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34. Jahrgang.

Fulda, Montag den 13. Mai 1907.

M 108.

Zweites Wl'att.

[:] Lin altes Gewerbe in neuer Ausmachung.

(Berliner Brief.)

$cbe Stadt hat ihre Eigentümlichkeit. Sie ist aber in den meisten Fällen dem Fremden besser bekannt als den Einheimischen. Jenem sticht sie sofort in die Augen, wenn er die erste Wanderung durch die Stadt macht, diese gehen achtlos daran vorüber, weil sie ihnen schon zur Gewohnheitssache geworden ist. So gewinnt oft das Unscheinbare Interesse für den ersten Besucher.

Ich erinnere mich einer kleinen Beobachtung aus der Zeit des Fremdenzustromes in der baye­rischen Hauptstadt. Unter dem Bogen des Karls- tores, das über den Anfang der Hauptverkehrs­ader Münchens sich wölbt, haust alljährlich ein alter Charakterkopf; er ist dort zu , treffen, ob es regnet oder schneit, ob Kälte ihn zittern macht oder ob die Hitze unerträglich wird. Der Alte mit seinem schon mehr weißen als grauen Bart und den kleinen Augen, welche, unter großen Brillengläsern verborgen, unter dem schiefen Dache seiner Mütze hervorblinzeln, ist wetterfest; er trotzt den Unbilden aller Witterung. Jeden Tag ist er auf seinem Posten, verdient er sich doch dort auf offener Straße unter dem Gewölbe der Großstadt seinen Erwerb. Er übt ein doppeltes Handwerk aus; sobald auf dem einen die Saison still ist, verlegt er sich auf das andere. In der Hauptsache ist er wohl Uhrmacher, d. h. er kuriert altersschwache Instrumente, die vielleicht früher einmal als Wecker oder Wanduhr gedient ha­ben können. Sein „Atelier" ist ein fahrbarer Kasten, der der zweifachen „Künstlerschaft" seines Inhabers Rechnung trägt. Die obere Etage birgt die Hilfsmittel des Horologen. Die Parterre- j räume sind einem viel prosaischeren, aber vielleicht

um so einträglicheren Geschäft Vorbehalten. Der keineswegs wortkarge Alte ist nämlich seines Zeichens Stiefelputzer. Er ist vielleicht der Obermeister unter seinen Zunftgenossen, we­nigstens gehört er zu jenen Reinigungskünstlern, welche sich der „besieren" Kundschaft erfreuen. Kein Wunder, wenn die Neugierde sich im be­sonderen auf sein Lun und Treiben hinlenkt.

An diesen Alten werde ich erinnert, so oft ich in Berlin an den Bahnhof Friedrichstraße komme. Auch dort haust ein „Künstler, zur Reinhaltung des Schuhwerkes", der mit seinem Kollegen in München manches gemein hat. Nur in einem Punkte ist er ihm „über". Sein „Handwerkszeug" ist, der Noblesse jener Gegend entsprechend, feiner und eleganter. Ja, er verfügt sogar über einen hohen, bequemen Stuhl, auf dem der „Klient" sich niederlassen kann, während der Mann der Wichse und Bürste sein Reinigungswerk vollzieht. Nun sind wir aber schon seit Jahren daran ge­wöhnt, daß aller Komfort heutzutage nur einge­richtet wird, um tags darauf sofort wieder Über­boten zu werden. Diese Wahrnehmung haben jetzt auch die Berliner Stiefelputzer zu ihrem Leid­wesen machen müssen. Daß für die Existenz die­ses Gewerbes ein Bedürfnis vorhanden ist, steht fest; darüber soll also nicht mehr gestritten wer­den. Nur hat ein findiger Kopf die Entdeckung gemacht, daß das noch ein Gebiet wäre, auf dem etwas zu holen wäre.

Schon im letzten Herbst konnte man in den Berliner Tagesblättern riesige Anzeigen finden, welche Vorbereitungsdienste versehen mußten. Und jetzt wurden wir mit einem vornehmen In­stitut beglückt, desien Gehilfen sich der Allgemein­heit zur Verfügung stellen. Vorerst wurde Groß- Berlin des modernen Unternehmens noch «.nicht für würdig erachtet. Das Feld seiner Tätigkeit

ALeZccr

oder

Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von Eduard Wagner.

45] (Nachdruck verboten.)

„Er kann es nicht. Es find Gründe, welche ihn zwingen, im Auslande zu bleiben", antwortete Alexa, ettvas verwirrt, als sie bedachte, von wem und zu wem sie sprach.

Lady Wolga betrachtete ihre junge Gesellschaf­terin scharf. Dieses Mädchen konnte nur von ehrenwerten Eltern sein und nicht der leiseste Zweisel ließ sich rechtfertigen.

„Wahrscheinlich hält sich Mr. Strange im Auslände auf, um seinen Gläubigern zu ent­gehen", dachte Lady Wolga. „Das wird die rich- iige Erklärung des ganzen Geheimnisses fein." Es folgte eine Paufe, während welcher wieder Lady Wolga's Herz seltfam sich bewegt fühlte unter dem gedankenvollen Blicke des Mädchens.

„Waren Sie im Begriffe, an Ihren Vater zu schreiben?" fragte sie.

„Ja, Mylady."

„Schreiben Sie ihm, daß ich Sie unter mente Obhut nehmen werde. Wissen Sie, Miß Strange, daß mir Ihre Erscheinung nicht ganz unbekannt ist? Auch Lord Montheron sagte mir heute abend, daß er Sie schon früher gesehen zu haben glaubte." Alexa wurde bleich bis zu den Lippen.

„Tas ist nicht möglich", sagte sie, „denn ich bin eine Fremde in England."

t „Und doch habe ich irgendwo solche Angen ge-

i sehen wie die Ihrigen", versetzte Lady Wolga ge-

> daulenvoll.

i Eine plötzliche Furcht durchdrang Alexa, welche

> : ichr geahnt hatte, daß ein Zug,ihres Gesichtes

das schlummernde Gedächtnis ihrer Mutter wecken

Reklamen- und Anzeigenteil

Ich weiß ßetzt, an wen sie

Brust zugeschnürt, mich erinnern 1"

hohen, vollen Preise bezahlen müssen. Sollte em VergnügnngSreisender deswegen wohl feine Reise aufgeben, weil auch er jetzt den vollen Preis bezahlen muß? Und mit welcher Berechti- gung fährt ein solcher Ferwnreisender billiger? Nun ist dies ja alles nicht so schlimm, da in vielen Fällen der Chef die Mehrkosten tragen wird, obwohl gerade der Handel den größten Prozentsatz zu tragen hat. Wie aber geht es den Herren, die nicht m fester Anstellung find, sondern auf Provision reisen? Letztere haben doch die Mehrkosten allein zu tragen. Das Einkommen wird nicht höher unb der Ausfall bleibt unge­deckt. Das sind gewissermaßen auch Steuern und sehr hohe Steuern, die nur die eine Klasse der Berufsressenden aufjubrtngen hat. Zum Schluß noch ein Beispiel, wie willkürlich Eil- und Schnellzüge bestimmt sind. Von Bremen nach Hannover fährt 8.13 Uhr morgens ein Eilzug, der 10.10 Uhr in Hannover ist, also eine Fahr- zeit von 1 Stunde und 57 Minuten hat. Dann fährt um 10.24 Uhr ein Schnellzug, der um 12.33 Uhr in Hannover ist, also eine Fahrzeit von 2 Stunden und 9 Minulen hat. Dafür,

andere Weise erkenntlich zeigen zu wollen, zu be­stimmen gewußt, vor Gericht der Wahrheit zuwider zu seine» Gunsten auszusagen. Wegen dieser Hand­lungsweise hatte sich der bisher unbescholtene Greis,

der sich seit dem 30. Dezember v. Js. in Unter­suchungshaft befindet, vor der Strafkammer in Fran­kenthal zu verantworten. Er wurde nach längerer Verhandlung zu einem Jahr und ciuem Tag Zuchthaus verurteilt.

* Um 15 Pfennig ins Zuchthaus. Wegen zweier Holzstücke hat sich der in guten Verhältnissen lebende, bisher dem Gemeinde- und Armenpflegschastsrate angehörige, 70 Jahre alte Privatier Theobald Haag aus Ehnstein ins Zuchthaus gebracht. H. hatte, als er Anfang September v. I. aus dem Ehnsteiner Walde Holz abfuhr, das von ihm ersteigert worden war, zwei ihm nicht gehörige Priigel im Wette von 15 Pfennig mitgenommen. Von dem Förster zur Anzeige gebracht, hat H., um eine Bestrafung von sich abzuwenden, einen Holzhauer gegen Gewähr von

VslksmchchMjches und Soules.

):(Zu dem neuen Eisenbahn-Personentarif wird der »Germania^ geschrieben: „Als Ge­schäftsreisender fahre ich tagtäglich mit der Eisenbahn und während alles von Verbilligung des Fahrpreises redet und schreibt, bekomme ich am besten am eigenen Leibe zu spüren, wie teuer tatsächlich für einen großen Prozentsatz der Be- rufsreisenden die Eisenbahnfahrt geworden ist. Ich habe meine Touren stets so einrichten können, daß ich für sie eine Rückfahrkarte benutzen konnte, und ich werde bei dem jetzigen Tarif, da ich 25 Kilo Gepäck mitzuführen gezwungen bin, in Zu­kunft, gering veranschlagt, im Jahre 400 Mark mehr verausgaben müssen. Als Beweis der Teuerung ein kleines Beispiel: Früher kostete die Fahtt 3. Klasse Hannover—Hildesheim und zurück 1,85 M. bei 25 Kilo Freigepäck, heute kostet die einfache Fahrt mit derselben Vergünstigung (Schnellzug) und 25 Kilo Gepäck 20 Pfg.: 1,60 Mark, hin und zurück folglich 3,20 Mark. Während in jedem kaufmännischen Betriebe der Großkonsument Vergünstigungen hat, ist es auf der Bahn umgekehrt. Ferienzüge für Beamte usw., die einmal im Jahre fahren, bleiben bei niedrigerem Fahrpreise bestehen, während wir tagtäglich die

gesetzte Aussperrung ab warten oder ob sie vor­her schon die Arbeit allgemein niederlegen, steht noch dahin. Die Aussperrung erfolgt, weil die Unternehmer den Achtstundentag, den die Ar­beiter unbedingt fordern, nicht bewilligen wollen. Der Aussperrungsbeschluß wurde am Samstag in einer Versammlung des Verbandes der Bau- geschäfte einstimmig gefaßt, nachdem die Ar­beitnehmer es zweimal abgelehnt hatten, sich dem Spruche des Schiedsgerichts zu unter­werfen, der^ manche ihrer Forderungen erfüllt, den Achtstundentag aber für zurzeit unein­führbar erklärt hatte.

Sie erhob sich und ging aufgeregt tm Zimmer auf und ab. Alexa saß still und regungslos da, ihr mit atemloser Erwartung und Angst irach- fehend.

„Seltsam, daß ich die Aehnlichkeit nicht so- gleich bemerkte!" murmelte Lady Wolga, sobalds sie ihre Ruhe einigermaßen wieder gewonnen hatte, und ihre Blicke hasteten auf dem lieblichen bleichen Antlitz und auf dem Kopf mit dem Gold­haar. Sie erinnern mich an mein eigenes kleines Kind, welches im Mittelländischen Meere vor vielen Jahren ertrank. Sie hatte Augen tote die Ihrigen.. Ihr Haar war etwas Heller, aber so gelockt, wie das Ihrige. Ach! Wie sehr Sie mich an sie erinnern! Meine arme, verlorene Kon- stauze!"

„Sie müssen sie sehr geliebt haben", bemerkte Alexa, in ihrer furchtbaren Erregung kaum wis­send, was sie sagte.

„Geliebt? Sie war mein alles!" rief Lady Wolga leidenschaftlich und ihre Augen feuchteten sich. „Ich vergötterte sie! Mein liebes, süßes Kind! Meine kleine, unschuldige Tochter! Wäre sie am Leben geblieben, stände ich heute nicht so einsam da. Wenn sie gelebt hätte, — aber wes­halb mich so foltern? Sie ist tot!"

Die letzten Worte waren im Schmerzo der Verzweiflung hervorgestoßen.

Alexa sprang auf. Ihre Augen flammten, ihre Lippen öffneten sich, ihre Arme erhoben sich — sie war im Begriff, sich ihrer Mutter an die Brust zu werfen und sich zu erkennen zu geben. Aber dies alles war nur ein rasches Anfflammen, welches der Gedanke an das ihrem Vater ge-

bewährfeste Nahrung für

beschränkt sich vielmehr nur auf den Westen, auf Charlottenburg. Der Vornehmhett des neuen Unternehmens entsprechend, mußte selbstverständ- lich auch der Titel eines Strefelputzers fallen; die Herren, die da berufen sind, die äußere Ge- Wandung ihrer Mitmenschen stets sauber zu Hal- ten, nennen sich „Reinigungsdrener". Der Reinigungsdiener kennzerchnet das Bessere feines Standes auch fchon durch fein Aeußeres. Nickt daß ein Witzbold vielleicht auf den Einfall käme, ihn mit Schwalbenschwanz und Angströhre antreten zu lassen; nein, auch auf ihn hat sich das Mikitärifche übertragen, er erscheint in Uni­form Vor allem trägt er eine Dienstmütze; ob die Kokarde daran durch das Mniattirbild eines „Wichstopfes" versinnbildlicht, wird, darüber konnte ich mir noch keine Gewißheit verschaffen. Neben der Dienstmütze gibt noch ein Brustschild Auskunft über das, was sein Träger sein soll.

Im übrigen habe ich mir sagen lassen, daß der Reinigungsdiener seine Kunst ausgezeichnet ver­stehen soll. Mit geradezu klassischer Behendigkeit soll er seine Zunge bewegen, wenn er seine „Ar­beit" mit einem Vortrag über das neueste Tages­ereignis einleitet. Zunächst muß er die technischen Hilfsmittel zurechtlegen: Bürsten und Büchsen, Lappen und Quasten. Dann beginnt er mit, deli­katen Bewegungen die ihm anvettrauten Kinder — pardon, Schuhe, zu streicheln und zu liebkosen. Er gibt sich redlich Mühe, mit seinen Essenzen und Salben alles blank und strahlend zu machen, aus daß er sich schon beim ersten Anlauf die „Kund­schaft" fiebert.

Modern ist der Reinigungsdiener aber auch in den Gegenleistungen, die ihm für feine Dienste zu machen sind. Früher konnte man auf die Frage nach der Schuldigkeit meistens die stereotype Ant­wort vernehmen: „Nach Belieben, Herr Doktor!" Heute gilt der Tarif. Er ist festgelegt für alle Gelegenheiten, sei es Schuhputzer, oder Kleider­reinigen. Die geschäftigte Geschwätzigkeit und die elegante Achtsamkeit bei Ausübung seines Ge­schäftes zeigt er indessen nicht dieses Tarifes wegen, sondern nur in Erwartung dessen, was vielleicht daneben noch für ihn abfällt. Und weil ja das Trinkgeldwesen — oder besser gesagt, das Unwesen — in Berlin in besonderer Blüte steht, wird auch der moderne Diener der Reinlichkeit nicht zu kurz dabei kommen.

daß ich mit dem Schnellzug 12 Minuten länger fahre, darf ich dann 50 Pfg. Zuschlag bezahlen. Wie läßt sich dies wohl begründen? Ich glaube, aus dem Vorstehenden läßt sich ersehen, wie eine Reform manchmal noch reformbedürftig ist." Inzwischen hat die.Köln. Ztgck bekanntlich an­gekündigt, daß gewisse „Unstimmigkeiten", die sich herausgestellt haben, beseitigt werden sollten.,

* 100000 Arbeiter ausgesperrt! Die Aussperrung im Berliner Baugewerbe ist nunmehr beschlossene Sache. Die Aus­sperrung selbst wird am nächsten Samstag er­folgen und riesige Dimensionen annehmen. In Berlin beträgt die Zahl der Maurer, Zimmerer und Bauhilfsarbeiter 50 000 Mann. Davon sind etwa 92% sozialdemokratisch organisiert. Die übrigen Bauarbeiter, welche ebenfalls von der Aussperrung betroffen find, gehören den christ­lichen Organisationen und dem Hirsch-Duncker- schen Gewerkvereine an. Da aber auch noch die verwandten Gewerbe notgedrungen feiern müssen, ist mit einer Gesamtzahl von etwa 10 0 000 Arbeitern zu rechnen, welche von der Aus­sperrung in Mitleidenschaft gezogen find. Unter diesen Umständen ist mit einem wöchentlichen Lohnausfall von etwa 3 bis 4 Mill. Mark zu rechnen. Was die Gesamtorganisation der sozialdemokratischen Bauarbeiter betrifft, so zählte der Bauhilfsarbeiterverband im Jahre

ratter edel, Ihr Herz voll Liebe ist. Diese Liebe mir zu erwerben, soll mein Bestreben fein. Was sagen Sie dazu, Miß Strange? Wollen wir einen Freundschaftsvertrag schließen?"

Alexa war versucht, das Freundschaftsanerbie- ten der Lady Wolga abzulehnen, mit Rücksicht auf. das ihrem Vater geschehene Unrecht. Und konnte sie Liebe geben ohne Vertrauen? Konnte sie die Frau liebgetoinnen, die ihren Vater ver- lassen hatte? Sie blickte auf zu dem edlen, schö­nen Gesicht, welches nicht mehr kalt und stolz war, sondern in Innigkeit und Wärme strahlte, und die wahre Natur des Mädchens erwachte zu mäch­tig, als daß sie der künstlich durch Vorurteile er­zeugten Abneigung hätte Widerstand leisten kön­nen. Diese Frau war ihre Mutter, welche sie als tot betrauert hatte, welche noch um sie trauerte; an ihrer Brust, an ihrem Herzen hatte sie einst als Kind geruht, — und dieses Herz neigte sich jetzt instinktmäßig ihr zu, in Liebe und Zärtlichkeit. ' Konnte sie die Liebe ihrer Mutter zurückweisen? Des Mädchens Brust hob und senkte sich schwer. Sie war verwirrt, erregt und zitterte an allen Gliedern; ein leiser, unbestimm­ter Ruf kam von ihren Lippen und ihre Augen, strahlend in erwachender Liebe, begegneten mit verlangendem Ausdruck denen der Lady Wolga.

Diese trat rasch vorwärts, schloß das Mädchen an ihr Herz und beider Lippen fanden sich zu einem innigen Kusse. Dann entließ Lady Wolga das Mädchen aus ihren Armen, trat einen Schritt zurück und sagte:

„Wir haben unfern Freundschaftsbnnd besie­gelt. Darf ich Sie nun Alexa nennen?"

„Es wird mich freuen, diesen Namen von Ihren Lippen zu hören," antwortete das Mädchen.

„Es ist ein seltsamer Name — Alexa!"

„Es ist eine Abkürzung von Alexandra," er- widerte Alexa, noch bebend unter der Zärtlichkeit des Kusses ihrer Mutter.

(Rtortfetnmg folgt.)

gesundeu.

rnagen- darni/.ranke

vermischter.

* Berliner Heiratsstatistik. Im Bevölkerungs- leben der Großstadt sst die H e t r a t s st a t i st i k von einschneidender Bedeutung. Sie gibt zwar, nur trockene Zahlen, die Ziffern reden aber doch eine verständliche Sprache, namentlich können be- merkenswerte Schlüsse daraus gezogen werden. Ein altes Sprichwort sagt: „Früh gefreit, hat noch niemand gereut!" Aber es scheint uns doch etwas zu früh zu fein, wenn ein Mann vor dem 20. Jahre zur Ehe schreitet. In Berlin haben im Jahre 1905 dies 24 „Junggesellen" getan, drei davon zählten sogar erst 18 Lenze. Unter den 1821 jungen Damen, welche vor dem 20. Jahre eine Ehe eingingen, nimmt jenes Kind — anders kann man wohl nicht sagen, die erste Stelle ein, welches erst 15 Jahre zählte, als es schon einem Gatten zugeführt wurde. „Es konnte sich mit feinem Konfirmationskleid zum Standesamt begeben", bemerkt ein Berliner Blatt dazu. Im­merhin zählt diese junge Frau 52 Kolleginnen, die erst 16 Jahre alt waren, als sie im vorigen Jahre den Bund fürs Leben schlossen. Unter den 17jährigen befand sich eine, die bereits Witwe geworden war. Mit 17 Jahren zur zweiten Ehe zu schreiten, ist jedenfalls ein kühnes Verfangen von einer Vertreterin des zarten Geschlechtes. Andererseits war ein 22jähriger junger Mann noch nicht lange vom Grabe seiner ersten Frau zurückgekehrt, als er feine zweite Ehe schloß. Und ein 28 Jahre alter Mann war bereits zweimal geschieden und schritt im Jahre 1905 zur dritten Ehe. Daß Alter nicht vor Torheit schützt, sehen wir an dem Greis, der mit 73 Jahren die fünfte Ehe einging. Ein 56jähriger Mann schlug aber diesen Rekord ganz bedeutend; er ging eine siebente Ehe ein. Sechs Frauen sind ihm ins Jenseits vorausgegangen. Der älteste Ehestands­kandidat stand beim Abschluß seiner vierten Ehe im 84. Lebensjahre. Die älteste Dame, welche auf dem Standesamt erschien, war genau 70 Jahre alt; sie schloß eine zweite Ehe. Die älteste Jungfrau, die errötend vor dem Altäre stand, zählte 62 Lenze. Insgesamt wurden 22 276 Ehen im Jahre 1905 in Berlin geschlossen. Diese Zif­fern legen die Beherzigung des Wortes sehr ans Herz: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet!"

schehene Unrecht im Entstehen erstickte. Das Feuer erlosch in ihren Augen, die Arme sanken an ihrer Seite herab, die Lippen schlossen sich fest, das Wort, welches ihre Mutter unendlich glücklich ge- macht haben würde, unausgesprochen lassend. Entschlossen liefe sie sich wieder auf ihrem Sessel nieder, ihr Herz aufs neue gestählt gegen die geschiedene Gattin ihres Vaters.

Aber Lady Wolga hatte die rasche Bewegung, die momentane Verklärung auf Alexa's Gesicht bemerkt. Sie hielt es für innige Teilnahme, wel­che sie nicht vollständig zu äufeern wagte der hoch­gestellten Dame gegenüber, und ihr Herz er­wärmte sich noch mehr für Alexa.

„Niemand weife von meinen einsamen trüben Stunden", begann sie nach einer längeren Pause wieder, ihre Bewegung gewaltsam zurückhaltend. Ich würde eine jüngere Schwester oder ein Kind innig lieben — ein teures Wesen, welches mir in Liebe zugetan wäre. Ich habe eine tiefe Neigung zu Ihnen gefafet, Miß Strange, und hoffe, daß wir mit der Zeit einander näher treten. Es mag seltsam scheinen, daß ick ohne Zurückhaltung zu Ihnen spreche, aber ich fühle mein Herz zu Ihnen bingezogen. Es mufe eine wunderbare Gleichheit zwischen uns bestehen, — etwas, was man Seelen- Verwandtschaft nennt. Es ist mir fast, als ob Sie mir angehörten, wenn Sie mir auch eine Fremde sind."

Alexa öffnete die Lippen zum Sprechen, konnte aber fein Wort hervorbringen, denn die wider- strebendsten Gefühle tobten in ihrer Brust. Wäh­rend die Güte und Freundlichkeit ihrer Mutter, bereit noch so innige Liebe zu ihrer Tochter, ihre Leiden und Klagen um dem Verlust ihres Kindes sie unwiderstehlich zu ihr hingezogen, wirkte der Gedanke, daß die stolze Frau ihren Gatten in der Not verlassen, daß sie jetzt einen andern zu hei­raten im Begriff stand, erkältend auf ihr Herz.

„Ich schmeichle mir. ein treffendes Urteil über Menschen nach ihrem Aeußern fällen zu können", sagte Lady Wokaa „und ich leb". W J^r Ge­

konnte. Sie erhob etwas ängstlich und wie bit­tend ihre Augen zu der Lady, welche bei diesem Blicke erschrak und bleicher wurde, als das Mäd­chen selbst.

„Ah, ich weiß jetzt!" rief sie, nach Atem ringend; denn es war ihr, als würde ihr die

1905 . im Durchschnitt in Wanb Mitglieder mit einem Vermögen von 400000 Mark. Die Maurer hatten in demselben Jahre 156000 Mitglieder mit 2,66 Millionen Mark Vermögen. Der Zimmererverband zählte 42 000 Mitglieder mit 1 Million Mark Vermögen. Ob die Bauarbeiter die auf Pfingstsamstag an-

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