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34. Jahraansi.

Fulda, Freitag den 21. Juni 1907

M 140

SetattOHsbrnd «■ Verlag bet Selboer 8t« tlenbr ederei in Salb«. Semfpredjtt Nr 9.

Eriche,ni täglich eit »«»ahme bet Son*. unbStiettage. viertel» jährt.ve;ng5preir ohne Bringeri^hn nnb Be6eUgelbin$nlbannb ausTOfitts 1 Mi 50 psg.

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Verantwortlicher DM

»christleiter: ».wehler

5.^«tjeiet in znlba WochMeilage: SötttttmjSjdtW

):( Eine Woche Gefängnis.

Daß in der Beleidigungsklage des früheren Gouverneurs v. Bennigsen gegen den Abge« ordneten Erzberger letzterer zu einer Woche Gefängnis verurteilt worden ist, kann

berechtigtes Befremden

Hervorrufen. Wir wollen zunächst die Gründe, wa­rum der Gerichtshof zu einer Verurteilung ge­langt ist, außer Acht lassen. Herr v. Bennigsen befand sich, was den Inhalt der angefochtenen Broschüre des Abgeordneten Erzberger anlangt, genau in derselben Lage wie der frühere Handels­minister v. M ö l l e r. Bekanntlich hatte auch die­ser seiner Zeit eine Beleidigungsklage gegen Herrn Erzberger angestrengt. Es kam aber, nach­dem der Abgeordnete Erzberger eine Erklärung abgegeben hatte, daß ihm eine Beleidigung fern gelegen habe, zwischen den beiden Parieren ein vergleich zustande. Herr v. Möller bat diesen Vergleich als zur Herstellung seiner vermeintlich verletzten Ehre als völlig ausreichend erachtet. Jnr Prozeß-Bennigsen-ErKerger hat der Vor­sitzende des Gerichtshofes ebenfalls den Abschluß eines Vergleiches angeregt, dieser wurde aber von der klägerischen Seite abgelehnt. Ber Beurteilung dieser Vergleichs frage ist wohl zu be­achten, daß der Vorsitzende des Gerichtshofes, nach dem übereinstimmenden Bericht der Presse über die Verhandlung gegen Erzberger ausdrück­lich von einem Mißverständnis spricht, das auch beziiglich des früheren Handelsministers v. Möller obgewaltet habe. Wenn der Zeitungsbe­richt zuverlässig ist, war also der Vorsitzende des Gerichtshofes davon überzeiigt, daß, wie bei Herrn v. Möller, so auch jetzt bei Herrn v. Ben­nigsen ein Mißverständnis obwalte. Danach muß man also annehmen, daß die Verurteilung des Abgeordneten Erzberger dadurch herbeigeführt worden ist, daß der Vorsitzende durch die beiden Schöffen überstimmt worden ist. Mag dem aber sein wie es wolle: wenn dem früheren Handels- minister eine Ehrenerklärung des Herrn Erzber- ger als ausreichend erschien, so verstehen wir es nicht, daß Herr v. Bennigsen einen Vergleich, in welchem Herr Erzberger ihm eine solche Erklär- uttfl ebenfalls abgegeben haben würde, als zur Wiederherstellung seiner Ehre nicht ausreichend betrachtete, zumal da Herr Erzberger bereits nach Erhebung der Klage in 60 Zeitungen erklärt hatte, daß er die Ehre des Herrn v. Beningsc» nicht habe antasten wollen. Man gewinnt aus der Gerichtsverhandlung den Eindruck, daß für die Kläger der Prozeß einen

politischen Nebenzweck

hatte, denn anders kann man es nicht verstehen, daß der Rechtsbeistand des Klägers dem Ange­klagten politische Selbstüberhebung vorwarf und ihm unterstellte, daß er sich als Retter des Staa­tes aufspiele. Er meinte sogar, die Selbstüber­schätzung des Angeklagten sei beinahe gerichts- notorisch. Seine politische Bedeutung reiche nicht dazu aus, daß es ihm gestattet sein dürfe, einen Ehrenmann zu beschimpfen. Herr v. Bennigsen hätte umsomehr Anlaß gehabt, auf einen Ver­gleich einzugehen, als er in der „Köln. Ztg." sich starke Angriffe auf die Person des Abgeordneten Erzberger gestattet hatte. Er hatte ihn zu den Jagdhunden gerechnet, die sich von ihren Herren Nicht zurückpfeifen ließen und hatte ihn als Schreckenskind der ultramontanen Partei hin­gestellt. Der Rechtsbeistand des Klägers wollte ein Beispiel statuiert haben und proklamierte den Satz, daß derjenige, welcher einen anderen belei- dige, dafür auch „büßen" müsse. Wir glauben nicht in der Annahme fehlzugehen, daß ein der-

artiges Beharren auf einer Bestrafung auch auf die richterlichen Kreise einen entschieden ungün­stigen Eindruck machen wird. Auf keinen Fall ist das Bestehen auf einer solchen Forderung der Ausfluß edler Empfindung. Was die mate­rielle Seite anlangt, so befinden sich in dem Be­richt über die Gerichtsverhandlung einige Un- stimnrigkeiten, sodaß man nicht zu einem klaren Urteil kommen kann. Den Eindruck gewinnt man aber, daß der Abgeordnete Erzberger in seiner Broschüre nur berichtend sich über die Dinge hat äußern wollen, die sich im Reichstag und in der Landkommission ereignet haben. An der Stelle, wo er den Namen Bennigsen gebraucht, hebt er ausdrücklich hervor, daß er nur Namen nenne, die im Reichstag und in der Landkom­mission genannt worden seien. Es kann sich also im schlimmsten Falle um eine Unge- fch ickl i chk e i t des Abgeordneten Erzberger in­fofern handeln, als er dasjenige, toas er über die Gründlingen und Riesengeschellke gesagt hat, nicht auch unter dem Vorbehalt geschrieben hat, daß in Verbindung mit diesen Gründungen der Name v. Bennigsen im Reichstag und in der Landkom­mission genannt worden sei. Er hat daniit seine Darlegungen, die ihrem ganzen Charakter nach ein einziges Referat fein lallten, nur in ihrem zweiten Teile als Referat charakterisiert, während jeder, der in den politischen Vorgängen des letz- ten Jahres orientiert ist, von vornherein wissen mußte, daß es sich bei der inkriminierten Stelle nur um eine Wiedergabe der bezügli­chen Parlamentärischen Verhandlun- gen handelte und handeln sollte. Nur die un­richtige Wiedergabe von parlamentarischen Ver­handlungen fällt unter das Strafgesetz. Bei bet Ausführung des Abgeordneten Erzberger bandelt es sich aber garnicht um eine unrichtige Wieder­gabe, sondern nur darum, daß er die Unterlas­sungssünde begangen hat, auch den ersten Teil der angefochteilen Stelle äußerlich als Referat att charakterisieren. Dadurch ging er der der Presse zugestandenen parlamentarischen Immunität der- loren. Daß aber eine derartige Unterlassung mit Gefängnis bestraft wird, erscheint uns als eine

zu harte Strafe.

Ztveifellos wird der Abgeordnete Erzberger gegen das Urteil Revision e i n l e g e n, und es ist zu hoffen, das das erste Urteil eine Berich- tigung erfährt. Wir zählen uns nicht zu den­jenigen, die alles, was innerhalb der Partei ge» fchieht, zu rechtfertigen suchen, in diesem Fall« aber würden wir, wenn der Angeklagte einer an­deren Partei angehören würde, uns in der glei­chen Weise die Wahrung seiner Jnteresserr haben angelegen sein laßen.

Deutsches Reich.

Berlin, 20. Juni 1907.

* Der Kaiser und die Politik, lieber die Ka­marillawirtschaft sind in der Presse geradezu Ströme von Tinte vergossen worden, und wenn sich der Deutsche in feinem beschränkten Untertanenverstande fragt, was ist bei allen die­sen Erörterungen einschließlich der offiziösen Kundgebungen in Bezug auf die Frage herausge- kommen inwieweit Haden unverantwortlich Ratgeber des Kaisers Einfluß auf unsere Politik ausgeübt, so kann er mit Faust sagen: „Da steh ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor"! Daß an den Höfen der Fürsten Ränke gesponnen werden, daß Eifersucht und Günstlingswirtschaft gerade unter den Höflingen keine seltene Eigenschaft sind, ist eine alte Tat­sache, die durch den Fall Eulenburg nur eine neue Bestätigung gefunden hat. Aber gerade das, wo­

raus es ankommt, in konkreten Fällen die Fa­tz e n b l o ß z u l e g e n, die aus diesen Kreisen m unsere Politik htneinlaufen, ist wetz e t m der Eulenburg-Affäre gelungen, noch tn Bezug auf diejenigen Kreise, welche, außerhalb der Eu- lenburgschen Tafelrunde stehend, angeblich ge­gen den Reichskanzler in der Frage der Nachfolgeschäst des Ministers von Studt hinter den Kulissen arbeiten. Man bekommt nur Ver­mutungen zu Gesicht, Greifbares springt nicht heraus. UnserKaiser gilt als eine fei bst- bewußte, kraftvolle Persönlichkeit, die sich nicht damit begnügt, dem Kanzler die Geschäftsführung deS Reiches zu überlassen und seine Entschließungen lediglich gutzuheißen, son- dern die selbstgestaltend in unsere Politik hinein- greist, wenn auch unter Verantwortlichkeit des Reichskanzlers. Es ist unseres Erachtens daher völlig ausgeschlossen, daß die neue Politik des ReicHkanzlerS mit ihren Versprechungen an den Liberalismus anders als im E i n v e r n e h m e n mitdemKaiser eingeleitet worden ist. Man hat seit Jahren den Kaiser gegen das Zentrum einzunehmen versucht. Diese Stimmung hat dann die Bassis geschaffen, auf der Fürst Bülow, fei es nun, wie er angibt, aus Rücksichten auf das an­gebliche nationale Wohl des Vaterlandes, oder, tote es von anderer Seite heißt, aus persönli­chen Motiven, die neue Operation vollziehen konnte. Wir bedauern diese Entwicklung, nicht weil das Zentrum aus seiner ausschlaggebenden Stellung verdrängt worden ist, sondern weil der Kaiser über die Ziele und das Wesen der Zentrumspolitik falsch unter­richtet worden ist und weil die neue Wendung unserer Politik, die vom Liberalismus, vielleicht über die ursprünglichen Absichten der maßgeben­den Kreise hinaus in einseitigem Inter­esse ausgebeutet wird, nicht zu einer inneren Befestigung führt, sondern unsere innerpolitischen Verhältnisse Kämpfen der schwersten Art entgegen führt. Diese Befürchtung erfüllt nicht nur uns, sondern sie spricht auch von Tag zu Tag lauter aus den Spalten der konservativ- orthodoren Kreise. Mögen sich die leitenden Stellen der Tragweite der Entschließungen, vor denen sie stehen, bewußt sein.

* Es ist erreicht! Vor Jahresfrist hat bte »Zukunft gemeldet, datz der nationalliberale Dr. S e m l e r bei der Hamburger Reaatta vom Kaffer ,,geschniiten" worden sei. Als ihm derselbe vor« ikstellt wurde mit dem Bemerken: M. d. R., mbe der Kaiser die schon ausgestreckte Hand allen lassen und sich abgewendet. Die Vor­stellung geschah nach der Ablehnung der südwesi« afrikanischen Eisenbahn. Da soll Dr. Semler nach der »Zukunft* gesagt haben, daß er dieses nie vergeben werde, er werde nicht ruhen, bis der Kaiser ihm dir Hand reiche und deshalb selbst nach Südwestafrika gehen, um dann für die Notwendigkeit der Bahn sprechen zu können. Derselbe führte auch seinen Vorsatz aus; aber seine Reife hat für die Bewilligung der Eiien- bahn nicht den mindesten Wert gehabt; sie wäre auch ohne diese Reise bewilligt worden. Dagegen kann jetzt der ,Berl. Lok. Anz.* melden: „Nach dem gestrigen Mal auf der „Ozecma" lieft sich, wie unser Hamburgersche Korrespondent uns telegraphiert, der Monarch durch den General­direktor Ballin dem Reichstagsabgeordnelen Semler vorstellen und sprach mit ihm eine halbe Stunde lang über koloniale Fragen." Es ist also erreicht ; Abg. Semler hat den im Vorjahr verweigerten kaiserlichen Handschlag erhalten. Ein „nationales" Bedürfnis des Vaterlandes ist damit befriedigt.

• Die Jagd nach neuen Steuern. Gegen die neuen Reichs steuern macht die „Frs. Ztg." mobil: es sei von ihr stets betont worden, „daß wir niemals zu gesunden Finanz- Verhältnissen kommen würden, solange wir nicht mit dem alten System völlig brächen, dem System nämlich, mit wachsenden Ausgabebewilli­gungen ins Blaue hineinzuwirt­schaften, ohne uns um die Teckungsfrage eher zu kümmern, als bis die Finanznot gairz bren­nend geworden ist, augenscheinlich ist dies jetzt von den Finanzministern und den Parteien der Rechten zum maßgebenden Grundsatz erhoben. Sie sagen sich, die und di" Ausgaben, die zu machen verlangt werden, bringen wir niemals durch, wenn wir gleichzeitig die Deckungsfrage aufwerfen. Wenn wir die neuen Ausgaben mit der Last der Steuer er höh uug belegten, dann sam­melt sich ein unüberwindlicher Widerstand gegen sie und daun verderben wir es mit einer sehr un­geduldigen und gerade über Ministerportefeuil­les sehr einflußreichen Instanz. Wenn ober der Teich gefüllt worden sei mit Geldern, sei er im Nu wieder leer. „Da kommt die Armee mit ihrer Janitscharemmisik, die Marine mit ihren Salutschüssen, das Kolonialwesen mit seiner Zu­kunftsmusik. Soziale Aufgaben gibt es alle,Zeit in Menge; und wer erkannte nicht mit uneinge­schränktem Ernst an, daß das Einkommen vieler Beamtenklasien dringend der Aufbesserung be­darf. Wie der Wüstensand trinkt und durstig bleibt wie zuvor, so ist auch in einem nicht von Klugheit und Vorsicht geleiteten Finanzwesen allezeit Ebbe, und wenn noch so viele Steuern bewilligt werden. Jeder vernünftige Hausvater überlegt sich: wieviel hast du wöchentlich oder jährlich einzunehmen? Und wenn er darüber mit sich ins Reine gekommen ist, so schneidet er seine Ausgaben darnach zu. So müßte der Staat es auch machen. Das freisinnige JSIcitt meint, dann zu den einzelnen Steuerplänen:, „Dem Bier ist eine neue Last von etwa 30 Millionen Mark zugedacht, dem Tabak als sinngemäße Ergänzung der Zigarettensteuer eine Zigarren- bauderolsteuer, also eine beengende Maßnahme ersten Ranges, mit der man sich wieder auf das völlig veraltete und als unzuverlässig bekannte System Rußlands stellen würde. Dann kommt die W e h r st e u e r mit 40 Millionen. Alle Nach­weise, daß eine Wehr steuer niemals die verschie­den abgestusie Steuerkrakt erfassen kann, weil sie die jungen Männer aus den wohlhahensten Klas­sen stets in einem Alter trifft, wo sie noch fast vollständig erwerbslos sind, verfängt auf dieser fetzigen Jagd nach neuen Steuern nicht. Auch Inserate und An'chlagzettelsind aufs Korn genommen, obwohl man habet tief in das Zeitungswesen einschneiden würde. Tie wohl­habenden K'-sien sind mit einer R e i ch s st e u e r auf den b: t Erbgang von 100 Millionen Mk. bedacht. Haben denn die einzelstaatlichen Finanz. Minister, der preußische an der Spitze, haben die mächtigen Parteien der Konservativen und des Zentrums denn den bisherigen unbedingten Wi­derstand dagegen aufgegeben? Schließlich ganz zu allerletzt wird auch noch der Branntwein erwähnt; er soll die letzte Zuflucht des Reichs- schatzsekretärs bilden. Aber wer nun denkt, daß endlich die Liebesgaben, zirka 60 Mill, und mehr, aus Messer geliefert werden sollen, der irrt sich gründlich. Nein, die Branntweinbrenner sollen nicht gestört werden. Der Plan geht auf das Branntweinmonopol hinaus. Dieses Projekt ist altbekannt; es bat auch einen altvertrauten Cha­rakterzug, nämlich die Möglichkeit, den Brannt­weinbrennern einen hohen Preis für ihre Pro­dukte zuzuführen, wobei die Liebesgabe in der einen oder anderen Form fortbestehen kann."

Das Blatt bezeichnet diese Pläne als „unge-

JUexa

ober

Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von Eduard Wagner.

91] (Nachdruck verboten.)

„Verwenden Sie Ihren Einfluß zu meinen Gunsten, meine teure Lady Markham", entgegnete der Marquis freundlich. „Wenn Lady Wolga mir die Ehre antut, mich zu heiraten, würde ich es gern sehen, wenn Sie unsere Heimat zu Moutheron mit uns teilen und alsdann für immer unser Gast blieben."

Mit diesem Versprechen hatte er Lady Mark- Ham vollständig auf seine Seite gebracht.

Am Nachmittag fand Lord Kingsconrt Ge- legenheit zu einer kurzen, heimlichen Unterredung mit Alexa auf der Kolonade zu Montheron.

Sie nahmen hier herzlichen Abschied, während sie sich später im Beisein Lord Montherons und Mrs. Jngestres förmlich verabschiedeten.

Die nächste Woche brachte nichts als Wind, Regen und Nebel. Lady Wolga ging jeden Abend, mochte das Wetter noch so rauh und unangenehm fein, in den Anlagen zu Clyffebourne fpazieren, sah aber nichts wieder von dem angeblichen Hau- fterer. Unwillig über sich selbst, weil sie glaubte, sich völlig getäuscht zu haben, brach sie endlich zur Reise nach London auf, nachdem sie Miß Strange das Versprechen abgenommen, ihr in einigen Tagen zu folgen. Lord Montheron, be- Sleitet von seinem Diener Pierre, folgte Lady Bolga mit dem nächsten Zuge, und Alexa blieb mit Mrs. Jngestre allein im Schlosse zurück.

Das Wetter erlaubte weder Spaziergänge noch Fahrten, sondern hielt die beiden Damen gänzlich eingeschlossen.

Mrs. Jngestre hatte Alexa liebgewocknen und fürchtete, diese werde die Einsamkeit des Swlosies

nicht lange ertragen können, weshalb sie alles aufbot, um ihr die Zeit zu verkürzen.

Sie erzählte ihr verschiedene, mit dem Schlöße zusammenhängende Sagen und endlich auch die Geschichte des großen Familiendramas der Mont- Herons. Dann anknüpfend sprach Alexa den Wunsch aus, das fragliche Zimmer einmal zu besuchen.

Mrs. Jngestre erschrak über dieses Verlangen, welches sie ganz unerhört fand. Als die alte Dame sich aber mit der Idee vertraut gemacht hatte, erwachte ihre eigene Neugierde, und nach einer Besprechung deswegen mit dem Kellermei- ster und der Haushälterin erklärte sie sich bereit, mit Alexa eine Besichtigung des so lange ver­schlossen gewesenen Gemachs vorzunehmen.

„Es ist ein Glück für uns, daß der Marguis nicht zu Hause ist", sagte Mrs. Jngestre. „Er würde ein Oeffnen des Zimmers nicht zugeden. Er scheint in dieser Beziehung wirklich abergläubisch zu sein. Vielleicht glaubt er die unsinnige Spuk­geschichte der Dienerschaft. Der Schlüssel befin­det sich im Besitz der Haushälterin — nein, er hängt irgendwo in der Bibliothek. Puffet wird ihn suchen."

Puffet suchte den Schlüße!, und als er ihn ge­funden, rückte er mit der Haushälterin nach dem Zimmer. Als Alexa und Mrs. Jngestre kamen, fanden sie die Fensterläden fchon geöffnet und ein Feuer luftig im Kamin brennen. Ungeachtet die­ser Vorbereitungen war die Luft feucht und dumpfig.

Alexa musterte das Zimmer aufmerksam.

Es war groß und hoch. Die Dekoration der Wände war künstlerisch, die Mobilien luxuriös, aber sie waren, ebenso wie die Teppiche, mit dickem Staub bedeckt und an den Wänden und an den Polsterüberzügen zeigten sich Spuren von Moder. Ein hohes, mit reicher Bildhauerarbeit verzier­tes Bett stand an der einen Wand, vor welchem seidene Vorhänge, aus denen bei der ersten leisen Berührung unzählige Motten flatterten, in schwe- ren galten niederhingen. Ein Ankleide- und ein Badezimmer stießen an das Schlafgemach.

Wenn Alexa hier eine Spur, welche zur Ent­deckung des wirklichen Mörders ihres Onkels füh­ren konnte, zu finden gehofft hatte, so schwand ihre Hoffnung sehr bald.

Nachdem der Leichnam Montherons von den Dienern gefunden worden war, hatten viele Leute das Zimmer betreten; die Gerichtsbeamten hat­ten es sorgfältig durchsucht. Was konnte für Alexa achtzehn Fahre später noch zu finden übrig bleiben? Sie begriff ihre Aussichtslosigkeit. Den­noch durchsuchte sie das Bett, jeden Winkel des Zimmers und die Mobilien mit einem Eifer, der ihre Begleiter in Verwunderung setzte.

„Das Zimmer ist so lange geschlossen gewesen", sagte sie errötend, „daß ich es für möglich hielt, irgend was zu finden, was Licht in das furcht­bare Dunkel bringen könnte."

„Mein liebes Kind", entgegnete Mrs. Jnge­stre, „es besteht kein Dunkel »»betreff des Mor­des. Der Mörder wurde entdeckt und des Ver­brechens überführt."

„Aber, wäre es nicht möglich, daß Lord Strat­ford unschuldig war" wandte Alexa ein.

Mrs. Jngestre schüttelte traurig den Kopf.

„Wenn die Leute hier das glauben könnten, würden sie glücklich fein", sprach der Kellermeister; „denn niemals wurde ein Herr dieses Hauses mehr geliebt, als Lord Stratford Heron, der fröhlichste, offenste und edelste Gentleman, welcher jemals lebte. Wir waren mehr nm ihn betrübt, als wir über seine Tat entrüstet waren."

„Das Bett wurde förmlich in Stücke zerrissen und von den Gerichtsbeamten durchsucht. Miß Strange", erklärte die Haushälterin, als Alexa begann, die Bettstelle noch einmal zu besichtigen. „Die Bettstelle ist eine Antike, die kam vor hun­dert Jahren aus Frankreich."

Alexa ließ sich durch nichts beirren, sondern fuhr fort, die kunstvolle Schnitzerei zu besichtigen. Plötzlich kam ein Schrei von ihren Lippen, in den sich Schreck und Freude mischten. In einer tiefen Spalte der Schnitzerei hatte sie das Schim­mern eines goldenen Gegenstandes gesehen, ohne

daß sie jedoch wußte, welcher Art ihre Entdeckung war.

Alexa nahm eine Nadel aus ichrem Haar, bog das Ende zu einem Haken zurecht und zog damit nach einigen Bemühung» ein Stück von einer Kette aus der Spalte, tiuxi zwei Zoll lang und von künstlerischer Arbeit.

Ihre Aufregung teilten jetzt auch die anderen Anwesenden. Die Kette ging von Hand zu Hand.

Niemand hatte je eine Kette gesehen, welche diesem Stück ähnelte, aber die Vorzüglichkeit des Goldes, die Schwere und kunstvolle Arbeit zeig­ten, daß diese Kette keinem Diener des Hauses gehört haben konnte.

„Das ist eine Spur!" rief jetzt Alexa, und ihre Augen leuchteten. „Möge sie zur Ermitte­lung des wahren Mörders führen! Sie alle kön­nen behaupten, daß ich diese Kette hier gefunden habe!"

„Das wollen wir, Miß Strange", erklärte Puffet.

„Wollen Sie die Kette genau besehen, daß Sie biefelbe. wieder erkennen und es nötigenfalls auch beschwören können", bat Alexa.

„Was beabsichtigen Sie damit zu tun, Miß Strange?" fragte Mrs. Jngestre.

„Ich will sie in Ihrer Gegenwart versiegeln, nach dem Dorfe bringen und ,beim Gerichtsherrn deponieren, nachdem ich in seiner Gegenwart ein paar Glieder davon für mich abgetrennt habe."

Alle Anwesenden waren erstaunt, aber nie­mand richtete eine weitere Frage an das Mäd­chen. Es lag etwas in ihrem Wesen, was sie zum Schweigen zwang. Selbst Mrs. Jngestre fügte sich der Autorität der jungen Dame.

Eine weitere Durchsuchung der Zimmer und Mobilien führte zu keinem Resultat. Das Schlaf­gemach wurde wieder verschlossen, und Alexa eilte in ihr Zimmer und kleidete sich zum Ausfahren an. Mrs. Jngestre erbot sich, sie zu begleiten. Ter Wagen wurde bestellt und wenige Minuten später war Alexa auf dem Wege nach dem Dorfe, ihren gefundenen, kostbaren Schatz fest in der Land haltend.