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wachmbeilagr: „Illustrierte Sonntagrzeitung" m«n»kMage: „Fuldaer GeschichkblS t:r"

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Rotatl onrdruck u. Verlag der.Hulda« Ae tiendr ickerei in.Hulda.

.herr.isrecher Nr 9.

JV8 135.

Fulda, Samstaa den 15. Juni 1907.

34. Jahraana.

Zweites Mt'att.

Wochen-Rundschau.

n. Fulda, 15. Juni 1907.

In Deutschland war die letzte Woche prm an innerpolitischen Ereignissen. Der preußische Landtag ist geschlossen wor­den, nachdem er noch einmal für einige Tage zrifammengetreten war. Er hat fleißig gear­beitet. Der Etat ist erledigt worden, außerdem wurde eine größere Reihe von Gesetzesvorlagen verabschiedet. Nur der Quellenschutzgesetzent­wurf ist unerledigt geblieben. Von den zur An­nahme gelangten Initiativanträgen ist beson­ders hervorzuheben ein Antrag des Zen­trumsabgeordneten Trimborn betreffend Aufbesserung der unteren und mittle­ren Beamten. Außerdem hat das Z e n t r u m für die nächste Session einen Antrag auf A b- änberung des Einkommensteuer- gesetzes eingebracht. Die Arbeitgeber waren seither angehalten, den Steuerbehörden Auf­schluß über die Lohnbezüge ihrer Arbeiter zu geben. Diese mit Recht unbeliebte Einrichtung will der Zentrumsantrag beseitigt wissen, an­derseits will er die Grenzen, innerhalb derer Steuerermäßigungeil vorgesehen sind, erweitern. Das Ereignis des Tages lvar unstreitig die Ver­abschiedung der Vorlage betreffend die Teue­rungszulage an die unteren und mittleren preußischen Staatsbeaiilten. Preußen wollte die Zulage nur an die unteren Beamten gewäh­ren, die Liberalen forderten sie hartnäckig auch für sämtliche mittleren Beaniten trotz völliger Aussichtslosigkeit. Da kam in letzter Stunde nach vorheriger Verständigung mit der Regierung ein vom Zentrum angeregter Kompro- mißantrag des Zentruins und der Konserva­tiven zur Annahme, der 5 Millionen als Zu­lagen für die am schlechtesten besoldeten Kate­gorien der mittleren Beamten bereit stellt. Das schkllg den: Faß den Boden aus. Die liberalen Redner ließen ihre Verstimnlung darüber, daß anstelle ihrer Parteien das Zentrum bei dem Antrag mit dabei war, allzu deutlich nrerken, die liberale Presie fauchte den Finanzminister Rheinbaben zornig an und auf den Fürsten Bülow regnete es Angriffe, weil er als preußi­scher Ministerpräsident nicht zu wissen scheine, was er als Reichskanzler tue.

Noch hat sich die Erregung über diesen Vor­fall nicht gelegt, da schlagt eine neue Nachricht wie eine Bombe ins liberale Lager ein. Ber­liner Blätter melden, Kultusminister v. S t u dt werde demnächst gehen. Als seinen Nachfolger bezeichnen sie nicht einen Mann nach dem Her­zen der Liberalen, etwa den Frankfurter Ober­bürgermeister Adickes ober den Berliner Theo­logieprofessor Harnack, sondern ben Unterstaats­sekretär im Reichspostamt v. S h d o w, p olitisch ein unbeschriebenes Blatt. Inwieweit diese Meldung auf Wahrheit beruht, wird die kom­mende Zeit lehren.

Die Eulenburgaffäre gibt der Presse noch tagtäglich Stoff zu allerlei Betrach­tungen. Je mehr ans Tageslicht durchsickert, desto klarer zeigt sich, daß der letzten Reichstags­auflösung nicht sachliche, sondern persönliche Momente zugrunde lagen. Bülow wollte sich behaupten und unternahm zu diesem Zwecke den Vorstoß gegen das Zentrum, der zwar kläglich

ALetecr

oder

Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von öibuarb Wagner.

841 (Nachdruck verboten.)

Er hatte sich unkenntlich gekleidet, trug ein Kästchen mit Seifen und Bändern an einem über die Schulter geworfenen Lederriemen und sah aus wie ein Hausierer. So glaubte er sicher zu sein, nicht erkannt zu werden.

Leise, damit er sie nicht verscheuche, trat er hinter dem Felsen hervor. Ein paar Schritte von ihr blieb er stehen, bescheiden, demütig gebeugt und seinen Kasten so haltend, daß er beim ersten Blicke zu sehen war.

Mit einem kurzen Ausichrei eilte Felice znm Schutze ihrer Herrin vorwärts.

Der anscheinende Händler blieb ruhig stehen; fein gebeugtes Haupt und seine bescheidene Hal- tung rührten Lady Wolga, welche, obwohl stolz und kalt gegen Ihresgleichen, teilnehmend und freundlich gegen die Geringeren und Armen war.

„Wer sind Sie? fragte die Lady mit klarer Stimme, nicht ohne Würde, aber doch teilnehmend -und sanft; „und was wollen Sie hier?"

Er berührte den Kasten und murmelte einige unverständliche Worte.

< „Was tun Sie an diesem Orte?" fragte Lady Wolga. „Sind Sie ein Händler?"

„Ich weiß, Mylady, es ist schon spät", sagte er demütig. „Ich war auf dem Wege nach dem Dorfe Montheron. Mylady wird nicht in so später -Stunde etwas kaufen wollen?"

' Lady Wolga musterte ihn gleichgiltig, als sie verneinend antwortete. Er hatte seinen Hut ab­genommen; nun toarf er seinen Kasten zurück und wollte sich entfernen. Etwas in seiner Erschei-

<imng erregte die Aufmerksamkeit der Lady Wolga. ■

abprallte, dagegen einen unverhofften Sieg über die Sozialdenwkratie brachte. Damit aber hatte Bülow seine Stellung wieder befestigt.

In Frankreich haben die Weinbauern ihre Drohungen in die Tat umgesetzt. Am Sonntag hielten die Winzer ihre letzte Versamm­lung in Montpellier ab. 600 000 Menschen nahmen daran teil. Sie beschlossen, vom 10. Juni ab die Steuerzahlungen einzustelleii, und forderten die Bürgermeister und Gemeinderäte auf, ihre Aemter niederzulegen. Das letztere ist bann auch bereits in ben Städten Montpellier, Perpignan, Narbonne und zahlreichen kleine­ren Orten geschehen. In Toulon wurde sogar in einer Versammlung von 15 000 Winzern der offene Aufruhr proklamiert und ein Marsch nach Paris angedroht. Zu ernsten Ausschrei­tungen ist es indes bisher noch nicht gekommen. Die Regierung hat der Kammer einen Entwurf vorgelegt, welcher der Not steuern soll. Allein er findet weder Anklang bei ben Vertretern bet südlichen Weinbaubezirke noch auch bei ben Ab­geordneten des Nordens, welche die brohende höhere Besteuerung des Zuckers energisch be­kämpfen. Der französisch-japani­sche Vertrag ist im Laufe der Woche in Paris durch den französischen Minister des Auswärtigen, Pichon, sowie den japanischen Botschafter Kurino unterzeichnet worden.

In England sieht sich das liberale Mi­nisterium gezwungen, seine Vorlagen eine nach der andern zurückzuziehen. Ilm die Gemüter zu beschwichtigen, wird Premierminister Camp- bell-Bannerman am 20. Juni dem Unterhause eine Resolution vor legen, welche die Ansicht der Regierung über das Verhältnis von Oberhaus und Unterhaus kundgibt. Trotzdem das Ministerium eine ganz gewaltige Majorität hinter sich hat, hat es bis jetzt herz­lich wenig geleistet.

Kaiser Franz Joseph von Ostsr- r e i ch ist aus Budapest, wo er anläßlich der Feier seiner vierzigjährigen Krönung als Königvon Ungarn weilte, plötzlich nach Wien zurückgekehrt. Unstimmigkeiten zwischen . dem Kaiser und dem ungarischev Ministerium sollen die Ursache der unerwarteten Abreise ge­wesen sein; überhaupt wollte eine rechte Festes­stimmung nicht aufkommen. Auch gab es im Parlament wieder einmal eine Prügel- s z e n e. Der rumänische Abgeordnete Vajda, der vor einigen Wochen in einer Rede die Ma­gyaren beleidigt hatte, wurde bei seinem Er­scheinen im Abgeordnetcnhanse von den Magya­ren einfach ans dem Saale gejagt, wobei sich zwischen verschiedenen Abgeordneten eine regel­rechte Prügelei entwickelte.

Zwischen A m e r i k a und Japan werden die Beziehungen immer schlechter. Zwar sind die beiderseitigen Regierungen nach wie vor be­strebt, nach Möglichkeit einen Konflikt zu ver­meiden. Unter der Bevölkerung beider Länder macht sich aber eine immer größer werdende Erbitterung bemerkbar. In Japan hat sich diese Stimmung des Volkes die oppositio­nelle Fortschrittspartei zu Nutzen gemacht, um das Ministerium, welchem man die Schuld an der schlechten Behandlung der Japaner in Kalifornien zuschreibt, z u st ü r z e n. Die Partei hat mit den an der Ostküste der Vereinigten Staaten ansässigen Japanern zu diesem Zwecke ein Bündnis abge­schlossen. Dieser Bund hat es sich weiter zum

Es mochte das unbewußte Aufrichten seiner Ge­stalt sein, der brennende Blick seiner Augen oder eine bekannte Bewegung; es mochte auch nur der wunderbare Instinkt, jener wunderbare Trieb fein, der fast allen Frauen eigen ist. Was aber auch immer der Antrieb sein mochte, Lady Wolgas Augen wurden immer größer und füllten sich mit einer seltsamen Glut.

„Bleiben Sie!" rief sie hastig, fast befehlend. „Sie haben mir noch nicht gesagt, wer Sie sind. Ich fragte nach Ihrem Namen."

Er blieb stehen, wie durch ein Zauberwort festgehalten, aber er antwortete nicht. Er zitterte. Lady Wolga bemerkte es und auch sie ergriff ein heftiges Beben.

„Hören Sie nicht, was Mylady sagt?" fragte Felice scharf. Ein Hausierer hat kein Rechts zu so später Stunde diesen Ort zu betreten. Wenn Sie Ihren Namen nicht nennen, werde ich Männer aus dem Hause rufen und Sie sollen verhaftet werden!"

Lady Wolga unterbrach Felice durch eine rasche Handbewegung.

„Schweig, Felice", sprach sie erregt. „Du weißt nicht, was Du sagst. Haben Sie keine Antwort für mich?" wandte sie sich an den Fremden. „Wol­len Sie mir nicht sagen, wer Sie sind?"

Er hatte sich würdevoll aufgerichtet. Trotz der an seiner Seite hängenden Last war doch jeder Zoll an ihm ein Gentleman. Er hatte seine Ver­kleidung für vollständig gehalten; aber er konnte den Blick und die Farbe seiner Augen nicht ver­ändern, die beim bellen Mondschein deutlich zu erkennen waren, und in seiner Aufregung vergaß er die seinem angenommenen Charakter gezie­mende Rolle.

„Aha," dachte Felice, „einer von Myladys Ver­ehrern, von Eifersucht getrieben, ist verkleidet aus London gekommen. Das ist romantisch."

„Verzeihen Sie," antwortete der scheinbare Hausierer auf die Frage der Lady Wolga, „aber mein Name kann eine vornehme Lady, wie Sie

Ziel gesteckt, die Beseitigung her die Einwande­rung von Kulis ausschließenden Bestimmungen des amerikanischen Auswanberungsgesetzes her­beizuführen. Wie sich die Japaner die Aus- fiihrung dieses Beschluffes denken, hat der Füh­rer der japanischen Oppositionspartei offen ausgesprochen. Er hat erklärt, daß, wenn es der Diplomatie nicht gelingen sollte, eine be­friedigende Lösung herbeizuführen, der einzige noch offene Weg in einem Appell an d i e Waffengewalt liege. Man sieht, den Japanern ist nach ihren Erfolgen gegen die Russen gewaltig der Kamm geschwollen; sie scheinen aber ganz zu vergessen, daß sie in ben Vereinigten Staaten einen machtvolleren Geg­ner als Rußland es war, gegenüberstehen und daß sie sehr leicht aller Errungenschaften ihrer letzten Siege verlustig gehen können. Daß die Bevölkerung der Vereinigten Staaten infolge dieses Verhaltens ihren früheren Freunden immer mehr abhold wird, kann ihr niemand verdenken.

Unpolitische Zeitlaufe.

(n) Berlin, 13. Juni 1907.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Da sind wir also wieder einmal gezählt wor­den! Eine Riesenarbeit, die viel eher Aerger als Freude hervorruft. Aber gut ist es doch.

Manche Leute sagen, die Volkszählerei kehre allzu häufig wieder; der Sport der Statistiker würde zu einer Landplage. An die regelmäßige Volkszählung, die alle 5 Jahre stattfindet, zu­letzt am 1. Dezember 1905, habe man sich all­mählich gewöhnt; aber wenn nun noch eine außerordentliche Zählung unter der Firma der Berufs- und Betriebsfeststellung dazwischen ge­schoben würde, so fingen die braven Staatsbür­ger an, ungeduldig und knurrig zu werden. Die Tinte der staatsbürgerlichen Ergebenheit, mit der die ewigen Listen ausgeführt werden müß­ten, verwandle sich in gährend Drachengift. Man müsse bedenken, daß die preußischen Staatsbürger so.nebenbei alle Jahre int Novem­ber auch noch richtige Volkszählungslisten zum Zweck e der Steuerveranlagung auszufüllen hatten.

Ich fuhr als Jüngling einmal mit einem Nachtzug von Dresden nach Prag. In Boden- bach war Zollrevision. Sobald die Formalität erledigt war, legte ich mich wieder in die Wagens, ecke, um weiter zn schlafen. Als ich aufwachte f stand der Zug schon still auf dem Bahnhof in Prag. Ich raffte meine sieben Sachen zusam­men, um schleunigst ben bereits verödeten Bahn­steig zu verlassen. Da hielt ntich ein Beamter an und verlangt Oessnung meines Koffers be­hufs Zollprüfung. Aergerlich unb noch halb schlaftrunken rief ich dem Manne zu, ich sei ja soeben untersucht worden. Das bestritt er, unb ich fragte ibn, ob denn die berühntte österrei- chischeGemütlichkeit darin bestände, daß man alle Viertelstunde Zöllnerhände int Koffer habe. Kurz, wir kamen auf ben schönsten Kriegsfuß, bis ein höherer Zöllner mich beruhigt durch die Atifklärung, daß in Bodenbach auf den Lan­deszoll untersucht worden sei, hier aber die Prager Stadtmauth ihr Recht fordere. Ich sah ein, daß die wiederholte Untersuchung keine Willkür war, sondern jede Untersuchung ihren besonderen vernünftigen Zweck hatte.

sind, nicht interessieren. Bitte, verzeihen Sie meine Aufdringlichkeit und erlauben Sie mir, mich zu entfernen."

Seine Stimme war nicht mehr demütig und bescheiden. Er ivar nicht imstande, sie länger zu verstellen. Die Jahre hatten sie nur wenig ver­ändert und die wohlbekannten Töne durchdrangen die Hörerin wie glühende Schwerter. Ein Schrei kam von Lady Wolgas Lippen und mit ausge­streckten Armen eilte sie auf ihn zu. Er aber wandte sich rasch um und eilte den steilen Felsab­hang hinab nach der See. Als er so plötzlich vor ihren Augen verschwand, stürzte Lady Wolga mit erhobenen Armen noch einen Schritt vorwärts und sank dann mit dumpfem Stöhnen auf die harten Steine nieder.

' 41. Kapitel.

Ein erfolgloser Antrag.

Am folgenden Morgen erschien der Marquis von Montheron bei Lady Wolga zum Besuch.

Wie der Marquis bemerkte, sah sie nicht ganz wohl aus. Ihre Wangen toaren farblos und selbst ihre Lippen waren bleich. Ihre matt und glanzlos blickenden Augen,waren mit bläulichen Ringen umzogen und in ihren Zügen lag eine Traurigkeit, die ihn beunruhigte. Er hielt seine Hand hin und die ihrige legte sich kalt wie Eis hinein.

„Sind Sie krank?" fragte er leise in teilneh­mendem Tone, und seine Augen ruhten liebevoll auf ihr.

„Ich bin nicht ganz wohl", antwortete sie, in einen Stuhl sinkend. „Aber es freut mich. Sie zu sehen. Ich habe Ihnen etwas zu sagen."

„In meiner Angelegenheit? Wollen Sie mei­nen Bitten uachgeben, oder haben Sie nur Worte der Ermutigung und Hoffnung für mich, teure Lady?"

Er setzte sich auf ihren Wink in nur geringer Entfernung ihr gegenüber. *

Die verschiedenen Volkszählungen haben auch jede für sich ihren vernünftigen Zweck. Diesmal sollten die Berufs- unb Betriebsver­hältnisse gründlich festgestellt werden. Bei der regelmäßigen Volkszählung im Dezember 1905 war es nach dem Urteil der Fachmänner nicht möglich, in die Einzelheiten des Erwerbslebens einzudringen, weil sonst das Zählgeschäft zu ver­wickelt unb also das Ergebnis unsicher gewor­den wäre. Je einfacher die Fragen, desto zuver­lässiger die Antworten! Die besondere Berufs- unb Betriebszählung von 1907 konnten wir uns umso eher gefallen lassen, als sie u. a. einem hochwichtigen sozialpolitischen Zweck dienen soll, nämlich dem Ausbau der Versicherungsgesetze, namentlich der Einführung der Witwen- unb Waisenversorgung, wozu das Zentrum durch den Paragraphen über die Mehreinkünfte aus ben Getreibezöllen den finanziellen Grundstein gelegt hat. Dazu diente insbesondere die letzte Spalte auf dem Zählblatte, die von ben Witwen unb den Waisen unter 18 Jahren handelte.

Also, wenn du über die Schreiberei vom 12. Juni geschimpft haben solltest, so nimm alles zu­rück und erkenne an, daß der gute Staatsbürger nicht bloß sein Blut und Gut, sondern auch seine Tinte dem Vaterlande, wenn es ruft, opfern muß. Wir leben nun einmal im papierenen Zeit­alter; die Wirklichkeit muß erst in schwarz auf weiß in den Akten „niedergelegt" sein, ehe die Staatsgewalt ihre bessernde Hand an die Ver­hältnisse legt. „Statistik" nennt sich die Wissen­schaft, die aus ben Millionen von Einzelanga- ben ein umfassendes, getreues unb handliches Bild des Volkslebens zu machen sucht. Die Sta­tistiker fabrizieren die Landkarten, mit deren Hilfe die Reformpolitik ihre Fahrten antritt.

Im übrigen muß man diese tote alle ande­ren prosaischen Geschäfte mit etwas poetischen Nebengedanken zu toürzcn suchen. Man kann an die Volkszählung unter Kaiser Augustus denken, die Maria unb Joseph zu Weihnachten nach dem Zählort Bethlehem führte. Man kamt auch fein bürgerliches Selbstbewußtsein stärken, indem man sich klar macht: Die Gesamtheit der Zählblätter bildet die großmächtige und hoffnungsfrohe deutsche Nation, unb toenn ich mein Formular ausfülle, so betätige ich mich damit als echtes unb rechtes Glied der deutschen Nation, als Mitbegründer und Mitbesitzer ihrer Kraft, ihrer Ehre unb ihrer Hoffnung.

Wenn die Zählerei etwas eingeschränkt wer­den soll, so möchte ich nicht die besondere Be­rufszählung geopfert wissen, sondern eher die preußische Steuerzählung im Herbst. Die Ein­kommensteuerpflichtigen lassen sich doch bei un­serem wohlgeordneten Meldewesen ailch tvohl ohne die Ausfüllung von umständlichen Haus- listen mit genügender Vollständigkeit erwischen. Gerade die Zähllisten vom November haben i>< so bedenklicher Weise die Furcht genährt, daß jede Volkszählung Steuerzwecke verfolge. Daher das weitverbreitete Streben, mit den richtigen Angaben hinter dem Berg zu halten ober gar durch falsche Angaben das Bild zu trüben.

In neuerer Zeit ist hier in Preußen das Mißtrauen der Arbeiterbevölkerung noch beson­ders verschärst worden durch ben unglückseligen Paragraphen, den die Nationalliberalen in bas neue Einkommensteuergesetz hineingebracht ha­ben, wonach die Arbeitgeber den Verdienst ihrer Arbeiter bis auf den Pfennig ben Einschätzungs, behörden verraten müssen.

„Sie haben noch nichts zur Ausführung mei­nes Auftrages getan?" fragte Lady Wolga. „Sie haben keine Spur von dem wirklichen Mörder ge­funden?"

Ein flüchtiger Schatten glitt über das Gesicht des Marquis.

„Meine liebe Lady Wolga," sprach er saust, warum klammern Sie sich an eine solche Illusion? Der Mörder wurde vor 18 Jahren entdeckt. Er ist vor die Schranken des Richters getreten, der strenger und furchtbarer ist, als der irdische. Warum wollen Sie sich quälen um einen Manu, der schon viele Jahre in seinem Grabe ruht?"

„Ich habe ihn viel zu gut gekannt, als daß ich an seine Schuld glauben könnte," sagte Lady Wolga.

„Wolga, Ihre Liebe verleitet Sie gegen die Wahrheit, nimmt Ihre Vernunft gefangen —"

„Weil meine Liebe klarer sieht, als die Ver­nunft es kann. Er war nicht zu einem Morde fähig, wie sehr er auch hätte gereizt werden mögen; er würde lieber als Bettler von bannen gezogen sein, beim als Herr zu bleiben, toenn dieses Bleiben nur durch einen Mord zu erreichen gewesen wäre. Ich werde ihn stets lieben unb ihn vor allen Menschen achten und ehren, — ben edel­sten, großherzigsten Mann, dem so unrecht ge- schehen ist."

„Sie haben nie so von ihm gesprochen, Wolga. Erweckt dieses Haus so mächtige Erinnerung in Ihnen?"

„Vielleicht. Sagen Sie mir, Roland, glauben Sie, daß er wirklich tot ist?"

Das Herz des Marquis schien stille zu stehen, aber feine Muskel seines Gesichtes verriet ben Schreck, den diese einfache Frage ihm verursachte. Es dauerte über eine Minute, ehe er zu einer Antwort imstande war.

„Welch eine sonderbare Frage," rief er. „Ge- wiß ist er tot! Er starb in Südamerika. Ich glaube, wir haben schon darüber gesprochen. Wi» kommen Sie zu dieser Frage, Wolga?"