zentrumsabgeordne­ten Reichensperger eingebrachte Antrag auf Wiedereinführung der Berufung in Strafsachen, auf den sich die Mehrheit des Reichstags ver­einigte, fand beim Bundesrat keine Genehmiguna. Eine Reform des Strafporzesses war aber, durch diesen Antrag angebahnt, und auch die Re­gierung konnte sich der Erkenntnis eines Reform- bedürfnisfes nicht mehr verschließen. In den Jahren 1895 und 1896 beschäftigte sich dann der Reichstag mit einem umfangreichen „Gesetzent­wurf betreffend Aenderungen und Ergänzungen des Gerichtsverfassungsgesetzes und der Strafpro- zetzreform", in welchen u. a. auch die Berufung gegen die Urteile der Strafkammer vorge­sehen war, eine Neuerung, wie sie schon lange das gesamte Volk und die hervorragendsten Juristen gefordert hatten. Trotzdem ist gerade dieserhalb das Reformwerk seinerzeit ge s ch e i t e r t. Die Regierung wollte zwar die Berufung einräumen, aber nur gegen eine Verschlechterung der ersten Instanz, die darin liegt, daß die Strafgerichte erster Instanz in den mittleren Strafsachen statt fünf nur mit drei Richtern besetzt sein sollten. Der Zentrumsabgcordnete Rembold machte seinerzeit den Vermittlungsvorschlag, neben den drei Rich­tern wenigstens noch zwei Schöffen in erster Instanz mitwirken zu lassen. Dieser Antrag fand aber keine Annahme, die Mehrheit bestand auf dem Fünf-Richter-Kollegium. Nur die National- liberalen und Konservativen waren anderer An­sicht. Die Regierung beharrte indesien auf ihrem Entwurf. Daraufhin scheiterte die ganze Vorlage in dritter Lesung im Dezember 1896.

Seither sind mehr denn zehn Jahre ins Land gegangen. Seit 1884 kämpft der Reichstag für die Berufung in Strafsachen. Zwei lange Sessio­nen hat die Kommission in den Jahren 1895 und 1896 darüber beraten, der Reichstag wurde da­mals sogar der Justiznovelle wegen vertagt. Und dann kam doch nichts zustande, weil die Berufung, welche die Regierung wollte, dem Reichstag zu schlecht war, während die Berufung, welche der Reichstag guthietz, dec Regierung zu teuer er­schien. Nun liegt ein x neuer vorläufiger Ent­wurf vor. Ans feilten Grundzügen geht über die Besetzung der erstinstanzlichen Straf­kammer n hervor, daß sie aus höchstens sechs und mindestens fünf Mitgliedern bestehen sollen, und zwar entweder aus drei Richtern nnb zwei Schöffen oder zwei Richtern nnb drei Schöffen oder drei Richtern und drei Schöffen, während das Berufungsgericht für die Urteile der Straf­kammern mit fünf Richtern zu besetzen wäre. Mit dieser Zusammensetzung der erstinstanzlichen Kam­mern wäre also

endlich erreicht, was schon vor zehn Jahren das Ze utruni mit seinem Vermittlungsvorschlag a n st r e b t e. Diese Tatsache rechtfertigt voll und ganz die frühere Haltung des Zentrums. Es vertrat auch in dieser Frage von allem Anfang an

die Interessen des Volkes. Wenn nun die Regie- rung mit einer neuen, besseren Vorlage kommt als im Jahre 1895, so muß alle Welt dem Zentrum da n k b a r sein, daß es damals nicht nachgegeben hat und nicht weiteres Entgegenkommen zeigte, als es sachlich verantworten konnte. Fünf Richter bzw. Schöffen bieten eben für die Rechtsprechung mehr Garantieen als nur drei.

Mit den weiteren Grundzügen des neuen Ent­wurfs wollen wir uns vorerst noch nicht beschäfti­gen, da sie noch nicht endgiltig feststehen. Ehe die Vorlage definitiv wird, werden noch rund a n - derthalb Jahre vergehen. Erst für den Winter 1908=09 ist die Einbringung des Reform enttourfeS int Reichstag in Aussicht genommen. Bis dahin haben sich noch die Einzelregierungen damit zu beschäftigen.

Deutsches Reich.

Berlin, 4. Juli 1907.

* Ein bemerkenswerter Wechsel. Es ist in der Oeffentlichkeit allgemein bekannt, daß dem Kaiser nur eine Zeitung vollständig vorgelegt wird, das war seit Jahren der .Berliner Lokal- anzeiger',der für die politische Verflachung des Volkes arbeitet. Nun scheint derselbe in Ungnade gefallen zu fein; seit einiger Zeit ist es die .Tägliche Rundschau' — das Organ des Evangelischen Bundes und des Fürsten Bülow — das dem Kaiser ganz vorgelegt wird. Wir konnten uns aber darüber nicht eingehend orientieren, welche Ursachen zu diesem Wechsel geführt haben, ob es die Haltung des Scherl­blattes in der Kamarrllasache war oder ob der Reichskanzler Wert darauf legte, ein Organ seiner Richtung in diese Stelle zu bringen. Die einen vertreten die erste, die anderen die zweite Ansicht. Auf alle Fälle aber ist es jflr das Zen­trum und für die Katholiken von höchstem Jute- reffe, diesen Wechsel zu erfahren. Man sieht aber- auch daraus, daß die neue Politik nicht das Werk des Reichskanzlers allein ist, vielleicht ist er nur der Geschobene, vielleicht unternahm er den Wechsel nur, um sich im Amte zu er­halten, wie es ja Bülows Freunde offen aus­plaudern.

* Zu dem Fall Coels von der Brüggheu wirb dem „Berliner Tageblatt" aus Dortmund ge­schrieben: Dr. Frhr. v. Coels v. b. Brügghen empfing seine Erinennung zum Unterstaatssekre­tär schon am 30. Juni früh mit der Post. Danach las er in verschiebenen Zeitungen die Wolffsche Meldung, wonach es mit seiner Ernennung nichts sei. Also zu einem Zeitpunkt, wo er bas amtliche Schriftstück bereits in Händen hatte. Da soll er verwundert gefragt haben: „Bin ich denn schon wieder abgesetzt?"

* 8in Lob des „HetzkaplauS" aus liberalem Munde. Der „Hetzkaplcm" kommt in einem liberalen Blatte zu Ehren, ja er wird den Liberalen als Muster hingestellt 1 Wir trauten unseren Augen nicht, als wir in Nr. 26 deS liberalen Wochenblattes »Fortschritt' (München) einen Artikel lasen, in dem der katholische Kaplan ausnahmsweise einmal nicht gelästert, sondern gelobt wird. Der Artikel möchte für die liberale Partei eine ähnliche Organi­sation geschaffen haben, wie sie das Zentrum besitzt; er erörtert den liberalen Einwand: „Wir haben keine Kapläne!" und charakterisiert dann den katho­lischen Kaplan folgendermaßen:

„Mefft ist er ein Sohn des Volkes und mit dem Volke ausgewachsen. Dann hat er studiert und kam wieder unter das Volk durch sein Amt. Es gibt niemanden fast, der geeigneter ist, das Volk zu verstehen, der so mit ihm fühlt und denkt, der die Seele des Volkes so versteht und an sie anknüpft, wie der katholische Kaplan.

Und fast nur darin beruht feine Ueberlegeuhest. . . . Hier sollten besonders unsere liberalen Aka­demiker beim katholischen Kaplan in die Schule gehen. Sie sitzen gewöhnlich auf dem hohen Piedestal ihrer Wissenschaft, reden und agitieren fleißig, ober was sie sagen klingt dem Volke fremd, berührt nicht seine Seele.

Diese Ausführungen sind umso bebcutfamer, als sie aus der Feder eines liberalen Arbeiter. sekretärS stammen. Der Mann verprteilt gletch- zestig den Kulturkampf der siebziger und achtziger Jahre und konstatiert, daß auch heute noch „viel zu viel in Papierkulturkämpferei gemacht wird. Wie dieses Spiegelbild den Liberalen ge- fallen wird, kann man sich denken.

§ Widerwärtige Hetze. Der„Evang.Bund«, der zu den aufmerksamsten Lesern der,Lothr. Volksstimme' in Metz gehört, kann sich nie mit diesem Blatte beschäftigen, ohne die Penon des Hochwürdigsten Herrn Bischoss Benzler mit in seine Preßpolemik zu ziehen. Es ist ja bekannt, daß Bischof Benzler der bestgehaßte Mann des Evang. Bundes ist, aber diese beständige gänz. lich unbegründete Hineinzerrung feiner Person fängt allmählich an, widerwärtig zu werden. So schreibt die ,Deutsch-evang. Korresp/, das offizielle Organ des Evang. Bundes, wieder in ihrer neuesten Nummer 73: „Eine Hymne auf das Zentrum, bei deren Abfassung zweifellos die Hundstagshitze (wohl in Halle? Die Red.) mitgewirkt hat, läßt der elsässische Reichstags­abgeordnete Hoen in der v o m B i s ch o f B e n z l e r geweihten ,Lothr. Volksst.' vom Stapel." Wir haben schon früher einmal nachgewiesen, daß der Bischof Benzler mit der Zeitung und dem In­halte nichts zu tun hat, darauf meinte die ,Deutsch-evang. Korresp.', er habe doch die Re- daktions-, Drucker- und Setzerräume „emgeweiht". Wie kindisch-naiv. Denn jeder Katholik läßt seine Gebäude, Häuser, Fabriken u. dgl. einsegnen. Es ist aber der Phantasie des Evang. Bundes vorbehalten geblieben, alles, was nun später etwa mit ober in bieten Gebäuden geschieht, dem detr. Priester ober Bischof, ber die Einsegnung vor­genommen hat, in die Schuhe zu schieben. Ein solches Treiben, wie es hier die ,Deutsch-evang. Korresp.' beliebt, kann man nicht anders als un­ehrlich und irreführend bezeichnen, und jeder halbwegs anständige Mensch muß sich von diesem ekelhaften Kesseltreiben des Evang. Bundes gegen den mit fanatischem Hasse von ihr verfolgten Bischof entrüstet abwenden. Es ist aber notwendig, immer und immer wieder die „noble" Art und den „vornehmen" Ton dieses Blattes festzunageln, um an solchen Beispielen zu zeigen, wie die konfes­sionelle und zwar die persönliche an den Haaren herangezogene Hetze durch dieses osfizielleOrgan des Ev.Bundes, das an ca. 500 reichsdeutsche Zeitungen abgegeben wirb, in die (meistens liberalen) Blät­ter und so unter das Volk getragen wird. Das ist der „unschuldige" Evangel. Bund, dessen Name schon ein Hohn ist auf seine vergiftende Tätigkeit.

* Mit einem Stillstand der Sozialreform rechnen nun bereits eine ganze Anzahl von Blät­tern, die nicht auf dem Boden des Zentrums stehen. So schreibt die .Liberale Korresp.': „Der Minister für Sozialpolitik, welchen Titel Graf Posadowsky für sich in Anspruch nahm, wird also abgelöst werden von einem Minister für den gehemmten sozialen Fortschritt." Die Fons. Korresp.' schrieb: »Die Ersetzung des Grasen Posadowsky durch den Minister v. Beth- mann - Hollweg scheint uns (also den Konserva­tiven) ein glücklicher Griff zu sein." Eine

Preßstimme au8 dem christlich-sozialen Lager, da- ebenfalls gute Verbindungen nach oben hat, äußert sich Über ihn folgendermaßen: „Bethmann, der Baler, war es, unter dessen Vorsitz im Oktober 1871 die erste Versammlung für christliche Sozial­reform tagte. Wie mag der Sohn stehen? Wir hörten Worte von ihm, die recht ungünstig für die soziale Fürsorgearbeit des Staates lauten." Auch die .Soziale Praxis', das Organ der Ge­sellschaft für soziale Reform, sieht sehr trübe in die Zukunft der Sozialpolitik; sie hält, wenn sie auch davon überzeugt ist, doch die Möglichkeit eines neuen Kurses nicht für ausgeschlossen. In der Tat ist die auffällige Begünstigung der sogen, gelben, von dem Scharsmachertum alu mentierten Gewerkschaften durch denReichS- kanzler, der noch vor 2 Jahren die christlichen Gewerkschaften als Kerntruppe der national ge­sinnten Arbeiter gegen die Sozialdemokratie feierte, zum mindesten stark verdächtigt. Noch bedenk­licher vielleicht erscheint es, daß die Scharfmacher eifrig gegen die Sozialreform mobil machen. Die,Schief. Ztg.' fragt bereits: „Wer bezahlt's?" Sie rechnet aus, daß jetzt im deutschen Reiche eine halbe Milliarde und ein halbes hundert Millionen jährlich auf die Versicherung bet Ar­beiter gegen Krankheit, Unfall unb Jnvalibilät gehen. Das steigt von Jahr zu Jahr und werde bald alle Kosten unserer Armee überflügeln. Bei diesen Auslassungen der Blockpresse ist bezeichnend, daß auch die .Soziale Praxis' sich benselden an- schließt. Ihr Herausgeber Professor Franke stand früher sehr gut mit dem Reichskanzler; im Reichstage hat man sich stets erzählt, daß er dem Fürsten Bülow das Konzept zu seinen schönen Reben über die Weiterführung der Sozialreform zu liefern habe. Wenn er nun nicht mehr hoff- nungsfroh ist, wirb er seine Gründe hierfür haben.

* Das Urteil im Peters-Prozeß soll von keiner der beiden Parteien angefochten werdet und- dürfte deshalb rechtskräftig werden. Sieben diesem Urteil sticht das Berliner Schöffengerichts- urteil.gegen den Abg. Erzberger, der kein einziges beschimpfendes Wort gebraucht hat, nut um so greller ab. Das Urteil aber bat die von vielen erwartete politische Klärung nicht gebracht; jetzt berufen sich beide Te > auf dasselbe. Die linksliberale unb sozialdemokratische Press« triumphiert, daß es nun ausgeschlossen sei, daß Peters je in ein ReichSamt zurückkehre; der Pro eß habe garnichts ergeben, was die Urteile der Disziplinargerichte umstoßen könnte. Die Peters-Presse aber hebt ihren Schützling in die Wolken. Es kam, wie wir es voraussagten, die Klärung ist nicht da unb ber Gerichtshof hat sich dieser Ansicht angeschlossen. Selbst ein so eifriges Peters-Blatt wie die ,Deutsche Tageszeitung', muß von ihm fchreiben: „Es ist bedauerlich, daß er in einer gefährlichen Zeit seines Lebens nicht das Maß an Selbstzucht fand, daS bei einem Manne umso nötiger gewesen wäre, ber i'o Dielei geleistet und auf den sich so stark die Ausmeck- i'amteit weitester Volkskreise richtete. Aus bie ei Zeit seines Lebens stammt der Ruf, der ihm so lange und zäh anhaftete, und den er grundsätz­lichen ober gar böswilligen Gegnern gegenüber nicht mehr ganz von seiner wirklichen Persönlich­keit wird löslrennen können. Am schlimmsten ifi ber Prozeß für den Abg. Dr. Arendt verlaufen, der im Reichstage seit Jahren für Peters eintrat. Der Staatsanwalt hat bereits die Akten einge­fordert, um sich die Widersprüche zwischen den eidlichen Aussagen von Dr. Arendt und Frau Dr. Kayser anzusehen. Abg. Dr.

Al'e«a

oder

Auf geheimnisvollen Wege».

Roman von Eduard Wagner.

106s (Nachdruck verboten.)

Alexa erzählte von Renards Besuch in der Gruft der Kapelle und tote sie ihn belauscht hatte und von den verborgenen Diamanten, welche, wie sie glaubte, zu der vermißten Juwelensammlung des ermordeten Marquis gehörten.

, schwerwiegender Beweis gegen Renard", sagte MiStrange. „Und Du hast es Mr. Dal- 1"." /^ahlt- Du hast ihm doch Deinen Namen nicht verraten, noch die Tatsache, daß ich am Leben bin?"

„Nein, Vater, ich habe mein Geheimnis streng bewahrt. Das Gemach des ermordeten Marquis war feit der Untersuchung nie geöffnet worden. Ich veranlaßte Mrs. Jngestre, es für mich offnen 3“ lassen, besuchte dasselbe mit Mrs. Jngestre, Ars. Matthews und Mrs. Puffet und fand in der Verzierung der Bettstelle ein Stück von einer gol­denen Uhrkette, welches offenbar dem Mörder in dem stattgehabten Kampfe entrissen wurde."

Sie erzählte dann von ihrem Besuch bei Lady w Jn London, von ihrer Rückkehr und dem Auffinden der Kette, zu welcher das Stück gehörte, »n dem Juwelenkästchen Renards.

zweiter Beweis!" sagte Mr. Strange als zuvor. „Und auch das hast Du Mr Dalton erzählt?"

« ®"zählte von ihrem Besuch bei dem Müller Aw Rettuilg seines Kindes und ihrer schließlichen Unterredung mit ihm.

Worw^' ®^rön9e§ Erregung stieg bei jedem ihrer

„Mr. Dalton hat einen Geheimpolizisten zur Beobachtung Renards kommen lassen," fuhr Alexa fort, „und dieser ist nun im Schloß als Heizer. Auch der Müller wird von einem sDeheimpolizisten beobachtet. Diese Männer befinden sich in einem Netz, welches sich immer enger um sie schließt. Die Wahrheit wird bald ans Licht kommen, lieber Vater!"

„Und wenn dies geschieht, verdanke ich Dir Alles, auch mein Leben!" rief Mr. Strange, sie umarmend. „Aber dennoch," fuhr er finster fort, fühle ich mich feltfam beklommen. Es ist noch größerer Kummer für mich in Aussicht. Der Himmel gebe, ,das; dieses Gefühl nicht eine Vor­ahnung neuen Unheils seil"

54. Kapitel.

Ein unglückseliges Zusammentreffen.

Die Unterredung zwischen Vater und Tochter in dem verborgenen Gemach währte mehrere Stunden. Mr. Strange, von neuer Hoffnung be­seelt, versprach, sich noch einige Tage in seinem Versteck aufzuhalten, um die etwaigen weiteren Ereignisse abzuwarten. So viel war zu seiner Rechtfertigung geschehen, so viel Licht war bereits zur Enthüllung des Geheimnisses vorbereitet, daß er wohl zu der Hoffnung berechtigt war, in nicht zu langer Zeit das Brandmal von seiner Sfirne gewischt zu sehen.

Es war eine Stunde nach Mitternacht, als Alexa sich anschickte, sich von ihrem Vater zu trennen.

Mr. Strange bestand darauf, sie zu begleiten.

Alexas Herz pochte heftig bei dem Gedanken an die Begegnung mit ihrem Feinde am nächsten TaW. Er hatte beschlossen, sie zu vernichten. Was würde er nun gegen sie unternehmen?

Ihr Vater erriet ihre Gedanken und teilte ihre Befürchtungen.

„Du darfst des Abends nicht" wieder auf die Terrasse gehen," sagte er. „Wenn Du mir et- was Wichtiges mitznteilen hast, so schreibe einen griechischen Brief und stecke ihn in die Verzierung des abgeschlossenen Kirchenstuhles in der Kapelle, wo ich jeden Abend nachsehen werde. Willst Du das?"

„Ja, mein Vater."

„Nun, noch Eins," sprach Mr. Strange, indem er unruhig in dem verborgenen Gemach hin- und .herschritt. „Ich weiß nicht, was mein Schicksal sein wird; ich fühle aber, daß eine Aenderung nahe bevorsteht. Aus manchen Gründen, haupt­sächlich deshalb, weil Du in der Obhut Deiner Mutter bist, wenn mir ein Unfall zustößt, wünsche ich, daß Du morgen an sie schreibst und sie bit­test, ohne Zögern nach Clyffebourne zu kommen."

„Aber, Vater, sie wird nächste Woche doch kom­men; und welchen Grund könnte ich angeben, der ihre schleunige Rückkehr notwendig machte."

Mr. Strange setzte nachdenkend seinen Gang durch das unterirdische Gemach fort.

„Ich weiß nicht, was ich antworten soll," sagte er. „Aber Du kannst ihr sagen, daß Pierre Ren­ard zu wiederholten Malen Angriffe auf Dein Le- ben versucht hat, weil Du es unternommen, den Namen Lord Stratford Herons zu rechtfertigen. Teile ihr all' Deine Entdeckungen mit und laß sie mit Mr. Dalton reden. Du kannst ihr alles er­zählen, ohne Dich und mich zu verbaten, mein Kind."

„Ich will morgen an sie schreiben," sagte Alexa.

„Und nun will ich Dich nach dem Schlosse be­gleiten. Sei vorsichtig, mein Kind. Wenn Lady Wolga kommt, so stelle Dich unter ihren Schutz, — gehe nach Clyffebourne, sobald sie kommt. Du kannst im Schlosse nichts mehr tun; und Du bist zu Clyffebourne sicherer."

Alexa versprach, feinen Wünschen nachzukom- men. Ihr Vater schloß sie in feine Arme, drückte

sie an fein Herz und küßte sie mit einer Wärme, als nehme er Abschied für immer von ihr. Und in der Tat glaubte er, daß dies das letzte Lebe­wohl sei und daß er seine Tochter nie Wiedersehen werde. Ein banges Gefühl, eine trübe Vorahnung lastete schwer auf ihm. Tränen flössen aus seinen brennenden Augen und feuchteten die Wangen seiner Tochter, welche sich, mit tiefem Weh im Herzen, an ihn schmiegte, worauf sie Abschied nahmen.

Pierre Renard ging am andern Morgen in aller Frühe zu dem Orte seiner letzten Schandtat, um nachzusehen, ob er etwa eine Spur derselben zu verwischen hätte. Er war kaum hundert Schritte vom Schlosse entfernt, als er auf den Müller Gregg stieß, welcher ihn mit grimmigem Gesichte ansah.

„Ich hörte, man hatte Sie im Dorfe gesehen, Mr. Renard," sagte er, „und ich dachte, Mylord fei auch zurück, obwohl die Flagge nicht aufgezo­gen war. Wo der Diener ist, erwartet man auch den Herrn. Wie lange wird Mylord in der Stadt bleiben?"

„So lange Lady Wolga bleibt," erwiderte Pierre.

„Ich möchte ihn sehr gern sprechen, sagte der Müller, „und zwar in gar wichtigen Geschäfte». Wenn Sie mir seine Adresse geben wollten, Mr. Renard, sollte es mir angenehm sein, ich möchte einige Zeilen an ihn schreiben."

„Ihre Geschäfte müssen warten. Mylord kann morgen kommen. Was gibt es denn, Gregg?"

„Ich will für meine Mühle eine Verschreibung auf neunundneunzig Jahre haben," entgegnete der Müller.

Renard pfiff leise vor sich hin.

„Die werden Sie nicht bekommen, meine ich," sprach er. „Mylord wird Ihnen die freie Pacht nicht verlängern, glauben Sie mir das?"

(Fortsetzung folgt?