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ZuldaerMZeitung

wochenbeilage: „Illustrierte Zonntagszeitung" Monatsbeilage: „Fuldaer Geschichkblätter"

an$tigee: vle et» fpaltigt Petitzeile oder deren Bannt 15 pfg. Reflamen ok petitzeil« 25 Pfg.; bei wieder» Holungen wird entspr. Babatt gewährt.

Botati ans druck tu Verlag der §uidaer Bk» ttendrrckerei in Sulba. Zemfprecher Br 9.

Fulda, Samstag den 18. Mai 1907.

M 113.

34. Jahrgang.

Zweites Mtatt.

11 Anna Maria Zreiin v. Oer und ihr hl. Kreuzweg in vierzehn Stationen

in der Kapelle des Priesterseminars zu Fulda.

I.

Die Kapelle deS Priesterseminars zu Fulda ist in diesen Tagen um einen Schmuck reicher ge­worden, der es verdient, in den weitesten Kreisen beachtet zu werden; es sind das die aus Kupfer- platten gemalten 14 Stationen des Leidensweges uni eres Herrn. Die Malerin, A. M. Freiin v. Oer, hat sich in der Kunstwelt bereits einen geachteten Namen erworben, der auf unleug­baren Verdiensten beruht und der auch dadurch n.cht verdunkelt wird, daß er in nichtkatholischen Kunstgeschichten, z. B. selbst in der großen, soeben a vierter Auflage herausgegebenen .Geschichte oer deutschen Kunst des 19. Jahrhun- oertS' von dem Professor an der Technischen Hoch- ichule zu Dresden, Cornelius Gurlitt, nicht zu treffen ist, obwohl hier selbst unbedeutende deutsche Maler und Bildhauer des 19. Jahrhunderts Er­wähnung gefunden haben. Ob es daher kommt, daßFrritn v.Oer eben eine spezifisch katholische Künstlerin ist? Jedenfalls überflügelt sie an Pro- dukttvilcit—bis jetzt sind über 240Werke, darunter über 100 Erstkompositionen von ihr erschienen — und an künstlerischer Begabung gar manche in un­seren Kunstgeschichten angeführte Künstler und Künstlerinnen.

Der innere Werdegang und die fertige Indivi­dualität eines Volkes oder eines Individuums spiegelt sich am lebensvollsten in seiner Geschichte wider. Auch um Oer's künstlerischen Charakter zu verstehen, um ihre Kunstwerke in rechter Weise würdigen zu können, ist ein Blick auf die Geschichte ihres Ledens, soweit dieser mit ihrem Kunstwirken in Verbindung steht, unerläßlich.

Die Kunst ist bei Freiin v. Oer nichts An­gelerntes, sie ist Ausfluß einer Naturbegabung, die sie von ihrem Vater, dem bekannten Historienntaler Theobald Freiherrn v. Oer, dem Nach- konimen eines alten westfälischen Adelsgeschlechtes, und ihrer Mutter, die eine geübte Zeichnerin war, als Wiegengeschenk erhielt. Noch im elterlichen Hause ward dieses Naturtalent frühzeitig entwickelt; Vater und Mutter und nicht zum wenigsten die vielen Künstler, die im Oer'schen Hause zu Dresden verkehrten, wie z. B. der liebenswürdige Dichter­maler Robert Reinick, trugen dazu bei. Bei den Euerngeschah eS freilich weniger in der Absicht, aus dem begabten Mädchen eine Malerin zu machen. Als aber die Vterzehnjährige im Sommer 1861 ge­legentlich eines Sommeraufenthaltes der Familie in der von Dresden die Brüder und die Wirtstmoer und sich selbst so prächtig porträtierte, daß Professor Hübner, ein be- rufener Kritiker, erklärte, eS nräre eine Sünde und em Jammer, wenn ein solches Talent unaus­gebildet bliebe, gewährte ihr der Vater Aufnahme in sein tltelter. Es dauerte nicht lange, da trug die junge llunstadepiin Staffelei und Malftuhl in dir berühmte dresdener Galerie, um die großen Meister V e la s - 'qnez, van Dhck und Rubens zu kopieren. An .asmunterung und lodender Anerkennung ans dem Äunve der größten Künstler Dressens fehlte eS iietbet dem strebsamen Mädchen nicht, besoitderS jcr damalige Direktor der Dresdener Galerie, schnorr v. C a r o l s f e l d, selber ein Maler von ÄotteS Gnadert, stand ihr oft anregend und beratend : i Seite.

At'exa

oder

Änf qehermnisvoklen Wegen.

Roman von öbuatb Wagner.

53! (Nachdruck verboten.)

Und während sie drinnen heiße Tränen vrr- goß um ihren verlorenen Liebling, stand Alexa draußen vor der Tür, mit der Mutter fühlend, welche keine Ahnung von ihrer Existenz (Kitte. Sie hörte kein Schluchzen, kein Stöhnen und sie begriff, daß die Prüfung, welche sich Lady Wolga auferlegt, in ihr Schmerzen erweckt halte, zu groß und herzzerreißend, als daß sie sich laut äußern konnten.

Die Zeit schlich langsam dahin, und Alexa fing an zu fürchten, es möchte Lady Wolga etwas zuge- stoßen sein, da sie so lange blieb und keinen Laut vernehmen lieft. Sie überlegte, ob sie es wagen könnte, einzutreten unb, sich zu erkundigen, ob Lady Wolga ihrer bedürfe. Da kam eine ältliche, tn schwarze Seide gekleidete Frau auf sie zu, welche sehr aufgeregt schien. Diese Frau war Mrs. Matthews, die Haushälterin. Je näher sie Alexa kam, desto langsamer ging sie, und blickte unentschlossen bald aus diese, bald auf die Tür.

„Ich bitte um Verzeihung, Miß", sagte sie endlich. „Der Diener des Marquis von Mont- Heron sagte mir, daß Lady Wolga in ihren Zim­mern sei. Ich habe Mylady seit Jahren nicht ge­sehen, — seitdem sie vor achtzchn Jahren das Schloß verließ, — und ich möchte ihr gern bei ihrem heutigen Besuch meine Ergebenheit zu ec* kennen geben."

„ßabp Wolga wird bald herauskommen," sagte Alexa freundltch, ..aber ich weiß nicht, ob es ihr angenehm sein wird, jemanden zu empfangen, gleich nachdem sie bte Zimmer mit ihren peinlichen Krirmerungen verlassen, jedoch —*

Es war das Aufkeimen einet jungen Blüte, und doch die Früchte sollten nicht aus dieser Blüte reifen — die Renaissance - Meister blendeten zwar anfangs das empfindsame Auge der Künstlerin, dauernd zu fesseln vermochten sie ihre tiefernste Seele nicht: Zu den streng christlichen Künstlern zog sie's hin, zu Ludwig Richter, Deger, Overbeck. Hier — es war etwa im Jahre 1864 — liegt der entscheidende Wendepunkt in ihrem künst­lerischen Leben: Nicht zur weltlichen, sondern zur religiösen Kunst sah sie sich klar und deutlich berufen, und die Richtung in der religiösen Kunst, die sie von nun an einhalten wollte, war nicht die­jenige des Velasquez, van Dyck und Rubens, son­dern die Overbecks, den sie jetzt fleißig kopierte, Ittenbachs, auf den sie der berühmte Bildhauer Hähne! zuerst hingewiesen hatte. Das war die Kunst, auf die ihre Herzenssaiten gestimmt waren; dieser Kunst schenkte sie balv ihre schönsten Huldi­gungen: 1866 vollendete sie das Zyklus bild ausdemLeben der hl. Mathilde, 1867 ihre „hl. Elisabeth", 1869 die „hl. Veronika", und sie hatte die Freude, daß ersteres von der da­maligen Kronprinzessin Karola von Sachsen, das zweite vom sächsischen Kunswerein und das dritte von König Johann von Sachsen erworben wurden.

Der künstlerische Lebensweg war eingeschlagen, keine entscheidenden Abbiegungen, sondern nur wich­tige Etappen sollte er noch bringen. Die erste wich­tige Etappe auf der betretenen Bahn bildet das Jahr 1869, wo Freiin v. Oer Aufnahme fand m das Atelier des großen Madonnenmalers Deger zu Düsseldorf, eines Freundes Theobalds v. Oer. Am Rhein, in der Kunststadt Düsseldorf, sollte der begnadeten Kunstjüngerin dasWesen derkatho- tischen Kunst, das sie bis daher mehr instinktiv gefühlt als klar erfaßt hatte, in herrlicher Weise sich offenbaren. Da Deger erkrankt war, arbeitete sie erst ein Vierteljahr unter Ittenbachs Anleitung, darauf in des Meisters Heim. Mehr noch als Itten­bach hielt Deger sie zuerst zum Zeichnen nach alten Meistern an — hier war es, wo sie wohl zum ersten Male jene Meister näher kennen lernte, die ihr zeitlebens als höchste Vorbilder vor Augen standen: Giotto„ Cimabue und Fra Angelico da Fi eso le. Hierauf gestattete der Lehrer das Ent­werfen und Ausführen eigener Kompositionen. Als erste Frucht dieser Selbständigkeit entstand die unter Degers Leitung gemalte „hl. Agnes", die jetzt in der Kapelle der grauen Schwestern zu Dresden sich befindet.

Im Jahre 1870 verließ Freiin v. Oer bett Rhein. Die Lehrjahre waren beendet, es begannen die Wanderjahre. Als Leitstern ihres folgenden Schaffens schwebten ihr die Prinzipien der Düsseldorfer Schule vor. „Meine Ueberzeu- gungen", sagt sie irgendwo, „sind von da an im Grunde dieselben geblieben, in ethischer wie in ästhetischer Beziehung." Daß sie trotz dieser prinzipiellen Anlehnung an die Düffel- borfer Schule dennoch eine hervorstechende indivi­duelle Selbständigkeit zu bewahren wußte, zeigen alle ihre Werke der Folgezeit.

Dresden und Düsseldorf hatten dem emporstre­benden Talente das Gepräge gegeben, Florenz und Rom sollten das Gewordene befestigen und aufI reichlichste behaupten. Nicht Raffael, Michelangelo und Tizian ziehen sie int heiteren Florenz und in der ewigen Roma an, sondern Fra Angelico da Fies ole. .Raffael bewunderte ich mit Ent­zücken, soweit er noch das christliche Moment in mir berührte, Michelangelo oft mit Entsetzen, Fie- sole liebte und liebe ich über alles." In der Tat will uns scheinen, daß Freiin v. Oer die Tiefe und Innigkeit, die Zartheit und seelische Vergeistigung der Köpfe Fra AngelicoS in so unübertrefflicher Weise in sich aufgenommen hat «nd wiederzugeben

„Ich bin überzeugt, daß Lady Wolga mich em­pfangen wird," fiel Mrs. Matthews Alexa ins Wort, als diese etwas zögerte. „Mylady begeg­nete mir stets mit großer Freundlichkeit, und ich weiß, daß sie mir zugetan ist. Ich habe sie stets geliebt von dem Tage an, als sie als junge Braut ins Schloß kam. Man sagt mir, sie sieht noch so jung auS wie damals, obwohl es einundzwanzig Jahre her sind und sie nun achtunddreißig Jahre alt sein mutz. Ich habe mich oft darnach gesehnt, sie wiederzusehen. Sie war noch so jung, als sie das Schloß verließ mit dem alten, finsteren Her­zog, ihrem Vater. Es scheint mir, als hätten Sie Aehnlichkeit mit Mylady, Miß. Entschuldigen Sie, find Sie vielleichr ihre Richte, die Tochter des jetzigen Herzogs von Clyffebonrne?"

„Nein, ich bin Miß Strange, ihre Gesellschafte­rin," antwortete Alexa.

Ehe Mrs. Matthews ihrer Verwunderung über die auffallende Aehnlichkeit weiteren AuS- druck -geben konnte, wurde die Tür geöffnet und Lady Wolga kam heraus. Sie war bleich und ernst, aber wunderbar ruhig. Jede Spur von Trä­nen hatte sie aus ihrem Gesicht verwischt, und sah stolzer und kälter aus als sonst.

Als sie die Haushälterin sah, zuckte ein leich­tes Lächeln um ihren Mund, und ein Hauch von Wärme breitete sich über ihr schönes Antlitz. Un­willkürlich streckte sie ihre Hand aus mit einer Freundlichkeit, welche die Zurückhaltung der gu­ten Frau verscheuchte.

„£), Mylady!" ries Mrs. Matchews unter Trä­nen, „wie freue ich mich, Sie wieder hier zu sehen. Sie haben sich nicht verändert, settdem Sie Mont Heron verließen, nur daß Sie schöner und liebli- cher geworden sind."

„Sie schmeicheln mir, Mrs. Matthews —"

„Das kann ich nicht!" versicherte die Haus­hälterin, Lady Wolga mit Bewunderung betrach­tend. „Ihre Ladyscbast ist aus einer schwachen, zatten Fran zu einer herrlichen Dame geworden, — bitte um Verzeihung, Mylady. _ Wenn nur Mylord Sie hätte sehen können, wie Sie jetzt sind. Was würde er sagen —*

Lady Wolga wurde ernster und btt'ck-r.

versteht, daß wir dieses als ein hervorstechendes Merkmal ihrer Gemälde bezeichnen möchten.

Mit einer Fülle von Ideen und Anregungen be­fruchtet, kehrte Freiin v.Oer 1871 aus Italien nach Dresden zurück. Noch im Herbste desselben Jahres stellte fie den Karton zu den „klugen Jung- frauen" fertig, dann folgte „Das Kind lein Jesu in der hl. Hostie", „ein Antipendium von feinster Miniaturarbeü". Leider raubte ihr diese in den kurzen Wintertagen angefertigte Arbeit beinahe das Augenlicht. Die kurze Besserung, die im Frühjahre 1872 plötzlich eintrat, benutzte sie, um wieder zu malen, aber während der Arbeit kehrte das Augenleiden mit erneuter Heftigkeit zurück, und eine Gliederlähmung trat hinzu, die erst nach 16 Tmlderjahren schwand, um bald aufs neue aufzu­treten und sie erst im Jahre 1890 nach einer Kur in Wörishofen bei Pfarrer Kneipp vollständig zu verlassen. In diesen Leidensstunden war es, wo die Künstlerin bei fast verloschenen Augen und ge- lähmten Gliedern dem dichterischen Schwünge ihrer reichbesaiteten Seele Freiheit ließ und jene tief« empfundenen, von ihrer Mutter niedergeschriebenen Gedichte diktierte, von denen die,Katholische Weit' (1899 Seite 51 f.) einige Proben veröffent­licht hat.

Es ist nicht unsere Absicht, den einzelnen Werken der Künstlerin, die in der Folgezeit entstanden, nach­zugehen; nur ihren Werdegang wollen wir schil­dern, nur ihre fertige Individualität wollen wir zeichnen. In den Jahren 1876/77 schuf sie ihr erstes Altarbild „Flos de radice Jesse“ (jetzt in der Kapelle des Prinzen Georg zu Hoster- mitz bei Dresden), 1877 malte sie für die Kapelle des Grafen Raczynski bei Bregenz ihr erstes größeres Herz-Jesu-Bikd, ein Sujet, dem sie in der Folgezeit ein so vielseitiges und tüchtiges Können weihte; wir erwähnen nur die Herz-Jesu- Bilder in der Pfarrkirche zuGnaas in Steiermark (1880) und in der Dresdener Hofkirche (1896'.

Ein drittes wichtiges Ereignis auf ihrem Künst- lerroege trat jetzt ein: zu Dresden, Düsseldorf, Florenz und Rom gesellt sich B e u r o u. Es war im Jahre 1888; ihr zweitältester Bruder, der langjährige mili­tärische Erzieher der sächsischen Prinzen, trat in das Benediktiner - Kloster zu Beuron ein; das gab der Künstlerin Veranlassung zu wiederholten Besuchen und dort in der Abte: Emaus-Prag. So ward ihr der Vorteil des persönlichen Verkehrs mit den hervor­ragendsten Malern der Beuroner Schule, und wenn sie hierbei auch keine neuen Ideen empfing, so wur­den ihr doch zwei Gedanken zur erneuten sestenMe- wißheit: 1) Daß der kirchliche Stil „dem vor- dringeuden Neuheidentum, der sogen. Renaissance", sich entgegenstellen müsse, unbeschadet aller abfälli­gen Kritiken, daß die religiöse Kunst den „Sieg deS Geistes über das Fleisch predigen" und den Weg „von der Form zum Gedanken, von der Dar­stellung zum Geschehnis, vom Gescheht» iS zum Ge­heimnis" aufdecken müsse; 2) daß hinsichtlich der näheren Ausführung dieser Hauptprinzipien man zwischen Wandmalerei und Tafelmalerei unterscheiden müsse, und daß es nicht wohl angehe, den Monument al-Stil, der in den Beuroner Wandmalereien so prächtig wirkt, auch auf die Tafel- und Mniatnr - Malerei zu übertragen. So sehr darum die Oer'schen Tafelgemälde den Erzeug­nissen der Beuroner Schule in der Glaubens­innigkeit gleichen, so verschieden sind sie in der näheren Ausführung. Dort strenge, feierliche, nicht selten starre Ruhe, bewirkt durch die absicht- liche Herübernahme vorchristlicher morgettländi- scher unb abendländischer Formen, hier lebens­volle milde Feierlichkeit, Fluß, Bewegung und Anmut; dort für ben heutigen Beschauer zuweilen Unverständlichkeit, hier eine allen (Semütern, den Gebildeten wie den Ungebildeten, stets verständliche Sprache.

„Still!" gebet fie freundlich. „Sprechen Sie nicht von ihm, Mrs. Matthews."

„Verzeihen Sie, Mylady," sagte die Haushäl­terin. „Ich möchte Ihnen um alles in der Wett nicht wehe tun, aber Ihr Anblick bringt die Ver­gangenheit in meine Seele zurück, die so schön und so voll Frieden war. Aber die Vergangen- heit ist tot, und wir sehen einer glücklichen Zn» kunft entgegen. Ich wollte Ihnen sagen, Mylady, daß der größte Teil der alten Dienerschaft noch hier ist und daß Ihre Anwesenheit hier sie alle er­freut bat Jedermann int Schlosse weiß, daß Ihr Kommen heute abend, nach einer Abwesenheit von vielen Jahren, ein Zeichen ist, daß Sie als Her­rin zurückkehren werden, und es wird ein glückli­cher Tag für uns alle sein, toeitn wir Sie wieder als unsere gnädige und geehrte Herrin empfangen können."

lieber Lady Wolgas Gesicht flog ein schmerz­liches Zucken.

„Sagt man, daß ich als Herrin zurückkommen werde?" fragte sie mit tiefer Stimme.

„Ja, Mylady, als Marquise von Montheron."

Lady Wolga wollte sprechen, zögerte ober und sagte bann nach einer Pause:

„Man ist etwas voreilig mit der Ankündigung. Ich danke Ihnen, Mrs. Matchews, für den Aus­druck Ihrer Erinnerung und des WillkonlmenS. Ich danke Ihnen auch für die Sorge, welche Sie meinen früheren Zimmern gewidmet haben.. Ich fand alles, wie ich es verlassen," und ihre Stimme zitterte, „selbst die Spielsachen meines Kindes. ES schien mir, als ich auf jene Reliquien blickte, als wäre das, was in den achtzehn Jahren ge­schehen ist, nur ein Traum gewesen und ich wäre wieder Lady Stratford Heron, die junge Fran unb Mutter, — doch genug der Erinnerungen. Ich habe gesehen, daß Sie eine zärtliche Sorgfalt verwendet haben auf die Gegenstände, die mir so teuer sind, und darum danke ich Jhrren noch­mal-" -

Eine kleine dicke Persönlichkeit, mit rotem, rundem Gesicht, kam aus einer Seüengalerie und trippelte auf die kleine Gruppe zu. Es war der SrffcsRtifkr. Er hatte cber.kall? y?--

In diese Zett möchten wir den Abschluß der künstlerischen Entwicklung der Malerin setzen: Freiin v. Oer steht jetzt als fertige Indivi­dualität vor unserem Auge, sodaß die zweite Romreise (1893) nur Anregungen, keine neue R.cht» Ihnen gab.

Daß Freiin v. Oer nicht bloß zu malen, son­dern auch zu komponieren versteht, zeigen eine Anzahl ihrer Werke; genannt feien nur „Regina societatis Jesu“ (1884/85; im Jesuitenkolleg zu Exaeten in Holland), „Lasset bte Kleinen zu mir kommen" (1890; im Kloster St. Andre zu Tournay in Belgien; Wiederholung mit Por­trätähnlichkeit der Kinderköpfe — Kinder des Ober­präsidenten der Rheinprovinz Freiherrn v. Schor« lemer — im Besitze der Frau Puricelli zu Trier), „Mariä Himmelfahrt" (1897; Pfarrkirche zu Weichau in Böhmen.

Fassen wir das Gesagte zusammen, so ergibt sich uns, daß die künstlerische Richtung der Freiin v. Oer charatterisiert ist durch Fies ole, durch die Düsseldorfer Schule und (mit großer Einschränkung) durch Beuron; hier liegen die Grundsätze, nach denen sie arbeitete. Ihre Individualität finden wir ausgeprägt in Der zarten Anmut, Innerlichkeit und Vergeisti­gung, die über alle ihre Bilder ausgegoffen ist. Hierin kommt sie Fiesoie am nächsten, um ihn zu übertreffen in der technischen Ausführung (man sehe sich nur den Faltenwurf, die Stellungen, die Gesten, die Bewegungen und nicht an letzter Stelle die geradezu meisterhaft gezeichneten durch­geistigten Hände der Oer'schen Gestalten an). In diesem Punkte weicht Freiin v. Oer auch von Beuron, zu ihrem Vorteil, bettächtiich ab; hier nähert sie sich den Düsseldorfern, zwar tticht erreichend die Großartigkeit mancher Gemälde bet Düsseldorfer Schule, sie aber zum Teile hinter sich lassend in der Anmut, Tiefinnerlichkeit, Vergeistigung, Feinheit der Zeich­nung. An der Weichheit ihrer Gemälde, die man ihr oft als einen Mangel ungerechnet hat, die aber nie sinnlich ober erschlaffend wirkt, erkennt man das Frauenherz der Malerin.

Unpolitische Zeitkäufe.

(:;) Berlin, 16. Mai 1907.

(Nachdruck nicht gestattet.)

©runbfteinlegung am Himmel, sahrtssest! Das war eine herrliche Feier für die junge katholische Gemeinde in Zehlen­dorf, an der durch die drahtlose Telegraphie des Geistes auch die opferfreudigen Leser der „Unpolitischen Zeitläufe" teilgenommen habeir. In der Urkunde, die in den Grundstein gelegt wurde .sowie in der Festpredigt und den Fest­reden wirrde der reichen Spenden gedacht, mit denen meine lieben Leser den Beginn des Kir­chenbaues ermöglicht haben. Da die wohltäti­gen Leser aus allen Garten Deutschlands nicht persönlich anwesend sein konnten, richtete sich die allgemeine Liebenswürdigkeit gegen den Ver­fasser. Auch eine Arbeitsteilung: die Leser zahlen und ich streiche die Danksagungen ein! Doch wir werden uns schon untereinander ver­tragen. Ich wasche meine Hände in Unschuld, denn einen Bettelbrief zrt schreiben, ist sehr leicht. Aber die Zehntausende, die auf den Hilferuf gehört und eine Postanweisung für den Pfarrer Deitmer in Steglitz ausgefüllt haben, das sind die Urheber unseres Glücks.

Ein ivahrer Glückstag war es. Die katho­lischen Vereine von Groß-Berlin hatten mehr

Pierre Reuard gehört, daß Lady Wolga ihren alten Zimmern einen heimlichen Besuch abstattete, und war, sobald es seine Zeit erlaubte, Herbet­geeilt, nm ihr seinen Respekt zu bekunden.

Lady Wolga empfing ihn ebenso freundlich, tote sie die Haushälterin empfangen hatte. Es war $u sehen, daß er die größte Achtung und tiefste Ehrerbietung vor der ßabti hatte und daß er sie ebenfalls als zukünftige Herrin des Schlosse* betrachtete, worüber er die aufrichtigste Freude zeigte.

Alexa beobachtete ihn scharf. Sie fand, daß auf seinem jovialen Gesicht bte Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit seines Charakters ausgeprägt war, und kam zu dem Schlüsse, daß dieser Mann keines Mordes fähig sein konnte.

„Ihre Ladyschast werden das Schloß in vielen Stücken unverändert finden, aber auch vielfach verschönert," sagte Puffet. „Der jetzige Marquis ist unserem früheren Herrn sehr ähnlich; er ist fast ebenso freundlich und milde."

„Sie sind dem Marquis sehr ergeben, tote eS scheint, Puffet?" fragte Lady Wolga nachlässig.

Des Kellermeisters rotes Gesicht wurde noch röter. . .

„Ja, Mylady," antwortete er, etwas stockend. „Mywrd ist in der Tat sehr beliebt, nur entbehren wir Lord Straffords offenes, heiteres Wesen, das ist alles, Mylady, unb ich bitte um Entschul­digung, daft ich so offen gesprochen habe."

Aus dem Salon drangen einzelne Töne de- Klaviers heraus und mahnten Lady Wolga, dahin zurückzukehren.

„Ich muß zu meinen Freunden zurück," sagte sie. „Es fr ent mich, Sie gesehen zu haben, MrS Matthews, und Sie, Puffet. Das Schloß würde mir ohne Sie nicht heimisch scheinen, und ich hoffe, daß sie hier bleiben werden, fo lange Sie leben.*

Nach diesen Worten wandte sie sich um und ging mit Alexa hinab in den Salon, wo ihre Ab­wesenheit wohl bemerkt, aber zu keinen besonderen Bemerkungen Anlaß gegeben hatte. Kurz nach ihrem Eintreffen wurde der Kaffee gereicht.

Der Marquis von Montheron gesellte sich h-r Gruppe welch» Lady Wokoa auacubffo'fich >>»>«»