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34. Jahraang.

Fulda, Samstag den 22. Juni 1907.

M 141.

Zweites Wtatt.

Wachen-Rundschau.

n. Fulda, 22. Juni 1907.

In Deutschland leben wir gegenwärtig m einer Zeit der politischen Unsicherheit ,«nd Ungewißheit, die von den näher Betei­ligten mit Unbehagen empfunden wird. Oeffent- lich und auch anscheinend hinter den Kulissen wird heftig gestritten um das Erbe S t u d t s. so meldete der in Berliner Hofkreisen gut unter­richtete Berliner Lokalanzeiger, es sei in dieser Frage mit den Führern der maßgebenden Par­teien Fühlung genommen und die Fortführung der Geschäfte des Kultusministeriums int seit­herigen Seifte gesichert. Darob entstand großer Sturm im liberalen Blätterwalde. So- fort kam ein Beruhigungspnlver in Form einer Nachricht des offiziösen Wolff'schen Telegraphen- burcaus, wonach der Lokalanzeiger schlecht unter­richtet sei. Daneben führt die liberale Presse offen und versteckt einen Kampf gegen die Staats­sekretäre v. Stengel, Nieberding und Posadowsky. Sie haben das fürchterliche Verbrechen begangen, daß sie zu zentrmnsfreund- lich und zwei von ihnen sogar Katholiken Und. Die Liberalen verlangen Beseitigung dieser Man­ner und Ersetzung durch liberale Parlamentarier. Wie es um das Schicksal dieser Staatssekretäre bestellt ist, weiß zur Zeit niemand. Der Reichs k a n z l e r ivar am Donnerstag zum Kaiser nach Kiel befohlen. Der Kaiser will seine Sommer­fahrt antreten. Ein freisinniges Blatt erinnert daran, daß der Monarch vor dieser Reise ver- schiedentlich in der inneren Politik reinen Tisch gemacht habe, und daß das letzte Drittel des Juni von jeher für die zum Ausschrften rei­fen Minister eine kritischeZeit gewesen sei. Die Zukunft wird's lehren. .

In den Niederlanden hat zur Zeit die Hauptstadt Haag die Augen der zivilisierten Welt auf sich gelenkt. Zum zweitenmale ist dort am Samstag nach einer Pause von acht Jahren die Friedenskonferenz zusammengetre­ten. 47 Staaten mit 250 Delegierten sind ver- treten. Den Vorsitz führt der erste russische Dele­gierte, Botschafter N e l i d o w. Im allgemeinen hat das Interesse an diesem Weltparlament be­deutend nachgelassen, weil die erste Friedenskon­ferenz von, Jahre 1899 die auf sie gesetzten gro­ßen Hoffnungen nur zum kleinsten Teile erfüllt hat. Der vielerörterte englische Abrüstungsvor­schlag ist der Konferenz noch nicht unterbreitet worden, offenbar weiß die englische Regierung selbst noch nicht, wie sie ihre unglückliche Idee formulieren soll. • Mehrere Staaten, darunter Deutschland, wünschen die Oeffentlichkeit der Verhandluiigen, um so spätere Quertreibereien unmöglich zu machen. Qb der Vorschlag durch­dringt, ist noch ungewiß. Im übrigen ist ein ge­deihliches Arbeiten der Konferenz rm Interesse des allgemeinen Weltfriedens nur zu wünschen. Ueber ihre Dauer laufen verschiedene Gerüchte um, mehrfach wird sie auf drei Monate geschätzt. Wenn das von den Delegierten mitgebrachte Aktenmaterial all eingehend besprochen werden soll, kann cs wohl so lange dauern. Brauchte doch Deutschland zur Versendung seines Mate­rials von Berlin nach dem Haag allein zwanzig große Kisten. .

Am selbigen Tage, an dem rm Haag unter dem Vorsitz des russischen Delegierten Neli^ow die Friedenskonferenz zusammentrat, wurde in Rußland die Duma aufgelöst. Während die russische Regierung an der Sicherung des

ALexcr

oder

Auf geheirnnisvokken Wegen.

Roman von Eduard W-a gner.

92) (Nachdruck verboten.)

45. Kapitel.

Der Friedensrichter Dalto«.

An dem Strandwege im Dorfe Mont Heron, in einem hübschen, von einem Parke umgebenen Hause wohnte Mister Dalton, der das Amt eines Friedensrichters bekleidete und als solcher in Ge­richtsangelegenheiten mit Lord Montheron oft zusammen kam.

Er war ein Gentleman von der alten Schule, überaus höflich. Sein Gesicht trug stets eine freundliche, gnädige Miene als Ausdruck seines Hauptcharakterzuges, und er war der Liebe, die ihm die Bewohnerschaft zuwandte, in jeder Be­ziehung würdig.

In den Tagen, als Lord Stratford Heron im Schlosse regiert hatte, war der alte William Dal- ton ein geehrter Gast innerhalb der grauen Mauern gewesen. Er kannte Lord Stratford • Heron sehr gut, war in dessen Jugend sein Leh­rer gewesen, und verdankte seinem Einflüsse sein jetziges Einkommen und seine Stellung.

Er hatte den munteren, edelherzigen jungen Mann geliebt mit väterlicher Zärtlichkeit. Wie jedermann hatte auch er infolge der vielfachen und überwältigenden Beweise an die Schuld des jungen Mannes geglaubt; aber oft, wenn er ihn int Gefängnisse besuchte, und in das offene, ehr­liche Auge schaute, und oft nachher, wenn er sich den edlen Charakter seines früheren Zöglings vergegenwärtigte, flüsterte ihm sein Herz zu, — daß Lord Stratford Heron, trotz allen Scheines Aeaen ihn, doch unschuldig sein müsse. '

Weltfriedens mitarbeiten will, tut sie fast gar nichts, im eigenen Lande menschenwürdige den neuzeitlichen Verhältnissen entsprechende Zu- stände zu schaffen. Die Auflösung der Duma war schon lange zu erwarten. Extreme Elemente von links und rechts taten redlich das Ihre, um den Gang der Ereignisse zu beschleunigen. Eine Haussuchung bei dem sozialistischen Abgeordne­ten O h s o l ergab Anhlatspuukte für die Verbin­dung der sozialdemokratischen Fraktion mit der revolutionären Agitation unter dem Heere. Ministerpräsident Stolypin forderte nun von der Duma die sofortige Ge­nehmigung zur Verhaftung von 16 sozialdemokra- tischen Abgeordneten und zur gerichtlichen Ver­folgung von weiteren 39 Abgeordneten der sozial- demokrätischen Fraktion. Die Duma aber wollte sich nicht einfach zum Schergen der Regierung hergeben und setzte eine Kommission zur Prüf­ung der Frage ein. Da diese nicht nach dem Re­zept der Regierung arbeitete, erfolgte die Auf­lösung der Duma. Neuwahlen nach einem neuen Wahlgesetz sind für den 14. Septem­ber ausgeschrieben. Das neue Wahlgesetz trifft empfindlich die gesamte Linke einschließlich der Kadetten, ferner auch die Polen. Es ist ausge­arbeitet nach dem Geschmack des Verbandes „e ch t russischer Leute", die den Zaren ganz in ihren Händen zu haben scheinen, wie aus einem Telegrammwechsel zwischen dem Zaren und dem Vorsitzenden des Verbandes hervorgeht. Im An­schluß an die Dumaauflösung sind zahlreiche Ver- Haftungen vorgenommen worden. So wur­den allein in Petersburg gegen 1200 Personen, in Odessa ungefähr 800 Personen verhaftet.

In Frankreich hat die Winzerbewegung einen geradezu bedrohlichen Charakter angenom­men. Die Beratung des Weingesetzes in der Kammer schreitet nur langsam vorwärts, dabei wird den einzelnen Paragraphen eine Fassung ge­geben, welche die Erregung im Süden nur noch steigert. Im betroffenen Weinbaugebiet haben über 500 Bürgermeister und Gemeinderäte ihr Amt niedergelegt, Angriffe gegen Staatsbeamte und Weigerung, sich den behördlichen Anordnun­gen zu fügen, werden immer zahlreicher. Des­halb hat die Regierung den Weg der Milde ver­lassen und zu strengen Maßnahmen gegriffen. Im Weinbaugebiet strömt infolgedessen die Be­völkerung vom Lande in die Städte, Barrikaden werden errichtet, um das Eindringen der von der Regierung entsandten Truppen unter Umstanden zu verhindern. Das Ministerium hat bte Ver- Haftung der Hauptwortführer angeordnet, der Bürgermeister von Narbonne, Dr. Ferroul, ist inzwischen verhaftet worden, dagegen hat sich Marcellin Albert bis jetzt der Verhaftung zu ent­ziehen gewußt. Bei den in Narbonne, Montpel- lier und Perpignan garnifonierenden Regimen­tern sind im Zusammenhang mit den Winzerun­ruhen zahlreiche Fälle von schwerer Disziplui-losig- feit vorgekommen. Die Regimenter sind deshalb strafweise zum Teil in andere Garnisonen ver­legt, zum Teil ins Manöver entsendet worden.

Am Tage der Eröffnung der Haager Frie­denskonferenz und der Dumaanflösung wurde der Abschluß eines neuen Dreibundes zwischen E n g l an d, Frankreich und Spanien bekanntgegeben. Das Abkommen garantiert den drei beteiligten Mächten ihren Besitzstand im Mittelmeer. Diese Garantie er- schien jedoch, wie auch die „Kölnische, Zeitung" in einem aus Berliner amtlichen Kreisen stam­menden Artikel darlcgt, völlig überflüssig, da nie- mand den Besitzstand anzugreifen gedenkt. In Wirklichkeit dient der neue Dreibund einzig und allein den Interessen Englands. Es braucht in Zukunft keine Besorgnis um Gibraltar und Malta mehr zu hegen; es kann also seine Streit-

Sonderbar genug, während der jetzige Mar­quis in der Gesellschaft und bei den Dorfbewoh­nern und Pächtern beliebt war, hatte der Frie­densrichter ihn nie leiden mögen. Vielleicht hatte diese Abneignng in der Tatsache, daß Mr. Talton außer bei formellen Festlichkeiten nie auf das Schloß geladen wurde, seinen Grund, vielleicht entstammte sie dem häufigen Verkehr mit dem Marquis in Rechtssachen.

An dem Tage, an welchem Alexa die wichtige Entdeckung in dem ehemaligen Schlafzimmer des ermordeten Marquis gemacht hatte, saß Mr. Dalton allein in seinem Arbeitszimmer. Ein schwarzes Sammtkäppchen, unter dem einige spärliche weiße Locken hervorragteu, bedeckte sei­nen Scheitel. Er hatte sich in ein Buch vertieft, so daß er nicht hörte, tote ein Wagen vor seinem Hause anhielt.

Asl die beiden Damen in sein Zimmer traten, stand er auf und begrüßte alsdann die Eintreten- den mit offenbarem Erstaunen.

„Wir kommen in einer höchst sonderbaren An- gelegenheit, mein lieber Mr. Dalton", nahm Mrs. Jngestre das Wort, indem sie sich auf den ihr an- gebotenen Stuhl niederließ. „Es ist eigentlich eine ganz seltene Sache, um die wir kommen; und ich bin überzeugt, daß wir nicht weise getan haben, aber Miß Strange bestand darauf."

„Ich stehe ganz zu Miß Strange's Diensten", sagte er höflich. „Es muß doch eine ernste Ange­legenheit sein, welche eine noch so junge Dame bei einem solchen Wetter zu mir führen kann." „Ja, es ist eine sehr ernste Angelegenheit, Sir", erklärte Alexa. „Wir kommen zu Ihnen, als zu dem Gerichtsherrn."

„Lord Montheron ist nach London gegangen, tote ich höre", sagte Mr. Dalton, sich selbst er­klärend, weshalb ihm die Ehre des Besuchs zuteil wurde. „Hat einer von den Dienern im Schlosse Unrecht getan oder sind Sie von Bettler belästigt worden?"

„Nein!" erwiderte Alexa. „Unsere Ange- legenheit ist ganz anderer Natur. Es betrifft das Montheron-Drama."

fräste im Dkittelmeer verringern und sie dort zusammenziehen, wo es im Interesse Englands ratsam erscheint. Durch den Vertrag gibt Spa­nien zum ersten Male feine Ansprüche auf Gibral­tar ausdrücklich auf. Daneben soll das Bündnis Eifersüchteleien zwischen Frankreich und Spanien bezüglich Marokkos beseitigen.

Das französ. - japan. Abkommen ist nunmehr im Wortlaut veröffentlicht worden. Unter anderem sichert es die Aufrechterhaltung des chinesischeii Reiches in seinem gegenwärtigen Umfange. Dasselbe ist bereits in einem im Okto­ber 1900 zwischen Deutschland und England abge­schlossenen Vertrage geschehen.

Unpolitische Seifläufe.

(::) Berlin, 20. Juni 1907.

(Nachdruck nicht gestattet.>

Ins Kloster gehen will der greife Fürst K a r l zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, der langjährige Kommissar der Generalversammlun­gen der Katholiken Deutschlands, der als Begrün­der und Leiter der Antiduell-Liga noch in iung- ster Zeit seinem Verdienste und seinem Ruhme noch ein neues Blatt zugefügt hat. Ein Manu, dem die Welt alles geboten hat, was die Welikin- der so heiß ersehnen und erstreben, will die Welt verlasien; von all ihrer Pracht und Herrlichkeit will et nichts behalten als eine Klosterzelle zur stillen Vorbereitung auf den Tod. Er steht in der Tat auf den Höhen des irdischen Glanzes und Glückes: ein Fürst, ein Stcmdesherr, durch seine Geburt ebenbürtig den regierenden Geschlechtern, durch seine von Rücksichten und Sorgen freie Stel- hing vor manchen Monarchen bevorzugt, nicht bloß mit den Gaben-der Geburt, sondern auch mit dem reichen Lohn treuer, erfolgreicher, ruhmvoller Arbeit versehen, außer der Verehrung auch die herzliche Liebe von Millionen von Mitbürgern genießend. Der 73jährige Patriarch kann mit stetiger Sicherheit erwarten, daß ihn die Mitwelt für den Abend seines Lebens bindurch sozusagen auf Händen tragen würde. Aber er verläßt alles, um als einfacher, stiller, weltfremder Mönch den Frieden zu finden. Wer den kindlich-frommen Sinn des greifen Fürsten kennt, der weiß auch, daß er nicht nur äußerlich Klostermann und etwa wie Kaiser Karl V. dort einen ungestörten Ruhe­platz mit zeitvertreibenden Liebhabereien sucht, sondern daß er, der schon inmitten des glänzen­den Volkslebens seine asketische Natur bekundet, ein wahres Muster der klösterlichen Entsagung und Selbstverleugnung sein wird.

Auf den Höhen der Welt hat er den Frieden nicht gefunden; er hofft ihn, in der armseligen Klosterzelle zu finden. Und ich glaube, er wird ihn finden. Nun wohl, dann ist der friedenvolle Mönch noch mehr zu beneiden, als wie es der glänzende Fürst Karl war.

Wir sehnen uns alle nach Frieden. Sollen wir allzumal denselben Weg zu diesem Ziele ein- schlagen und auch ins Kloster gehn? — Bei dem Gedanken wird vielleicht mancher Leser ausrufen: Dann würde ja die Welt veröden und die Klöster nicht ausreichen! Nur keine Sorge! Das Bei­spiel des Fürsten Karl zu Löwenstein wird keine störende Massennachfolge finden. Denn der Bc- r u s zum Klosterlebeu wird nur verhältnismäßig wenigen zuteil. Wer den Beruf nicht hat, der muß seinen Frieden anderswo suchen.

Manche älteren Leute befinden sich in einer ähnlichen Sage, wie der greife Fürst Karl zu Lö- wenstein. Die Gattin oder der Gatte sind im Tode voransgegangen, die Kinder sind erwachsen und fähig, den Vater zu ersetzen. Die Arbeit und die Erfolge des langen Lebens rechtfertigen den Uebergang zum Feierabend; das Verlangen nach

Des Friedensrichters Gesicht wurde ernster. Er sah das Mädchen mit Staunen an.

„Gewiß, es ist alles Unsinn", sagte Mrs. Jngestre. „Ich redete Miß Strange zu, zu war­ten, bis Lord Montheron wiederkommt, aber sie wollte sich nicht zureden lassen. Sie hat sich die seltsame Idee in den Kopf gesetzt, daß Lord Stratford unschuldig an dem Morde war, wegen dessen er zum Tode verurteilt wurde."

Mr. Dalton erschrak und sah alsdann Alexa mit großen Augen an.

„Ich interessiere mich sehr für das Geheim­nis", sprach Alexa ruhig, „ich bin überzeugt, daß Lord Stratford Heron unschuldig verurteilt wurde."

„Er wurde zwar des Verbrechens schuldig be­funden", entgegnete Mr. Dalton. „Aber, was können Sie in der Sache zu sagen haben, Miß Strange?"

„Nur dies: das Zimmer, in welchem Lord Montheron ermordet ward, wurde nach der Un­tersuchung verschlossen und ist seitdem nie wieder geöffnet worden bis auf den heutigen Tag. Die Neugierde trieb mich, das Zimmer zu besuchen, und Mrs. Jngestre war so freundlich, meinem Wunsche zu willfahren. Das Zimmer wurde die­sen Nachmittag geöffnet. Ich dachte, daß irgend eine Spur zur Enthüllung des Geheimnisses nach all den Jahren gefunden werden könnte, und die Vorsehung führte mich. In einer tiefen Nitze der Bettstelle fand ich dieses Stück einer Kette."

Sie öffnete das Papier, in das sie die Kette gewickelt hatte, und reichte dem Friedensrichter ihren Fund.

Mr. Dalton betrachtete die einzelnen Glieder dieser Kette sehr aufmerksam.

„Ein seltsames Ding," sagte er. „Ich erinnere mich nicht, jemals eine solche Kette gesehen zu haben".

„Ich auch nicht!" bemerkte Mrs. Jngestre. Puffet und Mrs. Matthews konnten auch nicht sagen, wem sie gehört hat. Sicher gehörte diese Kette nicht einem Dienstboten des Hauses, auch nicht einem der Gerichtsbeamten." sprach Mrs In-

Ruhe und Frieden erreicht von rechtswegen da- Uebergewicht. Und wo kann ein Mann oder eine Frau, die an die Welt nicht mehr gefesselt ift, einen ruhigeren Feierabend des Lebens sich sichern, als im Schatten des Klosters? — Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, müßte eigent­lich das Kloster als Zufluchtsstätte für das Alter eine überwältigende Anziehungskraft aus üben. Tatsächlich ist es nicht so arg. Die Flucht ins Kloster bleibt immer noch die Ausnahme; das Verharren in der Welt bleibt die Regel, auch bet den älteren Jahrgängen.

Ja, wer ohne Berns ins Kloster ginge, der würde auch dort feine Ruhe finden. Er muß mit der Welt wirklich abgeschlossen haben, ehe er über die Schwelle geht, die ihn aus der Welt herausführen soll. Nun hört man freilich von den Weißhaarigen oft sagen, sie hätten mit. der Welt abgefchlossen. Man darf sie aber nicht beim Wort nehmen. Der eine hat sich dieses, der andere hat sich jenes Stück „Welt" Vorbehalten, und nicht selten ist es eine recht große Portion. Man will doch seine gewohnten Bequemlichkeiten haben, sei­nen Zeitvertreib, sein gemütliches Plauderstünd­chen am Haustisch oder am Stammtisch, sein Spielchen und fein Gläschen, feine Zigarre oder fein Stück Kuchen, und vor allem seine Freiheit, seine vermeintlich so köstliche FreiheitI Demnach ist es mit der fog. Weltentsagung gar nicht so ernst gemeint. Den „Frieden" wollen sie ja gern haben, die lebenslustigen Alten; aber daß nur nicht der Friede in Langeiveile ausartetI Der Tag hat 24 Stunden; da kann man Ja immerhin einige Stunden auf allerhand Genüsse und son­stige angenehnie Aufregungen verwenden; der Rest mit Einschluß der Nacht genügt noch für das Ruhebedürsnis. So bleiben beim die meisten im Getriebe der Welt hängen, bis der Tod die ge­waltsame Lösung herbeiführt.

Fürst Karl zu Löwenstein hat bett besseren Teil erwählt; doch folgen können ihm nur we­nige, an die der besondere Ruf ergangen ist. Was machen denn nun wir anderen, die wir auch auf unsere alten Tage in der Welt bleiben müssen? Wie kommen wir zu einem verhältnismäßig fried- lichen Lebensabend?

Alsersten Ratschlag möchte ich hinstellen: Wer nicht zum beschaulichen Leben berufen ist, der soll möglichst lange an der Arbeit bleiben. Das Sprichwort vom Müßiggang, der aller Laster An­fang ist, gilt nicht bloß für die jungen und kraft- vollen Jahre, fonbern auch für Sie höhere Alters- stufe. „Sagt, was sollen wir jetzt beginnen, aus- zufülleit die Leere der StunSen?" heißt es in einem Drama von Schiller. Leere Stunden, Langeweile — das ist nickt bloß eine Qual, son­dern auch eine Gefahr. Man hascht nach Zeit­vertreib, und dabei kann man auch in älteren Jahren auf Abwege geraten. Zum mindesten wird man verdrossen, launisch, und daraus er­geben sich manchmal schwere Störungen des Frie­dens und der Gemütlichkeit. Mit zunehmendem Alter muß man seinen Fleiß einschränken und be- sonders die aufreibenden Arbeiten, die den mor­schen Körper überlasten, abzuschieben suchen. Aber nicht vorzeitig ganz ausspannen! Nicht vorzeitig sich „zur Ruhe setzen", wenn man fühlt, daß man noch keine rechte Ruhe in den GlieArn und im Herzen hat! Und will es wirklich mit der alten Berufstätigkeit nicht mehr gehen, Sann suche man sich eine andere Beschäftigung, um nur ja nicht der Leere bet Stunden zu verfallen.

Der zweite Ratfcklag ist der: Wenn Du nicht ganz und mit einem Schlag auf die Genüsse dieser Welt verzichten kannst, so löseDich wenigstens all­mählich und Stück für Stück von den Eitelkeiten und Aufregungen los und lerne um so mehr ent­sagen, je höher die Zahl Deiner Jahre steigt. Ein zufriedener Greis bietet einen schönen, er-

geftre. „Sehen Sie nur Sie künstlerische Ar­beit!"

♦ „Sie könnte dem ermordeten Marquis gehört haben", äußerte Mr. Dalton.

„In diesem Falle würde Puffet sie wahrschein­lich erkannt haben," wendete Mrs. Jngestre ein. „Ich glaube, daß sie Lord Stratford Heron ge­hörte."

„Würde sie dann womöglich nicht auch Puffet kennen?" fragte Alexa.

„Vielleicht auch nicht. Der unglückliche junge Mann mag sie währeno seines letzten Aufent­haltes in London gekauft haben, und da er erst kurz vor dem Morde noch Montheron zurückge­kommen war, ist es möglich, daß Puffet sie nie gesehen hatte!"

„Meine Meinung ist," sagte Alexa, j>aß der Mörder die Kette trug, zu der dieses stück ge­hört, daß bei dem Kampfe mit seinem Opfer — und ein Kampf ist erwiesen — die Kette von die­sem ersaßt und zerrissen wurde, und daß dieses Stück absprang und sich in die Spalte verlor, wo ich es fand. Es konnte der Aufmerksamkeit der Beamten leicht entgehen, und wäre nicht der Schein des Feuers in die Spalte und auf daS Gold gefallen, würde ich es auch nicht gefunden haben." .

Mr. Dalton wendete die Kette tn seiner Hand um und um, während er über die Auseinander­setzungen Alexa's sorgfältig nachdachte. —

„Daß diese Kette mit dem Morde in irgend einer Verbindung steht, ist nur zu wahrscheinlich " sagte er ernst. „Aber wem gehört sie?"

' „Das ist die Frage, die zu lösen ich mir vorge­nommen habe", antwortete Alexa, und ihre Augen leuchteten.

„Sie!" rief Mr. Dalton.

„Sie!" wiederholte Mrs. Jngestre. „Mein liebes Kind, sind Sie von Sinnen?"

„Ich habe dieses Stück der Kette zu Ihnen gebracht, Mr. Dalton," sagte Alexa, auf diese Ausrufe des Erstaunens nicht achtend, „und beab- sichtige, es bei Ihnen zu lassen, bis es gebraucht werden sollte. Bitte, versiegeln Sie es mit Ihrem