Einzelbild herunterladen
 

Maer W Zeitung

moitafsbeuege: „$ulb«t GeschichtMSiter

Ji

34. Jahraan»

Fuld a, Montag den 1; Juli 1907

Krstes Wtatt

Rotationsdruck «. Verlag der 5uldaer Ac« tlendrrckerei in Zulda. Zernfprecher Nr. 9.

A«;eigen: Vie ein“ kvaitige petitzeil« oder oerai Raum 15 pfg. NeRamen sie petitzeile 25 Pfg.; bei Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Wchtttü rsglich mit Ausnahnw der Sonn- und.Feiertage viertel« fähri. Sezngrpreir bhne Vringerl^hn und veheügrldinznldaund auswärts 1 Hit soPfg-

Verantwortlicher Schriftleiter:A.W«bl«r

wochenbeiiag^IIluftrierte Sonntagszeitung

' M 147. (b W■ r (»BUOTHh^

[:] Zum Peterrprozetz.

Vor dem Münchener Schöffengericht spielt zur !Zeft der Beleidigungsprozeß des Rerchskomnns- sars a. D. Peters gegen einen Redakteur des Münchener' sozialdeniokratischen Blattes.. Peters hielt im Dezember vergangenen Jahres in Mün­chen zwei Vorträge. Die sozialdemokratische „Mün­chener Post" brachte in Verbindung damit zwei Artikel, welche die Ueberschrift „Hänge-Peters" trugen und sich mit den Taten Peters als Reichs- kommissar in Deuffchostafrika beschäftigten. Peters strengte daraufhin die Beleidigungsklage an. Von beiden Seiten wird mit einem großen Zeugenauf­wande gearbeitet. Für die Petersfreunde, die be­kanntlich über erheblichen politischen Einfluß verfügen, gilt es, die Ehrenrettung eines Mannes durchzusetzen, der Deutschland die k „aussichtsreichste deutsche Kolonie" zum, Geschenk -gemacht habe, und an den zwei kaiserliche Dis- ziplinargerichtshöfe einen „Justizmord" began­gen hätten. Der sozialdemokratische Beklagte und Widerkläger sieht in Peters nur den „feigen Mör­der", der endgiltig unschädlich gemacht werden müsse. Noch in der letzten Reichstagssession wurde von verschiedenen Parteien, auch aus dem Zen­trum heraus, der Wunsch geäußert, die ganze Petersaffäre möchte einmal vor einem

ordentlichen deutschen Gericht

aufgerollt werden, damit das leidige Thema dann endlich aus den Reichstagsverhandlungen und aus der Presse verschwände. Der Prozeß ist noch nicht beendet, und somit ist die Zeit für ein abschließen­des Urteil noch nicht gekommen. An der Hand des Verhandlungsberichts kann man aber schon jetzt soviel feststellen, daß volle Klarheit in dem Sinne, daß beide Parteien sich befriedigt erklären werden müssen, auch dieser Prozeß nicht schaffen wird. Die Vorgänge, um die es sich handelt, lie­gen anderthalb Jahrzehnte zirrück. Es ist da be­greiflich, daß verschiedene Zeugen mit ihren Be­kundungen versagen. Andererseits haben wohl auch Haß und Liebe die Zeugen nach der einen oder anderen Seite, ihnen selbst unbewußt, beein- flußt. Unter den Anhängern des Peters haben sich verschiedene Männer des öffentlichen Lebens für diesen warm ins Zeug gelegt, sodaß sich auf Grund deren Aussagen das Bild ein wenig zu Gunsten des Peters verschoben hat, vorausgesetzt allerdings, daß die weiteren Verhandlungen nicht noch Ueberraschungen bringen. Der für Pe­ters etwas günstigereEindruck wird ver­stärkt, wenn man das Verhalten der Gegenparte betrachtet. Mit unangenehm auffallender Selbst­einschätzung gebärden sich die Herren Genossen wieder einmal als die Staatsretter. Ihnen allein sei es zu verdanken, daß Peters nicht womöglich Leiter des Kolonialamtes geworden sei. In ge­wohnter Leichtfertigkeit hat der Beklagte seine Stellung dadurch verschlechtert, daß er auf jeden Klatsch, der ja in unseren Kolonien ganz be­sonders üppig gedeihen soll, hineingefallen ist. In verschiedenen Einzelheiten hat sich seine Darstel­lung schon als unrichtig erwiesen, eine Tat­sache, die von der Gegenseite selbstverständlich weidlich ausgeschlachtet wird. Gestärkt wird die Position des Beklagten dagegen durch den Umstand, daß man sich beharrlich weigert,, dem Gericht die beiden Urteile der Disziplinargerichts­höfe vorzulegen, angeblich „im Interesse des Rei­ches". — Selbst wenn nur das Bild, das man von Herrn Peters durch den Prozeß erhalten wird, ein wesentlich günstigeres sein sollte als das bis­herige, wird doch von seiner Wiederverwendung im Reichsdienst aus leicht begreiflichen Gründen nicht die Rede sein können. Das haben auch seine intimsten Freunde eingesehen. Von diesem

Standpunkt aus bietet der Prozeß also nur ein rein persönliches Interesse. Allgemeine Aufmerk­samkeit verdient er aber noch wegen der Streif- lichter, die er auf unsere kolonialen Verhältnisse wirst, leider wieder

Streiflichter wenig erfreulicher Art.

Der Aufenthalt in den Tropen mag ja außer­ordentlich veränderte äußere Lebensbedingungen bringen, die auch eine RückwirkungaufdaS Gemütsleben ausüben. Man darf damit aber doch nicht eine Umgestaltung aller Rechts­und Moralbegriffe entschuldigen. In dem Be­richt wird der Leutnant Bronsart v. Schel­lendorff als „ganz heruntergekommener Mensch" geschildert, an einer anderen Stelle wird er als „guter Kamerad" und „tüchtiger Afrikaner" geschildert. Wie reimt sich das zusammen? Die Welt scheint sich im Kopfe eines Kolonialschwär­mers wirklich yanz anders zu malen als in dem eines gewöhnlichen Sterblichen. Auch über die Handhabung der Prügelstrafe, worauf wir noch zurückkommen, werden recht erbauliche Dinge laut. Der als Zeuge vernommene Provinzial Acker hat zugegeben, daß man ohne das Züch­tigungsrecht mit den Eingeborenen nicht aus­komme. Aber zwischen der korrekten Ausübung des Züchtigungsrechts, das bei uns ja auch die Jugenderzieher haben, und dem geübten un­menschlichen Zerschlagen ist ein himmelweiter Un­terschied. Der beschränkte Untertanenverstand wird über diesen Zwiespalt nicht hinwegkommen, auch wenn noch so viele „erfahrene Afrikasachver­ständige" sich hinstellen und mit wegwerfender Handbewegung einfach erklären: „In Afrika sind die Verhältnisse andere als Unter den Linden in Berlin". Die Herren werden schon gestatten müs­sen, daß wir an die sogenannte Herrenmoral die Korrektur unserer Anschauungen anlegen, und wenn die Kolonialpolitik wirklich die Um­wertung aller rechtlichen und sittlichen Begriffs mit sich bringt, dann ist es besser, wir machen die Bude zu. — Als König Friedrich Wilhelm I. das Todesurteil gegen den Jugendfreund Fried­richs des Großen, Katte, vorgelegt wurde, schrieb er an den Rand: „Wenn dem Katte die Sentenz publiziert wird, so soll ihm gesagt werden, daß es dem König leid täte; es sei aber besser, daß Katte stirbt, als daß die Gerechtigkeit aus der Welt komme." Das war der extreme Standpunkt: Recht soll werden, möge auch die Welt zugrunde gehen. Wir wollLN^tnewn MtaiGpnnkt für wnfete Zeit nicht verteidigen, er ist aber tausendmal bes­ser als jener blasse Grundsatz, den die Herren ko­lonialen Uebermenschen sich als Richffchnur dienen lassen.

s—»«SS—s——s——»

Deutsches Reich.

Berlin, 29. Juni 1907.

* Posadotvskys Bedeutung für die Sozialre­form würdigt die Soziale Praxis (Nr. 39) in einem Artikel: Der Wechsel im Reichsamt des Innern und die Sozialreform. Das Blatt nennt den Grafen Posadowsky einen Staatsmann von tiefer Gewissenhaftigkeit, rastlosem Fleiß und be­herrschendem Wissen, der ehrlich und überzeugt, nach seinem besten Können die soziale Reform als ein Postulat staatlicher und sittlicher Notwendig­keit vertreten habe. Was nun die Bedeutung sei­nes Abschiedes für die Sache der Sozialreform anlangt, speziell die Frage, ob er eine Wendung nach der Seite der Reaktion,,der Ausnahmegesetz­gebung bringen kann, so stellt es die soziale Pra­xis als unzweifelhaft hin, daß mächtige Gruppen nach dieser Richtung hin treiben. Vom Fürsten Bülow könne sie aber bestimmt versichern, daß er auch heute noch in der Frage der Sozialreform mit dem Grafen Posadowsky eines Sinnes sei. Gleichwohl hält die Soziale Praxis die M ö g l ich- feit eines neuen Kurses nicht für aus­

geschlossen. Als bezügliche Anzeichen nennt sie vor allem das Bestreben, mit verstärktem Arbeitswil­ligenschutz in Bahnen eines neuen Zuchthausge- setzes einzulenken, und die auffallende Begünsti­gung der gelben Gewerkschaften von oben her. Wörtlich heißt es dann: Ob nun diese Anzeichen einer Verflachung oder einer Reaktion in der So­zialpolitik wirksam werden, dafür wird man eine untrügliche Probe im Gesetzentwurf über das Reichsvereins- und Ver­sammlungsgesetz erhalten, der in Vorbe­reitung für die nächste Reichstagssession ist. Für ihn trägt der Reichskanzler die uneingeschränkte Verantwortung; er hat diese Reform zuerst an­gekündigt, er muß die Einzelheiten der Ausarbei­tung bis ins kleinste überwachen, er wird ihn vor dem Parlament vertreten. Unendlich mehr als alle Maßnahmen der Sozialversicherung und des Arbeiterschutzes bedeutet für den Gang unserer Sozialpolitik und damit für die Ordn mg des wichtigsten Gebietes des gesamten inneren Lebens der Nation die Lösung dieser Ausgabe. In ihr wird sich erweisen, welcher Geist int Reichsamt des Innern waltet, und wie der neue Staatssekretär unter Leitung des Reichskanzlers seine Pflicht anffaßt. Der Politik der konservativ-liberalen Paarung ist Gras Posadowsky zum Opfer gefal­len, aber diese Politik wird selb st zer­schellen, wenn die Reform des Ver­eins- und Versammlungsgesetzes nichtvomGeistederFreiheitunddes Vertrauensgetragenist. Besonders ver­trauensvoll klingen diese Ausführungen nicht. — Das Zentralblatt der christlichen Gewerk­schaften (Nr. 13) schreibt über den Grafen Po­sadowsky u. a_: Es hat keinen Minister gegeben, der sich auf allen Bänken des Hauses — auch bei seinen Gegnern — einer solchen persönlichen Ach­tung und Beliebtheit erfreute, wie Posadowsky. Wenn er sprach, lauschte alles mit gespanntester Aufmerksanikeit — und er sprach nicht selten. Deshalb hat auch Graf Posadowsky außerhalb des Parlaments, speziell bei der christlich-nationalen Arbeiterschaft, eilt so großes Vertrauen und so große Achtung gesunden. Wir können mit gutem Gewissen sagen, den christlichen Arbeitern galt Po­sadowsky als der Gewährsmann für die Fortsetzung der Sozialreform. Sie wird ihm ein bleibendes dankbares Andenken be­wahren. Was die Wirkung des Rücktritts Posa- dowskys anbelangt, so meint das Organ der christ­lich?^ Gewerkschaften, daß auf alle Fälle ein S t i l lst a n d in der sozialen Reformarbeit zu er­warten sein werde, wenn auch günstigenfalls nur vorübergehend. Es fei schier unmöglich, daß ein Nachfolger sich so rasch in die schwierige Materie dieses Ressorts einarbeite, um die von der Regie- rllng angekündigten sozialpolitischen Reformarbei­ten zu verwirklichen.

* Genügt unser Bolksschulunterricht den Anforderungen des Lebens? Diese Frage be­handelt Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat Brandt im Julihest der Preußischen Jahr­bücher. Seine Darlegungen kommen zu folgendem Ergebnis: Das schultechnische Gebiet des Volksschulwesens ist durchaus sachgemäß ausge­bildet. Für die Zukunft ist jedoch nach zwei Richtungen eine weitere Entwickelung erforderlich. Wir bedürfen eines.berufsmäßigen Schul­beamtenstandes und einer lebhafteren Beteiligung des Volkes an den Angelegen- heilen der Schule. Beide Verbesserungen setzen neue Einrichtungen voraus, bei deren Bildung die Mitwirkung weiterer Kreise erforderlich sein wird.

Bier Wochen Bauarbeiterstreik. Schon mehr als einen Monat stehen die Berliner Bau­arbeiter im Streike, und noch ist die Kriegslust von keiner Partei gedämpft. Die Bauarbeit

ruht und die Neubauten machen vielfach den Eindruck von Ruinen. Die Arbeitgeber, die durch den Verband Berliner Baugeschäfte reprä­sentiert werden, hatten frohgemut den Fehde­handschuh, den ihnen die Arbeiter durch Aufstel­lung der Forderung der Achtstundenarbeit hin- geworsen hatten, ausgenommen. Sie hofften, daß die Aussperrung einmal reinen Tisch im Berliner Baugewerbe machen werde, daß die Unsicherheit der Kalkulation, eine Folgeerscheinung der beständigen Neusorderungen der Arbeiter, endlich beseitigt werden würden. Sie hegen ferner die. Hoffnung, daß der Kampf rationellere Verhältnisse im Berliner Baugewerbe dadurch schaffen werde, daß er die ungesunden Elemente ausscheide. Von diesen Hoffnungen des Bau­gewerbes scheint bisher nicht eine einzige Erfüllung gesunden zu haben. Der Verband Berliner Baugeschäfte und die verschiedenen Industrien, die als Lieferanten für das Bau­gewerbe in betracht kommen, hatten am Beginn des Lohnkampfes eine Einstellung der Lieferungen für das Berliner Baugewerbe und teilweise eine Schließung der Betriebe in Aussicht genommen. Mörtel, Ziegel, Holz, Träger usw. sollten — so war es beabsichtigt gewesen — in Berlin während der Dauer der Aussperrung nicht zu haben fein. Aber die Abnehmer dieser Industrien bestanden vielfach auf Erfüllung der eingegan­genen Lieferungsverpflichtungen und sie tonnten darauf bestehen, weil, wir die Gerichte wieder­holt festgestellt haben, im Falle einer Arbeiter- aussperrung der Einwand der „höheren Gewalt" nicht erhoben werden kann. Ein Teil dieser Baugeschäste, die außerhalb des Verbandes Ber­liner Baugeschäste stehen, hat die Forderungen der Arbeiter in wesentlichen Punken bewilligt, und so schießen denn im Osten Berlins, ganz besonders aber in Nixdorf, neue Häuser in dir Höhe; die Ueberproduklion im Berliner Bau­gewerbe nimmt weiter zu. Der Versuch der die Rohstoffe für das Baugewerbe liefernden Ge­schäfte, durch Ablehnung jeder Kreditgewährung die minderwertigen Bauunternehmer zur Ein­stellung ihrer Tätigkeit zu zwingen, muß als mißlungen bezeichnet werden. Bauunter­nehmer, die früher als faule Zahler bekannt waren, regulieren jetzt per Kasia, weil ihnen eben an einer Aufrechterhaltung ihrer Betriebe um jeden Preis gelegen, ist. So kam es, daß die Mörtelwerke, die Ziegeleien, die Fuhr- und Ausschachlungsgeschäste, kurz alle jene Betriebe, die für das Baugewerbe arbeiten, gezwungen wurden, die ursprünglich geplante Betriebsein­stellung fallen zu lassen und partiell weiter zu arbeiten. Auf feiten der Arbeiter aber scheint man zu merken, daß der Achtstundentag eine Forderung ist, die sie nicht erreichen. Der Ver­band Berliner Baugeschäste hat jetzt angekündigt, daß er vom 1. Juli ab Arbeitswillige zu den bisherigen Arbeitsbedingungen einstellt. Am 1. Juli wird also der Lohnkampf erst seine entscheidende Phase erreichen. Die Arbeitgeber hoffen, genügend Arbeitswillige zu erhalten, um den Betrieb wieder voll ausnehmen zu können. Die Arbeiter haben eine überaus weitausgedehnte Organisation geschaffen, um den Zuzug von Ar­beitswilligen von außerhalb zu verhindern. Ein Teil der auSgefperrten Berliner Bauarbeiter ist, um die Streikkassen zu entlassen, nach der Pro­vinz abgeschoben worden, ein Teil hat aus dem­selben Grunde als Hilfsarbeiter bei dem Bau der Untergrundbahn, in Asphaltgeschästen, in Ausschachtungsgeschäften usw. Arbeit genommen.

Ale«cr

oder

Auf geheimnisvollen Wege«. '

Roman von Eduard Wagner.

100] (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung aus dem zweiten Blatt.)

Sie beschleunigte ihre Schritte und hatte bald bas Dorf und den Park im Rücken. Die Licht­strahlen aus dem Schlosse beleuchteten ihren Weg. Da plötzlich hörte sie Knarren von Rädern hinter sich. Nach kurzem hatte ein Wagen sie erreicht und Pierre Renard sah aus dem Fenster über­rascht auf die schlanke Gestalt, die er sogleich er­kannte. Im ersten Moment wollte er aus dem Wagen springen, er besann sich jedoch; aber in dem Blick, den er ihr zuwarf, lagen die tödlichste Wut und die wildeste Nachsucht.

Der Wagen fuhr auf der Fahrstraße mit ihren Windungen weiter, während Alexa die Stufen der Terrasse hinaufftieg und in das Schloß trat. Sie begegnete Renard in der großen Halle. Er zog feinen Hut, aber sie tat, als bemerkte sie es nicht und eilte an ihm vorüber auf ihr Zimmer. Daß seine Rückkehr durch ihren Besuch in London veranlaßt worden, schien ihr unzweifelhaft.

Sie begab sich in das Speisezimmer, wo sie allem war, und von dort zu ihrer Wirtin.

„Setzen Sie sich, meine Teure", sagte Mrs. trieb "®’e Sie sich die Zeit ver-

Vormittag fuhr ich ins Dorf und am ^cacymittag machte ich einen Sparziergang", er- roroerte Alexa. „Es freut mich. Sie heute abend . bester zu finden! Uebrigens ist Pierre Renard gekommen bor zirka einer Stunde."

„Renard- Dann ist der Marquis wohl auch gekommen? 'ragte MrS. Jngestre verwundert.

„Nein, er kam allein. Er hat gewiß von un­serem Besuch in London gehört, und ist gekommen, uns zu bewachen," sagte Alexa.

„Dieser freche, abscheuliche.Mensch!" rief Mrs. Jngestre, welche den Diener ihres Schwagers nie hatte leiden mögen, und die nun anfing, Alexa's Ansicht, daß Pierre Renard der Mörder des vori­gen Marquis war, zu teilen. „Sie müssen sehr vorsichtig und verschwiegen fein, wie das Grab, Alexa."

Diese schien es für das Beste zu halten, Mrs. Jngestre von ihren heutigen Forschungen nichts mitzuteilen. Sie lenkte das Gespräch auf ober­flächliche Dinge, dann begann sie zu lesen und las so lange, bis Mrs. Jngestre eingeschlafen war, worauf sie sich dann in ihr Zimmer begab.

Sie saß bis spät in der Nacht am Fenster und sah hinaus auf die See. Sie hatte das Licht aus- gelöscht und sich zum Schutze gegen die eindrin­gende Nachtluft in einen Shawl gehüllt." Von den Erlebnissen des Tages schweiften ühre Gedan­ken zu ihrem Vater. Wo war er? Hatte er Eng­land verlassen? Diese Frage beunruhigte sie. Er hatte sich von Leicester Square entfernt und nicht an sie geschrieben. Sollte er noch in der Umge­gend von Montheron weilen? Oder war er in die Hände seiner Feinde gefallen, die seine Gefangen­nahme noch nicht veröffentlicht hatten?

Die Uhr schlug zwölf. Noch saß Alexa sinnend am Fenster. Im Schlöffe und rings umher herrschte tiefe Stille.

Plötzlich schreckte sie ein leises Geräusch an ihrer Tür auf. Sie richtete sich empor und lauscht» aufmerksam. Der Drücker der Tür wurde leise, fast geräuschlos, bewegt.

Alexas Herz schien still zu stehen.

Sie hatte die Tür verschlossen und von dieser Tatsache schien sich derjenige, der einzudringen versuchte, zu überzeugen. Im nächsten Augenblick wurde das Knarren eines Instrumentes im Schloß

hörbar und der Schlüssel fiel auf den Boden des Zimmers nieder.

Eine kleine Pause folgte.

Alexa wagte kaum zu atmen.

Wieder knarrte es am Schloß, als werde ein Instrument ins Schlüsselloch gesteckt, und nach einer Weile bemerkte Alexa, daß ein seltsamer Geruch das Zimmer erfüllte — der Geruch eines erstickenden Gases, der nicht nur ihre Sinne, son­dern auch ihren Willen und Körper lähmte.

Begreifend, daß Pierre Renard einen neuen teuflischen Plan ersonnen hatte, sie zu vernichten, beugte sie sich weit aus dem Fenster hinaus und atmete in langen Zügen die frische Nachtluft, welche neu belebend auf ihre Nerven einwirkte.

Endlich, eine halbe Stunde war verflossen, als ein leises Geräusch verkündete, daß Pierre Renard sich entfernte, in der festen Ueberzeugung, daß seine Absicht erreicht, Alexa tot fei.

51. Kapitel.

Eine Erscheinung.

Als am folgenden Morgen Alexa sich zu Mrs. Jngestre begab und die Halle betrat, öffnete Pierre Renard ein wenig seine Türe und sah be­gierig durch die Spalte auf das Mädchen. Schon seit einer Stunde hatte er gelauert und bei jedem Geräusch die Tür geöffnet, in der Erwartung, einen durchdringenden Schrei zu hören bet dec Entdeckung, daß Miß Strange tot fei. Bei ihrem Anblick erschrack er heftig, als wäre sie eine gei­sterhafte Erscheinung. Er war kaum imstande, zu begreifen, daß fein teuflisches Unternehmen wieder ohne Erfolg geblieben und der Gegenstand seines wildesten Hasses abermals feiner Hand entgangen war. Er lehnte sich in einer Art Betäubung an den Türpfosten, als Alexa in dem Zimmer ihrer Wirtin verschwand.

„Wieder ist sie mir entkommen!" murmelte er, wie er wieder Herr seiner Gedanken war. „Wie ging das zu? Ihr Fenster muß offen gewesen

fein! Nein, nein, ihr Entkommen war Zufall, reiner Zufall! Das soll beim nächsten Male nicht geschehen."

Alexa sagte Mrs Jngestre nichts von dem er­neuten Angriff auf ihr Leben und als sie etwa eine Stunde später dem Diener begegnete, da ver­riet sie mit keiner Miene, daß sie Kenntnis von feiner Feindschaft und feinen teuflischen Plänen gegen sie hatte, was ihn in feiner Vermutung be­stärkte, daß sie nur durch einen Zufall dem Tode entgangen war.

Die Rückkehr Pierre Renards ohne seinen Herrn gab der Dienerschaft Stoff zu allerlei Muk- maßungen. Dem Gerede wurde jedoch ein Ende gemacht durch die Erklärung Renards, daß fein Herr ihn nach einigen wichtigen Papieren geschickt habe und daß er, da dieselben verlegt waren, viel­leicht ein paar Tage auf dem Schlosse verweilen müßte. „

Als er am vormittag zu einer spateren Stunde in die Bedientenstube trat, hörte er einige Män­ner über das Montheron-Drama reden. Er hörte aufmerksam zu und auf feine Fragen erfuhr er, was die Veranlassung zu der Unterhaltung gege­ben. Es war nämlich der Aberglaube unter den Leuten verbreitet, daß der Geist des ermordeten Marquis wieder erschienen sei, um das Schloß zu beunruhigen, und daß dieser Geist in der Nacht wiederholt n den Ruinen auf der oberen Terrasse gesehen worden sei.

Pierre Renard horchte hoch auf bei diesem Be­richt. Auf weitere Erkundigung erfuhr er, daß das Gerede von einem Stallknecht ausging, wel­cher vor zwei Tagen zur späten Nachtstunde von seiner Braut aus dem Dorfe gekommen war. Vom Dunkel der Bäume aus hatte er eine menschliche Gestalt auf der oberen Terrasse hin- und hergehen sehen. In der Meinung, es sei einer seiner Ka­meraden, war er näher geschlichen, um ihn zu überraschen. Aber der Schreck hatte ihn betäubt Als er hinter einer Marmorstatue hervortrat, santz