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Betfltiottsbrttd u. Verlag der Sn'baet Ac» tiendr tckerei in Sulba.

Zernfprecher Nr 9.

M 123.

Fulda, Samstag den 1. Juni 1907.

34. Jahrgang.

Hwoitss MLcrtt.

Wochen-Rundschau.

n. Fulda, 1. Jmn 1907.

Um Pfingsten herum ruht bei ans für ge- wohnlich die Politik, dagegen finden alljährlich nm diese Zeit zahlreiche Kongresse statt. So Ivar es auch diesmal. Zirka dreißig Bereinigun­gen politischen, sozialen, wirtschafllichen, gesell­schaftlichen oder wissenschaftlichen Charakters ha­ben "in den Tagen nach Pfingsten ihre Hauptver­sammlungen abgehalten. Bon besonderem In­teresse war die Tagung der d e utschen Ko Io­nia l g e s e l l sch a f t in Worms. Berschredene Mitglieder versuchten den Verein ins parteipo­litische Getriebe hineinzuziehen und eine dement­sprechende Statutenänderung durr^usetzen. Hef- tige Eingriffe regnete es auf die deutsche Kolo­nialzeitung, weil sie währerid des verflossenen Wahlkampfes ihren unparteiischen Standpunkt gewahrt hat. Für diesmal blieb der Wunsch die­ser „nationalen" Herren, bei denen der Flotten- Verein offenbar Schule gemacht hat, noch Wunsch Der Präsident der Gesellschaft, H e rz o g J o­hann Albrecht zu Mecklenburg, der so­eben zum Regenten von Braunschweig erwählt worden ist, sowie Vizeadmiral a. D. v. Holle­ben wiesen die Umtriebe energisch zurück. Be^ merkenswert ist, daß die Nationalliberalen bei diesen „unpolitischen" Vereinigungen besonders stark hervortreten. Auf der Flottenvereinsver­sammlung war es der Abgeordnete Dr. Strese- maitn, hier in Worms der Abgeordnete Dr. Ar­ning. Der unersättliche Nationalliberalismus sucht, teilweise mit Erfolg, alle diese Gesellschaften zu ,rationalliberalen Parteigebilden umzuge­stalten.

Die Pfingsttage haben auch eine neue Arbei­terorganisation, den Bund vaterländi­scher Arbeitervereine, der in Hamburg begründet wurde, gebracht. Pate stand a« seiner Wiege der Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie, der Reichskanzler gab ihm Glückwünsche mit auf den Weg. Die neue Grün- bung ist höchst überflüssig, abgesehen davon, daß sie bereits in liberalem Fahrwasser schwimmt wie ein Schreiben an die Mitglieder des ältesten dieser Vereine, der in Augsburg seinen Sitz hat, beweist.

In Bayern haben am letzten Freitag die neuen Landtagswahlen stattgefunden. Das Ergebnis ist noch nicht bekannt, doch hat das Zentrum sicherlich die Mehrheit behauptet. Un­erfreulich war der Parteizwist in einigen Bezir- fen. Selbst einzelne Parteiführer kümmerten sich nicht um die Parteidisziplin, was ttotz ihrer hoben Verdienste um die Zentrumssache ener­gischen Tadel verdient.

In Braunschweig hat am Dienstag die Regentenwahl stattgefunden. Der vom Staatsministeriunr und Staatsrat vorgeschlagene Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg ist von der Landesvertretung einstimmig zum Regenten des Herzogtums gewählt worden. Seine Wahl ist allenthalben begrüßt worden, wenn auch viele Bewohner nicht nur Braunschweigs, sondern ganz Deutschlands, einen Angehörigen des thron- berÄhtigten Hauses Cumberlatrd auf dem Her- zogstron in Braunschweig lieber gesehen hätten.

Die Hetze gegen den preußischeir Kultus- Minister v. Studt seitens der Liberaleit hat nach Pfingsten erneut eingesetzt. Sie hatten er­wartet, er werde Ende Mai aus seinem Amte scheiden. Da Kultusminister v. Studt noch ver­schiedene Reformen und Gesetzgebungen vollenden

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Atexcr

oder

Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von Eduard Wagner.

67j Machdruck verboten.)

Er schloß sie in seine Arme und bedeckte ihr Gesicht mit Küsien. Dann ließ er sie rasch los entfernte sich eiligst und verschwand im Dunkel der Bäume.

Alexa wandte sich Bin und ging leichten Schrittes dem Hause zu. Die Tür war noch offen und eine Lichtfülle strömte in Vie Nacht hinaus. Alexa hatte kaum zehn Schritte vorwärts getan, als eine Gestalt hinter einem Baume hervorkam und ihr den Weg vertrat.

Alexa's Herz drohte still zu stehen.

Die ihr so unerwartet in den Weg Gettetene war Lady Markham..

„Habe ich Sie endlich auf frischer Tat er- tappt!" rief ihre Feindin triumphierend. „Mein Verdacht war also doch begründet. Folgen Sie mir in den Salon, Miß Strange, und verantwor- ,ten Sie sich wegen Ihres Betragens vor der edlen Dame, die Sie so funhtbar getäuscht haben. Kom- men Sie, die Stunde Ihrer Entlarvung hat ge- schlagen I"

• 82. Kapitel.

Entlassen.

Ehe Alexa sich von chrent Schreck zu erholen vermochte, erfaßte Stabt) Markham ihren Arm und führte sie durch die große Halle in den Salon.

Lady Wolga schritt langsam auf und ab; bei bm Geräusch der hastigen Tritte blieb sie stehen und sah die Eintretenden überrascht an.

Alexa war bleich. Ihre Augen glühten; ihr schönes Gesicht drückte Shmerz und Verzweiflung aus; auf ihren Wangen waren Spuren von Trä­nen, und ihr ganzes Wesen zeugte von Berwir- «wtt und Angst, -

will, braucht er noch längere Seit Diese Nach­richt hat dre gesamte liberale Presse in Harnisch gebracht. Das Treiben widert jeden anständigen Menschen an, zumal die Liberalen nicht einmal vor gehässigen perfimliche» Angriffen zurück- schrecken, besonders die nattonakliberalen Blatter führen diesmal eine maßlose Sprache.

Englische Gäste weilen zur Zeit ht Deutschland. Ein englisches Komitee zum Stu- dium städtischer Einrichtungen besuchte Frankfurt, Nürnberg, München und andere süddeutsche Städte. Ueberall wurde es herzlich ausgenom­men; ein nicht minder herzlicher Empfang wird den englischen Journalisten zuteil, die am der- gangenen Montag mit dem Lloyddampfer „Zie­then" in Bremerhaven eingetroffea find. Sie haben Bremen und Hamburg besucht, gegcnwär- tig weilen sie in Berlin, wo sie auch vom Kaiser empfangen werden; dann geht die Reise weiter nach Dresden, München, Frankfurt und Köln. In wenigen Wochen kifft auch der Bürgermeister von London mit zahlreichen Mftgliedern der Lon­doner StadWerwaltung in Berlin ein. Alles daS ist dazu angetan, zwischen Derttfchland und Eng­land freundnachbarliche Beziehungen anzubahnen und attfrecht zu erhalten. Freilich darf man die Bedeutung derartiger Besuche auch nicht über- schätzen.

Die holländische Regierung hat im Haag die Räume, in denen die FriedenÄonferenz stattfinden soll, Herrichten lasten und trifft An­stalten zu einem würdigen Empfang der Dele­gierten.

Frankreich kann mit Beftiedigung auf seine Erfolge in Marokko blicken. Es hat für die Ermordung des Dr. Manchamps völlige Ge­nugtuung erhalten. Der König Haakon von Norwegen weilte mit Gemahlin in Paris. Die üblichen Festessen und Trinkfprüche wurden ge- halten, doch mißt man dem Besuche politische Be- deutung nicht bei. Die Weinbauern im Süden veranstalten noch allsonntäglich Masten­kundgebungen, an denen sich bis zu 300 000 Men­schen beteiligen.

Die österreichischen Reichsrats- Wahlen sind vorüber. Die Preffe aller Par­teien beschäftigten sich mft der Präsidenten- frage. Den ersten Präsidenten stellen unzwei­felhaft die Vereinigten Christlich-sozialen und Konservativen, die über 100 Mann zählen und so die stärkste Partei sind. Als ihr Kandidiat für den ersten Präsidentenposten wird der Abgeord­nete Dr. E b e n h o ch, Landeshauptmann von Oberösterreich, genannt Er ist ein bewährter Politiker und hat den Anschluß der Konservativen an die Christlich-Sozialen in die Wege geleitet. Die Sozialdemokraten, die unter Einbeziehung der galizischen Sozialisten über 90 Abgeordnete zäh­len und somit die zweitstärkste Partei find, waren anfangs geneigt, zugunsten des freifinnigeir Abg. Barons Hock auf den Posten des ersten Vizepräsi­denten zu verzichten. Sie haben sich aber anbers besonnen und den sozialistischen Abgeordneten Pernestorffer als Kandidaten für den ersten Vize- präsidentenposten nominiert. Wie sich die übri­gen Parteien zu dieser Forderung stellen, stt einstweilen unbekannt. Heiße Kämpfe wird es um die zweite Vizepräsidentenstelle absetzen. So­wohl die Polen als auch die Jungfichechen und die Deutsch-Freisinnigen erheben Anspruch baraitf, den 2. Vizepräsidenten zu stellen.

Im ungarischen Abgeordneten­haus e tobt der Kampf zwischen der Regierung und den kroatischen Abgeordneten weiter. Letztere fordern, daß auf kroatischen Eisenbahnstrecken die Beamten und Bediensteten nur der kroatischen Sprache mächtig zu sein brauchen, während die Regierung von diesen Beamten auch die Kennt­nis der magyarischen Sprache verlangt. Der

Lady Markham dagegen bot ein Bild des Tri­umphes dar. Sie hatte wirklich geglaubt, daß Alexa hinterlistig sei, und war nun außer sich vor Freude, ihre Meinung durch die Taffachen be- stätigt zu sehen.

„Was soll das bedeuten?" fragte Lady Wolga, rhre Freundin unwillig ansehend.

„Es bedeutet, teure Lady Wolga," antwortete Lady Markham, „daß dieses Mädchen eine ge­heime Zusammenkunft mit einem Manne in Ihrem Garten gehabt-hat. Es bedeutet, daß sie soeben Abschied von ihm genommen hat in einer Weise, welche auf ein sehr vertrauliches Verhält­nis schließen läßt. Ich selbst sah sie in seinen Armen und hörte ihn sie wieder und wieder küssen. Aber dieser Mann war nicht Lord Kings- court."

Sie ließ Alexa frei, welche mit niedergeschla­genen Augen und nach Atem ringend, dastand

Der Ausdruck des Unwillens auf Lady Wol- ga's Gesicht verivandelte sich in den des Zornes, aber er war gegen die Anklägerin, nicht gegen die Angeklagte gerichtet.

„Ich kann nicht einsehen," sagte sie kalt, „wel­ches Jntereffe Sie, Lady Markham, an Miß Stranges Privatangelegenheiten haben können. Ich will nid^S davon hören!"

Alexa warf Lady Wolga einen dankbaren Blick zu.

Lady Markham schlug die Hände zusammen, und ihre Mienen drückten das höchste eirftaunen aus.

»Lady Wolga," rief sie aus, „Sie müssen mich nicht verstanden haben. Dieses Mädchen hat Ihnen gesagt, sie sei eine Fremde in England, sie kenne niemanden in diesem Lande außer Lord Kingscourt. Sie hat Sie getäuscht. Ich sah sie vor kaum zwei Minuten in den Armen eines Manne», der mir unbekannt war. Mag sie eS leugnen, wenn sie es kann."

„Sie muffen jedenfalls im Irrtum sein, Lady Markham."

„Miß Strange!" rief die alte Dame, Lady Wolga unterbrechend und sich zu Alexa wendend.

kroatische Landtag hat sich auf die Seite der kroatischen Abgeordneten gestalt, was seine Auf­lösung zur Folge haben dürfte.

Die russische Regierung hat durch den Ministerpräsidenten Stolypin in der Duma eine bedeutsame Erklärung über die Agrar­frage abgeben lassen. Bemerkenswert ist ins» besondere, daß sich die Regierung in dieser für Rußland hochbedeutsamen Frage dem Stand­punkt der Kadetten genähert hat. Sie ist bei­spielsweise bereit, die Zwangsenteignung in den­jenigen Fällen eintreten zu lassen, in denen es zur Hebung des mittleren Bauernstandes unbe­dingt erforderlich ist. Auch will sie die Zinsen für das Kapital tragen, das zur Erwerbung von Ländereien von der Bauernbank beschafft werden muß. Ein bestimmtes Agrarprogramm hat aller­dings Stolypin nicht verkündet. Indes bieten seine Erklärungen der Duma eine Handhabe, das große Reformwerk, dessen Ausführung Jahr­zehnte erfordert, einen guten Schritt weiter zu bringen. Inzwischen werden wieder einmal Ge­rüchte über eine bevorstehende Dnmaauf - lösung laut. Es heißt, Sie Regierung wolle von der Duma die Ausschließung einer Reihe sozialistischer Abgeordneter verlangen, deren Zu- gehörigkeit zum antimilitaristischen Verbände er­wiesen fei. Werde sich die Duma diesem Ansinnen widersetzen, so solle sie aufgelöst werden.

Die Vereinigten Staaten haben wie­der einmal Ungelegenheiten mit Japan. San Franzisko ,der Herd der Feindseligkeiten gegen Japan fist auch diesmal der Schauplatz. Einige japanische Gasthäuser sollen von den Weißen demo­liert worden sein. Der japanische Gesandte Aoki in Washington hat sofort bei der Bundesregie­rung Beschwerde erhoben, worauf Präsident Roo­sevelt und Staats-Sekretär Root schleunigst eine gründliche Untersuchung anordneten. Der Zwi­schenfall wird natürlich friedlich beigelegt, wird aber die in Japan herrschende amerikafeindliche Stimmung noch verschärfen.

Unpolitische ZeitiSuse.

(r.) Berlin, 30. Mai 1S07.

(Nachdruck nicht gestattet.)

„Kühl, aber heiter", war nach der Wetterkarte am Donnerstag vormittag das Wetter in Deutsch­land, daS freut mich sehr, denn ein Regen am FronleiiAramstag wird überall da, wo man Pro­zessionsfreiheit genießt, wie eine Heimsuchung oder gar Strafe herb empfunden. Für meine Mitbürger freilich, die Fronleichnam nur in der engen, dumpfen Scheune feiern können, macht es wenig ans. ob der Himmel zu dem Fest weint oder ob die Sonne als ewige Lampe strahlt.

Auf evangelischer Seite werden jetzt immer häufiger Wald gottesdienste veranstaltet; natürlich nur während des Sommers. Nun gut; mögen diejenigen Andersgläubigen, die ihren Gottesdienst in die „freie Natur" verlegen, uns keine Vorhaltungen machen, kenn wir dasselbe in unserer Art tun. Ob bei diesem Gottesdienst unter freiem Himmel die Gläubigen nun schließ­lich sitzen oder stehen, oder auch gleichzeitig gehen, macht doch keinen wesentlichen Unterschied.

Von Seiten der „Aufgeklärten" wird bekannt­lich oft gesagt, man solle fein religiöses Bedürf­nis nicht in enge Kirchenmauern einschließen las­sen, sondern lieber die Befriedigung in der herr­lichen Natur, in dem größten und schönsten Dome unter dem blauen Himmel suchen. Wir sagen: man kann das eine tun, ohne das andere zu las­sen. Darum bitten wir uns die Freiheit aus, gelegentlich auch unseren Altar in dem Natur- tempel aufschlagen zu dürfen.

„können Sie es mir widerlegen, daß ich soeben Zeuge Ihres Abschiedes von einem fremden Manne war?"

Alexa antwortete nicht, und ihr Schweigen be, unruhigte Lady Wolga.

„Sie wagt nicht, zu leugnenl" rief die alte Dame triumphierend. „Lady Wolga, diese Person ist eine Natter, und es ist Ihre Pflicht, die Tat­sache zu erfahren und zu prüfen. Sie haben das Mädchen Ihren Gästen zugeführt und ihnen gleichgestellt; es ist Ihre Pflicht, sich selbst zu überzeugen, daß Sie Ihren Gästen keine Un­würdige zugeführt haben! Wenn sie beweisen kann, nichts Unrechtes getan zu haben, will ich sie gerne um Verzeihung bitten."

Alexa sah noch immer schweigend zu Boden.

„Ich glaube sicher, daß Sie sich geirrt haben," sagte Lady Wolga.

„Ich habe sie ja beim Arm genommen und direkt zu ihnen gebracht, ohne sie aus den Augen zu verlieren!" rief Lady Markl>am eifrig. „Ein Irrtum ist ganz unmöglich! Ich sehe, daß Sie nichts Schlimmes glauben wollen von Miß Strange, als auf ihr eigenes Geständnis hin. Miß Strange," und sie wandte sich zu dem Mäd- djen mit strengem Ton und herrischer Geberde, „haben Sie heute abend einen Mann im Garten getroffen? Habe ich Sie nicht von ihm Abschied nehmen gesehen?"

Jetzt schlug Alexa die Augen auf und Lady Wolga bemerkte den angftvollen Blick darin und den verzweifelnden Ausdruck auf ihrem Gesicht, Ihre Lippen öffneten sich ein wenig, aber es kam kein Laut über dieselben.

Es herrschte eine peinliche Stille. Lady Wol­ga wurde bleich. Weshalb verteidigte sie sich nicht gegen die schwere Beschuldigung?

„Mß Strange," fuhr Lady Markham fort, „können Sie es leugnen, Ihre eigenen, geheimen Zwecke zu verfolgen?"

Ein leises Zucken, ein Zittern am ganzen Kör­per zeigte, daß diese Frage Alexa bis in ihr In­nerstes getroffen hatte.

Wenn die betenden Christen ihr stilles Käm­merlein oder den abgeschlossenen Kirchenraum verlassen, so bekennen sie ihren Glauben in der Oessentlichkeit; auch vor den Augen und Ohren andersdenkender Mitbürger. Ist ein solches Be­kenntnis friedestörend? Mir scheint, die Anders­denkenden, namentlich die halb oder ganz Un­gläubigen, sind im Punkte der Bekenntnis ihrer Ansichten und Gefühle durchaus nicht prüde. Auch die verschiedenen politischen Bekennt- nisse geben gern ihre Ansichten und Gefühle öffentlich kund. Der moderne Mensch wird von allen Seilen daran gewöhnt, auch abweichende Meinungen und Bestrebungen sich entfalten zu sehen. Er muß tolerant werden. Warum soll nun die moderne Toleranz alle möglichen andere Gemeinschaften, manchmal sogar atheistischen und revolutionären Paraden, zugute kommen und nur den katholisch-kirchlichen Kundgebungen versagt bleiben?

Wir fordern die bürgerliche Toleranz für un5 und unsere Sache. Dann müssen wir sie natürlich auch bewilligen, also nicht murren oder stören, wenn Andersgläubige oder gegnerische Parteien Kundgebungen veranstalten, die zwar unfern An­sichten und Wünschen nicht enfiprechen, aber sonst sich in dem Rahmen der Ordnung und guten Sitte halten. „Was du nicht willst k."

Die Teilnahme an der Fronleickmamsprozes- sion ist ein Bekenntnis des katholischen Glaubens. Die Feier steht unter dem Schrift­worte : Wer mich vor den Menschen bekennen wird, den werde ich vor meinem himmlischen Va­ter bekennen. Das Bekenntnis, die religiöse Ueberzeugung der kirchlichen Zugehörigkeit soll freimütig fein, aber zugleich friedlich.

Die Eitelkeit kann sich auf Erden überall einschleichen, auch in die Kirchstühle und in die Prozessionen. Es gibt „Katholiken", die der Fronleichnamsprozession fern bleiben ans Furcht, von ihren Bekannten für „rückständig" und „un­aufgeklärt" gehalten und von diesen oder jenen scharfen Zungen sogar verspottet zu werden. Es gibt aber auch im Gegensatz dazu auch Leute, die bei ihrer Teilnahme an der Prozession nicht aus­schließlich an die Verherrlichung Gottes, sondern aud) an ihre eigene Herrlichkeit denken, die um­herblicken, ob ihre Teilnahme auch gebührend be­achtet wird, und sozusagen ein. katholisches Pfauenrad schlagen möchten. Das ist eine Ver­irrung. Die wahre Glaubenstreue ist aufrecht und tapfer, aber sie ist frei von Protzerei oder Herausforderung. Die wahre Frömmigkeit ist demütig. Wer den Wunsch hat, die Anders­denkenden zu ärgern ober den Gegnern seine Ueberlegenheit zu zeigen, der ist noch zu nah mit dem Pharisäer verwandt und hat zu wenig vom demütigen Zöllner gelernt.

Gewiß, unser heiliger Glaube ist die Offen- barung Gottes und unsere heilige Kirche ist die wahre Kirche Christi. Darob sind wir froh und sind dem Herrn dankbar für die Berufung zum wahren Glauben. Dieses erhebende Bewußtsein darf aber nicht in persönlichen Stolz aus- arten. Wir haben wirklich keinen Grund, uns aufzublähen und zu überheben über die andern. Sind wir denn etwa unserer persönlichen Vorzüge und Verdienste halber von dem Herrn zum katholischen Glauben berufen worden? Wer wagt das zu behaupten? „Herr, idj bin nicht würdig!" Nein, sagen wir lieber, t r o tz unserer persönlichen Eigenschaften sind wir bevorzugt worden. Täuschen wir uns nickst; am jüngsten Gericht wird es manche Ueberraschnng geben. Da wird mancher, der hier wie ein Kirchenlicht zu glänzen wünschte, arg befleckt erscheinen. Und der Richterspruch wird dann lauten: Wenn deine im Irrtum geborenen Mitbürger so viel Segen in der Erziehung und der Seelsorge ge-

„Mitz Strange," sagte Lady Wolga freundlich, „ick; bitte Sie zu glauben, daß ich keinen Teil an dieser Szene habe. Ich bin fest überzeugt, daß Lady Markham sich in einem Irrtum befindet. Meine alte Freundin scheint hart und grausam zu sein, aber ich glaube an den Ernst ihrer aus Ueberzeugung hervorgebrachten Aeußerungen. Ich weiß, daß sie Ihre einfache Verneinung ihrer Be­schuldigung als Beweis ihres Irrtums ansehen wird. Ich bitte Sie nicht um meinetwegen, denn ich zweifle nicht an Ihnen, sondern um Ihrer selbst willen sagen Sie Lady Markham, daß sie sich in einem Irrtum befindet. Sie sind eine Fremde in England und deshalb ist es undenk­bar, daß Sie mit einem befreundeten Manne in meinem Garten zufammengetroffen fein kön­nen." ' T

Alexa hatte sich aufgerichtet. Lady Wolga, ihre eigene Mutter, schien zu ihrem Richter geworden zu sein. Sie sühlte ein allmächtiges Sehnen, sich an die mit Juwelen gezierte Brust dieser Frau zu flüchten, die Liebe zu fordern, auf welche sie einen rechtmäßigen Anspruch hatte und ihren ganzen Kummer auszuweinen; aber wieder war es der Gedanke an ihren Vater, bet sie stärkte, dem gewaltsamen Drängen Widerstand entgegen­setzen zu können. Sie dachte daran, tn welcher Gefahr ihr Vater schwebte, daß fein Geschick, fern Leben von ihrer Vorsicht abhing. Sie konnte die Aussage der Lady Markham nicht in Abrede stel­len, lieber wollte sie alles ertragen, was auch über sie kommen mochte. Keine Furcht war es, die aus ihren Augen sprach, ober ein inständiges Flehen, welches Lady Wolga einen S ich ins Herz gab, fand in demselben Ausdruck.

„Ich kann die Beschuldigung, welche Lady Markham gegen mich vorbringt, nicht in Abrede stellen", sagte sie zitternd; „aber ich bin keine Unwürdige. Ich bin keine Abenteuerin! Glau- ben Sie mir, Lady Wolga; ich befdjtoöre Sie, vertrauen Sie mir . Eines Tages vielleicht kann ich Ihnen alles erklären, nur jetzt darf ich es nÄtz"

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