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34. Jahrgang.

Fulda, Montag dm 24. Juni 1907

M 142

1906

1905

Retattonsbnid «. Verlag der Suldaer Ak« tienbr idtrel in Snlba. Zernsprecher Ur 9.

185.75

175.—

der Getreidezölle würbe jetzt unserem Bauern­land nicht schaden; er könnte ruhig einmütigen, veil er nichts mehr verkauft, aber den Vorteil hätten doch nur jene Händler, die dann Getreide einführen wollen: alle Händler, die verzolltes Getreide im Inlands haben, würden Verluste erleiden, wenn der Getreidepreis fällt; 7) ob der Getreidepreis fällt, ist aber noch unsicher; als Frankreich 1891 seine Getreidezölle aufbob, wurde das Getreide nicht billiger; 8) eine Er­höhung der Brotpreise ist trotz der gesteigerten Getreidepreise nicht eingetreten; der Getreioe- weis ist nur ein Faktor, der für den Brotpreis in betracht kommt. Das Geschrei der freisin- nigen Presse entbehrt also j e d e r Begründung. Nachdem man nicht diesen Sommer mit dem

Fleischwucher" kommen kann, muß schnell der „Brotwucher" wieder herhalten; man kennt nachgerade diese Komödie!

* Z»m Schnlstreik iu der Provinz Posen. Wie streng gegen die am Schulstreik beteiligten Eltern und Kinder vorgegangen wird, beweist eine V L r« fügnng der Regierung Breslau:

Ihr ist bekannt geworden, daß in der Provinz Posen wohnhafte Eltern, deren Kinder im katho­lischen Religionsunterrichte an dem Schulstrelk teilgenommen haben, und aus diesem Grunde zum Ostertermine aus der Schule »richt entlassen worden sind, beabsichtigen ihre Kinder in die Pro­vinz Schlesien als Hüte- und Dienstkinder über­treten zu lassen, in der Meinung, daß hier eine baldige Entlassung der Kinder zu erreichen sein werde. Sie legt nun Gewicht darauf, über solche Fälle genau orientiert zu sein, und ersucht die Kreisschulinspektoreu, jeL.ii Fall des Uebertritts eines solchen Kindes in ihren, Aufsichtsbezirk ihr alsbald anzuzeigen und dabei die Frage zu er­örtern, ob und von welchem Zeitpunkte ab die betreffenden Kinder ihren Widerstand gegen den deutsch erteilten Religionsunterricht aufgegeben haben; unter keinen Um st änden aber ist eine Schulentlassung von Kin­dern, die in der Provinz Posen ge- ft reift haben, ohne ihre vorher ein­zuholende Genehmigung zuzulas­sen. Die Herren Kreisschulinspektoren des Re­gierungsbezirks Posen sind angewiesen worden, dafür zu sorgen, daß in dieUeberweisungs- scheine solcher Schulkinder ein entspre­chender Vermerk ausgenommen wird. Auch die beiden anderen Regierungen in Schle­sien dürften Verfügungen ähnlichen Anhalts er­

lassen haben.

* Der sozialdemokratische Parteitag ist, tote der „Vorwärts" bekannt gibt, durch dm Partei- vorstaitd auf den 15. September nach Essen an der Ruhr einberufen toorden. Die • vorläufige Tagesordnung weicht in ihrer Zusammensetzung von dem bisherigen Programm der sozialdemo­kratischen Parteitage nicht ab. Das Hauptreferat „Die letzten Reichstagswahletr und die politische Lage" hat Herr Bebel übernommen, den par­lamentarischen Bericht erstattet. Dr. Sude k u m. über den Internationalen Kongreß berichtet Singer, die Maifeier behandelt Fischer und Wurm endlich spricht über die Alkoholfrage. Um mit letzterem Punkte zu beginnen, so scheinen die Sozialdemokraten die Alkoholfrage, welche sie früher nicht zum Gegenstand einer Besprechung machten, dauernd in das Programm der Partei- tage ausgenommen zu haben. Den Angel- p u n k t der diesjährigen Beratung bildet zweifel­los das Referat des Abgeordneten Bebel. Seit den Wahlen von 1903 machte sich auf den Par­teitagen das Gefühl eines unaufhaltsamen Sie­geszuges gegen die bürgerliche Gesellschaft be­merkbar. In volltönenden Phrasen wurde den Arbeitern eingeredet, daß man von dein Zeit­punkt der Eroberung der politischen

Erscheint «glich «N Ausuahme der Soim> undzeiertag«. viertel- jährt.Bezugspreis ebne Vthigtrbbn und vesteUgeldinzuldaund auswärts I HU. SV pfg-

jener Information kann, in Ansicht der Gewährs­stelle der ,Milit. - Polit. Korrespondenz' kein Dementi rütteln; der Herbst und später das Jahr 1910 werden dem Warner von heute nur allzu recht geben. Die von den Ueberoffiziösen beliebte Art deS sommerlichen laisser faire, laisser aller mag allerdings seine politischen Be­quemlichkeiten haben. Verdienstlicher aber er- scheint es, das erwartete zweite Steuerkmd schon vor der Niederkunft beim rechten Namen zu nennen, und so den deutschen Staatsbürgn', die öffentliche Meinung, die verschiedenen Interessenten- kreise bei Zeiten zu Mitberatern an den Finanz- I sorgen der Regierung zu machen." _

* Die Beratung über die Zivilprozeyreform wird, nachdem die Konferenzen zwischen den -Ver­tretern des Justizministeriums und der Berliner Anwaltskammer beendet sind, demnächst ihren Fortgang nehmen, sobald die Aeußerungen der einzelnen Bundesstaaten zu den vorgeschlagenen Aenderungen der Zivilprozeßreform emgegangen sind. Man hofft, daß die neue Redaktion des Gesetzentwurfes noch im Laufe dieses Herbstes erledigt werden wird.

Für Herabsetzung der Getreidezölle I treten bereits freisinnige Blätter ein, weil die Getreidepkeise in die Höhe gegangen sind; diese Blätter machen folgende Rechnung auf: Der Weltmarktpreis, der für Futtergerste m den letzten 10 Jahren durchschnittlich kaum 90 Mark per 1000 Kilogramm unverzollt bis zur deutschen Grenze betrug, erreichte in der letzten Zeit eine Höhe von 135 Mark; Hafer, welcher durchschnittlich ungefähr 10O Mark kostete, wird heute mit 145 Mark bezahlt; Roggen, dessen Durchschnittspreis ungefähr 105 Mark fein dürfte, wertet heute über 150 Mark, gegenüber 1 einem Durchschnittspreis von 130 Mark. Hafer, Roggen und Weizen, für die wir unsere Zölle erhöhten, stiegen im Preise ebenso wie Futter­gerste, für die der deutsche Einfuhrzoll er­mäßigt wurde. In Deutschland macht sich naturgemäß unter dem Einfluß der gleichzeitigen Steigerung der Weltmarktpreise, welche voll und ganz in “ den Inlandspreisen zum Ausdruck kommen, der erhöhte Zoll äußerst fühlbar. In Berlin notierte am 15. Mai dS. Js. per Mai-

„Und Sie fanden nur den Staub, dec sich wäh­rend der vielen Jahre auf die Mobilien und ben Fußboden gelagert hat." .

„Ich sand mehr als das. Der Schein des Feuers drang in die tiefen Spalten der Verzie­rung an der Bettstelle und einer der Strahlen traf ein Stückchen Gold, welches in einer solchen Spalte verborgen lag und mir in die Augen fiel. Ich zog es heraus und es erwies sich als Stück einer Kette — einer Herren-Uhrkette. Es ist den Augen aller, die das Zimmer durchsuchten, entgangen, und ich mußte es nach so vielen Iah- reu finden."

„Wo ist es?"

„Ich glaubte, daß es dem Mörder gehört hatte und in dem Kampfe, welcher dem Morde voranging, diesem von dem unglücklichen Mar­quis entrissen worden war. Ich brachte es so­gleich zu Mr. Dalton, welcher es nebst den Aus- sagen der Mrs. Jngestre, Mrs. Matthews, Mr. Puffet und den meinen unter Siegel hat."

„Ich muß es sehen!" rief Lady Wolga erregt. „Mit dem nächsten Zuge reise ich nach Mont Heron."

„Ich habe zwei Glieder der Kette mitgebracht, um sie Ihnen zu zeigen. Niemand erkennt sie oder erinnert sich, eine ähnliche Kette gesehen zu haben. Hier sind die Glieder. Sagen Sie mir, Mylady", und Alexa's Augen hingen durchboh. rend an den Lippen ihrer Mutter, als wollten sie die Antwort schon im Voraus von denselben ablesen, „wenn Sie sie nicht kennen, bitte ich Sie, Felice zu rufen; vielleicht kann sie Auskunft darüber geben", und Alexa dachte wieder an Pierre Renard.

Lady Wolga nahm die beiden Glieder aus Alexa's Hand und betrachtete sie lange und auf­merksam.

„Haben Sie jemals eine Kette wie drese ge­sehen, Lady Wolga?" fragte das Mädchen noch­mals.

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Die Berechnung nun, daß die erhöhten Ge­treidezölle die Ursache der höheren Preise in Deutschland sind, stimmt gar nicht. Denn es steht fest 1) Der Weltmarktpreis ist im letzten Jahre für Weizen um 20 Mark gestiegen; der Inlandspreis um 18 Mark, für Roggen um 45 Mark der Weltmarktpreis, der Inlandspreis um 43 Mark uiw. Wir haben es also mit einer allgemeinen Erhöhung der Preise zu tun, da namentlich Rußland eine Mißernte hat; 2) der Preis für die Futtergerste ist aud gestiegen, obwohl hier der Zoll von 2 Mk. au 1.30 Mk. ermäßigt worden ist; 3) der deutsche Bauer hat jetzt im Juni sehr wenig Getreide zu verkaufen; er macht also nicht die hohen Preise, noch hat er Vorteile hiervon; 4) es ist eine ganz bekannte Tatsache, daß in der letzten Zeit un- gewöhnlich hohe Getreidespekulationen einjetzen und daß diese die Preise heraufgetrieben haben; 5) im Juni, d. h. vor der Ernte, sind die Preise stets am höchsten; 6) die Herabsetzung

auSgeführt, «S müffe mit der Gegnerschaft gegen das Zentrum ernst gemacht werde«. Es liegt tat­sächlich die Vermutung nahe, daß der Staats­sekretär

mit Rücksicht auf das Zentrum zur Strecke gebracht

worden ist. Nicht nur hft Interesse der Sozial­politik, sondern auch im Interesse des Reicher ist sein Abschied sehr zu bedauern, denn Graf Posadowsky war ein Mann von vielseitigem Wissen und ungeheurer Arbeitskraft, wie wir sie selten bei Staats­männern finden und wie sie bei keinem unserer I gegenwärtigen Minister vorhanden sind. Er war kein Mann des Parketts, kein Mann diplomatischer Jntriguen, kein Minister, der den Mangel an Kenntnissen durch wohlgesetzte Phrasen verdeckte, kein Minister, der sich mehr in Salons als in der Arbeitsstube aufhielt, sondern ein Mann, der nur der Arbeit für das Vaterland lebte, und den man des morgens um 8 Uhr sowohl wie spät in der Nacht bei der Arbeit antreffen konnte. Er hat । daher vielleicht auch keine Zeit gehabt, vom Kaiser oft empfangen zu werden, denn man hat .selten von einem solchen Empfang gehört. Viel­leicht hat es seinen Sturz beschleunigt, daß man! ihm jetzt zumutete, das Börsengeseh, das er zweimal dem Reichstage vorgelegt hat, in einer Form, die im allgemeinen die Mittellinie zwischen ben Wünschen der Parteien innehielt, jetzt in einer Auflage an den Reichstag zu bringen, die dem Liberalismus auf den Leib zugeschnitten ist. Sein Nachfolger v. Bethmann ist ebenfalls ein tüchtiger Beamter. Er ist eine Individualität, aber in fozialpolitischer Hinsicht ein Neuling. Bedeutet er einen Systemwechsel? Bedeutet er die Abkehr von der Sozialreform und die Annäherung an das Scharfmacher- tum? Wer will das in diesem Moment sagen? Das steht fest, daß er liberalisierende Neigungen hat; ob er aber wirklich den Wünschen des Liberalismus entspricht, dahinter möchten wir ein Fragezeichen machen. Noch vor wenigen Tagen wurde er von der liberalen Presse als ein Mann der Reaktion verschrieen. Ob mit der Verabschiedung der besten Minister die Veränderung abgeschlossen ist, muß abge- wartet werden. Sollte es der Fall fein, so würde daraus der Anbruch eines liberalen Kurses zu entnehmen fein.

Lieferung:

SBeijen203.50M, Roggen203.—^4, Hafer 194.50^

„Lord Stratford Heron besaß keine solche Kette", erklärte Lady Wolga bestimmt. „Sie ist so eigentümlich, daß ich sie nicht hätte vergessen können: auch habe ich sie nicht bei dem ermor­deten Marquis bemerkt. Ich bin fest überzeugt daß sie dem Mörder gehörte."

„Vielleicht kennt sie Felice?"

Lady Wolga schüttelte den Kopf.

„Wir wollen sie Felice nicht zeigen", sagte sie. „Ich denke, — ja ich weiß es ganz gewiß, daß ich schon eine Kette wie diese gesehen habe."

„Sie? Aber wo? Wo?" rief Alexa erregt aus.

„Ich muß erst ganz sicher sein, ehe ich mehr sage", erwiderte Lady Wolga. „Sie haben recht getan, mit Ihrer Entdeckung zu mir zu kommen. Lassen Sie mir diese beiden Glieder nur wenige Tage und ich will sehen, ob nicht mehr Licht in die Sache zu bringen ist."

Alera zögerte. Es schien ihr, daß Lady Wolga, mit dein Gedanken an ihre Heirat mit LordMont- beron beschäftigt, nicht hinreichend interessiert sein könnte, den Namen ihres Gatten wieder herzustellen.

Lady Wolga bemerkte ihr Zögern.

„Ich sehe. Sie wollen mir diese Fragment« nicht lassen, auch nicht auf wenige Tage", sagte sie. „Mein Kind, Lord Stratford Heron war mein Gatte. Diese Dinge können seine Unschuld beweisen, und sie gehören mir, bis sie vor Gericht gebracht werden sollen".

„Sie mögen Sie bis zu der von Ihnen ge­nannten Zeit behalten, Lady Wolga; aber wenn Sie Ihren Verdacht inbetreff der EigentuMer- schast bestätigt finden, bitte ich Sie, mich *n ihr Vertrauen zu ziehen. Ich beanspruche dieses Ver­trauen als mein Recht; denn ich habe die Kett« gefunden und gelobt, den Namen Lord Stratfor# Herons von jedem Schatten von Schmach zu reinigen 1

f] Der preußische Ministersturz.

Während sich die Berliner Abendzeitungen am Samstag noch in ben weitgehendsten Vermutungen darüber ergingen, ob Fürst Bülow in Kiel eine Entscheidung in der inneren Politik herbeigeführt habe und welchen Männem in unseren Ministerien über kurz oder lang der blaue Brief deS Herrn v. LucanuS drohe, brachte die offiziöse ,Nordd. Allg. Ztg/ die Meldung, daß die Krisis bereits eingetreten ist.

Ihre ersten Opfer sind, wie der Draht schon berichtet hat, der Staatssekretär des Innern Graf v. Posadowsky und der Kultusminister Dr. v. Studt. Jener wird durch den preußischen Minister des Inneren v. Bethmann-Hollweg ersetzt, dieser durch den Unterstaatssekretär im Ministerium der öffentlichen Arbeiten Holle. Zum Nachfolger v. Bethmann-Hollweg ist derOberpräsident

Dr. von Bethmann-Hollweg.

der Provinz Ostpreußen v. Moltke berufen worden. Daß die Tage des Kultusministers Dr. v. Studt gezählt feien, war bekannt, es konnte sich höchstens nur noch um die Gewährung einer Galgenfrist handeln. Daß Herr v. Studt schon jetzt geht, ist offenbar darauf zurückzuführen, daß Fürst Bülom mtt ferner Ent- laffung gerade zu der Zeit, wo der Lrberalls- muS am lautesten fchrie, btefem em Zugestand, ni- machen wollte. Die Liberalen können nun- mehr für sich in Anspruch nehmen, daß sie Herrn v. Studt abgesägt haben. ES rast der See und will sein Opfer haben! Unterstaatssekretär Holle ist politisch noch nicht hervorgetreten, man kann sich daher vor der Hand noch fern Unetl darüber erlauben, ob seine Ernennung einen Systemwechsel in der Leitung des Kultusmini- steriums bedeutet. Unerwartet kommt die schnelle Verabschiedung deS Grafen Pofa- dowsky. Die Schwerkraft feiner politische» Tätigkeit lag auf dem Gebiete der Sozial- Politik, und da hier das Zentrum bis letzt die führende Rolle hatte, hatte sich zwischen dem Grasen Posadowsky und dem Zentrum em durch die gemeinsame Arbeit bedingtes freund- nachbarliches Verhältnis herausgebildet. Neulich wurde von einem liberalen Blatt in Zusammenhang mit der Besprechung der Mög- sichkeit, daß Graf Posadowsky zurücktreten werde.

verantwortlicher

Schriftleiter:A.wehler ___ _ h

w»chM-nag<: „Illustrierte Sonntagszeitung"

gegen gleiche Zeit 162.— J4$aferl6L75 M und gegen gleiche Zeit 151 50 .« Hafer 140.— M.

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Juni 1907.

* Der nächstjährige Etat des Reichsamtes des Innern dürste bestimmt die Forderung eines Reichsarbeitsamtes unter einem selbständigen Präsidenten bringen.

* Neue Steuervorlagen? Die,Milit. Pol. Korrespondenz' brachte vor kurzem einen Artikel über die Notwendigkeit neuer Steuern und deren Natur, der sofort von der,Nordd. Allg. Ztg.' dementiert wurde. Die genannte Korrespondenz hält indes ihre Ausführungen aufrecht, indem sie schreibt: „Die neue Reichsfinanzreform (von 1908 ff.) ist vor Wochenfrist von der ,Milit.-Polit. Korrefpondenz' besprochen, und unterschiedliche Deckungsvorschläge für den starken Mehrbedarf der nächsten Etatsjahre sind als „Wahl und Qual" des Reichsschatzamtes resümiert worden. An der Zuverlässigkeit der Hauptzüge

„Ja, ja; ich weiß das!" .

Das Mädchen zögerte. Wie viel konnte sie sagen, ohne sich zu betraten?

„Ich hatte die Geschichte des Mordes schon vorher gehört," fuhr sie fort, „und war begierig, die Unglückszimmer im Schloß zu besuchen. Ich glaubte," — und ihre bisher leise Stimme schwoll plötzlich an ,ihrer Ueberzeugung mächtigen Aus­druck gebend, — „daß Lord Stratford Heron unschuldig war an dem Morde, wegen dessen er verurteilt wurde."

Lady Wolga richtete sich auf und blickte das Mädchen enffetzt an.

„Es war nicht feine Hand, welche feinen un­glücklichen Bruder erschlug," fuhr Alexa begeistert fort. „Er war kein Kain, sondern ein verkannter und unschuldiger Mann, ein Opfer der Justiz und des Hasses!"

Lady Wolga glaubte ihren Ohren kaum zu trauen. Solche Worte hatte sie noch nie gehört. Ans Alexa's Augen leuchtete ein Feuer, welches sie elektrisierte. Sie schlang ihre Arme um Alexa und drückte sie mit Inbrunst an ihr Herz.

„Sie hörten die Geschichte," rief sie, „und doch hielten Sie ihn für unschuldig?"

„Ich bin überzeugt, daß er unschuldig ist!" rief das Mädchen. „Und feine Unschuld soll vor aller Welt bewiesen werden!"

„Aber das ist mehr als Enthusiasmus," sagte Lady Wolga, indem sie erbleichend in einen Stuhl zurücksank. „Ich hörte nie zuvor jemanden den Glauben an feine Unschuld äußern. Gewiß haben Sie nicht alle gegen ihn zeugenden Tatsachen ge­hört. Niemand außer mir, die ich ihn so gut kannte, konnte an den vielen zufällig znsammen- stoßenden Beweisen zweifeln."

„Lassen Sie mich weiter erzählen. Ich ver­anlaßte Mrs. Jngestre, die Zimmer zu öffnen. Puffet schloß sie auf und machte Feuer in dem großen Kamin. Wir alle gingen hinein: Mrs. Jngestre, Mrs. Matthews, Mr. Puffet und ich.

ober

Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von Eduard Wagner.

94^ (Nachdruck verboten.)

„Ich bin nicht gekommen, um gerade davon mit Ihnen zu sprechen, Mylady," sagte Alexa. „Vielleicht komme ich nie in die Lage, ^hnen Auf­klärung geben zu können. Wenn ich konnte, wurde ich Ihnen alles mitteilen, aber das Geheimnis tf nicht das meine."

„Was ist denn der Zweck Ihres Besuches? fragte Lady Wolga.

„Ich kam, um Ihnen einen Vorfall zu erzäh­len, der sich vorgestern in Montheron zugetragen hat," antwortete Alexa. „Ich weiß niemanden, zu dem ich sonst gehen könnte. Wollen Sie mich an- hören, und mir sagen, was ich tun soll."

„Gewiß, sprechen Sie nur. Sind Sie beleidigt worden?" . , „

„Nein. Mrs Jngestre hatte mir das Drama von Montheron erzählt —*

Lady Wolga zuckte zusammen und eine dunkle Wolke flog über ihr Gesicht.

„Ist es nötig, desselben zu erwähnen?" sagte sie, und ihre Stimme klang seltsam scharf.

„Es ist notwendig," antwortete Alexa fest. „Es tut mir leid. Ihnen Schmerz verursachen zu müssen; aber an wen sollte ich mich denn sonst wenden?"

„Ich will Sie anhören. Fahren Sie fort."

„Mrs. Jngestre hatte mir die traurige Ge­schichte erzählt," berichtete Alexa weiter. „Sie tagte mir, daß das Zimmer, in welchem Lord Montheron ermordet worden war, seit der Durch­suchung seitens des Gerichtes verschlossen geblie- b::t iS"