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34. Jahraanff.
Fulda, Freitag den 24. Mat 1907,
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ei|tw: we ein- altige petitzeile »der deren Raum 15 psg. Rtfiontt« Sir petitzril« 25 pfg.; bei Wiederholungen wird «ntspr «adait gewährt.
Lotationrdruck e. Verlag der Hulda« Ae» tienbridtttl in Hulda. Hernsprecher Ur 9.
* Die französische Regierung und die Wein« bauern, Rach dem Gesetzentwurf des Finanz. Minister Caillaux zur Behebung der Krisis im Weinbau sind die Weinbauer verpflichtet, den Ertrag ihrer Ernte anzugeven. Er verbietet vollständig den Zuckerzusatz für die zweite Kelterung und belegt den für die erste Kelterung ver- wandten Zucker mit einer Steuer; ferner wird der Ankauf von Zucker über 25 Kilogramm ge- wissen Formalitäten unterworfen und di« Ver- mehrung der Schankwirtschasten, besondere Fälle ausgenommen, oom 1. Januar 1908 ab untersagt.
* Der französische Divisionsgeneral Baudie in St. ©Henne wurde zur Disposition gestellt, weil er auf dem Manöverfelde erklärt hat, er sei entschloffen, keinerlei außendienstliche Beziehungen zu seinem Vorgesetzten, dem General Percin, dem Kommandeur des 13. Armeekorps und früheren Kabinettsdirektor des ehemaligen Kriegsministers Andre, zu pflegen. Baudic würde übrigens im Oktober dieses Jahres die Altersgrenze erreicht Men.
* Krisis im französischen Parteiwesen. Der ehemalige Marineminister Camille Pellet an, der Führer der radikal-sozialistischen Partei, ist mit der nachgiebigen Haltung seiner Parteifreunde gegenüber dem Ministerium Clemenceau unzustieden und hat seinen Austritt aus der Partei erklärt. Obwohl Pelletan noch wenige Tage vor dem Zusammentritt der Kammer dem Ministerium jede Unterstützung in Zekunft ver- weigerte, entschied sich die überwältigende Mehr- heit der Partei für das Vertrauensvotum. Die Fraktion befaßte sich in einer eigens dazu berufenen Sitzung mit der Austrittserklärung und
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Mai 1907.
sein.
* Major Fischer von dem Oberkommando der Schutztruppe, gegen den im Sommer vorigen Jahres wegen seines eigenartigen finanziellen Verhältnisses zu Herrn v. Tippelskirch zuerst ein Strafverfahren und später ein ehrengerichtliches Verfahren eingeleitet worden war, ist jetzt unter Gewährung der gesetzlichen Pension verabschiedet worden.
* Unterstaatssekretlir v. Lindequist wird nochmals nach Südwestafrika zurückkehren. Seine Ausreise tritt er in etwa 14 Tagen an. Sie
Vergehens gegen den Arnim-Paragraphen Strafgesetzbuches. Pöplau wird zum Vorwurf gemacht, drei ihm in seiner Beamteneigenschaft zugänglich gewesene Urkunden Abgeordneten zugänglich gemacht und dadurch seine Dienstpflicht verletzt $u haben. Die ganze Sache ist bereits einmal tm Februar verhandelt worden, konnte damals aber nicht bis zum Ende durchgeführt werden, weil Pöplau schwer erkrankte. Man kann auf das Ergebnis des jetzigen Prozesses gespannt
und christlichen Elementen auf den stärksten Widerstand stoßen, und er gefährdet mit solchen einseitigen, zum Radikalismus zurückfallenden Parteilendenzen gerade das, ivas der Aufruf sonst verspricht, die positive Mitarbeit mit anderen Parteien. Wenn bet den letzten Wahlen der Sozialismus im Reiche zurückgeworfen wurde, so geschah dies durch die Macht des nationalen und evangelischen Staatsgedankens, nicht der freisinnigen Parteildee, und durch den gemeinsamen Vorstoß der nationalen Parteien, von denen der Freisinn nur den linkesten und schwächsten Flügel bildete, der gerade bei dem wiederholten Kampf der Stichwahlen auf die besondere Hilfe der rechtsstehenden Mitstreiter angewiesen war, während die konservative Partei gleich im ersten Wahlgang mit der stärksten Anzahl von Erfolgen bestanden hatte. Freisinnige Selbstbesinnung gilt insbesondere gerade von der Wahlrechts- und Schulsrage; in beiden würde von dem Linksliberalismus, wenn er seinen Willen durchsetzte, zuletzt nur der sozialistischen Saat der Boden vorgelockert werden." Wir sind damit ganz zufrieden; denn schließlich wird selbst der ,Reichsbote" noch zentrumsfreundlich, wenn er sieht, daß seine neuesten Freunde ihm selbst an den Hals springen. Die nationalliberale Presse ist sedr zurückhaltend und sagt gar nichts. Es wäre auch schade, wenn jetzt ichon die Block- Herrlichkeit ihr Ende erreicht haben würde.
i. Informationsreise nach Kiel. Vom 3. bis 8. Juni findet eine Informationsreise von Reichstagsabgeordneten nach Kiel statt, 20 Abgeordnete sind insgesamt geladen, darunter auch drei Zentrumsabgeordnete. Der Zweck der
bezweckt die Uebergabe der Gouvernementsge- chäfte an seinen Nachfolger, den er dort erwarten und selbst in sein Amt einführen will.
r. Ein politischer Katzenjammer scheint unseren reisinnigen Liberalismus befallen zu haben. Es »ergeht fast kein Tag, ohne daß sich sein Unbehagen in der Presie zu erkennen gibt. Die Hoffnung, die seine Segel um Neujahr henimschwellte, ,st bedenklich abgeflaut, denn der Dank vom Hause Bülow bleibt auS, und damit verblasien sie Strahlen der liberalen Morgenröte. Darüber äuscht keine noch so volltönende Kundgebung linroeg, wie sie soeben die freisinnigen Parteien erlassen haben. Mit Verwunderung werden eS die Wähler gelesen haben, daß die engere Ver- bindung der drei freisinnigen Gruppen dem Liberalismus zum Siege im öffentlichen Leben verhalfen habe, denn selbst bei der allergrößten Bescheidenheit werden sie keine Tatsache verzeichnen können, welche ein Zeichen dafür wäre, daß die politische Bedeutung des Freisinns sich gehoben hätte. Im Gegenteil werden die fteisinnigen Wähler aus ihrer eigenen Presie die Neberzeugung gewinnen müssen, daß die aus den Wahlen erhoffte Regierungsgunst noch immer nicht in dem Maße dem Freisinn scheinen will, daß liberale Früchte zur Reise gelangen könnten. Herr Dern- bürg, der dem Freisinn nahesteht, ist zwar Staatssekretär geworden, aber die neuen Männer, welche mit ihm in das Reichskolonialamt einziehen, lassen nicht erkennen, daß Fürst Bülow allmähllch zu einem liberalen Regime übergehen will. Ja, Fürst Bülow hat eS sogar gewagt, einen konservativen Abgeordneten, den Legationsrat v. Schuckmann, der dazu noch vor einigen Wochen das Verbrechen begangen hat, im Parlament das Berliner Nachtleben zu brandmarken, zum Gouverneur von Südwestafrika zu ernennen. Schmerzlich bewegt hiervon, bricht das ,Berl. Tageblck in laute Klagelieder aus. Dre ,Frns. Ztg/ meldet die Ernennungen zum Reichskolomalamt in stummer Ergebung. Diese Resignation ist begreiflich, denn dem Blatte ist schon dre Einsicht gekommen, daß die Rechnung, mit bet Fürst Bülow sein freisinnsreundliches Lächeln bezahlt wissen will, den Freisinn ruinieren muß. Kaum hat die ,Freis. Ztg/ ihrer Beklemmung darüber Ausdruck gegeben, daß eine neue Manne- Vorlage kommen werde, da berechnet sie neuer- dingS, welche Kosten die neuen Kolonialprojekte dem deutschen Volke auserlegen würden. Es ist daS sreilich ein bischen spät, denn der Zentrums- abgeordnete Dr. Spahn hat diese Rechnung schon neulich bei den Kolonialdebatten im Reichs- lag aufgemacht. Damals aber schwieg die frer- sinnjge Volkspartei. „Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt!" Die ,Freis. Ztg.' bezeichnet es als ein „wahrlich starkes Verlangen, wenn der Kolonialdirektor durch Forderungen für Ersen- bahnbauten in den Kolonien auf Kosten der Allgemeinheit die Steuerlast weiter steigern will um weitere hundert Millionen." Armer Freisinn, es gibt fein Zurück mehr für dich; friß, Vogel, ober stirb! Das Zentrum hat es hmsichtlich der ' Eisenbahnbauten angeblich am nationalen Geiste : mangeln lassen. Das war einer der Gründe der ' Reichstagsauflösung. Der mannhafte Freisinn i trat auf die Schanze, um das Banner der nationalen Gesinnung hoch zu halten und schon nach wenigen Monaten knickt er zusammen rote ein Taschenmesser. Der ,Vorwärts' hat mcht unrecht/ wenn er von einem gewissen Maul- ^Heldentum spricht.
nehmen sollen. „ _
* Im Berliner Baugewerbe rst dre Aus- perruna keineswegs so umfangreich, wie nrjprung- ,ch erwartet wurde. Insgesamt fallen nur etwa 10000 Mann ausgesperrt fein. Es kommt dazu, daß zahlreiche größere Baufirmen dem all- gemeinen Aussperrungsbeschluß sich mcht ange- chlosien haben. Fortgesetzt Raffen aber uuoer. Brätele Bauarbeiter in großer Zahl die Reichs- Hauptstadt, um dem Verbandsbeschluß gemäß m die Fremde zu ziehen. Der Verband dec Ban- qeschäfte widmet am Freitag abend eme Generalversammlung der Frage, wie die dem Verbände noch fernstehenden Geschäfte zum Anschluß an die Aussperrung gewonnen werden tonnten.
* Neu-Auflage des Pöplau-Prozesses. Am Freitag beginnt in Berlin vor der Dutten Straf- lammet des Landgerichts I das neue Verfahren aeaen den früheren Geheimen Sekretär,atsastr- lenten im Kolonialamt Oskar Pöplau wegen
keine 2 Iahte Gouverneur, im Spätherbst 190o reiste er aus und im Spätherbst 1906 kehrte er zurück und war seither nicht mehr draußen. Aul hn setzte man in den Kolonien dre größten Host- nungen und heute? , . t
Die Verwunderung aber ftetgt toenn man sich seinen Nachfolger ansieht; es rst M-v. Schuck- mann. An diesen Herrn als südwestafrrkanr- schen Gouverneur haben sicher Ane 10 Leute rn ganz Deutschlaird gedacht: s- selbst das Dernburgsche „Berl. Tagebl. : „Das höchste Befremden muß es erregen, daß an die Stelle des Herrn von Lindequist ein Mann tote Herr von Schuckmann tritt. Herr v. Schuckmann hat sich erst kürzlich wieder in der Seffent Weit in empfehlende Erinnerung gebracht, als er von der Tribüne des preußischen Abgeordnetenhauses aus eine donnernde Rede gegen das nachtuche Trer- ben in der Friedrichstraße und in den Berliner Nachtlokalen hielt. Er ist als Beamter des Aus- toärtigen Amtes hier und da im Auslande beschäftigt gewesen; er war auch in den neunziger Jahren Generalkonsul in Kapstadt, aber soviel wir sehen, war er nur ein halbes Jahr im auswärtigen Kolonialdienst tätig; er hat nämlich einmal Herrn v. Puttkamer 6 Monate lang tn Kamerun vertreten. Das liegt auch schon wieder 15 Jahre zurück." Von irgend einer Beschält:- gung mit kolonialen Fragen hat die Oeffentlich- keit nichts erfahren; der neue Gouverneur nt ein völliger Neuling und wenn ihm auch Lindequist anfangs beisteht; für die sehr schwte- rigen südtoestafrikanischen Verhältnisse hatten wir doch etwas anderes erwartet. Aber auch diese Ernennung läßt uns falt; wir warten alles ab, und sehen mit Vergnügen, tote die Mißstimmung im Block wächst und tote namentlich liberale Blätter mit diesen Ernennungen garnichtzu- friebett finb. ,
Wir haben jetzt einen freisinnigen Kolonral- staatssekretär, einen konservativen Unterstaatssekretär, einen konservativen Gouverneur in Südwestafrika. Und wo bleibt der nationalliberale Abg. Dr. Paasche? Ist für ihn gar fein Platz mehr frei? Die Dornburg-Begeisterung ist tn der Abnahme begriffen.
♦ Die Pfingstkunbgebung der 3 freisinnigen Parteien findet ein seltsames Echo; selbst in reisinnigen Blättern wird denselben zugeredet, nun auch entsprechend zu handeln. So bemerkt die Berliner freisinnige »VolkSztg/: „Auch wir wünschen dem entschiedenen, dem demokratischen Liberalismus, daß fein Einfluß auf die Gefetz- । ebung stärker werde, als er bisher gerne en ist. Nur ist dafür die unerläßliche Vorbedingung, daß er eine wirklich freisinnige, ehrlich-demo- kralische Politik betreibt, und daß er in sozialer Hinsicht dem Geiste der Zeit durchaus Rechnung tragt. Handelt er von jetzt ab lreng nach diesem Programm, so werden wir gern die 3 liberalen Parteien unterstützen, wenn te an der Verwirklichung dieses Programms ernstlich arbeiten. Denn die Taten werden immer das Entscheidende bleiben, nicht die schönen Worte auf dem Papier." Bei den Konservativ eu hat die Kundgebung starke Beklemmung verursacht, deren man durch mehr ober minder heilige Erwiderungen Herr zu werden sucht. Der .Reichsbole' erblickt in dem Schriftstück eine Zusammenfassung der Bestrebungen der bürgerlichen Demokratie, „die in erster Linie auf die Ein- sührung des verhängnisvollen allgemeinen gleichen Wahlrechts auch in Preußen und auf eine entchriftlichte Schulbildung der Jugend hinausgehen." In beiden Punkten wird der linke Liberalismus damit bei den konservativen
Reise ist, di« Anlagen und Wersten in Kiel zu besichtigen; eS werden auch Torpedoboote und Unterseeboote vorgeführt und am Schluß findet ein Manöver der Hochseeboote statt. Dre Abgeordneten sind Gäste der Marrneverwaltung. Die Besichtigung dürste sehr interessant verlausen.
* Wieder nm eine Hoffnung armer sinb die Liberalen. Kultusminister v. Studt hat, wie die ,Magd. Ztg/ hört, ferne Absicht, zurückzutreten, einstweilen vertagt, da er zu- nächst noch die AusführungSbestlmmungen zum Schulunterhaltungsgesetz und die Mädchenschulreform zum Abschluß bringen will, Aufgaben d e vor dem Herbst nicht beendet femdürsten. Vrel- leicht wird sich dann Herausstellen, daß Herr v. Studt seine Reformen auch noch vor dem Landtage selbst vertreten muß. Das liberale „Fort mit ihm!" hat aber jebenfaU« nur be- wirkt, baß Herr v. Studt, der bei seinem hohen Alter ohnehin in den wohlverbienten Ruhestand treten wollte, in seiner Stellung nur befestigt wurde. Der Träger der Krone wacht eben streng auf die Wahrung seiner Rechte, was man ihm durchaus nicht verübeln kann. Da» haben die Liberalen nicht rechtzeitig bedacht.
Zum Lehrerschub nach dem Oste«. Immer noch erfolgen weitere Versetzungen von Lehrern nach den östlichen Provinzen So muß am 1. Juni ds. Js. wieder eine Anzahl von Lehrern au8 den Kreisen Wubrort und MoerS dort Stellen antreten, obgleich imstretle Moer» Über 60, im Landkreise Ruhrort über 70 Lehrer fehlen. Außerdem ist m i n b e ft en 8 etn Drittel der vom Lehrerseminar Kempen demnächst abgehenden Seminaristen für de» Osten bestimmt. In Kempen soll die Ent- lafsungsprüsung schon gleich nach den Psuigsl- fetten, anstatt, wie üblich, im August stattfinden. Wie gerade infolge solcher Maßnahmen bet Lehrermangel zunimmt, geht daraus hervor, daß die Anmeldungen zu der Kempener Präparanden, anstatt von zirka 50 im vorigen Jahre aus d in diesem Jahre gesunken sind und daher em Eingehen der Präparandenanstalt befurchtet wird. Nun versucht es die Düsseldorfer Re- gierung mit einem im Oktober d. I w t^leue zu eröffnenden PräparandenkursuS, M dm ne bereits Lehrer wirbt, die den Unterricht ü^er-
E Die alten und neuen lNSmer ander Spitze der Uolonialverwaltung.
lieber die Pfingstfeste ist das vom Reichstag bewilligte Reichskolonialamt errichtet, und damit ein neues Staatssekretariat geschaffen worden. In den ersten Jahren unserer folonialpolitischen Tätigkeit wurden die Geschäfte der Zentralver- waltung von einigen Räten des Auswärtigen Amtes besorgt; Fürst Bismarck wollte den Kaufmann draußen arbeiten lassen unb möglichst wenig den Beamten. Aber kaum war er weg, so er- richtete man eine besondere Kolomalabteilung i tm Auswärtigen Amte, die von 1890^-1907 be- Ftanb. An die Spitze wurde etn Kolomaldirektor gestellt der seit 1894 in allen kolonialen Fragen vollständig selbständig war und nur in jenen Fragen, die noch die auswärtige Politik berührten, sich nach dem Auswärtigen Amte zu richten hatte. Mit unseren Kolonialdireftoren hatten wir fein Glück gehabt; der erste, Kay- ser, war noch der beste und tüchtigste; „er arbeitete unermüdlich, bis er über die Fäden der Petersleute stürzte; ihm folgte auf kurze Zeit Frhr. v. Richthofen, der von der Kolonialpolitik nichts verstatid und gar rasch ins Auswärtige Amt übersiedelte. Die Wahl seines Nachfolgers erregte großes Aufsehen: der mecklenburgische konservative Reichstagsabgeordnete v. B u ch k a wurde Kolonialdirektor; seine Amtsführung hat dem Reiche viel geschadet, indem er z. B. in Kamerun riesige Konzessionen verschenkte. Ihn löste der Gesandte in Chile, Dr. S t ü b e l, ab, ein Mann, der jahrelang im Auslandsdienst verwendet worden war; an Kenntnissen und gutem Willen fehlte es ihm nicht; aber er war schwach und geriet gegen das Ende seiner Amtsführung immer mehr in die Hände des jungen Legationsrats Helfferich, der zur rechten Zett aus dem Reichsdienste schied. Unter Stübel vollzog sich der
Zusammenbruch der Kolvuialwirtschaft,
und er toar nicht mehr zu bewegen, in den Reichstag zu geben. Alle Welt staunte, daß Erbprinz v. Hohenlohe fein Nachfolger wurde, und es nur 8 Monate blieb; von der liberalen Presse mit Lorbeeren geschmückt, trat er auf seinen Posten; daß er den Aufgaben des Amtes nicht goto a ch s e n war, hat er durch seinen Rücktritt ein- geftanben.
Nun folgte der erste Kolonial st aats- Iekretär Dernburg, ein Mann, der sich either um die Kolonien gar nicht geflimmert hatte, der sich in feiner Bank nicht mehr ivohl fühlte; hatte er doch dort nach dem Zeugnisse der liberalen „M. Allg. Ztg." das „unterste zu oberst gekehrt". In den Verhältnissen des Reichstages verfolgte er eine ähnliche Taktik. Da er als ein scharfer Gegner des Zentrums austrat, wurde et rasch beliebt, was bekanntlich nt Deutschland keine Schwierigkeit ist, wenn man auf das Zentrum loshaut. Seine Tätigkeit ist bekannt. Noch nie hat jemand — selbst Graf Waldersee nicht — soviel Vorschußlorbeeren eingesteckt wie er, da kann die Ernüchterung nicht aitäbleiben. Und schon bricht sie sich Bahn. Mit großen Tonarten hat man die Reise des neuen Mannes in die Kolonien angefünbigt; fast jeden Tag kam eine neue Notiz, um die Oefsentttch- keit in Atem zu hakten. Schon war der Tag der Abreise bekannt gegeben; er hätte auf den 15. Mai fallen sollen. Und nun? Die Reise nach Südwestafrika ist ganz aufgegeben worden, die Reise nach Ostafrika wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Darob Mißmut in der liberalen Presse; wir sind nicht erstaunt. Zum System der altgekündigten Reden paßt jenes der angekündigten Reisen vortrefflich. Und weshalb will die Blockpresse ausmuck- fen? Es werden eben „nationale" Gründe sein, die diesen Aufschub nahe legten; bann muß sie schweigen. Freilich wird man in den breitesten Volkskreisen mit allerlei Bemerkungen über diese Kolonialreisen nicht zurückhatten. Was man als Grund für diesen Aufschub angibt, ist sehr fadenscheinig. Dernburg wolle erst fein Amt ausbauen. Daß er dies tun mußte, wußte er schno feit Oktober 1906 und hat doch die Reise angekündigt. Wir haben uns dew Kopf nicht länger zu zerbrechen; Dernburg ist ein Mann, über »en man wohl erst nach 5jähriger Tätigkeit sein Urteil fällen kann und so lange warten wir ab, Gewehr bei Fuß und stets bereit, Schaden zu verhindern.
Seine erste Amtshandlung als Staatssekretär ist nun freilich dazu angetan, in weiten Kreisen
Aufsehen hervorzurufen;
tr hat Gouverneur von Lindequist zum Un- terstaatsfekretär ernannt und den konservativen Abg. v. Schuckmann zum südwestafrikanischen Gouverneur. In der gesamten Oefsentlichkeit greift man sich hierüber verwundert an den Kopf. Lindequist, der Zufunstsmann von Südwestafrika, soll also in Berlin bleiben. Seit wann bestand diese Absicht? Noch bei den Etatsberatungen im Mai 1907 hat in der Budgetkommission des Reichstages die „Ansicht des Gouverneurs" eine Hauptrolle gespielt; gegenüber allen Einwänden, daß 40ÖÖ Mann Schutztruppe zu hoch giert, hieß es stets: Der Gouverneur sieht diese
umme als das Mindestmaß an, mit der er die Ruhe garantieren kann. -So noch vor 14 Tagen. Und heute ist er gar nicht mehr Gouverneur und wa§ fein Nachfolger will, weiß man nicht. Wie hat sich damit der Block in die Nesseln gefetzt, der mit der Ansicht des Gouverneurs auch feine Mellunanahme begründete! Lindequist ist noch
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