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ZuldaerMZeitung

wochLnbeiiage: „IllustrierteSanntagszeitung" Momkieuae«: „Suldaer Seschichtsblä t>r"

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Rotationsdruck v. Verlag der Snlbaer Ae tiendrickerei in Hulda.

Serrfpredier Nr 9.

133.

Fulda, Donnerstag den 13. Juni 1907.

34. Jahraanq.

[:] Eine Profefforen-Gewerkschast.

Soeben geht die Nachricht durch die Preffe, daß für den September d. I. eine Versammlung deutscher Hochschullehrer nach Salzburg berufen worden ist, in welcher Stellung gegen die staatliche Beeinflussung der Hoch­schulen genommen werden soll. Diese Mit­teilung kann auf den ersten Blick den Anschein erwecken, als ob man es bei dieser Versammlung mit einer gelegentlichen Stellungnahme zu tun habe. Das ist aber nicht der Fall. Viel­mehr soll die Versammlung die Einleitung zu einer Profefsoren-Organisatwn bilden. Die An­regung zu einer solchen wurde bereits im vorigen Jahre gegeben; der Anlaß, aus dem sie hervor­ging, liegt aber viel wetter zurück. Lu jo Bren­tano hat für diese Organisation die Bezeichnung „Profefforen-Gewerkschaft" erfunden > damit sind ihre Ziele ohne wetteres gekennzeichnet. Die Organisation soll eine Kampforganisation fern zur Forderung der materiellen- Jntereffen der Professoren und

zur Abwehr vermeintlicher Angriffe auf die idealen Güter unserer Hochschulen. Wenn die deutschen Hochschullehrer sich zusammen­schließen , um ihre wirtschaftlichen Interessen bester wahren zu können, so ist das ihr gutes Recht; es kann nicht als wünschenswert er­scheinen, daß die Lehrer unserer akademischen Jugend in ihren Bezügen hinter dem Normal­maß zurückbleiben, auf das Leute von Bildung und Stellung Anspruch haben. Daß einzelne hervorragende Männer an den Hochschulen dieses Normalmaß weit überschreiten, ändert daran nichts. Es gibt genug Professorenfamilien, die sich recht kümmerlich durch das Leben schlagen müssen. Der Idealismus, daß der Gelehrte seinem Beritte zuliebe darbt, paßt nicht mehr in unsere Zeit. Will der Staat die besten Kräfte des Volkes an die Hochschulen ziehen, so muß er auch

für einen angemessenen Unterhalt Zargen. Wenn man aber auf Seiten der Pro­fessoren in dieser Richtung wirken will, so muß man eine Organisation schaffen, welche die Hoch­schullehrer sammelt, nicht aber eine solch?, welche sie trennt und in zwei feindliche Lager sondert. Zu einer derartigen Sonderung muß aber ohne Zweifel die geplante Professoren-Ge- werkschast führen. Sie ist nichts anderes als eine Kampforganisation der liberalen Professoren gegen ihre katholischen Kollegen; sie ist die Frucht des Entrüstungsrummels, den die Boraussetzungs- losen bei der Ernennung des Dr. Martin Spahn zum Professor in Straßburg inszeniert haben. Wer daran einen Zweifel hegt, wird deswegen behoben werden, wenn er die Empfehlung liest, welche Brentano vor einiger Zeit dem Aufruf zur Bildung der Professoren-Gewerkschast in dem ,Berl. Tageblatt^ mit auf den Weg gegeben hat. Durch den Zusammenschluß wollen die Voraus- setzungslosen sich dagegen schützen, daß katholische Gelehrte zu Professoren berufen werden. Der liberale Professorenring, der tatsächlich schon srtt langem besteht, soll eine Organisation erhalten und durch diese fester zusammengeschmiedet werden, damit er nicht durch unbequeme „Eingriffe" von oben durchbrochen werden kann. Im Interesse unserer Hochschulen kann man diese neueste Er­scheinung auf dem Gebiete der Koalition nur tief bedauern, weil sie die konfessionellen

Gegensätze, die leider über Gebühr schon in der Studentenschaft bestehen,

aus bett Lehrkörper überträgt

und zum Gegenstand eines organisierten Kampfes macht. Der Liberalismus klagt so häufig darüber, daß die Katholiken sich absonderten, er wirft uns vor, daß wir rückständig seien. Und hier drängt man die katholischen Professoren in eine Ab­sonderung hinein und verwehrt jungen katholischen Talenten den Zutritt zum Profefforentum. Die Wissenschaft ist keine Domäne einer Partei oder Konfession, sie ist Gemeingut des menschlichen Geistes, und daß der menschliche Geist durch die katholische Taufe eine Entartung erfahre, muß erst noch bewiesen werden. Es darf vielleicht als ein erfreuliches Zeichen be­trachtet werden, daß den erwähnten Ausruf aus Preußen nur fünf Professoren unterfchrieben haben.

Deutscher Keich.

Berlin, 12 Juni 1907.

m. v. Tirpitz 10 Jahre Staatssekretär. Am 15. Juni werden 10 Jahre seit der Ernennung des Admirals v. Tirpitz zum Staatssekretär des Reichs-Marineamtes vergangen sein. Als von Hollmann nach siebenjähriger Tätigkeit im Reichs-Marineamte wegen parlamentarischer Miß­helligkeiten zurücktrat, wurde durch Kabinetts- Ordre vom 31. März 1897 der erst 1895 zum Kontre - Admiral beförderte damalige Chef der ostasiatischen Kreuzer-Dioifio», Tirpitz, zur Ver­tretung kommandiert. Am 15. Juni erfolgte dann feine Ernennung zum Staatssekretär. Man kann dem Staatssekretär nicht das Zeugnis verweigern, daß er in Sachen der Flottenvermehrung stets bereit war, mit dem Reichstage in gegen­seitiger Verständigung zu arbeiten. Eine Zeitlang kam er dadurch in Konflikt mit dem Flottenverein, dessen uferlosen Plänen er entgegentrat Wie sein Verhältnis zu den Wün­schen dieses Vereins sich in Zukunft gestalten wird, kann nach den Kundgebungen des Kaisers an die diesjährige Tagung des Flotteuvere.ns kaum fraglich erscheinen. Die ,Postt scheint zu glauben, daß Herr v. Tirpitz jetzt in beschleunig- lern Tempo die Vermehrung der Flotte betreiben werde, denn sie schreibt: »Neue Zeiten stellen neue Forderungen. Staatssekretär v. Tirpitz durfte sein Werk noch nicht beendet haben."

* Eine neue Entschädigungsvorlage für Südwestafrika. Jetzt kommen briefliche Mit­teilungen über den Mißwachs und die Heu­schreckenplage in dieser besten aller Kolonien. So lesen wir in einem Briese, der durch die Presse geht:

„3m ganzen Lande Nagt man über den leider aus gebliebenen Regen; die Aus- sichten sind daher höchst trübe, und nach ver­lebten ähnlichen Jahren wird wohl 1907 ein Hungerjahr sein. Es fehlt überall an Weide für das Vieh, und das wenige, was davon vorhanden war, haben die im März er­schienenen Heuschreckenschwärme aufge« fressen bis auf die Würzet Der warme Ost- wind trieb Millionen dieser Schädlinge bis in die See, wo ihr Vorkommen 2 Dampsertage- reifen vor Swakopmund von Schiffen bemerkt worden ist. Die See war bedeckt von ihren Leichen. Allein im Bezirk Swakopmund, dem am wenigsten nächst Lüderitzbucht von Farmern

bewohnten, wurden durch die Schwärme die Anlagen von sechs Ansiedlern von Grund aus vernichtet, waS bei jedem einen Schaden von etwa 5000—7000 Mark und einen empfindlichen Verlust, wenn nicht deren Ruin ausmacht. Und nicht nur auf jedes grüne Hälmchen stürzten sich die Tiere, nein, alles was nicht Stein und Eisen darstellte, wurde von den verhungerten Gästen angesrefseu, wie Wäsche, Kleider, Säcke, Dünger usm. Am schlimmsten haben die Heuschrecken in Wind­huk und Klein-Windhuk gehaust, dort werden Schäden von 10000—40000 Mark genannt! Ein Bekannter erzählte mir, die Hauptstraße Windhuks sei von der ungezügelten, jungen Brut völlig bedeckt gewesen und habe infolge der hüpfenden Fortbewegung dieser Tierchen den Eindruck von etwas Lebendem hervorgerufen. Gute Zeit hätten die zahlreichen Vögel und das Geflügel an der reich gedeckten Täte!, ebenso die Eingeborenen, die die Heuschrecken tonnenweise gesammelt, geröstet und verspeist hätten. Die Regierung erläßt Fragebogen an die Dienststellen und Farmer zur Fest­stellung der Schäden und der Art und Weise des Einfalles der Schädlinge, um für die Zukunft rechtzeitige Gegenmaßnahmen treffen zu können. Man will den Heuschrecken mit allen modernen Hilfsmitteln: Impfung, Feuer, Wasser und Gift zu Leibe gehen und plant den ersten Angriff auf deren auf ver- schiedenenen Hochplateaus gelegenen Brut­stätten."

Wie traurig! Zunächst bleibt der Regen aus, was schon allein ein Mißjahr im Gefolge hat. Obwohl kaum Vieh im Lande ist, fehlt es doch dielen wenigen Stücken an Weide und doch sollen nach dem Phantasien gewisser Leute dort einstens Millionen Vierfüßler genug^ Futter finden. Endlich kommen noch Heuschrecken und fressen das wenige auf; selbstverständlich fehlt es nicht an der üblichen Schadenssestletzung. Wofür wird nun eigentlich in Südwestafrika keine Entschädigung gefordert und zwar stets aus Reicksmitteln? Beim Aufstande, bei Vieh- seuchen, bei Trockenheit, bei Heuschreckenplage usw. soll es stets Entschädigung geben; für- wahr, ein Paradies für die paar Leute, die sich stets „entschädigen- lassen.

* Zur Frage der Arbeiioransiedlungen auf den Königliäxen Domänen erfährt die ,Voss. Zig.', daß d-e von den Regierungspräsidenten veranstaltete Umfrage eine große Bereitwilligkeit der Domäuenpächter zur Gründung von Arbeiter­stellen ergeben hat. Die Angelegenheit soll so gefördert werben, daß schon im nächsten Etat die nötigen Mittel beantragt werden können. Es dürsten zunächst auf 2 bis 3 Domänen pro Re­gierungsbezirk je 3 bis 5 Arbeiterstellen angelegt werden, welche je nach dem Boden 1 bis 2 Hektar Land erhalten. Der Kauspreks von durch­schnittlich 15i>0 Mk. kann durch eine Rente innerhalb 60 Jahren getilgt werden. Die für die Gebäude notwendige Summe von 3 4000 Mark durfte zum größeren Teile als ein amorti­sierbares Darlehen vom Fiskus zur Berlügung gestellt werden. Die Domänenpächter werden für die abgetretenen Stellen durch entsprechenden Pachinachlaß entschädigt werden.

* Aus den im Etat der Staatseisenbahn­verwaltung vorgesehenen Mitteln zur Präm i i- tun g nützlicher Erfindungen haben im abgelaufenen Etatsjahr 45 Beamte und Arbeiter der Eisenbahnverwallung Belohnungen im Ge­

samtbeträge von 15000 Mark für Erfindungen und Verbesserungen, die für die Erhöhung der Betriebssicherheit oder in wittschaftlicher Beziehung von Bedeutung sind, erhalten.

* Der Kurssturz an der Börse. Seit An­fang 19u7 befinden sich unsere Wertpapiere auf der abschüssigen Bahn; die Kurse sind teilweise sehr erheblich gefallen, wie folgende Gegenüberstellung beweist:

2. Jan 1967. lO.JmulSN-

3'/.°/. Reichsanleibe 98/20 B.,0

3 „ «onsols 87,30 83,70

3*It„ Bert. Stadtmck. ».1901 98,60 ' 94,10

4 „ Rumänien ».1905 91,10 88 40

4 „ Russen ».1902 81,40 75,70

Deutsche Bank 235,50 2/2,75

Diskonto 182,25 167 50

Bochumer Gußstahl 244,— 221,40

Laurahütte 245,— 222,—

Deutsch-Luxemburger 201,— 178,50

Gelsenkirchen 222,10 189,25

tosmarm Waggonfabrik 350,— 329,50

chering Chem. Fabrik 2*7,50 242,—

Terrain Süd west 135,— 1 2,30

Hamburg-Ämerika-Linie 151,60 130,40

Slordd. Lloyd 127,50 116,40

Große Berl.Straßenbahn 180,70 167,—

Es ist heute schwer, die richtige Lehre aus diesem auf f allenben Kurs stürz zu ziehen, da gar leicht Börsenmänner dahinter stecken können. Freilich sprachen auch ernsthafte Kaufmannskreise davon, daß wir dem Ende der Hochkonjunktur uns nähern, ja dieses schon überschritten hätten, es zeige sich bereits ein langsames Herabgleiten von der Höhe. Im Eisen- und Kohlenmarkt ist man auch sehr vorsichtig geworden und will keine neuen Arbeitskräfte mehr ein st eilen.

.•. Neue Anleihen? Die,Kökn. Volksztg/ hatte behauptet, das Reich müsse demnächst wieder mit neuen Anleihen von rund 200 Mill. Mark an den Geldmarkt heran treten, um seine dringendsten Bedürfnisse zu decken. Hierzu be­merkt die ,Nordd. Allg. Zlgll an leitender Stehe: „Abgesehen davon, daß die noch offenen Kredite nach der eigenen Darstellung der,Köln. Vztg.' nicht 144, sondern 137 Mill. Mark betragen, und daß eine Kreditoorlage über 50 oder fO Will. Mark für Etatsüberschreitungen anläßlich des südweflasrikanischen Aufstandes gegenwärtig überhaupt nicht in Frage kommt, weil diese Etatsüberschreitungen gegenwärtig noch nicht fest­flehen, kann das Reich seine etalsmäßigen Aus­gaben bis auf weiteres noch aus dem Erlöse für die im April ds. Js. begebenen 200 Millionen 4prozentiger Schatzanweisungen bestreiten. Es ist also zurzeit nicht gezwungen, eine neue An­leihe auf den Markt zu bringen. Tie aus der Stundung der Matrikularbeiiräge sich ergebenden Geldbedürsniffe des Reiches fallen gegenüber den von den Postverwaltungen zu leistenden Vor­schüssen für die Unfallversicherung, die ebenfalls durch Diskontierung kurzfristiger Schatzanwei- fungen gedeckt werden, nicht ins Gewicht, denn während im abgelaufenen Rechnungsjahre die gestundeten Matrikularbeiträge nach Gegenrech« nung der Ueberidjüffe nur etwa 35 Mill. Mark betragen, haben die Vorschüsse für die Unfall­versicherung Ende März 1907 eine Höhe von 177 Mill. Mark erreicht und werden für 1907 noch weiter steigen.

Zu dieser „Berichtigung" der ,Nordd. Allg. Zig/ bemerkt die «Kölnische Volkszeitung: Man wird gut tun, den Hauptnachdruck in dieser offiziösen Auslassung auf das sehr dehnbare „zur Zeit" zu legen.

JU’exa

oder

Auf geheimnisvollen Wege».

Roman von Eduard Wagner.

82] (Nachdruck verboten.)

Lord Montheron trat leise ins Zimmer, leise und sanft wie immer. Er hörte mit scheinbarem Interesse auf die Klagen seiner Schwägerin und bemerkte den ernsten Blick Alexa's.

„Meine liebe Auguste," sagte er, ich denke, ich kann Dir ein Mittel empfehlen, welches Dir bessere Dienste hm wird, als alle Deine Tropfen, Zucker­pillen und Salden."

„Wirklich?" rief Mrs. Jngestre gespannt. „Ist es Homöopatte ober Allopatie? Ich habe beide Heilmethoden angewendet neben Elektrizität und andern Mitteln. Ich habe nicht gedacht, daß Du irgend ein Interesse an meiner Gesundheit nimmst, Roland. Was hast Du für ein Mittel?"

»Du hälft Dich zu viel im Zimmer auf. Du mußt mehr frische Luft und Bewegung haben. Wenn Du an diesem schönen Morgen eine Wasser- Partie machen wolltest, würdest Du mit einem seltenen Appetit zurückkommen und alle Deine Leiden würden verschwinden wie durch Zauberei."

„Ich bin keine Freundin von Wasserpartien", erwiderte Mrs. Jngestre und man merkte deut­lich ihre Enttäuschung. „Als ich die letzte Fahrt in der Nacht mitmachte, gelobte ich, daß es das letztemal sein sollte; denn ich war sehr krank dar­nach."

„Du brauchst nicht in der Yacht zu fahren. Wir haben genug Segelboote, welche sich weit bes- ser zu einer Morgenfahrt an der Küste eignen. Ich denke. Miß Strange würde gern zu einer Fahrt bereit fein." »■ .

' .Alexa's Augen leuchteten. , J

»Ich bin am Wasser ausgewachsen", sagte sie. „Mein Vater hatte eine Nacht und wir pflegten häufig Ausfahrten zu machen. Ich bin immer gern auf der See gewesen, und wenn Mrs. Inge- stre eine Segelpartie zu machen beliebt, wurde es mir angenehm fein, sie zu begleiten."

„In einem kleinen Boote herrscht nicht so viel Bewegung, wie in einer großen Nacht", bemerkte Mrs. Jngestre, „und da Du es empfiehlst, Roland, will ich einen Versuch machen."

In den Augen des Marquis zuckte es dämo­nisch auf, was jedoch weder Mrs. Jngestre noch Alexa bemerkten.

„Ich will sogleich Befehl geben", sagte er kurz.

Er klingelte und befahl dem eintretenden Die- ner, den „Heron" zu einer Luftfahrt an der Küste bereit zu machen.

„Ich würde Euch gern begleiten", sagte er; „aber ich habe notwendige Briese zu schreiben und bitte, mich zu entschuldigen. Ihr werdet gut tun, Euch warm anzuziehen, denn es ist immer kalt auf dem Wasser."

Damit schritt er aus dem Zimmer.

Die Damen eilten in ihre Zimmer, um sich zur Wasserfahrt anzukleiden und kamen bald zu- rück, mit großen Shawls über dem Arm. Mrs. Jngestre stützte sich auf Alexa's Arm und sie flie­gen die steilen Stufen auf der Seeseite hinab.

„Ich weiß nicht, wie ich dazu kam, diese steile Treppe heravzusteigen", sagte Mrs. Jngestre, unten angekommen, und sie sah schauernd nach dem Felsen hinauf. „Ich muß nicht recht bei Sinnen gewesen sein, ein solches Wagstück zu unternehmen. Ich glaube, es war, weil Roland plötzlich ein solches Interesse an mir nahm. Er hatte sich nie zuvor um meine Leiden gekümmert und es schien mir manchmal, als ob er gar nicht daran glaubte."

Sie erreichten die Bucht, wo der „Heron" zur Abfahrt bereit lag. Zwei Männer befanden sich in dem Doot, von denen der eine am Mast stand,

während der andere bei der Ankunft der Damen ans Ufer sprang und das Boot anhielt, bis die Damen eingeftiegen waren und Platz genommen hatten; dann sprang auch er wieder hinein, loste die Taue und stieß das Boot vorwärts.

Er gab dabei seinem Kameraden ein Zeichen, welcher die Segel spannte, die der Wind sofort füllte, und das Boot fuhr aus der Bucht und schoß bann pfeilschnell am Ufer hin.

„Das ist himmlisch", rief Mrs. Jngestre. „Ich bin nicht mehr im geringsten krank. Es freut mich, daß ich kam. Pembroke, Sie sollten einige Medikamente zur Hand haben, für den Fall, daß ich krank werden sollte. Ich vergaß solche mitzu­bringen."

„Wir haben eine kleine Kiste mit Flaschen voll Tropfen und Schächtelchen voll Pulver und Pil- len hier", antwortete der Schiffer, „Sie wurden gebracht, ehe Sie kamen. Ich habe sonst immer meinen Sohn bei mir, aber er fuhr heute morgen zum Fischen aus und Mylords Diener erbot sich, seinen Platz einzunehmen."

Mrs. Jngestre und Alexa sahen jetzt den am Mast stehenden Mann an und erkannten in ihm Pierre Renard.

„Es ist gut, daß Sie hier sind, Pierre", sprach Mrs. Jngestte in freudiger Ueberraschung. „Ich weiß. Sie verstehen das Segeln sehr gut."

Renard verbeugte sich und zog seinen Hut.

„Ich brachte die Kiste hierher, Mylady," sagte er, „und da mir Pembroke sagte, daß sein Sohn zum Fischen sei, erbot ich mich, ihm zu helfen."

Alexa fühlte sich durch die Anwesenheit Pierres unangenehm berührt. Sie lenkte ihren Blick von ihm ab und beobachtete die Seevögel und die ent­fernten Fahrzeuge, während Renard seinen Ob­liegenheiten mit der Ruhe und Sicherheit eines bewährten Seemannes nachkam.

Der „Heron" durchschnitt die Wellen mit bei­spielloser Schnelligkeit und Sicherheit, und das auf dem Felsen thronende Schloß rückte weiter

und weiter in die Ferne. Mrs. Jngestre äußerte wiederholt, wie wohl ihr die Fahrt tue und daß sie ganz gesund geworden fei.

Der Schiffer hielt das Boot nahe am Ufer, und eine Biegung brachte das Schloß ganz außer Sicht.

Mrs. Jngestre sah nach ihrer Uhr.

„Wir wollen nach Marirea Point umsegeln an Ragged Rocks vorbei, und dann umkehren", sagte sie.

Ihr Befehl wurde befolgt. Das Boot schoß mit vollen Segeln vorwärts, in entsprechender Entfernung die genannte Landzunge umkreisend und an einer Reihe halbversunkener Felsen vor­beifahrend, an denen die Wogen schäumend und tosend brandeten.

„Da ist der Leuchtturm von Ragged Rocks", ertlärte Mrs, Jngestre. „Tas ist beim Sturm eine ge­fährliche Stelle, meine Liebe. Schon manches starke Schiff hat hier an den heimtückisch versteck- ten Felsen seinen Untergang gefunden. Hören Sie nur den entsetzlichen Lärm der Brandung. Es ist Wie ferner Kanonendonner.

Alexa sah aufmerksam nach der bezeichneten Stelle hin.

„Wir sind den gefährlichen Riffen näher, als mir bei diesem Winde heb ist," sprach Mrs. In- gestre Weiter. Wenden Sie um, Pembroke. Wir wollen zurückfahren."

Renard beeilte sich, dem Befehle nachzukom­men. Die Damen setzten sich auf die andere Seite. Pembroke ergriff das Steuer, um das Boot um- zulegen und rief Renard zu, das Segel loszulas- sen. Dieser Befehl wurde von Renard nicht beach­tet. Das Boot wendete um, der Wind fuhr feit- wärts in das Segel und schlug das schwache Fahr­zeug mit einem gewaltigen Ruck um, die Insassen ins Meer werfend.

Mrs. Jngestre stieß einen furchtbaren Schrei aus. ,