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M 150.
Fulda, Donnerstag den 4. Juli 1907.
34. Jahrgang.
[] Vie Scharfmacher an der Arbeit.
Immer, noch beschäftigt sich die Presse mit der Tätigkeit des Grafen Posadowsky und seinem ausgedehnten Ressort irtt Reichsamt des Innern. Vornehmlich sind es die Organe der rechtsstehenden Partei en, so der Konservativen und Freikonservativen, welche unausgesetzt allerhand an seiner Sozialpolitik zu mä- kein haben. Sowohl die „Post" als auch die „Kreuzzeitung" widmen in ihrer neuesten Nummer (303 uild 304 vom 2. Juli) dem Rücktritt des Grafen Posadowsky, sowie seinem sozialpolitischen Vermächtnis und der Reform der Ar- beiterversicherung längere Betrachtungen. Die „Post" behauptet sogar, von einem Teile unserer Presse würde für den aus dem Amte geschiedenen Staatssekretär solche Reklame gemacht, daß im Interesse der historischen Wahrheit eine Richtigstellung geboten erscheine. In der Tat läuft aber der Artikel nur darauf hinaus, dem Nachfolger Posadowskys den Weg zu weisen, wie er sich die Zufriedenheit der freikonservativen Sozialpolitiker erwerben könnte. Deshalb wird «eine
Arbciterfürsorge scharf bekrittelt,
lind zum Schluffe des Artikels heißt es: „Daß setzt nach Posadowskys Rücktritt die Mittelst a n d s p o l i t i k im Reiche bester in Fluß kommen wird und daß bei der Sozialpolitik bei aller Arbeiterfreundlichkeit auch die berechtigten Interessen der Arbeitgeber nach ihrem Gewicht Berücksichtigung erfahren werden, dürfte 'm den Augen verständiger Politiker gerade kein Nachteil sein." Wie das zu verstehen ist, hat die „Post" bei früheren Gelegenheiten schon oft zu erkennen gegeben. Wenn es sich mit sozialpolitische Forderungen handelte, hat sie noch immer einen Hemmschuh anzulegen verstanden. Der Artikel der „Kreuzzeitung", welcher das sozialpoli- tische Verniächtnis des Grafen Posadowsky be- ,handelt, Entstammter Feder des Generalmajors z. D. F. von Jagwitz. Er widmet dein Staatssekretär folgende Sätze: „Herr von Äethmann ist dem Grafen Posadowsky im Reichsamt des Innern gefolgt, er wird von allen Seiten, auch von der deutsch-konservativen, mit Vertrauen empfangen. In der Verwaltung groß geworden und noch nicht lange Minister, ist er nicht am grünen Tische verknöchert, sondern mit dem frisch pulsierenden Leben in enger Beziehung geblieben. Es ist daher auch nicht zu befürchten, daß die zünftigen Sozialrefornwr mit ihren weltfremden Auffassungen maßgebenden Einfluß auf ihn gewinnen werden. Als durchaus moderner Mann, der die Aufgaben der heutigen Zeit richtig erkennt, wird er sicher nie vergessen, daß die A r- beiterfürsorge nicht als Selbstzweck einseitig weiter geführt werden darf, sondern sich deut Wohle der Allgemeinheit unterordn en und in die Gcsamtverwaltung als Glied einfügen muß. In dem Streben nach einer redlichen Gemeinschaft zwischen Kapital und Arbeit, wird er, so steht zu hoffen, die Arbeitgeber nicht weiter mit sozialen Lasten überbürden, die sie auf dem Weltmärkte konkurrenzunfähig machen, dadurch die Arbeitsgelegenheit unterbinden und gleichzeitig die Selbsthilfe des Arbeiters lahmlegen und seine Willenskraft fchwä- cheu." Aus diesen Worten spricht
keine allzu große Neigung
zu einer tatkräftigen Fortführung unserer Sozialpolitik. Es offenbart sich darin gleichzeitig wieder der alte Standpunkt der konservativen Elemente, welche in der Schaf- fung neuer sozialpolitischer Gesetze zu Gunsten des Arbeiterstandes immer eine Beeinträch-' traunjj des eigenen Ich finden. Wenn es in dieser Hinsicht nur nach den Wünschen der kon- servativen und freikonservativen Scharfmacher
ginge, wäre es um unsere Sozialpolitik und die auf diesem Gebiete getroffenen Maßnahmen herzlich schlecht bestellt. Deshalb ist es an der Zeit, daß neuen scharfmacherischen Rufen kräftig entgegen getreten wird. Daß bei der Weiterführung unserer sozialpolitischen Reformen nicht allein der Arbeiterstand berücksichtigt werden soll und in der Vergangenheit auch nicht einzig und allein berücksichtigt worden ist, beweisen am besten die feststehenden Tatsachen.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Juli 1907.
* Bei dem Besuch Kaiser Wilhelms in England wird, wie die .Germania^ schreibt, nach halbamtlicher Meldung ein aus zwölf großen Kriegsschiffen bestehendes Geschwader den Kaiser begleiten. — König Eduard wird, wie bestimmt verlautet, auf der Reise nach Marienbad auch dieses Jahr mit Kaiser Wilhelm in Kronberg auf SchloßFriedrichshof eine Zusammenkunft haben.
Hetze gegen die katholischen Beamten des Reichsämts des Innern. Seit der Verabschiedung des Grafen Posadowsky wird in der gegnerischen Presse, namentlich in nationalliberalen Blättern, immer und immer wieder mit Nachdruck auf die „Zentrumssrennd- lichkeit" des verabschiedeten Staatssekretärs hingewiefen. Zum Beweise wird u. a. angeführt, daß Graf Posadowsky die Katholiken in seinem Reffort bevorzugt und zahlreich herangezogen habe. Demgegenüber schreibt der Berliner Mitarbeiter der .Köln. Volkszeitung" u. a.: Im Reichsamt des Innern gibt es 1 Unterstaatssekretär, 3 Direktoren und 23 vortragende Räte, somit 27 Personen in höheren Stellungen. Hiervon sind ganze drei Katholiken; es sind die Herren Dr. Würmeling, Dr. v. Schönebeck und Dr. Bosnisch. Unter 27 insgesamt 3. Ueber die Qualifikation dieser katholischen Beamten habe ich kein Wort zu sagen, zumal die ,Nordd. Allg. Zig/ selbst im Wahlkampfe Herrn v. S ch ö n e b e ck ein solch' glän- zendes Zeugnis ausstellle. Daß Dr. Bosnisch nicht zu früh vortragender Rat geworden ist, hat selbst die ,Deutsche Tagesztg." bei seiner Ernennung hervorgchoben und den Wunsch beige- sügt, daß er hoffentlich bald Direktor der landwirtschaftlichen Abteilung werde. Dieses Blatt ist'aber vom Verdachte der Zentrumsfreundlichkeit gewiß befreit. Dr. Würmeling ist ein altersahrener Beamter, deffen Tüchtig- feit niemand wird bestreiten können. — Nun waren dem Grasen Posadowsky noch eine Anzahl höherer Reichsbehörden unterstellt, er konnte insgesamt zwölf Direktoren und Präsidenten auf diese bringen. Ueberwiegen nun hier die Katholiken? Von zwölf Präsidenten und Direktoren sind zwei Katholiken! Dr. Bumm vom Reichsgesundheitsamt und Dr. Kaufmann vom Reichsversicherungsamt! Also unter zwölf ganze zwei! Ob sie Zentrumsmänner sind, weiß ich nicht; kümmere m>ch auch nicht darum; sie sind politisch nicht hervorgelreten. Bekannt aber ist, daß sie vorzügliche Beamte sind; als Dr. Kaufmann auf seinen Posten kam, haben ihn auch liberale Blätter begrüßt und seither ist diese Anerkennung nur gewachsen. Die tüchtige Be- amtensamilie Bumm aber steht in Bayern wie im Reiche in gleich hohem Ansehen. Diese beiden Präsidenten sind nicht außerhalb der Reihe befördert morden. Wir mußten einmal auf diese
Alexa
oder
Auf neyeimnisvollen Wegen.
Roman von Eduard Wagner.
105 i (Nachdruck verboten.)
„In einer Nacht verschaffte ich mir Eintritt rn das Schloß durch ein zufällig nicht geschlossenes Fenster. Ich schlich mich in ein Fremdenzimmer und holte mir die Decken und bei einem zweiten Gange in derselben Nacht die Matratzen. In der folgenden Nacht machte ich durch dasselbe Fenster, welches nicht beachtet wird, einen Besuch in der Speisekammer und dann im Keller, um mich mit Sperse und Trank zu versorgen. Die Tage habe ich hier verbracht, die Nächte draußen im Freien Ich war in der Kapelle an dem Gesellschaftsabend^ als die Ruinen illuminiert waren. Ich sah und hörte meine — Lady Wolga, obwohl sie meine Anwesenheit nicht geahnt haben kann."
Und Mr. Strange seufzte schwer.
Alexa drückte seine Hand zärtlich. Wie ge- druckt und sorgenvoll sah er aus, wie ein Mann, der den Becher menschlichen Kummers bis auf den Grund geleert hat, der nur noch auf den erlösen- den Tod wartet.
Einige Minuten lang herrschte eine tiefe Stille tu dem unterirdischen Gemache, dann fragte Mr. Strange:
„Wo befindet sich Lady Wolga gegenwärtig?" £°»bon, Vater," antwortete Alexa leise, kehr en'"d nt'^te nach Clyffebourne zurück-
„lind Roland Jngestre, Lord Montheron? Ist er auch rn London?»
„Ja, Vater. Er begleitet sie immer, und wenn fie nach Clyffebourne zurückkehrt, wird er nach .Montheron kommen."
„Wird die Hochzeit bald stattfinden?"
„In einem Monat, sagte Mrs. Jngestre. Aber Vater, glaube mir, Lady Wokpa liebt ihn nicht, sie hat es mir selbst gesagt. Es ist ivahr, sie denkt daran, ihn zu heiraten, und hat ihm versprochen, seine Gattin zu werden, aber unter der Bedingung, — daß er Deinen Namen rechtfertigt und den Mörder meines Onkels den Gerichten überliefert."
„Ich weiß es. Ich habe sie es selbst sagen hören. Sie liebt mich noch, Alexa, sie hat nie an mir gezweifelt und nie aufgehört, mich zu lieben. Ich hörte, wie sie Roland Jngestre das sagte. Ich hörte sie sagen, daß sie gern mein Wanderleben teilen, daß sie meinetwegen Heimat, Ehre und alles aufgeben würde, daß die Scheidung von mir nicht auf ihren Antrag geschah und daß sie mir mit Freuden ins Exil gefolgt fein würde. Aber sie konnte es nicht. Unvergleichliche Liebe, welche Reichtum, Ehre und alles, was die Welt besticht, Preisgeben möchte I O, Alexa, wir haben einen großen Fehler begangen, dadurch, daß wir nach England kamen I Als ich Wolga zürnend und voll Haß gegen mich glaubte, konnte ich mein Los besser ertragen als letzt. Ich liebe sie so sehr, daß ich meine qualvolle Eifersucht ertragen konnte, so lange ich sie unglücklich wähnte; aber zu wissen, daß sie mich liebt, daß sie gelitten hat durch unsere Trennung, daß sie um mich geweint, daß sie meinetwegen schlaflose Nächte und qualvolle Tage verlebt hat, daß ihre Leiden den meinigen gleich gewesen sind, o mein Gott, das kann ich nicht ertragen! Warum bin ich so schmählich verkannt? Warum muß ich büßen für das Verbrechen eines andern?"
Er verhüllte sein Gesicht mit beiden Händen.
Alexa konnte ihm nur mit Liebkosungen antworten.
Er zog sie an sich und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen.
Personalien einaehen, um der OeffeuÜichkeit dar ganze dreiste Lügengewebe zu zeigen. Wenn unter 39 höheren Beamten 5 Katholiken sind, so ist da- einer gewiffen Sorte von Liberalismus schon zu viel. Der Ausschluß der Katholiken ist dar Ziel; nur wer liberal ist, soll aufkommen; daher auch die Agitation gegen den konservativen Unterstaatssekretär (Wermuth, ein Protestant, d. Red.) der wohl weg soll, damit einer der drei liberalen Direktoren im Reichsamte an diese Stelle kommt. Daß Direktor Just gleichzeitig nationalliberaler Landtagsabgeordneter ist, daß die Mehrheit der Räte liberal ist, findet man ganz selbstverständlich; nur katholisch darf keiner sein.
K. Ein geheimnisvoller Besuch- In der ,Tägl. Rundschau' (9tr. 277) erwähnt k er abgefallene Jesuit Graf Hoensbroech in eu m Artikel mit der Ueberschrist: Jesuiten contra „Hochland", worin er seinem jetzigen Berufe entsprechend über die Person und Handlungsweise des Papstes Pius X. seinen Grimm ausgießt, einen „hohen" Besuch. Er schreibt:
„Vor einigen Tagen war einer der höchstgestellten katholischen Geistlichen eines Nachbarlandes bei mir. Mehr als 20 Stunden war er ununterbrochen gereist, um eine zweistündige Unterredung mit mir zu haben, und dann kehrte er in derselben Eile und Heimlichkeit zurück. Er ist religiös-katholisch, aber antiultramontan. Mein letztes Wort zu ihm war: »Wenn Sie für Ihre Kirche, für Ihr Vaterland und für die Welt wirken wollen, dann treten Sie offen hervor. Nikodemuffe erreichen nichts.- Ob rr's tun wird? Ich bezweiste es. Die Furcht vor der Verfol- gungsgeißel, die der Ultramontanismus so kräftig zu schwingen weiß, ist einstweilen noch zu groß."
Vorausgesetzt, daß wir es hier nicht mit einem Falle eitler Renommisterei und Selbstüberschätzung zu tun haben, wie wir es an dem Apostaten schon gewohnt find, ist der Besuch allerdings interessant oder höchstens noch traurig, aber mehr auch nicht. Warum soll es nicht auch heutzutage noch unter den „höchst- gestellten katholischen Geistlichen" Verräter geben, nachdem sogar unter den Aposteln einer gewesen ist? Es sollte uns auch nicht wundem, wenn dieses „Nachbarland", aus dem der Geistliche gekommen ist, Oesterreich wäre. Aber mit der Phrase: „er ist religiös-katholisch, aber nicht ultramontan" möge uns doch ein früherer, wenn auch abgefallener Jesuit verschonen. Denn er sollte wissen, und et weiß es auch, daß ein „religiöser" Katholik auch „ultramontan" fein, d. h. den Papst zu Rom als sein Oberhaupt anerkennen muß; etwas anderes bedeutet aber „ultramontan" nicht. Wenn aber ein katholischer Geistlicher es über sich gewinnt, einen solchen fanatischen Katholiken- und Papst- Hasser, einen ausgesprungenen und abgefallenen Ordensmann, der Treue und Cölibatschwur schmählich gebrochen hat und seitdem die Kirche mit seinem giftigsten Haffe verfolgt, zu einer Belprechung aufzusuchen, dann muß es wahrhaftig schon weit genug mit ihm gekommen sein. Zu einem solchen Besuche paßt die Bezeichnung „religiös-katholisch" wie die Faust aufs Auge. Möge der Herr doch nur den Wunsch des Grasen Hoensbroech erfüllen und möglichst bald auch offen auftreten, nachdem er offenbar innerlich schon längst mit seiner Kirche gebrochen hat. Es-wäre besser.
als daß er wie ein Wolf im Schafskleide sich noch länger in der Herde verberge. Die Kirche hat wahrhaftig die Apostaten nicht zu fürchten; denn Christus hat schon gesagt: „ES müffen zwar Aergerniffe kommen, aber wehe dem, durch welchen fie kommen." Auch Hoensbroech hat eine viel zu hohe Meinung von sich. Wenn der betreffende „höchstgeflellte Geistliche" den Mut der Üeberzeugung hat, möge er offen auftreten, dann wird man schon sehen, was an ihm war. Ja, lieber offen, als em solch' heuchlerisches, unehrliches Spiel treiben!
* Die Kriegervereine des 16. Armeekorps, die wegen Nichtannahme der Kieler Beschlüsse aus dem preußischen Landeskriegerverband ausgestoßen und von der Spalierbildung anläßlich der diesjährigen Kaisermanöver zwangsweise ausgeschloffen worden sind, haben nach einer Meldung auS Dortmund, den Zusammenschluß zu einem freien preußischen Landeskriegerverband beschlossen. Eine allgemeine Delegiertenoersammlung ist zum 14. Juli nach Schwerte einberuseu.
* Die „Sachverständigkeit" des Generalleutnants v. Siebert über osta;rikanifch« Angelegenheiten wird auch von andrer Seite verdientermaßen an den Pranger gestellt. So hat Prof. Dr. G. Volkens vom Botanischen Museum in Dahlem, der Verfasser des Buches ,Der Kilimandscharos in einer Zuschrift an die «Voss. Ztg/ die Darstellung LiebertS über die Verhältnisse in Ostasrika als in vielen Punkten unzutreffend nachgewiesen. Ferner schreibt der Missiousinspektor der Rheinischen Missionsgesellschaft, Pastor Haußleiter in Barmen, der,Köln. Ztg/:
„In seiner Beschreibung der politischen Ver- hältniffe am Kilimandscharo ist der Sachverständige Generalleutnant a. D. v. Siebert rote Sie bereits gezeigt haben, nicht glücklich gewesen. Auch in geographischer Beziehung entsprechen feine Angaben nicht den Tatsachen. Wenn er in den Verhandlungen vom 28. Juni nach den Zeüungsberichten sagte, daß Neuhaus von der Marangustatiou am Kilimandscharo in einer Hängematte „Tausende" von Kilometern weit an die Küste geschleppt werden mußte, so kann sich jedermann durch Nach- meffen auf der Karte davon überzeugen, daß Marangu nur 250 Klm. in der Luftlinie, also etwa 100 Kilometer in der Wegelänge von Tanga entfernt ist."
Und das nennt sich sachverständig!
r. Zum Peters-Prozesse werden noch allerlei Nachklänge bekannt. General v. Siebert hat, wie bekannt, die beiden Disziplinar-Urteile gegen Dr. Peters, Justizmorde und die Art der Urteils- sällung als einen Schandfleck für das ganze deutsche Volk bezeichnet. Wie nunmehr den ,Berl. R. 91/ von unterrichteter Seite geschrieben wird, werden in den zuständigen amtlichen Kreisen zurzeit Erwägungen angestellt, welche Schritte die Regierung wegen dieser Kritik ergreifen soll. Hoffentlich hat es bei den Ltebert'jchen Worten nicht sein Bewenden! Der Abg. Dr. Arendt setzt seine Rechtfertigungs-Versuche fort. Neuerdings veröffentlicht er einen „offenen Brief an den Abg. Eugen Richter", den er selbst bereits im Dezember 1896 an den verstorbenen Abgeordneten gerichtet hat. Im Anschlüsse d 8 an schreibt er jetzt: „Diese Veröffentlichungen aus dem Jahre 1896 genügen allein, die Anschuldigungen der Frau Dr. Kayser zu widerlegen, auch wenn diese nicht noch außerdem mit der Rede Kaysers im Kolonialrate (Oktober 1896) im vollsten Widerspruch stände, und ein solches Ereignis an sich unmöglich lO Jahre lang hätte verborgen bleiben
„Versuche Deine Kräfte, mein Kind," sagte er. „Sage mir, ob Du Dich Wohler befindest."
Alexa machte Anstrengungen, um sich zu erheben.
„Der ganze Körper schmerzt mich," sagte sie, auf ihr Lager zurücksinkend; „aber ich habe nichts gebrochen. Ich werde bald wieder hergestellt ein."
„Gott sei Dank für diese große Gnade! Ich würdige die Gefahr, die Du meinetwegen ausge- tanden hast, Alexa, und flehe den Segen des Himmels auf Dich herab. Möge die Vorsehung Dir all' Deine Liebe und Dein Vertrauen vergelten. Wenn wir uns auch bald für immer trennen, werden wir uns doch im Jenseits wieder- ehen, wo aller Kummer vergessen und alles Un- recht vergeben wird und wo die Geheimnisse aller Herzen bekannt werden."
„Vater, was meinst Du?"
„Ich habe Dich viele Nächte gesucht, um Dir das zu sagen, Alexa. Ich sehe, wie sehr ich mich geirrt habe. Als mein Name mit Schmach bedeckt war, als ich ein Geächteter und Flüchtling wurde, hatte ich kein Recht, ein anderes Leben mit dem meinigen zu verknüpfen. Ich glaubte, Deine Mutter sei meine Feindin geworden. Ich nahm Dich von ihr, um mich in meinem Exil durch Dich zu trösten — und ohne Dich, ohne Deine Liebe wäre ich wahnsinnig geworden. Aber Deine Mutter hatte ein größeres Recht an Dich, als ich, Alexa. Sie trauert noch um mich. Ich kann sie nicht sehen, Alexa, aber ich kann ihr ihr Kind zurückgeben."
„Was willst Du tun?"
„Mich in einen entfernten Winkel der Erde zurückziehen, ober noch besser, nach dem Osten gehen und in dem beginnenden Kriege den Tod eines Soldaten finden."
Alexa's Brust entrang sich ein trauriges Stöhnen.
„Deiner Mutter und Deinetwillen kann ich mich nicht den Behörden meines Vaterlandes ausliefern. Ich kann einen schmachvollen Tod nicht ertragen; aber im Gewühl der Schlacht will ich fallen und sterben, unbekannt mit vielen andern, und niemand wird vermuten, daß so der Mann endete, welcher selbst von denen, die seine Freunde waren und ihn am besten kannten, für einen Verbrecher gehalten wurde!
Alexa richtete sich plötzlich und rasch auf ihrem Lager empor, ihre Wunde vergessend. Ihre lieblichen Augen blitzten wie Sterne, ihr Gesicht strahlte voll von jugendlichem Enthusiasmus.
„Vater, wohin Du gehst, gehe ich mit!" rief sie entschlossen, „ich werde Dich auf keinen Fall verlassen! Aber es wird nicht nötig für Dich sein, aus England zu fliehen. Des Himmels Barmherzigkeit ist endlos. Du hast viele Jahre unter dem Drucke des an Dir begangenen Unrechtes gelitten, aber Deine Leiden werden bald vorüber sein. Bereits beginnt das Licht Deiner bevorstehenden Rechtfertigung."
Mr. Strange taumelte zurück. Er hatte zu lange die schwerste Täuschung ertragen, als daß er noch an eine ihm bevorstehende Freude glau- ben konnte.
„Ich bin überzeugt, daß Nenard der Mörder meines Onkels ist", fuhr Alexa fort, „ich habe Beweise seiner Schuld gefunden."
„Beweise?"
„Beweise, die Mr. Talton von Renards Schuld und Deiner Unschuld überzeugt haben."
„Die Mr. Talton überzeugt haben? Auch er glaubte mich schuldig und suchte mich zum Geständnis zu bewegen. Und nun ist er von meiner Unschuld überzeugt. O, Gott fei Dank!" Er sank auf seine Knie und weinte, tote Alexa nie einen Mann hatte meinen sehen. „Nenne mir die Beweise, Alexa", sagte er bann, nachdem er sich wieder gefaßt hatte.