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Rotationsdruck u. Verlag der Hulda« Ac» ttendr^ckerei in Hulda. Hrmsprecher Nr. 9.
M 103.
Fulda, Montag den 6. Mai 1907.
34. Jahrgang.
* Der Hälfet und „die Brütet von St. Bernhard".
Die Debatte über das unliebsame Verkomm- nis, Latz man im Darmstädter Hoftheater dem kai- sertichen Gast ein wertloses antikatholisches Tendenzwerk vorgeführt hat, ist immer noch nicht abgeschlossen. An der unbequemen Tatsache, daß liberale Kunstverständige das Ohornsche Stück früher entschieden verurteilt haben, schleicht die liberale Presse jetzt still vorüber; nur entrüstet sie sich über die Zentrumspresse, die ihr Erstaunen darüber kund gibt, daß eine Hofbühne so etwas dem Kaiser zu bieten wagt. Das Karlsruher Zentrumsblatt, der „Badische Beobachter", hat bekanntlich geglaubt, Einflüsse der Freimaurerloge darin finden zu sollen, daß man dem Kaiser in Darmstadt „Die Brüder von St. Bernhard" vorspielte. Das ist nach Lage der -Sache kaum anzunehmen, sondern die Beweggründe sind auf anderem Gebiet zu suchen. Man wird sich eher an die Aeußerung erinnern, die Prinz Heinrich s. Z. gegenüber dem Lizentiaten Waitz getan hat: „Der Kaiser und ich wünschen, daß eine antiultramontane Bewegung eingeleitet werde." Eine etwas abweichende Auffassung hat der Berliner Korrespondent der „Köln. Volksztg.". Er schreibt:
„Daß der Kaiser die Vorstellung der Brüder von St. Bernhard besuchte, hat mich nicht aufgeregt, aber seine bekannte Rede in Aachen hat mich ebensowenig aufgeregt. In beiden Fällen hat es sich um nichtsProgram malisches gehandelt, keine programmatische Tat und keine pro- grammatische Rede . Ob alle meine Gesinnungsund Parteigenossen sich die gleiche Nüchternheit bewahrt haben? Wohl kaum, aber wer die Aachener Rede törichterweise mit überschwänglichen Hoffnungen begrüßt hat, der mußte logischerweise durch manches, was neuerdings geschehen ist, herb enttäuscht sein. Man hat behauptet, der Kaiser sei ein „gläubiger Christ", Das wollen wir nicht bestreiten, der notorische Lieblingstheologe des Kaisers ist aber doch H a r n a ck, und der ist ein scharfer Gegner der Orthodoxie und entschieden „llbexal". Die Person des Kaisers ist derart mit Sagen umwoben, daß die weitesten Kreise sich einen ganz falschen Begriff von dem Monarchen machen. Hätten aber viele Katholiken sich nicht so holden Phantasien über den Kaiser hingegeben, dann würden sie über den Besuch der Brüder von St. Bernhard nicht so erstaunt sein. Aber nur zu oft ist der Wunsch des Gedankens Vater. Es hat sogar törichte Katholiken, besonders im Ausland gegeben, die auf einen Ueber tritt des Kaisers zum kacholischen Glauben hofften, (I) All' solche Enttäuschungen hätte man sich ersparen können, wenn man sich der Worte erinnert hätte, welche der Kaiser an den ersten Prediger von St. Michael in Hamburg, Senior D. Behrmann, gerichtet hat, daß nämllch „alle Protestanten zusammenhalten sollten zum Kampfe gegen Rom." Die Behrmannsche Aeußerung fällt zeitlich ungefähr mit der des Prinzen Heinrich zusammen. Wir sind der Ansicht, daß der Kaiser auf religiösem Gebiet mehrfach seine Ansichten geändert hat; das illustriert doch schon der Systemwechsel von Stöcker zu Haryack. Ferner erinnern wir an Mariä Heimgang in Jerusalem, Maria Laach, an die Schiffspredigten, das Glaubensbekenntnis und die Billigung des Zweikampfes.
In Darmstadt herrscht nach Ansicht des Zentrumsblattes „Mainzer Journal" in religiöser Beziehung protestantisierender Jndifferentismus, der gelegentlich der letzten Kaiservorstellung im Hoftheater Gefallen darin gefunden hat, sich an der Verspottung katholischer Mönche in dem Ohornschen Tendenzstück „Die Brüder von St. Bernhard" zu gaudieren. _
Alexa
oder
Aus geheimnisvollen Wegen.
Roman von Eduard Wagner.
39J (Nachdruck verboten.)
Sie grüßte Alexa mit dem üblichen Anstand und bat sie, Platz zu nehmen. Sie bemerkte, wie blaß das Mädchen war und schrieb diese Blässe anfangs deren Aengstlichkeit zu; als sie aber dem furchtlosen Blick der blauen Augen begegnete, wußte sie, daß Alexa nicht von ihrem hohen Rang eingeschüchtert war, oder sich vor ihrer Gegenwart fürchtete.
„Sie wünschen mich zu sprechen in Betreff der Stelle als Gesellschafterin, Miß Strange", fügte Lady Wolga, sich wundernd, was ein Mädchen wie dieses, welches als Liebling einer aristokratischen Familie geboren zu sein schien, getrieben haben konnte, sich selbst sein Brot zu verdienen. „Haben Sie schon eine ähnliche Stelle inne gehabt?"
„Nein, Mylady," antwortete Alexa, und ihre Stimme klang leicht und klar, obwohl ihr Herz keineswegs ruhig war. „Ich bin stets zu Hause gewesen. Es war bis jetzt nicht notwendig für mich, meinen Vater zu verbissen."
„Ihre Heimat ist in England?" fragte Lady Wolga, einen Blick auf den Brief werfend, „Sie sagen hier, daß Sie eine Fremde in England sind."
»^?etne Heimat ist m Griechenland, Mylady, btn erst seit ein paar Tagen in England." , et^en^Qn^^ Sind Sie nicht von englischer Geburt?"
„Ja, Mylady, aber mein Vater ist, — ich glaube, rst das, was man in England mit verarmt bezeichnet" erwiderte Alexas etwas zögernd. „Er tot sehr bescheiden Don einem Einkommen« wel- >
Deutscher Reich.
Berlin, 4. Mai 1907.
Gewitterschwüle lag am Samstag über den Verhandlungen des Reichstags. Sie sollten schon bald zu schweren Entladungen kommen. Das Gewitter endigte um 4 Uhr mit einem jähen Abbruch der Verhandlungen infolge Beschlußunfähigkeit. Seit den Tagen der Zollobstruktion erinnern wir uns nicht mehr einer derartig dramatisch geschürzten Verhandlung beigewohnt zu haben. Als die Verhandlung begann, trübte kein Wölkchen den Horizont. Da plötzlich zeigte sich eine Wetterwolke aus der Ecke des Freisinns. Sie entlud ihre Pfeile auf die katholische Mission; sie haben den Missionen aber nicht geschadet. Dagegen hat sich der Freisinn selbst vor den Augen der ganzen zivilisierten Welt bis auf die Knochen blamiert. Die Herren Gernegroß, denen der Kamm geschwollen ist, seit sie teilweise unter Verleugnung ihrer bisherigen politischen Grundsätze tm Reichstag ein JHstrument der Regierung geworden sind, haben die neue politische Situation für ein Kulturkampfstückchen ausbeuten wollen. Aber die Mehrheit des Blocks machte oas plumpe Manöver nicht mit, denn sie mochte einsehen, daß ein derartiger Vorstoß das Parlament zu einer Komödie gemacht haben würde. Vor einigen Jahren hat der Reichstag eine Subvention in Höhe von jährlich 10000 Mk. für die Schule der Oblaten in Hünfeld ausgeworfen. Die Oblaten errichteten die Schule in Engelport, man vergaß aber, im Etat statt Hünfeld Engelport einzusetzen. Herr Rechtsanwalt Abg.St o r z aus Tuttlingen suchte mit juristischer Dialektik zu beweisen, daß die Schule in Engelport gar keine Kolonialschule sei, sondern eine Missionsschule und daher nicht subventioniert werden dürfe. Hohes Triumphgefühl auf der Linken. Herr Storz fühlt sich ermutigt und schleudert dem Zentrum den Vorwurf ins Gesicht, daß man vor vier Jahren gezwungen gewesen fei, die Subven- twn zu gewahren, weil das Zentrum sonst den evangelischen Missionären nichts bewilligt haben würde. Entrüstung bricht darob im Zentrum spontan aus und verdichtet sich zu einem kräftigen Pfui! Präsident Graf Stolberg muß den Ausdruck nach der Tradition des Hauses rügen, aber auch außerhalb der Zentrumspartei rnag die Ueberzeugung bestanden haben, daß der Ruf am Platze war. Auch ein Teil der National- liberalen, ihre Zahl ist zwar sehr beschränkt, rücken, nachdem Kolonialdirektor Dernburg und Dr. Spahn die Sachlage nochmals dargetegt, vom Freisinn ab. Als es zur Abstimmung kommt, und das Verlangen der Freisinnigen, die Subvention zu streichen, abgelehnt wird, da können sie es in ihrer kulturkämpferischen Verbohrtheit gar nicht fassen, daß sie hereingefallen seien. Jetzt kehrt Ruhe ins Haus. Oberst von Liebert führte uns m teilweise malerischer Schilderung nach Ostafrika, klagt über die vielen Kubikmeter Kisten von Belägen, die nach^Berlin geschickt werden müßten, und der Abg. Schwarze entwirft auf Gründ eigener Anschauung ein ansprechendes Bild von der Kolonie. Nun kommt Bebel, bringt den Fall des Hauptmann Dominik zur Sprache. Er ist um so leidenschaftlicher, als er weiß, daß Dominik in Zivil auf der Bundesratsestrade anwesend ist, und als er geendet, da kommt Ledebour, um seinen Meister an Leidenschaft noch zu überbieten. Da kommt, wie aus der Pistole geschossen der Abg. Dr. Wiemer und bezweifelt die Beschlußfähigkeit des Hauses. Das Haus ist tatsächlich beschlußunfähig, die Verhandlung wird abgebrochen und in lebhafter Diskussion über die Vorkommnisse verlassen die Abgeordneten den Saal.
* Eine Präsidenten? Krisis im Reichstage. Vizepräsident Kämpf hat infolge der Rieder- lage, die er sich am Samstag zugezogen halte.
ches hier wahrscheinlich als sehr unbedeutend an- gesehen werden würde; es reicht jedoch hin, uns dort anständig zu ernähren."
»Ich verstehe", sagte Lady Wolga, an die große Zahl verarmter Engländer denkend, welche sich nach dem Kontinent zurückgezogen haben, wo sie, da sie zu stolz oder unwissend zur Arbeit sind, von einer unbedeutenden Rente ein jammervolles «eben fuhren. »Aber Sie sind noch gar zu jung, ^hren Unterhalt selbst zu verdienen."
„Ich bin älter, als ich vielleicht aussehen mag, - ich bin zwanzig Jahre", entgegnete Alexa. „Ich hatte eine geschickte, französische Gouvernante, welche erklärte, mich nichts mehr lehren zu können. Wenn Sie meine Kenntnisse einer Prüfung unterwerfen wollen, denke ich. Sie werden mich zur Gesellschafterin befähigt finden und einen Versuch mit mir machen. Ich werde mich bestreben, Ihnen zu gefallen, Mylady."
„Teilen Sie mir etwas mehr über sich selbst mit", sagte die Lady freundlich. „Sie wurden in Griechenland von einer französischen GdUver- nante erzogen?"
„Ja."
»Ihr Vater lebt noch?"
»Ja, Mylady."
„Brachte er Sie nach England?"
''Nem. Er übergab mich der Obhut des schlffskapitans, welcher mich dann an den Bahnhof brachte und dem Schaffner empfahl. So kam ich nach Paris zu meiner alten, lieben Gouvernante, ohne den geringsten Unfall."
„Und ^br Vater gestattete Ihnen, diefe weite Reise ohne Begleitung zu machen?"
„Er wollte mich anfangs nicht gehen lassen," sagte Alexa, „aber ich erkannte, daß es das Beste sowohl für ihn, wie für mich fei, und endlich gab er meinem Bitten und Drängen nach."
„Und Ihre Mutter?"
Das Gesicht des Mädchens wurde plötzlich hart
S?ie Stein, und jn ihren Äugen zuckte ei Sie Trotz
sein Amt niedergelegt. Es ist nicht^zu leugnen, daß diese Konsequenz gezogen^werden Mußte; noch nie hat ein Präsident eine Bemerkung gegen einen Ordnungsruf mit einem weiteren Ordnungsruf beantwortet, sondern stets erklärt, daß dem Abgeordneten der Appell an das Haus offen stehe. Kämpf tat dies nicht, sondern wurde nervös und zog sich so die Niederlage zu. Für die neuen Blockleute ist dieser Vorfall nicht sehr erfreulich.
* Eine nennenswerte Erhöhung der Einkorn- menstener steht für nächstes Jahr in Preußen in Aussicht. Sie wurde vom preußischen Finanzminister am Samstag in der Finanzkommission des Herrenhauses angekündigt. Ihre Ursache hat sie in den Kosten für das Volksschuluriterhaltungs- gesetz, in der Ausbesserung der Beamtengehälter, in der Regelung der Lehrerbesoldung sowie der Gehälter der Geistlichen. Die Regierung glaubt, diese Mehrausgaben aus lausenden Mitteln nicht decken zu können.
* Die Aufhebung der Fahrkartenstener ist im preußischen Herrenhaus beantragt worden. In dem Antrag, welcher von Dr. Burgsdorff ausgeht, wird die Staatsregierung um ihren Einfluß im Bundesrat dahin ersucht, daß die Fahrkartensteuer, welche zuzüglich der Personentarifreform den Ver- kehr, besonders auf weite Entfernungen, sehr bedeutend belastet, möglichst bald wieder aufgehoben werde. In dem Antrag ist weiter darauf hingewie- Jen, bap Die Fahrkartensteuer Die preuß. Finanzen erheblich schädigte und dem Reiche andere, umfassendere Steuerquellen zu Gebote ständen.
.'. Die Ausgaben für die Kolonien. Einem Wunsche bet Bubgelkomrniffion entsprechend, hat der Reichsschatzsekretär dem Vorsitzenden dieser Kommission nunmehr eine Zusammenstellung der gesamten, bisher für unsere Kolonien gemachten Ausgaben zugehen lassen. Hiernach haben un- leie Schutzgebiete bis zum Schluffe des Rechnungsjahres 1906 in runden Zahlen erhalten: Ostasilla 91 Millionen, Kamerun 25 Vs Mill., Togo nicht ganz 4, Südwestastika 94, Reu- Guinea 7, die Znjelgebiete 2Vs, Samoa 1,4, Kiamschou 102 Millionen. Die genaue Gesamt- |umme für alle Kolonien beträgt 227863 000 Mark. Hierzu kommen dann aber noch der Betrag, den das Reich seinerzeit für die Abtretung bet Karolinen-, Marianen- unb Palau- Znseln an Spanien bezahlt hat, in Höhe von 2u Millionen uno jobann ,bte Kosten für die tsiieoeischlagung bet Ausstände in Ostaftika mit sVs Mut. Mart unb in Südwestafrika mit 640 Mill. Mart. Das sinb im ganzen mehr als 890 Millionen Mark, unb es wirb nicht lange bauern, bis oie et|ie Milliarde voll ist. Was uns bie Kolonien bisher materiell emgebracht haben, bas trägt gegenüber oiejen 890 Millionen Mart bie Katze au] dem Schwänze weg, zumal, wenn man bedenti, baß bet größte Dell bet« jemgen Probutte, bie in ben Schutzgebieten erzeugt ober borthtn emgejügtl worben sind, dem Deutschen Handel auch zugute getornmen wären, wenn jene Schutzgebiete nicht unter deutscher Obetherrichast panben. Diese Darlegung aus dem Reichsjchatzamte ist sehr lehrreich; sie stimmt mit Denjenigen Zahlen überein, die bet Abg. Erzbeiger währeub bes Wahttampses nannte; er berechnete bie Kosten mu Einschluß der ost- asiatischen Expedition aus 1.102 Millionen, nun 981 aber letztere 287 Mill. Mark gekostet; zieht man bie|e Summe von bet Gesamtsumme ab, so bleiben nach Etzberget 815 Millionen Matt übrig; bie offiziöse Darlegung spricht jetzt schon von 800 Mill, Mark, Wie aber war es im Wahlkampfe? Da meinte die ,Rordb. Allg. Ztg/ runo 670 Mill. Mark. Wer hat nun
und Herausforderung, als sie mit tonloser Stimme fortfuhr:
„Ich habe keine Mutter."
„Mutterlos, und noch so jung!" sagte Lady Wolga mitleidig. „Ist Ihre Mutter schon lange tot?"
»Ich erinnere mich nicht, sie gekannt zu haben," erwiderte Alexa ausweichend.
„Haben Sie Verwandte in England?"
»Nein, Mylady. Ich habe niemanden außer meinem Vater," und des Mädchens Gesicht errötete, „unb es ist um seinetwegen, daß ich allein hinaus in die Welt gegangen bin."
»Wie kamen Sie an diesen abgelegenen und wenig bekannten Küstenplatz?"
»Ich habe schon vorher davon gehört. Eine Frau, welche mich aus Veranlassung meiner früheren Gouvernante in ihre Obhut nahm, brachte mich hierher. Ich logiere im Gasthof zu Mont Heron, unb da sagte mir eine Frau, daß Ihre Gesellschafterin krank sei, unb so wagte ich es, mich um bie Stelle derselben zu bewerben."
Der offene Blick bet treuherzigen Augen, das unschuldsvolle Gesicht des Mädchens, die Bestimmtheit ihrer Rebe verbot jeden etwaigen Zweifel, unb Loby Wolga glaubte unb vertraute ihr unwillkürlich.
„Sie wurden recht benachrichtigt," sagte sie. „Meine Gesellschafterin ist krank unb zu ihren Verwandten gegangen. Ich brauche Ersatz für sie
jemanden zum Vorlesen, wenn ich Langeweile habe, zum Singen und Spielen, wenn ich verdrießlich bin, und zum Plaudern, wenn ich dazu aufgelegt bin; jemanden zur Begleitung auf mei- nen Spaziergängen, zur Vollendung meiner Stickereien; ich fange vieles an, habe aber nicht die Geduld, etwas fertig zu machen, kurz: wie eine Dame, die etwas aufmerksam und williger als eine Verwandte ist, dagegen Sie eine jüngere Schwester behandelt Sürde,"
die falschen Zahlen in die Welt gesetzt,? Da mals suchte man die Angaben des Zentrums als unrichtig hinzustellen, heute gibt das Reichs- schatzanll sie ohne weiteres als zutreffend an. Vtan sieht, was man auf offiziöse Kundgebungen zu Wahlzellen zu halten hat.
* Eine mißglückte Jungfernrede. In später Abendstunde hatte der Rei chstag am Donnerstag noch ein seltsames Vergnügen: eine „hochpatriotische" Jungfernrede nach dem Schnitt der Festreden am Sedanstage.,Eine solche Rede kann natürlich nur em Rationallib eraler leisten, es war der Abg. Wetzel.aus Württemberg. Seine Ausführungen erregten schon sehr viel Heiterkeit, ehe sie beendigt waren; am Schluffe über war das ganze Haus in der vergnügtesten Stimmung, die sich noch steigerte, als nun kalte Wasserstrahlen von allen Sellen auf den Redner losgelasfen wurden. Selten kift eine Jungsernrede so mißglückt wie diese; fetten standen die darauffolgenden Reden in solchem Gegensatz; so sprach z. B. der nächste Redner Frhr. v. Rlchlhosen über das — Reichs-Vieh- tursbuch, was den Gegensatz erst recht zum Bewußtsein brachte. Herr Wetzel wünschte emen Dernburg für die Eisenbahnen. Es gibt sehr viele Leute außerhalb der Zentrumspartei, die schon an einem Dernburg genug haben und öiuen zweiten für ein nationales Unglück ansehen würden. Es ist daher auch begreiflich, daß der Zwischenruf erfolgte, daß ein zweiter Dernburg wohl erwünscht sei, damit er „das unterste zu oberst" kehre. Daraus schwieg der Redner betreten; denn eigentlich wollte er auch dasselbe. Sem Rus erscholl nach einer Betriebsmittel- gememschaft, sogar nach einer Finanz- gemetnschast aller deutschen Eisenbahnen. Er versicherte dem Reichstage sogar, daß ko ns es- Nonelle Fragen hierbei gar nicht m Betracht kommen, was mit gebührender Heiterkeit entgegengenommen wurde. Der „patriotische" Vorstoß verunglückte im Reichstage gar sehr; auch Nicht eine Stimme ^erhob sich zu gunsten desselben; dagegen fielen die Hiebe um so dichter. Der Freisinnige Dr. Muller-Meiningen pkaidierte sür mildernde Umstände, wenn der Jung- sernrediier erst längere Zell m Berlin sei. werde er solche Reden nicht mehr hakten, der Sozialdemokrat Eichhorn und der hessische Antisemit Kohler ließen sich ähnlich aus. Hatten schon diese Reden sehr ernüchternd gewirkt, so blieb es dein Zentrumsabg. Dr. Pichler Vorbehalten, den Neuling ganz zuzudecken. Dr. Pichler ist eine Autotiiät aus diesem Gebiete; er hat das Eyenbahnteferai im bayerischen Landtage schon seit 10 Zähren und er beherrscht diese Fragen wie lern anderer; dabei hat er mit seinem trockenen meoerbayerlschen Sarkasmus bie Lacher auf seiner Seite. So meinte er: Ob Herr Wetzel auch seine Rede gehalten hätte, wenn Württemberg 7% Eisenbaynrenle hätte, Preußen aber nur 3%? ^as Haus brach tn schallende Heiterkeit aus. Dann fügte er weiter hinzu, baß der vom ’llbg. Wetzel zitierte .bayerische Verkehrsminister gesagt hätte, daß die meisten Leute, Die über das Xgema redeten, von der Sache nichts verständen ; dieser Satz sei gesallen, bevor der Abg. Wetzel seine Rede gehalten habe; die Heiterkeit steigerte sich gewaltig. Kem Wunder, daß der bayerische Gesandte selbst zu Dr. Pichler sagte, daß er nidjt Jo gut die Angriffe hätte zurückweisen können, u..d Graf Lerchensew verfügt auch über eine gute Dosis Spott.
«Ich denke, daß ich Ihren Anforderungen entsprechen werde," jagte Alexa.
wich Spielen und Singen hören", sprach Lady Wolga. „Ich mache Sie im Voraus öarauf aus merksam, daß ich eine strenge Kunst- richterin bin und besonders in Der Musik hohe Ansprüche mache."
Alexa stand auf und schritt leicht und geräusch- ws auf das im Zimmer stehende Klavier zu, schlug den Deckel zurück, setzte sich vor dasJnstrument und ließ Die Fingerspitzen prüfend über Die Tasten gleiten; dann begann sie eine schwierige Kompo- lition eines Meisters der neuesten Zeit mit einer üertigteit und einem Verständnis zu spielen, welche ihre Zuhörerin entzückte. Als sie dann zu Ende war, sang sie, ohne ein Urtell über ihre Leistungen abzuwarten, ein Lied mit klangvoller, weicher Stimme.
„Sie sind ein Talent, Miß Strangel" rief Lady 2üalga begeistert, als die letzten Töne verklungen waren unD das Mädchen sich erhob. „Ihr Spiel ist das eines Künstlers und Ihre Stimme ist ent- zuckend; sie würde unsere alten schottischen Balladen verherrlichen. Kennen Sie einige solche?"
Alexa verbeugte sich, nahm wieder vor dem In- Itrument Platz und fang eine rührende schottische Ballade in einer Weise, welche Lady Wolga Tränen in die Augen lockte.
Es herrschte ein längeres Schweigen, alä Sllera Ichvon dem Klavier entfernt hatte und auf ihren früheren Platz zurückgekehrt war. Sie hatte ein Lied gewählt, welches sie ihrem Vater oft vorge- '““ö™ und das er besonders gern von ihr hören mochte. Dieser Gesang hatte eine Flui von Erin»
n Wolga erweckt; denn auch sie hatte die alte Ballade in den früheren glücklichen Dagen oft gesungen, wenn ihr Gatte zu ihren Fü- ßen gesessen und mit Entzücken ihrem Gesänge gelauscht hatte.
Alexa sah die Tränen in den Augen ihrer Mut« ter und ahnte, welche Empfindungen ihr Gesangs