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M 113.

Fulda, Samstag den 18. Mat 1907.

34. Jahrgang.

Krstes Malt.

Wege« des hl. Pfmgftfestes wird die Nächste Nummer der Fuldaer Zeitung erst am Dienstag ausgegeben.

(:) Pfingsten.

Das liebliche Pfingstfest klopft an; wer wollte ihm nicht öffnen? Ladet doch schott die Natur uns dazu ein, die Türen zu öffnen und die Herzen den Wunderwerken zu «schließen, die die Kraft des Geistes jedes Jahr aufs neue erstehen läßt. Jeden Sonntag beten wir: „Komm, heiliger Geist, auf uns herab". Mor- gen soll dieser Gebetsrus zugleich Jubelruf sein, denn wir feiern den Geburtstag der Kirche und das Fest jener geheimnisvollen dritten Person, die alles schafft. In einer parlamentarischen Versammlung hat man erst dieser Tage noch auf jene neue Irrlehre hingewiesen, die nur den Stoff und die Materie kennt, aber den Geist nicht, die den höchsten Geist und die Quelle alles Geistes, den heiligen Geist leugnet. Da ist das christliche Pfingsffest der laut erschallende Protest gegen solchen modernen Wahnwitz.

Der Geist der Wahrheit! Das Höchste, wonach der Mensch strebt und dürstet, ist Wahrheit! Ganze Geschlechter find im Dunkeln gewandelt; ihre besten Kräfte drangen nicht an die Pforte des Lichtes, welche der hei­lige Geist erleuchtet. Sie sterben im Schaffen dahin und nur die intelligentesten Köpfe hatten eine schwache Ahnung von der Wahrheit, die nur der Geist Gastes lehren wird. Wie hoch stehen wir demgegenüber? Ein Schulftnd mit seinem Katechismus überstrahlt die Gelehrsam­keit eines Sokrates und Aristoteles, denn jene konnten keine Antwort geben auf die weltbe­wegenden Fragen: woher? wozu? wohin? Der Geist der Wahrheit gibt uns die Klarheit und erleuchtet die Verborgenheiten des Le^ns.

Der Geist der Kraft! Die Kirche feiert morgen ihren 1874. Geburtstag. Wo war sie vorher? Im Gart«- von Gethsenmni in die Flucht geschlagen, zerstreut in alle Welt, nach der Himmelfahrt hinter verschlosienen Tü­ren betend, gab ihr der hl. Geist jene Kraft, welche selbst den Unglauben bewunderte. Aus dem Petrus, der vor der Magd den Herrn ver­leugnete, ist jene PrachtgestÄt geworden, die dem höchsten Gerichtshof die Worte entgegen- bielt: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen!" Und wie er, so alle anderen. Kraft des hl. Geistes war es, die sie anspornte, in alle Welt zu gehen, keine Leiden zu scheuen, selbst in den grausamsten Tod zu gehen, um die Lehre Jesu zu verffindigen. Aus den armen, schwa­chen Fischern wurden diese glaubensstarken Hel­den. Woher die Wandlung? der hl. Geist hat sie erfüllt! Ist aber uns allen nicht auch solche Kraft nötig? Kein körperliches Martyrium steht uns bevor; wie oft aber ein geistiges Marty­rium, in dem wir Kraft von oben brauchen.

Der Geist der Liebe! Unsere harte inammonfüchtige Welt kennt kaum das Wort Liebe. Eigennutz regiert die Stunde und man sieht jenen als Toren und rückständig an, der sich xu diesem Schlagwort nicht bekennt. Aber hat dieser Eigennutz die Menschheit glücklich ge- macht? Mit nichten. Er stürmt sie inS Elend, selbst ins Verbrechen. Der Eigemmtz ist jenes Uebel, das stets fortfährt und keine Sättigung kennt. Wie glücklich aber ist der mit Liebe er­füllte Mensch! Die wahre christliche Liebe gibt und erhält aber nur der hl. Geist, d« sich das Menschenherz so gerne zu seiner Wohnstätte aus- sucht. Unsere liebeleere Zeit braucht daher dop­pelt den hl. Geist.

Das Pfingstfest für die Apostel erfolgte aber nur nach einer 10-tägigen Gebetsübung. „Sitte!, ihr werdet empfangen! Das Wort gilt für uns alle. Ohne Gebet kein hl. Geist, keine Gnade. Daher wollen wir die Pfingsttage sehr eifrig zum Gebete benützen, dann können wir 'alle feiern:

Fröhlich e Pfingsten!

o Das neue Reichskolonialamt.

Wenn die Berliner Preffe richtig informiert ist, so steht die Ernennung des bisherigen stellvertretenden Kolonialdirektors Dernburg zum

Staatssekretär

des ReichSkolonialamts unmittelbar bevor. Es heißt, daß die Ernennung am Samstag erfolgen «erde. Damit kommt eine Angelegenheit formell zum Abschluß, welche unser Reichsparlament mehrere Jahre hindurch beschäftigt hat. Das Zentrum ist, seit die Schaffung eines selb­ständigen Staatssekretariats für die Kolonien auf der Tagesordnung stand, ein Gegner desselben gewesen. Man wird sich entsinnen, daß die An- reguag zu einem Reichs kolonialamte seinerzeit all« Semei» auf den Kaiser zurückgesührt wurde, und t dec Wandelhalle des Reichstags hat man früher hören können, daß der Kaiser dem früheren ^teßwertretenden Kolonialdirektor Erbprinzen

Hohenlohe die Anwartschaft auf das neue Amt bereits eröffnet habe. Als das Zentrum seine Bedenken gegen die Selbständigkeit des Kolomal- amteS geltend machte, war man in der Preffe gefliffentlich bemüht, die ablehnende Haltung des Zentrums au« einer Abneigung des ZentrumS gegen die Person des Erbprinzen Hohenlohe zu erklären. Man sagte dem Zentrum nach, es sei ein Gegner deS Erbprinzen Hohenlohe, weil dieser in konfessioneller Beziehung dem Zentrum nicht genehm sei. Jnzwtsche« ist Erbprinz Hohenlohe auS dem Amte geschieden und zwar nicht, wie mau an­fänglich glaubte, auS eigener Initiativ«, sondern weil er dem Reichskanzler für den Posten nicht qualifiziert erschien. Nach seinem Ausscheiden hat nämlich Fürst Bülow im Reichstag einmal erklärt, daß er, um einen Wandel in unserem Koloniewesen herbei­zuführen, berefts zweimal einen Wechsel in der Leitung deS Koloniakamles vorgenommen habe. In der Preffe ist dieser AuSspruch wenig be­achtet worden. AuS ihm ergibt sich, daß nicht Erbprinz Hohenlohe etwa dem Zentrum zuliebe von der Reichslettung geopfert worden ist, und daß weiter auch nicht Erbprinz Hohenlohe wegen der Ablehnung deS ReichSkolonialamteS durch das Zentrum aus dem Amte geschieden ist. AIS diese Ablehnung im Reichstage erfolgte, weilte Fürst Bülow infolge seiner plötzlichen Erkrankung, von der er im Reichstage betroffen wurde, zur Erholung in Norderney. Die Ablehnung kam dem Reichskanzler nicht überraschend, wohl aber sehr unbequem, und mit ihr stehm die Steig« niffe vom 13. Dezember vorigen JahreS, also dem Tage der Reichstagsauflöjung, in unmütel- barem Zusammenhcmg. Fürst Bülow hat selbst erklätt, daß die Ablehnung deS Reichskolonial­amtes für ihn die

erste Anregung

zur Auflösung des Reichstages gegeben habe. Wir find der Auffassung, daß die Auflösung des Reichstages viel weniger aus dem Grunde erfolgt ist, weil daS Zentrum die Vorbereitung für die Verminderung der Schutztruppen getroffen wissen wollte, als weil eS ein Gegner des Reichskolonialamtes war, für das sich der Kaiser interessierte. Da persönliche Momeme für das Zentrum in dieser Frage nicht in betracht kamen, blieb die Stellungnahme des Zentrums von dem Wechsel in der Leitung des Kolonialamtes unberührt. Nach wie vor hat das Zentrum auf dem Standpunkte gestanden, daß es im Jntereffe der einheitlichen Leitung unferer auswärtigen Angelegenheiten nicht wünschenswert fern könne, wenn die Kolonialabteilung auS der Unterordnung unter das Auswärtige Amt her« ausgenommen und zu einem selbständigen Amte gemacht werde. Selbst die Anhänger des neuen Reichskolonialamtes müssen zugeden, daß die Gefahr eines Konfliktes mit dem Auslande eine größere ist, wenn wir zwei selbständige Staatssekretariate haben für die Regelung unserer Beziehungen zum Ausland. Unsere Kolonien können, wie die Verhältniffe draußen liegen, nicht als eine rein innere Angelegenheit betrachtet werden. Auf der anderen Seite ist allerdings zuzugeben, daß nachdem Frankreich und England zu einer gewissen endgiltigen Ab­grenzung unserer Kolonien uns gegenüber gelangt find, sich die Neibungsflächen für uns in den Kolonien gegenüber dem Ausland vermindett haben, und daß damit die Schaffung eines selbständigen ReichSkolonialamteS weniger be- denklich geworden ist. Der neue Staatssekretär wird den Beweis zu erbringen haben, ob die Hoffnungen, welche die neue Mehrheit des Reichstags an die Selbständigkeit des Reichs- kolonialamteS geknüpft hat, sich praktisch auch erfüllen laffen.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Mai 1907.

* Eine höfliche Frage an beu Block. DaS Zentrum hat in der Budgetkommission des Reichs­tags den Antrag gestellt, den Postbeamten schon im heurigen Etat eine Aufbesserung zu geben. Der Block antwortete, daß er nicht ge­neigt sei, die höhere Summe in den Etat anzu­setzen, weil es sonst zum Konstitt käme; er empfahl die Annahme einer Resolution, worin die verbündeten Regierungen ersucht werden, ihr Einverständnis zur Gehaltserhöhung bis zur 3. Lesung zu erklären. Der Reichstag nahm noch anfangs Mai diese Resolutton an. Run fand )ie 3. Lesung statt, der Bundesrat erklärte fein Einverständnis nicht und der Block — schwieg. Warum? Es waren doch Abgeordnete deS Blocks, die in der Kommrffion ervärt hatten, daß sie in der 3. Lesung die höheren Gehalte einsetzen würden, falls der Bundesrat sich nicht entgegenkommend zeige. Dieses Versprechen hat der Block vergessen; er hat eS eben sehr eilig gehabt, nach Hause zu kommen.

m. Flottenverciu und Koufeffionshetze. Ge­neral Keim hat aus der Kölner Versammlung mit großer Entrüstung bestritten, daß er Kon- essionshetze getrieben habe. Die Antwort hier­auf hat ibm schon im voraus Abg. Dr. Sch ä

ler am 2. Mai im Reichstage in folgenden Worten gegeben: „Der Flottenoerein und auch der Herr General Keim, der Privatmann, der er jetzt ist, haben in skrupellosester Weise Politik, Parteipolitik in dem Flottenverein getrieben und nicht bloß das, sondern auch noch k o n- fessionelleHetze. (Sehr richtig! in der Mitte.) Aufklärend ist hierfür eine Gegenüber­stellung: Generalmajor von Keim schreibt am 16. Januar 1907 an den Katholiken Prof. v. Savigny in Münster: „Ich hoffe, daß durch Ihre liebevolle Darstellung weiten Kreisen un­serer katholischen Mitbürger endlich die Augen geöffnet werden über die Gefahren, welche dem Katholizismus als solchen drohen, wenn sein berufener Vertreter auch weiterhin das Zentrum insei- nex jetzigen Gestalt bleiben sollte". Und Generalmajor v. Keim schreibt am 4. Januar 1907 an den Protestanten Lie. Weber in München-Gladbach und bittet diesen „nach Rücksprache mit dem Fürsten Bülow und Herrn v. Loebell dringend, daß die Mitglieder der evangelischen Arbeitervereine als e v a n- gelische Männer und gute Patrioten in dem Wahlkampf ihre Schuldigkeit tun . . ." und fährt dann fort: „Ich brauche Ihnen wohl nicht todter auseinanderzuschen, daß der Kampf gegen das Zentrum auch einen solchen gegen den Nltramotanismus, den Todfeind unse­rer evangelischen Konfession be­deutet. (Hott, Hört! in der Mitte). Sie sehen, dieser Herr Keim ist sehr vielseitig, wenn es gilt, für feine Zwecke Propaganda zu machen! Ich glaube aber, daraus ergibt sich nur eins und das ist für einen überzeugten Zentrumsmann: her­aus aus dem Flottenverein (Sehr wahr, in der Mitte), infolange der Flottenverein entgegen seinem Statut derartige Hetzarbeit gegen eine politische Partei treibt. (Sehr wahr! in der Mitte.)."

* Jesko v. Puttkamer "begibt sich, nach einer Mitteilung des Korrespondenzbureaus „Die formatiert", in den nächsten Tagen nach dem Sanatorium Weißer Hirsch bei Dresden, „um sich von den Aufregungen der letzten Monate zu erholen und seine durch den langen Tropen- dienst arg mitgenommene Gesundheit zu stär­ken". Wie die Information weiter erfährt, hat der Verteidiger Puttkamers, Justizrat Sello, gegen das Urteil erster Instanz ,nach welchem v. Puttkamer bekanntlich zu 1000 M. Geldstrafe verurteilt wurde, Berufung eingelegt. Das hat bekanntlich der Anwalt der Regierung ebenfalls schon getan.

m. Mitarbeit des Volkes au der Verwal­tung. 90 Mitglieder der Berliner Vereinigung für staatswissenschaftliche Fortbildung befinden sich gegenwärtig auf einer Studienreise durch Schlesien. Sie wurden auch von dem Oberprä- sidenten von Zedlitz-Trützschler, dem früheren Ober Präsidenten unserer Provinz und ehemaligen Kultusminister, empfangen. ' Er begrüßte die Vereinigung mit einer gehaltvollen Ansprache. Der Oberpräsident sprach zu feinen Gästen, die großenteils selbst Verwaltungsbe­amte sind, auch über die moderne Verwaltungs­tätigkeit. Er sagte unter anderem: „Ein Wort eines der ältesten und tüchtigsten Verwaltungs­beamten habe ihnen schon manchen guten Dienst geleistet. Dieses Wort rühre von dem früheren Oderpräsidenten der Provinz Westfalen, Frhrn. v. Vincke, her, an den sich alte Bewohner jener Provinz noch immer mit Dankbarkeit erinnern: Es laute: „Die Kunst des Verwaltens und Re- gterenS beruht auf der Fähigkeit, Menschen und Dmge in ihrer eigenen Beleuchtung zu sehen." Die Zeit des alleinseligmachen­den bureaukratischen Geistes in der Verwaltung sei vorbei. Das sei charakteristisch für unsere Zeit, daß sich im ge­samten Volke der Drang zur Mitarbeiterschaft an der Verwaltung rege, rmd daß das Volk im Vertrauen auf die eigenen Kräfte in der Ord­nung seiner Angelegenheiten den höchsten Zielen zusttebe. Diesem unwiderstehlichen Drange ge­genüber würde es ganz vergeblich sein, wenn wir uns heute noch dagegen sträuben wollten. Wir müssen heute arbeiten mifi allen Kräften des Volkslebens; wir müssen immerfort beftrebt sein, diese Kräfte noch weiter zu entwickeln, und wir dürfen nur em greifen, wenn sie in Kampf miteinander ge­raten. Heute sollte man nicht mehr fragen, ob 5er Jurist oder der Laie das bessere Recht pricht, heute komme es auf das Zusammenarbei- en an. Der Verwaltungsbeamte soll Schuller an Schulter mit dem Volke stehen und alle Aktionen gemeinsam mtt chm zur Wirkung brin­gen. Der Oberpräsident schloß mit der Mahn­ung an die Mitglieder der Vereinigung, bei ihrer Studienfahri durch Schlesien nach dem Vuickeschen Grundsatz zu handeln.

f. Die Aussperrung der Berliner Bauarbeiter wird nunmehr, nachdem die noch in letzter Stund« aufgenommenen Einigungs-Verhandlungen sich zerschlagen haben, morgen (Samstag) ersÄgen. Der Veriwnd der Baugeschäfte von Berlin nimmt nochmals Anlaß, alle Bauunternehmer auf den AussperrungS-Beschluß hinzuweisen. Es sei Ehren­pflicht eines jeden Verbandsmitgliedes, den Be- chluß der General-Versammlung unweigerlich

auszuführen. Je energischer die Entlassung der Arbeiter durchgesührt werde, um so rascher wird der Kampf beendet sein. Es liege daher im In­teresse der Bauunternehmer, dafür zu sorgen, daß spätestens am Mittwoch den 22. Mai sämtliche Bauten in Berlin still lägen. Der nunmehr un­vermeidliche solgenschwere Kampf wirst schon vor seinem Ausbruche seine Schalten voraus. Es Haden nämlich Berliner Mörtelwerke am Freitag beschlossen, mit dem Beginn der Aussperrung sämtliche Material-Lieferungen einzustellen. Durch diese Maßnahme wird abermals eine große An­zahl Arbeiter brotlos werden.

* Zur Lehrerbesoldungsfrage. In den Pfingsttagen findet in Magdeburg, während gleichzeitig in Saarbrücken der kal basische Lehrer« tag tagt, der preußische Lehlertag statt. In erster Linie befaßt er sich mtt der Besoldungs- srage. Es ist eine Resolution eingebracht worden des Inhalts, daß

a) eine einheitliche Besoldung aller Lehrer ohne die bisherige unbillige Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse nach der Art der Be­soldung der Lehrer an den höheren Schulen geschaffen werde, daß

b) den Lehrern ein Einkommen gewährt werde, welches nach Höhe und Art des Anwachsens dem der nichttechnischen Sekretäre in den staatlichen Betrieben und Verwaltungs­behörden gleich ist, eventl. mit den Abände­rungen, welche durch -eine etwaige frühere endgiltige Anstellitng der Lehrer und die Ge­währung der vollen Mietsentschädigung an sich bedingt sind und daß

c) bei den dauernd mit einem kirchlichen Amte verbundenen Stellen das aus diesen fließende Einkommen nicht auf das Lehrergehatt äuge« rechnet werde.

* Ein netter Zentrumsgegner. Einer der schärfsten und gehässigsten Zentrumsgegner ist Dr. Liman, der Berliner Redakteur der jung- liberalen ,Leipzg. Reuest. Rachr.". Seine Spezialität besteht darin, daß er die einzelnen Zentrumsab­geordneten persönlich angreift und mit mehr Galle als Spott sie bekämpft. Diesem Zentrumsgegner ist kürzlich ein böses Mißgeschick passiert, als er vor Gericht stand. Es handelte sich um Be­leidigungsklage zwischen dem bekannten Sozial­demokraten Mehring und Dr. Limav. Hierbei war besonders schlimm für Liman die Verlesung der beiden einander widersprechenden Artikel über den Journalistenbesuch in England, die er in der Londoner.Finanzchronik' und in der Beilage der.Deutschen Tageszeitung" als „Armer Iorick" geschrieben hat. Nach der Ver­lesung entspann sich folgende Szene: Der Vor­sitzende des Gerichts: In der .Finanzchronik" schreiben Sie also einen angeblich mehr england­freundlichen Brief, in der.Deutschen Tagesztg." einen mehr engkandfeindlichen? Liman: Aber das ist ja gerade, was mir vorgeworsen wird! (Durch Verlesen von Zitaten sucht er dann dar­zulegen, daß die „Grundtendenz" beider Artikel die nämliche sei.) Ich muß noch bemerken, daß der Artikel englaudseindlichen Charakter hat. Man fällt über mich her, weil ich england- feindlich sei! Aber, meine Herren, es gebietet doch die Höflichkeit, wenn man vom Tische aussieht — da ist man doch nicht un« höflich. Der Artikel in der „Finanzchronik" ist nur in einer ganz anderen Form geschrieben. — Verteidiger Dr. Hübler: Ich bin wirklich ge­spannt darauf, wie folgender Widerspruch M erklären ist: In der „Finanzchronik" heißt eS, daß die Feste glänzend verlaufen seien und ihren Gipfelpuntt in jener Rede gefunden hätten, die von der StammeSgemeinschaft germanischer Völker gesprochen habe. Der Arme Aorick in der .Deutschen Tagesztg." sagt aber, daß die Phrasen geschmackloser Art seien, die einem zum Halse her- aushingen, wenn in denArtikeln andererBlätter fort­während von der germanischen Stammesver- wandtschast gesprochen werde! Also was Dr. Liman in der Londoner „Finamchronik" schreibt, hängt dem Armen Iorick zum Halse heraus! (Heiterkeit im Saale). Dr. Liman: Wenn der Direktor der Universität Cambridge jene Worte von der StammeSgemeinschaft äußerte, so war daS für mich nicht abgedroschen, und ich bekenne mich dazu. Hier aber sind nur ganz gewöhnlich« Redensarten der — englischen Preffe gemeint. Nur im Ton ist ein Unter- schiU» in den Artikeln; dort wurde für Eng­länder, bort für Deutsche geschrieben und hier noch für die geistig etwa? schwerfällige» Leser der .Deutschen Tageszeitung", Bauern und Agrarier. Es wird immer bei der Polttik vorausgesetzt, daß jeder Politiker einen ganz bestimmten Standpunkt haben muß. Ich bin je nachdem: englandsreundlich und englandfeindlich — wie es gerade sür mein Vaterland gut oder schlecht ist — absolut aber keins von beiden. Verteidiger Dr. Hübler: Ich kann eS gar nicht verstehen, weshalb denn Dr. Simon nicht gegen die Artikel im Leipz. Tgdl." und in der ,Frkf. Ztg." vorgegangen ist. Dort wurde er Schmock genannt, der rechts und links schreiben könne; das ließ Herr Liman auf sich sitzen, aber rovgeu der Nachricht der .Leipz. Volksztg." Nagt er." Wir hätten von dem ge­samten Vorfall keine Notiz genommen, aber da Dr. Liman sich besonder- darin gefällt, die Zeu- trumsabgeordneten persönlich henntterznreiffen,