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,yulb a, San'staq ben 1. Juni 1907.

34. Jahrgsmg.

Drittes WLcrtt.

):( Uuhhanöel.

Solange das Zentrum im Reichstage d.e aus- Ichlaggebeude Stellung batte, wurde ihm in der gegnerischen Presse der beständige Vorwurf ge­macht, es treibe Kuhhandel-Poliuk, während man für sich in An'peuch nahm, daß ma» seine Ent- fchließuugen nur von sachlichen Erwägungen ab­hängig mache. Bei der im Reichstage neugeschaf­fenen Lage konnte man von vornherein klar darüber sein, daß, wenn der Kitt, der die neue Mehrheit bindet, halten soll, dieselben Leute, die sich in Vorwürfen gegen das Zentrum nicht genug tun konnten, ihrerseits einen schwunghaften Kuhhandel beginnen mürben. In der,Pofst (dir. 239) hat .sich nunmehr bereits

der erste Makler eingefunden. Vor der Auflösung des Reichstages hatte die Regierung schon die Notwendigkeit neuer Steuern betont. Bei der Bewilligungslust, von der die gegenwärtige Reichstags-Mehrheit beseelt ist und bei den weitgehenden Kolonial - Plänen der Regierllng wird erst recht ein gut gerütteltes Maß von neuen Steuern notwendig fein, wenn man aus den Riesendefizits im Reiche herans- kommen rvill. Bekanntlich wollen die Einzelstaaten nur 24 Millionen ungedeckter Matrikularbeiträge auf sich nehmen. Eine solche Begrenzung war aber schon in den letzten Jahren nicht mehr mög­lich, man griff somit zu dem Mittel der Stun­dung. Heute liegen die Dinge so, daß sich die ungedeckten Matrikularbeiträge auf 88 Millionen dellen. Bringt man jene 24 Millionen hiervon n Abzug, so verbleiben also 64 Millionen unge­deckter Matrikularbeilräge. Das Bild würde noch viel ungünstiger sein, wenn man nicht in der Budget-Kommission des Reichstages zu einem Linderungsmittel gegriffen hätte. Man hat nämlich lie Einnahmen des Etatsvoranschlages wesentlich erhöht. Auf dem Papier hat man damit freilich die Spannung vermindert, ob aber Die tatsächliche Einnahme das Soll erreicht, steht auf einem andern Blatte. Dann hat man weiter oie Deckung der 23 Millionen Teuerungszulage item Jahre 1909 vorbehalten, was im Reichstage vorn Zentrums - Abgeordneten Speck seinerzeit bereits scharf gerügt worden ist. Diese 23 Mil­lionen gehören in den laufenden Etat; sie müssen also jenen 88 Millionen ungedeckter Mattikular- beiträgen beigerechnet werden. Damit kommen wir zu der

erklecklichen Summe von 111 Millionen.

Nun stehen wir aber erst am Anfang der Bewilligungsära. Will man also nicht in eine heillose Pumpwirtschaft hineingeraten, so muß jeine dritte Reichsfinanzreform mit dem Herbst einsetzen. Mit spöttischer Ueberlegenheit haben

die Nationalliberalen

-früher über das Finanzstickwerk deS Zentrums tzehöhnt. Jetzt haben sie Gelegenheit, ihr (eigenes Können darzutun. Wir glauben, daß ihnen und ihren Freunden von dem Block» Mischmasch allmählich vor der Aufgabe bange wird. Der freikonservative Mahner Freiherr v. Zedlitz schaut die Sache bereits mit sehr ssinsterem Auge an; und er ist nicht m der Sage, »positive Vorschläge zu machen. ®r behandelt ibie Sache daher von der negativen Seite. Bier und Tabak sollen der Linken zuliebe »nicht weiter belastet werben, dafür soll aber die .Linke auf die direkten Reichssteuern, Einkommen» (steuer und Vermögenssteuer verzichte«. Weiter »sollen sie Verzicht leisten auf eine weite« AuS» !dehnung der Erbschaftssteuer. Eine Mehrein» »ahme aus der Branntweinsteuer hüll er zwar nicht für unmöglich, aber er warnt die Linke Dringend, hier einzusetzen, weil sie sich damit der |

Möglichkeit begäbe, daß die Konservativen die Reform des Börsengefetzes und die reichsgesetz­liche Regelung des Bereinsivesens miimachien. Das ist doch eine Kuhhandelspolitik, wie man sie sich schöner nicht denken kann. Sie wird der Tätigkeit der neuen Reichstagsmehrheit den Stempel ausdrücken.

C. A. Die kkrcheirpMische Lage Italiens

bietet ein sonderbares Bild. Tie Ebrenbezeigun- gen, die von offizieller Seite kirchlichen Würden­trägern erwiesen wurden (in Venedig, Palermo, Lucca), die Beteiligung der königlichen Marine an kirchlichen Festen — z. B. in Paolo, wo Kardi­nal Cassetta auf einem Panzerschiff mit den den königlichen Prinzen gebührenden Ehren empfan­gen wurde, und in Cotrone, wo ein Schlachtschiff zur Feier des Schutzheiligen erschien, und andere kleinere Vorkommnisse — wurden so erklärt, als ob einerseits die Regierung in ein kirchenfreund­liches Fahrwasser einlenken wollte, anderseits die kirchlichen Kreise, ja der Vatikan selbst auf alte Ansprüche verzichten wollten. Man darf die Traglveite dieser Ereignisse nicht übertreiben. Die Ehrungen der Kardinäle sind zwar

als Tatsachen etwas neues,

jedoch konnte man sich dabei auf das Staats- grundgesetz berufen, welches den Kardinälen be;' offiziellen Anlässen gleiche Ehrungen zuerkennt wie den königlichen Prinzen. Daß diese Ebrun- geii verlangt wurden, kommt auf die Rech­nung der betreffenden Städte. Der Regierung konnte die Bewilligung jener Ehrungen nicht schwer fallen: es kostete nichts und mutzte bei einem großen Teil des Volkes nur einen guten Eindruck machen. Die Anwesenheit des Panzer­schiffes in Paola zur Dreijahrhunderkseier des hl. Franz von Paula hätte die Regierung einfach als Ehrung nicht eines Heiligen, sondern eines um das Wohl des Vaterlandes in Zeiten arger Tyrannei wohlverdienten Bürgers und Wohl­täters erklären lassen können. Das Erscheinen eines Kriegsschiffes im Hafen von Cotrone wurde vom Marineminister als Zufall erklärt. So verloren diese Tatsachen doch viel von ihrer in­nerpolitischen Bedeutung. Eins geht freilich aus ihnen hervor: der

treu katholisch gesinnte Teil des Volkes

wagt sich jetzt bedeutend mehr hervor und legt seinen Kleinmut ab, anderseits findet der kleinlich antiklerikale Geist in Regiernngskreisen keinen Anklang mehr. Es ist seit 1870 eben ein ganz neues Geschlecht herangewachsen!

Aus einigen kleinen Begebenheiten wollte man auch aus angesehenen katholischen Zeitungen Deutschlands herauslesen, datz der

Vatikan in die Bahnen der Rachgibigkeit

einlenke. So hatte Msgr. Carli, Bischof von Sarzana, den italienischen Orden des hl. Mau­ritius und Lazarus erhalten, eine Auszeichnung, die an die eifrige Sorge der Herzöge von Sa­voyen für die Reinerhaltung des katholischen Glaubens in ihren Ländern erinnert. Einige katholische Blätter, z. B. das „Luzerner Vater­land", fügten dieser Nachricht hinzu, seit 1870 habe kein italienischer Bischof eine derartige Aus­zeichnung angenommen und folgerte daraus auf eine neue Politik des Vatikans. Nun hat aber Msgr. Reggio, Erzbischof von Genua, denselben Orden ohne Widerspruch vonseiten des Papstes angenommen, und zwar noch unter Leo XHL, ge­gen den man das Verhalten Pius X. ausspielen will. Die, Bischöfe Bonomelli von Cremona und Scalabrini von Parma nahmen ebenfalls unter Leo XIII. den Orden der „Ritter der Arbeit" an. Somit ist der erwähnten Schlußfolgerung der Boden entzogen.

Auch andere noch geringfügigere Vorgänge wollte man in diesen Jdeenkreis hineinziehen. Die Beteiligung eines Ricreatorio (katholischer Unterhaltungsverein für Knaben) an der Grund­steinlegung eines neuen Bahnhofes ist. doch ein Au geringfügiges Ereignis, um zu so weitgehen­den Folgerungen zu berechtigen. Datz die Be­grüßungsrede durch den „klerikalen" zweiten Bürgermeister gehalten wurde, beweist vielleicht

noch weniger! Von größerer Bedeutung wäre allerdings, was bezüglich des Erscheinens der Kö­nigin-Mutter im Vereinslokale des vom Barna- bitenpater Vitali, dem Pfarrer von S. Carlo di aCtinari in Rom, geleiteten Ricreatorio er­zählt wird. Die Königin hat tatfächlich das Recreatorio besucht und ihm ihr Porträt, so­wie die Büste des jetzigen Königs geschenkt. Datz aber der Majordomus des heiligen Vaters, Msgr. Bisleti, wie es z. B. in der „Kölnischen Volkszeitung" hietz, oder gar der Papst um feine Zustimmung angegangen worden sei, ja daß Pius X. dieselbe erteilt oder einen diesbezüglichen Wunsch ausgesprochen hätte, ent­spricht nicht den Tatsachen. Auch dieses Vor­kommnis berechtigt also zu keinen weiteren Fol­gerungen. Es ist allerdings klar, datz Pius X. in manchem Punkt eine andere Taktik befolgt als sein Vorgänger Leo XIII.. Wesentlich steht er aber noch auf dem früheren Standpunkt, wenigstens hat er sich über ein Aufgeben des­selben noch nicht geäußert.

Die erwähnten Vorgänge bewirkten auf k i r« chenfeindlicherSeite die mehr oder min­der aufrichtige Befürchtung eines

„klerikalen Regiments".

Antiklerikale Kundgebungen haben sich in letzter Zeit in den verschiedensten Städten in ausfälliger Weise gehäuft. Besonders tat sich hierin die akademische Jugend hervor. Das ge­meinsame Vorgehen der Liberalen, ja sogar der sogenannten Gemäßigten mit den Sozialisten, Republikanern und Radikalen in Bergamo und anderswo bei den Wahlen zeigt, daß man sich ge­gen die „Klerikalen" zusammenschließen will. Tiefe Blockbildung der verschiedenartigsten Elemente soll nicht nur für die Parlamentswah­len, sondern auch für die Wahlen in den Ge­meinderat vollzogen werden. In der Tat--haben sich die antiklerikalen Wähler Roms aller politi­schen Färbungen gemeinsam entschlossen, bei den nächsten Gemeinderatswahlen eine gemeinsame Kandidatenliste aufzustellen. Man sieht, es wird ihnen Angst! Sie wissen, daß die Katholiken eine ihnen gefährliche Macht darstellen. Die Katho­liken lverden jetzt ihre ganzen Kräfte entfalten müssen!

Das starke Erwachen des kulturkämpferischen Geistes hat in gewissen, nach einem Portefeuille hungernden Politikern die Hoffnung auf den

Sturz Giolittis

erweckt. Die Angriffe der Presse gegen diesen Staatsmann werden in letzter Zeit immer häufi­ger und heftiger, und das antiklerikale Moment spielt dabei durchaus keine untergeordnete Rolle. Die Sonninoaner können sich noch immer nicht davon überzeugen, daß ihr Führer ganz und -gar nicht das Zeug zu einem führenden Staats­mann hat. Die ganze Stärke Sonninos ist die Kritik positive Arbeit ist von ihm nicht zu er­warten. Vorläufig geht diese Begehrlichkeit sei­ner Anhänger noch nicht so weit, wenigstens nicht in der Oeffentlichkeit. Sie sind zufrieden, wenn einige Mitglieder des kurzlebigen Ministeriums Sonnini-Sacchi in einem geplanten Ministerium Martini-Rudini-Baccelli jun. Unter­schlupf finden. Einstweilen begnügt man sich mit Vorberatungen. Der Schlag soll erst im Herbst erfolgen. Den Erfolg freilich kann niemand vor­aussehen.

Deutsches Reich.

Berlin, 31. Mai 1907.

mann" b. Massow. Unter dieser Spitzmarke schreibt die „Freis. Ztg." in recht Verärgerter Stimmung: „Daß sich Exzellenz Demburg der Buraukratie überaus schnell assimiliert hat, ist eine Meinung, der die Presse fast übereinstim­mend Ausdruck gegeben hat. Allgemein ist es ausgefallen, daß der ehemalige Kaufmann Dern- burg, kaum Beamter geworden, erklärt, es sei „in'hohem Grade zweifelhaft", ob „Kaufleute denjenigen Anforderungen entsprechen könnten, die von einer solchen Tätigkeit (d. h. der Bearbei­tung der Kolonial-Angelegenheiten) nicht ge­trennt werden können." Unwillkürlich kommt einem dabei in Erinnerung, was schon 1895 ein Bureaukrat, der Geheime Regierungsrat v. M aj» s o w, der die Bureaukratie gründlich kannte, in

seinem Buche: „Reform oder Stebolutionl* schrieb. Wir geben eine Stelle, die gerade jetzt recht aktuell ist, hier wieder. Massow schreibt auf Seite 188 feines Buches, nachdem er den Ge­schäftsgang der Behörden geschildert hat: „Wen» ein Direktor von Krupp und ein Disponent vo» Rudolph Hertzog einmal beauftragt würden, ge­meinsam den Geschäftsbetrieb bet einer Regie­rung zu organisieren,, mit der Er-> mädjtigung, ihn nach ihre »Gewohn­heiten zu gestalten, Telephotr, Schreib-: maschine, Stenographie einzuführen, einen Prak»' tischen Bauplan zu entwerfen, die Arbeitszeit z» regeln, das Personal zu verteilen, sie würden in verhältnismäßig kurzer Zeit dem Geschäftsgänge ein zehnmal schnelleres Tempo geben, ohne daß die Gründlichkeit der Bearbeitung auch nur irgendwie darunter litte. Wenn das alles auch Kosten erfordert, so bringen sie sich reichlich ein, denn der schleppende Geschäftsgang bei den Be­hörden lastet wie ein Alp auf dem Lande uni kostet demselben Hunderttausende und Abertau-1 sende." Sollte man, wenn man Dernburgs uni Massows Auslassungen neben einander gestellt, nicht glauben, Dernburg sei aus der Schule einet verknöcherten Bureaukratie, Massow an­der Schule eines großen Handels-Betriebes her- öorgegangen?" — So unrecht kann man dem freisinnigen Blatt nicht geben.

e. Der Kampf im Berliner Baugewerbe welcher durch den am Montag begonnenen An­griffsstreik der Arbeitnehmer an Ausdehnung zu« genommen hat, nimmt in den letzten Tagen immer mehr an Schärfe zu, sodaß nur noch auf 68 Bauten weiter gearbeitet werden karm. Dies« Bauten kommen aber für den Kampf gar nicht in Frage, weil dieselben nicht von Bargeschäften, sondern von ganz kleinen Unternehmern auSge- führt werden, welche nur vorübergehend alt Arbeitgeber auftreien. Im ganzen find in Ber­lin über 1000 Bauten in Angriff genommen.« Rund 60000 Bauarbeiter sollen beschästigung« los geworden fein. Von einer Anbahnung neue». Verhandlungen verlautet leider noch nichtSck Nur ein kleiner Teil der Baufirmen hat die eo»J mäßigten Forderungen der Arbeiter: 8V?stündi<M Arbeitszeit und 80 Pfg. Stundenlohn bewilligt' Man darf hieraus vielleicht die Hoffnun- schöpfen, daß auch der übrige größere Teil bäl Unternehmer diesem Vorgehen folgen wird, vor­ausgesetzt, daß ihnen feiten* der Arbeitnehmer größeres Entgegenkommen bezeigt wird.

* Hauptmann Dominik. Die Meldung,! daß Hauptmann Dominik zum VizSgouver-f »eur von Südkamerun auSerfehen fei, be­stätigt sich nach der,Tägl. Rundschau^ nicht. Solche Erwägungen können vielleicht geschwebt haben, an zuständiger Stelle ist am bacow jedenfalls nichts bekannt.

* Konfessionelle Kunst. Die Stadtverorde neten-Versammlung in Braunschweig beschloß am 24. Mai ein Preisausschreiben zu verau-s stallen zur Gewinnung von Plänen für eine nenel protestantische Jakobikirche. Dabei wurde aut«! drücklich beschlossen, daß nur Protest«»tisch» Architekten zugelaffen werden sollen, trotzdem e» sozialdemokratischer Stadtverordneter den FortfaK dieser Beschränkmg wünschte. ’

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Marktberichte. ,

Ms. Kassel, 39. Mai 1907. kBetreide-, 1 ün» ger- und Futter markt-j Auf dem heutige» wi kreide-, Dünger- und Futtermarkte herrschte ein ztemli« lebhaftes Geschäft. Auch war der Besuch au8 all« Interessentenkreise« recht zahlreich, die Abschlüsse in* Umsätze befriedigend. Bezahlt rowtben: Für Weim» 20.50—21.00 SH., Roggen 20.00-21.00 ML, Has« 20.50—21.00 Mark. Aller pro 100 Kg. ab oder PcmM Kassel bet Ladungen von 10000 Kg.

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